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37. Jahrgang

Fulda, Donnerstag Den 10. November 1910

Erstes Blatt

j$ 258.

Der Versuch, durch daS Kassenarztsystem Abhilfe »t schaffen, kann nur nach der einen Seite, nämlich nach der Seite beS Arztes, einen Erfolg haben; gegen die Einführung des Kassenarztsystems «geben sich übrigens die schwersten Bedenken aus der nahezu einmütigen Ablehnung desselben durch die organi- fierte Aerzteschast. Einen befferm Erfolg versprechen wir uns davon, wenn e8 gelingt, die Kaffenmnglieoer selbst an ein Maßhalten in der Jnanspruchnchme der Kaffenleistungm zu gewöhnen. Diese Gewöhnung zur Selbstzucht wäre auf folgendem Wege mög­lich. Die Kaffenmitglieder sollten zu einem geringen Prozentsatz an der Bezahlung der Leistungm seitens Arzt und Apotheke beteiligt werden. Darin würde für fie der beste Anspom liegen, sich nur in wirklichen Notfällen an die Kaffe zu wenden. Selbstver. stündlich müßte daneben eine Bestimmung bestehen, daß unter gewiffen Bedingungen die Kaffe die voll­ständige Bezahlung zu übemehmen hat.

Es wäre zu wünschen, daß dieser Gedanke bei den bevorstehenden Erörterungen in der Kommiffion einer näheren Prüftmg unterzogen würde. Seine Verwirk­lichung scheint uns geeignet, den berechtigten Interessen der Krankenkassen wie auch der Aerzte zu dienen; eine Gefährdung der berech- tigtcn Interessen der Kassenmitglieder ist von ihr in keiner Weise zu besorgen.____

Gegner der Besteuerung des Wertzuwachses; er glcmbt aber, daß eine Reichs zuwachssteuer auf unübc^ windliche Schwierigkeiten stoßen müffe und deshalb abzulehnen sei, insbesondere auch deshalb, weil die Scheidung des verdienten von dem allein zu besteu­ernden unverdienten Wertzuwachs bei der Landwtrt- chast überaus schwierig sei. Die Bestimmungen der Vorlage und die KommtUonSbeschlüffe hätten die Schwierigkeiten nicht beseitigt; man solle also von der Reichszuwachssteuer ganz absehen und die Werb­zuwachssteuer den Gemeinden überlassen. Dm vorgeschlagenen Steuersätzen zieht Schneider eine in mäßigen Prozenten berechnete Summe vor, die von dem Preisunterschiede zwischm Erwerbs- und Ver- äutzemngspreis abzuziehne sei, also etwa eine Er- Höhung deS bisherigm Reichsumsatzstempels.

** Kultmkampfserinuerungen wecken die kürzlich erschienenen Erinnerungsblätter auS dem Leben deS 1876 verstorbenen Wirklichen Geheimen Rates Otto Wehrmann, der als erster vortragmder Rat deS StaotsministeriumS das Vertrauen deS Kaisers ge­wonnen hatte. Sie laffm uns einen 'ntereffanten Einblick tun in die Art, wie die Kaiserin Augusta während des Kulturkampses der Polttik deS Fürstm Bismarck entg egen gearb eitet hat. Man er-

Grfcheini täglich mit Aueuahme der $o.m« uird Zelertage viertel­jährlicher verugrpreir ahne vringerlohn und Bestellgeld in Zulda so­wie amwärts 1.5V Mt.

Serantw. Redakteur;

«art ZchSite»

die Jefuitm, die sich in der Verdächtigung der ka­tholischen Rckrutmfürsorge mit gewohnter Unwahr­hastigkeit und Boshaftigkeit Luft macht. Die Heeres- verwalttmg wird aufgefordert, dem „Uebergreifen des Uttramontanismus auf das Heerwesen, noch dazu eines solchen, der unkontrollierbar in geheimen, ge­schloffenen Exerzitien nach jesuitischen Serlsorgsme- choden, .Rekrutenfürsorge treibt, bei Zetten einen Rie­gel vorzuschieben". Da muffen wir mit der .Ger­mania" doch sagm: Die religiösen Hebungen lunger «eute die noch nicht unter der Fahne stehen, gehen absolut niemand etwas an. Niemand hat sich da einmmischen, auch die Heeresverwaltung nicht, ge- schweige denn die Führer des Evangelischen Bundes. Wir sind überzeugt, die Heeresverwaltung, die schon genug Mühe und Sorgen wegen der Sozialdemokratie ! hat wird nicht so töricht sein, die Heranziehung christ- sicher und pflichttreuer Soldatm verhindern zu wol.

J len.

)( Gegen die Reichszuwachssteuer erklärt sich der ; Geh. Justizrat St. Schneider in der .Zeitschrift für Agrarpolitik, dem Organe des Deutschen Land- I Wirtschaftsrats. Dr. Schneider ist kein grundsätzlicher

dahin.

r DaS erste Auftreten des neuen Kabinetts Briand vor der Kammer dürfte dem Minister­präsidenten keinen Zweifel über seine läge hinter- lassen haben. Den Gesamteindruck kann man so zusammenfaffen: Nirgendwo Begeisterung, auch nicht bei dm erklärten Anhängern des Bnand, doch bei der großen Mehrheit der Kammer die Ueberzeugung, daß Briand zurzeit der Mann der Lage ist und nicht entbehrt werden kann. Es ist das für Briand wohl eine augen­blickliche Sicherheit, aber sobald Ue Lage sich irgendwie ändert, wird er „fliegen". Noch nie ist in Frankreich ein Minister so scharf angegrif­fen worden, zumal von den Sozialisten, die Briand bis aufs Messer bekämpfen und nicht eher ruhen werden, als bis Briand gefallen ist.

*♦ Eine Verständigung mit Marokko hat die spa- i Nische Regierung über die Kriegsentschädigung erzielt.

r Die Streiknnruhen in Südwales haben sich in ! den letzten Tagen zu einem allgemeinen Ausstand der Bergarbeiter entwickelt. Das Zentrum der Unruhen scheint die Stadt Tonypandy zu sein. Die Stadt glich zeitweise einer bombardierten Festung; so sehr hatten die Streikenden alles demoliert. Die einheimische Polizei ist machtlos. Erst die Ankunft der Londoner Polizisten hat die Streikenden etwas zur Vernunft gebracht. Ihr An­blick dürfte bereits einschüchternd wirken. In dem Ort Glamorgan sind wenigstens 100 Personen verletzt worden. Unter den Verletzten befinden sich zwei Journalisten. Bei den Glamorgangruben suchten die Ausständigen die elektrische Zentrale zu stürmen und konnten nur mit Mühe von der Polizei daran verhindert werden, die Schächte unter Wasser zu setzen.

* Unruhen sind in der peruanischen ProvinzChiclayo ausgebrochen. Die Regie­rung entsandte Truppen dahin. In der Haupt­stadt Lima herrscht Besorgnis.

* Wegen Verschwörung gegen daS Leben des Kaiser- । von Japan sind die 26 Japaner, die den Kaiser während eines Besuchs der Militärschule ermorden wollten, vom Tribunal für schuldig befunden. Das Gericht empfiehU aus die Todesstrafe zu erkennen.

* Rach Honduras wurde der deutsche kleine Kreuzer „Bremen" infolge der in Amapala aus- gebrochenen Unruhen zum Schutz deS deutschen Eigentums und der deutsche« Interessen be­ordert. Die „Bremen" ist am 8. November in Amapala eingetroffen. Ein französisches Kriegs­schiff und ein Kreuzer der Vereinigten Staate« sind bereits dort. Ein englisches Kriegsschiff wird erwartet.

w°ch-nb-ims«: Illustrierte SomstagrzeUung«

totales.

Fulda, den 10 November 1910.

(*) Eine regelmäßige Sitzung der Stadt- verordneten-Bersammlung findet am Montag, den 14. November 1910, abends 7Vt Uhr statt. Auf der Tagesordnung stehen folgende Punkte: 1. Mitteilung von Eingängen. 2. Anderweite Festsetzung des Wohnungsgeldzufchuffes der Lehrer der Oberrealschule. (Schultheis.) 3. Veräuße­rung der Parzellen 79, kO, 81, 82 im Kohlhäuser­feld nach dem Ergebnis des abgehaltenen Aus­gebotstermins. (Kircher.) 4. Erwerb eines Grund­stücks in der Bahnhofstraße. fHeres'sche Grund­stück.) (Dux.) 5. Gutachten des Dampfkessel- überwachungsvereins über die Maschine und den Dampfkessel im Schlachthofe. (Fritz.) 6. Fest­stellung der Kasernen-Rechnung für 1909. (Weber) 7. Löschungs-Urkunden. (Singer.) — In geheimer Sitzung: 8. Veräußerung eines Grunbstücks- streifens an der Südseite der Hartmann'schen Maschinenfabrik (Rang.)

Ter Schulunterricht in den hiesigen Schulen beginnt vom nächsten Dienstag den 15. Novem- be. ab morgens eine halbe Sunde später, u n Vz9 Uhr. Von diesem Tage ab beginnen die Psorrmeffen im Dom und in der Stadtpfarrkirch« um g/«8 Uhr.

Ausland.

* Die Wahlen in den Vereinigte« Staate».

Im amerikanischen Staatslebcn ist ein gewaltiger Umschwung eingetreten. Anstelle der bisherigen republikanischen Mehrheit von 43 Kongreßsitzen tritt infolge der jetzt getätigten allgemeinen Wahlen eine demokratische Mehrheit, die nach den neuesten Meldungen schon 51 Sitze erreicht hat. Bei den Gouvemeurswahlen blieben Die Demokraten ebenfalls im Vorteil. Einen Zuwachs erfuhren sie auch bei den Senatswahlen, doch dürste hier die republikanische Mehrheit noch nicht gebrochen fein. Ter Grund dieses Umschwunges dürfte zu suchen sein in der Haltung der republikanischen Partei in der Tariffrage, in der Spaltung der Partei und auch in der allgemeinen Schwierigkeit des Erwerbs und der Lebenshaltung, die eine starke Unzufrieden­heit in allen Bevölkerungsschichten erzeugt hat. Der Wahlausfall wird allgemein auch als eine Absage an die Politik Roosevelts und seines Schützlings auf dem Präsidentenstuhl Taft angesehen und viel­fach mit Befriedigung ausgenommen.

* Ter Skandal bei der Eröffnung der belgischen Kammer dürfte in der Welt seines gleichen juchen.

kann.

Der Schutz, den dieser rätselhafte § 214 gewährt, ist schon vordem Mördern zustatten gekommen. Schon vordem war es ein Unding. Aber doch wohl nie in dieser jedes Gefühl empörenden Weise wie in dem jüngsten Fall. Man wird die furchtbare Vorstellung nicht los, wie dieser Unmensch der Mutter die Kugel ins Hirn schießt, während sie ihm entsetzt das Kind auf ihren Armen zeigt Und diesen Burschen entrückt das Strafgesetz der einzig gerechten Strafe!

Das ist nun nicht mehr zu ändern. Wir werden zusehen müssen, wie dieser Jüngling in sicherem Ge­wahrsam auf unsere Kosten uns erhalten bleibt. Viel­leicht bekommt er den „Zuchthausknall" und muß dann ins Irrenhaus gebracht werden. Auf diesem Wege sind schon manche seinesgleichen der Freiheit und einer ihren Neigungen zusagenden Tättgkeit wie­dergeschenkt worden. Wie gesagt, daran ist für jetzt nichts mehr zu ändern Aber das mag bei diesem Anlaß versucht werden, die Widersinnigkeit, Ungerech­tigkeit und Gemeingefährlichkeit dieses famosen § 214 recht drastisch augenscheinlich zu machen. Eine Strafprozeßreform ist im Gange. Werden wir diesen Schutzparagraphen für besonders rohe Ver­brecher auch in dem neuen Strafprozeß seine gefähr­liche Rolle spielen sehen? Der auf ftischer Tat er­tappte Einbrecher, der zum Mörder wird, hat sich nicht mildernde Umstände für seinen Einbruch, son- dem erschwerende Umstände für seinen Mord ge­schaffen. So fühlt das Rechtsbewußffein. Ihm ge­recht zu werden, ist Sache des Gesetzes.

Der Vorentwurf zum neuen Strafgesetzbuch will die Mindeststrafe für derartige Verbrechen sogar her­absehen und zwar auf 5 Jahre Zuchthaus. Hoffent­lich trägt der Fall Tippe dazu bet, daß diese Milde- tung nicht Gesetz wird, daß vielmehr anstelle der Milderung eine Verschärfung eintritt, tote sie dem gesunden Empfinden und dem Recytsbewnßtsein des Volkes entspricht.

Deutsches Reich.

» Berlin, 9. Nov. 1910. Wie gestern die Pots­damer Rekruten, wurden heute die Relruteu der Garnisonen Berlin und Umgegend vereidigt. Die Kaiserin sah mit der Prinzessin Viktoria Luise vom Ballon der Feierlichkeit zu. Ter Kaiser, gefolgt von den Prinzen Eitel Friedrich und Joachim, ritt die Front ab. Nach der Vereidigung hielt er eine Ansprache. — Tie Rückreise des Zaren nach Petersburg wird voraussichtlich am kommenden Montag stattfinden. — Gestern nachmittag ist das deutsche Kronprinzenpaar von Port Said weitergefahren und hat den Suezkanal passiert. — Staatssekretär a. D. D er n bürg ist aus seiner ost- asiatischen Studienreise in Peking eingetroffen, wo er bis zum 14. November zu bleiben gedenkt. Am 26. November will er wieder in Berlin fein — Die Minister des Innern und der Finanzen haben die Regierungspräsidenten angewiesen, diejenigen Bewerber um die Annahme als Regierungs­referendar zu bevorzugen, die in der Lage sind, den Nachweis eines ausreichenden Studiums auf dem Gebiete des Staats- und Verwaltungsrechts, sowie der Volkswirtschaftslehre zu erbringen. Die Minister beabsichtigen, dies? Anordnung nach Ver- (auf eines angemessenen Zeitraumes schärfer zu handhaben. — Eine Protestversammlung gegen die Reichszuwachssteuer soll am 26. No­vember in Berlin stat! finden. Die Kundgebung wird veranstaltet von den Hausbesitzervereinen; mehr als 10000 Delegierte aus ganz Deutschland sollen bereits angemeldet sein.

-ft Zum neuen Reichsetat wird uns aus 'Berlin noch u. a. geschrieben: Mit großer Be° sriedigung können wir die Mitteilungen entgegen­nehmen, daß Einnahmen und Ausgaben im Etat sich völlig im Gleichgewicht befinden, daß der Anleihebedarf sich auf nicht ganz 10t) Mill. Mark beschränkt und damit um ungefähr 95 Millionen geringer ist als im Vorjahre, sowie daß der Schatzanweisimgslikdit von 450 au 375 Millionen Mark herabgesetzt ist. Freilich ist dies alles nur dadurch möglich gewesen, daß fettens d.s Reichsschatzamts am ordentlichen wie am außerordentlichen Etat Abstriche in Höhe von je ca. 50 Mtll. Mark vorgenommen wurden, ein Erfolg, der oufs beste beweist, daß der neue Herr im Reichsschatzamt der ge­eignete Maun für diesen Posten ist. Der Reichs­tag wird seine Kritik auf Einzelheiten beschränken können. Wir hoffen, daß das Vorbild des Etats für 1911 auch in den späteren Jahren Nach- ahmung finden wird.

-ft Nochnmls die Rekrutensürsorze. Die „Rat. Ztg. (wohl der Korrespondenz des Evangelischen Bundes folgend) äußert wiederum Besorgniffe vor dem „Uebergreifen des Ultramontanismus auf das Heerwesen", weil für katholische Nckruten Exerzi­tien veranstaltet werden. Diese sollen eine Gefahr für den Treueid und den militärischen Gehorsam be­deuten. Zum Beweise wird sogar eine angebliche Aeußerung des Dischoss von Cadix in der spanischen Kammer über die Orden angezogen, die mit dieser Frage nicht das mindeste zu tun hat. Wer in den Exerzitien eine Gefahr für die mllitärische Disziplin sieht, beweist nur, daß er von ihnen auch nicht die blasseste Ahnung hat. Es ist lediglich der Haß des Evangelischen Bundes gegen „Rom" und

Die sozialistischen Radaubrüder Haven dabei nicht einmal den Anstand gewahrt, den jeder gesittete Mensch einer Frau gegenüber m jeder Lage besitzt; auch gegenüber der Königin, die einige Zeit vor dem König in der Kammer erschien, führten sie di« Tumultszenen auf. Auf den König warfen dre Sozialisten mit Papierröllchen; und so oft er sich »ur Verlesung der Thronrede erhob, machten fie durch ihr Gebrüll und Klappern mit den Pultdeckeln einen solchen Lärm, daß König Albert nicht zu Wort kommen konnte. Die konservativ-katholische i Partei suchte durch Gegenkundgebungen und Hoch- rufe auf den König und die Königin die Rufe der Sozialisten nach Auflösung und allgemeinem Stimm- recht zu übertönen, jedoch ohne Erfolg. Auch di« Rückkehr deS Königspaares erfolgte unter denselben i Kundgebungen wie die Hinfahrt. Die Thronrede hat natürlich die Liberalen und Soziallsten sehr enttäuscht; denn sie enthiett nichts von der „freien Schule". Unter den katholischen Lager ist der Zwist zwischen dem konservativeren Woeft und dem fort- schrittlicheren Ministerpräsidenten Schollaert ge­hoben. Die Hoffnung des belgischen Liberalismus auf eine Spaltung der katholischen Partei ist also

-ft Eruc Lücke im System Lee Krankerwersi herung.

Man schreibt uns: In der zweiten Koinmisfions- : Beratung der Reichsversicherungsordnung, die gestern i begonnen hat, wird neben anderen wichtigen Punkten 1 vor allem die A r z t f r a g e eine neue, sehr eingehende • Erör crung wachrufen.

Tas Ergebnis der elften Kommissionsberatung in dieser Frage war bekanntlich das, daß eigentlich nur die Vorschläge der Regierung als unhalt­bar erwiesen wurden, die positive Regelung sollte erst in der zweiten Lesung unternommen werden. Wir möchten dazu aus einen Punkt aufmerksam machen, des­sen Beachtung uns geeignet erscheint, wenigstens einen Teil der Schwierigkeiten, die den Differen­zen in der Arztfrage zugrunde liegen, zu beseitigen.

Dir Krankenversicherung stellt in reichlichster Weise ärztliche Hilfe und Arzneimittel für die Kassen- mitglieder bereit. Damit ist die Gefahr gegeben, daß die Leistungen der Krankenffixsorge im Ilebermaß in Anspruch genommen, die Hilfe des Arztes in Fällen angerufen wird, wo sein Eingreifen gar nicht not­wendig ist, daß die Zeit der Krankheitsruhe ausge­dehnt. daß der Arzt aufgefordert wird, mehr als not­wendig gewisse, nicht bloß eine Heilwirkung besitzende Arznei und Stärkungsmittel zu verschreiben. Und wer würde leugnen wollen, daß in manchen Fällen tatsächlich nach der hier bezeichneten Richtung hin ge­radezu ein Mißbrauch mit der Kassenfürsorge gettie- ben worden ist und getrieben wird.

Für die Krankenkassen ist dies ein sehr kost­spieliger Mißbrauch, dessen Einschränkung gerade von der Einrichtung des Kassenarztes erhofft wird. Denn man glaubt, daß der in freier Konkurrenz stehende Arzt in manchen Fasten geneigt fein könnte, jenen Mißbrauch, wenn nicht zu unterstützen so doch gewissermaßen zu dulden bezw. den Loimschm der Kassenmitglieder gegenüber eine allzu große Willfährig­keit an den Tag zu legen. Und auch jier tmrb zu ge­geben werden müssen, daß eine gewisse Gefahr vor- hmiden ist und daß wohl auch schon einmal gesündigt worden ist

ährt da:

„Am 30. März sprach er die Kaiserin im Zimmer, und da beschwerte sie sich bitter über Bismarcks Kirchen- politik: — „welche nun auch drohe, die Orden der Krankenpflege und des Unterrichts (Barm- herzige Schwestern, Urfultnerinnen «. bergt.) anzu­greifen." Im Abgeordnetenhause bereite man für die nächste Gelegenheit einen Ansturm gegen die geist­liche zkrankenpflege vor und im Bundesrat ein Gesetz geaen die Klosterorb en, bas der hanseatische Minister- Präsident Krueger - „ein Katholikenfeind", fügte die Kaiserin hinzu — entwerfe und bas im Herbst an ben Reichstag gelangen solle. Die Kaiserin bat Wehrmann, er möge mit Miquel, dem Führer der Nationallibe- ralen, und dem Unterstaatssekretär Schuhmann sprechen, damit man nicht zu weit gehe. „Die Znrüttung so edler, nützlicher Einrichtungen", so sagte die Kaiserin, „werbe keinen Segen bringen, und fie muß doch an die Zukunft ihres Hauses denken. Mtt den Ministern könne sie darüber nicht sprechen. Bismarck habe sie feit einem Jahre nur dreimal bei Festen ge­sehen. Eamphaufen, der sonst so freundlich zu ihr war. lasst sich nicht mehr sehen. Eulenburg habe fie zwei- mal geradezu betrogen, indem er das Gegenteil tat von dem, was sie wünfchte. Achenbach und Frieden­thal seien früher ihre Sekretäre geroefen in dem Vater­ländischen Frauenverein, und sie könne nicht glauben, daß sie mit einem Male Staatsmänner geworden seien." Wehrmann fährt fort: „Sie sprach lebhaft zirka drei- viertel Stunden lang und ließ mir kaum Zeit, einige Bemerkungen dazwischen zu machen."

Ein demokrattsch-fteisinniges Blatt meint zu die­ser Erinnerung, die einfach bestätigt, was längst kein i Geheimnis mehr gewesen ist:

„So sieht man die ehrgeizige Gemahlin Wil­helms I. bei der Arbeit, durch geschickte Beeinflussung des Parlaments dem großen Staatsmanne, ben fie ein­mal ironisch „unseren allergnäbigsten Reichskanzler" nannte, Steine in feinen ohnehin recht mühevollen Weg zu räumen."

Der Weg, den Bismarck im Kulturkampf einge- fchlogen hatte, war verfehlt, das hat er selbst dmck den angetretenen Rückzug bekundet Wenn die Kaiserin deshalb ihre Bedenken äußerte, tat sie dies auch im Interesse des Königs. Daneben verdient ihre wohlwollende Haltung gegenüber der katholischen Kirche volle Anerkennung. Ohne die Kaiserin Augusta wäre bet „Zugang zum Frieden" nicht so bald er­reicht worden. Hätte die edle Fürstin einen ent­gegengesetzten Standpunkt eingenommen, sicher wäre sie dann des uneingeschränkten Lobes des Liberaliis- mus sicher, auch wenn ihre „Beeinflussungen" noch inteitsiver gewesen wären.

)( Die sozialdemokratischen Gewerkschaften schwim­men im Gelbe. Und rote sie mit dem Grlde ihrer Bittglieber, die sich aus dem bekanntlich verelendeten Prostlariate zusammensetzen, umgehen, zeigt fol« gende lehrreiche Statistik:

Die Gesamteinnahmen der „freien" Gewerk- schajten betrugen im Jahre 1909 nicht weniger als 57 710 297 Mark, die Gesamtausgaben 53 415214 Mk. Hierin ist eingerechnet, was „ben Zahlstellen verblieben" ist. Die Durchschnittsstärke an Mitgliebern war 1832 667. Danach entfallen auf ben Kopf an Ein­nahmen 81 29 Mk. (30.06 Mk. an direkten Beiträgen, 1.23 Mk. an Zinsen und indirekten Einnahmen) und an Ausgaben 29.16 Mk. Bon der DurchschnitiSein- nahme auf ben Kopf von 31.29 Mk. würben aus­gegeben 12.01 Mk. für Verwaltung, 5.13 Mk. für Kampfzwecke, 4.69 Mk. an Arbeltslostn-Nnterstützung, 6.04 Mk. für WohlsahrtSzwecke, 0.18 Mk. für Bildungs­zwecke, 1.11 Mk. für öaS Berbandsorzan und 2.13 M. für BermögenSzuwachS.

12 01 Mk. zahlte also durchschnittlich jeder Ge- werkfchastSgenosse an Verwaltungskosten! Hiervon allein 3.92 Mk. für Einkassierung feiner Betträge! Ein Kommentar hierzu ist Überflüssig.

s § 214.

Wir fragten gestern: Ist es berechtigt, den § 214 des Strafgesetzbuchs aufrecht zu erhalten der den Räuber, der zu seiner Verteidigung mordet vor der Todesstrafe schützt und nur mit Zuchthaus

Manche Leser werden dadurch erst zu ihrem großen und erschreckten Erstaunen erfahren habm, daß jener verwahrloste Bursche, der in Berlin roh Mei Men- scheu niederknallte, der bte Mutter und den Vater eines hilflosen kleinen Menschenwesens hinmordete, nur um sich in Sicherheit zu bringen, als er^bei seinem Ein­bruch ertappt wurde, — daß diese Kreatur nicht mi h e r Strafe belegt werden kann, die nach allgemeinem Rechtsempfinden für diese Brutalität allein am Platze

kommt für den Doppelmörder der § 214 deS Strafgesetzbuches in Bestacht, wonach ein solches Ver­brechen nicht als vorsätzlicher Mord bestachtet wird, sondern nur als Totschlag im Anschluß an das Ver­brechen des Raubes und Diebstahles. Die Strafe, die das Gesetz für dieses Verbrechen vorsteht, betragt 15 Jahre Zuchthaus bis zu lebenslänglichem Zuchthaus.

Wer, so schreibt sehr richtig die T. Rundschau, mit schaudernden Gefühlen gelesen hat, welche Tat in dem Mordhaus in der Poisdamersitaße geschah und wie sie geschah, der wird erschrecken, wenn er liest und hört daß es ein Gesetz gibt, welches sür das besonders Gräßliche dieser Tat nicht eine besonders scharfe Strafe verordnet, sondern dem Täter Bürgschaft leistet gegen die Verhängung der einzigen Sstafe, die der Schwere seines Verbrechens entspricht, der einzigen, welche der Gesellschaft die sichere Gewähr des Schutzes bietet gegen erneute Gefährdung durch die rücksichts­lose Roheit eines solchen Verbrechers, der einzigen, die dem Rechtsbedürfnis genügen und auf das Verbre­chertum einen heilsam schreckenden Eindruck machen

Aus Uirche und Schule.

* Rom, 9. Nov. 1910. Der apostolische NuntiuS Frühwirth, welcher oorauSstchllich am morgige« Tage die Rückreise nach Deutschland antritt, stattete heute morgen dem Herrn Kardinal und Erzbischof Fischer von Köln einen Besuch ab. Heute nach- mtttag begibt sich der Herr Kardinal zmn Kardinal- Staatssekretär Merry del Val.

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