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Fulda, Mittwoch den 9. November 1910

Erstes Blatt

257.

Lsjrl-en: Vir et» fpdtigepetitieileober bereit Raum 15 Pfg. ReNamendrepettlzeile

Pfg., bei Wieber» gelungen wird entspr.

Rabatt gewährt.

Hoiatioitsbrudunb Verlag der Kuldaer Ak­tiendruckerei in Znlda Fernsprecher Nr. 9.

37. Jahrgang

Aus ttirche und Zchule.

* Rom, 8. Nov. 1910. Der Pap st empfing heute morgen Kardinal Fischer in längerer

ein überaus rühriges Mitglied der Jungliberalei,, -st in ihren Kreisen häufig als Redner aufgetreten und hat auch schon in Preßfehden seine Anschauungen ver­achten Die Erregung liberaler Kreise scheint übri­gens grundlos gewesen zu sein. Während noch die „Franks. Zig" Nr. 306 sich abmüht darzutun^ wie chlimm die Sache eigentlich liege, und die „Munch, atq" Nr 257 ganz allgemein „die Regierung vor dem betretenen Wege warnt, weil sonst die rote Welle" sehr leicht zu einer „Sturmflut werden könnte, „die das bißchen staatsmännische Weisheit, mit dem das Reich gegenwärtig regiert wird, über den Haufen wirft", kommt der Stuttgarter Mliarbei- ter des liberalen „Fränk. Kur." und schreibt seinem

Voik8wir1schastliche5 und 5ozia!e§.

) ( Zur wirtschaftlichen Lage. Wenn die Monats­ausweise des Stahlwerk-Verbandes als Barometer des wirtschaftlichen Lebens bewertet werden dürfen, dann geht es wieder ein wenig aufwärts. Der Versand an Produkten A (Halbzeug, Eisenbahn material, Form­eisenf stieg von 449 082 Tonnen im September auf 459 000 Tonnen im Oktober und im gleichen Monat des Vorjahres betrug der Versand 420 894 Tonnen. Die Gesamttendenz geht also aufwärts trotz der viel­fachen miserablen Berichte aus den menten Fertig­industrien.

* Der frühere Schah von Persien ist am Sonntag von Odessa abgereist. Er beabsichtigt ungefähr zwei Monate an der Küste des Mittel» meeres zu verwesten und dann nach Odessa zurück­zukehren.

** Allgemeine Wahlen fanden am Dienstag in den Vereinigten Staaten statt Unter dem stürmischen Wetter, das in dem ganzen L .eit herrschte, hatte die Beteiligung der Wähler durchaus nicht zu leiden, ja sie war stärker als je seit vielen Jahren. Im Westen und Süden war die Beteiligung ebenfalls sehr rege. Die Demokraten zeigten große Zuversicht. Ihr Vorsprung in einzelnen Staaten ist außerordent­lich groß; doch gtau6t man nicht, daß sie die republi­kanische Kongreßmehrheit von 43 Sitzen umstoßen werden.

Erscheint täglich mft Ausnahme bet und Feiertage viertel­jährlicher verugspreir ohne «ringerlohn und PesteSgeld in Fulda fa- vie auswärts ISvMt.

verautw. Redakteur!

Mensch" fei.

].r Stuttgart, 8. Nov 1910. Die National­liberalen Württembergs spielen die Gekräntten. In einer Vorstandssitzung der nationalilberalen Par­tei Württembergs wurde die schärffte Kritik daran ge­übt daß „verschiedenen Staatsbeamten durch ihre vorgesetzten Behörden der V er z i ch t a u f i h r e bisherige politische Betätigung nahe­gelegt" worden sei. In erster Linie wurde hier ge­dacht an den nationalliberalen Hochschulprofessor Kindermann in Stuttgart-Hohenheim, der seit längerem unverantwortlich gegen die Reichsfinanz­reform hetzt und in allen seinen Reden die Bildung des Großblocks auch in Württemberg empfiehlt; auf dem Raffelet Parteitag hat er zum nicht gelinden Schrecken seiner eigenen württembergischen Patteige­noffen offen erfiärt, „man müsse, um die Wahl eines Reaktionären zu verhindern, auch einen Sozialdemo- Iraten wählen". Die zweite Persönlichkeit um die es sich handelt, ist der Amtmann Bazille, früher bei der Stadtdirektton in Stuttgart, neuerdings bei der Zenttalstelle für Gewerbe und Handel. Bazille,

«g,i Schütte,

ÄÄ woch°nb°ii°«-: ..»Werte Sonntagsjeitung"

tel bedienen. Nun hat der ftanzösische Mtmftrrprchr- dent Briand, der Sozialdemokrat und Bekämpfet des französischen Einsenbahnerstreiks, am 30. Oktober in der französischen Kammer gesagt, als er seme Maß- nahmen gegen die Streikenden verteidigte:

Wenn die Regierung nicht in dem Gesetze die Mittel gefunden hätte, Herrin der Grenzen und der Eisenbahnen zu bleiben, hätte sie auch zur Ungesetz­lichkeit ihre Zuflucht nehmen muffen, sie hatte es

Ausland.

r Das neue Kabinett Briand stellte sich gestern der Kammer vor. Briand verlas eine E rklärung der Regierung. Es werde sich empfehlen, gesetzltche Maßnahmen zu treffen zur Vermeidung der uner« erträglichen Fälle von Sabotage und Anarchie, wie sie bei dem Eisenbahnerausstand hervorgetreten seien. Die Regierung weist ferner auf die Notwendigkeit hin, die Syndikate in ihren nützlichen Bestrebungen zu fördern, werde aber nicht dulden, daß die Arbeiter- Syndikate eine der Gesellschaft feindliche politische Aktion organisieren. Die Kammer trat sofort in die Jnterpellationsdebatte ein. Jaures kritisierte das Kabinett scharf, besonders die Persönlichkeit des Ministerpräsidenten.

* Die Spionenriecherei an der italienischen Grenze ist wieder tüchtig ,m Gange. In den letzten Tagen kamen mehrere Verhaftungen wegen Spionageverdachtes vor. Es soll sich unter den B rhafteten auch ein österreichischer Hauptmann befinden.

* Bon endgültiger Ruhe in Marokko ist noch immer keine Rede. Die kleineren Stämme glauben offenbar an Frankreich einen Rückhalt zu haben und machen daher dem Sultan beständig Schwierigkeiten. Am 3. November ist es zwischen dein allen Krakeeler Raisuli und dessen Gegnern in der Nähe von Alkassar zu einem Kampfe ge­kommen. Es heißt, Raisuli habe feine Gegner zurückgeschlagen.

5 Im Wadnilande soll in mehreren Statlo- neu die französische Besatzung von den aufrühre­rischen Einwohnern niedergemacht worden sein. Tie Nachricht wird in Paris nicht direkt demen­tiert, aber als unwahrscheinlich bezeichnet.

Blatte Nr. 566 folgendes:

Die einzelne» Fälle, die als Maßregelung gedeutet worden sind, erhalten bei näherer Prüfung ein harm­loses Gesicht. In einem Falle handelt es sich um den Amtmann Bazille. Die,er war wiederholt in lang- andauernde, heftige und unerquickliche Preßfeyden nut dem Stuttgarter Oberbürgermeyter und der Stadt- verwallung v-rwickelt worden. Dabei wurde ihm der Vorwurf gemacht, er verwerte die rhm auf dienstlichem Wege übermittelten Kenntnisse amtlicher Vorgänge in seiner vrivaten publizistischen Tätigkeit. Alv nun Amt­mann Bazille in ein neues Amt bet der Zentralstelle für Gewerbe und Handel emtrat, wurde rhm von dem Amtsvorstand bedeutet, er möchte sich derartigen Sot« würfen in seiner neuen amtlichen Stellung rochtauch wieder aussetzen. Im Fall Kindermann wird offiziell bestritten, daß eine Einwirkung der Negierung 'm Sinne einer Beschränkung der polrt,scheu Betätigung dieses Hochschullehrers erfolgt sei. Es habe nur und zwar ohne Kenntnis des Ministers eine Unterredung öeä Direktors v. Strebel, des nächsten Vorgesetzten Kindermanns, mit diesem stattgefunden, wobei die Frage besprochen worden sei, ob von der außerordentlichen politischen Tätigkeit Kindermanns der Hochschule nicht ein Schaden erwachsen könne. Direktor v. L-iredel stehe selbst der Nalionalliberalen Partei sehr nahe uiw |Ci konservativen Einflüssen in keiner Weise zugänglich.

Der Schuß ging also wieder einmal nach hinten. Daß liberale Staatsstützen in dem Württemberger Fall schon wieder einmal mit der roten Flut, zu der sie offenbar auch einen Beitrag zu liefern gedachten, gedroht haben, ohne ein irgendwie stichhaltiges Ma­terial zur Hand zu haben, ist ebenso bezeichnend für ihre staatserhaltende Gesinnung, wie für ihre jour­nalistische Ernsthaftigkeit ,

[] Der Reichshaushaltsetat. 1 ’

In der halbamtlichen „Nordd. Allgem. Ztg." wird der Entwurf des Haushaltsplanes für das kommende Etatsjahr veröffentlicht. Als Charakteristikum ergibt sich bei der Durchsicht der Zug zur S.P arsamkeit 2 dem der neue Reichsschatzsekretär Dr. Wermuth der Finpnznot des Reiches beizukommen sucht

Zunächst das G e s a m t b i l d: der .ordentliche Etat schließt in Einnahme und Ausgabe mit der unge­heuren Summe von 2 707 819 913 Mark also mit fast 3 Milliarden Mark ab. Das ist gegenüber dem Vor­jahr ein Mehr Jon 206 632 Mk., Zuwachs, der bem Anwachsen der Bevölkerung ungefähr, nicht ganz entspricht Vom außerordentlichen Etat erfährt man einstweilen nur Bruchstücke.

Roch einiges Allgemeine ist vorwegzunehmen. Dre ungedeckten M atrikul ar b ei tr a g e, also die Zuschüsse der Einzelstaaten zu den Kosten des Rei­ches werden, dem bestehenden Gesetze entsprechend, 'auf 80 Pfg. vro Kopf der Bevölkerung bemessen wer­den und somit als Einnahme im Etat mit 48i/2 Mil­lionen stehen. Der Reichsinvalidenfonds wird verschwinden. Die bei ihm verrechneten Auf­gaben sind den Ausgaben im Spezialetat über den allgemeinen Pensionsfond mit 32 479 812 Mk. hinzu- aetteten Für die V et er a n en für > or g e hat das Reichsschatzamt 5 Mill. Mark in den Etat ein­gestellt. Sie sowohl als auch die 7,9 Mill. Mk. für die bevorstehende Heeresstärkung werden aus der Wertzuwachssteuer erwartet, Die mit 13 Mill. Mark in den Etat eingestellt sind.

Von -den 2,7 Milliarden, tue der Etat auf beiden .Seiten umfaßt, machen aus der Einnahmeseitt die Hauptsache die Zölle, Steuern und Gebüh­re n mit 1483 Mill. Mk., also ungefähr anderthalb Milliarden aus. Auf der Ausgabeseite steht die Lan­desverteidigung mit Aufwendungen m un- gesähr gleichem Betrage.- Wenn man sich die be­züglichen Zahlen zusammensncht, so findet man für die Verwaltung des Reichsheeres Ausgaben von 710 Millionen für die Verwaltung der Manne Ausgaben von 167 Millionen. Dazu gehören jedoch noch min­destens die Hälfte der 153 Millionen des allgemeinen Pensionsfonds Bei den einmaligen Ausgaben er­fordert das Reichsheer 62 Millionen, dann die Ver- stärt 'ng des Landheeres, die Marine und unser un= glückseliges Pachtland in Ostasien Kiautschou noch 181 Millionen. Endlich stehen im außerordentlichen Etat für Festungen 19 Millionen und für strategische Eiienbahnen 5 Millionen. Alles in allem verschluckt nnier Militarismus danach ungefähr soviel wie die Zölle und Steuern einbringen, nämlich ungefähr 1300 Mill. Mark, pro Tag im Jahre ungefähr 4 Mill. Mk.! Auf den Kopf der Bevölkerung verlangt der Mllita- rismus somit im Jahre ungefähr 20 Mark, Kinder und Greise eingerechnet.

Die übrigen Ausgaben des Reiches müs­sen aus anderen Quellen gedeckt werden. Viel wäre es nicht mehr, wenn nicht die Verzinsung und ~tl= nunq der Reichsschuld noch da wäre. Sie er­fordert auch ihrerseits 280 Millionen Mark, pro Kopf der Bevölkerung also mehr als 4 M. Noch nicht ein Drittel davon ist Tilgung, 190 Mill. Mk. schlucken die Zinsen. Die Post ist es in der Hauptsache, die den Etat ins Gleichgewicht bringen muß. Sie soll 734 Mill. Mk. Einnahmen haben bei 644 Millionen M. Ai'soaben. Während die Zölle und Steuern 32 Mill. Mark mehr als im Vorjahre einbringen sollen, ver­langt man von der Post gleich die Kleinigkeit von 72 Mill. Mk. Die Eisenbahnverwaltung der Reichs- eisenbahnen (in Elsaß-Lothringens sollen ca. 19 Mill.

0 C t (l H ,

An dieses Geständnis knüpften sich unmittelbar die beispiellosen Enttüstungsszenen der Sozialisten, Com- bisten und sonstigen radikalen Revolutionäre durch eine volle Stunde. Trotz der drohenden Fausts kotz der Skandale, kotz der Beschimpfungen hat Briand aesieat Mit diesen Dingen beschäftigt sich die „Täg­liche Rundschau". Das Organ des Evangelischen Bundes schreibt:

„Schon ging die Schlacht für Briand um Sem oder Nichtfeist. Da ließ et sich in der Hitze des Gefechts zu einem laklisch unvorsichtigen Bekenntnis zur -Un­gesetzlichkeit" hinreiben. Für ,eden zielbewußten und ftarkaeistigen Politiker bedeutet diese Erllatung eine Selbstverständlichkeit Wer den Zweck imü muß auch die hierzu unbeuingt erforderlichen Mittel wollen. Natürlich wird er solange

es nur irgendwie geht, ttn Rahmen des Gesetzes be­wegen: denn jegliches Durchbrechen einer durch Ver­trag geheiligten Bestimmung zieht in natur notwendiger Solqe größere ober kleinere Uebel nach sich. Doch und andersetts die Gesetze für die Menschen da, nicht um­gekehrt. Daher muß in einem nicht vEsgesehei en und ’ plötzlich eintretenden An-nahmesall auch eine aeühltcbe Ausnahme dann ein treten, wenn b.e -öoifs» wohlsahrt auf dem Spiele steht 'm Gesetz nicht die zur Erzieliinq des Erfolges unerläßlichen Mittel ent­halten sind; denn das B-ilkswohl ist das oberste Gesetz."

So wortwörtlich die „Tägliche Rundschau", des Evangelischen Bundes getreuestes Organ!

» Das Sozenblatt in der Angst vor dem straf richter. Die „Dortmunder Arbeiterzeitung" hatte feit Jahren von dem zurückgetretenen Olmutzer Furft- e r z b i s ch o f D r. Kohn behauptet, er habe das Volk um Millionen geplündert und dann diese Mü- lionen mit Weibern durch gebracht.. Endlich brach denn doch die Geduld des in dieser gemeinen Weise Verleumdeten; er forderte eine Berichtigung und den Ausdruck des Bedauerns über die erlogenen Behaup­tungen. Die Zeitung, die stets immer wieder den ' Schwindel von dem „lasciven Fursterzbischos Dr. ' Kobn" auftischte, wurde es durch die Klageandroh­ung doch etwas bänglich, und sie bequemte sich zu dem Bekenntnis, sie w i s s e s o r e ch t n i ch t s über den Fürsterzbischof, sondern müsse erst Erkundig­ungen einziehen. Damit bekannte sie sich schon der allerfrivolskn Hetze schuldig. Mittlerweile hatte sie die Erkundigungen eingezogen. Von „durchaus zu­verlässiger Seite" erhält sie ein Schreiben, in dem es

Wolfsgarten abstatten. , ..... . _

)( Die Wahl eines zweite» Vizepräsidenten deo Reichstages macht dem /Berliner TagebwU aller­hand Kopsschmerzen. In der Presse werden neuer» dings wieder bald Fürst Hatzseld, bald Herr v ®träfen als Anwärter genannt. Da die Amts­niederlegung des Abg. Prinzen Ernst von Hohen­lohe-Langenburg in den Reichstags,erten erfolgte, konnten die Fraktionen zur Vizepräfidentenfrage noch keinerlei Stellung nehmeii. Das ist ganz selbst- verständlich und auch das ,Berl. Tagebl.' gibt das zu. Trotzdem findet das Blatt, daß der schwarz- blaue Block, indem er über Kandidaten zur zweiten Bizepräsibentenschaft nichts von sich hören lasse, sich anscheinend in großer Verlegenheit befindet. — So

dumm! , .. „ ,

+ Ter wirtschaftliche Ausschuß ist gestern unter dem Vorsitz des Staatsministers Delbrück zusammen­getreten, um über die deutscherseits an Japan für den Abschluß eines Handelsvertrages zu fteUenben Forderungen zu beraten. Gleichzeitig wurden die von Schweden überwiesenen Forderungen zmn deutschen Tarif zur Erörterung gestellt, lieber das Ergebnis der Vekhandlungen wird Stillschweigen beobachtet. s.

** Im vierten Berliner Landiagswahlkrets fand gestern die Abgeordneten wähl statt, die durch die Mandatsniederlegung des bisherigen Abg. Utuller- Sagan notwendig geworden ivar. Der Kandidat der fortschrittlichen Volkspartei, der frühere Abg. Kreitling, wurde mit 269 Stimmen gewählt Der sozialdemokratische Gegenkandidat Grunwald erhielt 193 Stimmen.

)( «ur Fleischnot. Der Vertreter des Königreichs Sachsen hatte im Bundesrate den Antrag gestellt, die Grenzen des Reiches für französisches Vieh zu öffnen. Jetzt wird aus Straßburg telegraphiert, daß die Einfuhr von Schlachtvieh aller Gattungen nach den Schlachthäusern von Straßburg, Müyl- Hausen und Rietz gestattet wird." Auf seven Fall wird die Oeffnung der französischen Grenze wenig nutzen, da Frankreich ja selber kaum seinen Fietsch- bedarf decken kann. . , . v .

♦ Ein kolonialer Beleidigungsprozeß, bet dem der frühere Staatssekretär Dernburg als Zeuge erscheinen sollte, wird nach Mitteilung des ,B. T/ demnächst die Berliner Gerichte beschäftigen. Es handelt sich um einen Nachklang zum Diamantenstreit. Tem- burg hat in der Butgetkommission über Luderitz- buchler Diamantenintereffenten scharfe Kritiken atts- gesprochen, n. a. gegen den Hauptmann a. D. Weiß. Da den Staatssekretär die Jmunität schützt, so hat Weiß gegen die Herren Rechtsanwalt Rhode und Verlagsbuchhändler Voßen, die Dernburg die Unterlagen geliefert haben follten, Beleidigiingstlage

und ähnlichen Schundgeschichten vor0ebilbet worden. Wird es nicht endlich Zett, gegen die volksverführerische Schundliteratur mit starker Hand vorzugehen? Ist das nicht möglich oqne Gefähr­dung von berechtigter Preß- und Gewerbefteihelt i

2) Der jugendliche Verbrecher hat sich vor der Tat mit gestohlenem Selbe einen Revolver nebst Munition gekauft, und eine leider nur zu gute Waffe erhalten. Ist es notwendig, daß jed.r be- lkbige Mensch in dem nächsten Waffenladen eine solche tödliche Waffe erhalten kann, ohne irgendwie kontrolliert zu werden? Kann man den Erwerb oder Besitz eines Revolvers re. nicht von einem behördlichen Waffenschein abhängig machen.

3) Ist es berechtigt, den § 214 des Strafgesetz- buchs aufrecht zu erhalten, der den Räuber, der zu seiner Verteidigung mordet, vor der Todesstrafe schützt und nur mit Zuchthaus bedroht?

Andere Fragen werden irn Lause der ffrafiecgt» liehen Verhandlungen noch in den Vordergrund treten. Wenn nur die öffentliche Aufmerk, amkett nicht wieder so schnell einschläft, wie es in anderen „sensationellen" Fällen schon geschehen ist. .

Es muß etwas geschehen, um den >i-umps zu beseitigen oder wenigstens einzudammen.

Zeitung

Monatsbeilage: „SuIbGCt

u. a. heißt:

Andererseits ist aber nie etwas davon be­kannt geworden, daß er WeiSergeschichten habe — da scheint er vielmehr ein Asket gewesen zu fein... Ob er das Volk um Millionen geplündert hat, ist eine Frage bet Auslegung bes Wortes „plündern".

Ta haben wir also, bemerk zu dieser Erllämng die „Tremonia", das offene Geständnis, daß die „Ar­beiterzeitung" ohne irgend welchen Anhalt einen as­ketischen katholischen Kirchenfürsten in der aller- gemeinsten Weise verleumdet hat. Man sollte glauben, das verstände jeder, der lesen gelernt hat; aber die „Arbeiterzeitung" rechnet derart mit der kolossalen Dummheit ihrer Leset, daß sie dieses Ge­ständnis ihrer Verlogenheit als — Bestätigung ihrer Behauptung ausgibt. • Sie verbrämt es aller­dings mit allerhand Vrimbamboriurn. So läßt sie so­gar eine „goldene Karosse" des Fürsterzbischofs auf­fahren. Wir sind gespannt, diese zu sehen, wenn sich die „Arbeiterzeitung" wegen ihrer bodenlos frivolen Beleidigungen vor Gericht zu verantworten haben wird.

** Austritt aus der Landeskirche. Ein Herr Otto Lehinann-Rußbülbt fordert, verdeutschen Tagesztg." zufolge, in einer Flugschrift die Gebildeten und die Beamten auf, den zivilrechtlichen Austritt aus den von dem Staate geschützten Religionsgesell­schaften zu bewirken. Die Auslrittsbewegung werde nur dann Eindruck auf die Negierungsgewalt machen, wenn sie auf die Gebildeten und Beamten über- greife und wenn taufende von Austrittserklärungen an einem Tage auf die Tische der Amtsgerichte ge­worfen würden. Die Flugschrift ist im übrigen s o konfus, daß es sich nicht lohnt, darauf einzugehen. Interessant sind aber die dem Verfasser zugegange­nen Sympathieerklärungen, von denen er einen Teil abdruckt. Darnach haben die Schrift mit Zustimmung und vielem Vergnügen gelesen Prof. Ludwig Gurlitt in Steglitz, Prof. Arthur Drews in Karlsruhe und der unvermeidliche Ernst Haeckel in Jena. Auch drei Postbeamte teilen mit, daß sie aus der Kirche ausgetreten sind. Herr Hugo Eohn in Görlitz schließt sich der Grundtendenz der Flug­schrift an und bemerkt, daß er ein aus der jüdischen Religionsgemeinschaft ausgetretener „moderner

angestrengt.

* Der Zweck heiligt die Mittel. Ganz und gar, ohne jede Einschränkung! So lehrt in Nr. 510 die Tägl Rundschau", das Organ des Evangel. Bundes Der Jesuit Busenbaum, dem man feit 250 Ehren jenen Satz fälschlich nachgeredet hat, ist alänzend gerechtfertigt! Busenbaum hat zwar m sein« „Medulla" geschrieben: „Wenn der Zweck er- aubt ist, sind auch die Mittel erlaubt", und an einer anderen Stelle: „Wem der Zweck erlaubt ist, dem sind auch die Mittel erlaubt" aber an derbsten Stelle hat er ausdrücklich verwerfliche Mittck ausgeschlossen und an der zweiten wird auch nur Zulässiges zur Erreichung des Zweckes empfohlen. Das half ihm aber nichts! Man riß seine Worte aus dem Zusammenhänge und deutete sie so als habe Busenbaum gemeint, man dürfe sich zur Erreichung eines guten Zweckes schlechter Mit-

Deutfdjes Reich.

t Berlin, 8. Nov. 1910. Der Kaiser wohnte am Dienstag der Vereidigung der W^arner Rekruten bei. Er richtete bei der Gelegenheit eine Ansprache an die Rekruten. — Die Kaiserin ist zum Ches des russischen Leibgarbehnsarcnregimentv Grodno ernannt worden. Der Kaiser wurde zweiter Chef des Regiments. - Prinz Oskar von Preußen, der vierte Sohn des Kaisttpaarev, ist nach Schloß Lieser bei Trier, dem Wohnsitz des Landwirtschaftsministers v. Schorlemer, gefahren, um der Hochzeit der zweiten Tochter des Landwrrt- schaftsministers mit dem Grasen Kageneck be,zu- wohnen. Bischof Dr. Komm aus Trier vollzog d e Trauung. - Dem Präses der rhelntzchen Provinzial­synode Pfarrer und Kreisschulinspektor D. Haäen- bera, Mitglied der nationalliberalen rzraktion des Abgeordnetenhauses, ist der Königliche Krouenorden 2. Klasse verliehen worden.

* Gegenbesuch des Kaisers beim Zaren. Wie die „Nordd. Allg. Ztg." meldet, wird der Kaiser am Freitag auf dem Wege nach Donauefchmgen dem Za­ren und dem Großherzog von Heffen einen Besuch in

Ueberschüsse tragen.

Wichtig und interessant ist noch das Kapitel K o- lonien, das sehr ausgiebig behandelt wird. Die Kolonien erfordern noch immer 25,7 Mill. Mk. Zu­schüsse, davon Deutsch-Südwestafrika allein über 11 Millionen, Kiautschou, dieses nutzlose Pachtland an Chinas Küste, allein 7,7 Mill. M. Togo und Samoa unterhalten sich selbständig.

K In -en weltstädtischen Sumpf werden grauenhafte Einblicke eröffnet durch tie Auf­klärung zweier Verbrechen, die in jüngster Zeit in Berlin Entsetzen erregt hatten.

Die Berliner Kriminalpolizei hat in diesen beiden Fällen Glück gehabt. Der Raubmörder, der am Sonntag zwei Menschen tödlich verletzt hatte, ist bereits gefaßt worden, und zwar Dank der ausgesetzten hohen Belohnung für alle Beiträge zur Aufdeckung der Täterschaft. Ferner ist die Herkunft der weiblichen Leiche, die kürzlich in ber Spree gefunden worden war, nach vielen ver­geblichen Versuchen endlich aufgeklärt worden, und dieser Erfolg ist voll und ganz der fystematischen und zähen Spürarbeit der Kriminalpolizei zu ver- danken. . , ,, ...

Daß der Raubmörder im ersten Falle gefaßt ist and die Mitschuldigen an dem Tode des Mädchens zum Teil bereits verhaftet sind, zum andern Teil mit bester Aussicht verfolgt werden, wirkt an sich berv.biaenb. Aber was wir bei dieser Gelegenheit Über die Zustände in der Großstadt erfahren, ist geradezu erschrecklich.

In einer Zeitung, die auch auf dem Familien- tisch kommt, läßt sich gar nicht wiederholen, auf welche Weise das Mädchen auf einem nn Humbold- Hasen lagernden Spreeschiff zu Tode gekommen ist. Es ei nur kurz angebeutet, daß hier die niedrigste Straßenprostitution, das abscheulichste Zuhalter- roefen, die Brutalität von Schiffsknechten und die gröbste Pflichtvergessenheit eines städtischen Hasen­wächters ineinander greifen.

Der Fall regt verschiedene roeitgret;enbe Fragen an, wie die der Säuberung des Augiasstalles der Straßenunzucht in Berlin, eine Frage, die wir hier, weitab von bet Großstadt, uns begnügen können nur *“ Auch^der andere Fall, der Raubmord in der Potsdamerfiraße ergibt verschiedene Mahnungen: ; 1) Der Verbrecher »st, w,e so viele ferner ftevel-

haften Genossen, durch dieLettüre von Nick Carter