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37. Jahrgang

Fa lda, Lamstag den 5. November 1910

Erstes Blatt

jV5 254.

trum schon deshalb nicht in Frage kommen, weil die Fraktionen in solchen reinen Zweckmäßigkeitsfragen ihren Mitgliedern völlig freie Hand läßt. Das gilt so­wohl für die Kommission wie für das Plenum, und es bleibt abzuwarten, welche Stellung die Fraktion im Plenum einnchmen wird. Soweit wir die Stimmung kennen, wird sicher ein Teil des Zentrums für die Zulassung der Lehrer zum Schöffen- und Geschwore­nendienst stimmen, und es ist wohl möglich, daß sich im Plenum eine Mehrheit dafür findet. Bis dahin könnte sich also die liberale Entrüstung gedulden.

Im übrigen kann man den Eindruck nicht los werden, daß es mit der liberalen Sache und mit dem Kampfe gegen den „schwarz-blauen Block" ziemlich schlecht bestellt sein müsse, wenn die liberale Agitation bereits auf so kleinliche und niedrige Mittel der Verhetzung heruntergekommen ist.

das auch jetzt, und Hope fragte sich selbst, was ihre Seele plötzlich in Anspruch nehmen möge. Ihrer Versunkenheit nach glaubte er, es wäre ihr vlötzlich zum Bewußtsein gekommen, wie nahe sie dem Jenseits gewesen war.

Als sie das Haus erreicht hatten, erfuhr er, was sie beschäftigte; sie blieb auf der Schwelle stehen, wendete sich zu ihm, der auf dem.Gartenwege stand, sah mit dem ihr eigenen forschenden Blick der schönen Augen, deren Bläue sich jedoch in Grau verwandelt hatte, zu ihm nieder, und indem sie die Hände auf die Brust drückte, rief sie mit einer gewissen Entschlossenheit im Tone:

„Mr. Hope!" dann stockte sie wieder.

„Nun, liebes Kind?" fragte er eifrig.

„Sie haben mich lieber als mein Papa . . . Das wollte ich Ihnen nur sagen *

Und nachdem sie ihm diese Entdeckung wie eine des Nachdenkens werte Tatsache iniigeteilt hatte, trat sie gedankenvoll in das Haus.

5.

Ueberlistet.

Hope stattete seinem Geburtsorte in Derbyshire einen Besuch ab und ließ seine armen Verwandten in so freigebiger Weise an feinem Wohlstände teilneh­men, imß sie ihn von Herzen segneten. Aber auch Bartley, von dem er ihnen berichtete, hatte Teil an ihrer Dankbarkeit; denn Hope gehörte zu den edlen Seelen, welche selbst die Brücke preisen, mit deren Hülfe sie den Strom des Unglücks sicher überschritten haben.

Als er nach Sussex zurückkam, brachte er i nter an­dern Neuigkeiten auch die Nachricht mit, daß eine Farm des Obersten Clifford frei wurde. Walter Clif- sord hatte, da die Pachtzeit ablief, einen höheren Pacht verlangt, der bisherige Pächter sich jedoch nicht darauf eingelassen.

Im ersten Augenblick schien Bartley der Sache keine Wichtigkeit beizulegen, nach einiger Zeit aber fragte er:

Trintfprüche sind nicht das Nötigste.^ Sie find in der Regel sehr schön, aber nicht die Hauptsache Sie bilden den goldenen Turmknopf, aber nicht das Fundament.

Die Trinkfprüche hätten nur turz und feierlich wiederholen können, was die beiderseitigen Negie­rungen vorher schon durch ihre offiziösen Blatter haben verkünden lassen. In der,Nordd Allg. Ztg/ sowohl ivie in der ,NossijL wurde an die tradttio- nelle Freundschaft der Dynastien und Völker, um Die vielfache Jnteresscngcmcinschatt und die gemein­samen gegenwärtigen und zuküufttgen Verdienste um den Weltfrieden erinnert. Das sind schöne Gedanken, die „leicht beieinander wohnen", aus die Sachen jedoch, die sich hart im Raume stoßen, kann man in dem Trinkspruch-Gepränge nicht ein- gehen. Das geschieht höchstens bei den vertrau­

lichen Besprechungen zwischen den Herrschern und zwischen den Ministern, und von deren Verlaus erfährt in der Regel die öffentliche Dieinung erst etwas, wenn sich ihre Früchte zeigen.

Der Realpolitiker fragt bei einem Blick aus die Zukunft, was Rußland nunmehr tun werde. Denn die Zukunftstalen Deutschlands sind kein gleichwertiger Gegenstand der Neugierde, da unser hochpolitischer Kurs stetig und klar ist, sozusagen selbstverständlich. Die russische Politik dagegen ist manchem Wechsel unterworfen, sowohl in den Zielen, als in der Methode. Deutschland steht seit 1879 fest in der Solidarität mit Oesterreich-Ungarn. Rußland ist seit der Zeit nicht bloß zu dem Bünd­nis mit Frankreich eingeschwenkt, sondern hat sogar zu einer Entente mit England, seinem allen Erb­feinde, sich bereit finden lassen. Die russische Politik zerriß das Balkan-Abkommen mit Oesterreich und ließ sich von dem gewandten König Eduard zu der gewagten Abmachung von Reval verleiten. Als die Umwälzung in der Türkei das dort geplante Aben- teucr vereitelten, blieb der russische Minister Iswolsky doch in dem antiösterreichischen und antideutschen Fahrwasser, zeigte sich in dem Kampfe gegen die Annexion und bet Herzegowina noch viel „englischer", als die vorsichtigere engttsche Regierung selbst und trieb die Politik der unfruchtbaren Verärgerung bis zu der demonstrativen Rundbogenfahrt des Zaren nach Racconigi. ,,, ,

Allzu scharf macht schartig Die englttch-fran- zösisch-!ussische Entcntenpotitlk ist seit dem Triumph Oesterreichs in der Anncxionskrife und seit dem Tode des ge chäsligen Königs Eduard auf den ab­steigenden Ast geraten. Sogar in Konstantinopel scheint sie ans der Vorhand zu kommen. Es fragt sich nun, ob die russische Politik in der Einheit­lichkeit verbleiben will, die ihr Herr Iswolski in seinem blinden englisch-französtschen Eifer gegeben hat, oder ob sie wieder chie freundnachbarlichen Be­ziehungen zu Deutschland pflegen will, wie es sich für eine wirklich russische, von den eige­nen Interessen geleitete Staatskanst gehört.

Rach dem Rücktritt des nervösen und verbissenen Iswolski ist der Wechsel in der Petersburger Po­litik wohl möglich. Deutschland tann die russische Annäherung erwiedern, ohne seine Haltung zu ändern. Die selbstverständliche Voraussetzung ist natürlich, rcr; Rußland nicht etwas verlangt, was den berechllgtcn Interessen Oesterreichs widerspricht.

Warten" wir ab, ivas die hohen Herrn be- schließen. Wir wollen alles Gute wünschen, aber nicht zu viel erwarten. Auch in den wohl­klingenden Festartikeln darf man nicht die Tatsache vertitfche'i, daß die öffentliche Meinung in Rußland nicht zu England als zu Deutschland neig'.

W. 9ltnt3 Palais, 4 Roo. 19l0. Der Kaiser empfing heute abend 7 Uhr den russischen Staats­sekretär Szasonow, der Zar von Rußland um den Reichskanzler, dem er bei dieser Audienz dre Jnstgnien des Andreasordens über­reichte, und darauf den Staatssekretär v. Kyderlen- Waechtcr. Während der Gala täfel tranken die Souveräne unter Austau ich freundlicher Worte einander zu Von beiden Monarchen wurden eine Reihe von Ordensauszeichnungen verliehen.

„Haben Sie nicht früher einmal auf den Vesitzun- dcn"dcs Obersten Cttfford Spuren von Steinkohlen aefunden?"

„Das habe ich, und zwar auf der Farm, die jetzt frei wird. Ich habe auch dem Oberst meine Entdeckung mitgeteilt, aber er ist so weit hinter seiner Zeit geblie­ben, daß er mich ganz ungeduldig machte. Nehmen Sie einen der alten eisernen Ladestöcke, die man zum Laden der Musketen brauchte, und umwickeln Sie den­selben anderihalb Fuß hoch mit Vorurteilen, so haben Sie den Oberst."

„Ein Pächter würde sich doch an seine Vorurteile nicht zu kehren brauchen?"

„Ein Pächter! Dem würde ein gewöhnlicher Pacht­kontrakt nicht das Recht geben, Minen anzulegen. Da­zu bedürfte er eines besonderen Kontraktes oder we- niastens einer ausdrücklichen Erlaubnis des Eigen­tümers und dazu würde sich Oberst Clifford nie ver­stehen."

Mit diesen Worten endigte das Gespräch, aber Bartley fuhr fort, sich in Gedanken mit der -^ache zu beschäftigen. Ohne daß er Hope davon sagte, zog er einen gewandten Advokaten zu Rate, und das Er­gebnis davon Ivar, daß er eine Reise nach Derbyshire antrat und auch Mary mituahm In einem kleinen Wirtsbaufe stieg er ab und begab sich von dort aus nach Clifford Hall. Der Oberst war zu Haus und empfing ihn mit steifer Freundlichkeit. Bartley teilte ihm mit, daß er seine Handelsgeschäfte aufgegeben habe.

„Um so besser!" erwiderte Oberst Clifford in schar­fem Tone.

„Ich bin Farmer geworden."

„Hm!" rief der Oberst mit dem ihm eigentümlichen Schnaufen. In demselben Augenblick öffnete sich die Tür und herein trat — Walter Clifford.

Bartley fuhr verwundert auf, auch Walter fuhr zusammen, und beide starrten sich an.

„Mr. Bolton!" sagte Bartley in leisem Flüster­töne, aber der Oberst hatte es doch gehört.

„Bolton — wie so!" fiel er in seiner barschen Weise ein. „Mein Sohn, Walter Clifford, ist es, mein

Ein gefährliches Geheimnis.

' 17] Roman in zweiBänden von Charles Reade.

' Mary wurde augenblicklich ernst. „Ja", sagte sie, „ich war dem Tode nahe. Ihnen hätte es nichts ge­schadet, wenn Sie mit gestorben wären. Sie sind ein so guter Mann . . . aber für mich wäre der Tod die Strafe des Ungehorsams gewesen. Uebrigens muß ich Ihnen gestehen, daß ich mich von dem Moment an, als Sie den Arm um mich schlangen, im Wasser ebenso sicher gefühlt habe, wie ruf dem Lande. Darum .hatte ich länger Zeit, mich zu beruhigen, und das entschuldiat mein Gelächter. 92ein, das tut ez doch "nicht! Ich bin eben nur ein albernes, leichtsinniges Mädchen, ohne Ernst, ohne Charakter, und bin so vieler Liebe gar nicht wert. Warum haben mich nur die Leute so lieb? Sic sollten sich schämen."

Hope versicherte darauf, sie wäre ein kleiner En­gel und Jedermann wäre verpflichtet, sie zu lieben, und wär des Todes würdig, wenn er es unterließe. Sogleich griff Mary das Wort Engel auf.

„Wäre ich ein Engel," sagte sie, „so könnte ich nicht jo fürchterlich hungrig sein. Bitte, lassen Sie uns schnell nach Haus gehen; Papa ist in Bezug auf Pünkttichkeit so streng. Aber noch eins Mr. Hope; wollen Sie'Papa verraten, was geschehen ist, so wer­fen Sie mich nur lieber wieder ins Wasser. Besser ertrinken, als ausgescholten werden!" Bei diesen letz­ten Worten nahm sie eine herausfordernde Haltung an und ihre Augen blitzten.

„Nein, nein", erwiderte Hope, „ich will nichts sa­gen, was Bartley ärgern und Ihnen Scheltworte ein­tragen könnte."

„Gut, so wollen wir nach Hause lausen."

Mit dieser: Worten faßte sie seine Hand, und er . lief mit ihr um die Wette wie ein Spielkamerad, während sein Vaterherz nach der überstandenen Ge­fahr vor Freude zitterte und glühte.

Als sie sich dem Hause näherten, begann das junge Mädchen langsamer zu gehen und wurde nachdenklich. Sie konnte sehr ernst und gedankenvoll aussehen, tat

verusches Keich.

i Berlin, 4. Roo. 1910. Ter Bundesrat bat in seiner letzten Sitzung dem Entwurf eines Arzneibuches für das Deutsche Reich, fünfter Aus­gabe, zugestmimt. — Die Vorarbeiten für das neue Gesetz über die Erwerbung und Verlust der Staatsangehörigkeit sind abgeschlossen. Der Entwurf wird dieser Tage dem Bundesräte zugehen. Das neue Gesetz, dessen Ausarbeitung sich nicht ohne Schwierigkeiten vollzogen hat„ beseitigt vor allen Dingen den unhaltbaren Zustand, daß, wer nicht im Besitz eines Heimatsfchemcs ist oder sich in

Geschäftsführer. Dies ist Mr. Bartley, lieber Wal­ter."

„Ich bin stolz, Ihre Bekanntschaft zu machen", sagte Bartley, dem es geraten schien, die Vergangenheit zu verleugnen.

Auch Walter war um des Vaters Willen gern dazu bereit, Bartley den Schimpf zu verzeihen, den ihm dieser, wie der Leser weiß, vor Jahren angetan hatte;

Die Miene des jungen Mannes verriet dem klugen Bartley, was in ihm vorging, und als ersten Schritt zur Versöhnung stellte er ihn seiner Tochter vor. Wal­ter, überrascht, daß so viel Schönheit und Anmut sol­chem Stamme entsprossen war, bewillkommnete sie mit scheuer Höflichkeit; sie dagegen war unbefangen freundlich und besaß keine Spur falscher Bescheiden­heit, was ihrem Wesen schon jetzt ein eigentümliches Gepräge gab. Ueberdics war sie, obwohl sie wenig über 15 Jahre zählte, vollkommen erwachsen und sah aus wie eine Zwanzigjährige.

Bartley begann mit Vorsicht auf feine Pachtungs­wünsche einzulenken. Er erzählte dem Oberst, daß er, dank der Unterstützung eines erfahrenen Freundes, große landwirtschaftliche Erfolge gehabt habe, und fügte bann mit erzwungener Gleichgültigkeit hinzu: „Es heißt. Sie hätten eine Pachtung zu vergeben; ist das wahr?"

„Walter", sagte Oberst Clifford, „ist es so? Hast Du eine Farm zu vergeben?"

„Vorläufig noch nicht", erwiderte der junge Mann; „nach Verlauf eines Monats wird jedoch eine dersel­ben frei, wenn sich der jetzige Pächter nicht noch dazu versteht, 30 Prozent mehr dafür zu zahlen, als bis­her."

„Könnte ich die Farm einmal sehen, Mr. Walter?" fragte Bartley.

„Gewiß, ich werde sie Ihnen mit Vergnügen zei­gen", antwortete Walter, und zu Mary gewendet, fügte er hinzu: „Ich fürchte, daß ich Sie zu dieser Be­sichtigung nicht einladen darf. Junge Damen pflegen sich für Pachthöfe nicht zu interessieren."

(Fortsetzung folgt.)

eine Konsulatsmatrikel eintragen läßt, seine Staat»« angehörtgke't ganz von selbst verliert, wofern er sich zehn Jahre hindurch ununterbrochen im Auslande aufgehalten hat. — Wie die .Deutsche Tagesztg/ erfährt, ist die Meldung, daß die Ansiedlnngs- kornrni fion in einigen Fällen die Enteignung bean­tragt habe, daß aber die Anträge vom Staats­ministerium zurückgewiesen worden feien, völlig unrichtig. — Dr. Sols, der Gouverneur von Samoa hat seinen Wirkungskreis verlassen und mit seiner Familie die Heimreise nach Europa ange­treten. Man hofft, daß der Gouverneur, dessen glänzende Verwaltung Samoa wirtschaftlich _ in ungeahnter Weise gehoben bat, auf feinen Posten zurückkehren wird. — Staatssekretär v. L i n d e q u i st, der lange krank gewesene Leiter des Reichskolonial­amts, ist jetzt wiederhergestellt und nimmt feine Amtsgeschäfte wieder auf. — Der Gouverneur von Kamerun Dr. Gleim, dessen Vorgänger Dr. Seitz bekanntlich Gouverneur von Deutschsüdwestafrika wurde, ist wohlbehalten im Schutzgebiete eingelroffen und bat bereits vor einigen Tagen die Amtsgeschäfte übernommen.

* Ter Bundesratsausschuß für die aus­wärtigen Angelegenheiten wird, wie die ,N. Allg. Zig/ meldet, kurz vor dem Zusammentritt des Reichstages bei dem Reichskanzler versammelt werben. Die Form dieser Meldung läßt er­kennen, daß es sich um eine Verständigung über die Antworten handelt, die der Reichskanzler im Reichstage aus c twaigeAnfragen über die auswärtige Politik geben wird, und nicht bloß um die Ein­weihung des Ausschusses in den Stand unserer auswärtigen Angelegenheiten.

+ „Unschöner Kamps". Unter dieser Ueberschrift muß sich die .Deutsche Tagesztg/ gegen die sattsam bekannte Korrespondenz des Evangelischen Bundes zur Wehr setzen. Sie hatte kürzlich Mit­teilung von einer Unterredung gemacht, die ihr römischer Mitarbeiter mit dem Nuntius Frühwirt gehabt hatte. In dem Berichte fand sich folgender Satz:

„Der Nuntius betonte wärmstens, daß die christ­lichen Konfessionen gemeinsame Werte und Ziele hoch­hatten möchten gegenüber den Materialisten, welche schon einen gefährlichen Vorsprung gewonnen haben; eine der schwersten Bedrohungen der Zukunft des deutschen Botkslums erwachse aus den Bemühungen gewisser protestantischer Theologen, die Gottheit Christi zu leugnen."

Die ,Deuisch-evangeiische Korresp/ bemerkte dazu in ihrer giftig gehässigen Weise, der Herr Nunttus sollte vom deutschen Protestantismus und von dem Innenleben der evangelischen Kirche seine Hände lassen; hier Weisungen und Mahnungen zu geben, sei er nicht befugt; möge immerhin die ,Deutsche Tagesztg/ sich ihre Weisungen aus Rom verschreiben lassen, der deutsche Protestantismus wünsche feine Angelegenheiten allein zu besorgen, frei von Rom usw. Die ,Dentsche Tagesztg/ weist diesen Anpöbe­lungsversuch energisch zurück, indem sie schreibt :

„Die Kampsesweise ist unschön und kindisch. Unser römischer Berichterstatter hat ohne unsere Ber- anlassung und ohne unser Zutun, eine Utlerredung mir dem Nuntius gehabt und diese Unterredung, wie es die Berichieriialler zu tun pflegen, uns mitgeteilt. In dieser Mitteilung eine „Weisung" sür uns zu sehen, dazu gehört entweder eine kaum verständliche Befangen­heit öder eine unschöne Gehässigkeit. Wir be­dauern tief, daß eine Korrespondenz, die in solcher Weise polemisiert, die Bezeichnung „evangelisch" führt. Zur Sache aber nur eine einzige Frage! Der Nuntius Frühwirl hat getagt, eine der schwersten Bedrohungen der Zukunst des deutschen Volkstums erwachte aas den Bemühungen gewisser protestantiicher Theologen, die Gottheit Cyrcsti zu leugnen. Ist das unrichtig? bemühen sich nicht tatsächlich gewisse protestantische Theologen, die Gottheit Christi zu leugnen? Und find diese Bemühungen nicht die schwersten Bedrohungen 6er Znkunit des deutschen Volkstums? Ist die „Deutsch evangelische Korrespondenz" etwa anderer Meinung?"

----- Der Zar in Potsdam.

Der Zar von Rußland traf gestern vormittag um 10 Uhr in Wildpark ein und wurde oom Kaiser, den Prinzen und dem Reichskanzler begrüßt.

Zur Ankunft des Zaren hatten sich auf dem Bahn­steig des in russischen und deutschen Farben geschmückten kaiserlichen Sonderbahnhofs zu Wildpark etngesunden: Die kaiserlichen Prinzen, das Hauptquartier und die Generalität und Admiralität von Berlin und Pots­dam, die russische Botschaft, der Reichskanzler von Betdmann-Holliveg, der S t a a t s s e k r e t ä r des Aus­wärtigen v. Kiderlen-Waechter, Kriegsminister von Heeringen, Staatssekretär v. Tirpitz u. a. Um 91» Uhr war Kaiser Wilhelm erschienen. Beim Einlaufen des Zuges spielte die Musik die russische Hymne. Die Monarchen umarmten und küßten sich wiederholt. Nach dem Abschretlen der Front der Ehrenkompagnie und ihrem Boibeimarsch in Sektionen erfolgte die Fahrt nach dem Neuen Palais mit Es- fone vom Regiment Gardes bu Corps. Das versam­melte Publikum begrüßte die Monarchen; beide Kaiser dankten freundlichst. Bei der Einfahrt vor der Garten­seite des Neuen Palais erwies eine Ehrenkompagnie vom Ersten Garde-Regiment zu Fuß die Honneurs. Der Eisenbahnbetrieb wurde planmäßig aufrecht­erhalten.

Die Kaiserin und die Prinzessinneii des könig­lichen Hauses erwarteten den Gast im Muschelsaal, wo Empfang ftottfand. Der Kaiser und die Kaiserin geleiteten den Zaren alsdann nach den im ersten Stock gelegenen Räumen, den Roten Kammern. Der Kaiser und die Kaiserin verweilten einige Zeit in den Ge­mächern des Zaren, ebenso die Prin-en und Prin­zessinnen und die drei krovprinzlichen Kinder. Um 1 Uhr mittags war Familientafel im Apollosaal, an der die beim Empsang anwesend gewesenen Prinzen und Prinzessinnen teilnahmon. Nach der Frühstücks» laset machte der Zar Besuche bei den Fi-nttickffeUew und besichtigte bann ben kaiserlichen Aulomobilpark. Den Tee nahm ber Zar bei dem Kaiser uns der Kaiserin.

Abenbs 8 Uhr sanb in ber Jaspisgalene trn Neuen Palais Galatafel statt. Mit Rücksicht auf ben familiären Char aller bes Besuches ks Kaisers Nikolaus am karserlichen Hofe wurden nach einer Vereinbarung ber beiden Souveräne ; ei erliche Reben bei der Galatafel nicht gehalten.

e Der „lehrerfeindliche" „fchwarz- blane Block".

Die Juslizkommifsion des Reichstags Hai kürzlich die in erster Lesung beschlossene Zuziehung der Volks­schuttehrer zum Schöffen- und Geschworenendienst mit einer knappen Mehrheit — man kann saft sagen: mit einer Zufalls in ehrheit — wieder r ü ck g ä n- g i g gemacht.

Darüber ist nun in ber lib. Lehrerpresse, unter freundlicher Mitwirkung der politischen liberalen Presse eine arge Entrüstung entfallben. Es wird ge­sprochen von „Mißachtung" und „Uebclnwllen" gegen den Lehrerstand, von einer neuen Untat be« „schworz- bfauer Blocks". Der zweck der Komödie ist durchsich­tig genug. Man will die Gelegenheit benutzen, um die Lehrerschaft, die schor, immer rote selbstverständlich für das liberale Lager reflanitert wurde, in eine po­litische Gegnerschaft gegen die Parteien des angebli­chen schwarz-blauen Blocks hineinzutreiben. Dane­ben macht es sich natürlich auch schön, den „schwarz­blauen Block" der Biidungsseindlichkeit" und feind­seliger verächtlicher Gesinnung gegen die Vermittler der Volksbildung zu überführen.

Daß die Frage der Zuziehung der Vrlksschul- ,'lehrer zum Schöffen- und Geschworenendienst eine !reine ZweckmäßigkeitZstmze ist, sollte ehrlicherweise !nicht bestritten werden können. Es ist geradezu un­erfindlich, wie man ans der Entlastung der Lehrer een der Pflicht des Schöffel- und Geschmorenenamles - eine besondere Annehmlichkeit ist sie doch gewiß nicht — eine „Mißacht ii'.q" der Qualitäten des Lihrerstan- des herauslesm miss. Allein das Interesse der ' S ch u le und daneben ber i? c Tj r - r selbst ist mr die Stellungnahme derer maßgebend, welche die Lehrer von dem Schössen- vnb Geschworenendienst befreit wissen wollen. Sie befürchten eine Störung des Schnl- fhetriebes, roenu Lehrer öfters den Unternrh+ nicht er- |teilen könnten. Was hätte die Mehrheit auch sonst für ; einen Grund haben kö.men, den Lehrern die Ehre nicht zu gönnen? .Kein Mensch hat daran geduckt, Cie Leh­rer als ungeeignet zum Dienste als Laienrichter zu be- , trachten. Wie wenig Ursache die Lehrer haben, ii-h i gekränkt zu'fühlen, reht schon daraus hervor, daß sie sich in guter Gesellschaft befinden. Eine Anzahl Be- ,rufsklassen, wie die Minister, S c n a t o t e r, rich­terlichen und staats-'. , w alts chaftl ich en B c- I amten, Offiziere und Geistlichen fallen /ebenfalls nicht zum Dienst als Schössen ober Ge­schworene heran wzog.-n werden Wird ; cm cm 6 giau= ben, man habe damit Geringschäimng oder Mißtrauen gegen sie ausstw.Rwri wollen? Es geschiekt das ganz jwie bei ben Lehrern lediglich mir Rücksicht mif b»r Beruf dieser Personen, der keine Störung erleid-m 'soll. Andere Motive zu unieischieben, ist unelnlich. /Es erdieint uns aber auch noch nicht cusgema.'.tt ob 'es eine bemnwno ttuae Spekulation der liberalen Leh- rer sein wird, eine reine Zroeckmäßiqkciissrage in den ' Parteistreit hineinzustellen und ihre Etttscheidiung mit / den Mitteln einer nehrlichen und verletzenden D ema- (gogie su heein'Iüii.’n zu suchen.

TaS letzte diesw Mittel war folgendes: Cs nurbe ! behauptet, das Zentrum hübe für ie Abstimmung in . der zweiten Lesung einen lehrersrcun blichen ^Abgeordneten durch einen Gegner der Lehrer ersetzt. Dies ist vollst moiz »n'.mahr. Ein Zm- trumsabgevroa'.ie-, der in he’ ersten Lesung, für die i Zulassung gestimmt hatte, konnte an der Abstimmung i in der zweite-’ Lesung n'tttt teil nehmen, tuest an km betreffenden Tage seine Gattin von einem Knaben (entbunden wurde und deshalb seine Anwesenheit zu Hause notwendig war. Sein Ersatzmann war ein Volksschullehrer selbst, der sich der Abstimmung ent- hielt, weil er an der Frage persönlich beteiligt war, ein so korrekter Standpunkt, daß es wirklich schon einer besonders großen Unehrlichkeit bedarf, um aus der Sache einen Vorwand zur Hetze zu entnehmen. Die „Ersetzung eines lehrerfreundlichen Abgeordneten - durch einen Gegner der Lehrer" konnte für das Zen-