Jß 255.
zrettag del! 4. November 49(0.
37. Jahrgang.
* fuldaer M Leitung •
2. Blatt.
Druck un» Verlag »er Mdaer Ädienbrudetel in Zulda.
löhner in den mit neuem Wein gefüllten Keller. Er fand das Mädchen und den Knecht regungslos am Boden liegen. Man schaffte die durch die Stickgase völlig Belaubten aus dem Keller ins Freie und wandte sofort Wiederbelebungsversuche an, die nach längeren Bemühungen von Erfolg waren.
* Vom EichSfelde, 3. Nov. 1910. Wie aus dem Landkreise Mühlhausen berichtet wird, hatte der Landwirt W. einen großen Posten G i f t h a f e r von einer auswärtigen Firma bezogen. Bei dem Verkaufe waren die unübertrefflichen Wirkungen des Gisthafers besonders gerühmt worden. Nun wurde das Gift ausgelegt — keine tote Maus war zu finden. Darauf wurden ein paar Mäuse lebendig cingefan- 9en, eingesperrt und, um die Wirkung zu betrachten, mit dem unübertrefflichen Gisthafer heimtückisch bewirbt. Die Mäuse verzehrten den Gifthafer und blieben o gesund, daß erst der schneller wirkende Wassertod ihrer Gifthafermaststir ein Ende machte.
* St. Johann i. Rheinheffen, 3. Nov. 1910. Der „N e u e" fordert seine Opfer. Gutsbesitzer V. von hier schickte sein Dienstmädchen in den Keller, um Wein zu holen. Ms es nach einiger Zeit noch nicht zurück war, schickte man den Knecht nach, um nach dem Mädchen zu sehen. Doch auch dieser kam nicht wieder. Unter Anwendung der größten Vorsicht wagte sich nun ein im Hause beschäftigter Tage-
E DerBesnch -es Zaren iu Potsdam.
Heute vormittag ist der Zar zum Besuche des Kaisers in Potsdam eingetroffen.
Von besonderer politischer Bedeutung wird die Monarchenbegegnuug in Potsdam nicht sein, sofern man davon absieht, in ihr die Bestätigung des wenn nicht herzlichen, so doch korrekten Einvernehmens zwischen den beiden großen Reichen zu erkennen. Auch die Anwesenheit des künftigen Ministers Sasonow, der bereits am Dienstag in Berlin die Letter der deutschen auswärtigen Politik besuchte und in diesen Tagen in Potsdam wieder Gelegenheit haben wird, sich mit den verantwortlichen Stellen der deutschen Negierung zu bereden, entbehrt einer besonderen politischen Bedeutung. Es besteht kein Grund anzunehmen, daß Herr Sasonow Deutschland gegenüber eine andere Politck befolgen werde, als sie sein Vorgänger Iswolski befolgt hat. Wenn wir von unserer Seite an den Wechsel im russischen Ministerium des Aeußeren eine Hoffnung geknüpft haben, so ist es die, daß die Beziehungen zu Oesterreich-Ungarn, die unter Iswolski herzlich schlecht waren, von Herrn Sasonow auf eine solidere Grundlage gestellt werden würden. " Es bleibt abzuwarten, ob diese Hoffnung sich erfüllen wird. Jedenfalls bietet die Persönlichkeit des neuen Ministers, der den internationalen Fragen vorurteilsftei gegenüberzustehcn pflegt, ohne sich in seinen Entschlüssen von persönlichen Stimmungen leiten zu lassen, der als Hauptrichtschnur seiner Politik das Wohl seines Landes betrachtet, eine gewisse Gewähr dafür. Und es erscheint uns nicht ausgeschlossen, daß seine persönliche Fühlungnahme mit den leitenden Männern der deutschen Politik wohl dazu beitragen könnte, das Verhältnis zu Wien in eine bessere Bahn zu lenken.
Aus dem Nachbargebrete.
Wk. Geisa, 3. Nov. 1910. In Ergänzung unseres Berichtes in Nr. 251 über die hier am Sonntag abgehaltene Volksvereinsversammlung tragen wir noch nack, daß Herr Frühmeffer Raab auf die segensreiche Tätigkeit des Volksvereinssekretariats in Fulda hinwies, welche ihm schon von manchen Personen, die die Sprechstunden in Geisa besuchten, bestätigt worden sei. Er gab bekannt, daß der katholische Männerverein zu Geisa beschlossen habe, zu den Unterhaltungskosten des Sekretariats für 10 Jahre einen jährlichen Zuschuß von 20 Mark zu leisten. Er wünschte, daß noch vi le Vereine folgen möchten, damit der Fortbestand des Sekretariats nicht in Frage gestellt werde. Diesem Vereine kann zum Lobe nachgesagt werden, daß er der erste ist, der diese Einsicht besessen. Möge das gute Beispiel eifrige Nachahmung finden.
* Frankfurt, 3. Nov. 1910. Das Schöffengericht verurteilte den Kartoffelgroshändler Eugen David, der in der Markthalle einen Sack Kartoffeln verkauft hatte, von denen 7 5 Prozent faul waren, wegen wissentlichen Verkaufs eines verdorbenen Nahrungsmittels zu 150 Mk. Geldstrafe.
* Melsungen, 1. Nov. 1910. Der hier wohnhafte in der Mitte der 50er Jahre stehende Weber Karl Ellenberger ist gestern unter der großen Eisenbahnbrücke bet Malsfeld tot aufgefunden worden. Jedenfalls ist der Verunglückte nachts vom Wege abgekommen und ist bei dem Bemühen, die Straße zu finden, die ihn nach Melsungen führen sollte, die hohe Böschung herab auf die Straße gefallen, wobei schwere Schädel- und sonstige Verletzungen seinen Tod herbeiführten.
* Carlshafen, 2. Nov. 1910. Gestern nachmittag geriet der Fabrikarbeiter G. Stübener aus Helmars- hauscn mit dem Unterarm in die Tabakschneidemaschine der Fabrik Baurmeister u. Co. Der Verletzte wurde am Dienstag abend in das Landkrankenhaus nach Kassel gebracht^ wo ihm am Mittwoch der Arm abgenommen werden mußte.
* Kassel. 3. Nov. 1910. Der diesjährige Kursus der S ch u tz m a n n s s ch u l e ist vor einigen Tagen eröffnet worden. Es nehmen 11 hiesige und 7 auswärtige Schutzleute daran teil. — Einem vor dem Königstor wohnenden Kaufmann wurde in einer der letzten Nächte, während er im Bette lag, das Portemonnaie mit 240 Mk. Inhalt aus der über einem Stuhle hängenden Hose gestohlen. Der Mann war so leichffinnig gewesen, bei unverschlossener T ü r zu schlafen.
aus Dcuffchland nach Oesterreich gesandt? Trotzdem aber muß der Deutschradikale Dr. Perko noch den geringen Erfolg der Uebertrittsbewegung feststellen.
** Der Boykott griechischer Waren ist von neuem ausgenommen worden In Saloniki hat der Chef der Auslader, Lastträger und Bootsleute au: deren Drohungen hin die Erklärung, der Boykott gegen Griechenland sei aufgehoben, wieder zurücknehmen müssen.
*♦ Durch die russischen Senatoreurevisionen in der Kriegsverwaltung und in den Staatsfabriken sind bislang 445 Personen dem Strafgericht übergeben worden.
Deutsches Reich.
* Die Reichstagscrsatzwahleu seit 1907. Seit den ■ stagsivahlen vom 25. Januar 1907 haben bis , . 39 Reichstag-ersatzwahlen stattgefunden. Von d.czen brachten 25 keine Veränderung in dem Stärke- vcrhältnis der Fraktionen. Es behaupteten den schon innegehabten Wahlkreis: Konservativen fünf Mal, Zentrum 9, Polen 4, Nationalliberale 3, Fortschritt 1, Sozialdemokratie 3 Mal. Die Gewinn- und Verlustliste der einzelnen Parteien stellt sich, wie folgt: Konservative — 3, Wirisch. Vereinig.
Ausland.
* Die Los von Rom-Bewegung in Oesterreich wird bekanntlich von protestantischer Seite im Deutschen Reiche, insbesondere vom Gustav Adolf-Verein und vom EvangAischen Bunde mit großen Geldmitteln unterstützt. Es handelt sich aber hierbei um weggeworfenes Geld, wenn man erfährt, wie fruchtlos diese Summen geblieben sind. Mögen die Protestanten Deutschlands sich dies von einem des Ultramontanis- mus gewiß nicht verdächtigen Beurteiler sagen lassen. Der Deutschradikale Dr. Franz Perko stellt in dem Wiener deutschradikalen Organ Ostdeutsche Rundschau den „geringen Erfolg der Uebertritts- b e w e g u n g" fest, und gibt dem Protestantismus selbst die Schuld daran, dem Protestantismus, dem es an innerer Werbekrast fehle, da er ja selbst „krankt", wie dies die zahlreichen Austtiite aus den deuffchen Landeskirchen beweisen. Man kann auch nicht sagen, daß die durch die Los von Rom-Bewegung vom Katholizismus zum Abfall gebrachten Leute nun durchaus gläubige und stamme Protestanten geworden seien; sie sind zwar „los von Rom" geworden, aber damit innerlich nicht zu positiv gerichteten Anhängern des Evangeliums „bekehrt" worden. Hat doch der evangelische Pfarrer Kappus (Wiener Neustadt) auf der letzten Generalversammlung des Evangelischen Bundes in Chemnitz offen erklärt: „Wir wollen die kacholischen Oesterreicher nicht evangelisch - lutherisch machen, aber römisch-katholisch sollen sie auch nichr sein. Ob sie evangelisch oder freireligiös werden, ist uns gleich." Diese Worte besagen genug. Aber es ist ja zur Genüge bekannt, daß die Los von Rom-Bewegung nicht auf religiöse Ueberzeugung berechnet ist und daß sie in der Hauptsache aus politischen Beweggründen hervorgegangen ist, daß sie mit der alldeutschen radikalen Bewegung in engstem Zusammenhänge steht und dadurch auch einen h o ch- und landesverräterischen Charakter gewonnen hat. Werden dafür die Millionen von Mark
vermischtes.
* Die Bezeichnung „Schulmeister" strafbar. Der 17jährige Töpferlehrling Hermann Rapp in Insterburg wurde vom Schöffengericht zu 10 Mark Geldstrafe verurteilt. Rapp, der früher die Fortbildungsschule besuchte, hatte seinem ehemaligen Lehrer auf der Sttaße das Wort „Schulmeister"! zugemfen. Die gegen das Urteil eingelegte Berufung wurde von der Sttaflammer mit der Begründung verworfen, daß mit dem Ausdruck „Schulmeister", der stüher für einen Lehrer ehrenhaft war, jetzt eine gewisse Nichtachtung verbunden sei.
* Ein interessanter Freispruch wurde gegenüber dem Buchhalter Hermann Wolf in Mülheim (Rhein) gefällt, der bei der Firma Reifenrath u. Christ beschäftigt war. Nach vier Jahren wurde ein Kassendefekt von 6000 Mark fest gestellt, das dadurch zustande kam, daß lange Zeit Arbeiter in den Listen geführt wurden, die nicht mehr lebten oder aus der Gegend fort waren. Wolf gestand die Fälschungen ein, behauptete aber, es handle sich um Vas Unkostenkonto, da Summen, die zum Schmieren von Beamten gebraucht wurden, nicht anders hätten gebucht werden können. Namen wollte Wolf nicht nennen, da er sich evenluell selbst strafbar gemacht habe. Die Strafkammer erkannte auf Freisprechung. •
* Eine Telefunkeustation aus der Zugspitze wirb von der bayerischen meteorologischen Zenttalstation eingerichtet werden. Bei Versuchen wurden außer den Zeichen anderer Stationen auch Telegramme der Station Norddich und das für die Seefahrt auf dem Atlantischen Ozean von dort ausgegebene Zeitsignal für 12 Uhr Greenwicher Zeit deutlich klar empfangen. Die endgültige Aufftellung der Apparate erfolgt erst im nächsten Juni, da die Witterung gegenwärtig ungünstig ist.
Literarisches.
Wisemann-Faber: Die heilige Eucharistie. Das hei. lige Altarssakrament oder die Werke und Wcsze> Gottes. Neu herausgegeben von Joh. R h o t e r t, Domkapitular. Osnabrück. Verlag von Bernhard Wehberg. 1910. 8°. VIII u. 448 S. M. 1,50, geb. 2 Mark.
Es handelt sich hier um einen Versuch, gewisse Teile der theologischen Wissenschaft populär darzustellen, um so die Andacht des Volkes zu dem höchsten Sakramente unserer hl. Religion mehr anMachen. Dazu wurde mit viel Geschick das hervorragende Werk des englischen Konvertiten und Oratorienpaters Faber gewählt und gearbeitet. Hierin wird dasGeheimnis der Liebe Christi dem Leser vorgeführt als das größte aller Wunderwerke Gottes, als besonderer Gegenstand der Andacht, als Anziehungspunkt frommer Seelen, als mächtiges Lebensmittel für die Kirche. Den Aus- ührungen Fabers hat der Herausgeber drei Vorträge des berühmten Konvertiten und Kardinals Wifeman vorausgestellt, die den positiven Beweis für die Glaubenslehre erbringen aus den Verheißungs- und Ein- etzungsworten Christi, sowie aus der kirchlichen Ueber- liefemng. Es wäre mit Freuden zu begrüßen und würde die besten Früchte hervorbringen, wenn diese Schrift — in so niedriger Preislage — wirklich unter dem Volke Verbreitung fände. N. St.
und Ref.-Partei — 3, Zentrum + 1, Welfen + 1, Nationalliberale +2,-6, Fortschritt + 1, — 2, Sozialdemokratie fi- 9.
* Der „schwarz-blaue Block". „Wenn es überhaupt noch eines Beweises bedurft hätte, daß es einen sogenannten schwarz-blauen Block nicht gibt, so ist er, schreibt die „Kreuzztg.", in den beiden wichtigen Kommissionen des Reichstags, die auch den Sommer über getagt oben, erbracht worden:
Sowohl bei der Beratung der Versicherungsordnung wie bei der Strafprozeßordnung war von einem Bündnis zwischen Zentrum und Konservativen nicht das mindeste zu spüren, im Gegenteil fanden sich fast bei allen wichtigen Fragen dre Konservativen und die Nationalliberalen zusammen, während im übrigen die Mehrheitsbildung wechselte. Was würde die liberale Preffe sagen, wenn wir aus dem häufigen Zusammengehen von Zentrum, Fortschritt und Sozialdemokratie auf das Vorhandensein eines schwarz-rosa-roten Blockes schließen wollten! Solche Verhetzungen' der Agitatoren im Lande haben auf die Kommisstonsarbeiten zum Glück gar feinen Eindruck gemacht. Es war ein ruhiges, sachliches Zusammenarbeiten, ein Vorgang, der am besten geeignet ist, die Wunden zu heilen, die die Parleiteidenschaften in der letzten Zeit dem Volke geschlagen haben.
Das ist offenbar einer gewissen Preffe gar nicht nach Wunsch und es ist charakteristisch, zu welcher Verdrehung der Taffachen, zu welchen platten Unwahrheiten hierbei flrupellos gegriffen wird."
# Karlsruhe, 3. Nov. 1910. Seit mehreren Jahren besteht in Kreisen der badischen mittleren und untern Beamten der Wunsch, wohlklingendere Titel zu erhalten. Niemand möchte gern mehr Assistent oder gar Gehilfe heißen; besonders der Titel Sekretär ist für viele Beamtenkategorien das Ziel ihrer Wünsche. Tatsächlich war auch die badische Regierung ihrer Erfüllung nicht abgeneigt, und eine Kommission ans Vertretern der verschiedenen Ministerien hat in diesem Sommer mehrere Wochen lang gearbeitet, um die Berechtigung oder Nichtberechtigung der Titelwünsche zu besprechen. Anläßlich des Festes der Sllbernen Hochzett des Großherzogvaares hatten die Ratgeber dem Landesherrn bestimmte Vorschläge in der Titelfrage gemacht; sie haben aber nicht die Zustimmung des Großherzogs gefunden, und man kann unter diesen Umständen annehmen, daß der viel erörterte Tttelstrett in den nächsten Jahren, well aussichtslos, von der Tagesordnung verschwinden wird.
hinlief und vergebliche Versuche machte, ihr zu Hilfe zu kommen.
Und dann wurde die Strömung tiefer, und selbst der Versuch, festen Fuß zu fassen, wurde unmöglich; machttos, jammernd ftretfte das junge Mädchen die Arme aus. Eine Weile wurde sie von ihren Kleidern emporgehalten, aber als diese mehr und mehr Wasser sogen, fühlte sie sich durch die Schwere derselben niedergezogen, die Flut stieg ihr bis ins Kinn und der Tod starrte ihr entgegen.
Sie gab die Hoffnung auf, und da sie ein ungewöhnlich starkes Herz hatte, kam die Ruhe der Ergebung über sie; ihr Hülfeschreien verstummte. „Beten Sie für mich!" rief sie der Miß Everett zu.
Aber im nächsten Augenblick kam die Hoffnung zurück und mit ihr — wie es in der Natur der Dinge liegt — auch die Furcht. Ein Mann mit bloßem Kopfe und fliegenden Haaren stürmte auf ungefatteltem Pony heran, indem er lauter und entsetzensvoller schrie als die beiden Frauen. In rasender Eile trieb er das Tier dem Strome zu, und als dasselbe das Ufer erreicht hatte und hier, die Füße einstemmend, plötzlich stehen blieb, toarf sich Hope über den Kopf des Pferdes ins Wasser und hielt im nächsten Augenblick fein Kind im Arme. Mit dem andern Arme ruderte er mit aller Kraft der Strömung entgegen, aber diese war jetzt, dem Absturz nahe, so mächtig, daß sie Beide immer weiter vorwärts gerissen wurden, während Hope das User zu gewinnen suchte. Sie kamen demselben auch näher, aber gleichzeitig hörten sie immer lauter das Brausen des Wasserfalls, dem sie mit eiserner Gewalt zugezogen wurden. Jetzt waren sie demselben ganz nahe, da zeigten sich, Rettung verheißend, die überhängenden Zweige einer Weide Hoppe griff danach, und es gelang ihm, sie zu fassen; bann ergriff er einen Ast, endlich den Stamm des Baumes, als seine Füße eben wieder von der Gewalt der Strömung fortgerissen wurden . Beider Leben hing an diesem Baume, den Hope mit dem rechten Arm umfaßte, während sein linker das junge Mädchen festhielt.
„Grace . . . Mary . . . schlinge Deinen Arm. um meinen Hals", sagte er, sich zur Ruhe zwingend. |
„Gleich, lieber Hope", gab sie gefaßt zur Antwort.
„So, nun haben Sie nur keine Angst mehr, die Gefahr ist vorüber. Nun Ivinden Sie sich langsam um mich herum, indem Sie sich fest an meinem rechten Arm halten." Sie tat, was er verlangte. „Nun halten Sie sich mit der linken Hand am Ufer fest, aber ohne mich loszulassen."
„Ja, lieber Hope", sagte die kleine Heldin, die alle Furcht oerloren hatte, feit er ihr zu Hülfe gekommen war.
Jetzt faßte Hope den Baum mit feiner Linken, schob und hob Mary mit der rechten auf den Uferrand, und im nächsten Augenblick hielt er sie auf festem Grund und Boden in den Armen. Dann aber ging eine Veränderung mit ihm vor, welche Mary Bartley, die in jedem Manne ein höheres, zuweilen unverständliches Wesen zu sehen pflegte, im höchsten Grade überraschte. Der starke tapfere Mann zitterte wie Espenlaub, weinte, und indem er das junge Mäd- chm leidenschaftlich küßte, rief er schluchzend:
„O mein Kind! mein Kind!"
Nun begann natürlich auch Mary voll sympathischer Rührung zu meinen, aber ihr leicht beweglicher Sinn war bald des Enffies müde. Sie streichelte Hope die Wangen, küßte ihn und versuchte ihn zur Ruhe zu sprechen.
„Guter, lieber, bester Mr. Hope . . . bitte, weinen Sie doch nicht!" sagte sie. „Jrn Wasser waren Ste so tapfer, und jetzt, da alles vorüber ist . . . Und was war's denn weiter? Ich habe ja nur ein Bad genommen!" Mit diesen Worten brach das leichtherzige junge Wesen in ein fröhliches Lachen aus.
Hope war aufs höchste erstaunt; iveber fein Herz noch fein Geschlecht hätten chm einen solchen Wechsel der Stimmung erlaubt
„Mein liebes Kind", sagte er, „wie können Sie lachen. Sie waren dem Tode nahe, und wenn ich Sie verloren hätte, was wäre aus mir geworden? O mein Gott!"
(Fortsetzung folgt.)
schnitten, von denen gewöhnlich zwei Drittel aus dem Wasser hervorragten. Die Dorfjugend, mit Einschluß Mary Bottleys, pflegte diese Steine ohne alle Furcht als Brücke zu benutzen, obwohl der Fluß, gerade hier immer breiter und tiefer werdend, rasch dahinschoß und endlich einen Wasserfall bildete, von dem ans er dann ruhig toeiterftrömte.
Als Mary und die Gouvernante heute zu dem Bache kamen, sanden sie ihn durch Regengüsse der letz- den Tage bedeutend angeschwollen. Schäumend spritzte das Wasser an den Steinen auf, die kaum noch aus den Wellen hervorsahen
Die Gouvernante wollte das Ueberschreiten des Baches nicht gestatten, aber Mary ließ sich nicht davon abbringen.
. ."Der andere Weg ist eine Viertelstunde weiter", "Usid ich bin so sehr, sehr hungrig . . .
Liebe Miß Everett, ich bin ja schon hundertmal hin- ubergegangen." 7
-Aber das Wasser ist heute so tief." au$ ctl0aä tiefer ist als gewöhnlich, hoher als bis an meine Knie reicht es doch nicht — fefjen Sie nur! Ich würde auch ohne die Steine hin- uberkommen. Gehen Sie den andern Weg, liebe Miß Everett; ich werde Ihr Ausbleiben entschuldigen ' , ."Gut, aber erst muß ich sehen, daß Sie glücklich trüben sind." ’
„Das soll bald geschehen fein", antwortete das junge Mädchen, nahm hastig, ein weiteres Verbot fürchtend, ihre Kraft zusammen, und würde, wenn sie ein Knabe gewesen wäre, ohne Unfall hinübcrge- kommen fein. Da sie aber vergaß, mit den Armen zu balancieren, glitt sie auf dem fünften Steine, der besonders glatt und schlüpfrig war, ans, und mit einem leisen Aufschrei fiel sie in das Wasser.
Zu ihrem Erftaunen fühlte sie, daß die Strömung sie fortriß, obwohl das Wasser durchaus nicht tief war. Im nächsten Augenblick hatte sie zwar wieder Grund unter den Füßen, war jedoch nicht im Stande, sich auftecht zu erhalten; so sehr sie sich mühte, immer wurde sie aufs neue Hingerissen und weiter sortgetta- gen. Voll Entsetzen schrie sie um Hllfe, während die arme Gouvernante, ebenfalls laut schreiend, am Ufer
In der englischen Presse zeigt sich eine gewisse Unruhe wegen der Begegnung des Kaisers mit dem Zaren. Von unserer Seite ist dazu ein Grund jedenfalls nicht gegeben. Dagegen wäre es an sich verständlich, wenn man in Rußland das Verhältnis zu England etwas kühler zu betrachten begänne. Insbesondere das neueste Vorgehen Englands in.Persien kann den russischen Interessen gefährlich tverden, und man mag sich in Rußland allmählich wohl die Frage vorlegen, welche Vorteile Rußland von England gehabt habe. Allzu groß ist die Ausbeute nicht. Zurzeit aber deutet nichts darauf hin, daß die amtliche russische Politik in ihrem Verhältnis zu England eine Aenderung werde eintreten lassen, und deshalb dürfte auch auf dieser Seite ein Grund für die englische Beunruhigung nicht vorliegen.
Das deutsche Volk sieht der Monarchenbegeg- nug in Potsdam mit großer Ruhe entgegen. Wir furchten nichts von Rußland, erhoffen aber uuch nichts von ihm.
Wir wollen, daß zwischen Deutschland und Ruß- Ed ein gutes fried liches Einvernehmen erhalten bleibe. Aus diesem Grunde haben wir es aus daS schärffte verurteilt, daß in letzter Zeit ein Teil der deutschen Presse sich darin gefallen har, gegen Rußland und insbesondere gegen die Zarenfamilie in schmähsüchtiger und beleidigender Form Stellung zu nehme». Aus der anderen Seite müssen wir sagen, daß die russische Presse, die am lautesten darüber Klage geführt hat, am wenigsten Grund dazu hatte, weil ihre Stellungnahme gegen Deutschland auch durchaus nicht von friedfertigen Gesinnungen diktiert war und sich oft genug in ebenfalls nicht sehr höflichen Formen bewegte. Wir entschuldigen damit die bezeichneten deuffcheii Blätter nicht, aber wir meinen, daß zur Er- haltung eines guten friedlichen Einvernehmens auf russischer Seite mindestens so viel gebessert werden muß, als bei uns.
f"X yv < »bissen mir uns Die vor 4 Wochen entliehe- f*X II] || I K »k« Bücher. Aach Ab- BO-&/UUI lass »SN 8 Tagen wer- Sen Sie aichl iurüt6» egebenen Bücher Her LrSnung gemäß eingehoss. Die CeSöhr Salär belrög! 20 Psg.
Ae Bücherei des BereiiS.BMIesehalle' ===== am Umweg. ----
Ein gefährlicher Geheimnis.
16] Roman in zwei Bänden von Charles Reade-
„Du kannst nicht erwarten, daß Männer in unfern Jahren sich so leidenschaftlich zeigen, wie sehr junge Damen zu tun pflegen", fiel Bartley wichtig ein. „Trotzdem hat er Dich ebenso lieb wie Du ihn."
„Dann hat er mich sehr lieb, Papa", antwortete das junge Mädchen mit großer Herzlichkeit; aber die beiden Männer schwiegen, und berivunbert sah Mary von einem zum andern.
Unsere großen Psychologen, die auch gewöhnliche Vorgänge mit mikroskopischer Genauigkeit zu zergliedern pflegen, würden sich in eine Szene, wie die eben geschilderte, vertiefen und derselben Bände voll ähnlicher Vorgänge anreihen, um mit ihrer Hilfe baS Herz fces Vaters bis in die kleinsten Regungen zu sezieren Wir armen Erzähler dagegen werden durch die Ungeduld unserer Zuhörer getrieben, ohne Aufenthalt Weier zu gehen und durch die Vertreter des Wortreich- lums — unsere weiblichen und neun Zehntel unserer männlichen Kollegen — dahin belehrt, daß wir durch die „Meisterschaft der Schilderung;", das heißt durch jene träge Erzählungsweife, die es möglich macht, zehn Seiten lang durch Sumps und Binsen zu waten, um uns eine Wasserlilie zu zeigen, nur zur gründlichsten Langweiligkeit gelangen. Wir ziehen es daher vor, nur die wichtigsten Vorgänge zu schildern, und geben uns der Hoffnung hin, daß sich unsere Leser durch eigenes Nachdenken die eigentümliche Lage Mary Bartleys und ihrer beiden Väter klar machen werden.
Eines Morgens war das junge Mädchen mit ihrer Gouvernante in der benachbarten Stabt gewesen, wo sie sich der ernsten Ausgabe des Einkaufens hingegeben hatten. Sie kamen auf einem kürzeren Wege zurück, der das Ueberschreiten des Lyn, eines Baches oder kleinen Flusses, nötig machte, welcher in rascher Strömung dahinschoß und hin und wieder sehr tief war. An einer Stelle war fein Bett jedoch ziemlich seicht sind von einer Anzahl großer flacher Steine durch