Mnerstag.S. November 1910.
M. Jahrgang.
« fuldaer W
Zeitung«
,t . 2. Bla«.
Druck und Verlag der Zuldaer Actiendruckerri in Znlda.
Deutsches Reich.
/ )( Die bedingte Begnadigung ist in Deutschland 'seit dem Jahre 1895 in Anwendung getommen. Die -Vergünstigung beschränkt sich auf Freiheitsstrafen mit Einschluß derjenigen, welche an die Stelle einer nicht- beimtreibenden Geldstrafe treten. Ueberwiegend sind ß die Jugendlichen, denen diese Wohltat zuteil wird. Man hat von dem bedingten Strafaufschub eine günstige Einwirkung auf die Zahl der Rücffälle erwartet, Md in dieser Beziehung geben die Ermittelungen der Kriminalstatistik einen genauen Anhalt. Danach wurden von den zum ersten Male Verurteilten innerhalb der nächsten drei Jahre 13 Prozent, rückfällig. Dagegen traten in den Fällen des bedingten Strafaufschubes bei 20 Prozent Umstände ein, welche eine Verbüßung der verhängten Strafe notwendig machten. Diese Erfahrungen führen zu dem Ergebnis, daß die bedingte Begnadigung zur Verminderung der Rückfälle bisher nicht beigetragen hat. Ebensowenig allerdings kann ein Beweis daraus entnommen werden daß sie die allgemeine Kriminalität ungünstig beeinflußt Als Erfolg der bedingten Begnadigung ist jedenfalls anzusehen, daß in vier Fünfteln aller Fälle die Betroffenen von der Freiheitsstrafe und den damit verbundenen schädlichen Folgen bewahrt geblieben sind.
* Eine Kostprobe konfessioneller Hetze. In Spandau ist eine neue katholische Kirche errichtet worden, die am Sonntag von dem Fürstbischof Dr. Kopp aus Breslau eingeweiht wurde. Als kürzlich bekannt wurde, daß eine der Glocken zu Ehren des hl. Karl Borromäus gestiftet worden ist, bemerkte die „Tägl. Rundschau":
Diese Borromäus-Glocke in der alten Stadt Spandau, wo einst Kurfürst Joachim II. seinen Uebertritt »um Protestantismus vollzog, soll offenbar an den Sommer 1910 erinnern und das päpstliche Urteil über die verderbten Fürsten und Völker der Reformationszeit im Gedächtnis der Nachwelt lebendig erhalten. Obwohl die Glocke die harmlose Inschrift trägt: „Der hl. Karl Borromäus nehme uns in seine unausgesetzte Obhut und lasse uns erglühen in der Liebe zu Gott-, jo weiß man ja, was das bedeutet. Erglühen und sich ereifern, nämlich gegen die Ketzer, hängen aufs engste zusammen. Die beste Antwort von protestantischer Seite wird die tatkräftige Förderung der „Borromäus- Epende" fein, die der „Evcmgel. Bund- (Halle a. S., Albrechtstr. 38) veranstaltet.
zumeist mit Dingen, die sie gar nichts angehen. So wurden vor allem Resolutionen angenommen gegen die Borromäus-Enzhklika gegen das päpstl. Dekret über »te Früherlegung der Erstkommunion der Kinder und gegen andere päpstliche Erlaffe. Die altkatholische Sache geht unaufhaltsam den Krebsgang, Resolutionen gegen den Katholizismus ändern daran gar nichts.__
Ausland.
t Der Kampf um den Parteireformator Roosevelt nimmt in den Vereinigten Staaten merkwürdige Formen an. Man spannt jetzt schon die Kinemato- graphen in den Dienst der von Roosevelt bekämpften großkapitalistischen Ausbeuterei der Trusts: 325 Kinematographentheater und etwa 100 Tingeltangel tnb für diese Anti-Roosevelt-Propaganda engagiert worden. Man nimmt an, daß diese Vcrgnügungs- lokale täglich etwa von 325000 Personen besucht werden, von denen die meisten Frauen sind. Roosevelt erfreut sich aber gerade bei den Frauen der größten Sympathien. Seine Gegner hoffen, durch Roosevelt-feindlichen Kinematographen-Aufführungen und Variete-Vorstellungen gerade aus die Frauen einzuwirken und sie dahin zu bringen, daß sie auch ihre Männer gegen „Teddy" beeinflussen.
* Die Unruhen in Mazedonien nehmen täglich an Umfang zu. Fünf bulgarische Baudenchess, bar- unter der bekannte Bandensührer Tschernopcji e, wurde bei Gornia Dschumaja von türkischen Soldaten überrascht. Drei Bandensührer wurden schwer verwundet, einer wurde getötet. Die Verwundeten sind entkommen. — In einem llesküb benachbarten Dorfe wurden am Sonntag sechs Wagen mit Dynamit und Bomben beschlagnahmt; 30 Bauern wurden verhaftet. — Das Kriegsministerium hat beschloffeu, militärische Maßregeln zur Ueberwachung des Babnuetzes in der europäischen Türkei zu treffen. Die türkische Presse brandmarkt die Gewalttaten des bulgarischen Komitees und fordert die Regierung auf, ebenso strenge wie beim bulgarischen Aufstand vorzugehen. — An der montenegrinischen und serbischen Grenze soll je ein Grenz- wachenregiment gebildet werden. — Um die Reibereien an der montenegrintschenGreuze zu beendigen, bewilligte daS Ministerium der Amnestie für alle christlichen und mohammedanischen Albanesen, die nach Montenegro geflüchtet sind.
Die „Tägl. Rundschau" will also den Katholiken nicht mehr gestatten, den hl. Karl Borro- (mäus zu verehren; er soll wohl aus Dem Ktrchen- kalender gestrichen werden? Wir haben gar ^nichts gegen „Lutherglocken" usw. einzuwenden, Aber man lasse den deutschen Katholiken auch die ^Freiheit, daß sie ihre großen Männer ehren. j) ♦* Nachträgliches zur Königsberger Kaiserrede. Der fortschritüiche Neichstagsabg. Profeffor Eickhof f hat dieser Tage in Remscheid eine Rede gehalten, worin er u. a äußerte:
„Die Kritik an der Königsberger Kaiserrede war von der Preffe, nicht nur von der sozialdemokratischen Presse, so übertrieben wie nur möglich. Der Kaiser hat nicht gesagt und nicht sagen wollen, daß er die Reichsverfassung antasten wolle, die er volle 22 Jahre in Treue gehalten Hal Eine Herausforderung des Volkes l egi nicht tu der Kaiserrede. Daß der Kaiser selber mit allen seinen Worten und Handlungen nicht nur wie jeder ehrliche Mann seiner redlichen Ueberzeugung folgt, jondern daß er dabei auch dem Besten des Landes und des Volkes zu dienen glaubt, davon sind wir alle überzeugt, wir alle, die wir, trotzdem wir als treigefinnte Männer noch lange nicht jede seiner Aeußerungen zu billigen vermögen, dennoch allezeit treu zu Kaiser unö Reich stehen "
Damit hat Herr Eickhoff nicht nur der sozialdemokratischen, sondern auch der Preffe seiner eigenen Partei eine klatschende Ohrfeige erteilt.
200 neue Beamtenstelleu für Militäranwärter. In dem neuen Etat der Reichspost- und Telegraphen- derwaltung tft die Schaffung folgender neuen Stellen vorgeseheii: 500 für Assistenten, 500 für Oberschaffner und 400 für Postschaffner. Von den Beamtenstelleu entfallen 200 auf den Anteil der Militäran- warler.
** Offenbach, 2. Nov. 1910. Am Sonntag wurde hier die 4. Hessen-Nassauische altkatholische Bezirkssynode abgehalten. Sie beschäftigte sich
Aus Mche und 5chu!e.
--München, 31. Oft. 1910. Nuntius Früh- wirth ist nach Rom gereist. Die liberale Presse hat mal wieder das Gras wachsen -hören und versichert, die Reise sei erfolgt, wegen der' letzten päpstlichen Dekrete, die den deutschen Verhältnissen wenig entsprachen. Demgegenüber versichert der ,Bayerische Kurier', die Reise gelte ausschließlich dem neuerbauten Heim des Dominikanerordens, dessen General Frühwirt 12 Jahre gewesen ist.
Aus -em Nachbargebiete.
♦ Gilsa, 2. Nov. 1910. Nicht dringend xenua kann darauf hingewiefen werden, beim Legen des Giftes gegen die Mäusep'age die größte Vorsicht walten zu taffen. Ein hiesiger Rittergntspächtcr mußte die traurige Wahrnehmung machen, daß 22 seiner besten Hühner verendeten, jedenfalls »ach dem Genüsse von vergifteter Frucht.
* Frankfurt a M., 1. Nov. 19:0. Eine ungenannte Gönnerin hat dem physikatijchen Verein in Frankfurt a. M. durch eine bedeutende finauzielle Unterstützung die Errichtung eines mit den modernden Hilfsmitteln ausgestatteten meteoro ogischcn und acrologischen Observatoriums ans dem Feldberge im Taunus ermöglicht. Als erste Gründung ist eine dauernde Erdbebenwarte auf dem Gipfel des Feld der aes in Aussicht genommen.
X Kassel, 2. Nov. 1910. Vor hundert Ja h- r e r. ist die katholische Kirche St. Elisabeth am Friedrichsplatz mit einem Glockenturm versehen worden und diese hat dadurch das äußere Ansehen eines Gotteshauses erhalten. Der kath. Landgraf Friedrich II. ließ nach seinem Regierungsantritt in einem Zimmer des alten Landgrafenschlosses für seinen Privatgebrauch eine kleine Kapelle herrichien.
Für feine kath. Geistlichen ließ er dann 1770-1776 durch Du Ry an der Ostecke des Friedrichsplahes aus dem alten Festungsgraben das sog. „geistliche Haus" bauen, das auch die neue Hoflapelle mit umfaßte. Mit Rücksicht auf die fast durchweg reformierte Bevölkerung Kassels erhielt cs weder Turm noch Glocken, sodaß cs nach außen hin völlig den Eindruck eines Privathauses machte. Der erste Gottesdienst barm fand am 10. November 1776 statt. Der Landgraf umgab die Kirche mit einem größeren und lleme- ren Garten und das gesamte Gebiet wurde mit einer Mauer umgefriedigt. Erst 1827 kam der nach dem Museum zu gelegene Garten widerrechtlich dadurch in Forffall, daß in ihm das Verwaltungsgebäude, die jetzige Kriegsschule, errichtet wurde. Die Kirche selbst benannte der Landgraf nach einer seiner Ahnen die Pfarckirche zur hl. Elisabeth. Sobald die Hoflapelle fertig war, bezogen die 3 Hofprediger das für sie bestimmte Haus, das mit der Kapelle nach außen hin ein Gebäude darftellte. Die kath. Geistlichen durften aber weder taufen noch begraben und außerhalb der Kirche keine öffentliche Amtshandlung vornehmen. Als der Landgraf am 31. Oktober 1785 in seinem Weißensteiner Schloß (Wilhelrnshöhe) am Schlagfluß gestorben war, wurde er in einer Gruft unterhalb der Sakristei seiner Hoflapelle beigesetzt, und noch jetzt wird dort bekanntlich das Jahrtagsamt an dem mit schwarzen Sammet überzogenen, auf Steinunterlagen ruhenden Sarg feierlich gehalten. Neben dem Sarg steht ein mit Holz umkleidetes Zinnkästchen mit den Eingeweiden des Fürsten. Als 1807 Kassel Hauptstadt des Königreichs Westfalen wurde, behielten die Katholiken völlig freie Religionsübung. Der Hof mar katholisch, und ein katholischer Bischof, der frühere Generalvikar von Wendt, Domprobst und Weihbischof von Hildesheim, zog als Palajtbischof Jeromes in Kaffcl ein. Da die meisten Hofbeamten katholisch waren, nahm die Zahl der Katholiken in Kaffcl erheblich zu. Unter diesen Umständen war das Bestreben erklärlich, Der Elisabethlirchc auch äußerlich das Ge- präae eines Gotteshauses zu geben. Im Jahre 1810 schenkte ihr Jerome 2 größere und eine kleinere Glocke, die in der früheren Dcutschordenskirche St. Georg in Hildesheim gehangen hatten. Run mußte natürlich auch ein Glockenturm errichtet werden. Die Kosten hierfür, sowie für den am 30. Mai 1810 erfolgten Glockcntrausport wurden durch freiwillige Beiträge gedeckt. Der schlichte Turm mit vergoldetem Kreuz wurde genau so gebaut, wie er jetzt noch sicht. Eine der Glocken stammt aus der Zeit von 1200. Nach dem Sturze Jeromes 1813 wurden die Glocken von Hildesheim aus reklamiert, blieben schließlich jedoch nach längeren Berbandlungcu in Kassel. Kurfürst Wilhelm II. (1821—47) ließ dann, wahrscheinlich für die Hauptwache, auch eine Uhr im Turme anbringen. So fand denn auch der Zugang zur Uhr vom Ver- \ "Uungsgedäude, der späteren Kriegsschule, aus statt.
h.856 mar dies Servitut dem Pfarrhause auferlegt. Die Uhr rnird auf Kosten des. Staates durch den Stadtuhrmacher aufgezogen und in Stand gehalten.
Kassel, 30. Qkt. 1910. Ein reizendes Kleinbahnidyll ist aus unserem Regierungsbezirk zu melden. Auf einer Kleinbahn findet eine Besichtigung durch den Betriebsdirektor statt, der sich auf seiner Fahrt von seinem Huudc begleiten läßt. An der Station Gr... steigen Herr und Hund aus; ersterer, um mit dem Stationsbeamten allerlei zu besprechen, der Hund, um einen Spaziergang ins Feld zu machen. Als es abznfahreu gilt, wird der Hund vermißt; nach vielem Rusen und Pfeifen erscheint er schließlich auf der Bildfläche; aber kurz vor der Station empfindet er ein gewisses Rühren und unbekümmert um die bereits wartenden Fahrgäste erledigt das Hundsvieh angesichts des Zuges erst in aller Gemütsruhe sein Geschäft. Dann bequemt das Tier sich zum Einstetgen, und nun kann das Zügle abdampfen. Auf einen verspätet ankommenden Bauersmann würde wahrscheinlich nicht soviel Rücksicht genommen werden, wie au' den Pudelhund des Herrn Direktors.
* Bon der Weser, 1. Nov. 1910. Rach § 2 des nunmehr veiöffentlichten Gesetzentwurfes bttr. Den Ausbau Der Deutschen Wasserstraßen und die Erhebung von Schiffahrts-Abgaben so! Die Fa b r w a s s e r - T i e s e Der Weser bei ciböhtm Miltelkleiuivasser für Die Streeken Münden-Karls- Hasen auf 1,10, Karl-Hasen - MiuDen auf 1,25, Minden - Allermündung 1,50, Allermü- dnng- Breinen 1,75 Meler und in Der Aller von der
Leinemündung bis zur Mündung in die Weser auf 1,50 Meter gebracht werden. Eine Vertiefung )er Fahrrinne wird nicht beabsichtigt; die Dauernde Schaffung einer größeren Fahrtiefe soll vielmehr Durch Zuschußwasser aus den im oberen Quellgebiete Der Weser nach Dem preußischen Wasser« ftraßen-Gesetze vom 1. April 1905 anzul genden Sammelbecken an der Eder und Diemel erreicht werden. „ _
* Erfurt, 2. Nov. 1910. Die hiesigen Saalinhaber hatten beschloffeu, bei Der nächsten Reichs« taaswahl keiner politischen Parier die Sale zu Versammlungen zur Verfügung zu stellen, um einen Boykott ober Militärverbot zu entgehen. Da bics auf Schwierigkeiten stieß, fo würbe heute von den Saalinhabern beschloffeu, bahin zu petitionieren, daß nur am Tage ber Versammlung bem Militär bet Besuch des bett. Lokals untersagt wrrb. In gleicher Weise will man bei ben Militär- unb Beamtenvereinen vorstellig werben, baß sie eine Schäbigunq ber Wirte vermeibeu.
* Biebrich a. Rh. 1. Nov. 1910. Auch m unlerer Stabt wirb ber Kampf gegen bie Schmutz- unb Sch unb Literatur geführt. Schon im vongen Jahre hatte bie Lehrerschaft ein Verzeichnis guter Juaenbschristen Herstellen unb ben Eltern der <schul- kinder überreichen laffen. In diesem Jahre wirb eilens ber Jugendschristenkommisfton des Lehrer- Vereins eine Ausstellung von guten Jugenbschrifter veranstaltet, um so ben Eltern bei Auswahl de, Festgeschcnke behü'.flich zu sein. Heute ist bie Aus- stellüng, welche abwechselub in den einzelnen Schuler stattfinben soll, eröffnet worben.
vermischtes.
* Hundegebell als nächtliche Ruhestörung. Die Straflarnmer zu Frankfurt a. M. hat kürzlich einen Professor zu 50 Mk. Geldstrafe verurteilt, weck fern Hund den er nachts von 12—3 Uhr im ©arten hefe, durch fortgesetztes Bellen die Nachbarschaft belästigt hat Das Erkenntnis muß mit Freuden begrüßt werden Wer sich und sein Eigentum durch einen Wachhund beschützen lassen will, soll den Hund so dressieren, daß er nur, wenn Gefahr im Verzüge ist, anfchlagt. Die Siraffammer fordert in ihrer Urteilsbegründung ausdrücklich, daß der Hund nicht grundlos minutenlang bellen darf, sondern nur anschlägt, wenn er verdächtiges Geräusch hört oder gereizt wird. Sie stellt fest, daß es Sache des Hundebesitzers sei, wie dem Hund das beizubringen ist.
** Wegen Vergehens gegen das Jmpfge,etz mar der Lehrer Kleb von W e i d e n a u angeklagt, wurde aber von dem Schöffengericht in Siegen freigesprochen Er ist schon zweimal, einmal mit 3 Mk., daS andere Mal mit 5 ML. Polizeistrafe belegt worden, da er sein Töchterchen nicht hatte impfen lassen. Dies« Strafen wurden bezahlt, als aber eine dritte Polizei- strafe in Höhe von 10 Mark verfügt wurde. Beantragte Kleb gerichtliche Entscheidung. Das Schöffengericht kam zu einem freisprechenden Urteil, da es sich auf den Standpunkt stellte, daß man wegen eines und desselben Vergehens nur einmal bestraft werden könne.
* Mißglückter Scheckschwindel. In der Depositen- kaffe der Deutschen Bank in der Ritterstraße in B erli n versuchte ein Mann einen Scheck in Höh« von 9000 Mark einzutösen, der auf den Namen einer Exportfirma lautete. Die Unterschrift erregte wegen ihrer llnteserlichkeit Verdacht. Es stellte sich bald heraus, daß der Inhaber dieses Papiers bi«les unrechtmäßig an sich gebracht unb bie Unterschrift gefälscht hatte. Er würbe verhaftet.
* Die Frage einer Weltausstellung in Deutschland hat der Kaiser beim Abschied aus Brüssel erörtert. Auf der deutschen Gesandtschaft zog der Kaiser in Gegenwart des Generalkommissars der belgischen Regierung, des Herzogs von Ursel, ben Reichs« kommiffar Geheimrat Albert ins Gespräch unb unterhielt sich besonders über die Frage bet Weitaus- ftcllung unb ob eine Weltausstellung in Deutschland: möglich sei. In Berlin lägen bie Verhältnisse doch wesentlich schwieriger als in Brüssel. Hier stäuben wesentliche Bebenken im Wege. Zuerst bie Platzfrage. Berlin habe kein nahegelegenes geeignete- Terrain. Diese Schwierigkeit sei aber auch nickt burch Schnellbahnen zu lösen. Es sei auch zweifelhaft, ob in Berlin eine Weltausstellung genügenden Besuch, aufweisen könne, um nach biesec Richtung
Em gefährliches Geheimnis.
15] Roman in zwei Bänden von Charles Reabe
„DaS steht außer jedem Verhältnis", sagte Hope. -^Die Repäraturkosten werden die Dividenden nicht Am ein Zehntel ihres jährlichen Betrags verkürzen, und nach Verlauf eines Vierteljahrs wird auch die Furcht vor einem neuen Unfall weder Mann, noch Wcib noch Kind, weder Vieh- noch Kohlentransporte an der Benutzung dieser Bahn verhindern. Also schmieden Sie das heiße Eisen."
Bartley tat es und gewann 15 Prozent.
Ein anderes Mal sagte Hope zu Bartley:
„Wenn ein Engländer mit seinem (Selbe im Auslände spekulieren will, rennt er gewöhnlich wie toll und blind irgend welchem obfluren Unternehmen^nach, einer Anleihe in Peru, oder Guatemala, ober Ti«ra bei Fnego, ober irgend einer anderen unsicheren Gegend, von welcher er nicht das Geringste weiß. Der verrückte Insulaner übersieht den ganzen europäische Kontinent, anstatt gerade diesen zu studieren und pch klar zu machen, welche seiner Staaten sicher ;mt> und welche nicht. Warum laffen wir Preußen so ganz außer Acht? Es ist besonders in Bezug auf öffentliche Unternehmungen und Monopole weit besser regiert als England. Der Direktor einer preußischen Eisenbahn z. B. ist nicht imstande, die Aktionäre derselben durch falsche Rechnungsablage zu betrügen oder ihnen eine Dividende vom Betriebskapital auszuzahlen. Der englische Aktionär besitzt nur eine scheinbare Sicherung gegen bie Betrügereien des Direktors. Er wird aufgefordert, feine eigenen Angelegenheiten im Stich zu lassen und eine Reise von 200 Meilen zu unternehmen, um am Wohnort des Direktors sein per- söyliches Votum abzugeben. Das tut er aber nicht warum sollte er auch? In Preußen dagegen wird der Aktionär durch die Regierung geschützt, wckchedie Rechnungsablage der Direktors einer strengen Prüfling unterzieht. So viel über das vortreffliche preu- Wische BerwaltungSsystem. Und nun nehmen Sie einmal eine Landkarte zur Hand: hier ist Hamburg, der tzroße Hafen des Kontinents, und hier Berlin, der
große Mittelpunkt desselben; zwischen beiden Städten gibt es nur eine einzige Eisenbahn -- welche englische Bahn vermöchte den Vergleich mit dieser auszuhaltcn? Ihre Aktien stehen auf 150, sie müssen aber im Verlauf der Zeit auf 300 steigen, es wäre denn, daß die preußische Regierung den Bau einer zweiten Eisenbahn gestattete, was mir nicht glaublich erscheint. Aber selbst wenn dies ber Fall wäre, hätten Sie 2 Jahre Zeit zum Verkauf der Papiere. Diese Aktien flnd mithin die beste Kapitalanlage der Well"
Bartley ließ sich auch zu diesem Geschäft, Wenn auch nur in bescheidenem Maß, bestimmen, und die Aktien stiegen über 300, ehe er sie wiederverkauste.
„Laßt Euren Geist nicht auf der Insel bleibm, wenn Euer Körper auf einer solchen leben muß", war ein Lieblingsausspruch William Hope'S, und wir wiederholen ihn zum Besten der Einwohner von England und Borneo.
Als Hope eines Tages zu Bartley kam, beklagte sich dieser über Mangel an Beschäftigung,
„Es langweilt mich, immer dazusitzen und zu spekulieren; ich bedarf einer Tätigkeit, die mich wirklich in Anspruch nimmt und hätte Lust, eine Pachtung zu übernehmen. Das würde mich zugleich beschäftigen und amüsieren.
„Amüsieren würden Sie sich nur dabei, wenn die Pachtung viel einbrächte, meinte Hope.
„Unb das ist heutzutage nicht mehr der Fall — Pachtungen rentieren nicht.
„Durch Pflügen und Säen gewinnt man freilich nichts mehr, aber Verstand und Geld im Verein rentieren immer.
„Wie — auch auf einer Farm?
Warum denn nicht, Sir? Es kommt nur darauf an, mit der Zeit und ihren Anforderungen gleichen Schritt zu halten. Das Erste ist, sich die Gesetze der Produktion klar zu machen. Getreide trägt dem Farmer zu wenig ein, well dir Kontinente dLselbe mit geringen Kosten ausführen können. Früchte und Fleisch dagegen haben hohen Preis, well das Vieh nicht ohne Risiko für sein Leben und Verlust an Gewicht transportiert und verschifft werden kann. Somit wird die Feldarbeit zwar gut bezaM, ist aber für die ganze
Winterszeit unproduktiv, da die Arbeit des Farmers in Pflügen, Säen und Ernten besteht. Das Fazit ist, daß er sein Geld dabei zusetzt. Er muß eben verstehen, sich den Umständen anzupaffen. Verlegen Sie sich auf Viehzucht, züchten Sie Rinder, Schafe, Pferde und laffen Sie den größten Teil Ihres Grund und Bodens mit Futterkräutern bestellen Reservieren Sie 50 Acker für Obstbau, legen Sie irgend eine kleine Fabrik an, um Ihre Arbeiter im Winter zu beschäftigen und auch ben Frauen des Dorfes, die billiger sind als die Arbeiterinnen in den Städten, einen Verdienst zu geben, und ich bin überzeugt, daß Sie nicht nur barcs Geld aus Ihrer Farm ziehen werden, sondern außerdem einen nicht unbedeutenden Ertrag an Eiern, Geflügel, Früchten, Reit- und Kutschpferden für den eigenen Haushalt in Rechnung bringen müssen. Der gewöhnliche Farmer pflegt das nicht zu tun; aber wir erfahrenen Rechner wissen, was dergleichen zu bedeuten hat.
„Gut, so will ich's wagen," sagte Barlley, „aber unter der Bedingung, daß Sie mein Nachbar werden und den Vertrieb auf heimischen und auswärtigen Märkten übernehmm."
Hope willigte mit Freuden ein, auf diese Weise in der Nähe seiner Tochter zu bleiben, und nach einiger Zeit fanden sie in Suffex eint Farm mit Weiden für Schaft und Pferde, ausreichendem Wafftr, Getreideland, künstlichen Wiesen und weitgedehnten sonnigen Abhängen für Obstbäume und Erdbeeren. Der Ertrag der letzteren war bald so groß, daß fit damit ihren Pachtzins zahlen konnten.
Eines TagtS sagte Hopt: „Feldarbciter trinken ganze Meere von Bier. Nun ziehen Sie einmal den Preis dieses Getränkes in Betracht: 80 Prozent über seine Herstellungskosten, und dabti ist es nieistens schlecht, was die Arbeitskraft Ihrer Leute beeinträchtigt. Da diese Arbeitskraft die größte Ausgabe des Farmers blldet, werden Sie Wohltun, für ein gesundes Bi« zu sorgen, das die Leute nährt und anfeuert, anstatt sie faul und schläfrig zu machen."
So wmde denn eine Malzdarre und eine S3iau«ei eingerichtet, welche alle ihre Arbeit« mit gutem, billi
gem Bi« versorgte, indes die Treber als Schweine« ütt« verwendet wurden. Hope's Grundsatz war, die Produkte der Landwirtschaft womöglich nicht in ihrer ursprünglichen Form zu verkaufen. „Baut ihr Gerste," pflegte er zu sagen, „gut, so macht Malz daraus, verwandelt dies in Bier und verkauft es für den geringen, aber zweifachen Profit, den das Getreide an und für sich und das Gettänk gewähren. Habt ihr Wiesen, gut, so verwandelt Gras unb Heu in Fleisch und verkauft cs für den geringen, aber zweifachen Vorteil, den ihr aus dem Futt« und den Tieren ziehen könnt."
Und wirklich schien, als sie ihre Berechnung mach- ten, Hope's Prinzip durch die Erfahrung bestätigt zu w«den.
Hope lebte auch jetzt wied« für sich allein, aber in nicht zu großer Enffcmung von sein« Tocht«, die er häufig, wenn sie ausging, mit Hülfe seines Dop- pelsernglases beobachtete. Dasselbe sah aus wie ein Opemguckcr, war etwa 10 Zoll lang itnb hatte ein Heines Gesichtsfeld, aber die Schärfe eines Teleskops.
Grace Hope, die auch wir fortan Mary Bartley nennen wollen, wie sie von aller Welt — mit Ausnahme ihres Vaters, ber ihren Slawen so viel wie möglich vermied — genannt wurde, war jetzt ein großes Mädchen von 13 Jahren, gesund, schön, früh, lich und wohlerzogen.
Was Hope betrifft, fo wußte et, treu und zuverlässig wie imm«, feine Zuneigung in Schranken zu halten, obwohl eS ihm oft sehr schwer fiel. Nie erlaubt « sich, Mary zu küssen, mochte die Berfuchuug dazu noch so stark sein. Das war besonders eines Tages der Fall, als er ihr einen milchweißen Pony gekauft hatte, und sie chm in überströmender Dankbarkeit in Gegenwart Mr. Dartleys um den Hals fiel und ihn herzlich küßte. Er sah dabei so 0erlegen aus, daß ihn das junge Mädchen auslachte unv neckisch sagte:
„Verzeihen Sie die Freiheft, die ich mir genommen habe, aber wenn man sich so benimmt, wie Sie, muß man auch die Folgen üb« sich «gehen lassen."
(Fortsetzung folgt.)