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«fuldaer
senschaft mehr—
len Dasitzen fängt man bald an zu frieren, und fri er en soll der vemünftige Mensch nicht. ■
Ja geht es denn im Winter ohne Frieren ab? Frellich, wenn man die Sache richtig versteht. Wenn du in der rauhen Luft auf der Haut einen scharfen Kältereiz fühlst, so ist das noch kein Frieren Gegenteil: Der Körper reagiert auf den Kaltererz, die Lungen arbeiten kräftiger, das Blut läuft schneller. die Warmwasserheizung des Körpers wird auf einen höheren Grad eingestellt, du Mist dich als Sieger im Kampfe gegen den Frost und befindest dich erst recht behaglich. Wenn aber dein Körper nicht recht in Ordnung ist (wegen Krankheit oder Hunger oder Uebermüdung), oder wenn du zu leicht bekleidet bist oder der Frost übermäßig scharf ist oder zu lange aus dich einwirkt, dann fühlst du das Blut im Kampfe gegen die Kälte unterliegen, die Haut wird blaß und kalt die Glieder werden steif oder fangen an zu zittern, es stellt sich Mattigkeit ein, du stierst Dann ist s gefehlt. Ebenso wie es bei dem Barfußgehen im Grase und den Keipp'schen Güflen gefehlt ist, wenn Vie Reaktion, der lebhafte Widerstand gegen die Kalte- reize ausbleibt. Dann muß man besondere Mittel anwenden, um den Blutlaus zu verstärken, wie es z. B stierende Arbeiter durch das kräftige Zusammcn- schlagen der Arme über den Brustkorb tun. Oder man mutz den Kampf gegen die Kälte abbrechen und sich in das Haus flüchten, um erst wieder das Gleichgewicht im Körper herzustellen.
Wenn ein gesunder Körper in stäftiger Bewegung bleibt, so kann er eine große Portion Kälte verwogen, ohne zu frieren. Der sitzende Körper ist viel einpfindlicher und schwächer. Daher ist es ganz berechtigt, daß in den Stuben geheizt wird. Die Heizerei ist aber eine Kunst, die gelernt sein will. Jede Hausstau sollte diese Kunst verstehen. Die Hauptsache ist, das rechte Maß zu finden und zu bewahren. Gerade in der jetzigen Uebergangszeit wird viel und schwer gesündigt durch das Ueberheizm der Räume Man feuert, als ob wir schon im dickeisigen Januar wären. Ein Gerichtshof hat neulich entschie- den daß 15 Grad Reaumur die Normaltemperatur bildet, die ein Mieter von der Zentralheizung des
worden. ..
Der Versuch der französischen Negierung, die Macht des Geldsacks in der internationalen Politik entscheidend zu machen, ist — wie kürzlich in Ungarn — so jM auch in der Türkei gescheitert. Dir türkische Regierung hat endgültig abgelehnt, ihre Anleihe in Frankreich unterzubringen. Sie hat sich dafür mit einem deutschen Bankenkonsottium in Verbindung gesetzt, und eS besteht die Wahrscheinlichkeit, daß der Geldbedarf der Türkei hier gedeckt wird, ohne daß sie polittsche Zugeständnisse machen mutz. Es ist kein Wunder, daß bei dieser Sachlage die Aktien der Triple-Entente in Konstantinopel sinken und dafür Deutschland und Oesterreich-Ungarn an Ansehen und Einfluß gewinnen. Allmählich kvmntt malt auch in
Hauses verlanaen kann. 15 Grad Reaumur ist aber auch wirklich genug, wenn diese Temperatur durch ine ganze Stube ziemlich gleichmäßig verteilt ist. ^eder Grad darüber ist vom bösen. Die Ueberhitzung macht einen schweren Kopf und berettet den Körper zu Er- kältungm vor. Tritt man aus der erschlaffenden Zimmerhitze ins Freie, so vermögen die Schleimhäute im Munde und Halse den taten Luftzug nicht zu ver- ttagen. Sogar das sonst so wirksame Schutzmittel der Nasenatmung kann dann versagen.
Man soll nicht stieren im Winter, aber auch nicht schwitzen. Darin stecke die Richüinie für die Kleidung. Wer tag ist, der kleidet sich nicht nach dem Kalender und nicht nach der Eitelkeit, sondern nach den jeweiligen Wetterverhältnissen und Körpervechält- niffen, und zwar so, daß er weder zu kalt, noch zu warm wird.
Alles mit Maß — auch das E s s e n und T r i n - f en, zu denen der Winter besondere Anreize gibt. Im Winter kann man mehr verdauen und schwerere Sachen vertragen als im Sommer. Wer es dazu hat, der soll seinem Magen das nötige zukommen lasten; aber überladen darf er diesen wichtigen Bestandteil seines Körpers nicht. Das wäre gerade so töricht, als wenn die Hausfrau den Ofen mit Kohlen übervoll stopfen wollte, statt das Feuer durch wiederholten mäßigen Nachschub in ordentlichem Gang zu halten. Ebenso ist beim Trinken Maß zu halten. Manche glauben, durch massenhaften Verbrauch von heißen Getränken die „innerliche Wärme" steigern zu müssen. Aber der wirksame Heizstoff in unserem Körper ist nicht die gewunkene warme Flüffigkeit, sondern das Blut, und darum ist dir Bewegung, die den Blutlmif fördett, das beste Erwärmungsmittel.
Das Leben ist ein ewiger Kampf. Im Sommer kämpfen wir gegen die Hitze, im Winter gegen die Kälte. Alles in allem genommen, ist der letztere Kampf angenehmer und ersprießlicher. Der Winter verdient ein Hoch, denn er erfrischt die Mmschheit und bereitet den Frühling vor.
wochen-kun-schau.
sts Fulda, 28. Oftober 1910.
JVs 249.
Samstag -en 29. Mtober MO. n. lahrgaig.
X Uever die „Witwen- und Waisen- fteuer"
2. Blatt.
Druck und Verlag der Zuldaer Aetiendruckerei in zulda.
hat sich neuerdings wieder ein Streit entspannen zwi- । scheu Professor Adolf Wagner und der -Kreuzztg.
Bei der Ablehnung dieses Steuerplanes hat bekannt- ■ sich das Zentrum entscheidend mitgewirtt, und deshalb benutzen wir diese Gelegenheit, um gewissen Entstellungen entgegenzutreten Mit denen die liberalen und sozialdemokratischen Agitatoren bisher schon „gearbeitet* haben und wahrscheinlich zetzt unter Berufung auf die „Wissenschaft", mit frischen Kräften weiter arbeiten werden.
Wissenschaft und Tagespolitik vertragen sich schlecht. Der Professor, der sich in die politischen Kampfe mischt, wird tendenziös. Prof. Adolf Wagner hat einen ge- lebrten Geist, aber auch eine starke Willenskraft. Er bat sich trotz seiner konsecvatwen Grundrichtung für I den unglücklichen Gedanken gewinnen lassen die Reichserbschastssteuer auf das Kinder- und Witwen-1 I erbe auszudehnen. Die Mehrheit des Reichstages hat I trotz aller ministeriellen und Professorellen Einwirkung I den Vorschlag abgelebnt. Nun will Herr Wagner doch „Recht behalten". In der neuen Auflage seiner „Steu- ergeschichte" hat er die Reichsfinanzreform von 1909 nach seiner Tendenz behandelt und dieses „wissen- schastliche" Kapitel schleunigst in die Tagespresse ge-
I bracht, — wobei er sogar auf die tuItuxfinjWjeu'.cye I „Tägliche Rundschau" gekommen ist.
Herr Wagner macht der konservativen Presse einen schweren Vorwurf darüber, daß sie den Vorschlag des Erbanfallsteuergesetzes „agitatorisch" als Witwen- und Waisensteuer bezeichnet habe; der Ausdruck i o I „em ganz sozialdemokratisches Gepräge" tragm. , Herr Wagner selbst nennt in seinem letzten Artikel m der
Täglichen Rundschau" die Steuerpolitik „klassen- j egoistisch". Ist der Ausdruck nicht mindestens ebenso agitatorisch und sozialdemokratisch? — Wir unsererseits haben die Bezeichnung „Witwen- und Wai- seusteuer" auch öfter gebraucht, und zwar deshalb, weil sie kurz und gemeinverständlich das b e z e i ch - net, worauf es in dieser Frage a n t o m m t
Von den Gegnern war natürlich geflissenttich die Ansicht verbreitet worden, daß die „fchwarzblaue Mehrheit überhaupt die Erbschaftssteuer verworfen habe, weil sie die großen Vermögen unbelastet lassen wolle. Dieser Entstellung gegenüber mußte recht klar und eindringlich hervorgehoben werden, daß eine Erbschaftssteuer bereits bestanden hatte und auch bestehen geblieben ist, und daß der Streit von 1909 sich nur um die Frage drehte, ob auch das Fmnilien- gut, was der sterbende Vater seinen Kindern oder der'kinderlosen Gattin hinterläßt, von der Reichserbschaftsabgabe betroffen werden soll. Es ist der
Deutsches Keich.
s ArbeitersekretSre als Arbeitervertreter im Verfahren der Unfallversicherung Die Kommission für die Reichsversicherungsord nun g beschäftigte sich weiter mit dem Verfahren bei Unfallmchen. Dabei gab es wiederum eine Arbeitersekretardebatte. § 1622 lautet: „Das Versicherungsamt kann Bevoll- macktigte und Beistände zurückweisen, die das Verhandeln vor Behörden geschäftsmäßig betreiben. Das gilt nicht ffu Rechtsanwälte und für solche Personen denen das Verhandeln vor Gericht gestattet ist (§ 157 I P Nach einem Anträge der Sozialdemokraten sollen die Sekretäre gemeinnütziger oder Berufsvereine ebenso wie die Rechtsanwälte behandelt werden Vom Zenttum wie der Fortschrittspartei wurde der Antrag begrüßt im Hinblick darauf daß der der Schwierigkeit der Materie und darauf, daß Rechtsanwälte sich nicht gern mit dieser Materie beschäftigen, den einfachen Arbeiterverficherten ein Beistand gesichert werden müsse. Ein nationalliberaler Redner äußerte Bedenken gegen die Schaffung eines neuen Standes der Arbeitersekretäre durch die Gesetzgebung. Damit nicht ganz ungeeignete Personen sich eindräng- | len, wurde vom Zenttum beanttagt, daß das Ober-
Die Kosten der inneren Politik müssen noch immer I Die Aationalliberalen tragen Ihre Presse versucht zwar krampfhaft, durch Aufbauschungundun- »ulästige Verallgemeinerung fo genannter Unfhmmig | feiten im Zentrum die Aufmerksamkeit davon abzu-1
OS« * M* W°ch- in.ll. * kr pes jungliberalen ^ertretertages in I Köln einen unangenehmen Streich. Man v^Mch auch dort die Einigungskomodien, mit bet man tn Kassel einigen Erfolg erzielt hatte. Es gelang aber! weniger, die radikale Tendenz der „Jungen hat leb- bafter hervor, als e, den alten Herren lieb war, und verschiedene „Gemäßigte" sahen sich denn auch be- sonders bei bet Besprechung der Auslands- und Wttt- schaftspolitik genötigt, Einspruch zu erheben Nachher fnilich gab man sich brüderlich die Hand in tiner Resolution, die nichts als große Phrasen enthalt, Phrasen, so durchsichtig, daß jedermann auch daraus die Beklemmungen heraushörte, in die die national-- libetale Partei durch ihre unkluge Haltung bet Der) Reichsfinanzreform hineingeraten ist. i
Das Kaiserpaar ist nach B e l g ie n gefahren und dort sowohl vom belgischen Königspaare ÄS auch von der Brüsseler Bevölkerung nut lebhaftem Interesse begrüßt worden. Belgien, dessen Königin eine bayerische Prinzessin — eme Tochter des berühmten Augenarztes Herzogs Karl Theodor — ist, W der Thronbesteigung durch den jungen König m Eng- lanb und Frankreich in dem „Verdachte allzugroßer Begeisterung für Deutschland. Tie fug. man den Belgiern auSzutteiben und datum beschäftig W augenblicklich die konservative London« Messe bte hie Deutschenhetze in der allerunehrlichsten Weise betreibt, mit dem niedlichen Spiel des Bangemachens: Deutschland werde Belgien eines Tages verschlucken usw. usw. Bei den französischen Elementen in Belgien wird man damit sicher nicht erfolglos bleibm. Dahingegen ist zu erwarten, daß die vlamische Be- völkemngSbestandteile sich ihrer germanischen Abstammung erinnern und durch derartige in bet heutigen Weltlage absolut unbegrünbeten Phantasten nicht in ihrer Sympathie für Deutschland beirren lassen wet-
Konüantinopel zu der Einsicht, daß die beiden mittet* I europäischen Kaiserstaaten im Gegensatz su den Mach-1 ten bet Triple-Entente bet Türkei °bne eigensüchtige Interessen gegenübnsstehen und daß deshalb die^Kon- stantinopelet Regierung nut in ihrem eigenen ^nter* ge handelt, wenn sie auf bte wenig verläßliche stutze Englands und Frankreichs verzichtet.
Zu dieser Erkenntnis hat sicherlich auch die Erfahrung beigetragen, die jetzt P e t f i e n, der zweite I große und benachbarte islamitische^ Staat, mit ber Triple-Entente macht. Nachdem Rußland bereits mit der Besetzung des nördlichen Persiens ttitstichlich begonnen hatte, scheint jetzt England dasselbe für den südlichen Test Persiens tun zu wollen In Pans I bestreitet man allerdings diese Absicht der englichen Drohnote an Persien, aber nicht nur wird sie m einem Teil bet englischen Presse offen ?ugegeben unb waS mit. Genuatuung zu verzeichnen ist, bekämpft, sondern auch in Rußland und Persien selbst faßt man sie gar nicht anders auf. In den Kreisen der Ttiple-Entente fand eine Kundgebung bet Perser für den deutschen Kaiser große Beachtung, unb natürlich wurde mich I fefort versucht, daraus neues Kapital zu Verdächtigungen gegen Deutschland zu schlagen. Demgegenüber kann von Deusschland nur betont werden, daß un- I lerer Politik alle politischen Aspirationen nn Orient I völlig fernliegen. Unsere Jnteresstn in Persien wie auch in der Türkei sind rein wirtschaftlicher Natur. Daß wir den Schutz dieser Interessen mit allem Ernste vertteten werden, ist selbswerständlich; aber unter feinen Umständen werden wir uns dazu verleiten lassen, uns in politische Abenteuer einzulassen.
Mach's einer nach und breche nicht den Hals , sagt"Goethe. Ich will durchaus nicht der modernen Jugend den Ueberzieher entziehen. Inzwischen ist die sogenannte Hygiene erfunben worden, von oer man in jener Zeit keine Ahnung hatte. Bei der einfältigen Lebensweise, unter der wir aufwuchsen, mag wohl mancher schwache und zarte Körper geknickt worden sein, der bei der modernen Hygiene noch etwas länger sein irdisches Dasein hätte hinschleppen können. Aber im großen und ganzen war die Einfachheit, bte Bedürfnislosigkeit, die Natürlichkeit des Lebens, bte Abhärtung „in Dreck und Speck" gesund. Wenn ;etzt der Wintersport in Mode kommt, so ist das eine löbliche Reaktion gegen die städtische Lebensweise mit ihrer Stubenhockerei und den sonstigen Abwendungen von der Natur Die schwache Sette der neuen Richtung ist nur die Umständlichkeit und die Kostspieligkeit des fashionablen Wintersports. Man glaubt den Winter nicht anders genießen zu können, als durch eine Reise in die Berge oder in namhafte Kurort», damit man dort tn einem besonderen Anzug besondere Russch-, Ski- ober Schlittschuh-Partien usw. mitmache. Das mag ja alles ganz schön unb gut sein für Leute, die viel Zeit, viel Geld, viel Langewelle tmb viel Eitelkeit haben. Aber wer wirklich den Winter genießen unb ausnützen will, der braucht nicht in die Weite zu schweifen und nach kostspieligen Apparaten zu greifen. Der Winter kommt uns ja vors Haus oder wenigstens vor die Stadttore. Wir brauchen nur einige Schritte zu machen, bann werden wir schon ordentlich durchlüftet und abgehärtet. Die Hauptsache ist' Wer nicht gerade krank oder ganz gebrechlich ist der soll sich vor der Stubenhockerei im Winter hüten und sich möglichst viel in der freien Natur bewegen.
Tas letzte Wort möchte ich unterstreichen. Sich bewegen ist in der Sonne gut, im Winter aber baS einzig richtige. In Berlin ober anderen Stabten sicht man im Winter oft Leute vor den Cafes sitzen. Die Einen find fo neugierig, daß sie lieber stieren, ehe sie auf die Sttaßenschou verzichten. ^ie anderen wollen gesehen werden, sie riskieren einen Schnupfen, um ihre Pelzsachen oder ihre Abgehärtecheit bewundern zu lassen. DaS gefällt mir nicht. Bei dem fan-
beschlossen. , ,.
== ?ulturkampflust. Am Weißen Sonntage brachte Pfarrer Böckenhoff in Sterkrade einem kranken Kinde die hl. Erstkommunion. Sechs Engelchen weißgekleidete Mädchen - begleiteten ihn wu- es dort üblich ist. Daraufhin veranlaßte die Poiizeive- hörde das Gericht, gegen den Pfarrer vorzugehen, well er auf öffentlicher Straße einen -Auszug veranstaltet habe ohne behördliche Genehmigung. Nach einigen Erhebungen stellte das Gericht das Verfahren ein 8 Die Polizeibehörde veranlaßte em neues Ver- fabttn und die Staatsanwaltschaft beantragte eine Geldstrafe von 6 Mark oder zwei Tage Hast. Der Gerichtshof konnte jedoch in dem Vorfälle kernen Äuf- ,ua im Sinne des Reichsvereinsgesetzes erblicken und ^ eMgfe Freisprechung; die Kosten des Verfahrens LZ Sl«Ä l« ML - Mi-- d- V--,-» in B-mnlchw-ig l*t, S - ä
erstaunt sein, aber m Sterkrade! Der Fall ist gewitz äuüerst lehrreich. Sterkrade, eine Stadt im Regie Rbejirf Düsseldorf, hat 22 000 Einwohner, darunter 15 000 Katholiken.
♦ Köln 28. Ott. 1910. Entgegen dem ftttgesetz- ten Plane,' die Rückkehr von Brüssel über Aachen- Krefeld zu nehmen, erschien der Hofzug mit dem KfeS.a! und der Prinzessin VMotia Luise plötzlich heute morgen nach 7 Uhr im Kolnet Hauptbahnhof. Die hohen Herrschaften entstiegen dem Zuge und begaben sich zu Fuß m die Domkirche, umgeben von Hunderten von Anbetern und Handwerkern, welche um l°sie Zeit zu ihren Arbeitsstätten eilten. Bald waren die Domttrche und bc Domplatz mit einer dichtgedrängten Menschen menge besetzt, ohne daß es bei den wenigen, den P°- ! lizeidienst versehenden Beamten zu irgend welcher Störung gekommen wäre. Ebenso wie eS gekommen, verließ das Herrscherpaar mit der P^effm die ' Stadt, nachdem es einen Rundgang durch die weiten ’ ballen der Domkirche gemacht und aus einiger Ont- strnung die neue Rheinbrücke in Augenschein genommen hatte. Kurz vor 8 Uhr dampfte der Hozzug aus 1 dem Hauptbahnhof, umjubelt von einer großen Menschenmenge, welche auf der Brücke unb den drucken, campen Ausstellung genommen hatte, „ wahrend das Herrscherpaar, augmscheinlich in vorzüglicher Stimmung, für die spontanen Ovationen lebhaft dankte
# Karlsruhe, 28. Ott. 1910. Die badische Groß- blockpresse ist mit der Erklärung der amlllchen.„Karlsruher Ztg." zum Fall Arns Perger keineswegs zufriedm gestellt. Herr Dr. Amsperger hat zwar feinen schneidigen Ausfall gegen ein Zusammengehen dn । Liberalen „mit den Junkern und Klerikalen nicht zu I bereuen; der junge Beamte wurde unvermutet zum Diensworstand befördert und kam überdies in eine Gegend, die als sicherer Besitz der nationallibe- calen Partei gilt mit überwiegend protestantischer und liberaler Bevölkerung. Er ist somit über Nacht bte Treppe hinaufgefallen. Doch damit ist bte Olock- presse natürlich nicht zufrieden, es empört sie, daß übechmcht eine Versetzung erfolgte, unb daß bte Re- 1 aierunq ihre „Mißbilligung" jener Rede in o braftt- scher Weise kundgegeben habe. Die ganze Großblock- presse speit Gift und Galle gegen den eben noch wegen des Wortes von der „großartigen Bewegung zur Be- freiung des vierten Standes" vergötterten Mmssters v Bodman. Der Volkssteund erblickt in der Maßregelung Arnspergers eine Kriegserklärung an die Sozialdemokratie. Der Minister erachte einen Beamten der das Bündnis mit der Sozialdemokratie als Politiker empfehle, als der Beamteneigenschaft unwürdig. Damit sage er, die Sozialdenlokratie sei keine gleichberechtigte Partei, mit ihr dürfe sich eine bürgerliche, ftaatSkeue Partei nicht verbinden. DaS parteiamlliche Blatt der Nationalliberalen, die 23a- dische Landeszeitung, fand im ersten Schrecken nur diq Bemerkung, daß die Maßregelung eines um die nationalliberale Partei verdienten Beamten in der nationalliberalen Partei sehr beftemdend und verfilm- mend wirken müsse. Run läßt sich die Nationallibe- rale Korrespondenz unter der Ueberschrift: Mißgriffe oder Kursänderung? hören. Sie findet in der Maß- Regelung eines Überaus tätigen unb opferwilligen Mitglieder ber nationalliberalen Partei zum mindesten einen M der Unfreundlichkeit des Ministers gegen die ihm bisher nahestehende Partei. Der gleiche Mu • nister habe in der Ersten Kammer einen Aus sprach
Unpolitische Schlaufe.
<N.) Berlin, 28. Oktober 1910.
(Nachdruck verboten.)
Erst so mild und zum Schlüsse so rauh! Lieber Oktober, wie hast du dich verändern Aber darum keine Feindschaft nicht. Es gebärt sich so, daß der Oktober un5 vom Sommercock in den Winterüberzieher verhilft. Gegen die rauhen Winde, die Allerheiligen und Allerseelen einleiten, ist an sich nichts zu erinnern; nur ist dieses Jahr der Uebergang zu trocken. Er Sötte begossen werben miissen mit dem himmlischen Naß, die Fruchtbarkeit für das nächste Jahr be-
Mein rheumatischer Nachbar seufzt: ,,Ach, wenn ich doch Millionär wäre! Dann zöge rch ch) Herbst mit den Vögeln nach Süden unb würbe in Südafrika $u Weihnack)ten schwitzen." Ich
Manne alle Lotteriegewmne, ".wett ich selbst tau Los habe. Aber ich glaube doch nicht, baß es uns gut wäre, wenn Wir uns in Zugvögel verwandelten. Wir würben heillos verweichlicht werden. Hoch lebe der Winter, ber uns ordentlich durchlüftet und durchschüttelt, aufmuntert unb aufbügelt, abhärtet, erfrischt! Er totrti wie ein wahres Frottierhandtuch.
In den letzte« Jahren ist der Wintersport sehr in Mode gekommen. Die einen und tagen Leute sagen, das sei eine der schönen Errungenschaften ber Neuzeit. Als ich vor 60 Jahren in einem Bauerndorf aufwuchs, gab es auch schon Wintersport, allerdings ohne den pompösen Namen, ohne Apparate, ohne Fahrkarten und sonstige Unkosten. Wo, haben wir zur Winter- Kit in Wind und Schnee und Eis unb gelegentlich auch im Schmutz uns umbergetrieben. Bobsleighschlitten ober dergleichen brauchten wir nicht. Auch der Schlittschuh war ein Luxusgegenstand für Wenige. Aus den Holzschuhen ließ sich ein famoser Wintersport treiben. Einen Ueberzieher brauchten wir auch nicht. Sn derselben Kleidung saßen wir stundenlang neben dem Kanonenofen in dec Schulstube unb schlidderten stundenlang auf dem Eile herum.
Mehrhett nicht eingefallen, die entfernten wandten zu schützen. ,,
fSerr $8 a an er stellt nun die Sache fo dar, als ob ( es sfeh bei der Ablehnung der Witwen- und Waisensteuer darum gehandelt habe, die be f fe i
Klassen zu entlasten, dagegen die unterenKlaffen um so stärker heranzuziehen. Das ist grundfalsch, und der Irrtum trägt leider, um mit Wagner An Worten zu reden, „ein ganz sozlaldemottatlfchesGeprage
Wie die öffentlichen Lasten auf die hohen, nuttieren und niederen Stufen des DermSgens und d^ Em. kommens und auf die direkten oder mdirck^en Steun- arten zu verteilen sind, ist em hochwichtiges und um fangreiches Kapitel. Wenn Professor Wagner diese Verteilung wissenschaftlich behandeln so dmf nicht, wie er jetzt leider getan, die Reich s steuern für 1 sich allein kritisieren, sondern er muß auch die ^taats- unb Gemeindesteuern mit in Rechnung stellen Wir I wollen aber gar nicht mit ihm streiten über feine An-1 sicht daß die vermögenden Klassen noch mehr tragen müßten und könnten. Denn bei der Erledigung der Witwen- und Waisensteuer ist tatsächlich eine Schonung der vermögenden Klassen und eme stärkere Belastung I her vermögenslosen Klasse nicht eingetreten. E I handelte sich da gar nicht um den Gegensatz von Reich- L und Armut oder Besitzsteuer und Verbrauchsao- aabe Es handelt sich nur um die Frage, ob die B esitz "befteuerung gerade im Wege der Erbanfallabgabe beim Tode des Vaters erfolgen solle oder m anderen Normen einer Abgabe von Vermögenswerten. Die Mehrheit des Reichstages hat den Ausfall, der durch die Ablehnung bet Witwen- und Waisensteuer enKnb nicht etiva durch weitere Verbrauchssteuern zu Lasten ber breiten Massen gedeckt, sondern durch Ta- I tonfteuer, Effettensteuer, Scheck- "nd Wechselstempel, Grundstücksumsatzsteuer mit i"/Aussicht genommener Wertzuwachssteuer. Das ist doch keine Belastung der ärmeren Schichten!
Die Mehrheit war durchaus nicht gegen eme tuch- tige Vermögenssteuer. Aber der Reichstag hat m der Besteuerung^ des Vermögens keine freie Hand bte regelmäßige Vermögenssteuer ist den Ern,elstaaten Vorbehalten. Das Reich kann nur bei dem Uebergang des Vermögens in eine andere Hand eingreifen Nun machte sich die Mehrhett em Doppeltes Har. 1. Der Tod des Familienoberhauptes ist ber am jnenig- sten geeignete Zeitpunkt, um von bem ^amdien-1 M L -ch-blich», T-» UM*:»“« i und die Witwe empfinden es als Unrecht und ^arte I wenn ihnen das Famlliengut ö" dessen Erwerb sw vielfach selbst mitgearbeitet haben, m der Uebergang^ krisis beschnitten wirb. 2. die Witwen- unb Wmsen- fteuer würbe den landwirtschaftlichen uuv gewerolichcn Besitz viel stärker belasten, als das flüssige Ka- v it a l das sich der Erbanfallsteuer leicht entziehen kann. ' Darum hat die Mehrheit sich enischlossen statt dieser schlechten Befitzsteuer andere Besitzsteuern I mit weniger Bedenken einzuführen.
Wenn die „Wissenschaft" diese klaren Gründe unb I Tatsachen links liegen läßt und von Bevorzugung der vermögenden Klassen redet, so ist sie eben ferne Wis-
Der französische Eis en bahnsrstreikl hat in der Kammer ein Nachspiel gehabt Seitens der Sozialssten würbe Ministerpräsident Srianb über feine Hccktung gegenüber der Organisation der Eisen-1 bahnangestellten interpelliert. Unter dem Beifall der großen Mehrheit der Kammer rechffertigte Brmnv seine Maßnahmen unb führte au5, bie Regierung habe den Beweis für das Vorhandensein einer anarchistischen Erhebung gehabt, gegenüber einer systematischen Organisation der Sabotage habe die Regierung alle gesetzlichen Mittel für die nationale Sicherheit be= nutzen müssen. Es unterliegt keinem Äweifti, daß die Regierung gesetzliche Maßnahmen zur Verhütung künftiger Ausstände von Verkehrsangestellten Vorschlägen wird. Heber die Art derselben besteht aber in! dem Kabinett keine Uebereinftimmung, sodaß man mit dem Rücktritt mehrerer Minister, insbesondere des ArbeitsministerS Viviani rechnet. Für Br.and selbst Wird voraussichtlich die parlamentarische Erörterung des Eisenbahnerstreiks mit einem vollen Erfolg enden.
Der neue griechische Ministerpräsident VenizeloS hat in der Nationalversammlung eine ausreichende Mehrheit für feine Politik nicht erhalten. Da sein RiuttrittSgchich vom Könige nicht angenommen würbe, bleibt ihm jetzt nichts weiter übrig, als die Kammer aufzulösen. Die Neuwahlen sind bereit® auf den 28. November ausgeschrieben
Ver-1 oersichemngsamt über die Zulassung entscheiden soll. I Diese solle nur in ganz bestimmten Fallen anrüchigen Personen versagt werde. In diesem Winne wurde