A.pa^e»e"§Mda. wochenbeimge: .Muftrierte §omtagszeitung"
37. Jahrgang
Fulda, Freitag den 28 Oktober 1910
Erstes Blatt
JV8 248.
5 Berlin, 27. Okt. 1910. Dem Reichstage Breslau, 27. Ott. 1910. Der Verband S0eäm^fnn?eüber i deutsch er Ar b e it sn ach w ei sehält augenblicklich
* Die Erklärung Dr. Kaufmanns, die wir in
O«ir<-e«: vir et» fpattigePetitzeile ober bereu Raum 15 Pfg. SeNamenbrePetitzeile
Pfg., bei wieder- yolungen wirb entspr. Seboti gewährt.
Sotationsbrnckunb Verlag brr Kulbaer Ak- tienbruckerei in Znlba zernsprecherNr.?.
Ergänzungsgeschästs sowie die Nachweisung über die Herkunst und Beschäftigung der Militärpflichtigen für das Jahr 1909 vorgeleqt worden.
* Für Wahrheit, Recht und Freiheit!" Heute sind 40 Jahre verflossen, seit auf einer Versammlung der westfälischen Katholiken das sogenannte „Soester Programm" aufgestellt wurde. An seiner Spitz« stand die obige Parole, die seitdem zum Schlachtruf der Zenlrumsparlei
geworden ist
-V HerrOberlandesgerichtspräsident Dr.Peter Spahn, der erste Lizepräsrdent de - Reichstags ist, wie wir erfahren, in gleicher Stellung nach Frankfurt et M. versetzt worden. Zum Präsidenten des Oberlandesgerichtes Ksil ist Landgericht-Präsident K i r ch n e r- Kassel ernannt worden.
hier seine 6. Hauptversammlung ab. Bei der Begrüßung teilte der Vorsitzende, Dr. Freund-Berlin, mit, daß nunmehr fast ganz Deutschland von einem engmaschigen Netz von Arbeitsnachweisen überzogen sei. Ein Vertreter des Reichsamtes des Innern teilte mit, daß dem Verbände 30 000 Mark aus dem Dispositionsfonds überwiesen worden seien. Dian beschäftigte sich dann an der Hand eines Referats von Dr. Keßler-Berlin mit den einseitigen Arbeitsnachweisen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Ter Redner vertrat den Standpunkt, daß lediglich die paritätlschen Arbeitsnachweise sich bewährt hätten, während die übrigen als "Mittel im Lahnkampf mißbraucht worden seien und sehr zur Verschärfung
der Gesetze beigetragen hätten.
# Karlsruhe, 26. Oft. 1910. Die Regierung gibt heute in der „Karlsruher Ztg.' eine Erklärung über den Fall Arnsperg er ab. Sie stellt den Charakter einer Strafversetzung in Abrede und macht für den Dien'iwechsel sachliche Gründe geltend. Die Aeußerung des Beamten, daß die Rationalliberalen niemals mit Geistlichen und Junkern zu- sammengehen konnten, habe in dem vorwiegend konservativ gerichteten Landbezirk Karlsruhe, dem Oberamtmaun Arnsperger vorsteht, Anstoß erregen muffen, und das Ministerium halte eine gedeihliche Wirksamkeit dieses ausgesprochen jungliberalen und kulturlampserischen Verwrltungsbeamten in seinem bisherigen Bezirk für nicht mehr möglich. Aus diesem Grunde habe er in einen andern Bezirk versetzt werden müssen. Eine Strafversetzung sei es nicht, da der neue Posten Arnspergers einer der begehrtesten des Landes sei.
Das Kaiserpaar in Brüssel.
♦ Brüssel, 27. Okt. 1910. Heute morgen besuchten der Kaiser, die Kaiserin und die Prinzessin Viktoria Luise in Begleitung des Königspaares die d e u t s ch e Abteilung der Ausstellung. Den Kaiser entzückte vor allem die ästhetische Wirkung der riestgm Maschinenhalle. Er sah in der Konstruktion der Halle eine vollkommene Vereinigung technischer Notwendigkeiten und ästhetischen Reizes und bewunderte die riesigen Krahne, die nach fachmännischem Urteil alle bisherigen Hebe- und Transportmaschinen an Arbeitsleistung weit hinter sich lassen. Der Kaiser verglich unsere Hebetechnik mit der der Amerikaner, die nach seinem Urteil uns auf diesem Gebiet noch überlegen sind. BekannÜich find viele unserer größten Elektrizitätswerke nicht in Brüssel vertreten, dagegen haben viele junge Fabriken dort ausgestellt. Sein Urteil über diese Erzeugnisse der Eisenindustrie formulierte der Kaiser so, indem er sagte, daß die deutsche Industrie zwar auf eine sehr hohe Stufe gelangt sei, daß sie jetzt aber durchaus nicht ausruhen dürfe. Die iw Modell vorgeführten Hafenanlagen von Hamburg und die Ausstellung der Großwersten fesselten den Kaisei besonders. Ferner besuchte der Kaiser, begleitet von König Albert, die belgische Abteilung bei Ausfüllung. Er sprach dem König und dem Generaldirektor der belgischen Ausstellung seine Anerkennung darüber aus, daß sich die Spuren des großen Brandes so schnell verwischt hätten.
Heute nachmittag wurde eine beschränkte Anzahl Deutscher vom Kaiser empfangen. Uirt 5 Uhr fuhren das Kaiserpaar mit Tochter bei dem Herzog von Armberg zum Tee vor, wozu nur alle hiefigen Verwandten der Arenbergs und Lignes nebst der deut- schm Gesandtschaft geladen warm. Am Abend nahmen die Majestät«, an einem Diner in der deutschen Gesandtschaft teil. 'Danach fand ein engbegrenzter Empfang von bedmtmdm belgischm und deutschen Persönlichkeiten aus Brüssel und Antwerpen statt. Der dmtsche Männerchor in Brüssel trug einige Lieder vor. Die Abreise erfolgt 11 Uhr abends (westeuropäische Zeit) vom Bahnhof Quartier Leopold nach der Station Wildpark.
* Brüssel, 27. Okt. 1910. Die vorgestern vcrhaf- . teten jungen Leute, die bei der Fahrt des deutschen Kaisers vom Bahnhofe nach dein königlichen Schloß gepfiffen hattm, befinden sich noch immer in Haft. Wie es heißt, sollen sie auf Grund des Gesetzes von 1852 abgeurteilt werden, welches Gefängnisstrafen von 2 Monaten bis zu 2 Jahren toep^i Beleidigung fremder Staatsoberhäupter vorsiebt
1. Was ist die Arbeitersperre (Lockout)? Ist der Arbeiterausstand sittlich erlaubt, ist sie nicht iden- tisch mit der Frage: Ist der Arbeitnausstand sittlich erlaubt ¥ Sieht! Wenn auch beide Fragen aufs engste ju lammen hängen, jo hat doch bei Beurteilung der fitt- lichen Erlaudtheit der verschiedenen Kampfmittel nicht ”Kt b*e ®«ed)tiflteit, sondern auch die christliche Liebe Berücksichtigung zu finden. Nun ist aber auf dm ersten Buck jchon llar, daß, wenn auch vom Standpunkt der Gerechtigkeit eine Aussperrung der Arbeiter ganz etnroanbfret ist, doch die chrtstliche Liede — eine naturalistische Sprache würde sich für die meisten hierher gehörigen Fälle des Ausdrucks Humanität bedienen— leichter gegen die Aussperrung von Arbeitern Einspruch erhebt, als gegm den Anstand. Die Arbeiter geraten durch die über sie verhängte Aussperrung, leichter in Not, manchmal in große Not, sogar aus längere Zett, während sich das bezüglich der Arbeitgeber in den meisten Fällen, iventgstens in demselben Maße oder gerade nicht sagen läßt. Wir haben einen Kohienarbeiterfireik in Moabit gehabt. Was ist der Arbeiterausstand (Streik', ist er sittlich erlaubt? Wenn der Moabiter Streik seinem Zweck nach gerecht gewesen sein mag, er ist mit ungerechten Mitteln durchzusübrm versucht, hat die öffentliche Wohlfahrt sogar gefährdet, ist demach aufs schärfste zu verwerfen, er ist jogar als soziale Revolution auzufprechen. Frankreich hat einen Eisenbahnerstreik erlebt. Wenn auch dieser Streik m seinem Zweck gerecht gewesm fern mag. er ist nut ungerechten Mitteln durchzuführen versucht -r hat es sogar darauf abgesehen gehabt, die Pariser Bevolke-
)( Steuern in den Kolonien. In Togo sind im letzten Etatsjahr 146000 Personen von insgesamt 165000 steuerpflichliqen besteuert worden. Insgesamt sind 410000 Mark aus Steuern eingekommen. In der deutschen Südseekolonie Samoa war im letzten Jahre die Kopfsteuer verdoppelt worden. Das ist ohne Schwierigkeit durchgesührt worden und es sind insgesamt 209 000 Mark daraus eingekommen. — Samoa und Togo sind bekanntlich unsere besten Kolonien, trotz ihres geringen Umfanges.
rung entweder zur Secessio in mundum Universum oder zum Hungertode zu verurteilen, ist sogar von einem früheren Sozialistenführer, der Minister geworden, als politischer Streik behandelt und mit wenig zarten Mitteln in allerkürzester Zett wenigstens vorläufig unterdrückt worden; die glücklichen Bahngesellschaflen werden nun wohl mit ungezählten Millionen ihre Privilegien an die glorreiche Republik zurückverkaufen müssen, wenn es nicht wieder zum Streik kommen soll, oder der ganze Eisenbahnverlehr in Frankreich nicht zum Gespött« aller Reisenden weiter sich verschlechtern soll."
Die ,Kreuzztg/ bemerkt dazu: „Diese Ausführungen scheinen uns von programmatischer Be- deutung zu sein. Sollten sich nicht nicht sämtliche christlichen Arbeiterorganisationen, die katholischen, die evangelischen und die interkonsessionellen, zu solchen Anschauungen bekennen können?' — Nach unserer Kenntnis der Dinge bekennen sich die christlichen Arbeiterorganisationen, insbesondere auch die christlichen Gewerkschaften durchaus zu den hier vertretenen Anschauungen, und es wundert uns, daß die Kreuzztg/ das nicht weiß. Die kouservative Presse steht im allgemeinen der christlichen Gewerkschaftsbewegung nicht sehr sympathisch gegenüber. Sollte dies nicht z. T. seine Erklärung barm finden, daß sie nicht genügend sachlich über sie informiert ist?
Ausland.
* Der neue deutsche Botschafter in Paris' Herr v. Schoen traf am Mittwoch dort ein. Die Pariser Presse nimmt v. Schoen als alten Bekannten freundlich auf. Ein Blatt erinnert sogar daran, daß Herr v. Schoen am Sonntag feine silberne Hochzeit feiern wird.
; Tie Berstärkuug der österreichischen Marine durch Schiffe vom Dreadnougthtyp wird im Lause der nächsten Jahre eine Perwnalerhöhung von etwa 14-20000 Mann ohne Offiziere fordern. Die vier- jährige Dienstzeit wird bestehe» bleiben. Die Kosten oer nenen Schisse werden sich im Durchschnitt infolge der höheren Eisenpreise und der schlechteren Arbeits- teisturrg der österreichischen Arbeiter höher stellen als dir der englischen Dreadnougths.
; Die bosnische Agrarfrage ist erneut akut geworden. Die serbischen Bauern fordern die Grund» ablösuug und sind gewillt, emen entsprechenden Beschluß in dem Landtage zu erzwingen. Die Reichsregierung wird jedoch unter keinen Umständen, wie Ministerpräsident Bienerth einer Abordnung rnuhammedanischer Großgrundbesitzer versicherte, einem solchen Beschluß bestätigen.
» Tas Bestehen einer Ministerkrise in Frankreich hat Herr Briand zwar in Abrede gestellt, doch ist sichel daß der Rücktritt des Arbeitsministers Vivtam fest beschlossen ist und unabwendbar erfolgen wird. Wenn Viviani mit seinem Rücktritt bis zum Schluffe der Jnterpellationsdebatte über den Ersenbahner- ausstand wartet, so ist es eben, weil er nicht während der Schlacht von der Fahne abfallen will. Im übrigen gilt der Sieg Briands in der Kammer als sicher.
* Gerüchte von einer englischen Flotten anleihe wollen nicht verstummen. Der erste Lord der Admiralität DicKenna hat freilich die ,Southwales Daily News' ermächtigt, festzustellen, er wisse nichts von einer Flottenanleihe, welche die Regierung ins Auge gefaßt haben solle und woraus der Preisrück- gang der Konsols zurückgejührt worden sei.
* Der Nachfolger Iswolskys im russischen Ministerium des Auswärtigen, Sassonow, begibt sich in diesen Tagen zum Zaren und wird biefen zu dem Besuch beim kaiserlichen Hof in Potsdam be- Gleiten
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Deutsches Reich.
<5 Bom Programm des Reichskanzlers wird noch immer viel in den Blättern gesprochen, obwohl, oder richtiger gerade, weil Herr v. Beth« mann-Hollweg bisher darüber sich zu äußern, ab- gelehnt hat.
Vor allem in der liberalen Presse zerbricht man sich darüber den Kops und fordert den leitenden Staatsmann ungestüm auf, doch endlich fein Programm zu bekennen. Von feiten der Konservativen und des Zentrums wird Herr v. Bethmann-Hollweg nicht dazu gedrängt, und zwar deshalb nicht, weit diese Parteien ein eigenes Programm besitzen, mit welchem sie in den nächsten Wahlkampf ziehen werden. Das Drängen der Liberalen nach einer Wahlparole der Regierung scheint dagegen zu be- weisen, daß diese kein Programm besitzen, in welchem sie eine Siegesbürgschast erkennen tonnten.
Da Herr v. Bethmann-Hollweg bis heute weder sein Wahlprogramm noch überhaupt sein Regierungsprogramm bekanntgegeben hat, so versucht man es zu erraten aus seinen einzelnen Maß- nahmen und seiner Stellunanabme gegenüber den
• Gegen die anarchistischen Wühlereien in Spanien wandte sich der einst so radikale Ministerpräsident Canalejas in der Kammer in sehr scharfer Weise. Auf den Protest des Sozialistensührers Pablo Iglesias gegen einen angeblich geplanten Marokko- feidzug, verurteilte Canalejas energisch die anti- patriotische Kampagne, die bis in die Kasernen getragen werde, und gegen die Hetzereien, die gegen einen von der Regierung gar nicht geplanten Krieg betrieben würden. Flugblätter seien tu den Kasernen verteilt worden, und man habe sich nicht gescheut, die Mannschasten zum Mord gegen ihre königstreuen Offiziere aufzuhetzen. Keine Regierung — nicht einmal die liberalste — könne einem derartigen Treiben ruhig zusehen. Es werde mit Gerechtigkeit, aber großer Strenge gegen die Verhasleieu vorgegangen werden.
» Die neue Regierung in Portugal hat ein natürliches Interesse daran, die Zustände unter dem alten Regime möglichst schwarz zu malen. Jetzt verkündet sie, daß in allen Ressorts große Unterschlagungen entdeckt wurden, die insgesamt jährlich 10 Millionen Mark überstiegen haben sollen. — Die provisorische Regierung hat erklärt, daß dir Kämpfe an den Tagen vom 3. bis 5. Oktober als Heldentaten betrachtet werden sollen. Die Soldaten, die an der Revolution teilgenommen haben und sich Fälle von Disziplinlosigkeit zuschulden kommen ließen, sind begnadigt worden
♦ Ans dem Balkan sieht es wieder aus rote in den schlimmsten Ausruhrzeiten. Eine bulgarische Bande griff bei Sultanjetepe in der Umgebung von Kotschana aus dem Hinterhalt eine türkische Militärabteilung an. Ein Soldat wurde erschossen und einer schwer verwundet. In der Umgebung von Strumitza fand ein Kamps mit der Bande Tschernpajeffs statt, wobei zwei Bulgaren und ein Soldat gelötet wurden. Eine griechische Bande wurde bet der Ueberschreit>mg der Grenze bet Panteleimon in der Gegend von Katerina von einer Wache angegriffen, wobei vier Griechen getötet wurden. Bei der Verfolgung einer griechischen Bande bei Jsvoros auf Chalkidike wurden dre, Griechen und ein Soldat getötet. Ein Gendarm wurde schwer verletzt; 45 Bulgaren wurden, wett sie bulgarischen Banden Vorschub geleistet hatten, in Ketten dem Kriegsgericht in Monastir eingehefert. — Diese Vorgänge beweisen von neuem, wie notwendig die türkischen Maßregeln zur Durchführung der Entwaffnung in Mazedonien sind. Westerhin zeigen ste aber auch das Unberechtigte der Vorwürfe, die seitens der Bulgaren und Griechen an die Pforte in dieser Angelegenheit gerichtet werden. Sobald die beiden Völker dafür Sorge tragen würden, daß die Unbotmäßigketten und Feindseligkeiten ihrer Stammesgenoffen aushören, ist der Friede in Maze- donien da. Aber das wollen sie ja nid)', sie hoffen alle noch auf die Aufteilung der Türker, um ihr Ländchen zu vergrößern, und tragen daher kräftig dazu bei, die Unruhen nicht aussterben zu lassen.
* Der Streit um die politische Macht in Abessinien hat zu blutigen Zusammenstößen geführt Bremern Gefecht zwischen den Grenzwachen Ras Mikaels und den aus Ras Wolies Land heimkehrenden Regierungstruppen sind gegen hundert Maun auf beiden Seiten gefallen. Wie gemeldet wird, soll es sich um ein Mißverständnis handeln, aus dem der Kampf entstand: Die Grenzwachen hielten die aus Wolies Land heimkehrenden Truppen für Feinde, die das Land überfallen wollten.
Aus der siegreichen Schlacht kehrt Briand mit einer Ministerkrisis heim. Und ein bedenkliches Anzeichen ist, daß er den Zwiespalt in der Regierung nicht regelrecht zum Austrag zu bringen wagt, sondern zu verkleistern sucht. Diese dilatorische Behandlung entspringt offenbar der Furcht, daß öriand bei einer offenen Krisis die nötige Mehrheit ___ __________ ....
int Parlament nicht mehr zusammenhalten könnte. Nr. 246 nach der „Germ.' w-.edergegebeu haben, ist Die Zerfahrenheit des Parlaments scheint also den von demselben ergänzt worden. Wesentlich neues Fortbestand einer starken Regierung zu lähmen. wirb in der neuen Fassung nicht gejagt. Auf die Die konservativen Elemente auf der Rechten, Aufforderung des Dr. Dietzsch: nun mög« Dr. Kauf- die ihrer Natur nach einer starken Staatsgewalt mann ihn verklagen, erklärt Dr. Kaufmann, daß er zur Stütze dienen müßten, kommen im französischen keinen Monfireprozeß anstrengen werde, der wichtige Parlament nicht in Betracht, da dort das System Aktenstücke ans Tageslicht fördern würde. „Ich der „Ausschaltung' herrscht und die Regierung auf werbe es nicht tun — im Interesse de- Zentrirms.' den republikanischen Block allein angewiesen ist. ♦ Der Reichskanzler und das Zentrum. Unter
Den Kampf gegen die parlamentarische Miß- bet Ueberschrist: „Vier Kanzler" veröffentlicht Baron wirtschaft scheint Herr Briand noch nicht aus-1 von Cramm, der bekannte Gesandte a. D. und nehmen zu wollen oder zu können. Herr Veni- Wirkt. Geh. Rat, im Novemberheft der Deutschen selos aber, der angehende griechische Bismarck, Revue einen Artikel, der mit den beachtenswerten greift mit ganzer Hand in das parlamentarische Zeiten schließt: Wespennest hinein. Er vatle sich sogleich bei seiner Herr von Bethmann-Hollweg steht nun aus dem Berufung vom König Georg dir Zusicherung geben hohen verantwortungsvollen Posten. Daß er sich in lassen, daß das Hilfsmittel der Auflösung des seiner Politik vom Zentrum abhängig machen Parlaments angewendet werben soll. Angesichts sollte, erscheint jedem, der ihn kennt, ausgeschlossen, dieses Dantoklesschweltes wollten nun die Partei- Wer hat denn vom Reichskanzler etwas, der- politifet nicht sofort klare Stellung für ober gegen artiaes verlangt?
ben „neuen Herrn"- nehmen. Aber «emselos ließ * Die Strafprozeßkommission des Relchs- sich auf ketne Ausflüchte und keine Halbhecken em. . $ hält trotz lebhaften Wiberipruchs der Regie- Sogar em schembares Vertrauensvotum, das mit I 9 ' __
Vorbehalten und Hinterlist gespickt war, hielt jhn rung om dem Beschluß fest, daß Beschlag b ft nicht ab, die Auflösung zu verhängen und so an und Durchsuchungen in den parlamenlarlschen das Volk gegen das Parlament zu appellieren. Räumen nur mit Genehmigung des Präsidenten Offenbar hofft er, vom Volke ein Vertrauensvotum erfolgen dürfen. Der Negierungsvertreter bezeich- zu erhalten, das ihn zum Herrn der Lage macht, »ete den Beschluß als sehr bedenklich für das zu einer Art demokratischen Diktators unter könig- Zustandekommen des Gesetzes.
kicher Flagge. + Christliche Arbeiter, Aussperrung und Streik.
Tie Wandlungen und Wagnisse der beiden Aus einer Ansprache des stellvertretenden Vorsitzen- Männer sind von hohem -ontereffe. So wenig I öen cjeCTn Privatgelehrten Hermann Hüier in der Sympathie man den beiden Persönlichkeiten ent- Sitzung vom 22. Oktober des Gaues der Windt- gegenbrmgen mag. so muß man doch zugesiehen, Horstbunde Berlins und der Mark Brandenburg daß sie von der zerfahrenen, engherzigen und selbst, ^ie ,Rreunta/ (Nr. 504) folgende Sätze als süchtigen Umgebung, mit der sie zu kämpfen haben, bemerkenswert hervor:
MaerW Zeitung
mottdsMage: „gulbaet GeWchtÄMer"
K Zwei Minister mit überraschender Tatkraft
haben die jüngsten Ereignisse in Frankreich und Griechenland auf die Bildfläche gebracht.
Herr Briand, der einstige sozialrevolutionäre Fanatiker und Prophet des Generalstreiks, entpuppte sich plötzlich als der Inhaber einer eisernen Faust, als ein innerpolitischer Bismarck für Frankreich, der den Eisenbahnerstreik und den damit ver- bulidenen Umsturzversuch ohne weiteres mit militärischen und polizeilichen Machtmitteln unterbrüdte. Und in Griechenland trat derselbe Kreter Vern- selos, der bisher als sriedensgesährlrcher Vorkämpfer des hellenisch-kretischen Chauvinismus be- rüchtigt war, mit einem Schlage als Retter des Königtums und Bändiger der selbstsüchtigen Nationalversammlung an die Spitze der nationalen Entwickelung.
„Speise geht vom Fresser aus und Süßigkeit vom Starken.' Dian kann auch das weltliche Wort zitieren: „Es wächst der Mensch mit seinen größeren Zwecken'. Der verantwortliche Minister ist ganz anderen moralischen und materiellen Tried- krästen unterworfen, als der „freie' Politiker, der ohne daS Gefühl der Verantwortlichkeit für die! Sicherheit und Zukunft eines ganzen Volkes für die Parteitheorien oder für persönliche Liebhabereien remonstriert und agitiert.
Herr Briand hat durch seine kulturkämpserische Tätigkeit unsere Abneigung reichlichst verdient; aber die Wahrheit und Gerechtigkeit erfordern das Anerkenntnis, daß er in der jüngsten Krisis sich als ein kräftiger Hort der Rechtssicherheit und Ordnung erwiesen hat. Damit hat er allerdings feine Vergangenheit nicht auslöschen können. Er hat _ jetzt, nachdem er den Waffengang mit den aufrührerischen Elementen im Lande erfolgreich bestanden hat, mit dem tragischen Verhängnis zu schaffen, das ihm die parlamentarischen Gegner aus seiner früheren sozialistischen Parteitätigkeit bereiten wollen. Seine jüngste Rede in der Pariser Kammer hatte ein Doppelgesicht: Der rückschauende Teil, der seine jüngsten staatserhaltenden Krastmaßregeln verteidigte, war glänzend und durchschlagend; der zweite Teil, der die versprochenen gesetzgeberischen Maßnahmen /fit die Zukunst besprach, war matt und enttäuschend. Da kam es zu Tage, daß über die Gesetzgebung gegen den Mißbrauch des Koalitionsrechts keine Einigkeit herrscht unter den Mitarbeitern Briands Im Ministerium und den Kammergruppen, auf die das Ministerium angewiesen ist.
politisch«: Fragen. Alle paar Tage bringen uns dann ein neues Moment und einen neuen Artikel über das „Programm" des Reichskanzlers. Die ,Frankf. Zeftung- bestätigte die Nachricht, daß die Verhandlungen über den neuen Reichsetat beendigt feie« und daß derselbe ohne Jnanfpruch- nähme neuer Steuern balancieren werde. In politischen Kreisen erzählt man, wie schon mitgeteilt wurde, daß der Reichskanzler jüngst in einer Unter- Haltung, in der auch von dem vielfach verlangten Programm der Regierung die Red« war, dem Sinne nach ungefähr geäußert habe: „Der Etat, den ich Ende November dem Reichstag vorlegen werde, ist auch ein Stück Programm und ein nicht unwichtiges.' Mag Herr v. Bethmann-Hollweg diesen Satz gesagt haben oder nicht, richtig ist er ganz zweifellos. Die Gestattung des Reichshaushaltsvoranschlages I läßt für viele Punkte «kennen, rote der leckende Staatsmann zu regieren gedentt. Da ist vor allem wichtig daS Programm der Sparsamkeit. Der neue Etat soll unter diesem Gesichtspunkte der beste sein, der dem Reichstage feit Jahre» vor- gelegt worden ist. Mit dem neuen Etat wird gleichzeitig die neue Militärvorlage eingebracht werden. ES heißt, daß der Etat bereits die Mehrausgaben enthält, die durch das neue Heeresgefetz bewilligt werden sollen. Sie sind, wie man hört, wesentlich geringer, als zuerst befürchtet wurde, sodaß kaum zu erwarten ist, daß die For- betungen im Parlament zu einem Konflikt Anlaß
I geben.
Wir haben den aufrichtigen Wunsch, daß diese Ankündigungen der Wahrheit entsprechen und wir werden Herr» v. Bethmann-Hollweg gern versichern, daß wir wenigstens mit diesem Teil seines Regierungsprogramms durchaus einverstanden sind.
süchtigen Umgebung, mit der sie zu kämpfen haben, sich vorteilhaft abheben, — was freilich noch kein großes 2ob ist.