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Montag den 24. Oktober (9(0.

37. Jahrgang.

" fuldatr U Leitung *

2. Blatt

Druck und Verlag der Zuldaer Actkendrnckerei in Znlda.

Kleines Feuilleton

* An die Arbeit!

Diese Ausführungen sind, das sei gleich zu Anfang gesagt den kacholischcn Arbeitervereinen gewidmet, diesem so bedeutungsvollen und doch vrel zu wenig gewürdigten Organisationszweig der chrfftl. Arbeiter- $elX'<£eit ^Jahren arbeiten die katholischen Ar­beitervereine^ mit sichtlichem Erfolg an der wirtschaftlich-sozialen Hebung und allseittgen Verede­lung von Arbeitermassen, und wie wenig ist die Kul- turbedcutung ihrer Arbeit in das öffentliche Bewutzt- sein gedrungen! Wer spricht von den katholischen Ar­beitervereinen? In der amllichen Statistik, in den behördlichen Erhebungen, in der fozialwissenschafüt- chen Literatur und in der Presse spielen wohl die gewerkschaftlichen Organisationen als Arbet- terinierefsenvertretung eine Rolle, nicht aber die kon­fessionellen Arbeitervereine. Kaum daß hie und da ein Gewerbeinspektor einige Bemerkungen über die Leistungen der Arbeitervereine in seinen Jahresbericht mit einfließen läßt. Woran mag das liegen? Weil die katholischen Arbeitervereine konfessionell sind? Das ist ein Griind, gewiß. Wir müßten ihn ernstlich ms Auge fassen, wenn nichl ein anderer, näherliegender da wäre, und er heißt: Unkenntnis und dar­um geringe Wertung ihrer Arbeit.

Wer aber diese Arbeit kennt, wird gestehen müssen, daß sie Schritt für Schritt die Verhältnisse in der Arbeitcrwelt in den letzten Jahren geradezu umge­wandelt hat, daß sie die Aufmerksamkeit und Würdi­gung nicht nur der Arbeiter selbst, sondern eines jeden um die wirtschaftliche und sittlich-religiöse Gesundung der sozialen Verhältnisse iinseres Vaterlandes besorg­ten Sozialpolitikers beanspruchen nmß.

Was die Arbeitervereine leisten? Fragen wir nur, was sie schon geleistet haben.

Wir könnten reden von den, mächtigen Emslusse, den sie in religiös-sittlicher Hinsicht auf die katholische Arbeiterschaft ausgeübt haben. Wenn es bis jetzt gelungen ist, besonders im Westen und Süden Deutschlands die katholische Arbeiterschaft in ihrer Mehrzahl vor der Sozialdemokratie, vor den Gefah­ren des Unglaubens überhaupt zu bewahren, dann ist das neben den christlichen Gewerkschaften den Arbei­tervereinen zu danken. Die christlichen Gewerkschaften führten erfolgreiche Kämpfe gegen sozialistische Beein­flussungen der Bestrebungen um den Arbeitsvertraa. Bei gewerkschaftlichen Organisation. Die katholischne Mitglieder dieser Gewerkschaften aber empfingen das geistige Rüstzeug zur Führung dieses Kampfes vor­zugsweise durch die Schulung der Arbeitervereine, durch ihre Verbandsorgane, VereinZvorträge, Unter« richtskurse, Flugblätter. In den letzten Jahren spitz­ten sich die Kämpfe zwischen Glaube und Unglaube vollends auf jenen Gebieten zu, wohin die Gewerk­schaften als interkonfessionelle Gebilde nicht dringen konnten: es galt den Kampf zu führen gegen das Freidenkertum, gegen seine Angriffe auf Glauben, Kirche und ihre Diener in Versammlungen, in Flug­schriften, Zeitungen und persönlichem Verkehr.

Denken wir nun an das weitschichittze und viel­seitige B i l d u n g Z w e s e n der Vereine. Wo exi­stieren denn heute Vereine, die sich der umfassenden geistigen Hebung und Bildung der breiten Masse an­nehmen, es seien denn die konfessionellen Arbeiterver­eine? Sie beschränken sich nicht auf die Weiterent­wicklung einer geistig schon erstarkten Elite, sondern sie wecken geistiges Leben, wo immer nur ein Funke zu finden ist, und entwickeln eS pädagogisch wei­ter. Ihr vielseitiges Vortragswesen, ihre Ünterrichts- kurse, ihre Presse sind die erfolgreich angewandten Ar- beitSmittÄ. Wer sie kennt, wird ihnen Achtung zol­len müssen. Ihrem Einfluß ist es zu verdanken, wenn bei Tausenden die im Kampf umS Dasein längst ver- wischicn Schulkenntnisse wieder in das Bewußtsein zurückgerufcn und aufgefrischt worden sind, wenn die Bedeutung der elementaren Kenntnisse für das Fort, kommen des einzelnen und der ganzen Gesellschaft Wieder Sinn und Leben in den Köpfen gewonnen haben.

War es nicht eine Kulturleistung, als die Arbeiter­vereine den Arbeiter in das Verständnis der sozia­len Gesetzgebung einführten? Wurde nicht ein Stück staatliche Geschichte gelehrt, da man das Werden

— Altmodisch werdende Fremdwörter. Da viele un|ercr Fremdwörter ihre Aufnahme in den deutschen Sprachgebrauck nur törichter Vomehmtuerei ver­danken, die da meint, das Fremde sei wertvoller als das Heimische, so wird es manchem Deutschen schwer­fallen zu glauben, daß Fremdwörter, die noch vor einigen Jahrzehnten aus stolzem Rosse saßen, jetzt als altmodisch gemieden werden. Und doch ist dem so, ziehen doch sogar Leute, denen in ihrer Vorliebe für das Ausländische reichlich viel Fremdwörter über die Lippen kommen, öfters heimische Ausdrücke nur aus Feintuerei dem und jenem Fremdworte vor. — Gar mancher Fremdwortfex trinkt 'einem Gegenüber jetzt mit einem deutschen zum Wohle zu, da er das Gefühl hat, dieser Zuruf sei feiner als das von jedermann gebrauchte „Prosit" oder gar, »Pfost". Vereine, die etwas auf sich halten, reden oei ihren Festmahlen nicht mehr vom „Kuvert", sondern vom Gedeck, obgleich gerade in der Geselligkeit der obe­ren Zehntausend das Fremdwort seine schönsten Triumphe gefeiert hat. Wie alssränkisch klingen im Vereinsleben „Justifikation" und „Statuten". Aber noch 1896 beantworteten württembergische Gymna­siallehrer den A-'trag des Professors Erbe, man möge statt Statuten Satzungen und statt Generalver­sammlung Hauptversammlung sagen, mit schallendem Gelächter. Die „Visite" hat auch ihre schönste Zeit hinter sich. Wer ist seinen Freunden noch eine „Visite" schuldig? Nur die „Kindervisite" scheint ein sehr zähes Dasein zu haben, sonst greift immer weiter unser deutsches Wort Besuch um sich, und schon nennt unser Kunstgewerbe besonders ge­schmackvolle Karten nicht Visitenkarten, sondem Be­suchskarten ober noch besser Namenskar­ten. Gewiß, in den Läden bestellen noch viele Vi­sitenkarten, aber beim Besuche sagt man zum Mädchen nur: Bitte, wollen Sie meine Karte abgeben. Man beachte zu Festzeiten die Auslagen der Papierwaren- Seschäste, und man wird finden, daß gerade auf den esserne Starten der Glückwunsch vorherrscht. „Gratulation" und gar erst „Kompliment" klingen uns schon wie aus Großmütterchens Stube, so sehr.

der staallichen Sozialpolitik und deren Ziele darlegte? Wie viel haben nicht Arbeiterversicherung u. Arbeiterschutzgesetzgebung tatsächlich im Bewußtsein des Volkes gewonnen durch die aufllä- renbe Arbeit der Arbeitervereine! Es steckt Erzieh­ungsarbeit in der heute festzustellenden Tatsache, daß das öde Schimpfen über die „Bettelsuppen unserer Arbeiterverstcherung" fast völlig zurückgetreten ist.

Mit dem sozialen Gebiet hängt das P o l i t i s ch e zusammen. Parteipolitik haben die Arbeitervereine nie getrieben, aber sie wurden für die politische Bil­dung des Volkes dadurch von unschätzbarer Bedeu­tung, daß sie darangingen, die Beziehungen zwischen Staat und Arbeiter herauszuarbeiten, in Wesen, Zweck und Mittel des Staates einführten, in die Theorie der Steuern, bet Landesverteidigung, der Weltpolitik. Hier war die Gelegenheit, und sie wurde reichlich in den katholischen Arbeitervereinen ausgenutzt, die gei­stigen und sittlichen Voraussetzungen für die Anteil­nahme der breiten Massen am politischen und staatli- chen Beben zu schaffen.

Wer aber die Arbeitervereine bloß gleichsam als soziale und staatsbürgerliche Aufklärungs- und Er­ziehungsvereine verstehen wollte, hätte den Grundzug ihrer Bestrebungen nicht erfaßt. Die Arbeitervereine wollen eine Standesbewegung barstellen. Dar­um erfassen Ne ben Arbeiter in allen seinen Beziehun­gen, erfassen ihn in seiner ganzen Lebenshaltung, er­fassen ihn unb seine ganze Familie.

Das leuchtet so recht hervor, wenn man ihre Be­strebungen zur Veredlung der Lebenshal­tung ins Auge faßt.

Welch eine Fülle von positiven Bildungselemen- ten! Wirtschastskunde, Nahrungsmittclchemie, Ernäh­rungslehre, Kochkunst. Gesundheitspflege, Säuglings­pflege, Hygiene der Arbeit, Wohnungspflcge, moderne Erziehungskunst — all das wird hiervon erfaßt.

Und vollends tritt dieser Gedanke: „Wir wollen eine Standeshebung" hervor, wenn man immer wie­der die Arbeitervereine fordern hört: Ihr Arbeiter müßt selbst Hand anlegen an die Besserung eurer Ver­hältnisse Die Betonung des s i ch s e l b st H e l f e n s ist Grundbedingung für eine kulturelle Aufwärtsbe­wegung, und es ist ein nicht zu schätzendes Verdienst der Arbeitervereine, daß sie diese Grundbedingung stets betont haben, und darum Aufllärung, Studium, positive Mitarbeit von ihren Mitgliedem auf allen Gebieten verlangten.

Das sind die Leistungen der Arbeitervereine. Und diese Leistungen sind zugleich ihr Programm. Ist vieles erreicht, so ist das Ziel der Vollkommenheit doch noch lange nicht errungen. Schon deswegen nicht, weil sich bis heute nur ein geringer Teil katholischer Arbeiter den katholischen Arbeitervereinen angeschlos­sen hat. Was bedeuten 400 000 Mitglieder in sämt- ' lichen Arbeitervereinen Deutschlands, wo wohl mehr als vier Millionen katholische Arbeiter in der Indu­strie beschäftigt sind?

Darum heißt cs jetzt an die Arbeit, um die Reihen zu verstärken.

Wer dem Arbeiterstanbe angehört unb ein zielbe­wußter Arbeitet und opferwilliger Katholik zugleich ist, wird ben Vertrauensmann nicht abweisen, ber ihn für ben Arbeiterverein gewinnen will.

Unb wer Mitglied bereits ist, wird nicht ruhen, bis er feine Kollegen, die noch fernstehen, ebenfalls dem Vereine zugeführt hat.

Möge reicher Erfolg die Arbeit krönen, auf baß bie Schar der Mitglieder in Jahresfrist sich wenig­stens verdoppelt!

X Tie sinnländische Frage.

Die finnläudftche Frage ist für manche ein Kräut­chen Rührmichnichlan. Sie wollen nicht mit der Behandlung offenkundiger Tina? den östlichen Rach­bar reizen. Es ist d es eine Rücksicht, welche auf der anderen Seite wohl gern gesehen wird, doch sonst fort wenig gilt. Es hat sich aber dennoch eine öffentliche Meinung über ganz Europa hin gebildet, die die Vergewaltigung Finnlands auf jeden Fall mißbilligt, mögen auch vereinzelte Schrift- stellet den Mut besitz.'n, bei uns in Westeuropa die Finnländer im Sinne der russischen Verdrehungeu

daß viele im Streben nach Vornehmheit lieber Glück­wunsch und Gruß sagen. Großmütterchen hat in ihrem „Salon" „Fauteuils", ihr Enkelkind wünscht sich aber für das gute Zimmer, das Empfangs­zimmer ein paar recht schöne Sessel (wohl auch Armsessel ober Polstersessel ober ganz fein „Klub­sessel"), bem jüngeren Geschlecht klingt eben Sessel vornehmer als bas allerdings so schwer anszuspre- chende Fremdwort „Fauteuil". Unb ist es schließlich nichl mich das Natürliche, baß das heimische Wort für vornehmer gilt als das Fremdwort? Wahre Freunde unserer lieben Muttersprache meiden ja die entbehrlichen Fremdwörter auch noch aus anderen Gründen, gleichwohl werden sie diesen Zug der Mode mit Freude als ein Zeichen ber Zeit unb als will­kommenen Bundesgenossen im Kampfe wider lästige Fremdwötter begrüßen. -Zpr.

— Die Erde als Leckerbisien. Von den Otlomalen, jenem seltsamen Volksstamme, ber in §üd-Amercka, an den U ern der Orinoko lebt unb sich hauvlfäch'ich oon ber Erve ernährt, verrät eine französische Wochen- Imrift allerlei interessante Kuchengeheimuifse. Sie essen enie Art fetter poröser Tonerde, die eh e ins (Sraue spielende gelbe Farbe hat und bisweilen durch Euenoxyo rötliche Tonung zeigt. Mit der liebevollen Sorgfalt des Kenners weiß der alte Feins ' mecker bie Erde ausznwählen, es gibt verschiedene Stellen wo diese Erde gefunden wird und deren Qualität und Schinackha tigkeit genau unterschieken werben. Das ausgewählte „Stück" roirb dann zu Kugeln, zu kleinen Jfrtööeln geknetet und auf schwachen'. Feuer geröste, bis die Kruste eine rötliche Färbung an- nimmt. Vor dem Diahle werden dann diese Erd- knödel mit Wasser leicht angefeitchtet. Die Otto« maken find übrigens nicht die einzigen Erbsresser. In Java werden unter dem Namen Pampo oder Anampo kleine eigenartige Gcdftde gegessen, die nichts anders sind als Stangen aus roter Erfenerde, die in Feuer geröstet sind. Viele Frauen und Mäd­chen betrachten diese Pampas als einen Leckerbissen. Auch in Lappland roirb Erde gegessen, hter gibt es in gewissen Gegenden Ablagerungen einer leichten, weißlichen, feiten Erde, bie freilich nur in den Zeiten der Rot von den Lappländern als Nahrungsmittel und zum Brotbacken benutzt wird

anzuschwärzen. Ganz besonders muß hierzu eine Periode herhalten, in ber die Finnländer es ver­standen hatten, der Bedrückung ein Ende zu machen, die sie feit dem Verfassungsbruch 1898 heimgesucht hatte. Der russische Oberst Graf Pfeil, ber sich tn der ,Täglichen Rundschau" als politischer Kanne­gießer betätigt, nutzt zur Abkühlung ber Sympathien für die Finnländer ebenfalls diese Begebenhelten aus, roirb aber von der Staatsbürger ßeitung' folgendermaßen berichtigt:

„Der Möglichkeit größerer Umwälzungen Rechnung tragend, mußten ganz natürlich politische Streife Finn­lands das Videant consules in den Vordergrund aller Betrachtungen stellen. Graf Pfeil meint: „Wären da­mals entschlossene Männer in dem nur schwach von russischen Truppen besetzten Finnland gewesen, so hätten sich einige Bedingungen über die Selbständigkeit des Landes erzwingen lassen." An entschlossenen Männern fehlte es indessen Finnland nicht, nur hatten diese, obwohl Anlaß genug vorlag, an anderes als etwa Abfall zu denken, da ihnen zunächst an Re­formen nach der ruisischen Schreckensherrschaft lag. Herr Graf Pfeil scheint vergessen zu haben, daß der Zar den Finnländern hiernach in einem besonderen Manifest, dem sogen. Novemdermanisest, die Wieder­herstellung ' ihrer Verfassung aufs neue feierlichst 'zusicherte, ein Versprechen, über das sich derselbe Zar am 2. Juni 1908 auf Anraten Stoly­pins durch Anlüudigung der „Reichsgesehgebung" schnöde hinwegsetzte, — was vielleicht sehr peinlich zu erwähnen ist. Doch dies ist der Dank dafür, daß die Finnländer damals fo loyal waren, nicht gleich reinen Tisch zu machen. Unter diesen Umständen und in An­betracht der gegenwärtigen ernsten Lage berührt e? wahrlich nicht gerade erbauend, wenn Graf Pfeil den Finnländern eins anhängt, und die vereinzelte Preß­stimme des „Framtid" lozusagen als Meinung der führenden Politiker und ihres Anhangs ansuhrt: ..Ging doch eine der entschiedensten Zeitungen, die „Framtid", soweit, dem Landtag zu raten, sich als gesetzgebende Versammlung zu erklären und die völlige Unab­hängigkeit Finnlands von Rußland auszu- sprechem" Dies im Zusammenhang mit dem gegen­wärtig tagenden Landtag gewissermaßen als Barometer und zur Begrüßung beim Beginn der Tagung hinsetzen, heißt nichts anderes als: einen ernst und schwer um seinen Bestand ringenden Gemeinwesen Fallstricke zwi­schen die Füße werfen."

Allerdings gibt es würdigere Betäligungsgebicte für schriftstellernde ehemalige Osfiz cre.

Die finnläudische Frage hat für uns Deutsche insofern ein hohes Interesse, als das Fallen der Selbständigkeit Finnlands auch auf Deutschland fühlbare Rückschläge ausüben wud. Finnland nämlich ist ein selbständiges Volks- und Kullnr- p-’lt’iet, das durch eigene Verfassung und Zollgrenze sich von Rußland abhebt. Die verständnislose E.eichmacherci aber bringt auf Beseitigung der Zoll­grenze. Deutschland nun ist an der finnländischen Einfuhr mit rund 155 Millionen Mark an weit­aus erster Stelle beteiligt. England und die skandi­navischen Staaten sind hiergegen mit 50 Millionen stark im Hintertreffen. Richt weniger als eine Triltelmilliarde unseres Geldes steckt in finn'än» Ci.dien Unternehmungen unö Anleihen. Wenn in Zukunft für Finnland dieselben Bestimmungen gelten wie für Rußland, so wird der fremde Handel dort, in erster Linie also unserer, dreifach geschädigt. Es hat erstens daun auch die in Rußland für Handelsreisende übliche hohe Gewerbesteuer zu zahlen, zweUeus die russische Siempelfteucr auf allen Fakturen zu tragen und endlich mit erheblich höheren Zollsätzen zu rechnen.

Das sind für uns rein praktische Erwä- gangen, von der ethischen Seite dieser jeder Kultur hohnsprechenden Vcrsahrungsart gegen ein entwickeltes Gemeinwesen ganz zu schweigen. Wenn in großpolittscher Beziehung daun noch festzustellcn ist, daß die Rtissifiziemng Finnlands eine weitere Verschiebung der rutsifchen Stoßtrast nach Westen ist, die auf Fuß'aflung an der norwegischen Küste hinzielt, so ergibt sich aus alledem, daß es zunächst für' bie Berufenen gilt, auf die Dinge ein wach­sames Äuge zu haben und vor allem mit solchen Wahrnehmungen nicht aus falsch angebrachter Rück- sicht hinter dem Berge zu halten oder durch wirres Zeug wie in der ,Tägl. Rundschau" die Frage zu oeröuntelir suchen.

Ausland.

* Fürst Franz von Teck, der Bruder der Königin von England, ist am Samstag im 41. Lebensjahre in London gestorben. Der Tod des Fürsten trat ein, nachdem eine zweimalige Operation ivegen Bnist- fellentzündung erfolgt war. Das Königspaar von England war beim Hmscheiden des Fürsten zugegen..

* Die taktlosen Angriffe der Brüsseler Sozialisten auf den deutschen Kaiser haben in der belgischen Be­völkerung allgemeine Empörung hervorgerufen. Auch Kreise, die nichts weniger als deutschfreundlich sind, und die aus ihrer Vorliebe für Frankreich und ans ihrer demokratischen Gesinnung kein Hehl machen, die also nicht im Verdacht „monarchischer Voreinge­nommenheit" fftehen, haben ihrem Unwillen über das pöbelhafte Verhalten der Sozialisten lauten Ausdruck gegeben. Um so auffallender und bedauerlicher mag es daher erscheinen, daß — fo schreibt die liberale Köln. Zig." — von den liberalen Blättern bisher kein einziges ein Wort der Erwiderung und Zurückweisung gesunden hat. Die katholischen Blätter haben dagegen gezeigt, daß sie mehr An­standsgefühl besitzen, da von ihrer Seite die Angriffe der Sozialisten scharf zurückgewiesen wurden. Das unqualifizierbare Benehmen der letztern hat nur die eine Folge gehabt, daß die Sicherheitsmaßregeln beim Einzuge des Kaisers, dessen Persönlichkeit die Bevöl­kerung ein lebhaftes Interesse entgegenbringt, sehr ver­stärkt ist.

* In der griechischen Nationalversammlung hat der Ministerprästdsnt Veniselos das Programm seiner Regierung kundgegeben. Er erklärte, daß es der Regierung unmöglich fein werde, alle erforder­lichen Reformgesetze durchzuführen. Nur die bringen« sten Vorlagen würden demnächst eingebracht werden. Dies geschehe zur Verhütung von Reibungen und Zer- splittemngen innerhalb der Parteien. Vor allem gelte es, die Streitigkeiten in Heer und Ma­ri n e zu beseitigen und die Disziplin wieder herzu­stellen.

* Die Anerkennung der Republik Portugal. Eine Pariser offiziöse Meldung besagt: Die franzö­sische Regierung hat sich mit der englischen und spanischen verständigt, um bei den Mächten zu be­antragen, von jetzt ab die provssorische Negierung in Nartn/uck als tntiäti'trh» SKeatwuna unh kl» ferner als

endgültige Regierung an z u erk en n e n, sobald sie die verfassungsmäßige Bestätigung erlangt hat. England, das die Initiative zu diesem Vor­schlag ergriffen hat, hat ihn zur Kenntnis der Mächte gebracht und man weiß bereits, daß Deutschland seine Zustimmung dazu erteilt hat.

Aus dem Nachbargebiete.

* KöuigZwald b. Sontra, 21. Okt. 1910. Im hiesigen Gemeindehause ist am Donnerstag aus bis jetzt noch unaufgeklärte Weise ein Stubenbrand ausgebrochen, der leider auch ein Menschenleben forderte. Die bejahrte Ww. Stückrath, welche zu Bette lag, wurde von den Flammen ergriffen und furchtbar verbrannt und starb alsbald.

* Jena, 21. Okt. 1910. Hier ist der seltene Fall vorgekommen, bagbereits bie viert e G eneration (Urgroßvater, Großvater, Vater unb Sohn) an ber- selben Universftät stubierte und baß alle vier Generationen bei derselben Familie währenb ber ganzen Studienzeit wohnten. Alle vier faßen an demselben Schreibtisch unb auf bem gleichen Sessel, drei bewohnten auch dasselbe Zimmer.

* Weimar, 23. Okt. 1910. Eine amüsante Probe seiner Stärke gab Mittwoch einer der Elefanten des Zirkus Charles. Ein schwerbe- ladener Wagen, der mit Pferden bespannt war, blieb stecken und konnte trotz ver größten Anstreng­ungen der Pferde nicht vorwärts gebracht werben. Da spannten Zirkusleute bie Tiere aus unb es er­schien ein Elefant. Der Koloß stellte sich hinter ben Wagen und schob ihn wie ein Kinderspielzeug vor­an, fo daß er im Nu dort stand, wo man ihn haben wollte.

* Gera, 20. Okt. 1910. Das Landgericht verurteilte den Oberlehrer Koehler wegen 38 Sittlichkeitsverbrechen, bie er au Schülerinnen seiner Klasse begangen Halle, zu vier Jahren Zuchthaus.

vermischtes.

** Die Einignngsversuche beim Straßenbahner­streck in Bremen sind g e s ch ei te r t. Die Straßen­bahner lehnten es gegenüber den Bemühungen des Vorsitzenden des Gewerbegerichts ab, mit der Direk­tion zu verhandeln, wenn nicht die Vertreter des Eisen­bahnerverbandes zugezogen würden. Die Direktion verhält sich diesem Verlangen gegenüber vollständig ab­lehnend.

* Eine geheimnisvolle Krankheit ist in Hol­tz r o o k bei Ipswich in England ausgebrochen, die in wenigen Tagen Kind, Mutter, Vater und einen Nachbarn dahinraffte. Das Kind starb nach dreitägi­gem Krankenlager 48 Stunden später folgte ihm die Slutter, und am Tage ihres Begräbnisses erkrankten der Vater des Kindes und ein Nachbar, die wenige Tage später gleichfalls unter eigentümlichen Erschei­nungen starben. Es fiel auf, daß in der Umgebung von Holbrook seit vielen Wochen ein großes Ster­ben von Ratten und Hasen Platz gegriffen hatte. Eine Anzahl solcher Tierleichen wurde nun bakteriologisch untersucht und man fand einen Ba­zillus, der auch in dem Blute der vier an der myste­riösen Krankheit gestorbenen Personen gefunden wurde. Man kam also zu dem Schluffe, daß die Krank­heit auf irgendeine Weise von Ratten oder Hasen auf das Kind übertragen worden war, das dann die Er­wachsenen ansteckte. Die Sanitätsbehörde hat die Ein­wohner von Ipswich und Umgebung ernstlich vor dem Berühren toter Ratten ober Hasen und vor dem Genuß von Hasen- oder Kaninchenfleisch gewarnt.

* Im Sturm schlug bei der Insel O e s e l (Est­land) ein mtt 27 Hirten besetztes Segelschiff um. E l f Hirten ertranken.

** Der Mond fei vorn Himmel gefallen, glaubten die Indianer Kanadas, als sie den deutschen Ballon „Harburg" über dem Nipiffingsee niederstürzen sahen. Zwei Stunden lang zögerten sie, zu Hisse zu kommen. Als aber weiter nichts Unerhörtes geschah, faßten sie endlich Mut und kamen den Lustfchiffern zu Hilfe.

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