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37. Jahrgang

Fulda, Samstag den 22. Oktober 1910

Erstes Blatt

M 243.

Zch aber sage Ihnen, daß er bei jedem Spaziergange | jber [einen Grund und Boden Millionen mit Füßen

v» 4fn> spaltige Petitzeile oder deren Kaum 15 Pf9. KeNomendlepetttzeile Pfg., bei wieder« gelungen wird entspr. Rabatt gewährt.

üotatfonrdrnckund Verlag der Luldaer N- tieudruckerei in Lulda zernsprecher Nr. 9.

Pachtgelder zu erheben, und steht nicht tiefer als die Wurzän des Grases liegen, das feine Kühe abweiden.

wider die Religion eröffnet. Die „Beschimpfung", die bei der Anklage wegen Vergehens gegen die Re­ligion vorausgesetzt wurde, konnte nicht bewiesen wer­den, und so ließ der Staatsanwalt die Klage fallen und es erfolgte Freisprechung Dieser Ausgang der Verhandlung steht in schreiendem Widerspruch mit dem katholischen und religiösen Gefühl, dem eben in jenem Gesetzesparagraphen nicht Rechnung getragen ist. Das katholische Gefühl war durch den Pfingst­festzug tief verletzt. Es empörte sich darüber, daß drei Männer (anscheinend eine Anspittung auf ein leditier­tes Amt) in der vollen gottesdienstlichen priesterlichen Kleidung mitgingen, ohne jeden Anlaß. Diese kirch­liche Kleidung war von unberufenen Leuten auf dft Straße gezerrt, in einem Zug getragen worden, in welchem einmal unmittelbar vor dem Erscheinen die­ser „Geistlichen" der Maßkrug zirkulierte, bei einem Zug, der in eine Wirtschaft ausmündete mit ihrem Strudel und Treiben bis tief in die Nacht hinein. Das mußte das katholische Gefühl tief empören und hat es tatsächlich tief empört. Bet Gericht wurde aber von all dem gar nichts erwähnt. Der -®e etzespara- graph verlangt „Beschimpfung". In Nürnbng und Umgebung genügt das einfache bürgerliche Kleid des Geistlichen, um ihn fast täglich auf Wegen und Straßen, zumal im Vorbeigehen an Bauwerkstät- ten, Insulten auszusetzen, die bloß der Religion gelten können, da die betreffenden Personen sich regelmäßig einander absolut ftemd sind. In der „roten Pfingst» Parade" nun schleppte man sogar diegottesdienst- l i ch e n Gewänder in den Trubel der wogenden Volksmenge mit ihren teilweise antikatholischen In­stinkten und setzte hiedurch die gottesdienstliche Sieb- düng und in ihr die höchsten Geheimnisse der Religion, welche ohne diese Gewänder nie gefeiert werden, der Gefahr der Verunglimpfung aus zur Entrüstung des katholischen Gefühls. Aber von all dem hörte man in der Gerichtsverhandlung kein Wort. Der Gesetzespara­graph faßt das nicht. (Auch nicht als „grober Unfug" wurde es gefaßt.) Statt besten hielt der Verteidiger Dr. Erlanger es filr schicklich und angezeigt, ge­gen die in ihrem religiösen Empfinden tief gekränkten Katholiken und spHiell gegen die katholische Geistlichkeit summarisch l 0 s zu d 0 n n ern, ob­wohl ihm als Nichtkatholiken katholisches Fühlen na­turgemäß fern liegt. Ja, er zog in seiner Philippika sogar in schroffer Weise die — Borromäu s°E n- z y k l i k a herein, obwohl man denken sollte, er hätte als Israelit dies füglich Protestanten überlassen kön­nen. Das tief verletzte religiöse Gefühl der Katho­liken erhielt also nicht nur keine Genugtuung, — weil kein Gesetzesparagraph dafür da ist —, die Katholiken mußten zu der erfahrenen Kränkung ihrer religiöse» Ueberzeugung überdies seitens des genannten Rechts­anwalts Worte der verletzendsten und schroffsten Art hinnehmen.

eines schnöden Rechtsbruchs gegeben wird. Sollte man der Anerkennung einen grundsätzlichen Charakter geben wollen, so müßte man einen Haager Gerichtshof für Revolutions- älle einrichten.

Staub und Asche ist, dem Grabe verfallen — das sehen Sie an und Sie werden mich nicht mehr mit Ihren eingebildeten Schmerzen quälen." Dabei warf er sich nieder und legte das Gesicht auf fein Pult.

Hope folgte der Richtung, die ihm Bariley ange­geben hatte, öffnete die Verbindungstür nach dem Wobnhause, ging leifen Schrittes vorwärts, bis er die Wärterin traf, und sagte ihr, daß ihm Mr. Battley erlaubt habe, die Keine Leiche zu sehen. Die Wär­terin sah Um zaudernd an, aber fein trauriges Gesicht flößte ihr Vertrauen ein, und sie führte ihn in das Sterbezimmer. Hier lag feierlich aufgebahtt eine Heine Gestalt, deren Anblick in dem Dämmerlicht, das in dem Gemach herrschte, dem herantretenden Hope einen Ausruf des Schreckens entrifj. Als er fein eigenes, schlafendes Töchterchen verließ, hatte ihr Ge­sicht sanft gefärbtem Wachs geglichen — hier lag ein Keines, dem ihrigen überraschend ähnliches Anüitz, nur daß es wie von weißem Wachs erschien.

Hätte er genauer hmgesehen, so würde er das Kinn der Toten dem seiner Kleinen ganz unähnlich ge­funden haben. Auch andere Verschiedenheiten warm zwischen ihnen, aber der erste Blick zeigte ihm nut die erschreckende Aehnlichkeit. Hasttg verließ er das Zimmer und kam blaß und verstört in das Kontor zurück.

„O Sir!" rief er aus, „das getreue Abbild meines Kindes — es erfüllt mich mit trauriger Ahnung und ich bemitleide Sie von ganzem Herzen. Der Anblick Ihres Verlustes versöhnt mich mit meinem Schicksal, Gott stehe Ihnen bei!"

Er war im Begriff, sich zu entfernen, denn eine unüberwindliche Furcht, daß auch seines Kindes Ant­litz zu weißem Wachs geworden fein könnte, erfüllte sein Herz. Aber Mr. Battley hielt ihn zurück.

„Sehen sie sich so ähnlich?" fragte er.

„Merkwürdig ähnlich!" antwortete Hope unv wen­dete sich abermals zum Gehen; Battley jedoch, der ihn bisher so unfteundlich behandelt hatte, schien sich nicht von ihm trennen zu können.

(Fortsetzung folgt.)

einen Widerhall gefunden haben müßte, schleudette seinen Hut zu Boden und rief, nut ausgestreckten Hän­den auf Barlley zustürzend:

„Um Gotteswillen, schicken Sie mich nicht fort — mein Kind verhungert!"

Selbst Battley war ergriffen.

„Ihr Kind!" sagte er mit einem Anflug von Teilnahme, und diese kleine Ermutigung erschloß das Vaterherz, das seine Liebe aussttömen ließ.

„Ein Keiner, goldhaariger, blauäugiger Engels ist es — mein Glück, meine Welt! Wir sind zu Fuß von Liverpool bis hierher gewandett, nachdem ich eben ihre Mutter begraben hatte. Gott sei mir, sei uns beiden gändig! Wie manche Meilehaben wir durchrneffm, Sir, totmüde und ohne Aussicht auf ein Nachtlager und ein Stück Brot. Der Vogel in der Lust hat fein Nest, das Tier auf dem Felde feinen Unterschlupf, der Fuchs seine Höhle, aber mein schö­nes, zartes, kaum vierjähriges Töchterchen ist heirnat- und obdachlos. Ihre Mutter, Sir, ist an der Aus­zehrung gestorben und ich bin außer Stande, ihr die notwendige, kräftige Nahrung zu schaffen. Wie oft, wenn ich sie während dieser unglückseligen Reise stö- stelu sah, habe ich meinen Rock ausgezogen, um sie hineinzuwickeln, und wenn ihre lieben Augen bann zu mir aufsahen, war es mir, als bäten sie mich um die Wärme und Nahrung, für die ich meine Seele ver­kaufen würde.

„Armer Bursche!" sagte Battley; „eigentlich müßte ich Sie bemitleiden, aber ich kann es nicht! — Mann, Mann, Ihr Kind lebt doch noch, und so lange Leben ist, ist auch Hoffnung! Aber mein Kind ist tot . . . tot!" Die letzten Worte schrie er beinahe.

„Tot!" wiederholte Hope enffetzt.

„Tot!" rief Bariley. „Mit vier Jahren — genau im Mer Ihrer Kleinen — dem Leben entrissen. Gehen Sie hin — dort hinaus — und sehen Sie sich mein Unglück an. Ich kann den Anblick meiner zerstörten Hoffnungen, meiner verwelkten Blume nicht ertragen. Gehen Sie, sehen Sie sich meinen blau­äugigen Liebling an, das holde Geschöpf, das nun

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tritt. Kohlen. Sir, Kohlen! und sie liegen dicht zu Tage, ich verstehe mich auf die Anzeichen. Aber ich bin machtlos und Narren besitzen das (Selb, das der Weise yt Wunderwerken verarbeiten könnte. Versuchm Sie es mtt mir, Sir; beehren Sie mich mit Ihrem Vertrauen. Sie sind Vater, haben, wie ich höre, ein liebes. Keines Töchterchen" — Bartley zuckte bei die- sm Wortm schmerzlich zusammen — „auch ich habe eht Keines Mädchen, und die Entbehrungen, die mir meine Armut auferlegt, sind ihr verderblich. Sie be­darf der frischm Lust, des Blumendustes, an dem sich ihr Keines Herz so innig erfreut! Geben Sie ihr die passende Umgebung, und ich gebe Jhnm dafür all meinen Fleiß, meinen Verstand, meine Energie und als Resultat derselben den Gewinn einer Million."

Zum erstenmal wahrend der ganzen Unterredung wurde Mr. Bariley aufmerksam.

„Ich sehe, daß Sie ein hochbegabter Mann sind", sagte er ; „aber ich bin nicht in der Lage, Ihre Dimste gebrauchm zu können."

„Sind Sie auch nicht imstande, mir irgend eine Hoffnung zu gebm?" fragte der arme junge Mann, noch immer zögernd.

„Auch das nicht — es tut mir herzlich leid."

Dies eine freundliche Wort machte so tiefen Ein­druck auf ben armen Hope, daß er für einen Augen­blick sprachlos war. Dann suchte er seine männliche Würbe wieberzugewinnen unb sagte mit einer kläg­lichen Mischung von erzwungener Zuversichtlichkeit und wirtlicher Herzensangst: „Hoben Sie Daick, Sir, unb lassen Sie mich wünschen, baß Sie allezeit Unter- gebme frnben mögen, bie Ihre Interessen so tteulich wahren, wie ich es in meiner Dankbarkeit getan haben würde. Guten Morgen, Sfr!" Dabei setzte er mtt unheimlich lächelnder Miene ben Hut auf und ging entschlossen der Tür zu.

Wer ehe et sie erreichte, brach sein Vaterherz zu- sammm. Bolton's Lehren waren vergessm, es wat vorbei mtt der erzwungmm Haltung, der erkünstelten Zuversicht. Er stieß einen Schrei auS, einen Angst­schrei, der in tausend Herzen, hätten sie ihn gehört.

Deutsches Reich.

** Berlin, 21. Oft. 1910. Der Kaiser nahm am Freitag an der Parforcejagd in Döberih teil. Am Nachmittag treffen der Erbprinz von Sachsen-Meiningen und seine Gemahlin zum Besuch der Majestäten auf Station Wildpark ein. — Der Meichsanzeiger« veröffentlicht die Verordnung betr. die Ausführung des Kolonial- >eamtengesetzes vom 8. Juni 1910, mit dem Datum vom 3. Oktober 1910.

0 Das Enteignungsgesetz. Dem ,Franks. Jntellr- genzblattt wird aus Berlin gemeldet:

Ein offizieller Antrag der Ansiedlungs- tommiffion liegt dem Staatsministerium vor. Darm wird gefordert, das Recht zu gewähren, mit der Ent- eianung zu beginnen. Begründet tft der Antrag damit, daß der Kauf polnischer Güter mit dem Vor­jahr aufgehört hat, da polnisches Land freihändig mcht zu haben ist und die Täligkett der Anstedlungskommtffion auf diese Weise empfindlich gestört wird. Der Antrag der Anstedlungskommiffon wird gegenwärtig von den drei beteiligten Ministern v. Dallwitz, v. Schorlemer und Dr. Lentze beraten. Soweit sich übersetzen lagt, dürste dem Wunsche der Ansiedlungskommlffwn ftatt- aeaeben werden. Die ersten Enteignungen sollen noch zu Ende des Jahres 1910 erfolgen.

Bei der Beratung des Enteignungsgesetzes fptel- ten sich bekanntlich im preußischen Landtage heftige Kämpfe ab, in denen nicht nur Zentrum und Polen gegen das Gesetz opponierten, sondern auch ein be­trächtlicher Teil der Konservativen aus grundsätz­lichen Bedenken die Vorlage befehdete, Nach dem Umschwung der parlamentarischen Machtverhaltmffe wurde von einer Schwenkung der Regierung auch tu der Polenpolitik geredet, doch wurde dem mit Nach­druck widersprochen. Jedenfalls aber wurde das Ent­eignungsgesetz bisher nicht angewendet. Wenn jetzt zu Zwangsenteignungen geschritten werden soll, so würde das ein Wiederaufleben der alten Kampfe geben und die Position der Regierung müßte not­wendigerweise erschwert werden. Wir können nicht recht glauben, daß die Regierung in der jetzigen vertahrenen parteipolttischen Situation so leichten Herzens sich dieser Gefahr ausfetzen wird. Deshalb möchten wir der Nachricht doch einige Zweifel ent- gegenfetzen. . „ „,

** Dentburg Oberbürgermeisterkanbidat? Die BerlinerMorgenpost' meint, Herr Kirschner beab­sichtige bei der „verfahrenen Situation" aus allen Gebieten deS Berliner Kommunallebens nicht wieder als Oberbürgermeister von Berlin zu kandi- bieren; der gegebene Mann für diesen Posten aber würde Herr Dernburg sein. „Verfahrene Situation auf allen Gebieten des Berliner Kommunallebens" — so spricht ein freisinniges Blatt von den „Er­folgen" des Berliner Kommunalsreisinns I Im übrigen ist seine Auslassung wohl nur als ein Ver­suchsballon zu betrachten.

)( Aus de» roten Lager. Alle Reichs- und Land- tagsnachwahlen der letzten Monate ergaben ein starkes Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmen. Die letzten beiden sächsischen Landtagsnachwahlen in Leipzig und Plauen haben das umgekehrte Beispiel gezeigt. In beiden Wahlkreisen hat die Sozialdemokratie einen starken Rückgang zu verzeichnen. Man kann sich denken, daß dieses Er­gebnis die sozialdemokratischen Demagogen sehr ver­drießlich gemacht hat und daß sie sich jetzt fast heiser reden, um die sozialdemokratische Niederlage in möglichst günstigem Lichte erscheinen zu kaffen. „Verhältnismäßig einfach" erklärt der „Vorwärts" ben Rückgang mit geringer Wahlbeteiligung und starker Bevölkerungsverschiebung. So „einfach"

Ausland.

* Der österreichisch-ungarische Botschafter in Paris, Graf zu Khevenhüller-Metsch, ist in Wim gestor­ben.

* Die Republik Portugal hat in ben ersten Tagen ihrer Kindheit schon mit erheblichen finanziellen Schwierigkeiten zu kärnpfm. Es dürfte aller­dings eine Riesenaufgabe sein, welche ein ungewöhn- liches Finanzgenie erfordert, die zerrüttete wirtschaft- liche Soge des Landes einigermaßen wieder in Ordnung zu bringen. Man ist schon dazu über­gegangen, Sammlungen zu veranstalten, um wenig­stens die äußeren Staatsschulden zu decken. Die neue Regierung redet zwar große Töne von aller­hand Finanzresormplänen und behauptet auch, aöen finanziellen Verpflichtungen nachkommen zu können. Das find vorläufig nur leere Behauptungen, noch unglaublicher klingt, daß zahlreiche Portugiesen au8 patriotischer Begeisterung für die Republik dem Finanzminister freiwillig große Summen angeboten hätten. Bereits wird auch ein Ministerwschiel an die Wand gemalt. Es verlautet, daß bereits

Em gefährliches Geheimnis.

6^ Roman in zwei Bänden von Charles Reade»

„Ich brauche keinen Stallknecht und habe meinen ,Fuhrmann."

Bei biefen Worten setzte sich Bartley nieber mtt einem Ausdruck, welcher deutlich sagte, daß er die Angelegenheit für abgemacht halte. Hope ging der Tür zu; einen Augenblick lehnte er sich dagegen, fein Untertiefer sank nieder, er sah um 10 Jahre älter aus; bann kam er, mtt dem verfehlten Bemühen, mutig zu scheinen, noch einmal zurück und bat:

„Nehmen.Sie mich als Laufburschen; ich bin jung fcnb fleißig, unb werde die Zeit meines Prinzipals niemals verschwenden."

Aber auch dies bescheidene Anerbieten wurde ab- gelehnt. Hope's Gesicht hatte vor Scham gebrannt, als er es machte; jetzt stöhnte er laut, und das Haupt sank ihm auf die Brust, dabei fiel fein Auge auf das am Boden liegende Testament: er nahm es auf und gab

Bartley ehrerbietig zurück.

Bartley starrte ihn an, nahm es in Empfang und »einte dankend den Kopf. Dies gab dem armen ge- stznzstigten Vater neuen Wut. Den Umstand benutzend ‘baB ihm Bartley s Gesicht wieder zugewendet war, ssagte er in eindringlichem Tone:

„Geben Sie mir irgend eine Beschäftigung, Sir; Sie werden es sicher nicht bereuen“, und erwärmt von dem Bewußffein großer Fähigketten, fügte er hinzu: > Ich habe Talente, Erfahrung, Kenntnisse, und in die­sem Zeitalter der Wissenschaft find Kenntnisse Reich­tum. Nur ein Beispiel: Da ist eben ein hochmütiger Patron an mir borübergegangen — ich erkannte ihn puf den ersten Blick — es war der Oberst Clifford, >em alle Ländereien meines Geburtsortes gehören. Run, dieser alte Krieger begnügt sich damit, seine

» Die Anerkennung

-er portugiesischen Republik.

Bezüglich der Anerkennung bet Republik Portu­gal hat bie englische Regierung ben Mächten vorgeschlagen, pari pnosu, d. h in gleichem Schrrtt und Tritt vorzugehen. Die deutsche Regierung hat bereits ihr „grundsätzliches Einverständnis" erklärt und läßt amtlich verkünden, daß der Schrrtt Eng- lands „allerseits eine günstige Aufnahme" finde, j Natürlich ist dem englischen Vorschläge. eine vertrauliche Anfühlung bei den Großmächten vorausgegangen. Hätte sich Widerspruch erhoben, so wäre der „Schritt" vermutlich nicht offiziell und öffentlich geworden. „Grundsätzlich" kann man ja Nichts dagegen haben, daß die Mächte sich über ihre Haltung gegenüber der Umwälzung in einem Staatswesen zu verständigen suchen, denn dadurch wird bie Gefahr vermindert, daß eine derartige Frage zum Zankapfel in der europäischen Staats- ftlmilie werde. Soll aber das Vorgehen pari passu jur Regel werden, so muß ihm eine feste Grundlage gegeben werden in einer völkerrechtlichen Verein­barung über die Bedingungen, unter denen frner Staatsumwälzung bie nachbarliche „Aner­kennung" zu geben ober zu versagen ist.

; In ber vorliegenden Ankündigung ist von Be­dingungen oder Forderungen ber Mächte gar Nichts gesagt. In Portugal wird man gewiß den 'englischen Vorschlag und bie Zustimmung ber Machte so auslegen, als ob die Anerkennung schon eine ausgemachte Sache sei und höchstens noch von ge­wissen Formalitäten, z. B. der Erzielung einer repu- blikamschen Mehrheit in dem neuzuwählenben portugiesischen Landtag, abhängig sei. Daß irgend eine Macht für das von der Revolution geknickte Recht, für das monarchische Prinzip unb gegen ben Eibbruch ber Offiziere, Soldaten und Beamten ein« freien werde, wird man dort als ausgeschlossen er­achten. Um so mehr, als bie Anregung zum ge» jneinfamen Vorgehen von ber englischen Regie­rung gegeben worben ist, bereu Wohlwollen die swrtugiesischen Republikaner von Anfang an nicht gezweifelt haben. Es ist ja ohne Widerspruch be­richtet worben, baß bie republikanischen Verschwörer Dor bem Losschlagen ihre „Gesandten" nach Paris !vnd London geschickt und dort mit den Regierungen wegen der kommenden Ereignisse Fühlung genommen Haden. Ehe die Revolution ausbrach, wußten bie Leiter schon, daß weder England noch Frankreich eine Hand rühren würden, um bie alte monarchische i@taat§orbnung zu schützen. Daß bie anderen Großmächte sich bem seebeherrschenden England 'und bem nächstbenachbarten Frankreich einfach an­schließen müssen, hat man gewiß als selbstverstänb- ljch erachtet.

Allerbings ist die königliche Familie nach bem englischen Gibraltar geflüchtet, und König Dianuel nebst seiner Mutter Haden m Englanb Aufenthalt genommen. Das ist aber nur eine persönliche Höflichkeit, die den siegreichen Republikanern tn Portugal nicht unbequem ist.

Wx.in nun England bie Gemeinsamkeit ber Knerkennung betreibt, so gewinnt dieser Akt da- durch einen glänzenden Anschein. Darum muß bexvonicbobcn roexben, bis log. Anexkennung durchaus nicht die Billigung der gescheiten Umwälzung bedeutet, sondern nur die Feststel­lung, daß eine vollendete Tatsache oorhegt und daß eine neue Regierung bie Gewalt m dein be­treffenden Staate erlangt hat. Aus dieser Fest- Heilung folgt, daß die Nachbarn, wenn sie mit bem Staate Portugal in Rechtsbeziehungen stehen ober treten, sich an bie Adresse der neuen Gewalthaber wenden werden. . .

Es ist gut, wenn bie „Anerkennung" ber gründ- sätzlichen Bedeutung möglichst entkleidet bleibt. Tenn dadurch wird das Aergernts abgeschwacht, .das dem rechtlich gesinnten Volke durch ben Erfolg

aber liegt bie Sache beim boch nicht. Man k>re, was das sächsische sozialbemokratische Parteiorgan, bie „Dresdener Volkszeitung", schreibt, bie aller­dings auch auf ben Wohnungswechsel von Arbeiter­wählern als Entschuldigung hinweist. Das Blatt

ührt u. a. ans:

„Für bie Sozialdemokratie find die Wahlen wider alles Erwarten ungünstig verlaufen. In beiden Wahl­kreisen empfindliche Stimmenverluste, die um so mehr wiegen, weil wir eine regere Agitation als bei den Hauptwahlen entfaltet haben, er zeigt, daß uns ein Teil der Mitläufer von 1909 verlassen hat. Offenbar hat die durch die Vorkommnisse in Moabit veranlaßte bürgerliche Preffehetze eine größere Anzahl kopfscheu gemacht und von der Wahl­urne ferngehalten."

Höchst sonderbar! Die Parteileitung hatte doch gerade die Moabiter Straßentumulte zur Agita­tion für die Sozialdemokratie benutzen wollen. Aber es scheint, als ob tatsächlich einer Anzahl von nicht ganz überzeugten Genossen infolge der revo­lutionären Vorgänge die Augen über die wirklichen Ziele der Sozialdemokratie aufgegangen sind. Hier­für liefert auch einen Beweis ein im „Vorwärts" enthaltener Bericht über die letzte außerordentliche Generalversammlung des sozialdemokratischen Wahlvereins im 4. Berliner Reichstagswahlkreis. Es heißt da: m ,

„Es sollten die Diskussion über den Bericht vom Magdeburger Parteitag fortgesetzt unb die Berichte vom Internationalen Kongreß und der Promnzral- konferenz entgegengenommen werden. Leider breiten die Genossen nicht das, was sie in der Versammlung vom 4. Oktober versprochen. Der Besuch der Ver- fammlung, in der die Ansicht der großen Parteimitglied­schaft von Berlin IV über den Parteitag zum Ausdruck gebracht werden sollte, war ein kläglicher. So wurde denn nach mehr als halbstündigem Warten über die angesetzte Bersammlungsstunde hinaus die Versammlung mit einem Anträge eingeleitet, der dahinging, bie auf ber Tagesordnung stehenden Beratungsgegenstände ohne Diskussion als erledigt zu betrachten. Der Antrag wurde zwar abgelehnt, die noch eingezeichneten Dis­kussionsredner, soweit sie anwesend waren, verzichteten jedoch in Anbetracht des schwachen Besuches auf das Wort."

Bemerkt sei dazu, baß ber Wahkveretn runb 23000 Mitgkeder zahlt nnb in dem Kreise bei ber letzten Wahl für Singer über 82000 Stimmen ab­gegeben wurden. Offenbar wird die öde Paukerei auf bie bösen Revisionisten auch den hartgesottensten Genossen zu arg. Es wird schließlich langweilig, wenn die Violine immer nur auf einer Saite ge­spielt wird. „, .

** Der „gute Ton" wird bekanntlich von ber liberalen Presse meisterhaft gehandhabt. Der/Nord­halbener Grenzbote' spricht anläßlich der Meldung von einer Reichstagskandidatur Grandingers von „dummen Zentrumsteufeln" und sagt weiter:

„Neugierig wären auch die Zentrmnsblätter, von wo aus ein solcher Ruf an den Nordhalbener Pfarr­herrn ergangen ist. Neugierig deshalb, damit die ganze schwarze Büffel- und Hyänenbrut sich aus den betreffenden Wahlkreis stürzen und damit die Ver- leumberei und Ehrabfchneiderei monatelang unb kübel­tief und klafterweise betrieben werden könnte."

An Roheit des Tones gibt, wie man sieht, die liberale Presse der sozialdemokratischen nichts nach. Des Herr Dr. Caffelmann wartet hier noch eine große erzieherische Aufgabe!

d Nürnberg, 21. OK. 1910. Der „schone" Fest­zug, der am Pfingstfeste in Nürnberg anläßlich des sozialdemokrat. Sängerfestes ftattfanb, hat ein gerichtliches Nachspiel gefunden. In diesem Festzug marschierten bekanntlich Teilnehmer, die mtt nachgemachten kirchlichen Gewändern ange­tan waren. Der Magistrat Nürnberg hat einen mini­steriellen Rüffel erhalten, weil er diesen Unfug nicht verhütet hat. Nach einer seinerzeitigen Meldung der Nürnberger Volksztg. sollen Die Teilnehmer in ben kirchlichen Gewändern Religionsspötterei durch Se­genspenden usw. getrieben haben. Deshalb wurde ge­gen drei Arbeiter das Verfahren wegen Vergehens

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