37. Jahrgang
Fulda, Freitag Den 21. Oktober 1910
Erstes Blatt.
ja 242.
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Monatrbeilage: „Fuldaer Geschicht5vlattei7 Senffprecher Nk-Y.
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Verantw. Redakteur; «ar» schütte;
A,p«Meri«Äa. wochenbeilagL: Illustrierte Sonntagszeitung"
Deutsches Reich.
*♦ Berlin, 20. Okt. 1910. In der heutigen Sitzung des Bundesrats wurde der Entwurf eines Gesetzes betr. die durch die neue Strafprozeßordnung veranlaßte Aenderung des G er i ch ts k o st en g ef e - tz e 8 angenommen. — Der Präsident des Obervcr- waltungsgerichts, Dr. ö. Bitter, der Präsident des Kammergerichts Heinroth und Oberbürgermeister Solz in Danzig find ins Herrenhaus berufen worden — Der Staatssekretär des Reichsschatzamtes, Wermuth, ist in Karlsruhe eingetroffen, um sich dem Großherzog vorzustellen und mit dem badischen Finanzminister über schwebende Fragen der Reichs- finanzverwÄtung zu konferieren. Der Kultusminister hat festgestellt, daß das Gesetz über die Kinderarbeit bisher noch unvollkommen durchgestihrt wird. Im Einverständnis mit dem Handelsminister hat der Kulte,sminister daher genehmigt, daß die Feststellung der Beschäftigung schulpflichtiger Kinder in gewerblichen Betrieben unter Mitwirkung der Lchrer und Lehrerinnen erfolgen soll.
a Die Reichstagskommisfion für die Reichs Versicherung s o r d n u n g beschäftigte sich in diesen Tagen mit der sehr spröden und uninteressanten Materie des Verfahrens nach der Vorlage. Gegen die Entscheide der Versicherungsträger sowie gegen die Urteile der Verficherungsämter ist das Rechtsmittel der Berustmg an das Oberverstchemngsamt vorgesehen. Als letzte Instanz kommt die Revision in Betracht. Das Rechtsmittel des Rekurses soll beseitigt werden, insbesondere auch deshalb, um das Reichsvcrsiche- mngsamt zu entlasten. Staatssekretär Delbrück betont, das Reichsversicherungsalut sei derart überlastet, daß die Möglichkeit einer einheiflichen Rechtsprechung in Frage gestellt fei. Unablässig hätten neue Senate errichtet werden müssen. Trotzdem könnten die Geschäfte nicht so glatt und schnell erledigt werden, wie es im Interesse der Beteiligten liege. Damit, daß man dem Versicherungsamt die Entscheidung in erster Instanz übertragen wolle, käme man den Wünschen der Berufsgeuoffenschasten entgegen. Den Versicherten müsse aber die Garantie gegeben werden, daß sie vor zwei Instanzen persönlich ihre Rechte wahrnehmen könnten. Aus dem Zentrum heraus wurde die Auffassung vertreten, daß dieser Schwierigkeit vielleicht durch Errichtung weiterer Senate beim Reichsversiche- rungsamte abgeholfen werden könne. Damit würde die Einheitlichkeit der Rechtsprechung mehr gewahrt als bei vielen OberverfichemngSämtern. Den Ver- stcherten müßten für alle Fälle zwei Instanzen gegeben werden, die nicht bloß gutachtlich, sondern als wirkliche Rechtsinstanzen wirksam seien. — Die Erledigung steht noch aus.
Verzagt wich Hope um einen Schritt zurück uni sein hageres Gesicht verdüsterte sich bei dieser Abweisung. Aber er raffte sich wieder auf, und noch einmal den Ausdmck der Zuversicht erzwingend, ging er zu» Angriff vor.
„Sie wissen nicht, Sir, auf wie mannigfache Weis« ich Ihnen nützlich iverden könnte", sagte er. „Ein so großes und vielseitiges Geschäft, wie das Ihrige, bedarf auch vielseitiger Erfahrungen und Kenntnisse von feiten derjenigen, welche die Ehre haben. Ihnen ju dienen. So zum Beispiel sah ich eine kleine Lokomobile in Ihrem Hofe in Tätigkeit; da ich nun unter anderm auch Mechaniker bin, könnte ich die Leistungsfähigkeit dieser Maschine verdoppeln, indem ich derselben ein paar Radzähne einfüge."
„Sie genügt, wie sie eben ist", antwortete Bartley in Aeichgüüigem Tone; „und eines Geschäfts führens bedarf ich nicht."
Barüeh war nicht unfreundlich, aber er schien zerstreut und machte Hope den Eindruck, als ob er mit mechanischer Gleichgültigkeit eine Fliege abwehrte. Dey armen Fliege sank das Herz und verzweiflungsvoll kroch sie von bannen. Aber Äs Hope die Tür erreicht hatte, wendete er sich noch einmal um und machte mit seines Kindes willen einen neuen Versuch.
„Können Sie vielleicht einen Kommis beschäftigen? Ich bin tm Stande, die französische, deutsche und holländische Korrespondenz zu führen und verstehe mich auf doppelte Buchführung."
„Ich brauche keinen Kommis", war die verdrieß- liche Antwort.
„Aber vielleicht einen Aufseher", erwiderte Bart- leh, und indem er Hope zum ersten Male mürrisch dm Rücken wendete, begann er wieder auf und ab zu gehm, in seine eigenen Sorgen versunken.
Hope war in Verziveiflung und setzte dm Hut auf, um zu gehm; aber als er am Fenster vorüberkam, stand er wieder sttll. „Sie haben Lastfuhrwerk", sagte er; „ich verstehe mich auf Pferde, auf Tierarzneikunde und kann mit Vieren vom Bock fahren. Nehmen Sie mich als Fuhrmann, als Stallknecht, wenn Sie wollen."
(Fortsetzung folgt.)
Der Oberst übergab ihm das Papier mit dem Bemerken, daß es eine Abschrift des Testaments sei; Barüeh nahm es in Empfang und Oberst Clifford stieß seine letzten Sätze hewor.
„Wir haben uns die Hand gegeben," sagte er. „Lassen Sie uns die vergangenen Streitigkeften vergessen und die Wünsche der Toten erfüllen."
Mit diesen Worten machte er eine kurze Wendung, sodaß er der Tür des kleinen Kontors gegenüberstand, ehe er sich in Bewegung setzte; bann marschierte er mit etwa sieben Schritten hinaus, wie er hereinmarschiert war, und sah sich während der 50 Meilen seines Heimwegs nicht einmal um.
Sobald er Bartleh's Blicken entschwunden war, begab sich dieser, mit dem Testament seiner Gattin in der Hand und Eis im Herzen, nach dem Zinuner seines Kindes. Die Wärterin trat ihm weinend entge- gen und sagte: „Fassen Sie Mut, Sir!" Hoffnungsvolle Worte, die im Munde einer Krankenwärterin das lebet Hoffnung bedeuten.
Lr kam gerade zur rechten Zest an das Krankeu- öin>JanJt£LItktenr Aiemzug auf den Lippen seines Kindes zrttern zu schm die sich bewegten wie ein Blatt im Sommerwinde
Dann wurde plötzlich alles still - das Kind des Reichen war nur noch Staub und Asche.
Ter unglüllliche Vater brach üt lauten Jammer
- aber er sichte sich bald, befahl der Wärterin, bei der Leiche zu bleiben und Niemand in das Kummer zu lassen; dannkehrte " tt: sein Kontor zurück, warf sich auf einen Stuhl am Tisch und verhüllte sein Antlitz. Im Augenblick nahm ihn sein Kummer völlig in Anspruch, denn das Kind war sein Alles gewesen So saß er, hatte die Arme über den Tisch gesttecki und sei- nen Kopf auf die Arme gelegt — er war wie vernichtet.
In diesem Augenblick würbe die Tür des Keinen Kontors leise geöffnet und ein blasses, hageres, erschöpftes Gesicht schaute herein. Es war der Vater des armen Kinds», das von Entbehmng und erblicher Krankheit mit dem Tode bedroht wurde; und er kam, um von dem Vater des reichen Kindes, das nur noch
Lin gefährliches Seheimnis.
6] Roman in zwei Bänden von Charles Reade.
Der Oberst sah aus, wie wenige wohlerzogen- Menschen zu tun pflegen, wenn sie das Wort „Halunke" aussprechen; dann fuhr er höflich, wenn auch in barschem Tone fort: „In Bezug auf die Verwertung des Kapitals haben Sie völlig freie Hand. Sollte Ihre Tochter vor Ihnen oder unverheiratet sterben so fällt ihr mütterliches Erbteil an Ihren Neffen,' meinen Sohn, Walter Clifford. Er ist ein Tunichtgut ist mir davongelaufen, aber seine gerechten Ansprüche habe ich ttotzdem zu vertreten und frage deshalb nur der Form wegen bet Wen an, ob Ihre Tochter, Mary Barlley, lebt?
Bartley nickte zustimmend un dObesst ^sford dn oon der Krankheit der Klemen nichts gehört hatte, fuhr fort- In diesem Falle . . ." plötzlich unterbrach tt sich selbst dat an Barüeys Tichs und zog verschiedene Dokumente aus der Tasche, von denen er
Kaum ein-- halbe Mrnute stand er in dieser Weise «.gewendet, aber in dem kurzen Zeitraum hatte eine stumme Szene ftaüflcfunben. _ „
Eine Verbindungstur mit dem Wohnhause W sich geöffnet und auf der Schwelle derselben war die Wärterin erschienen; der Anblick dez yremben hielt sie vom Eintreten zuruch aber mit blassem ®eiW streckte sie Bartley die Hande entgegen; ihre Miene und Gebärde sprachen deutlicher als Worte Bartley aber, erfaßt von dem verzwerflungsvollen, instinktiven Verlangen, das Geld zu retten, das ihm zu entgehen drohte, ttat ellig auf sie -u, Meb sie ohne sie M berühren, mit einer heftigen Bewegung feiner beiden Hände zurück und stellte sich vor dieTur, während er sein Gesicht mit den weUgeoffneten Augen dem Oberst 8Uroau&ebberft Clifford wendete sich um und trat imltbS SeÄ ausgesucht hatte, aus Bartley zu. Dieser kam ihm ent» aeaen.
s Die Justizkommission des Reichstages hat § 172' I der Novelle zum Gerichtsversaffungsgesetz, der im Beleidigungsprozeß eine Einschränkung der Oeffent- lichkeit im weiteren Umfang als bisher zum Schutz des Privatlebens des beteiligten oder dritter Personen ermöglichen sollte (lex Eulenburg) in zweiter Lesung mit 13 gegen 13 Stimmen abgelehnt.
** Der aationailiberale Reichskanzler. Zu den an» geblichen Steuerungen des Kanzlers: Ich gehöre meiner Weltanschauung und meiner Ausbildung nach viel wehr zu den Nationalliberalen als zu den Freikonservativen, ist die.Nationalliberale Korrespondenz^ zu der Erklärung ermächtigt, daß der Kanzler weder diese noch eine ähnliche Aeußerung über seine persönliche Stellung zu bestimmten Parteien dem Abgeordneten Fuhrmann gegenüber getan habe. — Daraus folgert das ,Berl. Tagebl/: „Herr von Bethrnann Hollweg ist und bleibt nach wie vor konservativ-agrarisch-reattionär." Warum denn nicht Fortschrittler oder ^Sozialdemokrat? Der Schluß wäre doch ebenso „logisch".
+ Demokratische Kultur. Die demokratische Vereinigung bemüht sich mit Erfolg, das Vorbild ihrer sozialdemokratischen Freunde zu kopieren. In einer am Dienstag in Berlin abgehaltenen Versammlung der Demokraten kam es zu wüsten Lärmszenen und Ausschreibungen. Der sattsam bekannte Oberst a. D. Gädke, der sich als Reichstags kandidat vorstellte, hielt eine Rede, in der er u. a. erklärte, daß das Beispiel von Portugal beweise, wie man zur Erreichung von „Volksrechtcn" nicht Jahre, sondern nur wenige Stunden bedürfe. Den Schluß feiner Rede bildete eine freche Anpöbelung des Kaisers, dessen Haltung er unter dem Beifall der Zuhörerschaft als „volksfeindlich" bezeichnete. Hebet die Debatte berichtet die „Post":
Nachdem in der Erörterung ausschließlich Ge. sinnungsgenossen des Referenten zu Wort gekommen waren, versucht-n es zwei nationale Gegencedner, Schriftsteller Dö ring und Dr. Oestreicher, zu sprechen. T otzdem ihnen volle Redefreiheit zugesagt war, er- yob sich schon bei den ersten Sätzen ein geradezu höllischer Lärm. Die beiden lomervativen Männer mußten eine Fülle von nicht wiederzugebenden Schimpfereien über sich ergehen lasten Vorder Rednertribüne ha te sich ein Haufen Männer und Frauen angesammelt, die unter Geschrei und Drohungen aller Art die nationalen Redner aus der Fassung zu bringen suchten. Trotz der verzw.ifelnd- sten Anstrengungen gelang es jedoch nicht, die Konservativen völlig niederzuschreien. D:e darauf folgenden demolralilchen und sozialistischen Debatteredner ergingen sich, in derart pöbelhaften Ausfällen, oas es die nationalen Zuhörer unter ihrer Würde hielten, einer derartigen Versammlung länger beizuwohnen und unter einem Hock auf den Kaiser den Saal verlassen wollten. Während sie durch die Tür hinausgingen, fiel hinterrücks eine Rotte von Demokraten und „Moabiter" Gestalten mit Stöcken und Bierseideln über die ruhigHinausgehenven her. Mehrere allem im Saal zurückgebliebene nationale Männer, die ihrer Entrüstung Über diese Vorlommmsse Ausdruck gaben, wurden gleichfalls beschimpft und mißhandelt.
Wir wissen wirklich nicht, weshalb die Lettie sich nicht tffen zur Sozialdemokratie bekennen.
Eine Mge erteilt die ,Nordd. Allg. Zig/ dem .Berliner Tageblatt'. Tas offiziöse Blatt schreibt:
„Das .Berliner Tageblatt' bringt Erörterungen Über das Befinden Ihrer Mafestät der Kaiserin von Rußland, die, von ihrer Unrichtigkeit abgesehen, feder Frau gegenüber als unangemessen zu bezeichnen wären. Wir bedauern die Bemerkungen des Blattes um so mehr, als sie einer Dame gellen, die sich als Gast zu ihrer Erholung bei uns arishält, und in deren Person die Gefühle eines großen uns befreundeten Volkes berührt werden."
Das ,B. T.' fetzt seit längerer Zeit anscheinend einen Sport darin, beleidigende und verletzende
gegen die Sozialdemokratte absolut nicht zu bewegen ist. Und dieser Hansabund wird von „unserem" Rießer geleitet, der Bauernbund von „unserem" Wachhorst, — wie Herr Basiermann sagt. Er hätte hinzufügen können: Das Anwachsen der Sozialdemokratie ist durch „unsere" Steuerhetze wesentlich befördert worden, und mit der Hilfe von links denken wir „unsere" Wahlen zu machen.
Augenblicklich wird in Reden und Zeitungen schon vorgearbeitet für ein regelrechtes Stichwahlbündnis zwischen der Sozialdemokratie und dem Liberalismus.
Alles Häßliche und Gefährliche, was sich die Sozialdemokratie in Magdeburg, in Moabit, in der Beschimpfung des kaiserlichen Gastes re. geleistet hat, konnte bis jetzt die Zuneigung des Liberalismus zur Umsturzpartei nicht abkühlen. Der kaiserliche Aufruf zur Sammlung ist erst recht fruchtlos geblieben; in der verletzenden und verhetzenden Kritik der Königsberger Rede haben viele liberale Blätter mit der Sozialdemokratie erfolgreich gewetteifert.
Der Liberalismus wird büßen müssen, was sein roter Bundesgenosse sich geleistet.
r- vs* Die Bundesgenossen des Lide» ralismus.
Aus Brüssel wird gemeldet, daß am Donnerstag die belgischen Sozialdemokraten in ganz Brüssel Straßenplakate anklebten, in denen nach . unflätigen Rüpeleien gegen den deutschen Katser die Genossen aufgefordert werden, beim Einzug des Kaifers den „heuchlerischen Hochrufen" auf den Kaiser Hochrufe auf das deutsche Volk ent- oegenmsetzen, wodurch den deutschen Sozialiste« ein : Gruß dargebracht werden soll. Zum Schluß wird l-.iu Hochrufen auf die sozialistische Partei veftteckt D-aufgesordert und für den Vorabend der Ankunft zu einer Protestverfammlung eingeladen.
k Die Frechheit, mit der hier nicht bloß die Hof- lichkett gegen den Fürsten des uns befreundeten ' Nachbarlandes, sondern auch der elementarste Anstand gegenüber einem Besuche mißachtet wird, ist bezeichnend für die belgische Sozialdemokratie, der vielfach von halben Freunden eine höhere Kulturstufe, revisionistische Mäßigung und realpolitische Denkart nachgesagt worden ist. Hier sieht man, daß die Roten in Belgien nicht anders sind, wie die Roten in Deutschland. Wie unsere Sozial- dewokraten den mit seiner kranken Gemahlin in Deutschland weilenden Gast, den Zaren Nikolaus, in rücksichtslosester Weise geschmäht und beleidigt haben, so wollen die belgischen Sozialdemokraten dem kaiserlichen Gast aus Berlin dieselbe zukunstsstaatliche „Gastfreundschaft" zu kosten geben.
Das ist nicht bloß boshaft, sondern auch h a ß- ili ch. Aber wir wollen uns nicht in sruchtlosen Anstandspredigten an die Adresse der Nmsturzpartel • auf halten, sondern lieber seststellen, daß die Lib e- ! raten hüben und drüben mit diesen liebenswürdigen ’ Vertretern der sozialdemokratischen Kultur befreun» ibet und verbündet sind.
Was wir bei uns zu Lande als „Großblock" zu bezeichnen pflegen, die Verbindung des Liberalismus (mit der Sozialdemokratie tm Gegensätze zu den ' christlich-konservativen Parteien, hatte sich in Belgien schon längst entwickelt. Der Liberalismus, der dort einst wiederholt und andauernd die Herrschaft im Lande gehabt hatte, war allmählich so heruntergekommen, daß er seiner eigenen Kraft nichts rechtes mehr gutrauen konnte und nach fremder Krücke greifen mußte. GanzwieinBadeu, dem einstigen nationaltiberalen Musterländle und jetziger Großblockversuchsanstalt. Der belgische Liberalismus, der auch gern das Pfauenrad von „Bildung und Besitz" schlägt, kennt kein höheres Streben, als in eines rosa-roten Koalitionsregierung ein Portiöncken von Macht- und „Ehren"-Stellen in Gnaden abzubekommen. Der Haß gegen die „Schwarzblauen" macht an beiden Seiten des Rheines die Liberalen blmd. r
Leider beschränkt sich bei uns die Großblock-Ver- frrung nicht ’ auf den badischen Einzelflaal. Die Freisinnigen in Norddeutschlond und die Demokraten im Süden sind schon allgemein entschlossen, mit der Umsturzpartei bei den nächsten Wahlen vereint gegen die Konservativen und das Zentrum vorzugehen. Die Nationalliberalen suchen mit Bassermann'schem Wortschwall ihre Taktik vorläufig zu umnebeln; doch abgesehen von einigen bedächtigen Elementen auf dem rechten Flügel errät das Gros der Partei deullich seine Willensmeinung, daß die „schwarzblauen Parteien" als das Angriffsobjekt zu bettachten und zu behandeln sind, während man die Gegnerschaft gegen die Sozialdemokratie nur in wohlttingenden Si3orten markiert, um tatsächlich sowohl für den förmlichen Großblock in Baden als auch für gegenseitige Stichivahlhilfe im übrigen Reich Raum zu behalten. Sehr bezeichnend in dieser Hinsicht tft ja, daß der Hansabund gegen die Landwirtschaft und die Konservativen, überhaupt eine wahrhaft demagogische Agitation in Wort und Bild unternimmt, dagegen zu einer klaren Stellungnahme
Staub und Asche war, Arbeit zu erbitten und damit Brot für seine Kieme.
3.
Zwei Väter.
Hope sah nachdenklich auf die zusammengesunkene Gestalt und zögerte. Es erschien ihm weder zartfühlend noch klug, sich mit Geschästsangelegenheiten in solchen Kummer einzudrängcn.
Aber war das Kind Barttey's Alles gewesen, so war und blieb das Geld sein Gott, und schon nach kurzer Frist begann in diesem seltsamen Gemüt die bedrohte Habsucht mit dem eblem Schmerze zu ringen. Sein Kind war tot! seine arme, kleine Blume verwelkt! und ihr Tob verkürzte ihn um 20000 Pfund, ja eigentlich um zehnmal so viel, denn er hatte Erfahrung im Handeln und Spekulieren und verstand es. ein Kapttal zu vergrößern, so daß aus einer Handvoll Geld ein großer Haufen wurde. Gepackt von der Qual dieser gemeinen Erwägungen, ftihr er plötzlich in die Höhe, schleuderte das Testament seiner Gattin wütend zu Boden und begann mit hastigen Schritten im Zimmer hin und her zu gehen Hope stand noch immer erschrocken da und wagte nicht, sein Anliegen vorzubrtngen.
Jetzt aber faßte ihn Barlley in's Auge und starrte ihn sprachlos an. Hope aber sagte sich selbst, daß es nutzlos sein werde, auf eine bessere Gelegenheit zu warten; er trat näher, und Bolton s Ratschläge folgend, nahm er eine möglichst zuverfichlliche Miene an, indem er sagte:
„Ich bitte um Verzeihung, Sir; darf ich Ihre Allfmerksamkett für einen Augenblick in Anspruch nehmen?"
„Was wünschen Sie?" fragte Barlley im Tone eines Menschen, dessen Geist mit anderen Dingen beschäftigt ist.
„Irgend eine, meinen Fähigkeiten angemessene Be. schästigung, Sir; wie ich höre, haben Sie die Stelle eines Geschäftsführers zu vergeben."
„Das ist ein Irrtum! mein GeschäMführer bin ich selbst".
Nachrichten über die Zarenfamilie zu k ringen. Der offiziöse Rüffel ist deshalb wohl verdient.
* Parität. In liberalen Blättern ist anläßlich des Jubiläums der Berliner Universität Beschwerde darüber geführt worden, daß jüdische Professoren nicht zu Dekanen und Rektoren ernannt würben, insbesondere hatte die ,Voff. Zig.' dabei auf di« Professoren Weigert und Ehrlich hmgewiesen. Dazu wird dem genannten Blatte jetzt folgende Anekdote vom König Johann von Sachsen mitgeteilt:
AIS in bett siebziger Jahren König Johann einmal die Universität Leipzig besuchte, wurde ihm auch der verdiente Kinderarzt Privatdozent Dr. yurft vorgestellt. Der König fragte: „Warum sind Sie noch immer nicht Professor?" Worauf Fürst: „Ma;es1ät, ich bin Jude und nach dem Statut können nur Evangelische hier Professoren werden." Worauf der König: „Daun trösten Sie sich mit mir, ich bin Katholik und kann es also auch nicht werden." So sprach Philaleches.
* München, 20. Okt. 1910. Prinz - Regent Luitpold vollendet am 12. März nächsten JahreS sein 90. Lebensjahr. Dieses Ereignis soll in außergewöhnlicher Weise begangen werden. Es ist u. a. die Samnllung einer National-Spende geplant. Man hofft damit bedeutende Summen aufbringen zu können, die dem Regenten für mildtätige Zwecke, insbesondere für Jugendfürsorge und Veteranenhilfe zur Verfügung gestellt werden sollen.
* München, 19. Oktbr. 1910. Zu den Angaben in Nr. 233 über die Uebersiedelung der Firma „Kathreiners Malzkafseefabriken" nach Berlin teilt uns die Firma mit, daß der Grund der Verlegung des Sitzes der Gesellschaft nach Berlin in der Hauptsache in der Schwierigkeit beruht, daS über ganz Deutschland ausgebreitete Geschäft von dem südlichsten Teil unseres Vaterlandes auS zu leiten, daß ferner die Absicht besteht, auch in Zukunft einen Teil des Geschäftes in Bayern zu belassen, sowie, daß die zukünftige Steuerbelastung in Bayern nicht etwas stärker sein rorib, sondern, daß infolge der neuen Steuergesetzgebung die Gefells fchaften m. b. Haftung ungefähr doppelt so hoch belastet werden, wie in den bedeutendsten anderen Bundesstaaten, da Bayern für diese Gesellschaftsform die Doppelbesteuerung emführt. Uebrigenl wird Kathreiners Malzkaffee nur ausschließlich au3 feinster Malzgerste hergestellt, von Futtergerste kann nur insofern die Rede sein, als sich bei Sortierung der Malzgerste Abfälle ergeben, die als Futtergerst? verkauft werden.
** Malchin, 20. Okt. 1910. Der gemeinsam« Land tag der beiden Großherzogtümer Mecklenburg wird am 19. Itovember, einige Tage vor Zusammentritt be? Reichstages in Malchin eröffnet werben. Die Regierungen werden dem Landtag«, die Abänderung der Verfassung vorlegen. Wird' diesesmat der Versuch einen hefteten Erfolg haben?
** Die Beamteu-Matzregeluugen in Kattowitz dauern an. Neuerdings sind 25 Beamte der Ober*, schlesischen Eisenbahndirektion, die Anspruch auf bte: die 25 jährige Dienstauszeichnung hatten, laut ihnen.' zugesteüten schriftlichen Bescheides ber DienstaufsichtS« behörde von dieser Auszeichnung wegen mangelnbett Staatsinteresses auf je ein Jahr zurückgesteM worden. Es handelt sich hier bekanntlich um bie vor ungefähr Jahresfrist vollzogenen Stadtver- ordnetenwahleu in Kattowitz, bei betten Beamte und Lehrer für bie Zentrums-Kandidatenlist» gestimmt haben und bann strafversetzt wurden. Nun sollen die Eisenbahnbearnten auch jetzt noch durch Zurückstellung von der Dienstauszeichnung bestraft werden! Also eine neue Art Maßreglung, bie auf ; das entschiedenste zu verurteilen ist. Wenn man ! den Beamten nicht gleichmäßig das freie Wahlrecht, zugestehen will, dann ist es besser, den Beamte« i das Wahlrecht überhaupt zu nehmen, da« mit sie nicht Gefahr laufen, „wegen mangelnden • Staatsintereftes" bei Betätigung ihrer Wahl ge« : maßregelt zu werden.