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240.

37. Jahrgang

Fulda, Mittwoch den 19. Oktober 1910

Erstes Blatt

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II

X

D

Deutscher Reich.

* Berlin, 18. Ott. 1910. Der Kaiser hörte am Dienstag im Neuen Palais m Potsdam einen Vortrag des ChefS des Ziviltabinelts von Balentmt. Nachher war das Kaiserpaar aus Anlaß deS Gebnitstages des Kaisers Friedrichs DI. im 'EUso- Icum ni Charlotten bürg und legte Kränze am Grabe nieder. — Ter Generalstabschef v. Moltke, der den Kaisermanövern nicht beiwohnen konnte, da er schiver erkrankt war, ist jetzt in der Hauptsache wieder herqcstellt. Er hofft sich bereits anfangs des nächsten Monats wieder vollkommen seinen Dienst, oeichästcn widmen zu können. — Der Ausschuß der Konmnssion sür die Verwaltungsrcform m Preußen beendigte die Beratungen des wichtigen Kapitels der Rechtsmittel gegen polizeiliche Per- fügung. Das Plenum wird demnächst zu den Beschlüssen des Ausschusses Stellung nehmen.

♦* Der Reichstag wird, wie jetzt bestimmt fest- steht, am 22. November nachmittags seine Sitz­ung'"it Petitionen wieder ausnehmen. Da ihm der 'neue ernt voraussichtlich erst in den ersten Dezember- stagm zugeht, so wird er neben einigen Interpellatio­nen zunächst die Rückstände aus dem Frühjahr auf­arbeiten. Der schon so lange erwartete Entwurf der Privatbeamtenversicherung, der im Reichsamt des Innern schon vollkommen fertig gestellt st und nun im Laufe dieses Jahres mit Vertretem per beteiligten Refforts sowohl im Reiche wie in Preußen vorberaten werden soll, wird im Reichstage erst zu Anfang des Jahres 1911 eintreffen.

** lieber die neue Militärvorlage verlautet, daß Sie Neuforderungen sich in mäßigen Grenzen bewegen and auf fünf oder sieben Jahre verteilt werdm. Die Forderung sollen 40 Millionen nicht übersteigen, die aus fünf Etatsjahre »erteilt würden.

* Der deutsche Gesandte in Lissabon, Freiherr v. Bodmann, ist, nachdem er von Berlin münd­liche Weisungen mitgenommen hat, auf seinen Posten zurückgekehrt. Wie verlautet, wird die deutsche Regierung gleich den anderen Regierungen die Republik Portugal erst anerkennen, nachdem das neu zu wählende portugiesische Parlament die bis­her nur provisorische Regierung bestätigt haben und dies den Mächten zur Kenntnis gebracht sein wird.

X Zum Einjahrigfreiwilligen-Privileg wird setzt behauptet, an den maßgebenden Stellen stehe

-in den Wünschen nach Abänderung des bis­sigen Zustandes ablehnend gegenüber, so­wohl einer Aushebung als einer Ausdehnung. Nicht einmal die Aussicht, durch Erweiterung des Einjährigen-Prioilegs die Friedenspräsenz­starke der Armee ohne das Erfordernis neuer Mittel zu erhöben, könne das Kriegsministerinm zur Ausgabe setnes ablehnenden Standpunktes bestimmen. Die 25000 Einjährigen sind näm- lieh in der Präsenzstärke nicht eingerechnet.

* Glatz, 18. Oft 1910. Der schlesische Zen- krumsparteitag hat hier unter reger Beteili­gung stattgesunden. Im Anschluß an die geschlosse­nen Beratungen wurde eine öffentliche Wählerver­sammlung ab gehalten. Fürst Löwenstein behandelte die wichtigsten Vorgänge im Reiche, die Verhetzung der BolkZklaffen durch die Liberalen nach der Finanz­reform, sowie die Hetze gegen das Zentrum und die katholische Kirche und mahnte schließlich die Partei­genoffen, die Einigkeit zu wahren. Abg. Dr. Zim­mer besprach die Verhandlungen des preußischen Landtages, besonders die Interpellation beir. die Kattowitzer Vorgänge, sonne das Verhalten des Zen­trums in der Frage der Wahlrechtsvorlage. Schließ­lich protestierte er ebenfalls gegen die konfessionelle Hetze, insbesondere gegen die jüngst erfolgten Schmäh­ungen des Papstes und empfahl eindringlich, geflos­sen dagegen aufzutreten. Abg. Geh. Justizrat Dr. Porsch gab einen Ueberblick über die Verhand­lungen des Parteitages, bat, zahlreich dem Wahlller-

tin beizutreten, für den Wahlfonds zu sorgen und die Zentrumspresse zu fördern.

d München, 16. Ott. 1910. Erzbischof Dr. v. Bettinger erschien am 15. Oktober im Kreise katholischer Arbeiter. Der Bezirksverband katholischer Arbeiter- und Arbeiterinnenvereine Münchens veranstaltete eine Reihe von Vorträgen sür die Vertrauensleute. Zum Schlußvortrag war Erzbischof Dr. v. Bettinger gekommen. Der Oberhirte versäumte nicht seine Anerkennung sür die neuerdings zutage tretende organisatortsche und agitatorische Regsamkeit in den Arbeiter­vereinen Münchens auszudrücken. Er sprach es aus, daß er der Arbeiterbewegung in allen ihren Zweigen, sei sie konfessioneller oder wirtschaftlich-beruflicher Art, lebhaftes Jntereffe und wärmste Sympathie zuwendet. Der Erzbischof wies darauf hin, wie schwierig in der chnst- lichen Arbeiterbewegung die Tätigkeit um deswillen ist, weil sie sich fernab von den rauhen Stürmen un- fruchtbaren Klaffenkampfes ihre Wege bahnen mußte und heute noch bahnen muß. Darum tst die Tätigkeit unserer katholischen Arbeiterver- eine und jene der christlichen beruflichen Organisationen noch umso verdienstltcher, weil sie auch von Katholiken, die der Bewegung ferner stehen, nicht immer in gebührender Weife eingeschätzt wird. Mit Dank und Ermunterung an die Organisationen und ihre Träger schloß der Erzbischof seine mit brausendem Beifall aus- genommene Ansprache.

s. Keine Laim in der Berufungsinstanz.

Die .Rettung* der Strafprozeßordnung ist am Dienstag in der Strafrechtskommifston vollzogen worden. Der Streit über die Zulassung der Laren in der Berufungsinstanz wurde dadurch beendet, daß der Reichstag artig nachgab. Mit 18 gegen 7 Stimmen wurde der Beschluß der ersten Lesung auf­gehoben und die Regierungsvorlage wiederhergestellt. Auch über die anderen strittigen Punkte wird wohl eine Einigung erzielt werden.

D Der elsaß-lothringische Verfaffungsentwmf ist wie die „Nationülztg.* mitteilen kann, soeben im Grundriffe von der preußischen Regierung den Regierungen der führenden Bundesstaaten mitgeteilt worden In 2 bis 3 Wochen soll der Entwurf an das Plenum des Bundesrats gelangen. Das ge­nannte Blatt berichtet über den Inhalt des Entwurfs:

Es „steht fest, daß die Reichslande daS Zwet« kammersystem erhalten. Die erste Kammer wird -ms dem befestigten Grundbesitz, aus den Oberbürger­meistern der größeren Städte und einer Anzahl von Persönlichkeiten, die vom Kaiser in die erste Kammer berufen werden, gebildet. Das Wahlrecht zur zweiten Kammer ist ein stark abgestuftes Mehr- stimmenwahlrecht mit geheimer und direkter Wahl. Bezüglich der sonstigen Verwaltung des Londes findet eine Aenderung nicht statt. Die Gewährung von Stimmen im Bundesrat für Elsab-Lothringen ist endgültig ab gelehnt worden.

In der Begründung zu dem Entwurf soll betont sein, daß man seitens der Regierung bei der Neu­regelung der Verfassung allen Fragen, die zu Schwie- rigfeiten Anlaß geben könnten, aus dem Wege ge­gangen ist. Danach sieht die Sache auch aus. Die Fragen, deren Lösung Schwierigkeiten bereiten wurde, lost man einfach dadurch, daß man an ihnen vorbei- aefiL Ein sehr einfaches Mittel, aber kein taugliches Mittel. Die Maß-Lothringer fordern fett Jahren und mit vollem Rechte die Erhebung ihres Landes zu einem selbständigen Bundesstaat, und sie durften hoffen, daß wenn nicht die völlige, so doch eine teil­weise Erfüllung ihrer Wünsche bald geschehen werde. Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg selbst hat im Reichstage diese Hoffnungen geweckt. Was der Ent­

wurf an „Reform* bringen soll, ist aber weniger als nichts. Die Enttäuschung wird allgemein sein.

Man wird sagen, daß doch die Gewährung eige­ner Landesgesetzgebung eine große Verbesserung des gegenwärtigen Rechtszustandes bedeute. Die Be- ittngungen, unter denen sie gewährt werden soll, machen jedoch die ganze Verbefferung illusorisch. Die erste Kammer ist gedacht als eine Kopie des preußi- chen Herrenhauses, das nicht als Ideal angesehen werden kann. Sie würde in der vorgeschlagenen Ge-

laltung nichts anderes sein als ein RegierungSorgan. Die zwette Kammer soll aus Wahlen hervorgeben, die auf Gmnd eines stark ab gestuften Pluralwahlrechts erfolgen. Darin liegt eine Verschlechterung des gegen­wärtigen Rechtszustandes. Denn die bis jetzt gesetz­gebende Körperschaft für Elsaß-Lothrftigen, der Reichstag wird auf Grund des allgemeinen und glei­chen Wahlrechts gewählt. Es bedarf sehr kriftscher Prüsimg, ob das vorgeschlagene Wahlrecht annehm­bar tft. Grundsätzlich halten wir fest an der Forde­rung des Reichstagswahlrechts für Elsaß-Lothringen, und wir haben wirklich keine Veranlaffung, die kaum nennenswerten Verbefferungen der Verfassungs-„Re- form* zu erlaufen durch das Zugeständnis eines Wahlrechts, das den durchsichtigen Zweck hat, eine liberale Parteiherrschast zu begründen. Das gleiche Bedenken gilt gegenüber der Wahlkreiseinteilung, die zurzeit in Straßburg bearbeitet wird.

Es wäre unverzeihlich, die geringen und recht fraglichen Verbesserungen der Vorlage durch ein schlechtes Wahlrecht zu erlaufen. Die Wahlrechtsre- form muß der Angelpunkt der VersaffungSreform sein.

schen Klostergüter unterschlug, ist nach fast zweijähri­ger Dauer endlich abgeschlossen. Duez wird wegen Fälschung, Betrug» und Unterschlagung vor die G e» chworenen verwiesen.

*♦ Die griechische Kabinettskrise geht ihrer Lösung entgegen. Nach einem vergeblichen Versuch, ein Ge- schMSministerium unter dem jetzigen Präsidenten bet Nationalversammlung Eßl in zu bilden, hat der König V e n i s e l o S mft der Blldung der neuen Regierung beauftragt. Veniselo« hat nach mehrtägigen Unter» Handlung« mit den einzelnen Parteigruppen die Neu­bildung enbgiltig übernommen; Der König ermäch- tigte Vrniselos, die Nationalversammlung, wenn er­forderlich, aufzulösen. Zur Beruhigung auf dem Bal­kan wird ein Kabinett BeniseloS kaum beitragen.

Am Airche und Schule.

X Steinhaus, 18. Ott. 1910. Das Fest deS hl. Wendelinus wird auch in diesem Jahre wieder in der St. Wendelinus - Kapelle feierlich begangen werden. Am Feste selbst (Don­nerstag den 20. Oktobers ist um 9V< Uhr Pro­zession von der Pfarrkirche nach der Kapelle und dort um 91/» Uhr Hochamt mit Predigt. Wäh­rend der Ottao wird täglich (mit Ausnahme von Sonntag den 23. und Montag den 24. Oktober) um 71/* Uhr in der Kapelle ein Amt gehalten und am Sonntag den 23. Oktober 2 Uhr Andacht.

totales.

Ausland.

; Der französische Eisenbahnerstreik

ist zu Ende. Das Streikkomitee hat einstimmig be­schlossen, daß am Dienstag die Arbeit auf allen Linien wieder ausgenommen werden soll. In e nem öffentlichen Aufruf des Streikkomitees beißt es, das Komitee erachte die bedingungs- lose Wiederaufnahme der Arbeit für das Syndikat sür dienlicher, als trügerische, erniedrigende Verhandlungen. Das Komitee wolle allein die volle Verantwortung tragen, falls die Regierung eine Untersuchung einleite. Die Forderungen der Eisen­bahner würden erfüllt, weil die Eisenbahner ruhig und fest geblieben seien. (?) Der Ausruf wirst dem Ministerpräsidenten Briand vor, er habe die Grund­sätze der Freiheit verletzt und Zwischenfälle a!''öst­lich aufgebauscht. Er endet mit der Verficht .1, die Eisenbahner seien besiegt, aber nicht entmutigt, und rüsteten zur Rache. — Man hält es für mög­lich, daß diese nach den letzten Versammlungen der Ausständigen ziemlich überraschende Stellungnahme des Streikkomitees mit einer von den Direklionen der Nord-Ott-, Paris-Lyon-Pkittelmeer- und Orleans» bahn gemeinsam getroffenen Entschließung zusam­menhängt, wonach die Angestellten und Arbeiter der Pariser Bahnhöfe, die am Dienstag den Dienst nicht wieder ausnehmen, sofort entlasten werden sollten. Man beugt sich also dem Willen der Direk­tionen. Hoffentlich ziehen die Beamten aus diesem Mißerfolge die Lehre!

♦ Tas große Ereignis der Tagung der östreerichi- schen Delegationen ist das offene Bekenntnis der Mehr- heif der österreichischen Slaven, der Polen, Ruthenen und Südslavrn zum D r e i b un d unter gleichzeitiger Verurteilung der russischen Politik wegen ihrer, die Entwiöllung der anderssprachigen Slaven Rußlands hindernden Entnationalisierungstendenzen. Die Tsche­chen blieben mit ihren Angriffen auf Aehrenthal und den Dreibund ganz vereinsamt, sodaß die flavische Union des österreichischen Reichsrats in der österrei­chischen Delegation in Stücke gegangen ist.

** Die Untersuchung gegen den Liquidator Duez, der bekanntlich gegen 10 Millionen Francs bei der Abwickelung des Veckaufs der konfiszierten französt-

Fulda, den 18. Oktober 1910.

* Post-Personalien. Versetzt sind: Der Postsekretä» Eierdey von Raffel nach Greifswald, der Tele» graphensekretär Otto von HerSfeld nach Kreuz (Ostbahn), die Oberpostassifienten v. Kruszynski von Allendorf (Werra) nach Duisburg und Schwalm von Duisburg nach Allendorf (Werra), die Post- assistenten Schäfer von Fulda nach Hanau und Hofeditz von Emmerich nach Kassel, mnc Postvev» walter Schultheism Hilders als Oberpostassistent nach Hana« und der Postasfistent Kurz in Hana» als Postverwalter nach Hilders.

4- Die Geldvermittelungs - Stelle, welch« der Hessen - nassauische Städte»Verband zur vor­läufigen Deckung des gegenseitigen Geldbedarfs im Vorjahre in Kassel errichtete, hat derart gün­stige Erfolge zu verzeichnen, daß auch die rheini­schen Städte eine ähnliche Einrichtung z« treff« beabsichtigen.

- Zm kathol. kaufmännische« Verein eröffnete gestern abend Herr Joseph Mollenhauer de» VortragsreigendesWintersemesterS. „NachAmerika und ein Besuch der Weltausstellung in St. Louis*. Dieses Reffeziel hatte sich der Vor­tragende als strebsames K. K. V.-Mitglied gestellt, als er im Jahre 1904 den Ozean durchfuhr und dem Lande der unbegrenzten Möglichkeften zusteuerte. Aus feinen Erlebnissen und Anschauungen heraus gab der Redner den zahlreichen Zuhörern ein farben­prächtiges Bild von Land und Leute in Amerika und von der Weltausstellung in St. Louis, auf bet „Made in Germany“ so große Erfolge erzielte. Herr Anton Popp leistete auf dem Gebiete der LichtbUderproduktion ganz hervorragendes. Die farbensatten Bilder, die den Vortrag prompt und anziehend erläuterten, gelangen durchweg in höchster Vollendung. Der Wunsch, den Herr Mollenhauer am Schlüsse seines Vortrages zum Ausdruck brachte, daß noch manche junge Kaufleute hinausziehen möchten um ihre Kenntnisse im Ausland« zu vermehren und zu erweitern, ist nur zu billigen. Dem Vortragenden zollte die Versammlung reichen Beifall. Im wei­teren Verlaus deS Abends nahm Herr Singer Veranlassung, dem Herrn Franz August Müllet

Ein gefährlicher Geheimnis.

8] Roman in zwei Bänden von Charles R e a b e-

„Unb ich würde mit beiden Händen zugreffen, wenn er es täte*, gab Hope ungestüm zur Antwort. „Aber mag ich Erfolg haben ober nicht, haben Sie lausend Dank in meinem und meines Kindes Na­men.*

Seine Stimme versagte, und Bolton, dem, wie den mefften jungen Mäimern, Rührung peinlich war, fiel ihm ins Wort:

„Lassen Sirs gut fein, alter Junge! Jeder von uns hat mal seine schlechten Zetten*, sagte er, indem er in seiner Westentasche einem einsamen Geldstück nach spürte. „Wissen Sie was, ich will Jhven einen Schilling borgen — können ihn mir nächste Woche wiedergeben — heute kaufen Sie der Kleinen ein Frühstück dafür. Wollte, daß ich mchr hätte - »er den andern muß ich für mich selbst behalten. Habe meine Gelber noch nicht eintreiben können sie Md erst um 12 Uhr fällig.* „

.Ich nehme es an, um meiner Klemen willen, antwortete Hope mit tiefem Erröten, „und weil es mir von einem Gentleman in feinsinniger Weise geboten ftirb.*

„Abgemacht!* rief der leichtherzige Jüngling; sie trennten sich, und keiner von beiden ahnte, daß diese Begegnung das erste Glied einer Kette war, die sich für daS ganze Leben um ihre Herzen schlingen sollte.

2.

Das Kind des Reiche«.

Die Erd« ist groß und wird von Hunderten von Millionen bewohnt, die sich einander fremd bleiben. Hin und wieder aber scheint diese Größe zusammenzu- fchnmipfen, denn eine Menge Menschen, denen wir ‘begegnen, erweisen sich als die Bekannten tmfertr Be­kannten. Dies Jneinandergreifen menschlicher Be- zlehnngen — trotz der hindernden Entfernungen und der Größe der Bevölkerung — gehört zu den Wundern xes sozialen Lebens.

Ein Beispiel für diese Erscheinung, die wir alle sicherlich schon beobachtet haben, gibt «jch William Hope. Er war in einer kleinen Ortsckjast in Derby­shire geboren, deren Grund und Boden sich fast aus­schließlich im Besitz des Obersten Clifford befand, und während er jetzt in dem Kampfe um das tägliche Brot welcher die prosaische, aber ach! die einzig wahre Ge­schichte der Individuen wie der Nationen bildet, ein Kontor in Yorkshire betritt, kommt er in freundliche Beziehungen zu dem Sohne des Obersten Clifford, dem jungen Walter, der sich hier unter dem Namen Bolton in Handels- und Heiratsangelegenheiten ver- fuchte. Mr. Bartleh aber, an den sich Hope mft der Bitte um Beschäftigung wenden wollte, war der Schwager jenes Obersten Clifford; die Beiden standen jedoch auf Kriegsfuß miteinander.

Miß Clifford hockte im Alter von zweiunddreißig Jahren den fiebenunddreißigjährigen BarÜey gehei­ratet. Sie waren in ihren Gewohnheiten eingewur­zelt, konnten sich nicht verttagen und nach Verlauf von zwei Jahren gingen sie mtt tiefer Bitterkeit, aber ohne Skandal auseinander. Mr. Bartleh, bet auf sei­nem Rechte bestaub, behielt die kleine Marie, ihr ein­ziges Kind. Er liebte sie zärtlich, und diese Liebe stimmte die Mutter, die ihre Kleine nach Gefallen sehen durste, nach und nach versöhnlicher gegen den Gatten; rnn keinen Preis aber würde sie sich enffchlossen ha­ben, wieder mtt ihm zusammenzuleben.

Die kleine Mach war zwei Monate jünger ÄS Grace Hope und hatte wie diese blaue Augen und goldenes Haar, aber welcher Unterschied in ihren Ver­hältnissen! Mach hatte zwei SBärterinnen, war von jedem nur möglichen Luxus umgeben, gekleidet wie eine Prinzessin, selbst nachts im Bette in^Spitzen ge­hüllt, und zu jeder Zeit warm sorgliche Frauencmgen auf sie gerichtet, um sie vor jedem schadllchm Emfluffe zu Betoaljren. .,, , „ c «. .

All diese Sorgfalt war iudessm nicht imstande, das Kind vor Krankheit zu schützm. Denselben Tag, Äs Grace Hope zu &u(len und ihren Vater zu angsngm begann, fing Mary Bccrtley an zu fiebern. Die altere Wärterin, eine wachsame, pflichttreue Frau erstattet sogleich Mr. Barttey Bericht, und in aller Eile wurde

der Arzt herbeigeholt. Er fühlte den Puls der Klei- nm, erklärte, daß sie etwas Fieber hätte, versicherte aber, daß kein Grund zu irgend welcher Besorgnis vorläge, verordnete Mohnsyrup, und die kleine Mary verbrachte eine unruhige Nacht.

Am nächsten Tage gegen 4 Uhr nachmittags wurde sie jedoch schr unruhig und .war sichtlich krank. Man schickte abermals zum Doktor, der wiederum Symptome bekämpfte, ohne dem Uebel auf den Gmnd zu kom- mm. Da übles Befinden häufig vom Magm aus- gehl, suchte er denselben durch alkalische und schlei­mige Mittel zu beruhigen, und die Kleine wurde bes­ser. Am dritten Tage zeigten sich aber allerlei be» ängstigende Symptome: kurzer Atem, Uusähigkeit zum Schlucken, heißer Kopf und irret Blick. Barttey tele­graphierte an einen der ersten Londoner Aerzte; er kam. unlerfuchte sogleich den Hals des Kindes, schüt­tete dm Kopf und sprach daS schreckliche Wort „Diph- theritis* au».

Man hatte vier kostbare Tage damit vetlorrn, durch nichtssagende Mittel auf einzelne Symptome der Krankheit zu toirfm, anstatt den Grund derselbrn auf­zufinden und zu bekämpfen — und nun fürchtete der Arzt, wie et rückhaltlos erklärte, daß es zu spät sei. Die verderbliche Membran hatte sich bereits gebildet und die Atmungsorgane HÄb geschlossm.

In seiner Wut und Verzweiflung hätte Barttey dm einheimischen Arzt am liebsten aus dem Hause geworfen, dies gab jedoch der Londoner Arzt nicht zu. Er besprach sich vielmehr mit seinem Kollegm über die Behandlungs weise und, wie es nur zu häufig ge­schieht, griffen sie, nun es zu spät war, zu heroischen Mitteln.

Aber weder reizrnde, noch ätzmde MittÄ tonnten die todbringend« Wucherung hindern, weiter und wei­ter zu wachsrn. Der Atem wurde immer geringer, die Ernährung beschränkte sich auf Bouillonbäder und ähnliche Stärkimgsmittel; Entkräftung war unver­meidlich, bet Tod gewiß.

In diesem hoffnungslosen Zustande befand sich das Kind des reichen Mannes, umgeben von Wärte­rinnen und Aerztrn, Äs der Vater des armen Kindes

mit der Bitte um Beschäftigung zu Bolton kam, einet Beschäftigung, die für ihn seiner Klelnm Brot und vielleicht ihr Sehen bedeutete.

William Hope kam, nachdem er unterwegs ei« Brot und eine Sodawafferstasche voll Milch für Bol­tons Schilling gckaust hatte, zu seiner kleinen Grace zurück und sand sie in Tränen. Nach Kinderart haft« sie es möglich gemacht, sich zu verietzen, hatte in dem leeren Zimmer eine hölzerne Fußbank gesunden, und da es möglich war, hinaufzuklettern und herunterzu­fallen, hatte sie in Abwesenheit des Vaters beides voll­bracht, hatte ihr kleines Handgelenk geschunden und verstaucht und war nun in tiefster Verzweiflung.

„O, ich konnte e» mir wohl drnkrn, daß irgend etwas geschehen würde, während ich Dich allein lassen mußte,* sagte der arme Hope, führte sie an das Fenster setzte sie auf feinen Schoß und suchte sie zu beruhi­gen. Er «iß ein Stück seine» Taschentuches ab, tauchte dasselbe in kaltes Wasser und befestigte es leicht und geschickt um ihr Orient, während er ihr tröstend zusprach. Plötzlich unterbrach sie ihn, schlug ihren Kummer in den Wind, brach in ein Freuden­geschrei aus und rief, indem sie eifrig aus dem Fen­ster zeigte:

„Sieh, da sind sie wieder, die weißrn Schwäne!*

Hope sah auf und erblickte zwei Schiffe, eine Brigg und eine Barke, welche mit sanft geschwellten Segel» flußabwärts dem Meere zuzogen.

Nur durch Erfahrung lernen wir die Größenver- hältnisse lernten: ba8 Auge des Kindes Ist in der Be­ziehung merkwürdigrn Irrtümern unterworfen. Vet> sprich einem Kinde bett Mond und zeige ihm die Lei­ter, um hinauf zu gelangen, so wird es die Unzu­länglichkeit dieses Hüffsmittels nicht erkennrn. AuS demselben Grunde konnte sich Grace Hope ihrer Schwäne freuen. Hope aber, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, sie in jeder Weise zu unterrichten, an» statt sie, wie gedankenlose Eltern tun, zum Vergnügen zu hintergehrn, erklärte ihr fteundlich, daß es nicht Schwäne wären, sondern Schiffe.

(Fortsetzung folgt.)