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M 239.
Erstes Blatt.
Fulda, Dienstag Len 18. Oktober 1910.
37. Jahrgang.
Ö Die „Berstnchnrrg des Westerrs".
In der befteundeten Presse sind seit einigen Jahren öfter Erörterungen über den Charakter des Zen- tnlms gepflogen worden. Wir haben uns nur mit kbißerster Zurückhaltung an ihnen beteiligt, weil wir sie für höchst überflüssig halten. Man hat von einer Richtung „Köln" und Richtung .Trier' gesprochen, im Anschluß an die sog. Oster- dienStagÄonferenz, und Gegensätze konstruiert, die sich darwiegend auf theoretischem Boden bewegen und überhaupt nicht so groß sind, daß nicht ein guter Wille sie überwände. Die auf beiden Seite» einge- riffene Polemik kann nur gereizte Stimmungen schas- fen. Die erdrückende Mehrheit des kachol. Dmtsch- land will von den dabei oft gemachtm, akademischen Haarspaltereim nichts wissen, und wmn die fuhrendm Organe des Prinzips wegen den Streit aus tragen, so sollte die mittlere Presse nicht auch noch ihn weitertragen helfen. Die Wähler haben wirklich kein Verlangen darnach. Das Zentrum ist keine konfeffionelle Partei, aber es ist, wie die Verhältnisse sich mtwickelt haben, die politische Vertretung des katholischen Deutschlands und dieses katholische Deutschland schließt sich eng und fest an ien Papst und die Bischöfe an — diese Tatsache ist fest in die Herzm der deutsch«! Katholiken eingeschrieben. Was gibt's da viel zu drehm und zu deu» teln! Die Not der Zeit brennt uns auf den Fingernägeln, und in dieser Zeit den Gegnem das Schauspiel eines Bruderstreites geben, ist nicht bloß töricht, sondern auch eine Versündigung an der gemeinsamen Sache. Darum möchten wir wünschm, daß Schluß mit der unerquicklichen Debatte gemacht würde. Inzwischen tonnen wir uns der Verpflichtung nicht ent- zichen, unsere Leser über bemerkenswerte Episoden in diesem Geplänkel zu unterrichten.
Die Auseinandersetzungen, die sich um die Frage abspielten, ob die Zentrumspartei mehr eine politische oder eine rein konfessionelle sein soll, entspannen sich im Sommer erneut aus Anlaß der auch von uns erwähn- ten Schopenschen Broschüre. Von einer gewissen Seite Kunden sie bis in die liberale Presse hineinverpflanzt Md es tue da u. a. auch von einem Briefe des Kardinals Kopp die Rede, in dem nach Mit- leuung der .Köln. Ztg." Kardinal Kopp „seiner Mißbilligung des Jnterkonfessionalismus und der Verwaschung der Grundsätze des strengen Kacholizismus, Wie sie hn Westen von der Köln-Gladbacher Richtung betrieb«! werde, mit tiefem Unmut Ausdruck gegeben und erklärt habe, er werde diese Verseuchung des Westens im Often zu verhindern wissen.' Der Brief hatte in die Schopensche Broschüre als besonders wichtiges Aktenstück ausgenommen wer- ben sollen, die Aufnahme ist aber unterblieben, weil der Verleger Bedenkm hatte. Als einmal die liberalen Matter Andeutungm über den Inhalt des Briefes gemacht hattm, dauerte es nicht lange, bis auch der Wortlaut des Briefes feinen Weg in die liberale fPreffe fand. Obwohl es sich um einen vertraulichen Privatbrief handelt, scheute sich das .Berl. Tagebl.' nicht, ihn zu veröffmtlichen. Er war gerichtet an Fräulein v. Schalscha als Vorsitzende des .Verbandes katholischer Vereine erwerbstätiger Frau- ,en und Rädchen Deutschlands' und wendet sich un- ler Bezugnahme auf einen Artikel von Professor Dr. Martin Spahn mit sehr lebhaften Worten gegen die .Verseuchung des Westens' und erhebt entschiedenen Einspruch dagegen, daß die Jnterkonseffionalisierung der Arbeiterbewegung, die der Kardinal verurteilt, ,«mt auch auf die Arbeiterinnen übertragen würde. Sie führe zur Verflachung bei Katholizismus. Im Westen herrsche bezüglich der sozialen Frage „wahrhaft häretischer Fanatismus.' „In den Kreisen, in denen ich die Vermltlvortung habe, werde ich ihn auf das äußerste fern zu halten suchen." Die Redewendung von einer „Verseuchung des Westens', die viel Staub aufgewirbelt hat, ist, das muß vor allem betont werden, nicht in bet von liberaler Seite behaup
teten Allgemeinhett gefallen. Sie bezieht sich lediglich auf die Jnterkonfesstonalisierungs-Bestrebungen in der Gewerkschaftsbewegung. Es ist keineswegs an dem, daß Kardinal-Fürstbischof Kopp allgemein zum Ausdruck habe bringen wollen, der ganze Westen sei in religiös-kirchlicher Beziehung „verseucht'. Der Brief ist als Privatbrief, der nicht für die Oeffentlich- kett bestimntt war, lebhaft geschrieben und als eine Momentsäußerung zu betrachten, kein politisches Glaubensbekenntnis. Wenn der Herr Kardinal ein solches abgeben wollte, so hätte er sicherlich einen anderen und geeigneteren Weg gefunben, und es nicht der Diskretion einer Dame und derer, die sie zu ihren Vertrauten gemacht hat, überlassen, ob sie seine Worte der Welt tnitieilen wollte oder nicht. Dieses berücksichtigt, ist doch aus dem Schreiben ein Mißtrauen gegen die Bestrebungen des katholischen Frauenbundes und weiterhin gegen die sozialpolitische Tätigkeit bet Katholiken des Westens unverkennbar. Dieses Miß- trauen ist wenig erfreulich, ja schmerzlich für die Männer im Westen, die in hingebender Arbeit glauben, durch erfolgreiche soziale Tätigkeit der katholischen Sache gute Dienste zu leisten. Sie können daraus Hinweisen, daß gerade dort, wo die Gewerkschaften Wurzel faßten, das kacholische Glaubensleben auf einer Höhe steht, um die andere Gegenden den Westen nur beneiden können, und daß eben dort, wo die interkonfessionellen Gewerkschaften blühen, die lediglich die wirtschaftlichen Interessen der Arbeiter pflegen, auch die katholischen Arbeitavereine das großartigste Leben entfalten. Die christlichen Gewerkschaftler wollen gar nicht die gesamte Arbeiterbewegung interkonfeffio- naliflaen, sondern betonen im Gegenteil seht nachdrücklich die Notwendigkeit der konfessionellen Arbei- tervaeine und empfehlen sie immer wieder.
Da man nun weiß, daß Kardinal-Erzbischof Fischer von Köln früher gelegentlich die christlichen Gewakschasten öffentlich seines besonderen Wohlwollens versichert und der Freude üba ihre Ausbreitung Ausdruck gegeben hatte, waren liberale Blätter gleich bei da 4>anb, von einem Z w i st zwischen Kardinal Kopp und Kardinal Fischet zu fabulieren. Und da man nun einmal am Flunkern war, et- fand man gleich noch ein Dutzend Sensationsmeldungen hinzu. Da hieß es, auf Veranlassung des Kardinals Kopp sei eine päpstliche Kundgebung gegen die christlichen Gewerkschaften und gegen ben Volksverein für das katholische Deutschland geplant, ja es fei auch im Auftrage da römifchen Kurte durch einen Mons. Dandini ober Pardini eine hochnotpeinliche Untersuchung „über die Zustände im „verseuchten" Westen des Reiches" und gar gegen die höchste Stelle in der Erzdiözese Köln veranstaltet worden. Der „Offavatore Romano" sowohl wie der päpstliche Nuntius Msgr. Ftühwirth in München erklärten alle diese Gerüchte kategorisch für unbegründet. Das hat die Schwindelmeia aba nicht abgehalten, wenigstens ihre Meldung von bet angeblichen Untersuchung nach modanistischen Ketzern in da Kölna Erzdiözese auftecht zu erhalten und den gläubigen Sefem der liberalen und sozialdemokrati- schen Blätttt neue tolle Märchen aufzubinden.
fa wurde erzählt, Rom verlange, der Volks- verein soll sich in Diözesan- bezw. Warr vereine auflösen, die Windthorstbunde sollen aufgeforbert werden, sich auf konfessionellen Boden zu stellen, das Gleiche soll von den christlichen Gewerkschaften verlangt werden. Die katholischen Redakteure sollen denselben Eid leisten wie die Professoren. Jeder katholischen Zettung wird ein „Quast-Zensor" beigegeben.
Auch diesen Enten ist prompt der Hals um- gedreht worden; die,Augsb. Postztg.' hat sich „von maßgebender Seite" erllären lassen, daß die ganze Geschichte in allen ihren Teilen „freie Ersin- düng* sei und feder Begründung entbehre. Man darf wohl annehmen, daß dieses bündige Dementi aus bet päpstlichen Runtiatur in München stammt. Helfen wirds zwar nicht viel und man darf sicher
sein, daß in der nächsten Zeit neue Schwindelnachrichten auftauchen.
Am Sonntag hat in der gewaltigen Protest« vetanftaLung gegen die papstfeindliche Schmährede des römischen BlockbürgetmeisterS Nathan, die die Sektion Köln des Bolksvaeins für daS katholische Deutschland veranstaltet hatte, Kardinal Fischer sich mit dem Zwist im katholischen Saget und mit den Schwindelmeldungen, die daran genüpst wurden, besaßt. Er führte, wie zur Ergänzung unserer gestrigen Drahtmeldung nachgetragen sei, aus:
In den letzten Zetten sind bei uns im eigenen LageretwelcheZwiespalte entstanden. Schadenfroh hat sich allsogleich eine gewisse Presse derselben bemächtigt, bauscht sie auf, sucht Streit zu schüren und redet hohnlachend von ber Spaltung bet deutschen Katholiken. Man hat sich nicht ent- blödet, in diesa Hinsicht allerlei Märchen zu verbreiten, insbesondere auch in Bezug auf die Person des Erzbischofs von Köln, hat gar den Versuch unternommen , die beiden deutschen Kardinäle gegeneinander auSznspielen, sie als entzwett darzustellen, von einer Aktion des hl. Balers zu reden, die bevotstehe; andere sagen gar, sie sei bereits ergangen. Ich protestiere mit Entrüstnng gegen diese unsauberen Machenschaften. (Stürmischer Beifall.) Die Leute, die auf eine Uneinigkeit des deutschen Episkopates spekulieren, werben sich gründlich täuschen. Die Bischöfe, und zumal die deutschen Kardinäle, werden ihnen diese Freude nicht machen; dazu sind wir viel zu umsichtig und viel zu gewissenhaft. Aber jene Leute werden sich auch täuschen, wenn sie überhaupt mit einer Uneinigkeit unter den deutschen Katholiken rechnen und daraus Schlüsse für die Zukunft ziehen. In der Tat, die dentfchenKatholiken müßten geradezu den Verstand verloren haben, wenn sie in ben damaligen Zeilläusten sich fpalten und gegenseitig befeinden wollten. (Lebhafter Beifall.) Bestehen gewisse Differenzen, so werden sie dieselben mit Klugheit, mit Mäßigung, mit Liebe und Selbstverleugnung auszugleichen suchen, aber sie werden darüber nicht unterlassen, die Einheit, die geschlossene Einheit zu bewahren, die, zumal in der jetzigen Zeitlage, eine Gewlssenspslicht für die deutschen Katholiken ist. Sie war bisher ihre Zierde, sie wird es auch ferner sein: einig alle untereinander im Dienste unserer gemeinsamen heiligen Sache — einig in Nord und Süd, in Ost und West — einig die verschiedenen Stände — einig die Laten, der KteruS, der Episkopat — und endlich einig alle in vollendeter Einheit um den Mittelpunkt der Einheit geschart, um ben Apostolischen Stuhl! Das hindert uns nicht, daß roir gerne im öffentlichen Leben Hand in Hand gehen, wo es nur angeht, mit unfern auf positivem Boven stehenden nichtkatholischen Mitbürgern im Baterkand. Wir deutschen Katholiken schließen uns nicht ab von unfern Mitbürgern und wollen keinen Staat im Staate bilden. Wenn wir auch unsere Kirche lieben und ihr In unwandelbarer Treue ergeben sind, so schlägt darum nicht minder warm unser Haz für das Vaterland, das auch unfer Vaterland ist, haben wir ein Herz für unseres Volkes Wohl und Wehe, sind und bleiben überzeugte Katholiken, aber auch deutsche Kalholiken und gewissenhafte, allen andern gleichberechtigte Bürger.
Das ist ein Wort zur rechten Zett. Die Zuversicht des Herrn Kardinals, baß die deutschen Katholiken bte Meinungsverschiedenheiten nicht zu einer Uneinigkeit auswachsen lassen werden, darf man gewiß als berechtigt anfehen. Die Gegner mögen ruhig im Voraus triumphieren; wenn der Tag der Wahl kommt, werden sie schon erkennen, daß das Zentrum nicht zersplittert ist und so bald, mit Gottes Hilfe, auch nicht zersplittert wird.
Deutsches Reich.
** Berlin, 17. Ott. 1910. Heute vormittag hat eine Abordnung der Berliner juristischen Fakultät dem Kaiser im Reuen Palais zu Potsdam das Diplom über die ihm zur Universttatrjubelfeier verliehene Ehrendoktorwürde überbracht. — Im Beisein des Kaisers und der Kaiserin wurde gestern vormittag die Kapelle des Kadettenhaujes in Potsdam feierlich ein geweiht. — In der letzten
Sitzung der Münchener Handelskammer wurde die Mitteilung gemacht, daß sich die Reichsregierung mit der Absicht der Ausarbeitung eines Nahrung smittekgesetzes trage. Die Vorbereitungen würden bald im Reichsgesundheitsamt beginnen.
s. Die Strafprozkßkommisfioa hat nach langer und schwieriger Arbeit nunmehr die erste Lesung beendet. Doch schon zeigt es sich, daß die Beschlüsse nicht durchweg die Anerkennung der Regierung finden. Bei einzelnen ist sogar die ablehnende Hattung der Regierung so entschieden, baß zu befürchten ist, baß die ganze Vorlage darüber scheitern konnte. ES find dies die Beschlüsse betreffend die Rechte der Staatsanwaltschaft in der Voruntersuchung, die Zeugnisverweigerung der Abgeordneten, die Unterlassung jeder Untersuchung während der parlamentarischen Tagung, die Schaffung eines Asylrechtes, das jede Untersuchung eines Parlamentes von der Genehmigung des Präsidenten abhängig macht, und endlich die Besetzung der Berusskammer mit drei Richtern und zwei Laien. Die ganze Vorlage gerät in Gefahr zu scheitern, wenn es nicht gelingt, über diese fünf Punkte in den heute beginnenden Verhandlungen zwischen den Vertretern der Regierung und der Parteien eine Verständigung zu erzielen. Man hofft jedoch auf die Verständigung, da das Ztntrum mit Eifer darauf hinwirkt, daß die Vorlage ihrer nicht zu verkennenden Reform halber Gesetz werben wird.
)( Zeuttumshaß der Nationalliberalea. Die zwie. spattige und schwankende Stellungnahme der Nationalliberalen im Westen, deren verbohrter Zentrumshaß so weit geht, daß sie sich lieber politisch schwächen lassen und der Sozialdemokratie Handlangerdienste leisten, als dem Zentrum auch nur einen Finger brett entgegenzukommen, veranlaßt die „Deutsche Volkswirtschaft!. Corr.' zu sehr beachtenswerten Ausführungen:
„Der Verlauf des Raffelet Parteitages hat auf allen Seiten die Klage wachgerufen, baß burch ihn die politischeLage keinesfalls geklärt worden sei. In einem Teile des Reiches hingegen ist sie geklärt worden und zwar ht dem großen westlichen In« b nitriere» ter. Leiber ist diese Klärung aber ht bet Weise erfolgt, daß die schon bisher sehr bedenkliche Lage für bte Folge noch bedenklicher geworben ist. Und diese Verschlimmerung ist dadurch herbeigeführt worden, daß man, wenn auch nicht gerade mit dürren Worten, so doch dem Sinne nach erklärt hat, unter Umständen wohl mit bet Soztalbemokratie nach dem berühmten badischen Muster „taktisch" zu» ßtmmengehen zu können nnb zu wollen, immer aber d as Zen ttum, als ben gefährlichsten Bestandteil bei „blau-schwarzen Blockes", bis auf das äußerste bekämpfen zu wollen. Das muß, wie die Verhältnisse im Westen liegen, geradezu verhängnisvoll wirken."
An einer anderen Stelle des Aufsatzes heißt es:
„Die naltonallibetale Partei, bte eigentliche Ruferin im Strette, zu bet sich, einstweilen wenigstens, immer noch der größere Teil bet Industrie bekennt, hat sich durch ihr blindwütiges Vorgehen selbst völlig ausgeschallet. Nach der neuerdings eingenommenen Stellung fehlt ihr auch jede Aussicht, ihre Stellung zn verbessern."
Das Schlußergebnis bet Betrachtungen bet „Deutschen Volkswirtschaftl. Corresponbenz" ist bas folgende:
„Sieht man von dem Wahlkreise Hamm ab, in dem Rationalliberale und Zentrum, wie schon seit langen Iahten um baS Mandat ringen werben, so tarnt in dem ganzen Bezirke der Nationalliberalismus zwar nichts von dem, aber viel durch das Zentrum gewinnen. Um so unverständlicher ist dir Ausdehnung bet liberalen Sozialisten freund schäft auch auf diesen Bezirk und um so bedauerlicher, aI8 dies Vorgehen, man möchte sagen bewußt, auf Kosten der Industrie erfolgt. Der zunehmende Geist der Zuchtlosigkeit im westlichen Revier gibt zu schweren Bedenken Anlaß, aber auch davon abgesehen, kann es der Industrie nicht gleichgültig fein, ob im nächsten Reichstage ein halbes Dutzend Sozialisten mehr ober weniger sitzen. Grade hier, wo überall der Sozialist gleichmäßig gegen alle bürgerlichen Richtungen anstürmt.
Ein gefährlicher Geheimnis.
2] Roman in zwei Bänden von Charles Read k.
Bei weiterem Nachdenken aber sagte er zu sich selbst: „Immerhin! ich habe ihm ein Vermögen geboten, und er gibt mir zehn Schilling — eine Liebe ist der anderen wert!'
Damtt steckte er das erhaltene Geld in die Tasche und kaufte seiner Seinen Grace em blaues Halstuch mit weißen Punkten, und dann zog bet Unglückliche mü seinem Kinde weüer von Westen gen Osten, bis sie an die Stelle gelangten, wo wir sie dem Leser zuerst vorgestellt haben.
Es war ein neuer Abschnitt in ihrer mühevollen Wanderschaft, denn während bis dahin Hopes Sorge einzig darauf gerichtet getoefen, seinem Kmbe Nahrung und allerlei Seine Annehmlichkeit^ zu verschaffen, hatte ihn die Seine Grace diesen Morgen durch einen kurzen, trockenen Husten erschreckt, der ht feinem 'Vaterherzen wie Totengeläut widerklang. Ihr- Mtt- ter mar an der SchwiMucht gestorben; f°Men die Keime bet unerbittlichen Krankheit auch ht dem Kinde liegen? Wenn das der Fall war mußtensie durch Anstrengung, Ermüdung, K-Ae und Entehrung rasch ! entwickelt werden, und er mußte die Kleine vor semm -Augen dem Grabe zuwelken sehen Mtt herzbeSem- !menber Angst blickte er auf sie nieder und zitterte in tfdnen Hemdärmeln weniger bor Satte ate cuiS Furcht vor der Zukunft. Die arme Kieme aber lebte noch, den Tieren gleich, in völliger Unkenntnis alles bef- ’fen, was über den gegenwärtigen Augenblick hinaus, sgeht, und plötzlich unterbrach sie ihres Vaters verzweiflungsvolles Sinnen durch einen Freudenschrei.
„O, was ist das!' rief sie mit strahlendem Gesicht. Hope folgte der RichttlNg ihrer blauen, weit ' geöffneten Augen und 1a9 ei”e J^eine Schar von Schwänen in der Biegung beä Flusses herankommen. -Hope erzählte ihr von den königlichen Vögeln, die bald einem Fürsten, ball) einer Staut gehören; dabei schwammen die schönen Tiere inaiestntisch an ihnen (borütier, indem sie stvlz die fchneelgen Hälse bogen.
Grace starrte ihnen nach, und ein paar Tage lang sprach sie fast nur bon Schwänen.
Je mehr sich die Wanderer ihrem Ziele näherten, UM so schwerer wurden sie vom Mißgeschick heimgesucht. In einer Stadt an dem schiffbaren Strome, auf dem sie für einen ober zwei Schilling bis zum Orte ihrer Bestimmung zu fahren bermocht hätten, gab Hope den letzten Heller für das Abendessen feiner Kleinen aus und behielt nicht einmal so biel, daß er Bett und Frühstück in der bescheidenen Herberge, wo er eingekehrt war, bezahlen konnte. Er nahm ein Lokalblatt zur Hand und bat den Himmel, ihn darin irgend ein Arbettsanerbirten finden zu taffen, und a'™ noch so gering wäre, nur genügend, seiner SHetuen Nahrung zu schaffen, damit sie nicht der drohenden Krancheit zur Beute fiel.
"tchtS für ihn unter den Anzeigen, 5" be8. Blattes fand er die Mitteilung, daß btr auf der dortigen Werst 2 hatte, im Begriff stehe,
die Probefa^t desselben nach Neuseeland mitznmo- chm, u"d baß er mtt der Hochflut der heutigen Tage« um 6 Uhr 45 Minuten vormittags unter Segel gchen wurde, und jetzt war es 9 Uhr.
Wie schwer vermag uns oft eine Zeitungsnotiz zu verwunden! Verluste Mer Art, Verzweiflung, Verlorene Siebe bringen wie der Blitz aus einer einzigen Zeile auf uns ein. Auch Hope verlor den Mut, al» er die wenigen Worte gelesen; Kopf und Hände sanken ihm nieder, und eine Welle saß er da, regungslos mit erstarrtem Herzen. Dann begann er an allem zu zweifeln und verwünschte die Ehrlichkeit. Hätte er seine Schulden in Liverpool zurückgelassen und sich auf die Eisenbahn gefetzt, so wäre er zur rechten Zett nach Hüll gelangt und wäre jetzt mit dem neuen Schiffe, die Taschen voll Gold, unterwegs nach Neuseeland.
Aber das Grübeln und Bedauern half nichts, fein Kind war von Hunger und Krankheit bedroht, er mußte arbeiten oder stehlen, oder sonst etwas tun! Der Verzweiflung nahe, raffte er sich auf und bot feine
Dienste Seinen Handelsleuten an; aber alle triefen ihn, nicht immer höflich, zurück.
Endlich kam er in eine vornehmere Stadtgegend; große Geschäftsräume, die zu einem hübschen Wohnhause im Hintergründe gehörten, lagen vor ihm. Neben den Geschäftsgebäuden befanden sich Flaschenzüge, Krähne, alles was zum Beladen der Schiffe notwendig ist; auch ein Hof mit Pferden und Lastwagen war da, sodaß das ganze Geschäft sehr ansehnlich erschien. Auf einem Messtngschilde stand: „R. Bartley, Schiffs- matler und Agent', aber der Mann war augenscheinlich selbst Rheder und betrieb die Agentur nur nebenbei. Diese vielseitige Tätigkeit erweckte neue Hoffnungen in der Brust unseres vielseitigen Helden, und nachdem er die Außenseite der Baulichkeiten rasch besichtigt hatte, warf er verlangende Blicke in das Fenster des Kontors. Es war ein Bogenfenster von ungewöhnlicher Größe, durch das der Herr des Geschäfts oder seine Untergebenen eine große Strecke Fluß mif- und abwärts sehen konnten. Hope blickte vvrstohlen hinein; die mancherlei Zurückweisungen, die ihm zuteil geworben, hatten ihn verschüchtert; er wünschte das Gesicht des Mannes zu sehen, an den er sich aufs Neue wenden wollte.
Aber Mr. Bartley war nicht da; in dem großen Kontor befanden sich augenblicklich nur seine Kommis. Der eine derselben, Leonhard Monkton, war ein blasser junger Mann mit dunklem Haar, einer Habichtsnase und dünnen Lippen. Der andere,*ern sehr junger Bursche, hatte braunes Haar, nußbraune Augen und ein offenes Gesicht. Hope beschloß sogleich, sich nicht an ben blassen Menschen mit dem Geierkopfe zu wenden, sondern den mit dem offenen Gesicht für sich und sein hungcmdes Kind zu interessieren.
Es gab zwei Eingänge in das große Kontor; her eine> zur Rechten führte durch ein Vorzimmer und wurde fetten und eigentlich nur von den näheren Bekannten des Hauses benutzt. Der andere zur Linken ging durch ein kleineres Kontor, in dem sich gewöhnlich einer der untergeordneten Handlungsdiener befand, der die Arbeiten im Hofe zu überwachen hatte; eine schmale Glastür, die in das Hauptkontor führte,
vermittelte den Verkehr mit Mr. Bartley und den übrigen Konnnis.
William Hope betrat bas Seine Kontor, das er leer fand, da sein Insasse zufällig im Hause beschäftigt war; bann öffnete er, blaß, verstört, einer neuen Abweisung gewärtig, die innere Tür und wendete sich an ben ihm zunächst Sitzenben, es war der junge Mann besten Gesicht ihn angezogen hatte.
„Sir, kann ich Mr. Bartley sprechen?' fragte er.
Der junge Mensch warf einen Blick auf die abgetragenen Kleider und staubigen Schuhe des Fragenden.
„Hm, wenn stch's um ein Almosen handelt, sind Sie an die falsche Tür gekommen', gab et zur trockenen Antwort.
„Ich verlange kein Almosen', erwiderte Hope mit einem Seufzer. „Was ich suche, ist Arbeit, und hohe Zett ist's, daß ich sie finde; mein armes Seines Mädchen und ich find dem Verhungern nahe.'
„DaS ist eine Schmach!" rief der junge Mann in warmem Tone. „Wie ist das möglich? Sie sind ein Gentleman, nicht wahr, daS sind Sie?"
„Was bas betrifft, so weiß ich'z nicht zu sagen", antwortete Hope; aber ich habe viel gelernt und wäre tm Stande, allen Ausgaben dieses Geschäftes zu genügen. Trotzdem bin ich unter den Schlitten geraten.*
»Sie sehen danach aus", sagte der junge Kommis, aber Sie werden hoffentlich nicht so unvorsichtig sein, das dem alten Bartley zu gestehen. Tun Sie das, s» haben Sie verspielt. Pasten Sie auf, ich will Ihne» zeigen, wie Ae's machen müssen, um Her anznkom. men. Warten Sie bis halb Zwei. Um Eins pflegt Mr. Barlley sein zweites Frühstück zu halten und ff' nachher weniger borstig als sonst. Sie aber treten ai$ wie Julius Cäsar, nehmen den Mund gehörig voll, bieten ihm Ihre Kenntnisse und Fähigkeiten und vor allem Ihre Rechenkünste für zwanzig Pfund, worauf er Ihnen — was übrigens eine Büge ist —zur Ant- wort geben wird, er hätte nichts für Sie zu tun, um Ihnen schließlich fünfzehn Schilling zu bieten.*
(Fortsetzung folgt.)