37. Jahrgang
Fulda, Montag den 17. Oktober 1910
Erstes Blatt
238.
uldaer
em iu betonen, daß eS sich hier nicht um einen red- lichen gewerkschaftlichen Lohnkampf, sondern um einen poltttsch-revolutonären Vorstoß handele. Seine Absicht war offenbar, den Aufsäffigen die Sympathien derjenigen, die der Arbeiterschaft gern eine Aufbesserung ihrer Löhne tmb Arbeitsbedingungen gönnen, zu entziehen, und das scheint ihm auch gelungen zu sein. DmauS ergibt sich für unsere Umsturzagttatsren die Nutzanwendung, daß sie bet dem Mißbrauch des Streik zu politischen Zwecken mit dem Widerwillen und Widerstand auch der so- zialreformertschen und arbeiterfteundlichen Kreise zu rechnen haben werden. _ ..
Ein solcher Mißbrauch der Gtreikfteiheit würde die krWgste „Sammlung* aller bürgerlichen Elemente gegen die Umsturzpartei in Gang bringen.
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Mertagr viertel, iährkcherveudpreir ohne »ringertohn und vefteLgeldinFutoaio. »je anrwärtr 1.50 81t.
W Paris, 16. Okt 1910. Nach einer amtlichen Mitteilung de» Ministerium» der öffentlichen Arbeiten machte sich am gestrigen fünften Tage ein boll- ständige» Abflauen de.» Ausstande» bet der Nordbahn und der staatlichen Westbahn bemerkbar. Der Ausstand könne al» beendet angesehen werden. Sonntag abend empfing Ministerpräsident B r t a n d eine Abordnung bon Vertretern der Eisen- bahnen, die ihm den Wunsch vortrugen, er möge V e r- Handlungen zwischen den Arbeitern und den Eisenbahngesellschaften einleiten. Der Ministerpräsident erklärte, daß er sich darüber mit seinen Mimster- kollegen besprechen werde. Er betrachte den Ausstand als beendet.
♦ Paris, 16. Okt. 1910. Fälle bon Sabotage werden aus Tergnier und Laon gemeldet, wo die Gleise unfahrbar gemacht wurden. Der mit der Ueberwachung der Anarchisten betraute Polizeikom- mifsar Guichard, der nach den Urhebern de» Bombenattentates in der Rue Derri und der Eisenbahnsabotagen fahndet, ließ in einem ausschließlich bon Revo- luttonären und Sozialisten besuchten Gasthause 15 Revolutionäre, zumeist Ausländer, festnehmen. Etwa zwanzig Ausständige, die sich an den Ausschreitungen in CormeilleS beteiligt haben, sind verhaftet worden. Ein Agitator, der im Automobil durch ganz Frankreich reift und Propaganda für den Ausstand betreibt, wurde in Bordeaux verhaftet.
♦ Pari», 16. Okt. 1910. Die Regierung ist der Ansicht, daß sie gegenwärtia nicht in Verhandlungen mit dem nationalen Syndikat der Eisenbahner und dem Verbände der Heizer treten könne, da diese sich zur Zeit in einem Konflikt mit den Militärgesetzen befänden. Die Regierung hat Beweise dafür in der Hand, daß die anläßlich des Eisenbahnerstxelks verübten verbrecherischen Anschläge von einem a n a r ch i- stischen Ausschüsse angestistet worden seien, welcher beschlossen hafte, den Ausstand zu einem Gewaltstreich zu benutzen. Außer dem anarchistischen Ausschüsse habe auch der Allgemeine Arbeitsverband eine sehr bedenkliche Rolle bei dem Eisenbahnerausstand gespielt.
W St. Etienne, 16. Okt. 1910. Nach Beendigung einer Protesiversammlnng gegen die Einberufung der Eisenbahner kam es zu heftigen Zusammenstößen zwischen Demonstranten einerseits und Polizeimannschaften und Truppen andererseits. Die Menge empfing die Polizei mit Revolverschüssen und ließ gegen die auf der abschüssigen Straße zum Angriff übergehenden Dragoner Karren und Tonnen hinabrollen. Ein Rittmeffter und drei Demonstranten erlitten Verletzungen. Ein Hllfsmaschinist wurde au: dem Wege zum Bahnhof bon Demonstranten halbtot geschlagen.
Anstand.
* Aus Angst vor einer Revolution hat, wie au» dem Spielhöllenort Monte Carlo gemeldet wird, da Fürst von Monaco dem Lande einen Gemeinderat und die Einrichtung einer Schatzverwaltung bewilligt. Die Ruhe im „Lande* ist gesichert.
Deutsches Keich.
0 Ter frühere Reichsbankpräsident Tr. Koch
ist am Samstag im Alter von 76 Jahren in Char- lottenburg einem Herzleiden erleg en. Im Oktober 1870 war Koch in das preußische Haupt
bedeutet der Parteitag einen regelrechter Einbruch in nationaüiberales Gelände. — Am 22. und 23. Oktober tagt in Köln der Reichsverband der nationallibralen Jugend.
* Der Asiesforensragebogen, den wir nach der „Köln. Volksztg.* wiedergegeben haben, ist, wie jetzt demselben Blatt von unterrichteter Seite geschrieben wird, schon seit mehreren Menschenaltern, vielleicht mit unwesentlichen Aenderungen, in Hebung gewesen. Es wird so dargestellt, als sei er ganz in der Ordnung. Man wolle z. B. den unoermögenden Assessoren mcht die Verwendung ober Anstellung in einer besonders teuren Stadt zumuten. Ebenso könnte die Ausübung des Richteramtes am Wohnsitz der Eltern ober Schwiegereltern, wenn z. B. biefe in gewerblichen Betrieben stehen, bei benen häufig Prozesse nicht zu umgehen sind, ernsten Bedenken begegnen usw. — Uns erscheint trotzdem bieser Fragebogen bebenklich, und wenn er auch feit mehreren Menschenaltern in Hebung ist, so ist er dadurch nicht geheiligt.
G) Der Wahlfonbsaufruf des HansabnnbeS (vergl. Nr. 233) ist, worauf die ,Nordd. Allg. Ztg.' auf- merksam macht, in zwei verschiedenen Fassungen ausgegeben worden. Der eine wendet sich an die „Angehörigen des deutschen Gewerbestandes", der andere an die deutschen Kaufleute und Industriellen. Der erste spricht davon, daß es gelte, die einseitige Jnteressenpolitik des Bundes der Landwirte zu brechen, und empfiehlt die vom Hansabund vertretene Wirtfchafts- und Finanzpolitik als einMtttel, das verderbliche Ueberlaufen bürgerlicher Kreise zu staatsgegnerischen Parteien zu verhindern. Mr andere Ausruf ist der, dessen aufreizende Sprache und verlogene Darstellung wir bereits gerügt hadern Er wirft der Staatsregierung vor, daß sie durch „gewerbeseindliche*, „unverständige*, „von Eigennutz diktierte* Maßregeln jeden einzelnen Kaufmann und jeden Industriellen entrechtet und belastet habe. Auch die ,Nordd. Allg. Ztg/ erhebt gegen biefv Dar- stellung scharfen Widerspruch und sagt: „Eine solche Sprache war bisher den staatsfeindlichen Parteien Vorbehalten, zu denen überzulaufen der Hansabund die bürgerlichen Kreise verhindern will.*
„Der Ausruf bedient sich auch noch einer besonderen Bildersprache. Er stellt in drei Zeichnungen die politischen Rechte, die Steuerlasten, die wirtschaftlichen Leistungen der Landwirtschaft und des Kaufmanns-, Industrie- und Gewerbeftandes in Vergleich. An politischen Rechten erscheint die Landwirtschaft ei« Riese, Handel und Industrie ein Zwerg; bei den wirtschaftlichen Leistungen wird da» Verhältnis umgekebrt, und die Steuerlasten drücken nicht einmal den Hut des Landwirts ein, während sich der Rücken des Sonv parenten unter ihnen, krümmt. Mit einem derartig rohen Schema kann man auf die Menge vielleicht Eindruck machen, aber nur auf Kosten der Wahrheit und Gerechtigkeit. Der Hansabund läuft Gefahr, mit derartigen Methoden auch das Berechtigte in seinen Bestrebungen zu entwerten. Es heißt seinem Ziel entgegenarbeiten, wenn die Elemente ber Verwirrung und der Zwietracht, die in unserem politischen Leben schon übergenug tätig sind, mit den Mitteln vermehrt werden, bereit sich der Hansabund jetzt bei seinen Geldsammlungen bedient.*
Die Hansabunbleute werben vermuflich sehr überrascht sein, baß bas Regierungsorgau ihnen s o scharf entgegentritt. In der Aera Bülow wäre bas wahrscheinlich auch nicht vorgekommen.
* Die sozialdemokratischen Jugendorganisationen. Das Oberverwaltungsgericht hat im Gegensatz zu hem Schöffengericht, bei bem ebenfalls ein Verfahren anhängig war, entschieden, baß bie Berliner Jugendorganisationen politischen Charakter haben. Infolgedessen müffen sie aufgelöst roerben.
** Berlin, 16. Okt. 1910. Die Hundert- jahrfeier der Kriegsakademie erreichte gestern in einem Festakt, der in Anwesenheit des Kaisers in der Aula der Kriegsakademie statt- sand, ihren Höhepunkt. In dem festlich ge- schmückten Vestibül präsentierten Wachtposten m historischen Uniformen, und die Offiziere des jüngsten Jahrgangs der Akademie bildeten auf der Treppe Spalier. Nachdem der Karier eine Ansprache gehalten hatte, hielt der Ttrellor der Akademie, Generalleutnant Frhr. v. Manteuffel eine Rede, in der er zunächst dem Kaiser den Dank der Kriegsakademie für fein Erscheinen aussprach, um sodann auf die Bedeutung des Tages einzugehen. — Der deutsche Kronprinz wird seine Reise um Südostasien an Bord des Panzerkreuzers ^Gnersenau' machen. ^Der nächste Kongreß der sozialdem. Gewerk- schäften Deutschlands findet 1911 in Dresden statt. Die Zeit der Tagung wird noch später bestimmt. . . v.
* Eine nette Wahlrechtsvorlage wird, rote bte ,Passt von gut unterrichteter Seite gehört haben null, in der nächsten Tagung bem Landtag vorgelegt werden. Wie weiter verlautet, soll bet neue Entwurf in bezug aus ben plutokratischen Charakter des bestchenben Wahlrecht» einige bedeutende Ab- fchwächungen erfahren. Auch soll sich der Reichskanzler mit bem direkten und geheimen Wahlsystem einverstanden erklären. Das freikonservattve Blatt bemerkt dazu: Wir geben diese Meldung roteber mit dem Bemerken, daß sie wohl mehr gerotffe — nationalliberale Wünsche zutage fördert als die intimsten Absichten des diplomatisch schweigsamen „Philosophen von Hohenfinow.*
s. Die Zusatzversicherung wurde am Sams- tag in derReichsversicherungs kam Mission beraten. Es ist dies eine Neuerung der Regie- rungssvorlage, die es den Versicherten (gedacht ist besonders an die Handwerker) ermöglicht, die Invalidenrente durch sretwillige Extrabetträge zu erhöhen. Dte Marken kosten je eine Mark, und lönnen beliebig zahlreich geklebt werden. Die Zusatzrente tritt erst bei Zweidrittelinvalidität ein' In der Diskussion wurde von mehreren Seiten ein weiterer Ausbau dieser Versicherungsart gewünscht, jedoch wurden schließlich die Vorschläge der Regierung unverändert angenommen.
=» Ein konservativer Parteitag für die Rheinlande soll am 23. Oktober in Duisburg abgebot en werden. Da die Konservativen au Zentrumssitze sich keine Rechnung machen können.
bankdirektorium berufen worden, dessen Mitglied und Justitiar er unter Ernennung zum Geheimen Finauzrat später wurde. Bei der Gründung der Deutschen Reichsbank am 1. Januar 1876 trat er u das Direktorium des neuen Instituts ein, das er seit 1890 als Vorsitzender leitete bis zu seinem 1908 erfolgten Rücktritt. Der Name des Verstör- benen ist mit der Geschichte der Reichsbank m ehrenvoller Weise verknüpft. Das größte Verdienst, das er sich erworben hat, war die Erhaltung und Kräftigung der Goldwährung. In den letzten Jahren seiner Amtstätigkeft sand Koch in einigen greifen von Handel und Industrie scharfen Wider- land, als er in den Jahren 1905 und 1906, m der Zeit der Hochkonjunktur, durch mehrfaches Anziehen der Diskontschraude einer ungesunden Kredit- entroitfelung entgegenzmvirken sich veranlaßt sah. Die Folgezeit hat aber recht bald gezeigt, daß seme Maßnahmen durchaus richttg waren. Das größte Ehrenzeugnis für seine Tätigkeit besteht dann, daß der Nachfolger, Exzellenz Havenstein, durchaus den von Koch gezeigten Bahnen folgt
V Der Berauch eines Generalstreiks in Frankreich
bars jetzt al» v erun glückt bezeichnet »erbat. Da» tjt ein schwerer Schlag für die sozialrevoluttonaren Parteien aller Länber.
Auch in der deutschen Sozialdemokratie spielt der Generalstteik al» letzte« entscheidendes Kampfmittel eine große Rolle. In Deutschland begnügte man K freilich bisher mit großen Worten und ließ in praktischen Verwirklichung de» .großen Gedanken» gern die Franzosen vorangehen. Die Franzosen, so rechnete man, seien einerseits In bet Kampforganisation sehr weit vorgeschritten, namem- lich dank der Pariser „Arbeitsbörse*, und andererseits sei in bem republikanischen und vom Antinnlitaris- ,Mls stack unterwühlten Fraickrelch eine geringe Widerstandskraft wie in dem absolutistischen und militärischen Preußen vorauszusehen.
Diese Richtung hat nach beiden Setten hin sich als falsch ernteten. Die Organisation der Sozialde- molratie In Frankreich hat nicht die Kraft gehabt, den Streit allgemein zu machen, ja, es ist ihr nicht einmal gelungen, dem ursprünglichen Eisenbah- nersttett eine berartige Ausdehnung und Nachhaltigkeit zu »eben, daß für bie Staatsgewalt ober die bürgerliche Gesellschaft eine wirkliche Zwangslage geschafft würde. Die Hoffnung auf eine Unbot- matziHelt de» Militär« im Kampf gegen die aufsässige Arbeiterschaft ist getäuscht worden; es wird nur ein Fall von passivem Widerstand seitens eine» Offiziers zemeldet, wobei fteilich zu beachten ist, daß es zu der schärfsten Probe auf die militärische Disziplin, zu einem richtigen Straßenkampf überhaupt noch nicht getommen ist. Das Ministerium endlich hat ttotz der Mitgliedschaft von drei Sozialisten gegenüber der Bewegung eine überraschende Festigkeit und Tapferkeit bewiesen. Die „republikanische* Regierung setzte alle ihre Machimitetl (die polizeilichen, die militärischen und sttafrechtlichen) mit einer solchen Vielseitigkeit und Rücksichtslosigkeit ein, daß man sogar in Berlin davon viel lernen kann.
Wenn somit der jetzige Versuch gescheiteck Ist, dass man nun bie Gefohr eine» Generalstreiks überhaupt für besMjgt halten? Wir möchten keine Gewähr da- für übernehmen, daß die französische Kampfor- ganisatton aus eine Wiederholung der Kraftprobe verzichte. Ja, e« ist noch nicht einmal ausgeschlossen, daß auch gegenwärtig noch der Kamps von einer gewalttätigen Minderheit mittels der Sabotage (Beschädigung von Arbeitsmitteln, Leitungen, Wagen usw.) und sonstigen terroristischen Handlungen fortgesetzt wird. Eher tft bie Hoffnung gerechtfertigt, daß der Mißerfolg des französischen Vorstoßes auf die deutsche Sozialdemokratie abkühlend wirkt. Umsomehr, als in Deutschland ein beträchtlicher Teil der roten Packet schon bisher stacke Zweifel an der biek gepriesenen Waffe des Generalstreiks oder Massenstreiks hatte. DaS stolze Wock „Alle Räder stehen still . . * hatte bei un» zu Lande von feiner Zugkraft immer mehr eingebüßt, je deutlicher sich die Widerstandsfähigkeit der Arbeitgeber zeigte, namenülch in der Abwehr der sog. Maifeier. Während durch die Wahl- rechtsdemonsttationen das Selbstbewußtseiu der Umstürzler wieder etwas gehoben wurde, brachte der klägliche Ausgang der Moabiter Krawalle neuerdings wieder eine gesunde Abkühlung.
Eine beachtenswert* Lehre des Pariser Versuchs im Generalstteik geht dahin, daß da» Gelingen solcher Vorstöße wesenllich von der Sympathie der sog. öffentlichen Meinung, b. h. von der Gunst und Hilfe der nicht unmitteuktr beteiligten Bevölkerungsschichten abhängt. In Frankreich war jetzt die öffentliche Meinung den Kampfhähnen abgeneigt; da» stärkte wesentlich den Arm der Regierung. Letztere hat auch von vornherein die Presse kräftig und geschickt ausgenüht, um die Volksstimmung auf die Ordnvngsseite zu lenfen. Namentlich wußte Ministerpräsident Briand von Anfang an und immer von neu«
awjirgent xne em- spaltige Petitzeile ober deren Baum 15 pfg. Beklamendiepetitzeile pfg., bei wieder- yolungen wird entspr.
Rabatt gewährt.
Botationsbrudunb Verlag der Lnlbaer AI- . tienbruckerei in Zulba Monatrbeüage: „gulbaer Geschichkblatter Zernsprecher Nr. 9.
Ein gefährlicher Geheimnis.
1] Roman in zwei Bänden von Charles Reabe
1.
DaS Kind des Armen.
Zwei erschöpfte Wanberer, ein junger Mann unb rin hübsches Heines Mädchen von etwa vier Jahren, saßen auf dem Leinpfade am Ufer des Trent.
Der junge Mann hatte den Rock ausgezogen; es war aber nicht etwa heiß, wie man daraus hätte schließen sollen, sondern ein frischer Oktobertag und den Fluß entlang fegte der Ostwind . Darum war der Rock fest um da»'kleine Mädchen gewickelt, sodaß nur ihr hübsches Gesicht mit den blauen Augen und dem Goldhaar daraus hervorsah, während der junge Vater in Hemdärmeln dasaß und mit liebevoll besorgten Blicken aus die Kleine niederschaute. Ihre Mutter, sein geliebtes Weib, war an der Schwindsucht gestorben, unb ihn erfüllte tödliche Angst, daß auch diese zacke Blüte, die letzte Freude, die ihm geblieben war, unter bem Einflüsse rauher Winde unb ungenügender Nahrung dahinwelken könnte.
William Hope war ein talentvoller Mensch; er hatte sich selbst gebildet und mit wunderbarer Leichtigkeit alles Mögliche gelernt. Er war Sprachkenner, Mechaniker, Mineraloge, Techniker unb Erfinder, selbst ein wenig Huffchrnied und ein halber Chirurg; tt spielte Geige unb Gitarre, konnte zeichnen unb malen unb mit Vieren vom Bocke fahren. Da» Einzige, toern.," er sich nicht verstand, war Geld zu er- toerben un6 festzuhalten.
Vickseitlgkett ist selten elnttägllch und außerdem ivar William Hope bas Glück nicht hold. Mag eS «uch wahr sein, baß im Verlauf des Lebens Jedem, l>er es verdient, eine günstige Schicksalswendung be- Lchieden ist. Häufig sehen sich gerade die Vesten eine Seit lang vom Glück gleichsam verstoßen, und wäh. genb wir anzunehmen pflegen, daß Gelingen unb Mißlingen so schnell aufeinander folgen müssen wie Tie roten und schwarzen Blätter im Kartenspiel, kom
men die Enttäuschungen für einige besonders Auserkorene in langer, ununterbrochener Reihenfolge. Verfallen ste dann aber nicht in Verzweiflung, so kommt auch für ste nach und nach eine anhaltend gute Zeit, und alles wird dann zu Gold für den Tüchtigen, der zu warten verstanden hat.
Gegen William Hope hatte sich das Glück seit Jahren ensschieden feindselig bewiesen, so daß er kaum im Stande gewesen war, ben Kopf über Wasser zu halten. Hatte er eine gute Stellung gefunben, so starb sein Arbeitgeber oder das Geschäft wurde verkauft. Nahm er auf eine feiner Erfindungen ein Patent, dessen Kosten feine letzten Ersparnisse verschlangen, so fand sich entweder kein Kapitalist dazu, die Sache in» Leben zu rufen, oder ein anderer Erfinder bewies, daß er etwas zu Gleichartiges erfunden, um Hope das Anrecht auf ein Monopol zu geben. Und dann kam der härteste Schlag. Als Angestellter eines Handelshauses hatte sich der junge Mann fünfzig Pfund erspatt unb stand in Unterhandlung um ben ritte» kleinen Geschäfts, das ihn unabhängig gemacht hatte, als seine zärüich geliebte Frau erkantie.
Acht Monate lang wurde er von Furcht unb Hoffnung hm unb her gezerrt, bann kam bie schreckliche Entscheidung: sein Weib starb unb ließ ihn mit gebrochenem Herzen unb völlig verarmt zurück; Arzt und Begräbnis hatten alles aufgezehrt; sein gemarterte» Herz erfüllte jetzt aber nur noch der eine Wunsch bem Hause, das seinen Sonnenschein verloren, ber ganzen Gegend, in der ihn so Schweres betroffen hatte zu entfliegen.
Er besaß einen Freund, der kürzlich als reicher Mann au» Neuseeland zurückgekommen war und ihm angeboten hatte, ihn als seinen Agenten in die Kolonie zu schicken und ihm dock zu eigenen Geschäften Gelb zu leihen. Hope hatte abgelehnt, unb sein Frennb, ber sich baburch gekränkt fühlte, hatte seitdem nicht roleber geschrieben. Hope wußre jedoch daß er sich in Hüll befand, und daß er zu gutherzig war, um bat gramb in den jetzigen bedrängten VerhAtniffen im Stich zu lassen. So bezahlte denn Hope was er in Liverpotss schuldig war, führte feine Kleine an da»
Grab ihrer Mutter, sprach ein Gebet und brach dann auf, die Insel zu durchwandern, die er bald für lange Zett zu verlassen gedachte.
In einem Bündel trug er eine Bürste, einen Kamm, ein Stück gelbe Seife, zwei Hemden — eins für sich selbst und eins für seine kleine Grace —, außerdem seine Geige und eine Sichel. Die Ernte fiel spät im Norden der Insel und er sah voraus, daß er genötigt fein würde, sich durch Arbeit ben Weg zu bahnen, wenn er nicht betteln wollte — unb das zu tun, verbot ihm fein Mannesstolz; dagegen ließ er es geschehen, wenn seiner Kleinen liebliches Gesicht ihn hin und wieder zu einer Fahrt im Wagen verhalf oder zu einem Trunk Milch aus den Händen. der armen Bäuerinnen, an deren Hütten ste vorüber- Tamen.
Zuweilen gelang es Hope, als Tagelöhner bei der Feldarbeit beschäftigt zu werden, indes die Farrners- ftau sich der Heinen Grace annahm, Ihr Hemdchen wusch und ihnen Beiden in der Scheune reine» Stroh jum Lager gab unb ein Leintuch darüber zu breiten. Einmal kam er zu einem Erntefest wo ihm feine Geige in lauter Sirpencestücken zehn Schilling erwarb. Aber es kamen auch Nnglückstagv, in denen ihm nichts übrig blieb, als seine Geige unter bem Arm unb sein Kind auf bem Rücken zu tragen; und dieser Unaiückstage gab es so viele, daß seine Heine Barschaft mehr und mehr zusammenschmolz.
Plötzlich aber, inmitten seiner Wanderschaft schien ihm das Glück zu lächeln. Es war in Derbysh re, wo er sich einen Heinen Umweg erlaubt hatte, um seinen Geburtsort wiederzusehen, den er Äs zehniahriger Knabe veckaffen. Eine alte, unverheiratete Verwandte nahm die Heine Grace mit Entzücken auf, wahrend Hope den ganzen Tag umhersttersteum seine Kmd- Zltserinnerungen an Menschen und O^llichketten wieder aufzufrischen. Als unwissender Knabe hatte er das Dorf verlassen, mit mancherlei Kenntnissen tim er jetzt zurück, und so geschah e», daß «in einem von Dornen und Disteln und aller Att Unkraut bedeckten Felde, das ber Pächter als unbestellbar brach liegen ließ, bei bem Anblick gewisser Erdschichten unb ande
rer, seinem mineralogisch geübten Auge verständlicher Zeichen fteudig erbebte. „Endlich eine Aussicht!* sagte er, „mein Kind, mein Kind, unser Glück ist ge- macht!'
Der Eigentümer dieses Feldes, sowie aller Lände- reien der Gemeinde, war ein verabschiedeter Soldat, Oberst Clifford. Hope, der sich dessen erinnerte, begab sich sofort, ganz durchglüht von seiner Entdeckung, nach Clsssord Hall.
Er wurde ohne Schwierigkeiten vorgelassen, denn obwohl stolz wie Lucifer, war Ober Clifford für geringe Leut- zugänglich und behandelte sie mit steife, Höflichkeit. Gegen Hope war er sogar ziemlich freundlich, aber sobald ihm der arme Bursche mitteilte, daß er Spuren von Kohlen auf feinem Territorium gefunden habe, wurde er eiskalt und erwiderte ihm, daß zwei Gutsbesitzer der Nachbarschaft ihr Geld damit öergeubet hätten, daß sie auf trügerische Anzeigen hin das Innere der Erde nach Kohlen durchsucht, und daß er, selbst wenn er des Erfolges sicher wäre, sich nicht dazu verstehen würde, feine Finger mit Kohle zu beschmutzen.
„Ich glaube zwar*, sagte er, „daß sich der Adel des Nordens zu dergleichen herbelläßt, aber wer dazu im Stande ist, kann niemals Pulver gerochen haben, weiß nichts von Ruhm und hat niemals die Ehre gehabt, Ihrer Majestät zu bienen tote ich."
Hope versuchte, Ihm zuzureden, ihm vernünftige Vorstellungen zu machen, aber er war so unnahbar wie der Felsen von Gibraltar und brachte bie Angelegenheit schnell zu Ende, indem er sagte:
„Soffen wirs damit genug fein, Sir! Ich bin Ihnen sehr verbunden, daß Sie mir eine Nachricht gegeben haben, die Sie für wertvoll halten. Sie reifen — zu Fuß — sind vielleicht knapp bei Selbe. — — Bitte, nehmen Sie diese Kleinigkeit von mir an und — und — guten Morgen!* Mit diesen Worten zog er sich im Marschtritt zurück, während Hope da» heiße Blut ins Gesicht stieg. Ein Almosen!
(Fortsetzung folgt)