M 256.
Freitag den H Oktober 19(0.
al. Jahrgang.
* Waer U Zeitung •
2. Blatt.
vruck und Verlag der Zuldaer Aetlendruckerel in znlda.
w Revolution im „katholischen" Portugal.
Also wiederum in einem „streng katholischen" Lande Revolution, Umsturz aller Ordnimg, Mord und Lidbruch, nachdem dasselbe kacholische Land vor an- ccrthalb Jahren das traurige Beispiel des Königsmarks gegeben hatte. Nun dürfen wir uns wieder auf geist- teiche Erwägungen gefaßt machen über den Nieder, gang der katholischen Völker, über den verdummenden und entsittlichenden Einstuß der katholischen Kirche usw.
Doch etwas langsam. Handelt es sich denn bei Portugal wirklich um ein kath. „klerikales" Land? Wenn man bloß auf das äußere Bekenntnis steht, dann freilich. Denn mit Ausnahme von einigen Hunderten ist alles katholisch getauft. Das ist aber auch alles. Die ganze politische und kulturelle Entwicklung 'Portugals in den letzten 150 Jahren, die Regierung und die maßgebenden Kreise stehen im schroffsten Gegensatz zu allem katholischen Leben, kaum in einem katholischen Lande ist die Kirche -so geknebelt worden wie gerade in Portugal.
Einige kurze Erwägungen zum Verständnis des ^katholischen" Portugals. Portugal hat trotz seiner Rachbarschaft zu Spanien seine eigene Geschichte erlebt, die es vielfach in Konflikt und zuletzt in dauernden Gegensatz zu Spanien brachte. Seitdem Portugal 1589 mit Spanien vereint wurde, und dann 1640 unter den Braganzas sich die nationale Unabhängigkeit 'erkämpfte, ist der Gegensatz der beiden verwandten Nationen ein definitiver geworden.
Heute, wo Portugal politisch und wirtschaftlich so tief steht — auf den Kopf der Bevölkerung des verarmten Landes fallen 665 Mark Staatsschulden — heute kommt es uns fast unglaublich vor, daß Portugal einmal eine große Zeit gehabt hat, ’dne Großmacht ersten Ranges gewesen ift._ Und doch 'war dem wirklich so. Das ausgehende 15. und das 16. Jahrhundert bilden bie Heldenzeit Portugals; seine Seffahrer entdeckten die Küsten Aftikas, den Seeweg nach Ostindien und Brasilien. Ein ungeheures Kolonialreich kam an das kleine Mutterland. Wo ist das alles geblieben? Ostindien, bekannt durch das Wirken des hl. Franz Raver, ging an die Holländer und Engländer verloren, die malaischen Inseln an die Hollander, die Küsten Aftikas wurden Stück für Stück aufgegeben. Endlich riß sich auch die wertvollste Kolonie. Brasilien, wo sich ein portugiesisches Volkstum entwickelt hatte, und wo heute noch portugiesische Sprache und Kultur herrschen, vom Mutterlande los. Als 1821 der vor den Franzosen geflüchtete König Johann VI. nach Portugal zurückkehrte, nahm sein Sohn, Pedro, der als Regent zurückgelaffen war, die Kaiser- Würde an.
So sind Portugal nur einige bescheidene Reste seines einstigen Kolonialreiches geblieben, auf die die europäischen Mächte begierige Blicke werfen.
Mit dem politischen hat der wirtschaftliche und sittliche Verfall des Landes gleichen Schritt gehalten. Wie kam das? Richt durch die Schuld der katholischen Kirche, sondern durch ganz andere Einflüsse.
Zunächst ist zu nennen der unheilvolle Einfluß Englands. Seit dem berüchtigten Methuen-Ver- trage von 1703 stand Portugal vollständig unter dem Einflüsse Englands und wurde von ihm systematisch j cmsgssogen. Schon 1760 muß der Minister Pombal ' klagen, so unerhört wie Portugal von England sei noch kein Land auSgeplündert worden. Bei diesem Ans- ftugunqsshstem ist es geblieben, wenn auch der Me- thuen-Vertrag nicht mehr existiert, Portugal ist tatsächlich ein Vasallen st aat Englands; vergleiche seine Haltung im Burenkriege.
England hat sich seit Cromwell und Wilhelm III. als protestantische Vormacht gefühlt und demgemäß in Portugal geheim und öffentlich gewirkt. Die Wirkungen zeigten sich bald: die Freimaurer gewannen zahlreiche Vertretung und wühlten seitdem unablässig gegen die katholische Kirche und gegen — den Thron, wie man heute sieht.
Die SiMchkeit in Portugal steht im allgemeinen ziemlich tief. Zum Teil mag das davon betrübten, daß in das Küstenland durch viele Jahrzehnte alle Elemente abflossen, die sich in den benachbarten Staaten besonders in Spanien, nicht halten konnten. Be- kanntlich hat Spanien nicht nur Jahrhunderte lang
Kleines Feuilleton.
— seitens. Dieses in den Kanzleien aus gebrütete Verhältniswort greift immer mehr um sich; dadurch entsteht ein scheußlicher Ltil. Einige Beispiele: 1) „Ich möchte sie meinerseits nicht missen" — wo das „meinerseits meist überflüssig ist oder durch „auch", „gleichfalls" oder nur durch schärfere Betonung des „ich" ersetzt werden kann. — 2) „Für die Annahme von Orden seitens auswärtiger Souveräne soll eine Taxe von 100-1000 Mk. erhoben werden" — ganz undeutlich! wer zahlt denn? die Souveräne etwa? — 3) „Seitens des Bürgermeisters wird feitgefteHt, daß . . . ." — kürzer wäre doch: Der Bürgermeister stellt fest. — 4) „Bei dem Verkauf von Zuchtstieren fettens des Kreises sind seitens des Schaumnts die nachbezeichneten Stiere gekört worden" — durch den Kreis, vom Schauamt; aber weshalb überhaupt „find gekört worden" statt „hat das Schauamt die und die Stiere gekört"? Wer spricht denn so? Nie- nmnd. — Aber schreiben? Leider Zehntaufende. Diese Sucht, in der Leideform zu schreiben, macht auch den Leser leide r. — 5) „Eine Entgegnung ist seitens der Vereinigung erfolgt" — weshalb denn nicht: „Die Vereinigung entgegnete"? — 6) „Alle Belebungsversuche seitens der Krankenschwester und Chirurgen blieben erfolglos" — besser „Krankenschwester und Chirurgen machten Belebungsversuche — leider erfolglos" oder „die leider erfolglos waren". — 7) „Es ist seitens der Regierung darauf hin- getoiefen worden". — 8) „Es ist nun auch seitens verschiedener Redner gesprochen worden". — 9) „Diese Berechnungen sind seitens der Verwaltung aufgestellt worden." — 10) „Wenn von feiten der Regierung nicht auf alle Wünsche geantwortet wird." — In den meisten Fällen genügt „von", und noch besser werden die Sätze statt in ber schwerfälligen Leideform in der lebendigeren Tatform gegeben: Die Verwaltung hat diese Berechnung aufgestellt,- Wenn die Regierung nicht auf alle Wünsche antwortet, ufto. usw. (Sprachecke des Allg. deutschen Sprachvereins.)
einen schweren Kampf gegen die Araber geführt, sondern auch gegen die Zigeuner und die zahlreich in seinen Grenzen wohnenden Juden, die mit den Arabern das gleiche semittsche Blut haben. Die aus Spanien Vertriebenen fiedelten sich zum großen Tell in dem benachbarten Portugal an, ließen sich zwar taufen, behielten aber doch ihre ganze Geistesrichtung bei, die durch die Vermischung mit der einheimischen dann einen verderblichen Einfluß auf die übrigen Stämme und das ganze Volk ausübte.
Und wie steht es nun mit dem „klerikalen", katholischen Charakter Portugals? Wer davon spricht, rechnet wohl mit Leuten, die von Geschichte keine Ahnung haben. Allen Liberalen und Antiklerikalen sei es kräftig zugerufen, daß das heutige Portugal ihr Gei- stessind ist. Oder hat denn Portugal nicht den Anfang gemacht mit der antiklerikalen Aufklärung? Der konzenttische Angriff der Kirchenfeinde gegen die katholische Kirche des 18. Jahrhunderts knüpft an den Namen des Marquis von Pombal, des leitenben Ministers von Portugal, an. Weil die Jesuiten ihm bei seinen ehrgeizigen Plänen im Wege standen, beschloß er ihre Vernichtung. Mit vollendeter Skrupellosigkeit verleumdete er sie bei dem schwachen Könige, ließ mehrere Hundert in scheußliche Kerker werfen und bann aus bem Lande jagen. Eine echt „liberale" und „humane" unblutig, ber sich bie weitere anschloß, baß man die Ordensgüter als „Herren-, loses" Gut von Staates wegen einzog! Sodann ging es gegen die anderen Welt- und Ordensgeistlichen, Hunderte von ihnen mußten ohne jeden Gmnb ins Gefängnis toanbem, selbst ber Bischof von Coimbra warb lange festgehalten, weil er feine Diözesanen vor ben Schriften der französischen Enzyklopedisten warnte; das genügte dem „liberalen" Pombal, um gegen ihn vorzugehen. 1760 ward ber päpstliche Nuntius aus bem Laub gejagt. 1761 ließ ber Diktator, ber sogar die Inquisition mit seinen Werkzeugen besetzt hatte, den alten, geistesschwachen (durch lange Kerkerhaft war er es geworden) Jesuiten Malagrida auf dem Scheiterhaufen verbrennen; abermals eine echt „liberale" Handlung, ber sich in den letzten Tagen die Verwundung wehrloser Nonnen durch die Leibbanditen Sr. Exzellenz des Herrn Präsidenten Braga würdig cm- schließt. Gegen Rom erlaubte man sich die größten Unbilden, erniedrigte die Bischöfe und bie hohe Geistlichkeit zu willfährigen Staatsdienern und stellte das gesamte kirchliche Leben unter polizeiliche Kontrolle. Unter Maria Francisco, bk nach ber 27jährigen Schreckensherrschaft Pombals 1777 an bie Regierung kam, schienen sich die Verhältnisse bessern zu wollen, aber bie Königin würbe irrsinnig unb ihr Sohn Johann konnte bie Schäden, die Pombal der Kirche geschlagen hatte, nicht heilen. Pins VII. mußte im Jahre 1805 ernstliche Vorstellungen gegen die kirchenfeindliche Haltung des Regenten und der Regierung erheben. Erst als Napoleon bas Laub be- fetzen ließ, traten etwas bessere Verhältnisse ein, die bis 1820, auch unter Johann, fortbauerten; aber in diesem Jahre brach eine Revolution aus, der König ward front Thron unb Land gejagt, und bie oktroyierte Verfassung leistete an Kirchenfeinblichkeit das Menschenmögliche. Die traurigfte Zeit begann aber 1831: im Anschluß an die Thronrevolution setzte unter der Königin Maria da Gloria eine unerhörte K i r- chenverfolgung ein. Die Jesuiten wurden Wiebes bes Landes verwiesen. Ferner wurde das Tribunal der Nuntiatur (für gewisse geistliche Angelegenheiten) abgefchafft, der Kardinal-Pronuntius aus Portugal fortgejagt, alle von Ron, aus besetzten 7 Bistümer unb Prälaturen für erledigt erklärt und überall unkanonische Adminifttatoren eingesetzt. Und bann ging bie große Verfolgung, das große Stehlen los: viele Bischöfe unb viele Orbensprieller wurden ins Gefängnis geworfen, unb unmenschlich behandelt. Kein Priester durste ohne Erlaubnis der Regierung ein Sakrament spenden (wie echt liberal), „alle geistlichen Patronate wurden aufgehoben, sämtliche Pftün- denverleihung der Regierung reserviert", bie sie denn auch mit Priestern nach Möglichkeit besetzte. Des weiteren räumte man mit ben wenigen Klöstern auf, welche Dom Miguel roieber hatte eröffnen lassen; erst ttieb man die Novizen aus den Ordenshäusern, bann wurden 1834 alle Männerklöster, alle Hospize, alle Kollegienhänser aufgehoben! Die Regierung benahm sich widerrechüich und zahlte nicht einmal die znge- sagte kärgliche Pension, so daß die Verttiebenen in das äußerste Elend gerieten; abermals eine echt „libe-
— Eine Abrechnung mit dem^Propheten des Manismus", dem Prof. Häckel, wurde in einer Versammlung des Keplerbundes in Berlin gehalten Ein bisheriger Anhänger von Häckel, der bem Natnr- philosophen lange zugejubelt hatte, aber stark ernüchtert worden ist durch Häckels Verhalten gegenüber ben Vorwürfen, er habe wissenschaftliche Zeichnungen gefälscht zugunsten der Affentheorie, ber Schriftsteller Hugo C. Jüngst aus Dresden, der nach seinem eigenen Bekenntnisse noch heute in gewissem Grade unter dem Einflufle ber monistischen Weltanschauung sicht hat schon in einer Druckschrift „Der Sturz Höckels" mit dem Jenenser Herrn abgerechnet. Sein Vortrag war der Entrüstungsschrei eines Nichtsachmannes eines Laim, der die wissenschaftlichen Angaben nicht nachprüfen kann, sondern auf Treu unb Glauben bim nehmen muß, ber Ausdruck ber Empörung barüber daß Häckel durch Fälschung der belannten Embryonen- bilber feine Anhänger getäuscht habe. Er erzählte, wie er als Anhänger Häckels der träftigen Abwehr dieses schwerbefchulbigten Mannes zugejubelt habe, wie er aber allmählich stutzig geworben fei, als immer mehr wissenschaftliche Angriffe erfolgten, und wie er sich als Laie, der bem Manne vertraut hatte, schließlich getäuscht Mm mußte. Den letzten Anlaß zu biesem Umschwünge gab Häckels lange Erklärung in einem Münchener Blatte, in der wieder peinliche Beschim- pfungen anderer reichlich enthalten waren, und nur ein ganz kleiner Teil auf die Sache selbst einging Und was tat Häckel da? Die als freche Lügen und Verleumdungen bisher zunickgewiesenm „Fälschungen" gab er plötzlich zu und fügte mir bei, daß auch andere so „fälschten". Das Vertrauen der Menge zur Wissenschaft habe einen argen Stoß erlitten — und das sei außerordenttich bedauerlich. Der Fall erhalte seine tieffte Bedeutung dadurch, daß Häckel wie kein anderer Gelehrter als Popularphilofoph in der großen Menge eine besondere Stellung einnehme. Jetzt muffe man sehen, daß es nicht „Wissenschaft" war, bie Häckel brachte, fonbern nur ein Glaube.
rate* unb humane Handlung. 1836 hob man bie Nonnenklöster auf.
Seit jener Zeit find tatsächlich alle Klöster in Portugal verboten unb erst in ben letzten zwanzig Jahren hat man offiziös, nicht offiziell, einige Niederlassungen gebulbet! So sieht das von Klöstern „ousge- fogene", von ben Mönchen „verdummte" Land in Wahrheit aus! In Wahrheit haben in ihm fast unumschränkt bie Liberalen unb Freimaurer regiert, unb wenn das Volk zurückgeblieben ist, bann tragen sie und niemand anderer die Schuld daran.
In den Klerus war infolge der Staatserziehung vielfach ein unkirchlicher Geist eingedrungen, er hielt es lieber mit der Regierung als mit Rom, 1862 mußte Pius IX. den Bischöfen ernste Vorwürfe machen. Noch Ende der sechziger Jahre war aller Verkehr mit Rom unterbunden, die Klerikalseminarim derart von der Regierung gekettet, daß sie sogar die Lehrbücher vorschrieb, unb von biefen Lehrbüchern stand ein guter Teil auf dem Index der berbotenen Bücher. Kein Wunder, wenn bann 1844 in Lissabon unter 36 Stadtpfarrern 34 Freimaurer waren. Mit dem Unterricht in den theologischen Wissenschaften sah es traurig aus, Religionsunterricht auf den Gymnasien war unbekannt.
Alle Einsprüche der Papste gegen die Bevormundung der Kirche durch ben Staat haben nichts änbem können. Als 1860 Pius IX. bie Bischöfe des Landes nach Rom berief, wurde es ihnen von ber Negierung förmlich verboten. Seitdem ist es ja etwas besser geworden, aber der kirchenfeindliche Geist ist geblieben. So wurde im April 1901 scharf gegen die geistlichen Kongregationen durch die Regierung unter dem Konservativen Hintze-Ribeiro borgegangen, und am 13. August desselben Jahres erfolgte ein neues kirchenfeindliches Wahlgesetz.
Jedenfalls aber bon einer „ultramontanen* Herrschaft ist in Portugal niemals die Rede gewesen, konnte es in einem Land, in dem seit weit über 100 Jahren die Kirche die schlimmsten und grausamsten Verfolgungen zu erdulden hatte, gar nicht fein. Ein „ultramontanes" Ministerium hat niemals regiert, denn auch die Konfervativen in Portugal sind im Sinne der Liberalen nicht „ultramontan" gewesen. Erst jetzt in den letzten beiden Jahren, als der Frei- maurerorben ganz osfizell wieder gegen die Katholiken hetzte, fing eine katholisch-soziale Partei sich zu bilden an. Aber diese Bildung ist über die ersten Anfänge noch nicht hinausgediehen.
volkswirtschaftliches unö Soziales.
* Ein Aerztekrieg tobt feit längerer Zeit in Bocholt. Die früheren Kassenärzte hatten seinerzeit die Rechtsgiltigkeit der ihnen seitens der Krankenkaffen zum 1. Januar 1910 erteilten Kündigung gerichtlich angefochten. Als Berusungsinstanz ent- schied das Oberlandesgericht in Hamm, daß die Kündigung von vier Krankenkassen, darunter die beiden größten Bocholts, nicht als giltig anzusehen seien. Das Urteil wird wahrscheinlich angefochten werden. Ob die angebahnten Einigungsverhand- luugen Erfolg haben, ist noch ungewiß.
Aus dem Nachbargebiete.
* Vacha, 13. Oft. 1910. Es ist nunmehr Aussicht vorhanden, daß wir in Kürze in den Besitz eines Krankenhauses gelangen. Der ©alber» städter Knappschaftsvereill hat vor einiger Zeit beschlossen, der Stadt für ben Bau eines Krankenhauses, das sich auch zur chirurgischen Behandlung von Knappschaftsmitgliedern eignet, ein Baukapital von 50 000 Mk. gegen eine nur Zprozentige Ver- zinsung zu stellen. Der Gemeinderat hat in seiner am Freitag abgehaltenen Sitzung beschlossen, das Anerbieten anzunehmen und für das eventuell vom Hospttal zu erbringende Darlehen die erforderliche Bürgschaft zu übernehmen.
* Ziegenhain, 11. Oft. 1910. In Rollshausen schüttete geftem eine alte Auszügerin einen Topf k o- chendes Wasser einfach zum Fenster hinaus und traf eine unten gehende Frau Diese erlitt schwere Brandwunden im Gesicht, an ber Brust unb an den Händen.
* Friedberg, 11. Oft. 1910. In dem Elektrizitätswerke der hiesigen Aktienzuckerfabrik fiel gestern abend um halb 6 Uhr der Riemen von dem 1,50 Meter hohen Schwungrad. Hierbei wurde das zirka 12 Zentner schwere Rad vollständig zertrümmert. Teile bis zu einem halben Zentner Stärke durchschlugen die Decke des Raumes. Einzelne Stücke wurden bis auf den Bahndamm geschleudert. Die Fabrik war, wie die ,Neue Tagesztg/ meldet, eine Zeit lang vollständig in Dunkel gehüllt und mußte sich mit Rotlicht behelfen. Zum Glück war niemand in dem Raume anwesend, sonst hätte es sicherlich auch Menschenleben gekostet.
* Königstciu i. T., 10. Oft. 1910. Der früher in Frankfurt a. M., Kronberg unb in den letzten Jahren liier wohnende Kunstmaler Baron Alfred von Schönberger ist vor drei Wochen hier gestorben. Wie sich jetzt bei der Nachlaßordnung ergeben hat, hat der Herr „Baron" diesen Namm nicht mit Recht geführt. Sein wahrer Name war Julius Aloys Ditterich unb er war nicht 65, wie er angegeben, sondern 56 Jahre all. Auch österreichischer Generalstabsoffizier war er früher nicht, wie er stets so gern zu sagen pflegte, sondern Feldwebel in einem Münchener Regiment. Der Herr „Baron" trat in das Münchener Regiment in jungen Jahren ein, hatte aber Ursache, zu entfliehen und ging nach Oesterreich. Hier nahm er dann den Namen Baron von Schönberger an, der ihn bis zu seinem Tode allen Nachforschungen entzog. Seine zahlreichen Gläubiger werden wohl jetzt auf Rückgabe der ihm geliehenen Gelder verzichten müssen, da das angebliche Familiengut in Oesterreich, das ihm erblich zu'allen sollte, nicht existiert.
• Dillenburg, 13. Oktbr. 1910. Das städtische Krankenhaus ist in Gegenwart des Regierungspräsidenten Dr. v. Meister eingeweiht worden. Es wurde mit einem Sofienaufroanbe von 129000 M. errichtet. Davon standen 56000 Mark durch Stiftungen zur Verfügung. Die Herstellung des Neubaues und die Lieferungen erfolgten ausschließlich durch hiesige Gewerbetreibende.
* Darmstadt, 13. Oft. 1910. Unter Mitnahme von 600 SJiarf, die er als Stabs-Ordonanz bei dienstlichen Besorgungen unterschlagen hatte, ist der Unteroffizier Schindel von der 5. Komp, des Dragoner-Regiments Nr. 24 verschwunden.
vermischter.
** Die kaiserliche Stiftung für Forschungsinstitute bei Universitäten soll bekanntlich auf Geschenke fron ca. 9—10 Millionen Mark aufgebaut werben, die dafür gemacht worben sinb. In Berliner Kreisen erzählt man sich, baß bie Berliner Hochfinanz unb Jn- buftrie nicht ben unbeträchtlichsten Betrag der genannten Summe aufgebracht habe. Wichtig sind die Institute; denn wie bie Verhältnisse heute sinb, werben manche Forscher, bie sich zum akademischen Lehrer gar nicht eignen, in bie Lehrtätigkeit getrieben, in der sie keineswegs ersprießlich wirken, während andererseits bei den akademischen Lehrern, selbst wenn sie noch so tüchtig sind, immer die Frage offen steht: „Was hat der Mann geschrieben?", ohne Rücksicht darauf, daß jemand ein tüchtiger Lehrer sein kann, ohne allzuviel geforscht zu haben.
* Postkreditkarten. Zur Beseitigung des Mißstandes, daß man jetzt fein gesamtes Geld auf Reisen beständig bei sich tragen muß und Gefahr läuft, es zu verlieren ober bestohlen unb beraubt zu werden, hat die Halberstädter Handelskammer beim Reichs- Postamt die Einführung von Post-Kreditbriefen nach Art der bereits im Bankverkehr üblichen Kreditbriefe angeregt. Die Neuerung besteht darin, daß man vor der Reise die benötigte Summe bei einem Postamt einzahlt und dafür eine Kreditkarte erhält, welche zur Abhebung beliebiger Beträge bei jedem anderen Postamt berechtigt.
* Seine eigene Tochter vergiftet hat ein stellenloser Kaufmann in Mülheim a. Rh. Er wurde verhaftet. Das Kind, ein 16 Jahre altes Mädchen, ist gestorben. In der Wohnung bes Kaufmanns fanb bie Polizei verschiedene Gifte, u. a. Morphium.
** Die Familien tragöd ie vom Teltowkanal in Tempelhof, von der gestem verichtet wurde, hat jetzt ihre Aufllärung geftmden. Die Vermutung, daß alle vier Familienmitglieder den Tod im Kanal geftmden haben, bestätigt sich zwar nicht. Es wurden nur die Leichen der beiden jüngsten Kinder aus den Fluten gezogen. Die Frau hatte bie Kinber mit Rum betrunken gemacht unb sie bann ins Wasser gefloßen. Mit ihrer ältesten, 15jährigen Tochter ben gleichen Tod zu suchen, hat sie dann nicht mehr den Mut gehabt. Von Tempelhof aus begab sich Mutter unb Tochter unter Zurücklassung ihrer Jacketts unb ihrer Hüte nach Berlin unb mieteten in einem Hotel ein Zimmer. Als bie 15jährige Gertrud anbem morgens aufwachte, sah sie zu ihrem Schrecken, baß ihre Mutter sich während ber Nacht an einem Fensterkreuz erhängt hatte. Die Leiche ber Frau wurde nach dem Leichenschauhause übergeführt. Die Tochter wurde von ihrem Vater abgeholt unb nach Hause gebracht.
* Von schweren Brandkatastrophen würbe bas erzgebirgische Städtchen Eibenstock kurz hinterein- anber zweimal heimgesucht. Unter dem dringenden Verdacht der Brandstiftung wurden nunmehr ein Stickmafchinenbcsitzer und ein Landarbeiter aus Eibenstock verhaftet.
* Die Vereinigung zweier Riesenwerke, der Fir- men Krupp und Mannesmann soll nach der „Frankfurter Zeitung" Gegenstand von Vercmdlungen zwischen den beiden Aktiengesellschaften fein. Die Mannesmann-Gesellschaft, die 22y2 Millionen Aktien- Kapital hat, wird von Krupp, dessen Kapital 180 Millionen beträgt, aufgenommen werden.
♦ Der Leipziger Schutzmannsmörder, der den Schutzmann Henschel niederschoß, als dieser ihn nach einem Fahrraddiebstahl verfolgte, ist nicht, wie er an- gab, cm russischer Revolutionär, sondern stammt aus Oesterreichisch-Schlesien und steht anarchistischen Be- ftiebungen vollständig fern. Er ist hn Juni dieses Jahres aus einer schlesischen Irrenanstalt, wo er als gemeingefährlicher Geisteskranker bereits mehrere Jahre untergebracht war, entsprungen.
* Von einer Maffeuvergiftimg durch verdorbene Wurst wird aus Reichenbach (Sachsen) gemeldet. Zwanzig Arbeiter und Arbeiterinnen einer Weberei sind schwer edrantt. Eine Untersuchung ist eingeleitet.
** Ein Denkmal gefallener Württemberger wurde in Champigny Bei Paris am Dienstag in Gegenwart einer Abordnung fron Kriegervereinen zu Ehren der in den Kämpfen bei Champigny vom 30. November bis 12. Dezember 1870 Gefallenen enthüllt. Der der deutschen Botschaft als Attache angehörige Ritt- meffter Frank dankte in einer kurzen eindrucksvollen Ansprache dem Bürgermeister von Champigny und der französischen ^Regierung für die dem pietätvollen Werk gewährte Unterstützung unb übergab das Denkmal der Gemeinde, in deren Namen es der Bürgermeister in treue Obhut zu nehmen versprach. Im Namen des Denkmalausschusses wurde der Gemeindeverwaltung für die Schulen von Champigny eine größere Geldspende überreicht.
£iterarifd)es-
Eine katholische Kirchenzeitung, wie sie andere Länder bereits besitzen, soll nunmehr auch in Deutschland ausgegeben werden. Die Notwendigkeit wird damit begründet, daß die Zeitlage sehr ernst ist, daß ein neuer Kulturkampf, ein Kampf um die Herrschaft auf dem Gebiete der Weltanschauungen entbrannt ist, ber gerade auch bei der Laienwelt eine Aufklärung in den religiösen, kirchlichen unb ethischen Fragen bedingt. Diesen Zweck will die neue Kirchen-Zeitung erreichen, indem sie 1. die gebildeten Katholiken in den brennenden Zeitfragen, sowett sie Weltanschauung, Religion und Kirche betreffen, aufklärt, 2. indem sie entschieden Stellung nimmt gegen religionsfeindliche Bestrebungen von außen unb gefährliche Strömungen von innen, 3. durch sorgfältige Berichterstattung über bie religiösen Bewegungen im In- unb Auslande, 4. dadurch, daß sie die Katholiken der verschiedensten Gebiete Deutschlands einander näher bringt; über die Bedürfnisse der Diaspora Aufklärung schafft, uns über die Anliegen ber Mission in den Großstädten unterrichtet ufto. — Die Zahl der Zeitungen wird dadurch nicht vermehrt, da die bisher schon erschienene Zeitschrift „Die Wahrheit", die feit 45 Jahren erscheint, zur „Deutschen Kirchenzeitimg" ausgebaut wurde. Herr Dr. Jos. Holzner hat die Redaktion übernommen und, wie das erste Heft ersehen läßt, beteiligen sich angesehene Männer als Mitarbeiter. Der Preis ist sehr billig angesetzt, das Heft zu 20 der ganze Jahrgang 4 Mk. (jährlich 24 Hefte). Die Bestellungen sind zunächst zu machen direkt beim Wahrheitsverlag München II gegen Einsendung des Abonnementsbetrages.