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37. Jahrgang.

Fulda, Donnerstag den 13. Oktober 1910.

Erstes Blatt

235.

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Monatsbellage: „Mdaer Geschichtrblatter zerusprrcher Nr. 9.

Um Ehre und Recht.

42] Roman von O. Elster.

Der Inspektor schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Da stürzte laut weinend seine Frau her­bei, einen Brief in der Hand haltend.

^Ach — dieses Mädchen — uns diese Schmach anzutun, da, Alter, lies den Bries."

Fräulein Tina hatte, wie sie das in Romanen ge­lesen einen sehr gefühlvollen Bries an die Eltern zurückaelassen, durch den nun alles klargestellt wurde.

Sofort beorderte der Amtsvorsteher den Gendar­men nach dem Bahnhof, um dort die Verhaftung Pro- kowskhs vorzunehmen, während n selbst sich in das Schloß begab, wo auch bereits alles wach geworden war, um der Baronin Bericht zu erstatten.

Rach kaum einer Stunde kam der Gendarm mit Stanislaus zurück, den seht endlich seine Keckheit ver- lasien hatte. Er war leichenblaß und schlotterte in den Knieen.

„Wenn ich bitten darf, .Herr Amtsvorsteher, slü- sterte er mit gebrochener Stimme, „lassen Sie mich sogleich zur Stadt bringen, ich will niemand mehr sehen/

»Auch Ihre Mutter nicht?"

»Nein — o nein — sie am allerwenigsten!" f

»Gut, dann steigen Sie in meinen Wagen, der Gendarm kann nebenher reiten. Ihr Zimmer habe ich versiegelt, morgen werden wir weiter sehen/

Als der Wagen aus dem Tor hinausfuhr, purste Tina ihm entgegen, mit fliegendem Haar und zer- riffenen Kleidem.

। »Verräter — Verräter!" kreischte sie und erhob drohend die Hände. »Jetzt kenne ich das große Rät­sel Deines Lebens — elender Verräter/

Sie schien den davonrollenden Wagen verfolgen zu wollen, als sie vom Inspektor fest am Arme ge­packt wurde.

»Du kommst jetzt mit nach Haus, dumme Trine", knurrte er. »Da sprechen wir noch ein Wörtchen mit­einander/

Nach den bisherigen Erfahrungen kann man agen: Für Deutschlands Sicherheit und den euro­päischen Frieden wäre eine Monarchie wie Frankreich wahrscheinlich nicht gefährlicher geworden, als die Republik. Für das Prinzip und den inneren Frie­den der Völker, namentlich der romanischen, wäre es aber von Vorteil gewesen, wenn in Frankreich die Monarchie wiederhergeftellt worden wäre.

Deutschland war freilich nicht berufen, dazu mit» zuwirken, aber dann erst recht nicht berufen, der Republik Vorschub zu leisten._____________________

ter entfremdet, die doch allein von uns allen recht gehandett hat. Und nun geh' — ich habe noch zu tun."

Julie ging und ließ die Baronin allein, die sich sogleich vor ihrem Schreibtisch niederließ und eifrig schrieb.

Bis zum frühen Morgen, bis das Helle Tageslicht in die Fenster schien, brannten die Lampen in dem Zimmer der Baronin. Dann klingelte sie nach dem Haushofmeister, gab ihm Verhaltungsmaßregeln _ für die Zeit ihrer Abwesenheit, ließ anspannen und fuhr zur Bahn, um den Frühzug nach Berlin zu benutzen

auch ich habe ihn nicht zu ernster Arbett angehalten, and) ich habe ihn verzogen, habe ihm vertraut, habe ihn nur als angenehmen Zeitvertreib meiner müßigen Stunden angesehen und ihm alle Freiheiten gestattet, während er arbeiten und lernen sollte. Ich bin ebenso schuldig wie Du, Julie — ich habe es gefühlt schon vor diesem entsetzlichen Abend, als man ihn der Fäl­schung anklagte; da habe ich iljn geschützt und geret­tet, jetzt kann ich ihn nicht mehr schützen"

»Du haft mehr als großmütig gehandelt, Adel­heid."

»Rem, ich habe getan, was ich tun mußte, um meine eigene Schuld gut zu machen. Daß alles sich so gestaltete, konnte ich nicht offnen. Aber wenn ich ihn jetzt nicht mchr vor Schande und Schmach retten kann, so soll er doch nicht untergehen. Die Strafe seiner Tat muß er abbüßen, hoffentlich bessert sie ihn auch Dann werde ich für fein Fortkommen sorgen — freilich nicht hier, sondern im Auslande/

»Ich danke Dir, Adelheid. Und bamit er nicht wieder in Versuchung gerät und ihr unterliegt, werde ich ihn begleiten und ihn arbeiten lehren, daß er später den Menschen wieder frei in das Gesicht sehen kann."

»Tue das, Julie — und solange findest Du bei mir ein Asyl."

,3lein, nein — laß mich einen einsamen Winkel aufsuchen/

»Du kannst auch hier einsam und zurückgezogen leben, wir sprechen noch darüber. Doch nun laß mich allein' — ich habe auch einige Briefe zu schreiben und die Vorbereitungen zu meiner Abreise zu treffen."

»Du willst verreisen?"

»Ja . . /

.Wohin?"

»Ein großes Unrecht habe ich gut zu machen, Julie, das ich meinem Kinde zugefügt habe", ent­gegnete die Baronin ernst. »Ich habe einen stolzen, harten Sinn, ich weiß es, ich beuge mich nicht so leicht, ich gehe nicht so leicht von einem Entschluß ab, aber wo ich Unrecht getan, da erkenne ich eS an und be­mühe mich, es gut zu machen. Ich muß demütiger werden, Julie, denn mein Stolz hat mir meine Tocb-

Wrnn Erika in ihren Briefen an Fritz stets ein helleres und hoffnungsvolles Wesen gezeigt hatte und auch im Hause des Oberamtmanns Born sich so ge­geben, so entsprach dasselbe doch nicht recht ihrer inne, ren Gemütsstimmung. Zwar bereute sie den Schritt nicht, den sie getan, denn sie wußte, daß sie recht ge- handelt und daß sie sich nicht mit dem erkannten Un­recht verbinden durste, aber der Abschied von der Heimat und die Trennung von der Mutter, welche ihr in der ersten leidenschaftlichen Aufwallung leicht erschienen waren, lasteten denn doch je länger desto schwerer auf ihrer Seele und ein leichtes Heimweh bemächtigte sich ihrer, zumal auch die Briese Fritzens öfter nicht sehr hoffnungsvoll lauteten.

Doch die heutige Morgenpost brachte ihr einen Brief, welcher sie teils mit neuer Hoffnung und freu­diger Genugtuung erfüllte, teils sie aber auch sehr nachdenklich stimmte.

Fritz tdlte ihr mit, daß man dem wahren Dieb des Schmuckgegenstandes auf der Spur fei, daß sein gleich anfänglich gehegter Verdacht, daß Stanislaus der Tä­ter sei und die verbrecherische Intrige gegen ihn ein» gefabelt habe, sich bestätigt hätte und daß man sehr wahrscheinlich heute schon zur Verhaftung Prokows- khs, der sich außerdem einer Wechselfälschung schul­dig gemacht habe, schreiten werde. Jeder Verdacht gegen ihn selbst fei hinfällig geworden und glänzend geiedjtfertigt stehe er da.

(Fortsetzung folgt)

»Tina wollte sich dem Vater zu Füßen werfen, aber dieser riß sie rauh empor.

»Spiel keine Komödie! Das hatte jetzt ein Ende!" Und er führte sie nicht gerade sanft seinem Hause zu — was darin weiter geschah, soll lieber nicht erzählt werden Hofleute aber wollten ein klatschendes Ge­räusch wie von einem paar tüchtigen Ohrfeigen ge­hört haben. —--

In dem Zimmer der Baronin verbreitete die durch einen roten Schirm verhüllte Lampe nur ein gedämpf­tes Licht.

Die Baronin ging ruhelos auf und nieder, die Arme über die Brust gekreuzt, die Augenbrauen finster zusammengezogen, das Gesicht von einer tiefen Bläffe überzogen.

Nichts hörte man in dem halbdunklen Gemach als das sonore Ticken der großen Standuhr und zu­wellen das wehe Aufschluchzen einer weiblichen Ge­stalt, welche auf dem Sofa zusammengesunken war.

Weinen konnte die unglückliche Julie von Pro. kowskh nicht mchr; mit brennenden, trostlosen Augen starrte sie vor sich hin, ab und zu geschüttelt von einem krampfhaften Schluchzen.

Die Baronin blieb vor ihr stehen.

»Weine nicht mehr, Julie", sagte sie mtt ernster, ober weicher Stimme. »Dein Sohn ist der Träum einer Mutter nickt wert."

»Ach, Adelheid — sprich nicht so. Der Unglück­liche trägt vielleicht die geringste Schuld."

»Wem Nullst Du seine Schilld ausbürden?"

»Mft Adelheid — mir, seiner Mutter, die ihn in dem Gedankm an Reichtum, an Wohlleben erzogen hat, die chn niemals ernstlich arbeüen gelehrt hat, die ihn selbst auf die Bahn des Leichtsinns und des Ver- breckms geführt hat — ich bin die Schuldige, nicht er ist schuldig."

Die Baronin war tiefbewegt durch den furchtbaren Schmerz der armen Mutter. Aber ihre Worte riefen auch in der Baronin ein eigenartiges Gefühl hervor, das fast einem Schuldbewußtsein glich.

»Wenn Du Dich anHagjt", sagte sie mit bewegter Stimme, .so mußt Du auch mich anBagen. Denn

Deutsches Reich.

** Berlin, 12. Ott 1910. Der Kaiser machte am Mittwoch eine Ausfahrt, zur Abendtafel war am Dienstag abend der Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, Regent von Braunschweig, ge- laden, der mit seiner Gemahlin kürzlich von emer Ostastenreise znrückgekehrt ist.

-f- Wer bezahlt die Ostasienreffe beS Kronprinzen? Eine Zetttingskorrespondenz bringt die Meldung aus angeblich gut unterrichteter Quelle, daß die Bewllli- gung einer Summe von 300 000 Mk. ans Reichsimt- teln für die Oftafienreise des Kronprinzen vom Reichs­kanzler „mit Rücksicht auf die allgemeine innere Lage entschieden ab gelehnt worden sei, deshalb wur­den die Soften für die Reise aus Kronsideikomimß- mtttdn bestritten werden. Die Meldung klingt sehr unglaubwürdig. An sich kann das Reich natürlich eme Summe von 300 000 Mk. wohl ausbringen. Aber wir wüßten keinen Titel, auf Grund dessen die Summe bewilligt werdm könnte, und deshalb wäre es unver­ständlich, wenn die Reichskasse überhaupt darum an­gegangen worden sein sollte.

♦ Die nächsten Reichstaiswahlen. Die »Straßb. Post" will von angeblich zuverlässiger Seite erfahren haben, daß die amllichen Akten über die Reichstags­wahlvorbereitungen im Reichsamt des Innern dm Vermerk „Reichstagswohl Dttober 1911' trügen.

a. Tie BersichernngSkommisfio« des Reichstages begann am Dienstag mit § 1270 die Berechnung der Versicherungsteiftungen. Vor der Wirtschaftt. Vereinigung und vom Zen rum lagen Anträge vor auf Erhöhung der Invalidenrente bei Vorhanden­sein von Kindern unter fünfzehn Jahren. Geheim­rat Beckmann berechnete den Mehrbedarf bei An­nahme des Zentrarnsanttags auf annähernd 13 Millionen Mark. Ministerialdirektor Caspar warnte davor, das Reich oder die Versicherungsanstalten über die Vorlage hinaus zu belasten. Der Zentrums- antrag wurde aber gegen die Stimmen der beiden konservativen Parteien und der Nationalliberalen angenommen. Am Mittwoch führte die Kommission die Verhandlungen über die Leistungen der Inva­lidenversicherung weiter. Die §§ 1282—1284, die eine verschiedene Behandlung der fteirotöigen und der Pflichtbeiträge bei der Berechnung der Hinter­bliebenenrente einführen, sanden Widerspruch bei allen Parteien und wurden gestrichen. Nach § 1294 kann die Rente ganz oder teilweise auf Zeil ent­zogen werden, wenn sich ein Renlenemp: änger ohne triftigen Grund dem Heilverfahren entzieht und da­durch^ die Beseitigung der Invalidität verhindert. Das gleiche gilt nach einem Anträge der Konserva­tiven, der angenommen wurde, wenn er sich ohne Grund einer Nachuntersuchung ober Beobachtung in einem Krankenhause entzieht.

ch. Zur Abänderung der Einjahrigen-Be- rechligu.tg. Der Fach verband für die wirt­schaftlichen Interessen des Kunstgewerbes hat auf seinem am 19. September d. Js. zu Köln abgehaltenen Kongreß beschlossen, bei der Regierung dahin vorstellig zu werden, daß nur diejenigen Schüler die Berechtigung erhalten sollen, ats Einjähriger zu dienen, welche das Reifezeugnis dafür mit 16 Jahren erlangen tonnen. Alle übrigen sollen in Zukunft davon

0 Der Börfeuliberalismrts in Rol!

Eine unheimliche Angst ist dem Börsmliberalis- mus in das klappernde Gebein gefahren

In der schönen Blockzeit hatte er es feh-Wt ge­habt Die Aenderung des Börsengesetzes brachte ihm die Erfüllung einer lange gehegten schönen Hoffnung, erst der Zusammenbmch des Blocks brachte ihm eine schwere Kränkung in der Einführung von Borsen- steuern. Kein Wunder, daß die Nattonalliberalen auf ihrem Parteitag in Kassel mit großer Freude des BörsengesetzeS als der Errungenschaft des gepriesenen Blocks gedachten und die Hoffnung aussprachen, daß bald ein neuer Block und neue Blockgesetze kommen möchten. ... ar

Im konservativen Lager ist man bon dieser An­kündigung wenig erbaut und bekanntlich erteilte die »Kreuzztg " eine Absage, die um so deull cher war. Äs sie die liberalen Blockgenossen an der Stelle faßte, wo sie am kitzlichsten sind: ste stellte -ine Reso r m des Börsengesetzes in Aussicht und chmatte- rifterte deren Wirkung treffend dahin: „Die Sehm sucht der Regierung nach einem neuen Block und nach neuen Blockgesetzen wird ein unerfüllbarer Wunsch der nationalen Parteileitung bleiben."

Die freisinnige Presse ist noch ganz sprachlos vor Schrecken. Dagegen HÄ das nationalhberale Berliner Blatt sich bereits soweit erholt, daß es mit der ganzen ihm zu Gebote stehenden morÄischen Entrüstung sich i gegen den Plan einer Aenderung des Börsengesetzes wendet. Es ist nicht unsere Absicht, int einzelnen darauf einzugehen, zumal da wir wissen, daß mit dem BörsenliberÄismus eine sachliche Verständigung darüber unmöglich ist. Rur zwei Punkte möchten wir berühren. In der Schilderung der angeblichen unheilvollen Wirkungen des Börsengesetzes vom Jahn 1896 spricht die „Nationalztg." davon, daß „soviel Beschämendes und Demütigendes" in dem R e g i- sterzwang gelegen habe. Wir können darin nichts Beschämendes oder Demütigendes finden, trägt doch auch fein Kaufmann Bedenken, sich in das Handels- üfter eintragen zu lassen. Wir wiffen auch, daß angesehene Fachleute sich sosott dahin ausgesprochen haben, daß die Einrichtung des Borsenregssters mich benutzt werden solle. Faktisch ist dies ja nicht ge­schehen, aber es ist sicher, daß zu einem Teile die Veranlassung darin gelegen hat, daß gewisse Leute an der Unsicherheit der Börsengeschäfte Interesse hat.

Die „Nationalztg/ entrüstet sich weiter über die demoralisierende Wirkung, welche das Börsengesetz von 1896 im kaufmännischen Leben gehabt habe. Nun, daran sind die Sörfenleute zum Teil selber Schuld gewesen. Aber es kommt hinzu, daß das neue Börsengesetz heute bereits eine derart unbei lvolle Wirkung gezeitigt hat, wie sie in dem Jahrzehnt vorher gar nicht schlimmer gewesen sein kann. Durch die Liberalisierung des Börsenreformgesetzes ist die Effektenbörse von allen lästigen Beschränkungen be­freit worden und in eine nur zu erfolgreiche Tätig­keit ein getreten. Die Verlockung weitester Kreise zum Börsen spiel wttd ebenso flrupellos wie erfolg­reich betrieben. Bei Depotgeschäften ist der Ein­wand von Spiel und Wette nicht mehr zulässig, die geschäftsmäßigen Börsenspekulanten und die Verleiter zum Börsenspiel werden durch nichts mehr behindert, Abschlachtungen nach Bedars vorzunehmen. Die so­genannten Animierbankiers entfalten eine außerordentlich rührige Tätigkeit, wobei ihnen die Lücken und Unvollkommenheiten des Gesetzes sehr zu Hilfe kommt. Wir erinnern nach dieser Richtung nur an die geradezu skandalösen Wirkungen des § 45 des Börsengesetzes. Danach können die Börsenver­mittler sich von jedermann für Differenzge­schäfte eine Sicherheit geben lassen, die nicht auf Grund des Spieleinwandes zurückgefordert werken kann. Mit dieser Sicherheit kann der Vermittler so ziemlich machen, was er will. Wenn er sich weigert, iJen Gewinn auszuzahlen, zu hohe Provision usw. be­rechnet, so ist der Kunde ganz ohnmächttg, well er für

ausgeschlossen fein. Es wurde dieser Beschluß u. a. wie folgt begründet:

»Nicht eine Erweiterung des Einjährigenwesens wollen roh, sondern eine Beschränkung, und zwar in der Weise, daß alle diejenigen jungen Leute von der Berechtigung ausscheiden, welche das Examen nicht mit dem vollendeten 16. Jahre gemacht haben. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß die jungen Leute mit Emjährigen-Berechligung fast ausnahmslos für das Handwerk verloren sind. Müssen nun aber nach unserem Anträge alle Schüler, welche die Be­rechtigung nicht biS zur Bollendung ihres 16. Lebens­jahres erlangen können von der Schule abgeben, so wird letztere von Ballast befreit, und die jungen Leute find noch nicht zu alt, um ein Handwerk zu erlernen. Me die Dinge heute liegen, drückt em großer Prozent­satz derSchüler in den höheren Schulen die Bank bis zum 18. und 19. Jahre, um mit Ach und Krach das Ein jShrigen- Zeugnis zu erlangen. Diese großen Menschen können und wollen dann nicht mehr in ein Lehrverhältnis treten und die Folge ist die Vermehrung der Unglück­lichen, welche sich sür das Handwerk zuschade halten und für die Wissenschaft zu dumm sind/

Daß eine Reform der Einjährigen-Berechtt- gung notwendig ist, dürfte wohl so ziemlich allgemein zugegeben werden. Ob jedoch eine solche nach dem Inhalt vorstehenden Vorschlages ohne weiteres als durchführbar zu erachten fein wird, möchten wir aus einer Reihe triftiger Gründe bezweifeln.

+ Die Verelendung der Massen. Immer wieder kann man in sozialdemokratischen Versammlungen, Flugblättern usw. das alte und bekannte Lied hören, daß die Lage des Arbeiters trostlos geblieben und es ihm unmöglich sei, in dem Gegenwartsstaate aus dieser Misere herauszukommen. Der sozial­demokratische Abg. Boemelburg, der schon des öfteren gegen diese Agitationstaktik respektwidrig verstoßen hat, schreibt nun im .Grundstein', dem offiziellen Organ des Zentralverbandes der Maurer, Darüber folgendes:

„Seit einigen Jahrzehnten beobachten nur ein, wenn auch langsames, so doch unaufhörliches Empör­st eigen der proletarischen Massen. Die wirt­schaftliche Lage der Arbeiter hebt sich zusehends, und Der moderne Proletarier ist heute in der Lage, mchr Ansprüche an das Leben zu stellen und feine, Bedürf­nisse besser und reich haltig er zu befriebigett, aw dies jemals der Fall gewesen ist; auch seine soziale Wertung ist gestiegen."

Jetzt wird der /Vorwärts' sicher vor Entsetzen Blut spucken!

+ Der sächsische Etat und die sozialdemokratische Fraktion. In einer anscheinend offiziösen Darlegung, die in den sächsischen Blättern veröffentlicht wird, wird der bündige Beweis geführt, daß die sozial­demokratische Fraktion der zwetten Ständekammer Den sächsischen Etat für 1910/11 bewilligt hat, indem sie die ständische Schrift über den Staats­haushaltsetat genehmigte. Die sozialdemokratische Fraktion hat zwar das Finanzgesetz abglehnt. Diese Ab chnung ist aber nicht das Entscheidende; ent­scheidend ist vielmehr die Zustimmung zu der ständischen Schrift über den Staatshaushaltsetat.

** Hünfeld, 13. Okt. 1910. Die gestern bereits acmeldete Aufstellung der Kandidatur des Professors Dr. P. Arndt-Frankfurt für die nächsten Reichstagswahl erfolgte auf einer öffentlichen Versammlung der Fortschrittlichen Volks­partei in Bebra. Die nationalliberale ,Köln. Ztgck weiß schon zu erzählen, es handle sich um • einen gemeinsamen Kandidaten der Nationalliberalen und Fortschrittler. Dadurch erfährt man zum erstenmal», daß auch nationalliderale Wähler in dein Wahlkreise vorhanden sind. Bisher hatte man von ihnen noch nichts gehört. Manchem wird es auch unbekannt gewesen fein, daß es fortschrittliche Wähler dort gibt Unseres Wissens hat Herr Pro- feffor Dr. Arndt schon srüher einmal im Regie- rnngsbezirk Kassel erfolglos kandidiert, er dürfte auch jetzt die Erfahrung machen, daß diese Kandi­datur verlorene Zett und verlorenes Geld ist.

eine Klage gegen den Vermittler wegen des MangckS der Terminfähigkett nicht zugelaffen wird.

Der Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Börsmgesetze besteht also darin, daß der zum Spiel Verleitete früher sich durch den Spieleinwand schützen konnte, während heute auch dieser letzte Schutz fortgefallen ist. Wir hatten deshalb eine Reform des Börsengesetzes wirklich für dringend notwendig, wie wir fa auch 1908 mit der Aenderung nicht einverstanden gewesen sind.

X Bismarck «nd die Republik.

Angesichts des Erfolges? den-hfa republikanischen Verschwörer neuerdings tn Portugal errungen haben, ist in der Presse vielfach daran erinnert worden, daß kein geringerer, als Fürst Bismarck, der preußische Ministerpräsident und erster Reichskanzler, für die Erhaltung der französischen Republik eingetreten fei.

Die Tatsache ist rrchtkg. Bismarck wollte m den siebziger Jahren von der Wiederherstellung einer Monarchie in Frankreich nichts wissen. Als der damalige deutsche Botschafter in Paris, Gras Arnim, Sympathien sür die royalistischen Bestrebungen hatte und demgemäß Kaiser Wilhelm I. berichtete, setzte Bismarck seine ganze Kraft und Kunst ein, um diesen Störer seiner hocfarolitischen Zirkel unschädlich zu machen, waS ihm denn auch recht gründlich gelang.

Bismarck glaubte, eine neue Monarchie in Frank­reich müsse sofort auf kriegerische Lorbeeren bedacht sein und deshalb sich in den Revavchekrieg stürzen. Von den republikanischen Machthabern erwartete er eine friedliche Haltung. Nun ist es wirklich in den vier verflossenen Jahrzehnten nicht zum Revanche- krieg gekommen. Bestätigt diese Tatsache die Bismarck'sche Wahrscheinlichkeitsrechnung?

Nach unserer Ansicht ist der Friede nicht durch den guten Willen der Republikaner erhalten ge­blieben, sondern einfach durch das Bewußtsein in der eigenen Schwäche, der Ueberlegenheit der deutschen Wehrkraft. Es ist richtig, daß ein Monarch auf schwankendem Throne Versuchung zum Losschlagen haben kann. Aber ist ein ehrgeiziger Präsident und namentlich ein politisierend'r General in einer Republik von solcher Versuchung frei? Als Boulanger im Jahre 1887 sich anschickte, Diktator in Frankreick zu werden, erklärten gerade Fürst Bismarck und seine Parteigänger den Frieden für arg bedroht und veranstalteten in DeuffchlanD die sog. Angftwahlen. In der Folge haben wir die bedenklichen Machenschaften des republitanischen Ministers Deleass« erlebt. Immer hat es sich ge­zeigt, auch während der letzten großen Krisis vorn vorigen Jahr, daß die Steigung zum Losschlagen auch bei den Republikanern vorhanden ist und daß nur die Furcht vor Deutschlands Uebermacht die Revanchetriebe im Zaume hält.

Fürst Bismarck ging fernerhin von der liebet» zeugung ans, daß eme sranzösifche Republik nicht bündnisfähig sein würde, während eine Monarchie leicht die Hilse von anderen monarchischen Großmächten finden könnte. Auch diese Rechnung hat sich nicht als richtig erwiesen. Die französische Republik ist sehr bündnisfähig geworden. Schon während der Bismatck'schcn Regierung war das russisch-französische Einvernehmen be­gründet. Der Name „Bündnis" wurde dem Kinde öffentlich feierlich erst nach dem Rücktritt Bismarcks verliehen; aber Die Geburt war schon mehrere Jahre vor der Tauffeierlichkeit erfolgt. Und als nun Rön'g Eouatd von England in die hohe Politik eintrat, da hatte die franzöfische Republik einen zweiten noch mächtigeren und rührigeren Bundes­genossen. Der europäische Friede stand trotz der »republikanischen" Vorsichtsmaßregeln Bismarcks zweimal aus des Messers Schneide/ In Algeciras stand das monarchische Deutschland isoliert neben seinem einzigen Sekundanten Oesterreich, die Repu­blik hatte alle Mächte um sich versammelt.