234.
Mittwoch den 12. Oktober 1910.
57. Jahrgang.
" fuldaer W Leitung«
2. Blatt.
Druck und Verlag der zuldaer Actiendruckerel in 8«lda.
-- Eine kleine Gedächtnisauffrischung.
Gewisse liberale Blätter hatten den traurigen Mut, die Revolution in Portugal dem „Klert- kalisnms" in die Schuhe zu schieben.
Wenn aber irgend etwas feststeht, dann ist es die Tatsache, daß die Revolution von Republikaner n ins Werk gesetzt und von den F r e i m a u r er n seit langem systematisch vorbereitet ist. Wie die Dinge in Portugal in Wirklichkeit liegen, sagt offen und eyr- lich die liberale „Köln Ztg", wenn sie in Nr. 1071 schreibt:
„Eine eigentliche Ueberraschung bringen die Ereignisse in Portugal dem Kenner der dortigen Verhältnisse nicht. Man wußte, daß König Manuel von allen Parteien verlassen und ausaegeben war. Die Freisinnigen beschuldigten ihn unverbesserlicher rückschrittlicher Neigungen, und die Klerikalen, auf die allein die' Monarchie ernstlich rechnen konnte, warfen ihm Charakterschwäche, Entschluß- unsähigkeit und einen selbst bei einem so jungen Manne außergewöhnlich anstößigen Lebenswandel vor."
Und die ,Deutsche Tagesztg/ gibt in Nr. 506 eine Auslassung der Londoner,Times' wieder, in der es heißt:
„Es ist Tatsache, daß sein (des Königs) Mangel an Kraft in politischen Dingen und die öffentliche Verdächtigung seines Privatlebens ihn schnell um die Achtung auch derer gebracht haben, deren ehrliche Anhänglichkeit an die römisch-katholische Kirche sie zu loyalen Anhängern der Monarchie in seiner Person gemacht hatten."
- Solchen Auslassungen gegenüber stellt sich die Behauptung liberaler Blätter, die Revolution in Portugal sei auf den „Klerikalismus" zurückzuführen, als glatte Verleumdung dar.
Im Hause des Gehängten soll man nicht vom Strick reden und die Herren der „Münch. Neuesten Nachr.", die z. B. von den „klerikalen Umtrieben" zu berichten wußten, sollten sich speziell hüten, jemanden leichtfertigerweise revolutionärer Umtriebe zu beschuldigen. Denn einer ihrer hervorragendsten Männer, der langjährige Leiter der „M. N. N.", Napoleon Vecchioni, war ein begeisterter Vertreter der Revolution. Er gehörte zu jenen liberalen Patcntmo- narchisten, die anno 1848 sich vermaßen, „den letzten Fürsten am letzten Pfaffendarm auszuhängen", denen es nach Vecchioni eine wahre Lust schien, iin F ü r- stenblut zu waten. Ein anderer Mann der „M. N. R.", der Mitverleger Dr. H i r t h, sprach in einer Münchener Versammlung die „herrlichen" Worte: „Was nützt uns Deutschen das Reich, wenn es nicht die Ideale des deutschen Volkes hochhält?" Patriotismus auf Kündigung! Die „Augsburger Abendzeitung", das lammfromme Regierungsblatt, bezeichnete in Nr. 128 vom 9. Mai 1909 die ® * mord u n g des entthronten Sultans Abdul Hamid als eine Staatsnotwendigkeit, erst wenn der Sultan zu leben aufgehört habe, hätte die jungtürkische Partei die Kraftprobe bestanden. Diese Verherrlichung und Rechtfertigung des Fürstemnordes begeisterte die ebenfalls liberale „Rhein. Wests. Zig." zu folgendem Geständnis: „Die Grenze, die den Helden vom Verbrecher trennt, ist nicht immer leicht zu bestimmen. Das gilt in besonderer Weise von den Männern, die ihr Leben in die Schanze schlugen, um einen Herrscher zu b e s eiti g en, den sie als den Unterdrücker ihres Volkes, als ein Hindernis zu seiner Freiheit ansahen. Das Altertum verherrlichte den Tyronneumord."
Aus Bayern ist noch folgende Prcßstirmne zu verzeichnen. Im nationalliberaleir „Kueler Anzeiger" vom 3. Febr. 1908 hieß es zur Ermordung des Königs und des Kronprinzen von Portugal: „Der Mord ist menschlich zu bedauern, p o l i t i s ch ist er g e r echtfertigt."
Ferner sei erinnert an den Neujahrsartikel der „Köln. Ztg." von 1892, worin mit der Revision der monarchischen Gesinnung gedroht ivird, wenn der Zedlitz'sche Volksschulgesehentwurf Gesetz werden sollte. In den „Jungliberalen Blättern" Nr. 139 vom Jahre 1907 wird eine „ernste Schädigung des nationalen und monarchischen Empfindens" in Aussicht gestellt, wenn der Reichswagen nicht im Blockgleise gefahren würde Den Beschluß machen wir vorläufig mit der Aeußerung Miguel's von 1863: „Wenn die Hohenzollern nicht Vernunft annehmen, werden wir ihnen das Schicksal der Bourbonen bereiten."
.Die „M. N. N." haben also alle Ursache, mit Vorwürfen gegen andere Leute recht vorsichtig zu sein. Wer im Glashaus sitzt. . .
Aus dem Nachbargebiete.
* Hammelburg, 11. Okt. 1910. Eine große Nachfrage herrscht zurzeit nach Mostobst, sodaß der Preis bereits aus 4 Jk für den Zentner stieg. Auch von auswärts wurden mehrere Waggonladungen hier nach Orten umgesetzt, in denen es weniger Obst gab.
» Balhorn (Kreis Wolfhagen), 9. Okt. 1910. Gestern abend brach in der Nähe der Kirche Feuer aus. Vier Wohnhäuser mit Nebengebäuden wurden in kurzer Zeit ein Raub der Flammen. Sicherem Vernehmen nach ist das Feuer durch Kinder verursacht worden.
* Friedewald, (Kr.Wolfhagen), 10. Okt. 1910. Ein Mädchen im Alter von 18 bis 20 Jahren wurde heute mittag bei dem benachbarten Wölfershausen von dem von Kastel kommenden Personenzug überfahren und auf der Stelle getötet.
* Kastel, 11. Okt. 1910. Zur Vermei- düng von Unfällen im Straßenverkehr be- findet sich im § 33 des Nachtrages zur Straßen- ordnung folgende bemerkenswerte Vorschrift: „Von Fuhrwerken, welche sich kreuzen, hat das von rechts kommende Fuhrwerk die Vorfahrt."
* Heringen, 10. Okt. 1910. Heute vormittag ließ sich bei Haltestelle Lengers das bei Bäckermeister Bit- lorf beschäftigte Dienstmädchen in selbstmörderischer Absicht von einem Güterzug überfahren.
♦ Waldau, 11. Okt. 1910. Der älteste Cinto ohner unseres Ortes, der ftühere Gutsbesitzer Herr Conrad Malmus, feiert heute seinen 95. Geburtstag.
• Borke«, 8. Okt. 1910. Mit dem Bau der so lang ersehnten W a s s e r l e i t u n g ist nun begonnen worden. Das ganze Werk ist mit 54 000 Mark veranschlagt und soll bis Anfang Dezember fertig gestellt
* Aus dem Rheingau, 11. Okt. 1910. Der Herbst rückt näher; die Weinberge sind ge- schloffen oder bester gesagt: nicht geschlossen, denn dieses Jahr bedarf man dieses Schutzmittels gegen unberechtigte Traubenfreunde nicht. Wir gehen einem trostlosen Herbste entgegen und man wünscht, daß er vorüber sei — dann neue Hcff- nungen auf 1911. Das Jahr 1910 ist für den Winzer verloren.
* Mainz, 9. Okt. 1910. Gestern nacht um 2 Uhr stieß an der Breitenbachbrücke der Gemarkung Gonsenheim eine Automobildroschke mit einem Krümperwagen des 6. Dragoner-Regiments zusammen. Der Chauffeur erlitt schwere Verletzungen. Die Automobildroschke ging in Trümmer. DaS eine Pferd des Krümperwagens war sofort tot, das andere wurde schwer verletzt. Der Kutscher, ein Dragcner, kam mit dem Schrecken davon.
• Wiesbaden, 11. Okt. 1910. Wegen des Eig en- tumsrechts an die Burg Ehrenfels bei Rüdesheim schwebt zur Zeit ein Zivilprozeß am hiesigen Landgericht. Kläger ist der preußische Staatsfiskus, Beklagte die Gemeinde Rüdesheim und die Klageschrift lautet auf Besitzeinräumung. Das Oberlandesgericht in Frankfurt hat sich schon einmal mit der Angelegenheit befaßt. — Durch fortgesetztes Lutschen an dem mit O el färbe gestrichenen Bettchen hat sich ein zweijähriges Kind derart vergiftet, daß es starb. Die Farbe enthielt Bleiweiß. Der Vater hatte das Bett selbst angestrichen. — In der Nacht zum Sonntag st ü r z t e s i ch der in der Nerothalstraße wohnende Kaufmann Ziehen Ms seiner im 3. Stock belegenen Wohnung. Passanten fanden ihn am Sonntag früh mit zerschmettertem Schädel tot liegen.
* Schmalkalden, 9 Okt. 1910. Bei einem Feuer, das heute früh in dem alten Schäferhause der Gemeinde Herrenbreilungen ausbrach, verbrannte die darin wohnende Frau des Schuhmachers Mefferschmidt. Ihr 13 Jahre alter Sohn, der schwere Brandwunden erlitt, rettete sich durch einen Sprung aus dem Fenster. Eine
Um Ehre und Recht.
41] Roman von O. Elster.
„Sehr wohl, FrM Baronin — gestatten FiM Baronin einen« alten Diener noch ein Wort. . ."
„Nun?"
„Ich bewundre Ihre Handlungsweise, aber ich Irchte, sie ist nutzlos . . ."
„Das wollen wir abwarten, alter Freund .."
Sie reicht; ihm die Hand, die er ehrerbietig küßte. Dann entfernte er sich, mit sich selbst im Zweifel, ob er die edle Tat der Baronin schelten oder bewundern sollte.
Seine Frau und seine Tochter fragten, was es denn im Schlosse gegeben habe. Aber seiner Gewohnheit gemäß, über Geschäfte auch mit FrM und Tochter nicht zu sprechen, sagte er nur, daß Stanislaus seines Dienstes entlassen sei, weil er sich einige Ungehörigkeiten habe zuschulden kommen lassen.
Tina lächelte. Sie wußte es besser, das „große Rätsel" seines Lebens trieb ihn fort von Hambach, und sie, di- er so heiß liebte, würde ihn begleiten.
Tief gedemütigt, aber innerlich doch frohlockend, We Stanislaus auf sein Zimmer zurück. Daß er Schloß Hambach verlassen sollte, tat ihm nicht leid, ebensowenig empfand er Reue über seine Tat, noch dachte er mit Dank der Großmut der Baronin, welche ihn vor dem Gefängnis gerettet hatte. Er spottete innerlich noch über ihr feierliches Wesen und ärgerte sich über seine Mutter, die sich so schmerzlich bewegt und so tief demütig und dankbar gezeigt hatte.
Und dann dachte er an die tausend Mark, welche er noch in der Tasche trug und die er zur Bezahlung des Wechsels hatte verwenden wollen. Er freute sich darüber, kein Gedanke kam ihm, daß es wohl richtig gewesen wäre, wenn er das Geld der Baronin jetzt zurückgegeben, um den Anfang feiner Reue zu beweisen.
Plötzlich dachte er an das Sparkassenbuch Tinas. Sollte er wirklich heute nacht mit ihr davongehen? Die zweitausend Mark reizten ihn zwar, aber er hatte K jetzt doch eigentlich nicht mehr nötig, wie der Dieb
in der Nacht davonzu gehen; morgens war es noch früh genug, und da würde er vornehm In einem herrschaftlichen Wagen zur Bahn fahren und konnte mit der Miene eines großen Herrn abretsen.
Mochte Tina ihn Mch um 11 Uhr an der Gartentür erwarten. Er brMchte sie jetzt nicht mehr.
Er zündete die Lampe an, um sein Gepäck in Ordnung zu bringen. Da sah er auf dem Tisch einen Bries liegen, den der Briefträger wohl schon am Nach- mittag gebracht haben mußte. Die Handschrift der Adresse war Stanislaus vollkommen fremd. Sie war die einer ungeblldeten Person, grob und kritzelig geschrieben, faum daß sein Name leserlich war.
Rasch öffnete er den Brief, aber kaum hatte er einen Blick htneingeworfen, als er erbleichte.
Auf einem von einem größeren Blatt Papier abgerissenen Fetzen waren nur wenige Worte flüchtig geschrieben, dennoch ernannte Stanislaus die Handschrift Krummachers Die eilig hingeworfenen Worte lauteten:
„Machen Sie sich aus dem Staube — höchste Gefahr — Haussuchung — Ihre Brillanten gefunden — ich hi Hast genommen — faum Zeit gefunden, Kassiber meiner Tochter zuzustellen — fort so rasch wie möglich. K.
Eine Welle stand StmislMS wie betäubt da. Dann fluchte er laut Es war aber auch zu dumm, vor einer Minute glaubte er sich noch gerettet und jetzt sah er sich von einer noch größeren Gefahr bedroht.
Wie war man nur dazu gekommen, bei Krumma- cher HMsfuchung zu halten?
Gewiß hatte der Mensch irgend einen Schwindel wieder angestellt und war dabei hereingefallen. Und dabei hatte man den Brillanten — seinen Brillanten, den er Krurnrnacher als Unterpfmd gegeben — gefunden. DaS war wirklich zu dumm.
Jetzt mußte er doch den Nachtschnellzug nach Hamburg benutzen! Und Tina mitnehmen?! — Ach, das alberne Mädchen! Aber ihr Spackassenbuch hätte er gern gehabt. Nun, in Hamburg würde man ja weiter sehen; dort konnte man das Spackassenbuch verpfänden und bann auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Tina mochte bann zu ihren Eltern zurückkeyren, sie
Frau, die im unteren Stockwerk wohnte, trug ebenfalls Brandwunden davon. Die Verletzten wurden ins hiesige Krankenhaus gebracht.
Kurier Getreide-Wochenbericht der Preisberichtsstelle des deutschen Landwirtschafts- rats vom 4. bis 10. Oktober 1910.
Unter dem Einfluß von Meldungen über eine Verschlechterung der argentinischen Ernteaussichten vollzog sich in der abgelaufenen Berichtswoche zunächst in Amerika und dann auch in England und am Kontinent ein Umschwung zu erneuter Festigkeit. Zwar schien man die von amerllanischer Seite verbreiteten Alarmnachrichten über Frost und Heuschrecken in Argenti- nicn nicht sonderlich ernst zu nehmen, aber es ist andererseits bekannt, daß der Norden dieses Landes eine zeitlang unter Trockenheit zu leiden hatte und wenn auch inzwischen wiederholt Regen gemeldet wurde, so sind die Aussichten für diese Gebiete doch keineswegs über jeden Zweifel erhaben. Dazu kommt, daß Ruß-
vermischles.
* Wegen der Fleischteuerung beschloß der Stadtrat in Mannheim wieder regelmäßige Fischmackte abzuhalten. , ,
* Dir neue Oderbrücke in Breslau, die drei Mllionen Mack kostete und den Odersttom in einem einzigen Bogen überspannt, wurde am Montag feierlich dem Verkehr übergeben.
* lieber das traurige Ende eines alten Kriegsveteranen wird folgendes berichtet: Der 70 Jahre alte Karl Schulz aus Berlin, der die Feldzüge von 1866 und 1870/71 mitgemacht hatte, wohnte als Witwer bei seinem verheirateten Sohn. Für diesen sollte er kürzlich Einkäufe besorgen. Schulz, der in der linken Hand einen Korb trug, nahm auf der Straße einen Hundertmarschein, den ihm sein Sohn mitgegeben hatte, noch einmal in die rechte Hand und faltete ihn auf, um ihn sich genauer anzusehen. Plötzlich trat ein 15 bis 16 Jahre alter Bursche neben ihn hin, riß ihm den Schein aus der Hand und entfloh mit der Beute die Straße hinunter. Während der Greis starr vor Schrecken stehen blieb, verfolgten andere Leute, die den Vorfall gesehen hatten, den Räuber, konnten ihn aber nicht einholen. Schulz kam weinend nach HMse und ließ sich über sein Mißgeschick nicht beruhigen. Seine Angehörigen zeigten den Raub sofort an, aber die Nachforschungen der Polizei nach dem Räuber blieben erfolglos. Am nächsten Morgen verschwand der alte Mann, der Selbstmordgedanken geäußert hatte, und war seitdem spurlos verschwundm, bis man ihn vorgestern im Nordhafen als Leiche wiederfand und landete. Der untröstliche Veteran hatte seine Kriegs- denkmünzen aus den beiden Feldzügen und die Zente- narmedaille angelegt und war mit diesen Ehrenzeichen auf der Brust ins Wasser gegangen.
* Ein entsetzliches Unglück trug sich in der Maschinenlehrausstellung der Technischen Hochschule in D r e s d e n zu. Dort reicht die Welle eines am Fußboden der Halle für landwirtschaftliche Maschinen untergebrachten Transmissionsstranges an einer dem öffentlichen Verkehr entzogenen Stelle frei und ohne Umkleidung ein kurzes Stück durch die Wand. An diesem Wellenstumpf machten sich trotz der ergangenen Warnung die im Alter von 7 Jahren befindlichen Töchter des Portiers Fugmann und des Maschinisten Bellmann zu schaffen, wobei sich ihre Kleider in den Riemen verfingen und die Kinder urplötzlich in den Maschinenraunl und zwar in eine Häckselmaschine gezogen wurden, in der die Aermsten sofort ihren Tod fanden.
* Ein ganz gefährlicher Schädling entftanb in biefem Jahr in Württemberg den Besitzern und Pächtern der in der Nähe von Wäldern stehenden Obstbäume in den sehr zahlreich auftretenden Eichhörnchen. Die flinken Kletterer rückten in ganzen Scharen heran, und zwar haben sie es hauptsächlich auf die besten Sorten abgesehen. Das Fleisch der Frucht ist ihnen Nebensache, nur die Kerne sind für sie ein Leckerbissen. Unter solcherweise heimgesuchten Bäumchen fleht es aus, wie unter einer Obstmühle. Der Eigentümer sst machtlos; schießen darf er die Tiere nicht, und eine Scheuche schreckt sie nicht. Die Klagen über diese Eichhörnchenplage treffen aus allen Teilen des Landes ein.
hatte dann doch wenigstens einen Roman in ihrem Leben gehabt.
Unter diesen Gedanken, die ihm wlld und ungeordnet durch den Kopf wirbelten, packte er feinen Heinen Handkoffer. Dann wartete er, bis alles auf dem Hofe in tiefem Schlummer zu ruhen schien, und schlich sich in den Garten.
Tina erwartete ihn schon, zitternd vor Angst und Hoffnung aus das große Glück, das ihrer wartete.
„Ach, Stanislaus, ich bringe Dir ein großes Opfer . . ." flüsterte sie seufzend.
„Still", sagte er ziemlich barsch. „Man darf uns nicht hören. Hast Du alles?"
„Ja. . ."
„Auch das Sparkassenbuch?"
„Ja — und noch mehr Geld, das ich dem Schreibtisch Papas entnommen habe. . ."
„Das ist gut. Du bist doch ein liebes Mädchen."
Er zog sie mit sich, und so eilten sie der Station entgegen, die wohl eine halbe Stunde entfernt lag.
Als sie den Bahnhof fast erreicht hatten, sprengte ein Reiter an ihnen vorüber — ein Gendarm, welcher vor dem Bahnhof Ms dem Sattel forang, die Zügel einem Bahnarbeiter zuwarf und in den Bahnhof ellte.
„Der Zug ist noch nicht da", sagte StanislMs. „Warten wir hier braunen im Dunkeln bis zur letzten Mnute."
Er trat in ben Schatten eines Schuppens. Aeugst- lich schmiegte sich Tina an ihn an.
„Ach, Stanislaus", flüsterte sie, „ich habe so großes Verträum zu Dir — habe Du Mch Vertrauen. ."
„Das habe ich ja."
„Dann sag' mir das große Rätsel Deines Lebens . . ."
Ein leiser Fluch entfuhr seinen Lippen. Wenn es hell gewesen wäre, hätte man sein höhnisches Lächeln sehen können.
„Kannst Du es benn gar nicht erraten?"
„Nein . . . gewiß spielt aber eine grau eine Rolle barln."
„Ja — eine grau, die mich rasend liebt, die ich aber Deinetwegen verschmähte."
„Ach - Erika?"
land sehr mit Offerten zurückhält. Der Export voll dort wie von der ®onau war wieder sehr umfangreich, aber man rechnet doch allgemein mit einem Nachlassen der osteuropäischen Leistungen. Andererseits ist eS nickt unbemerft geblieben, daß der größte Teil des bisher so starken Weiterports sozusagen spurlos in den Mittelmeerhäfen verschwundm ist, ohne daß die Aufnahmefähigkeit dieser Länder darunter ernstlich gelitten Hütte. Vielmehr liegen andauernd Nachfragen ^nach deutschem Weizen von Frankreich, Italien und Spanien vor, und mancher in der Berichtswoche im Sie- ferungsgeschäft vorgenommene Kauf war als Deckung gegm derartige Abschlüsse anzusehen. Machte aber <chon die festere Haltung des Auslandes die Abgcb« vorsichtig, so trug dazu auch der Umstand bei, daß Zufuhren und Angebot Mgesichts der Hackftuchternte und der vielfach noch im Gange befindlichen Herbstbestellung weiter nur geringen Umfang behalten haben Wenn die Preise an ben Provinzmärkten trotzdem nut wenig angezogen haben, so erklärt sich dies aus der allgemein beobachteten Zurückhaltung auf Seite der Mühlen. Dem gegenüber ist aber zu bemerken, daß andauernd viel Ware zur Erfüllung früherer Exportverkäufe nach der Küste abgelenkt wird, und es blieb nicht unbeachtet, daß allein in den letzten 10 Tagen des September ca. 42 000 To. Roggen und ca. 25 000 To. Weizen von hier ins Ausland gegangen sind. Im Lieferungsgefchäst zog Weizen bis zum Samstag ungefähr um 2 Mk. im Preise an, wovon aber heute etwa 1 Mk. wieder verloren ging. Roggen war im Anschluß an Weizen gleichfalls fester, ohne feinen Preisstand sonderlich geändert zu haben. Knappes Angebot bei erhöhten Forderungen machte sich Mch im Hasergeschäst bemerkbar, aber die Händler klagen, daß sie im Konsum keine entsprechenden Preise erzielen können. Auch der etwas regeren Nachfrage für Braugerste stand nur sehr spärliches Material gegenüber. Die russischen Forderungen für Gerste lauteten fester, auch Mals stellte sich im Verlaufe etwas höher: der Verkehr in diesem Artikel war ziemlich still.
Es stellten sich die Preise für inländisches Getreide am letzten Markttage in Mark pro 1000 Kilogr. je nach Qualität, wobei das Mehr (+) brzw. Weniger (—) gegenüber der Vorwoche in Klammern () betgefugt ist
wie folgt:
199 ( + 1 ) 148
168 (+ 5 )
Danzig
Berlin
München 224 ( + 4 ) 164 v ,
Weltmarktpreise: Weizen: Berlin Okt. 202.75 (+ 1.00), Dez. 204.25 (+ 0.75), Budapest Okt. 173.75 (+ 1.25), Paris Okt. 229.85 (-f- 4.40-, Liverpool Dez. 164.45 (- 0.30), Chicago Dez. 151.70 (+2.20). Roggen : Berlin Okt. 149.50 (— 0.00), Dez. 153.25 (— 1.251 Hafer: Berlin Okt. 146.50 <+ 2.25), Dez. 151.25 — 0.00) Mk. per 1000 Kilogramm.
Weizen Roggen Hafer
199 ( — 3 ) 143V, {—l1/,) 154 (— 3 )
, + 1; 113 ( — ) 173 ( — )
Frankfurt 205 (+ 2ff.) 152'/. ( — ) 160 (+ 4 )
- — - 1 - ' -»i (+ 2 ) 168 (+ 5 )
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Fabrik- Ansicht
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Zu haben in den durch Plakate kenntlich gemachten Geschäften.
Orient. Tao al * s^w.n-Vahrik leeidze, leb. Bago Zi.tz, Dresden.
„Nein — eine andere größere Dame."
„Ist es möglich — die Baronin."
„Ja — aber schweig' jetzt — man kommt mit Licht — laß uns in den Bahnhof gehen, der Zug muß gleich kommen."
Zwei Personen näherten sich ihnen, der Gendarm und ein Stationsbeamter, welcher eine hellglänzende Blendlaterne trug.
Als das Pärchen an ihnen vorüberschlüpfen wollte, tief der Gendarm ihnen ein energisches „Halt!" zu.
„Was wollen Sie von uns?" fragte Stanislaus trotzig.
Da legte der Gendarm die Hand auf Stanislaus Schulter und sprach: „Im Namen des Gesetzes — Sie sind verhaftet, StanislMs von Prokowsky. . ."
StanislMs wollte flch losreißen, doch der Gendarm hatte ihn mit festen Fäusten gepackt und im nächsten Augenblick war er an den Händen geknebelt.
„Folgen Sie mir", herrschte ihn der Gendarm an. „Und Sie, mein sauberes Fräulein", wandte er sich an Tina, die fassungslos bageftanben, „kehren Sie nur zu Ihren Eltern zurück — man erwartet Sie schon . . ."
Mit einem lauten Schrei sank Tina ohnmächtig zu Boben.
XXII.
Auf Schloß und Gutshof Hambach schlief in dieser Nacht fast niemand. Alles lag freilich in friedlichem Schlafe, als um 11 Uhr der Amtsvorsteher zu Wagen mit einem berittenen Gendarmen erschien und an die Tür des JnspektorhMscs pochte.
Und bann kam alles heraus! Der Amtsvorsteher war gefommen, um Stanislaus zu verhaften.
„Das ist nicht möglich", sagte Grupe erstaunt. „Die Geschichte mtt dem falschen Wechsel ist applaniert . . ."
„ES hMdelt sich nicht um einen falschen Wechsel', entgegnete der Amtsvoffleher, „sondern um die gefloßenen Brillanten. Auf Ansuchen des Untersuchungsrichters hat man in Berlin eine Haussuchung vorgenommen, da hat man dann die gestohlenen brillanten gesunden, und als Dieb hat sich.dieser faubert Stanislaus v. Prokowsky herausgestellt." (g. f.)