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37. Jahrgang

Fulda, Mittwoch den 12. Oktober 1910

Erstes Blatt.

M 234.

t- Set 3. Tcotsche Kolo»ialk»>>gtest

! Wie kein das und

katholischen und den evangelischen Missionaren, cs auf dem Kongreß zu Tage trat. Hier trübte Mißton den schönen Verlauf der Verhandlungen, gleiche Bestreben, zum Besten unserer Kolonien der christlichen Religion, wie endlich der Ein-

Deutsches Reich.

** Berlin, 11. Okt. Okt. 1910. Das Kaiserpaar ist am Montag wieder in Wild­park bei Potsdam eingetroffen. Am Dienstag war der Kaiser bei dem Festakt der Jahrhundert- seier der Berliner Universität. — Gegen die Kommissionsbeschlüffe über das Arbeits- k a m m e r g e s e tz hat die Reichsregierung, wie ver­lautet, eine Anzahl ihrer Bedenken fallen gelaffen. Nur der von der Reichstagskommiffion beschlossenen Wählbarkeit der Arbeitersekretäre wird sie Richt zustimmen.

* Ter Besuch des Zaren beim Kaiser. Wie die ,Magdei>. Ztg/ von unterrichteter Seite erfährt, wird die Begegnung zwischen Kaiser Wilhelm und dem Zaren Nikolaus nicht wie verschiedentlich gemeldet »vurde, bei der Rückreise des Zaren nach Rußland, sondern durch einen besonderen Besuch stattfinden. Der Zar wird sich hierauf nach Friedberg zurück­

’* Die Jahrhundertfeier der Berliner Universität

erreichte am Dienstag mit dem Festakte in der neuen Aula der Universität, dem der Kaiser, die Kaiserin, Prinz Eitel Friedrich und die höchsten Staatsbeamten und Würdenträger beiwohnten, ihren Höhepunkt. Das Kaiserpaar wurde beim Betreten der Aula mit schmetternden Fanfaren empfangen, die in eine Reihe jubelnder Studentenlieder ausklangen. Der Rektor, Geheimrat Erich Schmidt begrüßte im Namen der Universität den Kaiser, das kaiserliche Haus und die Festgäste. Er gab dann eine Ueber« sicht über die Entwicklung der Universttät im neun­zehnten Jahrhundert, über die gewaltigen Fortschritte, die besonders in der Naturwissenschaft gemacht wor­den seien, und sprach davon, daß man dankbar diese Entwicklung preisen müsse, aber auch nicht vergessen dürfe, was Johannes Müller in seinem stillen Ge« lehrtmzimmer an wissenschaftlichem Fortschritt ex» rungen habe.

Der Kaiser ergriff darauf das Wort zu einer längeren Rede:

. Er entbot zunächst der Universität Gruß und Elückivunsch und betonte, daß sie, die aus dem gleichen

Ausland.

* Die türkische Finanzfrage macht der Negierung schwere Sorgen. Infolgedessen sind die Truppen in Albanien in gefährlicher Stimmung. Sie haben seit drei Monaten keine Löhnung mehr erhalten. Auch sind zwischen dem jungtürkischen Komitee und dem Groß­wesir Hakki-Pascha wegen der Anleiheftage schwerwie- gende Differenzen ausgebrochen. Wie gemeldet wird, besteht angeblich das Komitee auf dem Rücktritt Hakki- Paschas. Dieser wieder fordert die Demission des Finanzministers Dschawid-Bei. Die Jungtürken ha­ben sich jedoch mit dessen Finanzplänen einverstanden erklärt und wollen lieber den Großwesir als ihren alten Führer Dschawid-Bei fallen lassen.

* Der Drusenausstand ist durch zwei Vorstöße Sami Paschas am Nord- und Südrand des Hauran- gebirges schwer getroffen. Man bösst, daß die Hauptmacht der Drusen, etwa 10000 Bewaffnete, noch vor dem Rückzug in das schwierige Bergland gefaßt und zur Ergebung auf Gnade und Ungnade gezwungen werden kann. Sami Pascha hat ein ganzes Armeekorps erhöhter Friedensstärke für die Unterwerfung verfügbar.

* Eine Revolution ist im Staate Amazonas in Brasilien ausgebrochen, an der sich auch das Militär beteiligt hat. Der Gouverneur des Saates, Oberst Bittencourt, ist von den Bundestruppen ab- gesetzt worden. Die Stadt Manaos wurde auf Befehl des Führers der Revolution von der Flotte beschossen. Erst auf ernste Proteste seitens der fremden Konsuln und einflußreicher Kaufleute wurde das Bombardement eingestellt.

geborenen selbst zu Wicken, führte die draußen ge­trennt arbeitenden Männer einträchtig zusammen.

Von einem Diskussionsredner, der aber mit seiner Ansicht ziemlich allein stand, wurde mit Bedauern vermeckt, daß man in der 4. Sektion sich eher in einem Missionskongreß, denn in einem Ko­lonialkongreß hineinversetzt denken könnte. An dieser Beobachtung ist etwas wahres. Die Arbeit der 4. Sektion bedeutete in der Hauptsache die Beschäftigung mit der Tätigkeit der Missionen, die Arbeiter in der 4. Sektion waren größtenteils Missionsarbeiter. Ge­rade hier konnte man deuüich erkennen, wie sehr die Pflege der kulturellen Bestrebungen in en Kolonien heute noch fast ausschließlich durch die Missionen geschieht. Das ist ein Ehrentitel für ie Missionen, zugleich aber auch ein Rechsttite! auf Gewährung tatkräftiger Unterstützung durch die Re­gierung. Die Regierung kann heute ihre Aufgaben in den Kolonien ohne die Hilfe der Missionen schlech­terdings nicht erfüllen. Es ist sehr zu begrüßen, daß der Kongreß gerade diese Tatsachen in helles Licht gestellt und allgemein bekannt gemacht hat. Es ist wohl kein Zweifel, daß darum auch für die Missionen selbst der Kongreß wohltätige Wirkungen haben wird.

Erwähnt sei an dieser Stelle noch, daß die zum Kongreß in Berlin anwesenden Missionsgeistlichen ihre Zeit wohl genützt haben, um auch in weiteren Kreisen propagandistisch zu Wicken. In den katho­lischen Kirchen predigten am Sonntag Missicnspriester über die Hcidenmissionen, am Montag abend fanden drei große Missionsversainmlungen statt, in der die bekannten Missionare Pater Kilian, Pater Streit, Abt Norbertus, Pater Malinowski, Pater Acker und Pater Schmidt aus dem reichen Schatze ihrer missionarischen Erfahrungen ihre Zuhörer belehrten. Auch von evan­gelischer Seite wurde am Sonntag eine Propaganda- Versammlung für die Heidenmission im Zirkus Busch .abgehalten

Die Verhandlungen bewegten sich von Anfang bis zu Ende auf einem hohen Niveau. Abgeklärtes Ur­teil reife Erfahmng, strenge Sachlichkeit, friedfertige Gcüanung und vornehmer Ton beherrschten den Kon- 'greß der Grundtenor war die goldene Mitte zwischen urtci'slosem Optimismus und mißwollendem Pessi- 'mismuS. In den 63 Vorträgen, wie in den Mit­teilungen der Diskussionsredner liegt ein ungeheuer reickes Material aufgestapelt, dessen Verarbeitung erst nach der Drucklegung des Kongreßberichts möglich sein wird. Schon heute darf man sogen, daß die Ver­handlungen des 3. Deutschen Kolonialkongreffes von keinem Kolonialpolitiker und Kolonialinteressenten un­beachtet gelaffen werden dürfen.

hat unter einem sehr glücklichen Stern gestanden. Man schreibt uns dazu aus Berlin:

Da die Vorbereitungen geradezu mustergntig wa­ren, konnte das Programm ohne jede Störung abge- wickelt werden. Für die Referate in den Plenar- Versammlungen und Sektionssitzungen waren durch­weg Kräfte gewonnen worden, die mit großer Sach­kunde ausgerüstet, zum Teil als Autoritäten auf igrein Gebiete anzusehen waren. Nicht weniger als 63 Vor­träge nahm der Kongreß entgegen, in denen alle wich­tigen Kolonialfragen erörtert wurden. In den Ple- narverhandlungen wurde das Hauptgewicht gelegt aus die wirtschaftlichen Fragen. Von den Arbeiten der sieben Sektionen zogen das größte In­teresse auf sich die dritte Sektion, die sich mit den rechtlichen und politischen Verhältnissen der Kolonim beschäftigte, und besonders die 4. Sektion, in der die religiösen und kulturellen Verhältnssse der Kolonien zur Verhandlung standen.

Die 4. Sektion hatte den größten Sitzungssaal er« alten der bei allen drei Sitzungen von Anfang bis zu Ende voll besetzt war. Die Sektion beschäftigte sich am Donnerstag mit der wichtigen Jslamfrage, nm Freitag mit der Frage der Eingeborenenerziehung, am Samstag mit mehreren Einzelfragen, unter denen , die Frage der Polygamie wohl die wichtigste genannt werden muß. Was die Arbeiten gerade der 4. Sek­tion so interessant und wertvoll machte, das war die Mitwirkung der vielen Kolonialpraktiker, die sich hier versammelt hatten, nämlich der M i s s i o n a r e. Auch drei katholische Missionspriester waren um die Erstat­tung von Referaten aufgesordert worden, die Vor­träge von Abt Norbertus, St. Ottilien über Ziele und Wege der Eingeborenenerziehung und von P. Prov. Dr. Froberger über die Polygamie und deren kulturelle Schäden gehörten zu dem Besten, was der Kongreß zu bieten hatte. Auch in der Diskussion nahmen mehrere katholische Missionspriester das Wort zur Mitteilung eigener Beobachtungen und Ersahmn- gen, die von dem Kongreß mit großem Danke ent­gegengenommen wurden. Besonders sympathisch be­rührte das friedliche Verhältnis zwischen den

Charitastag.

C. Essen, 11. Oktober 1910.

Am Montag morgen trat in Essen a. d. Ruhr der diesjährige Charitastag zusammen. Entsprechend der zunehmenden Bedeutung dieser charttativen Veranstal­tung für die Heilung sozialer Schäden und die Linde­rung menschlicher Not hatte das Lokalkomttee umfang­reiche Vorbereitungen getroffen, die einen gedeihlichen Verlauf der Tagung gewährleisten. Die Versammlun­gen begannen mit einer Konferenz über die CharttaS- hilfe in der Großstadtseelsorge, ein Thema, daS auf der diesjährigen Katholikenversammlung zum ersten

Male eine systematische Behandlung erfuhr. Wie um fassend dieses Gebiet ist und welche Fülle sozialer mit charitativer Arbeit es erschließt, erhellt schon aus dem Umstande, daß nicht weniger als sechs Referenten iür dasselbe vorgesehen waren. Es schloß sich an die Vor­träge eine sehr rege Diskussion, die das Ergebnis halte, daß die Kommission des Charitasverbandes für prakti­sche Charitas zu einer Vereinigung für Pastoral- und Cyaritashilfe erweitert wurde zu dem Zwecke, die ge­machten Anregungen praktisch zu erproben und im nächsten Jahre darüber zu berichten. — Abends 8 Uhr fand eine Begrüßungsfeier statt.

Nachdem am Dienstag morgen ein feierliches Hoch­amt zur Anrufung des hl. Geistes zelebriert worden, begann um 10 Uhr im städtischen Saalbau die Gene­ralversammlung des Charitasverbandes. Eine besondere Auszeichnung erfuhr die Versammlung durch die Anwesenheit des Kardinals Fischer- Köln, der nach einer Begrüßungsansprache betonte, er sei der Einladung zu dem Charitastag gern gefolgt und flehe den Segen Gottes auf die Versammlung herab. Die Charitas, die heilige Liebe, sei Grund der Liebe zum Nächsten, in welchem der Christ das Ebenbild Gottes erblickt, den Bruder Jesu Christi. Die Not der Zeit fei groß, und mit vielen Mitteln sacht man ihr zu steuern. Aber die Humanitären Maßnahmen genügen nicht allein, es muß die hl. Liebe hinzutrelen. Zum Schluß hob der Kardinal hervor, daß der Charitas- verband stets in Uebereinstimmung mit dem Episkopal gehandelt habe, und erteilte darauf seinen Segen, Oberbürgermeister Dr. Holte hieß den Kardinal und den Charitastag herzlich willkommen und erörterte im weiteren die Aufgaben der Gemeinden auf dem Gebiete der Charitas, besonders der Armenpflege. Besonderen Dank spendete er den Schwestern vom Orden der hl. Elisabeth, die in Essen stets segensreich gewirkt hätten. Er fühle sich gedrungen, diesen Dank vor der Ver­sammlung, vor Äiord und Süd des deutschen Vater­landes öffentlich und ausdrücklich auszusprechen. Weitere Ansprachen hielten Landesrat Dr. Horion-Düsseldorf namens des Landeshauptmanns, Gräfin Mirbach namens des Kath. Frauenbundes und der Hildegardis« Vereine, Frl. Bild haut namens der Katholischen Lehrerinnenvereine, Dr. Müs er namens des Verbandes Kathol. Kaufmännischen Vereinigungen. Präsident Dr. Werthmann dankte für die Begrüßungsworte und teilte mit, daß eine große Anzahl von Bischöfen herzliche Begrüßungsschretben gesandt haben. Der Hochw. Herr Bischof von Fulda hat dem Vorsitzenden mündlich seine Grüße übertragen. Nach Erledigung geschäftlicher Angelegenheiten und des Geschäftsberichts referierte Psarrverweser Kreutz-Untergrumbach (Baden) über, Charitaswiffen und Charitaskunst (Schulung in der Charitas). Der leitende Gedanke seines Vortrags war,' daß Geist und Methode der Charitas der Person Christi entlehnt werden müßte. Im Anschluß daran machte der Referent einige praktische Vorschläge für, die Ausgestaltung der organisierten Charitas. j

Die erste beratende Versammlung fand am Dienstag nachmittag statt. Das erste Referat be­traf die Fürsorge für Wanderarme und Obdachlose und wurde erstattet durch Landesrat Dr. Horton- Düsseldorf. Der Gedankengang war kurz folgender: Das kritiklose Almosengeben an Wanderer ist zu ver­meiden; zu begrüßen ist strenge Polizei gegen Bettelet und Landstreicherei. Die beste Unterstützung ist die Gewährung von Arbeit. Ist diese auf dem regelmäßigen Arbeitsmarlt nicht zu beschaffen, so sind in erster Linie Arbeiterkolonien zu empfehlen. Ihre Hauptaufgabe ist neben der Arbeits- und Unterhaltungsgewährung die religiöse und moralische Hebung der Insassen. Dieser Zweck kann aber nur auf dem Boden der Konfession erreicht werden. Die Kolonien müssen daher entweder konfessionell sein oder wenigstens eine ausreichende seel» ■ sorgerische Einwirkung auf die Insassen vorsehen. In warmen Worten gedenkt Referent der Verdienste des verstorbenen Pastors v. Bodelschwingh, auf dessen Grab auch die Katholcken einen Kranz des Dankes nieder­legten. Die Ausführungen sanden lebhafte Zustimmung. Ueber den Fortschrttt in der Fürsorge für katholische Geistesswache referierte Dr. med. Kleefisch-Essen. Er konstatiert eine erfreulichen Aufschwung. Die Für­sorge verlangt eine genaue Kenntnis des krankhaften Zustandes. Diese müssen die katholisch - charttativen Jdiotenanstalten sich die theoretischen und praktischen Errungenschaften der Medizin und Pädagogik sich an- eignen. Mittel dazu sind die Verbandskonserenzen mit Vorträgen, Literaturausgaben, Pflegekursen usw. Hier­durch wird die unumgänglich notwendige Zusammen­arbeit von Seelsorger, Arzt und Lehrer am besten eim mutig gepflegt. Die katholische Jdiotensürsorge ist bei dieser Arbeitsorganisation befähigt, neben ihrem Selbst* zweck auch ihren Grenzgebieten in der Jugendfürsorge besonders dem Hilfsschul- und Fürsorgeerziehungswesen, erwünschte Dienste zu leisten. Oberbürgermeister Dr; Antoni-Fulda referierte über die Verhandlungen ix der Sektion über das Referat des Herrn Horion. Es ergab sich im' derselben völlige Uebereinstimmung, Die Leitsätze des Referenten wurden angenommen mit einer kleinen Erweiterung. Ueber die Verhandlungen der Sektionen hinsichtlich des Referents Dr. Kleefisch berichtete Dechant Bornewaffer. Demnach sanden die oben mitgeteilten Leitsätze volle Zustimmung. Auch die Plenarversammlung stimmte ihnen zu. Prälat Dr. Werthmann sprach den Referenten als Männern der Praxis seinen besonderen Dank aus.

Am Dienstag abend hielt der Elisabethen» verein seine Generalversammlung ab, gleichzeitig fand eine gut besuchte öffentliche Männerversammlung statt.

Haberkorn - Windhausen als Reich st ag s- kandidaten aufgestellt. Haberkorn ist Mitglied des Bundes der Landwirte. Die Gründe, die zu seiner Ausstellung führten, liegen, wie die »Franks. Warte' schreibt, in folgendem: Haberkorn ist em Vetter der beiden hessischen Landtagsabg. Korell- Angenrod und Lutz-Elpenrod, die bei der letzten Wahl dem antisemitischen Abg. Bindewald in jenem Kreise zum Siege verholfen haben. Nun rechne man damit, daß Lutz und Korell, wenn ihr Vetter Haberkorn aufgestellt wird, nicht gegen diesen agitieren würden, und daß dann also der Bund der Land­wirte, der hinter Lutz und Korell stehe, den national- liberalen Kanvidaten wählen würde. Bei der letzten Wahl erhielten im ersten Wahlgange die Reform- Partei 6455. die Nationalliberalen 6200 Stimmen. In der Stichwahl siegte dann der erstere mit 8 868 gegen 7886 Stimmen.

s. Kassel, 10. Okt. 1910. Die Verhandlungen des deutsch.sozialen Parteitages wurden heute zu Ende geführt. Sie drehten sich in der Hauptsache noch um Besprechung der politischen Lage. Es wurde eine Resolution angenommen, welche die Hofsttung ausspricht, daß die Konserva­tiven aus ihrem Programm den antisemitischen Passus nicht streichen, vielmehr verlangt, daß die Notwendigkeit des Kampfes gegen das Judentum wieder schärfer betont werde. Eine andere Reso­lution erklärt, daß der bisherige Grundsatz, bedtn- gungslose Unterstützung jedes bürgerlichen Kandt- baten gegen die Sozialdemokratie, leider durch das diese begünstigende Vorgehen der liberalen Parteien an vielen Orten zurzeit nicht mehr aufrecht zu er­halten sei. Man muffe sich vielmehr auf den Standpunk der Leistung und Gegenleistung stellen.

* Euskirchen, 10. Oktober 1910. Em Zentrums.Parteitag für den Regierungs­bezirk Köln sand gestern und heute hier statt. Die Einleitung dazu bildete die am Sonntag nachmittag abgehaltene, sehr stark besuchte Ver­sammlung unter dem Vorsitz des Abg. Marx. Als Redner traten auf Reichstagsabg. Hamecher, der über die letztverfloffene Reichstagssession und die Stellung des Zentrums zu den verschiedenen Parteien sprach, während der Landtagsabgeordnete des Wahlkreises, Herr Kreisschulinspektor Dr. Heß, sich über die innerpolitische Lage in Preußen und die Arbeiten im preußischen Land, tage, insbesondere über die Wahlrechtsvorlage und die Schulfrage verbreitete. Einstimmig wurde folgende Resolution angenommen:

Wir verlangen unter allen Umständen die kon­fessionelle Schule als besten Hock des konfessionel­len Friedens und feste Stütze für Thron und Altar, wir fordern die gesetzliche Gewährleistung des ent­sprechenden Einflusses der Eltern sowohl wie des Staates und der Kirche auf die Schule. Pflicht eines jeden christlichen Mannes ist es, bei allen kommu­nalen Wahlen nur solchen Männern die Stimme zu geben, die entschiedene Anhänger der konfessionellen Schule sind und sich bereit erklären, den christlichen Geist aus diese Weise zum allgemeinen Wohle zu fördern.

In der heute abgehaltenen Delegiertenver. sammlung erstattete Generalsekretär Dr. Jörg Bericht über den Stand der Parieibewegung in den einzelnen Kreisen. Einen breiten Raum in der Erörterung beanspruchte die Schulsrage.

cfl München, 11. Okt. 1910. Prälat Dr. v. Dal- l e r befindet sich, wie in bayerischen Zentrumsblättern mitgeteilt wird, noch in Bozen, ist bei gutem Humor und hofft von seiner Magenverstimmung geheilt, bald gesund zurückzukehren. Die Mitteilungen, von denen auch wir gestern Kenntnis nahmen, als ob sein Zu­stand bedenllich sei, sind unzutreffend.

begeben. Als Termin der infolge dieser neuen Be- . ftimmungen an Bedeutung gewinnenden Begegnung, welche in Potsdam stattfinset, ist endgüttig die erste ' Novemberhälste in Aussicht genommen.

)( Der Herzog von Ujest, Fürst zu Hohenlohe- Oehringen, der als konservativer Abgeordneter den Wahlkreis Kreuzburg.Rosenberg im nord, östlichen Schlesien vertritt, hat erklärt, daß er nicht mehr kandidieren werde. — Es handelt sich hier um einen der wenigen Wahlkreise des Reiches, die nicht durch das Zentrum vertreten sind, obgleich sie eine überwiegend katholische Bevölkerung haben. Im Landtag gehöck eines der beiden Mandate dem Zentrum. Wie die Dinge bei der nächsten Reichs- tagswahl sich gestalten werden, ist noch nicht adzu- sehen. Der Sieg der Konservativen war bisher auf die eigenartige Haltung der Polen zurückzuführen, die nicht dazu zn bringen waren, geschlossen sür einen deutschen Kandidaten des Zentrums emzu- treten. Unter diesen Umständen ruhte das Partei- leben des Zentrums in jenem Wahlkreise seit Jahren so gut wie vollständig.

:( Da» Rekordpapier der Berliner Börse, die An- teile der Deutschen Kolonialgesellschaft sür Südwest- afrika sind inzwischen — nach dem Stande vom Dienstag — auf 970°/» her ab gesunken. DaS ist ungefähr die Hälfte des einstigen Höchststandes. Man kann sich also leicht ausrechnen, wie ungeheure Verluste die kolonialen Kreise, die sich für dieses Papier begeistern ließen, erlitten haben.

-j- Der Deutsche Bauernbund erhob, wie dem ,Tag' gemeldet wird, in einer Versammlung in ©tiefen am Dienstag Protest gegen die nachgiebige Haltung der Regierung bei der Durchführung des E nte ignun g s ge s e tz es. Die Konservativen und der Bund der Landwirte hätten sich mit den Polen verbunden gehabt, um die Erbanfallsteuer zu Fall zu bringen. Die angenommene Entschließung spricht die Erwartung aus, daß nunmehr Ernst von dein Gebrauch des Enteignungsgesetzes und der Fort­führung der inneren Kolonisation gemacht wird. — Man sieht, rote der Bauernbund alle Register der Verhetzung zu ziehen versteht. Schon dadurch allein legitimiert er sich unzweifelhaft als liberales Gewächs.

+ „Konfessionalismus aus dem Kolomalkongretz." Graf Hoensdroech hat, wie wir mitgeteilt haben, in der 4. Sektion des Kolonialkongreffes das Bedauern ausgedrückt, daß man mehr auf einem Missionskongreß, als auf einem Kolonialkongreß zu sein scheine, und daß die religiösen und kulturellen Verhältniffe der Kolonien hier nur vom allgemeinen interkonfessionellen Gesichtspunkte aus erörtert werden dürften. Da er in der Versammlung die verdiente Ablehnung gefunden hat, so hat er jetzt eine Zu­schrift an das .Bert. Tagebl/ gerichtet, damit feine Weisheit wenigstens auf diesem Wege der Oeffent« lichkeit bekannt werde. Daß der von ihm ver- tretene Gedanke prattisch unmöglich ist, darüber hat er anscheinend nachzudenken vergessen. Wir würden auf die Auslassung nicht weiter eingehen, wenn der Herr Graf nicht auch hier wieder sich bemüßigt fühlte, den gehaßten Katholizismus anzuschwärzen. Er betont, daß gerade von katholischer Seite die Staatshilfe für die konfessionellen Bestrebungen in den Kolonien in Anspruch genommen werde. Wir stellen fest, daß die Forderung, die Regierung solle auch finanziell das missionarische Schulwesen — nur darum handelt es sich — unterstützen, zuerst von protestantischer Seite, und zwar in dem aus­gezeichneten Referate Prof. Mirbts ausgesprochen worden ist. *

)( Die Kassernrevolte in Dentsch-Südwestafrika, die kürzlich unter der beiden Bahnbauten beschäftig­ten schwarzen Arbeiterschaft avsgebrochen war, zieht weitere Kreise. Es handelt sich um britische Unter­tanen, und ihre Erschießung wird in London sehr böse ausgenommen. Ter Vorgang wird möglicher­weise dahin führen, daß die deutsche Praxis, Arbeiter in der Kapkolonie zu rekrutieren, verboten wird. Ein Schwager von Louis Botha, Hawkins, hat er­klärt, wenn eS richtig sei, daß die revoltierenden Leute vom Stamme der Trauskaykaffern sind, so ge­hörten zu der besseren und zivilisierten Klaffe der Schwarzen Südafrikas, vondenenviele das Stimmrecht für das Unionparlament besäßen, und unter denen Zeitungen in der Kaffernsprache zirkulierten. Ueber die Behandlung der Raffern durch die deutschen Behörden fällt Herr Hawkins ein sehr scharfes UttciL Sie würden sehr hart behandelt, und es sei ein wahres Glück, daß der neue Gouverneur von Südwestafrika, dessen Erfahrungen in Kamerun ihn befähigten, Differenzen unter den Eingeborenen ohne Revolten zu schlichten, sich nach Südwestafrika ; einschiffe. — Die englische Regierung untersucht einstweilen die Sache noch. Nach den beim Auswärtigen Amte in London eingetroffenen Tele- grammen soll es aber seststehen, daß die Kaffern in ' einem Kampfe getötet sind und nicht hingerichtet wurden. Sie schienen revoltiert und die weißen Geschäftsführer angegriffen zu haben. — Anscheinend um das Vorgehen gegen die infolge schlechter Be­handlung aufsässigen Kaffern nachträglich zu recht­fertigen, und die öffenttiche Meinung gegen sie ein- zunehmen, wird jetzt gemeldet:

»Ueber die Ursachen der Unbotmäßigkeiten der Eingeborenen in Südafrika beim Eisenbahnbau unfern Windhuk wird der .Deutschen Kolonial-Zeitung' aus dem Schutzgebiete telegraphiert, daß fich unter den Transkaykaffern die sogenannte äthiopische Bewegung rege. Es find dies ähnliche Regungen mtt religiösem Einschlag, rote sie in letzter Zeit in verschiedenen Kolonien anderer Völker sich gleichfalls bemerkbar machten."

** Hünfeld, 11. Oki. 1910. Als liberaler Kandi­dat im Wahlkreise Hünfeld-Hersfeld-Rotenburg für die nächste ReichStagswaU wurde Professor Dr. Paul A r n d t-Franksurt a. M. aufgestellt. Professor Arndt hat die Absicht, sich im Falle seiner Wahl der Fort- schrittlichen Volkspartei anzuschließen. — Es wird bei der Absicht bleiben, denn gewählt wird er doch nicht.

* Alsfeld, 10. Okt. 1910. Die natioualliberaie Partei des Wahlkreises Alsfeld-Lauterbach, der zur Zett von dem Abg. Bindewald (b. Resp.) im Reichs- tage vertreten wird, hat am Sonntag den Landwirt