JV» 253.
Bienstag »en 11. «Weber 1910.
37. Jahrgang.
* Maser W Leitung *
2. Blatt.
Druck und Verlag der Zuldaer »etlendruckerch in Zulda,
Wie -er Hansabund das Volk verhetzt,
sagt uns ein A u f r u f zur Sammlung von Wahlgeldern.
Der Hänsabund richtet an alle deutschen Kaufleute und Industriellen das Ersuchen, tunlichst umgehend einen dem Umfange des betreffenden Geschäftsbetriebes und der Bedeutung der Sache entsprechenden möglichst großen B e i t r a g, in den industriellen Betrieben aber mindestens 1 von 1000 der jährlich aufgewendeten Lohnsumme zu überweisen. Die Begründung zu dieser Aufforderung aber ist das Tollste, was wir seit langer Zeit gelesen haben. Der Hansabund wirst der Staatsregierung vor, daß sie durch „gewerbefeindliche , „unverständige", „von Eigennuß diktierte" Maßregeln jeden einzelnen Kaufmann und jeden Industriellen entrechtet und bÄastet habe. Den gleichen Vorwurf erhebt der Hansabund gegen die Gesetzgebung, also gegen den Reichstag und gegen die Landtage. Der Volksvertretung wird klipp und fiat nachgesagt, daß sie den gewerbetreibenden Kauftcuten und Industriellen den Schutz versagt habe. Schlimmer kann die Demagogie auch von der Sozialdemokratie nicht betrieben werden. Diese Unwahrheiten werden nun noch durch Bilder unterstützt.
Dem Rundschreiben werden drei Bilder beigegeben, die einen Vergleich zwischen der Landwirtschaft einerseits und dem Gewerbe, dem Handel und der Industrie andererseits in Bezug auf politische Rechte, auf Steuerlasten und auf wirtschastl. Leistungen darstellen sollen. Das erste Bild zeigt einen vierschrötigen, breitbeinig dastehenden Bauer mit derSense in der Hand, der den neben ihm stehenden halbnackten Arbeiter (der jedenfalls die Industrie und den Handel gleichzeitig vertreten soll) um mehrere Haupteslängen überragt. Auf dem zweiten Bilde wird dargestellt, wie die Steuerlast leicht auf dem Hute des Bauern schwebt, während sie den Rücken des halbnackten Jndustrieman- nes tief niederdrückt. Auf dem dritten Bilde, das den Vergleich der wirtschaftlichen Leistungen darstellen soll, überragt der gewaltig aufgereckte Jndustriemann seinerseits den lästig dastehenden Bauer um drei Haupteslängen.
So hat es bisher nur die Sozialdemokratie getrieben; der Hansabund gibt sich dadurch zum Vorarbeiter für die Genosten her.
Welche Stellung übrigens der Hansabund bei den nächsten allgemeinen Reichstags wählen einnehmen wird, weiß man übrigens immer noch nicht, wenn auch die „Kölnische Zeitung" die Beziehungen des Hansabundes zum politischen Liberalismus osten zugegeben hat. Wie aber wird er sich bei den Stichwahlen verhalten? Zur Beantwortung dieser Frage liefert die kürzlich aus Hamburg verbreitete Nachricht einen Fingerzeig, wonach der Vorstand des dortigen Zweigvereins des Hansa-Bundes einstimmig beschlossen hat, daß der Hansabund bei Stichwahlen zwischen Landbündlem und Sozialdemokraten vollkommen neutral bleibe. Dieser Hamburger Beschluß kann sich jedoch nicht auf die Hamburger Wahlkreise beziehen, weil dort eine Stichwahl zwischen einem Kandidaten des Bundes der Landwirte und einem Sozialdemokraten niemals in Betracht kommen kann. Wir vermuten deshalb, daß der Beschluß des Hamburger Vorstandes des Hansabundes eine Antwort darstellt auf eine Umfrage, die von der Zentralstelle Les Hansabundes ergangen ist und eine gleichmäßige Stellungnahme des Hansabundes zu allen Stichwahlen bezweckt. Wenn das der Fall ist, dann gewinnt der Hamburger Beschluß eine erhöhte politische Bedeutung, weil danach dis Hansabündler überall in den Stichwahlen der Sozialdemokratie bifttf) „Wahlenthaltung" bei der Stichwahl Wählhilfe gegen den Bund der Landwirte leisten wollen. Damit stimmt die neuerliche Erklärung des Hansabundes überein, daß er bei den nächsten Reichstagswahlen den Bund der Landwirte „niederzwingen" wolle.
Ob es im politischen und wirtschaftlichen Interesse der Gewerbetreibenden liegt, daß ihnen zu diesem Zwecke vom Hansabunde noch eine Extra-W a h l- st e u e r mfferlegt wird? Nur die allergrößten Kälber wählen bekanntlich ihre Metzger selber, und die Gewerbetreibenden, die sich blindlings dem Hansabunde angeschlossen haben, werden allmählich auch auf diesen Gedanken kommen.
Um Ehre und Recht.
40] Roman von O. Elster.
„Frau Baronin läßt sagen. Sie möchten kommen, wie Sie wären. Es sei eine wichtige Angelegenheit zu besprechen, Ihre Frau Mama ist ebenfalls zugegen."
Stanislaus sah ein, daß er sich nicht weigern durfte, dem Ersuchen der Baronin Folge zu leisten. Was konnte ihm auch geschehen? Tie Baronin war ja stets nachsichtig und gütig gegen ihn gewesen, und wenn wirklich ein nachteiliges Gerücht zur Baronin gedrungen war, dann würde seine Mutter schon seine Vertretung übernommen und den ersten Entrüstungs- sturm abgeschlagen haben. .
So folgte er denn dem Diener in das schloß.
_ XXL
Stanislaus wurde in das Zimmer der Baronin geführt, wo bereits auf dem Schreibtische eine Lampe brannte, deren heller Schein durch einen roten Seidenschirm gedämpft war. Die Fenstervorhänge waren zugezogen, so daß der helle Dämmerschein des Juni- abends nicht in das halbdunkle Gemach bringen konnte.
Die Baronin saß an dem Schreibtisch und hatte eine Hand auf die Platte desselben gelegt, wo mehrere Papiere lagen. An der anderen Seite des Schreibtisches saß ein frembet Herr, während Inspektor Grupe auf einem Stuhl nahe dem einen Fenster Platz genommen hatte. In der Ecke des Divans kauerte Frau von Prokowsky, mit ängstlichem, erschrecktem Auge ihrem Sohne entgegensetzend. Man sah es ihr an, daß sie heftig geweint hatte.
Die Gruppe um den Schreibtisch der Baronin glich einem Gerichtshof, der bereit ist, das Urteil über den Schuldigen zu sprechen.
Stanislaus mußte seine ganze Keckheit zusammennehmen, um unbefangen zu erscheinen.
„Sie haben mich rufen lassen, Frau Baronin", sagte er höflich, ich muß um Entschuldigung bitten, daß ich über Mittag fortgeblieben bin ..."
Die Baronin erhob wie abwehrmd die Hand.
Die Republik Portugal.
Uebet den Sturm auf die Klöster erzählt ein Berichterstatter des „Tag" noch folgende Einzelheiten, ans denen auch hervorgeht, daß es Schwindel war, wenn gemeldet wurde, die Jesuiten hätten den Kampf begonnen: In Lissabon ist eine Militärherrschaft etabliert, welche aus- geübt wird von der Mannschaft mit und ohne Tressen, aber nicht von dem wenig sichtbaren und von dem Soldaten selten gegrüßten Offizier. Bisher hat es nun das unter solchen Verhältnissen machtlose Ministerium verstanden, mit der Soldateska zu paktieren, und diese hat Freitag abend mit scharfen Pattonen die Ruhe und Ordnung zu wahren verstanden. Am Freitag abend aber begann die durch das Herumlungern in den Straßen erfolgte Demoralisation der Truppe Folgen zu zeigen, welche verraten, daß hier wohl doch noch Katastrophen zu erwarten sind. Eine Soldateska bemächtigt sich niemals der Gewalt, ohne schließlich Lohn an Beute und Opfern zu fordern. Hier wurden Priester als Opfer auserlesen. Sie erhielten Freitag Befehl, auf das Signal von drei Kanonenschüssen ihre Klöster zu verlassen. Als auf dieses Signal um 8 Uhr abends die Mönche und Nonnen in ben Klöstern verblieben, begann zunächst in den Straßen eine Jagd auf die Geistlichen. Verhaftet wurde mit ihnen auch ein amerikanischer Korrespondent, dessen Glatze unter dem Hut einer Tonsur glich. Die arretierten Geistlichen wurden unter Mißhandlungen und Hohnrufe« nach dem Arsenal geschleppt. Gleichzeitig sammelte sich der Pöbel auf dem auf dem Hügel in der Stadt gelegenen Jesuitenkolle- gtum. Nicht, wie die von den Republikanern beeinflußte Presse behauptet, die Jesuiten, sondern der Pöbel war es. Der mit einem Steinhagel auf die Fenster den Kampf begann. Erst als der Janhagel an die Tore zu hämmern begann, setzten sich die Priester zur Wehr. Nun hetzte der Pöbel die ringsum versammelte Soldateska zum Angriff auf. Er begann mit einer Füsillade, deren Spuren im Mauerwerk noch mit den Spuren vieler hundert Geschosse, namentlich um die Fenster zu sehen ist. Dann erfolgte ein Sturm, dem ein Pater als Toter und zwei als Verwundete zum Opfer fielen. Andere Verwundete nahmen die Jesuiten mit, als sie sich in den unterirdischen Gang zurückzogen, der ihr Kloster mit zwei außerhalb der Stadt gelegenen gleichfalls belagerten Klöstern verbindet. In diesen unterirdischen Gängen halten die Mönche jetzt sich verborgen, und die Soldateska mit dem Pöbel machen den Versuch, sie durch Rauch zu ersticken. Solche Ordensbrüder, deren man sich bemächtigen konnte, wurden heute teilweise notdürftig bekleidet nach dem Arsenal als Gefangene geführt. In Wagen hatte man die weinenden Nonnen verladen, in alle Ordenshänser aber drang mit der Soldateska plündernd der Pöbel ein. Man fleht dort zerfetzte Gebetbücher, an denen der Janhagel seine Wut ausließ. Die Wände sind mit r e v o - lutionären "Inschriften besudelt und jedes Zierats beraubt. Die angeblichen Machthaber der Republik versichern ihre Unschuld am Mord, wie der Plünderung und bekennen also, daß die Soldateska ihnen durchgegangen ist. Teilweise behaupten sie sogar, die I e s u i t e n hätten den Kamps mit Bomben begonnen. Solche aber sind nirgends gefunden, und Zeugen verschiedenster Nationalität bekunden, daß der Pöbel den Kampf begann. Man versucht augenblichich die Soldateska am weiteren Morden-und Plündern zu verhindern. Um die Klöster herum werden augenblicklich Soutanen und gestickte Priestergewänder vom PöbA feilgeboten; Bücher, viele Jahrhunderte alt und von unschätzbarem Wette liegen beschmutzt auf dem Fußboden der Bibliothek. Sieben auf der Flucht ergriffene Geistliche sitzen in einem schmutzigen Stalle und werden photographiert. Vierhundert Nonnen werden abends aufs ungewisse über die Grenze transportiert. — Die Munizipalgardisten haben sich in Gemeinschaft mit den Jesuiten in die unterirdischen Gänge der Klöster geflüchtet, die mit den städtischen KanÄisattonsanlagen in Verbindung stehen. Sie versuchen, sich durch die Kanalisationsausgänge zu retten. Priester und Gardisten werden, wenn sie sich auf der Straße blicken lassen, häufig von der Stenge ergriffen und zur Wache geschleppt.
„Darauf kommt es nicht an", sprach sie mit eisiger Stimme. Es handelt sich hier um etwas anderes. Herr Grupe wollen Sie den Sachverhalt darlegen."
Der Inspektor stand auf, räusperte sich etwas und begann: „Heute nachmittag erschien dieser Herr, Rechtsanwalt Doktor Fischer, bei mir und präsentiette mir einen von dem verstorbenen Baron arceptterten Wechsel. Ich war aufs höchste erstaunt, da der Herr Baron während meiner fünfunddreißigjährigen Dienstzeit hier auf Schloß Hambach niemals einen Wechsel unterschrieben hatte. Weshalb sollte er das auch tun, da er ja als reicher Mann jede gewünschte Summe sofort von seinem Bankier erhalten konnte. Mir kam die Sache verdächtig vor und ich Prüfte das Papier. Dasselbe war am ersten Dezember des berfloffenen Jahres ausgestellt, wo der Baron schon krank dar- nieberlag, auch schien mir die Unterschrift verdächtig, und ich kam mit Herrn Doktor Fischer zu dem Schluß, daß hier eine Fälschung vorliegen müsse. Ich erachtete mich nicht für befugt, darüber zu entscheiden, was mit dem Wechsel geschehen solle, wir begaben uns deshalb zu der Frau Baronin, um ihre Entscheidung anzurufen."
Er schwieg. Die Baronin fragte: „Nun, und Ihre Vermutung in Betreff des Fälschers?"
„Ich möchte diese Vermutung nicht ohne bestimmte Verdachtsgründe aussprechen", fuhr der Inspektor fort. „Vielleicht wird uns aber Herr von Prokowsky über die Fälschung, wenn eine wirklich vorliegt, Aufklärung geben können, da er im vorigen Herbst und auch noch nach dem Tode des Herrn Barons die Sekretattats- und Kassengeschäfte führte, bis ich mich genötigt sah, dieselben wieder selbst zu übernehmen, da einige Unordnungen vorgekommen waren."
„Nun, Herr von Prokowsky?" sprach die Baronin mit kalter Stimme und trommelte leicht mit den Fingern auf die Platte des Schreibtisches.
Stanislaus hatte während der Rede des Inspektors Zeit gehabt, sich zu fassen. Nur die äußerste Kühnheit konnte ihn hier retten.
„Ich weiß nichts von diesem Wechsel", sagte er. „Ich habe denselben nie zu Gesicht bekommen."
„Niemals, Herr von Prokowsky?" fragte da eine
Loge und Revolution.
Der portugiesische Gesandte in Paris,^ Conte, Souza Roza, erklärte gegenüber katholischen Journalisten, die Revolution habe nicht nur republikanischen, sondern ausgeprägt kirchenfeindlichen Charakter. Die internationale Freimaurerei habe schon längst die Vorbereitungen für diesen Streich getroffen. Diese offene Erklärung des Gesandten zeigt, daß er mit der republikanischen Regierung nichts zu schaffen haben will, die in der Tat nichts anderes als eine Veickörperung der Loge. ist. Der in Paris lebende Republikaner Magalhaes Lima ist nicht nur der offizielle Führer der republikanischen Partei, sondern auch der Führer des Grand-Orient in Portugal und seinen Kolonien. Seine Propaganda gegen das Königtum wurde immer von den Logenblättern unterstützt. Bei dieser Gelegenheit ist es nützlich, daran zu erinnern, daß zwei Monate vor dem Attentate, dem König Dom Carlos und der Kronprinz zum Opfer fielen, sich Lima nach Paris begab und längere Zeit dort verweilte. Das Antifreimaurerblatt Frankreichs „La Franrmaconneiie demasque" wies damals darauf hin, daß der König alle Ursache habe, auf seine Sicherheit bedacht zu sein, denn er solle nicht bloß verjagt, sondern getötet werden. Zwei Monate später trafen die blutigen Ereignisse von Lissabon ein und bewiesen, wie recht die Revue gehabt hatte. Vor zwei oder drei Monaten traf Lima wieder in Paris ein, wie inzwischen bekannt geworden ist, unterhandelte er damals in der Stille mit maßgebenden Politikern Frankreichs und suchte auch in England die Regierung auf das Kommen der Republik vorzubereiten.
Die Schulden des Königs.
Aus Lissabon wird gemeldet: Der ,Diar!o' schreibt: Die Königsfamilie schuldet dem Staate über 60 Millionen, davon der junge König Manuel allein 10 Millionen. Der König hat, in Erwartung seines Sturzes, bereits vor vier Wochen die Zivillifte für das ganze laufende Jahr von der Staatskasse abheben lassen. ,
Der Pariser ,Matin' meldet, daß die künftigen persönlichen Einkünfte des Königs Manuel sehr unbedeutend seien. Der Herzog von Oporto sei ohne alle Geldmittel. Als er sich einschiffte, zeigte er den Matrosen zwei Hundertfrankenscheine und sagte:- „Das ist alles, was ich aus Portugal mitnehme und alles, was ich besitze." Die Königin Maria Pia sei vollständig vermögenslos und stark verschuldet; dagegen fei die Königin-Mutter Amelia, als geborene Prinzessin von Orleans, sehr reich. _______________________________
Deutsches Reich.
s Der deutsche Kolonialkongreß ist am Samstag abend zu Ende gegangen. Aus den Verhandlungen (oergl. Nr. 231, 3) tragen wir noch nach: Vom Kaiser ist ein Antworttelegramm eingetroffen, worin er die treue Mitarbeit des deutschen Kolonialtages an dem Ausbau und der Förderung der deutschen Kolonien anerkennt. Die zweite Plenarversammlung brachte einen Vortrag von Professor Schilling- 33erlitt über die Tropenhygiene. In der Diskussion wurde besonders auf die unheilvolle Wirkung des Alkoholgenusses in den Tropen hingewiesen. Allgemein war die Focberung, daß mehr Aerzte in die Kolonien und in die Missiotien hinausgehen Regierungsrat Dr. Z o e p f I erörterte die Entwicklung und Aussichten des Handels der Kolonien. Einen sehr interessanten Vortrag brachte Pfarrer Dr. Richter zu Gehör über das Problem der N e g e r f e e I e und die sich daraus für die Emporentwicklung der Neger ergebenden Folgerungen. Das Hauptproblem fei, das Gleichmaß zwischen den intellektuellen Fähigkeiten und den Mängeln in der ethischen Veranlagung herzustellen. Dies erfordere Weisheit und Geduld. Da die entscheidende Funktion im Leben des Negers die Religion ist, so muß eine großzügige Negerpolitik religiös sein, und da der religionslose Staat eine solche nicht durchführen kann, ist et auf die Bundesgenossenschaft der Missionen angewiesen. In den S e f t i ö- nen wurde verhandelt über verschiedene Spezialfragen, die Abt N o r b e 11 u s-St. Ottilien hielt, einen Vortrag über Ziele und Wege der Eingeborenenerziehung. Die rein äußerliche Erziehung, insbesondere das Anerziehen von Bedürfnissen sei nicht hinreichend. Es müsse eine innere kulturelle Hebung ftattfinden, zu der die Grundlage gelegt wird durch
scharfe Stimme, und Dr. Fischer erhob sich und trat aus dem Halbdunkel vor, in dem er bislang gesessen.
„Niemals, mein Herr. .
„Das ist seltsam", entgegnete Dr. Fischer spöttisch lächelnd. „Als ich heute hierher fuhr, sprach ich in Neuhof bei Herrn Born vor, der mir diesen Wechsel zum Einkassieren übergeben hat. Herr Bom erzählte mir, daß Sie, Herr von Prokowsky, heute vormittag bei ihm gewesen seien, um diesen selben Wechsel einzulösen. Sie haben sogar gesagt, daß Sie im Auftrage der Frau Baronin kämen . . ."
Ein herzzerreißendes Schluchzen unterbrach seine Worte. Es kam von Frau von Prokowsky her, die ihr Gesicht laut weinend in die Kiffen des Diwans verbarg.
„Beruhige Dichj Julie", sagte die Baronin. „Noch ist ja die Fälschung nicht festgestellt. — Herr von Prokowsky, haben Sie noch etwas zu erklären?"
Stanislaus schwieg trotzig.
„Es ist gut", fuhr die Baronin fort. „Ich hoffe Sie niemals wiederzusehen. Ein Wagen wird Sie morgen ftüh zum ersten Zuge zur Bahn bringen. . .*
„Entschuldigen Sie, Frau Baronin", unterbrach sie Dottor Fischer, „das dürste denn doch die Nachsicht zu weit getrieben fein. Ein Haftbefehl ist auf Grund des vorliegenden Verdachtes rasch zu erwirken."
„Welchen Verdachtes?" fragte die Baronin ruhig.
„Nun, des Verdachtes auf Wechselfälschung!"
„Liegt denn eine solche vor?"
„Aber Frau Boranin . . ."
„Ich ertenne die Unterschrift meines verstorbenen Gatten an, und hier" — dabei entnahm sie ihrem vor ihr liegenden Portefeuille einen Tausendmarkschein — „hier ist die Deckung."
Ein Schrei, und Julie von Prokowsky lag zu Füßen der Baronin, ihre Knie umklammernd, keines Wortes mächtig und aufschluchzend ihr Gesicht in die Falten des Kleides ihrer Freundin verbergend.
„Stehe auf, Julie", sagte die Baronin mit milder, ernster Stimme. „Wir haben beide schwer zu leiden durch die Täuschungen, welche uns unsere Kinder bereiten."
„Wie soll ich Dir daS jemals danken . . ."
die Erziehung zur Arbeit. Für die Erziehung müsse das Beispiel wirken, Zwang ausgeschlossen bleiben. Was Deutschland groß gemacht hat, werde auch dte Kolonien groß machen: die christliche Kultur. Der Islam werde niemals das Problem der yrau losen können, nur die christliche Kultur könne das Fannuen- lcben schaffen. Die Krone des Unterrichts müsse dte Unterweisung in der Religion fein. Pros. Mirbt- Marburg erörterte die Bedeutung der Mission für dte kulturelle Entschließung der Kolonien. Pastor S ch ach- schneiber beantwortete die Frage: was leisten die chrfftlichen Missionen in der wirtschaftlichen Erziehung der Eingeborenen? In der Diskussion trat Justizrat Vach em-Steglitz dafür ein, daß die bisherigen Erfolge des miffionarischm Schulwesens den Missionen ein volles und wohlerworbenes Recht auf staatliche Unterstützung gebe. U. Kilian-Ehrenbren- stein wies auf die Unhaltbarkett der konfeywnslosen Regierungsschulen hin. Die im übrigen ganz einmütig verlaufende Debatte erlitt eine Störung durch das Auftreten des unvermeidlichen Grafen Ho enz- b r o e ch, der nach Ausfällen auf die Konfessionen und die Konseisionsschulen die schon am Donnerstag von ihm erhobene Forderung: Trennung von Kirche und Staat wiederholte. Justizrat Bachem totes feine Ausführungen energisch zurück. Erwähnung verdient noch, daß seitens mehrerer Redner entschieden betont wurde, der Schulunterricht der Eingeborenen müsse sich unbedingt auf der Muttersprache aufbauen. — Samstag hielten dte Sektionen ihre Schlußsitzungen ab. Großes Interesse fand vor allem in der 2. Seftion der Vortrag von P. ^oü grober ger = Trier über die Polygamie und ihre kulturellen Scha- den. Die Schäden der Polygamie sah er in folgenden Wirkungen: Zerrüttung des Familienlebens, Unmöglichkeit der Kindererziehung, Herabwürdigung des Weibes, starker Bevölkerungsrückgang. Als Gegenmittel kommt vor allem in Betracht die Forderung der christlichen Miffionstätigkeit. Aber auch die Regierung konnte durch größere Sttenge gegen ungeordnete Polygamie in allmählichen Uebergängen gegen baS Unwesen auftreten. Auch wenn ein Gesetz gegen Vielweiberei nicht empfohlen werden kann, so muß doch die Freiheit der Mädchen mehr geschützt werden^ indem gegen den Zwangsverkauf der Kinder nach Mv^ lichkeit eingeschritten wird. Auch die Belehrung durch die Sckule kann vieles wirken. In der Diskussion, an der sich hauptsächlich katholische und evangelisch! Missionsgeistliche beteiligten, fanden die Aussühruwj gen des Referenten allgemeine Anerkennung und Uni. terstützung. Es wurde reiches Material an Zahlen und Beispielen beigebracht, um die großen Gefahren und Nachteile der Polygamie in Evidenz zu setzen. Justtzrat Bachem-Steglitz wies besonders darauf. bin daß durch den mit der Polygamie verbundenen grauentauf die Heirat den jungen Männern fast vollständig unmöglich gemacht wird. In seinen Schlußworten regte P .Dr. Froberger die Ausarbeitung einer Statistik über ben durch die Polygamie verursachten Bevölkerungsrückgang an, um die große volkswirtschaftliche Gefahr der Vielweiberei zu erweisen. Prof. Hausleiter erörterte die Bedeutung der ärztlichen Mission in den deutschen Kolonien. Dies ärztliche Missionsbewegung steht in Deittschland und in den deutschen Kolonien erst in ihren Anfängen. Das deutsche Institut für ärztliche Mission in Tübingen soll genügende ärztliche Kräfte für die Mis- sionsstatiov'- ausbilden, daneben den Missionsgeistlichen bur-i) inen einjährigen Kursus die notwendigsten Kenntnisse vermitteln. — Am nachmittag trat der Kongreß zu seiner letzten Plenarsitzung zusammen. Es sprachen Oberbaurat Baltze r-Berlin über die Fortschritte des Eisenbahnbaues und der Technik in unseren Kolonien, Stabsveterinär Rakette-Ber- lin über die Tierseuchen in ihrer Bedeutung für unsere Schutzgebiete und R. Said-Ruete -London über die gemeinsamen Interessen Deutschlands und Englands in der Kolonialpolitik und auf dem Weltmärkte. Professor Dr. Köbner-Berlin hielt einen Vortrag über die Reform des Kolonialrechts. Redner forderte völlige Loslösung von dem konsularen Recht und die Schaffung eines selbständigen, den wirtschaftlichen Bedürfnissen der Kolonien angepaßten Rechts und den Erlaß eines kolonialen Gerichtsverfassungsgesetzes. Es! wurden schließlich Resolutionen angenommen, die die Neuregelung der kolonialen Rechtsordnung, die Errichtung eines staatlichen Bodenkreditinstituts Ln Windhuk, die tatkräftige Förderung des Christentums, die Verhinderung einer weiteren Ausbreitung des
„Frau Baronin, das ist unerhört", protestierte] Dr. Fischer.
„Ich muß bitten, Herr Doktor — ich bin Herrin meiner Handlungen. Also nochmals — ich erkenne die Unterschttst meines Mannes an und honoriere sie — hier ist das Geld — damit gehört der Wechsel mir, nicht wahr?"
„Allerdings", antwortete Dr. Fischer mit einem bedauernden Achselzucken.
„Gut — so ist unser Geschäft erledigt." — Und die Baronin zerriß den Wechsel in kleine Stücke.
Der Rechtsanwalt nahm. ben Aausendmarkschem unb legte ihn in sein Portefeuille.
„Möge Ihnen Ihre Großmut nicht schlecht gelohnt werden, Frau Baronin", sagte er ernst. „Noch ist nicht aller Tage Abend . . ."
Damit verbeugte er sich und verließ das Zimmer.
„Frau Baronin", wagte Stanislaus schüchtern unb boch in kaum zu unierbrückenbem Triumph zu flüstern, „wie soll ich Ihnen banfen, daß Sie meine Ehre geschützt haben . . ."
Die Baronin maß ihn mit einem großen, strengen Blick. Dann streckte sie die Hand nach der Tür au? und sagte scharf:
„Was ich getan, habe ich um Ihre arme Mutter getan — fort mit Ihnen!"
Stanislaus wagte kein Wort zu erwidern unb schlich wie ein geprügelter Hund zur Tür hinaus.
„Laß mich ihm nachgehen, Adelheid", bat Julie.
„Nein, Du bleibst, jetzt keine weiche Sentimentalität — nur Strenge kann ihn bessern. Laß ihn heute nacht allein über fein Leben nachdenken — morgen früh magst Du ihm Lebewohl sagen."
„Darf ich ihn nicht begleiten?" fragte Julie schüchtern."
„Nein, Du bleibst hier. Wir werden ihn nicht aus dem Auge vertieren, er soll keine Not leiden, das verspreche ich Dtt, aber er soll arbeiten und beweisen, baß et ein anberer Mensch geworden ist. Dann mag ihm verziehen werben. Das kannst Du ihm morgen früh sagen. Sie, Herr Inspektor, sorgen dafür, daß Herr von Prokowsky morgen mit dem ersten Zug« fortfähri." (Forts, folgt.)