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Zeitung«

Wüaer

Die Katholikenkundgebungen in Spa-

nisterprästdenten Stolypin, Sasonow, der seiner Pölt­schen Farbe nach streng konservativer Stockrusse ist. Die französische Presse begrüßt ihn mit Freude und Hoffnung, nur ist nicht recht einzusehcn, aus welchem Grunde, ja sie gibt sogar das Programm an, nach dem er sein Amt verwalten werde. Wir dürfen wohl an­nehmen, daß er eine klare und stetige Politik verfolgen wird, und daher haben wir vorderhand keinen Anlaß, .hm mit Mißtrauen entgegenzutreten, im Gegenteil kämen wir eher annehmen, daß seine Politik etwa noch bestehende Schärfen zwischen Deutschland und Ruß­land mildern wird.

Katholikenfeinden ein ------ - - . ,

der Liberalismus die Macht über die Telegraphenagen­turen hat, versucht er die Welt durch falsche Berichte zu täuschen. So würde es nach den paar offiziellen Depeschen den Anschein haben, als seien die Kund-! gebungen nicht annähernd so machtvoll gewesen, als man erwartet hatte. Das gerade Gegenteil aber war der Fall, denn die Manifestationsumzüge der Katho­liken verliefen nicht nur in musterhafter Ordnung, son­dern sie überraschten auch durch die imposante Zahl ihrer Tellnehmer. Die Teilnehmer zogen in strenger militärischer Ordnung chres Weges und begnügten sich damit, ab und zu die Rufe auszustoßen: Hoch das katholische Spanien! Hoch der Papst! Dann löste sich der Zug in vollständiger Ruhe auf, und die Teilnehmer, von denen die meisten in ihrer Volks­tracht erschienen waren, zerstreuten sich in der Stadt. Alle Maffenkundgebungen fanden in Ordnung und Ruhe statt, in wohltuendem, aber selbstverständlichen Gegensatz zu den Manifchationen der Gegner. Die Katholiken sind keine Ordnungsfeinde.

In Portugal ist die Revolution ausgebrochen. I Der junge König Manuel, der bei dem plötzlichen Tode seines Vaters und seines älteren Bruders nur wie durch ein Wunder dem gleichen Schicksal entging, war für das furchtbar schwere Erbe, das ihm sein Vater hinterlassen hatte, in keiner Weise vorbereitet, er sah sich Aufgaben gegenüber gestellt, die eine volle Tatkraft und eiserne Energie forderten. Das Volk, zu dessen I Herrscher er berufen war, ist an sich edel und tüchtig, aber von Parteileidenfchaften durchwühlt, und läßt ich daher nur zu leicht von ehrgeizigen Politikern für hre persönlichen Zwecke und Interessen mißbrauchen. Hierzu kam noch das Schwanken des Königs in der inneren Politik: das Zwangsregiment des Diktators $tcinco tDurbe ubgelöft durch ein Ii6ctcilc3 Dicßinicnt I in der Hoffnung, durch Nachgiebigkeit gegen die Wün­sche und Forderungen der Oppositionsvarteicn diese zu besänftigen und dadurch die Liebe des Volkes zum Königshause wieder zu kräftigen. Es wurden immer wieder Versuche gemacht, den Republikanern den Wind aus den Segeln zu nehmen, aber gerade durch diese Nachgiebigkeit erreichte man das Gegenteil: die Republikaner hielten es für Schwäche der Regierung und sahen dadurch ihre Position gestärkt. Infolge des­sen machte die republikanische Bewegung ungehmre Fortschritte, die drang ins Heer, in die Flotte und durchsetzte die meisten Schickten der Bevölkerung. Da­zu kam noch die Mchlerei der kirchenseindlichen Par­teien, die auch in Portugal die katholische Kirche mit allen möglichen Mitteln bekämpften. Diesem gewal­tigen Wirrwarr von allen Seiten ivar natürlich der junoe König Manuel nicht gewachsen, und so vollzog sich "die gewaltsame Umwälzung. ES sind zwar noch keine verbürgten Nachrichten über den augenblicklichen Stand der Dinge in der Hauptstadt Portugals in die Oeffentlichkeit gedrungen, da die Revolutionäre sofort bei Beginn des Ausstandes sämtliche Telegraphen- und Telephonleitungen unterbunden hatten. Soviel steht aber fest, daß die Lage für den König Manuel als verloren gelten kann, wenn ihm nicht vom Auslande her Hilfe kommt. Und hier ist es zunächst England, auf das sich die Blicke der Welt mit Interesse richten, da England mit Portugal einen Vertrag abgeschlossen hat, wonach ersteres sich verpflichtet, im Falle eines Aufruhrs alles zu tun, um die Herrschaft der zeitigen Dynastie zu sichern. Es steht aber nicht danach aus, als ob es England jetzt wünschenswert erscheint, sich Por­tugals wegen in womöglich gefährliche Abenteuer zu stürzen. Obwohl die Gründe für die Revolution, ab­gesehen von den Finanznöten des Landes, hauptsäch­lich auf das Schuldkonto der Liberalen zu setzen sind, so hat doch die „Nationalztg." herausgefunden, daß es wieder der böse „Ultcamontanismus" ist, der das Land

in dies: traurige Lage versetzt hat. Auch in Spanien sei die Unzufriedenheit bereits zu gefährlicher Höhe ge­stiegen, und nur dadurch, daß dieses Land sich aus den Banden des Ultramontanismus befreit und eine libe­rale Politik im Innern treibe, verdanke es die Dynastte Bourbon in Spanien, daß sie sich noch auf dem Throne erhalte. In Portugal habe das Verhängnis seinen Lauf genommen, und nicht für die romanischen Staa­ten und Völker, die durch Jahrhunderte hindurch an Macht und Ansehen und innerer Kraft verloren hätten,

wird.

Der Dreibund ist seit einiger Zeit den Fran- yOfen Anlaß gewesen, mit dm verschiedensten Mitteln an seiner Unterminierung zu arbeiten. Vor allem ver­suchten sie, die Geldfiage in der von ihnen verfolgten Politik eine Rolle spielen zu lassen. Wir haben dies sowohl bei der türkischen als auch bei der ungarischen Anleihe gesehen. Um den Dreibund zu sprengen, wurde das Märchen einer türkisch-rumänischen Militärkon- vention aufgebracht, und man war in Frankreich dar­über erbittert, daß der türkische Finanzminister Dscha- wid Bey sich einem englischen Blatt gegenüber über die Anleiheangelegenheit ausgesprochen hatte. Ebenso war es bei der Unterbringung der ungarischen Anleihe, wo iuch wieder Frankreich versuchte, durch Losreißung Ungarns von Oesterreich den Dreibund zu schwächen. Diese Jntrigue wurde von dem Staatssekretär Kider- len-Wächter bei seiner Durchreise durch Wen nach Budapest grell beleuchtet in einer Aussprache, die er einem Korrespondenten der Wiener „Nr. Fr. Pr." ge­währte. Daher ist es um so freudiger zu begrüßen, daß die ungarische Anleihe mit österreichischem und deutschen Gelde zustande kam und dadurch das falsche Spiel der ftanzöfischen Diplomatie durchkreuzt wurde.

Der bisherige russische Minister des Auswärtigen Zs wolski ist zum Botschafter in Paris ernannt morden. Sein Nachfolger ist ein Verwandter des Mi-

gewaltsamen Unterdrückung der Sozialdemmratie zu machen. Einen wirfichen Erfolg können alle solche Maßnahmen nicht haben, die Lozialdemokratre würde nur Ruhen aus ihnen ziehen. .

Die Regierung, wenn sie gut beraten ist, wird allen solchen Versuchen schärfsten Widerstand entgegen­setzen. __________ ___

Samstag den 8. Oktober 1910.

57. Jahrgang.

punkt an gelangt ist."

Wir haben aus unserer Entrüstung über die Mca- biter Krawalle kein Hehl gemacht und insbesondere auch die große Mitschuld der Sozialdemokratie an den beklagenswerten Vorgängen festgestellt. Aber wie die Post die Situation ausmalt, ist es doch aus allzu durch­sichtiger Tendenz übertrieben. An diesen Uebertrei- bungen kann nur die Sozialdemokratie Gefallen haben, weil sie chr neues Material zur V e r h e.tz u n g d e r Arbeitermassen liefern. Das gleiche gilt von dem Tadel, der gegen die Regierung ausgesprochen wird, daß sie nicht das Militär habe eingreifen und Geschütze gegen die Exzedenten auffahren lassen. Es wäre sehr zu beklagen gewesen, wenn bie Be­hörden zu diesem äußersten Mittel hatte ihre Zuflucht nehmen miiffen. Das Eingreifen der Polizei bet vollkommen genügt, hätten die Behörden das von der „Post" empfohlene Rezept angewandt, so wären die Dinge sicherlich n o ch s ch l i m m e r geworden. Erst recht aber müssen wir uns gegen das Verlangen wen­den durch ein neues Sozialistengesetz oder eine neue Zuchthausvorlage den neuen Versuch einer

2. Blatt.

Druck und Verlag der Zutdaer Actiendruckerei in Md«.

Deutsches Reich.

* Wie der kommende Reichstag anssehen wird, darüber äußert sich, wie folgt, die „Köln. Vztg. : „Ane Konservativen und das Zentrum müßten bei den nach­ten Wahlen sehr viel Glück haben, wenn sie m der Lage sein sollten, dem nächsten Reichstage eine Mehr­heit zu geben. Die Liberalen und die Sozialdemokra­ten werden sich nicht zusammenfinden und em gemem- ämes Operieren und Handeln dieser Parteien erichemt ausgeschlossen. Als wahrscheinlich wird man anneh­men dürfen, daß im nächsten Reichstage eine konser- vativ-zentral-nationalliberale Mehrheit die Geschäfte führen wird. Diese Kombination ist für das Zen­trum in mancher Beziehung ungünstiger als die heutige, denn eine Verständigung mit dm Nationallive- ralen wird oft sehr schwierig und ckgar unmöglich fern, dagegen ist die Lage in anderer Beziehung au ch w i e- b er günftiger für das Zentrum, denn eine Mehr­heit ohne unsere Partei ist im neuen Reichstag sicher-

— so schreibt man uns aus Berlin — scheint der Wunsch gewisser Kreise zu gehen. , Das heißt, der Wunsch besteht schon immer, aber letzt wagt er sieh wieder an die Oeffentlichkeit.

Die Moabiter Krawalle und die zweifel­hafte Rolle, welche bie «Sozialdemokratie dabei gespielt hat geben dem Verlangen eine Grundlage, welche wohl mancherorts als tragkräftig angesehen wird, ^m Tag" erinnert der Generalsekretär des Zentralver­bandes Deutscher Industrieller Bueck, an die ge chei- terte Zuchthausvorlage und beklagt daß seit jener Leit kein Versuch mehr gemacht worden setz auf dem Gebiete der Bekämpfung der Sozialdemokratie „stren­ges Recht zu schaffen". Die .Deutsche Arbeit­geber z ei tun g" gibt der gleichen Klage Ausdruck. Die Deutsche Volkswirtschaftliche Korre­spondenz hält es für zweckmäßig, „an die wich­tigsten Bestimmungen des Sozialsstmgesetzes $u ertn= nem und sie auf ihre Wiedereinführung anzusehen . Am schärfften aber legt sich die .Post" cks Zeugen den Wahlrechtsdemonstrationen und den Moabiter Kra­wallen erblickt sie den erften und zweiten Akt des „Em- ererzierens der Revolution" und erwartet un kommen­den Winter mit Sicherheit die Fortführung des Dra­mas durch einen dritten Akt: „Interpellationen im Reichstaae über Gottesgnadentnm und Fleischpreise, im Landtage über das Wahlrecht, gleichzeitig bewaff­nete Massendemonstrationen und Stragenschlachten im Innern Berlins". Das Scharfmacherblatt fragt:

„Was gedenkt der Reichskanzler gegen die Wieder­kehr ähnlicher Vorfälle zu tune Bislang hat de Regierung alles der Polizei überlassen - - - - Die Reaierung hat weder den Belagerungszustand verhängt, roch das Militär eingreisen lassen (zwei Maichinengewehre am Kreuzpunkt der Hutten- und Beuffelflrake hätten den ganzen Krawall sofort erstickt, und dann hätte man die Häuser einzeln abgesucht und ausgeräumt), noch macht die Regierung Anstalten, ein neues Sozialisten gesetz vorzickeg-n . . . . Sie Skaatsregierung trägt d.e volle Beranlwortung ur alle der Stadt Berlin drohenden Revolutionstage. Eine stärkere Warnung als die Septeinbertage von Moabit dürfte kaum möglich sein. Geschieht letzt nichts, laßt man alles wie bisher roeiterlaufen, ohne die schleifen­den Zügel wieder aufzuraffen, so müssen wir uns an I den Gedanken gewöhnen, dast uns die Wiederkeyr des 18. Mär, 1848 unmittelbar bevorsteht, und daß streu- sten wieder unter das Joch der R evolu tion sich beugen muß. In den zwei Jahrzehnten von 1870 dis 189Ö batte man eine solche Möglichkeit für ausge­schlossen gehalten. Seit dem Rücktritt des Fürsten Bismarck 'ist leider die Autorität der Staalsreglerung I mit jedem Jahr gesunken, bis sie jetzt auf dem Null-

Wochen-Rundschau.

[:] Fulda, 7. Oktober 1910.

crn der Residenzstadt Kassel wurde in diesen «ragen Komödie gespielt: eine »affennanntafee — £aui)t= und Spektakelstück in einem Akt, mit einem zweistündigen Monolog des Helden Emst Bassermann, der ehr heiter war. Die Nationafliberalen könnens. Das sind Schauspieler! Der verstoroene Joseph Kainz war gegen sie ein Waisenknabe. Da hat man wochen- unb monatelang den Hauptakteur, Emst BMermann wohlqemeikt aus den eigenen Rechen, cmsgepfiffen und heruntergerissen nach allen Regeln der Kunst. Die west- käliscken Dickköpfe" — wie sich Haarmann-Bochum L'L - wL di- Misch--w«-» in Kassel ein Trauerspiel aufführen, das den politischen Kopf Bassermanns forderte. Und als der Held er- ickien drapiert in Benningsens Mantel, em Mahner Manier und Seher, da bricht die Claque los und reißt das ganze Publikum samt den Kritikem mit sich fort. Bassermann spricht! Gemeinplätze rufen rauschenden m-ifall hervor, Eiertänze lösen höchstes Entzücken aus, und Fechterkunststücke mit dem Florett aus der Theater­kammer werden bestaunt, bejubelt, beschrieen. Dreimal in einem Artikel läßt die Kölnische Zeitung den Bei­fall rauschen". Die alfliberale Opposition spricht! «ahme Kritik. Sie wird niedergebrüllt! Bassermann Triumphator. Run der Vorhang gefallen ist, tritt bie raube Wirklichkeit in ihre Rechte. Verflogen ist ber Spiritus, das Phlegma ist geblieben Glaubt emer im Emst, daß der Gegensatz zwischen Jung- und Alt­liberalismus durch die Hurraszenen in Kassel auch nur iemittiert wäre? Nicht g ero a g t hat man m Kassel, zu den taktischen und prinzipiellen Problemen, wie sie innerhalb der Partei umstritten werden, klar Stellung zu nehmen. Nicht einmal eine noch so wässerige Re­solution hat man riskiert, aus Furcht vor ber Schei­dung ber Geister vor ber Oeffentlichkeit! Dieiemgen, bie in Baben den Sozialdemokraten die Bruderhand reichten, sind von den Jndustriegewaitigen Rheinlands ' '.md Westfalens durch eine Welt geschieden. Und auch bas neuausgegebene Stichwort: Duldung und Diszi- .plin! kann hier keine Brücke schlagen. In Magdeburg kämpften auch zwei Richtungen, aber offenen Kampf, und die Wahlzeit wird sie einig sehen — in Kassel hat man vertuscht und tiertteiftert, und nur latente Un- inigkeit geschaffen, die sich am Wahltag bitter rächen

Die Katholikenkundgebungen in Spa-Iweil fle betbie Ä}

nie», die am vergangenen Sonntag imposant für Rom lange überließen, btlbettn Ereignisse P 9 und ben Glauben Zeugnis abgelegt haben, sind den eine emste Mahnung Wrmein« -**

U" 3 t« Im A-g- g-w-l-n. D- das ftÄ- Vordringen d-, I«ch--.„u»d

- ----- - liehen Elemente in den romanlschm Staaten der beste

Beweis dafür feien, daß es um Staat und Herrscher­haus am besten bestellt ist wenn das Volk burchdrun- gen ist vom wahren ©tauben an Gott und strengem Pflichtbewußtfein gegenüber ber Kirche unb ber Ob-

rigkeit.

+ Rach einem neuen Sozialisten­gesetz

sich undenkbar."

* Den Wahlkreis Labian-Wehlau, in dem der Tod des konfervatwen Abgeordneten Arendt eine Neuwahl notwendig gemacht hat, möchten bie Liberalen gern zu einem zweiten Oletzko-Lyck-Johamusburg machen. Auch bie Sozialbemokraten erheben „Ansprüche unb schwelgen in Hoffnungen. Herr Arendt ist das letzte Mal mit 11575 gegen 3179 sozialdemokratische und 1760 freisinnige Stimmen gewählt worden. So ganz leicht wird also die Eroberung des Mandats den Libe­ralen ober Sozialdemokraten kaum roeroen. Aber wenn bie Liberalen ihre Ankündigung, daß fc im Osten bie Konservativen ausplündern wollen, wahr machen und wenn sie nach dem Siege in Oletzko-Lyck nicht bla­miert dastehen wollen, werden sie schon allen Ernstes ans Werk gehen und den konservativen Besitz wenig­stens in ernstliche Gefahr bringen müssen. Das „Bert. Tagebl." empfiehlt schon ein Zusammengehen der Libe­ralen unb Sozialdemokraten im Falle einer Stichwahl. Die „Köln. Ztg." freilich verdickt ihm die Freude in­dem sie verlangt, daß „nationale" Wähler unbedingt für die Konservativen eintreten sollen. , Jedenfalls werden bie Konservativen auf ber Hut fein, um nicht wieder Ueberraschungen zu erleben.

= Meiningen, 5. Ott. 1910. Für den Wahlkreis Meiningen I wurde in einer Vertrauensmännerver­sammlung bet Fortschrittlichen Volkspartei nun doch Nbg. Müller- Meiningen wieder als Kandidat aus­gestellt. Die Nationafliberalen wollen bie Kandiba- tur unterstützen, sodaß uns ber freiwillige unbezahlbare Agitator für das Zentrum hoffentlich erhalten bleibt. Recht so!

** Oldenburg, 6. Ott. 1910. Der kathol. Lehrer­verein des Herzogtums Oldenburg, dem nahezu sämtliche kacholische Lehrer des Landes angehören, etwa 250, faßte in seiner Generalversammlung in Cloppenburg einstimmig den Beschluß, sich dem kath. Lehrerverband des Deutschen Reiches anzu­schließen.

volkswirtschaftliches und Soziales.

* Offenbach a. M., 6. Ott. 1910. Die Bezirkslei­tung des christlichen Metallarbeiterverbandes schreibt uns: Die am Sonntag im Rechneisaal zu Frankfurt abgehaltene Versammlung und die dort bargelegte Stellungnahme ber christl. Metallarbei­ter zu dem nunmehr beenbeten Kampfe in der Metall­industrie scheint manchen Leuten sehr angenehm zu sein, wie aus Berichten ber Tagespresse zu sehen ist. Viel­leicht glaubten biese Leute, baß bie christl. Metallar­beiter im Fran'urter Industriegebiet sich blindlings jenen Schreiern anzuschließen hätten, bie, unbekümmert um bie wirklichen Interessen des Arbeiterstandes, den ; Mund nicht genug mit den allbekannten Schlagwörtern : voll nehmen können. Daß dem eben nicht so ist, gibt' : diesen Leuten Anlaß, ihrem gedrückten Herzen Luft zu : machen unb dabei mit Verdächtigungen unb Verdreh-

Unpolitische Zeitläuse.

(N.) Berlin, 6. Oktober 1910.

(Nachdruck verboten.)

In den letzten Jahren hatten wir in Europa 3 Könige mehr bekommen. Nämlich einen neuen Kö­nig von Norwegen infolge ber Abgrenzung dieses Lan­des von Schweden, ferner einen bulgarischen unb einen montenegrinischen König wegen der Rangerhöhung unb Titelsteigerung, bie sich diese Herrschaften eigenhändig zulegten. Jetzt ist aber ein Rückschlag auf diesem Ge­biete eingetreten. Die Zahl der europäischen Könige hat sich um einen vermindert, da ber junge Herrscher von Portugal aus feiner Residenz und wahrscheinlich auch aus bem Lande vertrieben unb in Lissabon bie Republik ausgerufen worden ist.

Welch' ein Glück, daß wir ganz gewöhnliche Staats­bürger und einfache Untertanen sind! Ich danke für Kronen unb Zivillisten. Es geht nichts über die Ruhe und Sicherhett. Wir kleinen Leute brauchen we­der Bomben noch Nevolutionsmärsche zu fürchten. Wir legen Abends in voller Gemütsruhe das ungekrönte Haupt in bie bürgerlichen Kissen und pfeifen morgms mit den unbesorgten Vöglein um bie Wette. „Uns kann keiner", sagt bas alte Schlagwort. Richtiger wäre: Uns will keiner! Darin liegt gerade das Beruhi- genbe für den einfachen Mann und die bescheidene Frau, daß sie keine Gegner haben, die ihnen ernstlich zu Leibe gehen könnten.

Die Könige soll man ehren, aber nicht beneiden. Je höher bie Würde, desto schwerer bie Bürde.

Der alte Hofschulze in Jmmerniami's Erzählung nom rckerhof sagte: „Der König ist dem Volke zum Pläsier gesetzet!" Er meinte, das Volk solle an dem Herrscher, der bie Einheit, bie Kraft unb Herrlichkeit des Staates verkörpert, seinen Stolz unb seine Freude

•• Neuerdings ist es vielfach anders geworden. CS gibt Leute in bem einen Lande viel unb in bem «iberen Sanbe nicht wenige — die den König zum r..!Lbo£ina$en wollen für alles, was ihnen ssucht gefallt. Wenn sie über den König aburteilen, so -tun sie so, als ob er allmächtig wäre. Wo etwas schief

geht in dem weiten Lande, da soll der Träger der I Krone schuld fein, indem er etwas falsches getan ober etwas heilsames versäumt hätte. Nun kommt es wohl mal vor, daß ein energischer König kräftig eingreift und mit eigener Hand durchführen will, was er für das beste hält. Aber bann erheben dieselben Kritiker sofort wieder ein großes Geschrei über das „persönliche Re­giment", das sei Despotismus unb Rückfall in längst überwundene Tyrannei, die sich ein Kulturvolk nicht gefallen zu lassen brauche. Ein nachgiebiger König sagt nun vielleicht: „Na, bann entscheidet ihr doch selber! Ihr habt ja das Wahlrecht; beruft eine tüch­tige Volksvertretung, unb ich werde ganz konstitutio- nell nach den Beschlüssen dieser Volksvertretung die Geschäfte des Landes fuhren." Schön; es wird agi­tiert unb gewählt. Aber nun stellt sich heraus, baß die sogenannte össenlliche Meinung selbst nicht weiß, was sie will. Da gibt es ein Gewirr von Parteien; die Mehrheiten schwanken; bie Leute, bie dem Könige als Minister und sonstige Beamte aufgenötigt sind, erweisen sich als unfähig, selbstsüchtig, verblendet. Die Dinge werden nicht besser, sondern schlimmer. Das Volk schlagt aber nicht an seine eigene Brust, sondern hört begierig auf bie Einflüsterungen ber „Aufgeklärtesten" zu, bie ihm vorceben, bas ganze Elenb würde mit einem Schlage beseitigt fein, wenn man das Königtum ab­schaffe unb bie „Republik" ausriefe. Die Republik wird als die Selbstregierung des Volles angepriesen. Wie sollte aber ein Volk, das noch nicht einmal bem Könige ein gesundes Parlament zur Sette stellen konnte, zur dollen Selbstregierung fähig sein? Der liebergang zur Republik bedeutet nur, daß an bet Stelle des angestammten Londesvaters ein ehrgeiziger General ober ein listiger Schönredner sich auf den Herrscherstuhl schwingt unb bort so lange im Namen ber Freiheit das Land knechtet, bis ein anderer Stecker ihn verdrängt. Wurden bie Leute früher mit monar­chischen Ruten gestrichen, so werden st- bann mit repu­blikanischen Skorpionen gegeißelt.

Es geht bat Königen Ähnlich, wie bat Vätern. So lange die Kinder Mein sind, ist es leicht unb angenchm Vater zu fein. Wer wenn bie Söhne ttt die Flegel­jahre kommen, so stehen bem Vater manchmal die Haare zu Berge. Die tolle Jugend empfindet die väterliche

Sorgfalt als eine Saft; sie läßt sich leicht einreben, daß bie volle Freiheit der Anfang ber Gliickseligkeit sei. So wieberholt sich in einem fort die Geschichte vom verlorenen Sohn. Nur geht mancher von diesen eman­zipierten Sprößlingen in der Freiheit zugrunde; nur wenige finden den Weg zum Vaterhause zurück. — Ob bie Portugiesen aus dem republikanischen Wirrwarr noch wieder zu einer vernünftigen Ordnung unter einem braven Monarchen gelangen, das muß man eben ab­warten.

Nun sind freilich nicht alle Vater brav und gut, und nicht alle Könige stehen auf der Höhe chres Be­rufes. Auch bie portugiesische Herrscherfamilie hat manches zu wünschen übrig gelassen. In dem jungen König Manuel, den man jetzt abgesetzt hat, machte sich das leichte Blut bemerkbar, bas er von seinem lebens­lustigen Vater geerbt hatte. Aber wenn ich in Portu­gal mitzureden gehabt hätte, würbe ich boch für bie Beibehaltung des Königs gestimmt unb gewirkt haben. Denn erstens war er bei allen seinen Schwächen doch das „kleinere Hebel" im Vergleich zu den freimauro rischen Verschwörern, die ihre eigene Herrschaft auftun wollten und zweitens hätte König Manuel bei seiner einundzwanzigjährigen Jugend sich noch ganz gut bes­sern und vervollkommnen können.

Hebrigens vermute ich stark, daß bei einer freien unb allgemeinen Volksabstimmung die Mehrzahl ber Portugiesen ebenso für die Erhaflung ber Krone ein- getreten wäre. Man kann eigentlich nicht sagen, bas portugiesische Volk habe seinen König vertricken, son- bem nur eine bestimmte Gruppe von Ränkeschmieben hat es gemacht. Die große Masse in ber Hauptstadt ober in anderen großen Städten trollt hinter diesen Verschwörern her, berauscht von großen Phrasen. Die Revoluttonen erwachsen nicht auf fruchtbarer Erde, sondern auf dem Asphalt. Die ländliche Bevölle- nuig, bie in ber Regel mehr gesunde Vernunft unb Charakterfestigkeit hat, ist zerstreut und schlecht organi- fiert Sie muß sich um des lieben Friedens willen in das fügen, was die Asphaltpolitiker angerichtet ha­ben.

Die Portugiesen müssen nun selbst sehen, wie sie fertig werden. Wir aber können uns bei dieser Ge­legenbett abermals überlegen, was für eine heillose

Verwirrung in unserem Vaterlande ausbrechen to'"”"be, wenn es unfern einheimischen „Republikanern' mal ge­lingen sollte, in Berlin bie Republik auszurufen. Dann hieße es: Ade Freiheit, abe Friebe, ade Wohlstand! Danken wir Gott, baß wir noch eine feste, monarchische Ordnung haben.

Unb banken wir besonders lebhaft dafür, daß ber Kaiser seinen hohen Berns auf Gottes Gnade zu- rücksührt. Wegen dieses Ausdruckes in feiner Königs­berger Rede ist er vielfach scharf angegriffen worden von allen benen, bie von Gottes Ordnung nicht gerne reden hören. Aber wohl bem Lande, dessen Herrscher sich als Dimer Gottes betrachtet! Wer sich von Gott berufen fühlt, der ist sich auch der Verantwortlichkeil vor Gott bewußt. Daraus ergibt sich auch die gewis- smhaste Pflichttreue des Monarchen. Hätten nur die Herrscher von Portugal, Spanien usw. immer das stramme Pflichtgefühl gehabt, dann wären nicht so viele Revoluttonen ausgebrochen. Wenn aber die Könige oder Königinnen dort zu Lande wmiger an die Arbeit für das allgemeine Wohl denken, als vielmehr an ihren Zeitvertreib, ihre Liebhabereien, ihre Prunk- und Ge­nußsucht, fo geht der Respekt verloren und die Dy­nastie verliert den bestm und sicherftm Halt, die Siebe des freien Mannes.

Gott ist gnädig unb langmütig; aber wenn seine Snabengaben hartnäckig mißachtet ober_ gar mißbraucht werden, bann zieht er seine väterliche Hand zurück und läßt bie Unverbesserlichen bie Folgen ihrer Fehler aus- kostm. Wer leichssinnig unb liederlich darauf loswirt- schastet, der wirb schließlich auch mit dem größten Erb­gut fertig. Was du ererbt von deinen Vätern oder durch Gnade des Himmels erhaltm hast, erwirb es, um es zu besitzen! b. h. verharre fort unb fort in jener ge­wissenhaften, pflichttreuen Arbeit, die allein dir das Anrecht auf eine solche Bevorzugung sichern kann. Das gilt für alle. Wie für bie angestammten Könige von Gottes ©naben, so auch für uns kleinen Leute; denn auef) wir haben gewisse Güter unb Gaben von Gottes Gnade erhalten unb müssen sie wahren unb mehren. Vor dem Gericht Gottes müssen alle Rechenschaft ge­ben — die Könige und die Tagelöhner.