M 23J.
Samstag den 8. Oktober 19(0.
37. Jahrgang.
fuldaer A
Leitung«
-_____——ma—
, 4. Blatt.
Druck lind Verlag der Zuldark Tktienbruderei in Zulda.
des
Felix Dahn, der im Jahre 1852 bis 53 Berliner Student war, erzählt uns von dem gemütlichen Verkehr der Söhne der Alma mater in den Berliner Professorenhäusern, und er schildert als das freilich von vielen besungene und gepriesene ..Geheimrats- und Profefforenhaus der guten alten Zett", das Heim Franz Huglers. das allerdings vielen ein gastlich belebender Mittelpunkt vornehm geselligen Lebens gewesen ist. Aber auch andere Geheimräte und Professoren pflegten eine gemütliche Geselligkeit und hatten hübsche Töchter, die den Berliner Studenten wohl gut gefielen. Dahn schwärmte für viele.
* Bauernmöbel rind Heimatpstege.
Wie die rührigen Bestrebungen der Heimatpflege etwa seit einem Jahrzehnt der Vecrmstaltung der Städte, besonders aber auch des platten Lande? durch häßliche und sinnwidrige dem Orts- und Volkscharakter nicht entsprechende Bauweise entgegenarbeiten, so wird neuerdings mehr und mehr der berechtigte Ruf laut, die gute alte absterbende Bauernkunst, tote sie sich im ererbten Haushalt des Landmannes zeigt, zu erhalten und zu fördern.
Was ist es denn, was die alten Bauernmöbel so wertvoll niacht, daß nicht nur die Privaten, sondern auch die Museen, die nebenbei auch manche Schuld an der Verödung des deutschen Bauernhauses tragen, nicht Mühe und Kosten scheuen, seiner habhaft zu werden? Nun, das ist die dem Möbel anhaftende unwan- delbare Eigenart, die das Berufsleben des Bauern, sein Fühlen und Denken seit Jahrhunderten wieder- spiegelt, die uns die Vergangenheit lebend in der Gegenwart zeigt. Die Bauernstühle auf bett Bildern der altholländischen Meister zeigen schon genau dieselbe Art wie heute: dasselbe aus verstrebten Rundhölzern gefügte Eichen- oder Eschengestell, den Binsensitz, die durch vierfache Brückung gebildete Rücklehne und die gedrehten Pfeiler. Und schon ehe die Kanonen der Santa Maria die neue Welt anriefen, setzte der Bauer den müden Fuß auf die Fußroste des keil- verschränktcn Eichentifches, barg er seine Habe in eisenbeschlagener, geschnitzter Truhe, wärmte er seinen durchfrorenen Körper an den grünen Hohlkacheln seines Ofens und verträumte er sein hartes Los in breitem Himmelbett.
Und welche Erinnerungen knüvfen sich nicht vielfach an die einzelnen Möbelstiicke, die Jahrhunderte überlebt haben. Sie sahen Die Ahnen entstehen und sterben, sie waren Zeuge ihrer Leiden und Freuden. Sie hörten vielleicht noch den schwedischen Trommelschlag, und sie sahen vielleicht noch die französischen Adler, die Hunderttausende in den Tod führten. DaS mit beingedrechselten Knöpfen und Silbereinlagen verzierte Spinnrad spann vor hundert Jahren das Leinen, das dort in der mtt Namenszug und Jahreszahl versehenen buntbemalten Brauttiste aufgestapelt liegt und wohl noch den Kindeskindern Bettuch und Bahrhemd 'liefern wird. Noch steht neben dem hochgetürm- ten Bett die mtt Blumen, Herzen und den unheilban- nenben C. M. B. (Caspar, Melchior, Balthasar) geschmückte Wiege, von der aus schon die längst Begrabenen zuerst die vier Wände beschrien, und noch zählt die gebräunte Kastenuhr, die vielleicht im Innern eine alte Waffe birgt, deren Herkunft zur Sage ward, den nachgeborenen Geschlechtern sekundenweise die Lebensdauer vor, wie schon so lange.
Aber das Bauernmöbel hätte die Stürme der Zett nicht überdauem können, wenn es nicht aus echtem, kernfestem Stoff in bester Arbeit derfertigt worden wäre. Das ist gebaut wie für die Ewigkeit, und zwar stoffecht bis ins einzelne. Eichen-, Buchen-, Eschen- und Birnbaumholz lieferten das Material, und der ohne Mustermapve nach eignem Ermessen und Empfinden schaffende Dorstifchler, der geschickte Dorflchmied und der farbenfrohe, die satte Grelle bevorzugende Anstreicher und Maler zugleich besorgten das übrige. Jeder gab sein Bestes, sein Ich, während heute die Maschine jedem Stück das Siegel der Geistlosigkeit aufdrückt. So konnte das alte Möbel Leben und Sprache bekommen. Bald redet es von tiefer Frömmigkeit, bald kichert aus seinem geschnitzten Bildwerk der harmlose Witz ober höhnt der grimmige Spott, bald erzählt es uns von der Schönheit der Natttr und des landwittschastlichen Berufs, bald von Pest, Hunger und Krieg.
Das alles soll und darf nicht für immer vergeffen werden und untergehen, denn an seinem Fortbfftand hängt mehr als bet Reiz der Eigenart und Seltenheit, es hängt auch an ihm die fromme,berbe Mannhaftigkeit des deutschen Bauern.
Hier hat die Heimatpflege ein weites Feld der Betätigung vor sich. Einmal muß sie durch Vorträge über bäuerliche Kunst das Interesse der Landbevölkerung für das gute Alte neu beleben, auf die Schönheiten des überkommenen Hausrats hin-
** Moorknltur und Torfverwertung.
lieber ein Thema, das die ländliche Bevölkerung auch unserer Gegend intereffieren wird, hielt auf bet 82. Versammlung deutscher Netzte und Naturforscher in Königsberg vor einigen Tagen Dt. Kat o-Verlin einen Vortrag nämlich über bie Gewinnung von A m- moniak, Kraftgas und Elektrizität aus demTotfmoor.
Man schätzt die Ausbreittmg der preußischen Moore allein auf übet 2*4 Millionen Hektar. Bisher ist bie in Deutschland versuchte Hochmoorkultur, bie die landwirtschaftliche Behandlung des Moorlandes ohne Verwertung der Moorsubstanz ermöglichen sollte, immer gescheitert, vor allem, weil es nicht gelang, die beständig wirkende Entwässerung des Torfes durchznfüh. ten. Aber dem Vortragenden ist cs gemeinsam mit Prof. Frank-Charlottenbutg gelungen, *"if Grund der Methode des Londoner Chemikers Mond ein Verfahren auszuarbeiten, bei dem die bisherigen Uebetftänbe vermieden toerben; bet Torf wird in Generatoren der Einwirkung von Luft unb Wafferdampf unterworfen unb dabei wird die gesamte Torfsubstanz in ein heizkräftiges Gas verwandelt nd daneben noch eine Reihe wertvoller Nebenprodukte gewonnen
Das Verfahren erlaubt es, während des ganzen Jahres ein heizkräftiges Gas zu gewinnen, das sich toegen seiner Reinheit und konstanten Zusammensetzung besonders zur Erzeugung von Elektrizität eignet. Hierdurch sind dir Moore Kraftquellen ersten Ranges geworden, die für Deutschland von besonderer Bedeiittmg find, da hier nur teuer auszu» bauende und sehr wenig konstante Wasserkräfte vorhanden find.
Die Elekttizitätsgewinnung nach diesem Verfahren wird dadurch noch besonders billig, daß neben dem Kraftgas äußerst wertvolle Nebenprodukte gewonnen werden. Torf enthält, seiner Bildung aus der Pflanze entsprechend, S ti ck st o f f in organischer Form. Dieser <t d;iO|f ist leicht bydrolisierbar, d. h. er kann durch Wafferdampf in Ammoniak verwandelt werden. Die angewandte Mechode ermöglicht es gegenwärtig, bis ca. 85 Prozent des im Torfe enthaltenen Stickstoffes technisch zu gewinnen und zur Herstellung von schwefelsaurem Ammoniak zu verarbeiten und somit ein für die Landwirtschaft außerordentlich wertvolles bewährtes Düngemittel zu schaffen. Dieses Verfahren, dessen Anwendung nur in sehr großem Maßstabe empfehlenswert ist, erhebt die Moore in die Reihe der wichtigsten Elekttizüäts- und Kraftquellen.
Mit der Lösung der Frage der Ausnutzung der Moore als Kraftquelle wird auch noch ein zweites Problem der Lösung näher gebracht: die Versorgung der deutschen Landwirtschaft mit billigen, im Jnlande hergestellten stickstoffhaltigen Düngemitteln. Die deutsche Landwirtschaft braucht jährlich etwa für 300 Mßionen Mark künstliche stickstoffhaltige Düngemittel, und von diesen muffen für ca. 150 Mill. Mark aus dem Auslände, fast ausschließlich in Form von Salpeter, bezogen werden.
Die Einführung der Elekttizttät in der Landwirtschaft dürfte bei der dünnen Bevölkerung besonders vorteilhaft sein. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist auch die Schaffung neuer Ansiedlungsmöglich- ketten für ländliche Arbeiter. Die Ausnutzung der in Mooren gebundenen Kraftvorräte erfordert ein inniges Zusammenarbeiten der Landwirtschaft und Industrie. Sie ermöglicht auch eine gesunde und wirtschaftliche Ansiedlung eines großen Bevölkerungszuwachses unb nicht minder e'.ne hygienische Ausgs. ftaltung landwirtschaftlicher und industrieller Betrieb«,
100 Jahre Berliner Studentenleben.
Aus Anlaß des Berliner Universitärsjubiläums.
Von Egon Noska.
(Nachdruck verboten.)
Wie die Geschichtsschreiber sehr oft, wenn sie das Schicksal der Staaten schildern, darüber zu berichten vergessen, welcher Anteil die Völker an der Wandlung dieses Schicksals hatten, und oft nur Fürsten-Geschich- ten schreiben, so ist's ähnlich mit der Geschichte der Universitäten bie meist als eine Gelehrten- und Pro- fefforen-Geschichte geschildert wird. Vom Treiben der Studenten ist dabei selten die Rede.
Unb doch hat jede Universität ihr typisches Stuben» tenleben, wenn auch bies heute für Berlin nicht mehr in dem Maße zutrifft, wie ehebem unb nicht so, wie hei anberen Universitäten des Deutschen Reiches.
Der Berliner Student hatte sogar seine spezifischen Berliner Studentenlieber. „Und nach Berolin ziehn wir alle hin, mb nach Berolin »ichn wir hin. Rabobumschin", fang man schon ums Jichr 1817. Wohl ein Menschenalter später, als die Stürme bes tollen Jahres sich gelegt hatten, da kam jenes originelle Studentenlied vom „Kaufmann, der sich Schulze nennt, auf, ein Lied, bas heute wohl noch manchem geläufig ist, denn nach diesem Liede lebt dieser Kaufmann Schulze
in Berlin noch heut.
Ein jedes Kind den Mann wohl kennt Als fleißig und gescheut.
Um sechs sitzt er am Arbeitstisch, Denn fein Geschäft ist groß, Und arbeit’t munter dann uns frisch Den ganzen Tag drauf los."
Um 7 Uhr aber schließt Herr Schulze sein Kontor, geht ins Kaffeehaus, trinkt seine 10 bis 12 Glas Grok und geht um 12 Uhr im„größten Braus" nach Hause. Eines Abends aber regnete es sehr stark, unb:
„Als er nun kam ans Trottoir
Der Friebrichstraßcn-Ecke,
Da fiel Herr Schulze, so lang er war, In tiefen, tiefen Dr . . ."
Am selbigen Abend hatte aber auch ein Student, der eben aus Halle gekommen, nach gutem, altem Burschenbrauch „g.soffen ohne End*. Der konmtt an jene
weisen und damit von leichtsinniger Veräußemng des- selben zugunsten moderner Dutzendware abhalten, dann
aber soll sie das bäuerliche Handwerk erhalten und fördern. , „ „ .. .
Ein gutes Hilfsmittel zur Errerchung aller dieser Ziele kann auch das Dorfmuseum sein eine Sammlung praktischer, gediegener und schöner -öcobel, Geräte, Geschirre, Schmucksachen, kurzweg Gegenstände aller Art, bie ben Stempel der Bodenständigkeit tragen und unbillrgertoeise der Vergessenheit anheimzufallen drohen. , , .
Was insbesondere das teilwerse fchon ganz m ben Bann ber unsoliden „Moderne" geratene Dorfhandwerk betrifft, so ist es im Wege dec Belehrung über seine eigentlichen Zwecke aufzuklären und durch entsprechenden Zeichenunterricht sowie durch Einführung in die A est h etik und in dre Geheimnisse der neuen Technik wieder auf eine höhere totufe zu bringen. Diese Aufgaben sind von den kunstgewerblichen Fachschulen, deren wir gegen 70 besitzen, in ungleich höherm Matze wie bisher zu übernehmen und zu lösen. Die meisten dieser Anstalten sehen leider von einer Berücksichtigung der ländlichen Eigenart überhaupt ab; eine löbliche Ausnahme btt- bea hier bie Schnitz- und Webeschulen in Flensburg und Scherrebeck.
Neben die Fachschulen hat der von Gewerbeschulen ober durch fachkundige Künstler veranstaltete und geleitete Wanderkursus zu treten, der auch durch Ausstellung von Mustergegenständen die Geschmacksrichtung des Dorfhandwerkers in gewollter Weise beeinflussen und zur selbständigen Weiterentwicklung anregen würde. Ueberhaupt mützte bei großen städtischen Ausstellungen der Bauernkunst, etwa durch Einräumung einer besonderen Abteilung, systematisch mehr Beachtung und Pflege entgegengebracht werden. Wie aus den wenigen bisher hierin gemachten Versuchen deutlich ersichtlich, wird dadurch das Allgemeinintereffe der gebildeten unb leitenben Kreise gewaltig gefordert. Der Zug unserer Zett strebt glücklicherweise im ganzen nach Zweckmäßigkeit unb natürlicher Gediegenheit, wie aus allen gewerblichen Schöpfungen der Neuzeit abzunehmen ist, und die alte >ast in Vergessenheit geratene Bauernkunst ist nicht zuletzt geeignet, zu diesen gesunden Zielen die Wege zu weisen.
Daß zur Erreichung der genannten Maßnahmen bie ibeelle und materielle Unterstützung aller Geknl- deten und Berufenen sowie Bemittelten unbedingt erforderlich ist, bedarf kaum des Hinweises. In erftet Linie müßten es sich auch bie Landkreise angelegen sein lassen, durch § ergäbe von Stubiengeldern ihren Dors- hanbwerkern ben Besuch ber Fach- und Gewerbeschulen nach Kräften zu ermöglichen und ihnen auch die Wege zu den übrigen Bildungsgelegenheiten dieser Art freizugeben. In einigen wenigen Fällen, z. B. in Bitburg, das jährlich bie freilich nur geringe Summe von 600 Mark für diese Zwecke zur Verfügung stellt, ist man in diesem Sinne bereits vorgegangen und eS steht zu hoffen, daß man bald in allgemeinerer Form diesen Beispielen zum Besten der Heimatpflege auf dem Lande folgen wird.
Nicht unrichtig auch ist's, wenn man vom Leben der Studenten spricht, die rein materiellen Dinge zu erwähnen, ihre Verpflegung. Felix Dahn spricht von seiner „Fütterung", die sich in einem Speisehaus an der Königstraße vollzog, wo es „in Vorausbezahlung für einen Monat — man erhielt stark abgegessene Speisemarken — 4 Silbergroschen kostete". Dahn, bei dem freilich bajuvartfche Antipathien gegen die norddeutsche Küche mitsprachen, fand dieses Essen einfach schlecht. Ein anderes, damals viel frequentiertes Stu- dentenspeisebaus war ein Restaurant von Kothe, wo man ebenfalls Speisemarken erhielt, unb es knüpft sich hieran eine drollige Begebenheit. Ein Student, der vom Sängerfest zu Eberswalde im Jahre 1850 heimkehrte, wies beim Eintritt in bie Stadt, wo man sich damals noch zu legitimieren hatte, in Ermangelung einer anderen Legitimation, seine Speisekarte von Kothe vor. Man glaubte, er wolle sich einen Studentenulk erlauben und nahm die Sache krumm. Er mußte nun auf die Wache, wo sich bann ergab, daß Bruder Studio in gutem Glauben gehandelt unb wo man ihn bald toieber entließ.
In späterer Zeit, bis vor wenigen Jahren, warm die „Akademischen Bierhallen" das meist besuchte Speisehaus der Studenten, und der Inhaber, Möller, war eine ungemein populäre Persönlichkeit in ber Berliner Studentenwclt. Manch drolliges Geschicht- chen wird von diesem trefflichen Studentenwirt erzählt, und unvergessen mag es ihm fein, daß, als man ihm riet, statt des Brotes, das auch dort, wie in vielen Berliner Restaurants, wahllos in Brotkörben frei zur Benutzung stand, zu jedem Kuvert nur ein Brötchen zu verabreichen, er dies entrüstet zurückwies; „seine Studenten" sollten sich tüchttg satt essen können.
Natürlich aßen wohl auch nicht selten Studenten bei ihren Wirtinnen, wie das auch Max Ring mit feinem Landsmann Ludwig Traube, dem späteren berühmten Klinfler, tat. Eines Tages, nachdem Traube ein frisches Kalbsgehirn unter dem Mikroskop untersucht hatte, setzten sie sich wie gewöhnlich zum Mittagessen. Da erhielten sie ein Ragout, das ihnen recht verträchttg vorkam. Unb da ergab sich, daß ber von Traube mit seinen anatomischen Messern sezierte Kalbskopf ihnen als Ragout serviert worden war. Natürlich sahen sich die beiden Studenten bald nach einer anderen Wohnung um.
Ob man aber zu Hause ober im Speisehaus aß, Kaffee ober Schokolabe trank man in ber Konditorei, und es war nur die Frage, ob man das bei Stebely oder Spacganapani tat. Auch diese beiden Altberliner Ersrrschungsstätten nehmen einen nicht geringen Raum ein im Berliner Studentenleben früherer Zett, und bie heutigen Caftzs, in denen da und dort wohl Berliner Studenten verkehren, haben keineswegs jene Bedeutung erlangt für die Gesamtheit ber Berliner Studenten, die ftellich eine so große geworden ist, daß überhaupt ein enger Zusammenschluß an einer Stätte heute unmöglich geworden ist.
Und nach abermals hundert Jahren?!
benten Herrn von Hülsen vor seiner Wohnung in der Französischen Straße eine Katzenmusik. Der in so eigentümlicher Weise Geehrte tat das einzig Richtige in solchem Falle, er grüßte die Studenten vom Fenster seiner Wohnung und sprach ihnen in einer ironischen Ansprache feine Erkenntlichkeit aus.
Geringer war übrigens in früheren Zeiten die Einmischung der Studenten in politische Angelegenheiten. Die Berliner Studenten fangen wohl das Konstabuler-Lied „O welch ein Gluck doch ein Kon- ftabulor zu sein", ober bie Demagogenoersolgungen hatten sie doch so weit eingeschüchtert, nicht selbst Politik zu treiben, und selbst bei den Unruhen des Jahres 1848 toaren die Studenten hier in geringerem Maße beteiligt, als in anderen Orten. Im Anfang der fünfziger Jahre hielten sich die Studenten nach Julius Robenbergs Mitteilungen ganz fern von der Politik. Sie lasen in Lesekränzchen mit verteilten Rollen, sie legten zartsinnig einem beliebten Professor einen Blumenstrauß auf das Pult seines Lesestuhls und besuchten Konzerte, deren es natürlich damals nur wenige gab.
Schon zu Max Rings Zeiten schwärmten die Studenten für bie Gartenlokale Odeum ober Kemperhof (jetzt Viktortastraße), wo man sich bei einem Glase Bier und den Klängen einer mittelmäßigen Milttär- mckpk, welche auch klassische Musik auf Blasinstrumenten (!) vortrug, unterhielt.
Dabei freilich gedachte man auch ber Arbeit und des bevorstehenden Examens. Ring erzählt: „Je näher aber ber gefürchtete Termin heranrückte, desto mehr wurde gearbeitet. Selbst während des Essens gönnten wir uns keine Ruhe and examinierten uns gegenseitig. Des Nachts träumte ich von einem schmählichen Durchfallen; ich litt wahre Höllenqualen, die sich noch heute nach nahezu sechzig Jahren in meinen Träumen wiederholen. Unsere ganze Unterhaltung, alle unsere Gespräche drehten sich um die Prüfung unb unsere Examinatoren, deren Strenge ein bekannter Vers charakterisierte:
Wer sich nicht stößt an den Ecken (Professor Eck), Wer nicht bleibt im Kothe stecken (Geheimrat Kothe), Wer glücklich kommt durch den Hefen Bach (Difsenbach) Den frißt doch ber Wolf hintennach (Geheimrat Wolf).
Der letztere, ber ganz besonders wegen seiner un- nachsichtlichen Strenge ti errufen war, machte hierzu die boshafte witzige Bemerkung: „Der Wolf frißt
Auswanderer toaren bibelfest unb sollen das Land, in dem sie ein neues Heim fanden, „La terre de Moab (das Land Moab) genannt haben. Dabei schwebte ihnen das Land ber Moabiter jenseits des ^ordans vor in dem bie wandernden Israeliten lange Zett hatten warten müssen, bevor ihnen der Einzug ms Land ber Verheißung gestattet würbe. Andere meinen, daß jene französischen Kolonisten, weil das ihnen überwiesene Land völlig unfruchtbar war und well auf ihm die Maulbeerbäume für die Seidenzucht nicht gedeihen wollten, die Gegend „La terre maudite', b. h. „Verwünschtes Land", genannt hatten Bis ms 19 Jahrhundert hinein war Moabit ein A-orf. -^m Jahre 1847 entstand hier die große Borsigsche Ma- schinenfabrck, der sich in ben nächsten Jahren andere aewerbliche Unternehmungen anreihten. Im <?ahre 1862 wurde Moabit in Berlin eintierleibt. Es wurde ein Zellengefängnis dorthin verlegt, später kam auch der Justizpalast hinzu, und seitdem ist die Bezeichnung „Moabit" in Berlin sprichwörtlich geworden für Gerichtsstätte. ,
Die jetzigen Unruhen sind nicht die ersten, bte sich in dieser Gegend abgespielt haben. Bekannt in der Berliner Geschichte ist der „Moabiter Kloster- sturm", ber am 16 August 1869 stattsand. Arn 4. August 1869 hatte in Moabit in der Turmstratze, bie auch jetzt wieder ein Hauptschauplatz ber Unruhen war, die Einweihung einer kleinen katholischen Kirche stattgefunden In der Festrede war zum Ausdruck gebracht worben, baß sich Dominikaner in Moabit meder- lassen würden. Die „liberalen" Berliner wollten jedoch nicht dulden, baß in der „protestantischen Hauptstadt" ein Kloster bestände. In vielen Volksversammlungen wurde die Angelegenheit besprochen unb am 8. August wurde die katholische Geistlichkeit von einer Volksmenge vertrieben. Am Nachmittag des 16. August kam es zu einem regelrechten Angriff auf bie Niederlassung. Die Volksmenge erstürmte die Kapelle unb zerstörte sie zum Teil. Auch damals wurden mehrere Polizeioffiziere und eine Anzahl Schutzleute durch (Steintoiirfe erheblich verletzt. Die Versuche, ben „Klostersturm" zu wiederholen, wurden in der nächsten Zeit unterdrückt, und das Kloster stand bis Anfang September unter polizeilichem Schutz. Der Moabiter Klostersturm kündigte den kommenden Kulturkampf an.
= Moabit.
Di« verbreitetste Erklärung für bie Entstehung des Namens des ehemaligen Dorfes und jetzigen Berliner Stabttcitä, der jüngst eine so traurige Rolle gespielt hat, ist folgende: Die Gegend war früher eine Sand- wüste. Die ersten Häuser wurden hier unter dem ersten Könige von Preußen errichtet für die Arbeiter mehrerer Pulvermagazine. Friedrich Wilhelm I. überwies dann einen Teil des Landes ftanzösischen Aus- getoanberten zum Betriebe des Seidenbaues. Die
„Herr Schulze! nun der Studio rief, Das freut mich, lieber Mann, Daß ich hier den Empfehlimgsbrief Gleich übergeben kann."
Die Nutzanwendung dieser merkwürdigen Auffindung des Herrn Schulze liegt in dem sprichwörtlich gewordenen Schluß: „Denn schöne Seelen finden sich zu Wasser unb zu Land."
Aber von den Berliner Studenten wäre noch mancherlei Interessantes zu berichten. Wo gäbe es noch eine Studentenschaft, die sozusagen in corpore mit einer berühmten Frau in Verbindung gestanden hat? Diese berühmte Frau war die Gatttn Arnims, Bettina, das Kind, das sogar den Berliner Studenten aus Dankbarkeit ein Buch gewidmet hat. Es war zu Ende der dreißiger Jahre, als Bettina an ihrem Buche „Die Gründerode" arbeitete. Sie hatte einigen Studenten, die in ihrem Hause verkehrten, einige Stellen daraus vorgelesen, und die Studenten beschlossen, der geistreichen Frau, die wegen ihres Kokettierens mit demokratischen Anschauungen bei den Studenten sehr beliebt war, eine Huldigung darzubringen unb ihr zu diesem Zwecke ein Album zu überreichen, welches Bettina und „Die Gründerode" verherrlichen sollte. Ein talentvoller Zeichner unter ben Studenten entwarf das Titelbild: auf einem mittelalterlichen Burgsöller mit der Aussicht auf den tiorbeifließenden Rhein saß Bettina, zu ihren Füßen ihre schöne, unglückliche Freundin, der sie die langen, aufgelösten Haare flocht. Dazu hatte ein poesiebeflissener Student einige passende Verse gedichtet. Gerührt und erfreut von dieser Aufmerksamkeit, widmete bann Bettina ihr Buch ben Studenten.
Max Ring, ber davon berichtet, erzählt auch noch .„ancherlei andere hübsche Dinge aus dem Berliner Studentenleben jener Tage. So erzählt er tion ber beispiellosen Beliebtheit des Pcoftssors Gans, der währenb eines Diners beim Mathematiker Dirichlot vom Schlage gerührt und noch lebend dann in seine Wohnung gebracht wurde, wo Tag und Nacht Studenten an dem Lager des Sterbenden wachten, bis er die Augen schloß. Ring schilderte, welchen großen Einfluß Gans auf bie ftubierenbe Jugend ausübte und mit welcher Begeisterung diese an ihm hing. So wurde ihm nach Schluß seiner Kollegien über die fran- zSsische Revolution vor ferner Wohnung eine feierliche Ovation gebracht. ,
Wie die Studenten im Parterre des Hoftheaters den Ton angaben, erzählt uns ebenfalls «tina e,n echt drolliger Studentenweise geschah dies be der Erlttm fuhwng von L. Rellstabs „Franz von 8-L-? Sn taT®» trat ber Landgraf Phi- ttpp von Hessen in einer unbedeutenden ^bemroBe auf welche von einem ebenso unbedeutenden.^uimeler gegeben wurde. Erst zum Schluffe zeigt ft Held auf ben meist schweigenden Sanbgratc Worten: „Was ich gewollt und erstrebt, oll euch Philipp sagen." Kaum war der Voryanggf ,! riefen bie im Parterre den Ton angeoenben CtuDenten nicht ben Darsteller des Franz von Slckingm, Mvem ben des Landgrafen so lange unb stürmisch, betreffende, von dieser unerwarteten und urwerdienm Ehre überraschte Schauspieler endlich zögernd undoer- lassen erschien. Aus dem Parterre ab« eine tiefe dröhnende Baßstimme: „Was hat yrang »on Sickingen gewollt?" .. -
In späteren Jahren hatten übrigens die Berliner Studenten mit ber Hostheaterleitung mancherlei Kampfe zu bestehen. Herr von Hülsen hatte nämlich bald nach Antritt seiner Theaterleitung den Studenten für beide Hoftheater billigere Plätze zugebilligt, von welcher Wergünsttgung auch gern und zahlreich ^brmlch gemacht wurde. Als dann aber zu Anfang der siebziger Jahre die Studenten mehrmals °stentativeMßsaL lensaußerungen laut werden ließen, wollte He« von Hülsen einen Druck auf sie ausüben und,ließ den Studenten sagen, daß im Falle die Demonstrationen nicht unterblieben, er' die Vergünstigungen ausheben würde. Dies geschah denn auch, als die Stilbenten sich durch die Weisung in ihrer freien Meinungsäußerung nichi.ftören ließen <nc aber brachten die Stu-
Stelle, wo Herr Schulze liegt, stolpert über dessen.
Beine unb kommt neben ihn zu liegen. Erst schimpfen nur Jne Schafe/ sie sich beide aus, bann aber erfährt ber Student Kaufmanns Name: