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M 231
Samstag den 8. Gttober 1910.
37. Jahrgang.
« Tuldaer M Leitung *
z. Blatt.
vrua und Verlag der Zuldaer Zktienbrudere# in Sulba.
Die Revolution in Portugal.
Portugal, das jetzt wieder die Augen der Welt auf sich zieht, ist ein verhältnismäßig kleines Land. Wit seinen runb 90 000 Quadratkilometern ist es etwas größer als Bayern. Nach der letzten Volkszählung betrug die Einwohnerzahl einschließlich der Inseln und der Azoren rund 5% Millionen; die Bcvol- kenmg ist fast ausschließlich katholisch. Seit 1826 hat das Land eine konstitutionelle Verfassung. Die Erste Kammer zählt 13 Prälaten, 52 erbliche und 90 vom König auf Lebenszeit ernannte Personen;^ die Abgeordnetenkammer 138 direkt auf 3 Jahre gewählte Mitglieder. Portugal Ivar schon in den ältesten Zeiten der Schauplatz wüster Kümpfe. Römer, Sueben, Westgoten und Araber lösten sich in der Herrschaft ab. 1139 wurde es Königreich unter dem König Alfons von Kastilien, der 1147 Lissabon zu seiner Hauptstadt machte. Die größte Ausdehnung erreichte Portugal um das Jahr 1500, wo es große Besitzungen in Nordafrika und Indien besaß; Lissabon war damals die erste Handelsstadt der Welt. Die ganze folgende Zeit ist durch innere Wirren ausgefüllt. 1755 wurde Lissabon durch ein Erdbeben zerstört, aber glänzender wieder aufgebaut. 1759 ging das Ministerium P om- bal scharf gegen Adel und Geistlichkeit vor und Vertrieb die Jesuiten; auch suchte es, freilich erfolglos, handelspolitisch von England loszukommen. Kaiser Napoleon erklärte 1807 das Haus Braganza für abgesetzt; König Johann floh nach Brasilien und kehrte erst 1821 auf die Aufforderung des Volkes zurück. In demselben Jahre sagte sich Brasilien von Portugal los und rief Pedro, den Sohn des nach Portugal zurückgelehrten Königs, zum Kaiser aus. In Portugal wurde die Verfassung durch den 'zweiten Sohn des Königs, Miguel, abgeschafft, der König Johann mußte auf ein englisches Schiff flüchten; zurückgekehrt, verbannte er Miguel, übertrug ihm aber dennoch bald dir Herrschaft. Die Verfassungs- kämpfe dieser und der folgenden Zeit gaben England und Spanien öfter Gelegenheit, in die Geschicke Portugals einzugreifen.
Im Jahre 1891 führte das Ministerium Dias Ferreira einen Staatsbankerott herbei, indem es die Zinsen der auswärtigen Gläubiger auf ein Drittel herabsetzte. Das gab Anlaß zu Streitigkeiten mit einer Anzahl anderer Mächte, auch Deutschland, die jedoch beigelegt wurden. Der Minister Hmtze-Ri- beiro ging scharf gegen die geistlichen Kongregationen vor und erließ ein neues kirchenfemdliches Wahlgesetz. Der Kampf gegen die Kirche bildete überhaupt ein Lieblingsprogrammpunkt dieses und der folgenden Mi,! isterien. Dabei wuchs die revolutionäre Bewegung ins llngemessene. Das Ministerium Franko sollte vor 2 Jahren diese Bewegung unterdrücken und versuchte es auch mit aller Schärfe. Doch die Revolutionäre arbeiteten um so heftiger auf den Umsturz der Verhältnisse hin, bis bekanntlich am 1. Februar 1908 der König Carlos und der Kronprinz einem Atttentat, das von den Revolutionären ange- stiftel war, zum Opfer fielen. Auch damals stand, wie heute, das Militär und die Marine auf Seite der Republikaner. Bei dem Attentat wurde auch der da- nialiue Jnfant, spiütere König Manuel, leicht verwundet.
Der finanzielle Bankerott des Königtums ist mit ein Hauptgrund der Unzufriedenheit in Portugal. Die schon seit Jahrzehnten bestehende Finanznot des Landes verschlimmerte sich von Jahr zu Jahr. 1891 kam es deshalb sogar zu einem Staatsdankerott. Um der Finanznot aufzuhelfen, wurden die Zölle verdoppelt, Gehälter und Pensionen nicht mehr voll ausbezahlt usw. Diese Zerrüttung der Finanzen schrieb das Volk auf das Konto Englands und haßte seinen eigenen König wegen seiner englandfreuudlichen Politik; Portugal war durch Verträge so an England angekettet, oaß dieses tatsächlich eine Art Protektorat über das Land ausübte; englische Waren wurden in Portugal fast zollfrei eingeführt; England beherrscht die Märkte Portugals fast vollständig; auch die besten Weinberge sind in englischem Besitz. So verarmte Portugal immer mehr, zumal auch der aftikanische Kolonialbesitz von England wirtschaftlich beherrscht wird. Die allgemeine Unzufriedenheit wurde noch gesteigert durch Die Schulden der Zivilliste. Die königliche Familie schuldet nämlich Dem Lande an Vorschüssen, die ihr entgegen den ausdrücklichen Bestimmungen der Verfaffung von gefälligen Ministern bewilligt worden sind, die Summe von 27% Mill.
Franks. Von dieser Summe entfallen 9 Millionen in die Regierungszeit des Königs Ludwig, des Großvaters des letzten Königs, der am 19. Oktober 1889 starb Ter Rest von 18% Millionen Franks stellt die Vervslichtungen dar, die" von König Carlos, Tom Manuels Vater, etngegangen wurden. König Carlos cheint kaum daran gedacht zu haben, seine Schulden und d>e seines Vorgängers zu tilgen, denn noch drei Monate vor seinem Tode wußte er den Diktator Franko zu bewegen, ihm eine Summe von 1 Million Franks als Vorschuß zu gewähren. Dabei bezieht der König eme Zivclliste von 18,250,000 Franks, d. h. 50,000 Franks pro Tag. Der Versuch, die Schulden der Zivilliste dadurch zu tilgen, daß 10 Prozent dieser Summe zur Tilgung benutzt würden, ist gescheitert. — Unter solchen Umständen ist es verständlich, daß die Revolutionäre an Anhang im Volke gewinnen konnten und die zersetzende Wühlarbeit der kirchenfeindlichen Parteien, vor allem der im Finstern mit unheimlicher Geschäftigkeit arbeitenden Freimaurerei, welche nur zu gern auch in Portugal gegen den Einfluß der Kirche dem „freien Gedanken" zum Siege verhelfen wollte, nicht den genügenben Widerstand fanden.
Theophil Braga, der provisorische Präsident, hat hi der republikanischen Partei seit langem eine bedeutende Rolle gespielt. Man führt auf ihn wie seinen Parteigenossen Dr. B Machode die Zurückhaltung zurück, welche die Partei vor zwei Jahren bewies, indem sie nach der Ermordung des vorigen Königs und des Kronprinzen noch nicht die Republik erklären ließ, sondern statt besten durch Gründung von Parteischulen und ähnliche Maßnahmen ihre Tätigkeit fortsetzte, das Volk zu demokratisieren. Braga hat diese abwartende, aber gleichwohl zäh energische Taktik auch im Parlament mit gutem Erfolg durchzusetzen verstanden. Braga, der jetzt 67 Jahre zählt, ist ein guter Gelehrter, Dichter und Schriftsteller von Weltruf. Sein internationales Ansehen begründeten seine literar-historischen Arbeiten. Sie verschafften ihm im Jahre 1872 einen Lehrstuhl für portugiesische Literatur in Lissabon. Großes Verdienst erwarb sich Braga durch zahlreiche volkskundliche Arbeiten; schon als Student begann er mit der Sammlung von Volksliedern und Romanzen.
W. Madrid, 7. Okt. 1910. In der spanischen Kammer brachte der Republikaner Azrarate die Vorgänge in Portugal zur Sprache. Er verlangte vor allem seitens der Regierung strenge Neutralität unö beklagte sich, daß es den spanische,: Republikanern nicht gestattet werde, ihre Sympathie für die Pottu- oiesische Republik kund zu tun. — Ministerpräsident Canalejas erwiderte: Die Regierung erhielt aus Lisiabon so widersprechende Nachrichten, daß sie die Proklamierung der Republik nicht als enbgittige Tatsache ansehen könne; es erhielten sich Gerüchte, daß es in Lisiabon neuerlich zu Kämpfen gekommen sei, da die königstreuen Truppen verstärkt worden seien. Die Regierung erhielt ferner von keiner offiziellen Persönlichkeit irgendeine Nachrilht über den Wechsel bet Regierungsform. Spanien müsse sich bähet darauf beschränken, die Ereignisse in Portugal als eine aufständische Bewegung zu betrachten, Deren Ergebnis noch unbekannt ist. Wenn die neue Regietungsform sich enbgittig konsolidieren sollte, würde sie Spanien anerkennen. Die Kriegsschiffe würden nur zum Schutze der Spanier entsandt, Truppen würden an der Grenze keineswegs zusammengezogen.
Deutsches Reich.
* Nur ja keine Religion! Wir lesen in der freisinnigen,Voff. Ztg/:
Tie religiöse Rekrutenfürsorge bildet seit Monaten eine stehende Rubrik in Zentrumsblättern. Es handelt sich um jesuitische Exerzitien, um die Einführung in die „Exerzitien des Heiligen Ignatius von Loyola". Sogar in's Ausland werden die deutschen Soldaten gelockt, um dort durch die Exerzitien mit jesuitischem Geiste erfüllt zu werden. In der Kölnischen BolksztgL vom 21. September (Nr. 795) heißt es unter „Kirchliches"': „Zu den am Samstag abend hier im Miffionshause (zu Steyl in Holland) begonnenen Exerzitien für Rekruten fanden sich deren rund 170 ein. Die Veranstaltung der Exerzilien erfolgte hier zum ersten Male, und zwar, weil im Exerzitienhause in Viersen die Anmeldungen so zahlreich geworden waren, daß nicht alle mehr Berücksichtigung finden konnten. Es ist das ein erfreuliches Zeichen der Relruten- fürsorge." — Nach unserer Meinung ist es vielmehr ein höchst unerfreuliches Zerchen, daß der
Ultramontanismus seinen Fuß auch in das deutsche Heer setzt. Hiergegen Vorkehrungen zu treffen, sollte die Militärverwaltung ernstlcch bemüht sein.
Aehnliches liest man öfters in liberalen Blättern. Jeder, der sich nur einigermaßen um die Dinge bekümmert hat, weiß, daß es sich lediglich um religiöse Einwirkung auf die Rekruten handelt, die einer für ihr sittliches und religiöses Leben sehr gefährlichen Zeit entgegengehen. Aber unsere Liberalen nehmen nun einmal an allem, was nach Religion schmeckt, Anstoß. Darum ist die religiöse Rekrutenfürsorge em höchst unerfreuliches Zeichen. Mit der albernen Phrase, daß der „Ultramontanismus" „seinen Fuß in das deutsche Heer setze", will man den eigenen Religionshaß beschönigen. Glicht der „Ultramontanismus" ist es, sagt mit Recht dre „Germ.", was der liberalen Presse hier mißfällt, sondern die Religion überhaupt. Lieber mögen die jungen Leute der Sozialdemokratie oder der Unsitllichkeit anheimfallen, als daß sie durch religiöse Einflüsse vor Gefahren bewahrt werden.
s Der Kolonialkongreß hat in den verschiedenen Sektionen fleißig gearbeitet. Uder anderem wurden die Frage der Schlaflrankheit, die Rechtsverhältniffe der Eingeborenen und das Siedlungsproblem behandelt. In der 4. Sektion, die sich mit den religiösen und kulturellen Verhältnissen in den Kolonien beschäf- tigt sprachen Missionsinspektor Lic. Ar en selb über die Ausbreitung des Islam, Profeffor C. H. Becker (Hamburg) über Staat und Mission in der Jslam- frage und P. Rektor Hubert Hansen (Wien) über das Thema: „Welche Aufgaben stellt die Ausbreitung des Islam den Missionen und Ansiedlern in den deutschen Kolonien?" Alle drei Redner sehen in der Misstonstätigkett eine Schutzwehr gegen die Ausbreitung des die Deutsche Kolonisation hemmenden, ja bekämpfenden und gefährdenden Islam. Der zweite Redner empfahl jedoch daneben eine strikte Neutralität, ja ein passives Wohlwollen dem Islam gegenüber. In der Diskussion fand die Stellungnahme dieses zweiten Referenten scharfe Anfechtung. Im allgemeinen zeigte sich Einverständnis darüber, daß in der Bekämpfung des Islam Regierung und Missionen einträchtig zusammengehen müssen, weil ihnen von dem Islam auch eine gemeinsame Gefahr droht.
Ein Diskussionsredner, der es unangenehm empfand, daß die Stellungnahme zum Islam mehr einem Mis- sionskongreß als einem Kolonialkongreß entspreche, und der grundiätzlich sich für Trennung von Staat und Kirche, also auch vom Staat und Mission anssvrach, fand geringen Anklang. Justizrat Karl Bachem-Steglitz erklärte sich mit der Grundauffassung des zweiten Referenten nicht einverstanden. Wenn wir kolonisieren wollen, dürfen wir nicht abgehen von den sittlichen Gruidlagen, die uns überhaupt zur Kolonisation berechtigen, diese Grundlage kann nur die christliche Kultur fern. Die Verwirklichung der von Prof. Becker geforderten wohlwollenden Jslamspolitik würde ein Kap tulieren vor dem Islam bedeuten. Der Moslem wird niemals ein staatstreues Element in unseren Kolonien werden. P. Froberger-Trier: Die Missionen schützen nicht nur die religiösen, sondern auch die staatlichen und politischen Interessen, wenn sie den Islam bekämpfen. Besonders notwendig ist das Studium des Islam nach der kulturellen Seite. Ein Liebäugeln mit dem Islam würde die größte Gefahr für die staatliche Herrschaft bedeuten. In Eingeborenenkreisen ist vielfach der Eindruck, daß die Beamten den Uebertritt zum Islam wünschten, daß also der Islam Siaatsreligion sei. Prof. Becker meinte, daß die Moha- rnedaner loyale Untertanen werden würden. Aus langjähriger Erfahrung in Nordasrika weiß ich aber, daß die seit 80 Jahren unter französischer Herrschaft stehenden Moharnedaner alles andere als staatstreu sind. P. Acker-Knechtstaden hat 18 Jahre lang den Islam in Ostafrika kennen gelernt, aber er hat von all dem Guten, das Prof. Becker ihm nachgesagt hat, nichts gemerkt. Die Moharnedaner haben dem Neger nichts Gutes gebracht. Wenn wir ein Kompromiß schließen wollen, dann sagen die Moharnedaner, daß wir Angst vor ihnen hätten. Zum Schluß der Debatte sprach P. Kilian-Ehrenbreitstein ein Wort des Frieden >.: Keine Trennung von Staat und Mission, die Misstonarr draußen sammeln Erfahrungen für unsere Kolonialpolitik.
Es wurde bann eine von den drei Referenten unterzeichnete Resolution angenommen, welche auf bas Dringenbste das Studium und die Beachtung der vom Islam drohenden großen Gefahr empfiehlt, weiter fordert, alles zu vermeiden, das zur Förderung des Is
lams und zur Benachteiligung des Christentums füh, ren könnte, und schließlich amtliche Förderung der Tätigkeit der Missionare auf dem Gebiet der Schul- und Gesundheitspflege empfichll.
»♦ Malmedy, 5. Ott 1910. Auf dem hier abgehaltenen Zentrumsparteitage für den Reg.- Bez. Aachen wurde nach einem Vortrage des Abg. Lehrer Kestemich eine Resolution beschlossen, worm die konfessionelle Schule als bester Hort des konfessionellen Friedens und feste Stütze für Thron und Altar verlangt, jede Schmälemng des kirchlichen Ein- lusses zurückgewiesen und jeder Versuch, die geisÜiche Ortsschulinspektion zu beseitigen, verurteilt, insbesondere deshalb auch das sogenannte Rektoren- chstem in seiner säst allgemein bestehenden Form, b. h. nsoscrn es bie Aufhebung ber geistlichen Ortsschul- inspekiion zur Folge hat, verworfen wird. Weiter wird die Heranbildung der Lehrer in konfessionellen Lehrerseminaren sowie bie Einführung bes obligatorischen Religionsunterrichtes in Fortbildungsschulen verlangt und zum Schluß auf die Pflicht eines jeden christl. Mannes hingewiesen, bei allen kommunalen Wahlen nur solchen Männern die Stimme zu geben, bie entschiedene Anhänger ber konfessionellen Schule sind und sich bereit erklären, den christlichen Geist auf diese Weise zum allgemeinen Wohl zu fördern.
München, 6. Okt. 1910. Gegen den Bezirks- amtmannGötz, der zugleich Landtagsabgeordneter, für den niederrheinischen Wahlkreis Viechtach ist, wird zurzeit in der bayerischen liberalen Presse ein Haberfeldtreiben veranstaltet. Er hatte nämlich die Kühnheit, im Pfarrhause anwesend zu sein, als der Drucker der dortigen Zeitung eingeladen war zu einer Besprechung wegen seines Blattes. Bei der letzten Landtagswahl hatte nämlich der Verleger sein Blatt in den Dienst der freisinnigen Volks- partei gestellt und obwohl er auch zugteich Verleger des Amtsblattes ist, gegen den Zentrumskandidaten, Bezirksamtmann Götz gekämpft. Die Zentrumspartei hatte nun die Absicht, ein eigenes Blatt tn Viechtach zu gründen, machte aber vorher dem Verleger Mitteilung, damit er wußte, woran er sei. Der Verleger hat, wohl um die Konkurrenz abzuwenden, erklärt, lieber das Blatt nicht mehr in den Dienst der Fortschrittlichen Volkspartei zu stellen. Die Anwesenheit des Vorstandes des Bezirks wird nun als unerhörter Druck auf den Verleger aufgelegt. Götz hatte ausdrücklich in einer Zuschrift an die A. A. erklärt, daß er auch nicht einmal daran gedacht, geschweige davon gesprochen habe, dem Verleger das Amtsblatt zu entziehen oder auf ihn einen Druck auszuüben. Trotzdem setzt die liberale Presse ihre Hetze gegen den Abg. Götz fort und kündigt an, daß die Liberalen in der Abgeordnetenkammer den Minister befragen werden, „was er von den Irrungen und Wirrungen seines Vertreters im Bezirk Viechtach denkt" und wie er für ähnliche zukünftige Fälle vorkehren will. Was die Liberalen vorhaben, ist Kinderei. Der Abg. Götz ist für das, was er als Parteimann und Abgeordneter seines Wahlkreises tut, niemanden Rechenschaft schuldig. Solange er seine amtliche Stellung nicht mißbraucht — und das ist in keinerlei Weise geschehen — hat ihm eine parteipolitische Aktion kein Mensch etwas emzureden. Der Fall zeigt wieder, wie unduldsam der Liberalismus ist. Für seine Anhänger verlangt er die vollste politische Freiheit, andere aber denunziert er bei der vorgesetzten Behörde I — Ein Streik der Gütermetz ger wird in der „Augsb. Abendztg." vom Güterhändler Guggen- heimer in Augsburg angerregt. Der Mann hat sein Gewerbe bereits adgemeldet und wünscht, daß die anderen Gütermetzger dieses schöne Beispiel nachahmen. Guggenheimer ist fest überzeugt, daß seine Geschäftskollegen ebenfalls streiken werden, „da wir doch nicht zu arbeiten beabsichtigen, um anderen die Gelegenheit zu geben, sich fernerhin ins warme Nest zu legen." Der Ausruf Guggenheimers scheint uns ein Beweis dafür zu sein, daß das neue bayerische Güterzertrümmerungsgesetz nach den Beschlüssen der Kammer gut aussallen ist, sonst würden die Gütermetzger nicht die Flinte ins Korn werfen. _ Vor einiger Zeit hat es geheißen, daß die Güterhändler bezw. ihre juristischen Berater ein Mittel entdeckt hätten, durch die Maschen des Gesetzes hindurchzu- schlüpfen. Daraus scheint nach dem Aufruf Guggenheimers nichts geworden zu sein. So befinden sich nun diese verfolgten Menschenfreunde in einer recht üblen Sage. Um den Schachzug der Güterhändler
Um Ehre und Recht.
38] Roman von O. Elster.
„Nein, ich danke. Ihr Wein ist ja ganz gut, aber für meine ausgepichte Kehle zu fanftmütig. Im „Weißen Roß" in Hambach werbe ich mir selbst ein Getränk mischen, bas ein wenig stärker brennt — Herrgott, werden die Leute Augen machen, wenn ich mit meinen Hundertmarkscheinen herausrücke!"
„Seien Sie vorsichtig . . ."
„Ja, ja — ich werbe schon sehen, daß man mir nicht an den Kragen kommt. Also iwchmals herzlichen Dank und adieu, Herr Bom . . ."
Fritz hielt chn nicht mehr zurück. Er sah den ver- luniiten Menschen in lustiger Stimniung über den Hof taumeln; als er auf der Landstraße verschwunden war, atmete Fritz tief auf. Dann klingelte er.
„Spanne sofort den leichten Jagdwagm an", befahl er dem Kutscher, der zugleich Diener war. „Ich muß in die Stadt fahren, du kannst mich begleiten, da ich längere Zett bei Doktor Fischer zu tun habe . ."
Im „Weißen Roß" zu Hainbach ging es in diesen Tagen hoch her. Der ehemalige Förster Rother hatte sich dort einquartiert und ließ bie Goldfüchse springen, daß bie Lerne sich nicht genug wundem konnten. Anfangs hatte Rolher nur eine Nacht im „Weißen Roß" bleiben wollen, um dann nach Hamburg weiter zu reisen, aber er sand gleich am ersten Abend eine luftige Gesellschaft, mit ber et bie Nacht durchzechte und den folgenden Tag bie Zecherei fortsetzte. Es traf sich, daß gerade in diesen Tagen der große Jahrmarkt abgehalten wurde, der aus dem früheren Kirchweihfest entstanden war. Auf dem Dorfanger reihte sich Bude an Bude, Zelt an Zelt Da gab es Karussels und Schießbuden, Schnellphotographen und Akrobaten, Menagerie und russische Schaukel, und in dem großen Zelte, daß der Witt voni „Weißen Roß" ausgeschlagen, wurde die Nächte hindurch getanzt. Da fand benn Rother genug lustige Gesellschaft, zumal er mit dem Gelbe nicht spatte.
I Als aber nach brei Tagen der Festtrubel verrauscht $ar und die Alltagsstimmung sich tvieber geltend
machte, die Zelte und Budm abgetragen wurden und bie fahrenden Leute des Jahrmarktes weiterzogen, da war auch für Rother bie Zeit gekommen, zu verschwinden, denn schon war die Gendarmerie auf ihn aufmerksam geworden, well er soviel Geld gezeigt hatte.
Er fühlte, daß er überwacht wurde, und eines Morgens erklätte er dem Witt zum „Weißen Roß", daß er am mittag abzureisen gedenke.
„Gebt mir vorerst aber noch ein ordentliches Frühstück, Schinken mit Eiern, und eine Flasche von Eurem alten Nordhäuser Schnaps — mir ist der Kopf noch ganz wüst von gestem abend."
Der Witt brachte das Verlangte und Rocher stürzte sosott ein Glas des stacken Branntweins hinunter.
„Es war ein Herr da, der nach Ihnen fragte," sagte der Witt.
„Ein Herr? — Etwa Herr Bom au8 Neuhof?"
„Rein, Herr von Prokvwsky vom Schloß. Er wollte in einer halben Stunde wiedeckommen."
„Mag er — ich bin dann schon unterwegs. Ich habe mtt dem Herm nichts zu verhandeln," brummte Rother und machte sich elligst an fein Frühstück. Er konnte sich jedoch von ber Branntweinflasche nicht trennen, unb halb betrunken saß er noch da, als Stanislaus in das Zttnrner trat
Rother beachtete chn nicht, bis er dicht vor seinem Tische stand.
„Was wollen Sie?" fuhr er auf.
„Mein Name ist Stanislaus von Prokowsky, unb wenn Sie Herr Rother sinb, werden Sie schon wissen, was ich will," entgegnete Stanislaus hochmütig.
„Nichts weiß ich. Ich lernte Sie nicht unb will mit Sfönen nichts zu tun haben .
„Aber Herr Krummacher aus Berlin hat Sie doch an mich gewiesen, um mir ein gewisses Papter zu übergeben, Wenigstens hat mir Kmmmacher baS geschrieben."
„Was geht's mich an? — Ich hab' kein Papier für Sie."
„Aber Sie sollen boch einen Wechsel des Barons Hambach einkaffieren?"
„Freilich — aber sind Sie der Baron Hambach?"
„Nein, aber ich bin zu Ihnen geschickt, um ben Wechsel einzulösen."
„Von wem?"
„Das geht Sie nichts an. Der Wechsel tautet über tausenb Mack — hier ist das Geld, also geben Sie mir den Wechsel."
„Ich hab' keinen Wechsel", sagte Rother brummenb unb nun boch in einiger Verlegenheit.
„Aber Herr Rother — Krummacher hat Ihnen boch das Papier gegeben, um es bei mir einzukassieren. Also machen Sie keine Umstände und geben Sie mir das Papier — hier ist das Geld."
Rother schlug mtt der Faust auf ben Tisch.
„Wenn ich Ihnen aber sage, daß ich bas Papier nicht habe?" schrie er in angenommener Wut.
„Ja — wo ist es benn?"
„Weiß ich's — Ich hab's tierlauft — diskontiert, nennt rnan's bei den Bankiers."
„Aber bas dursten Sie doch nicht!" stieß Stanislaus erschreckt hervor, indem eine fahle Bläffe sein Gesicht überzog. „Dazu hatten Sie kein Recht . .
„Weshalb nicht? Der Wechsel gehörte mit, und da mir Herr Bom ben vollen Betrag bafür gab . . .'
„Was?" schrie Stanislaus in furchtbarem Erschrecken. „Sie haben ben Wechsel an Fritz Bom auf Neuhof verkauft?"
„So ist es," bestätigte Rother unb trank ein Glas Branntwein aus.
Stanislmis schien zu wankm, Totmblässe bedeckte fein Gesicht, seine Knie zittetten und er mußte sich auf die Lehne eines Stuhles stützen, um nicht umzusinken.
„Sie scheinen nicht wohl zu sein, bester Herr," sagte Rother. „Da tttnken Sie ein Glas Branntwein .. ."
SBütenb stieß Stanislaus das Glas zurück.
„SBiffen Sie, daß Sie uns alle in das Verderben gestürzt haben?" schtte er.
„Nanu? — Wieso benn? Ich bin mir keiner Schandtat bewußt. Und übrigens schreien Sie nicht so — die Mittsleute in der Küche nebenan könnten es sonst hören."
„Sie sind ein Schurke!"
„Oho —" Rother richtete sich drohend auf. „Kommen Sie mir so?"
Er reckte seine rauhbchaarte, krallenartige Hand aus, um Stanislaus zu erfassen. Doch dieser wich ihm aus und flüchtete sich zur Tür.
Rother wollte ihm nach, doch bann letzte er sich wieder nieder unb murmelte: „Lassen wir ben Burschen laufen. Recht hatte er ja, ich sollte ihm ben Wechsel bringen. Doch bas ist einerlei — ich habe das Geld, unb bas ist die Hauptsache . . ."
Damtt gab et sich wieder dem Genüsse der Branntweinflasche hin. Dann aber schienen ihm doch Bedenken zu kommen, ob es nicht besser sei, er machte sich frühzeitig aus dem Staube, und plötzlich rief er nach dem Witt, zahlte eilig seine Zeche unb verschwand bann taumelnb durch die Hintertür des Gasthauses unb ben Garten, bie Richtmtg nach dem nahen Walde cinschlagend.
Der Wirt schaute ihn: erstaunt nach. „Der hat es verflucht eilig,* sagte er zu feiner Frau, bie cmfatmenb erwiderte: „Gott fei Dank, daß wir ihn los find! Wer weiß, was er auf dem Kerbholz hat."
Auch Stanislaus hatte bas Dorf verlassen. Er rannte wie ein gehetztes Wild die Landstraße entlang, ohne zu wissen, wohin er eilte. Erschöpft unb atemlos mußte et endlich stehen bleiben. Jetzt bemerkte er, baß er unwillkürlich den Weg nach Neuhof eingeschlagen hatte.
Sollte er das als einen Wink des Schicksals auffassen? Sollte er nach Neuhof gehen, um zu ver- suchen, ob er ben ominösen Wechsel bei Fritz Bom em* lösen konnte?
Er hob enffchlossm ben Kopf. Der Mut oder vielmehr bie Frechheit ber Verzweiflung erfaßte chn, unb mit entschlossenen Schritten machte er sich auf den Weg nach Neuhof. Er war bas Gehen nicht gewohnt unb bie Junisonne strahlte warm von dem wolkenlosen Himmel. Dicke Schweißttopfen perlten über fern Gesicht, bas dunkle Röte überzog.
So langte er fast völlig erschöpft in Neuhof an. Mehrere mit duftendem Heu beladene Wagen hielten vor ber Scheune und wurden unter Aufsicht Boms abgelaben.
(Fortsetzung folgt.)