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* Kardinal Vanutelli, der päpstliche Delegat zum Eucharistischen Kongreß in Montteol, wurde vom Präsidenten Tast in Washington in besonderer Audienz empfangen. Dieser AN des Präsidenten ermangelt nicht der besonderen Bedeutung. Man erinnert in Washington an den unglücklichen Zwischenfall, zu dein der Besuch Roosevelts in Rom Anlaß gab, so daß der Expräsident gezwungen war, auf die Audienz zu verzichten, die er beim Papste haben sollte, da der Hl. Stuhl Roosevelt die Verpflichtung aufeclegte, nicht die Methodisten zu besuchen, die sich in Rom durch be- ondere Befehdung des Papstes auszerchneu. Die Blätter melden, Präsident Taft habe mit besonderem Vergnügen die Gelegenheit wahrgenommen, dem Papst- Heben Legaten zu versichern, daß die Vereinigten Staaten in herzlichen und freundschaftlichen Beziehungen zum Heiligen Stuhle bleiben werden.
die Stärke der Katholiken aufzuwarten, stattgefllnden. Von der Denwnstration in Pamplona wird in ranzösischen Tendenzmeldungen gesagt, sie hätten 35 000 Teilnehmer vereint. Nach der „Epoca" strömten aber 60000 Katholiken zusammen und in 6 an- deren Städten der gleichen Provinz sammelten sich noch 25000 Katholiken. Das sind imponierende Ziffern. Andere Angaben kommen aus BurgoS: 20 000 Demonstranten, aus Toledo: ein Umzug re- ftgiösen Charakters statt der Demonstration, 25 000 Personen. In Madrid zogen 15 000 Kacholiken zum Zivilgouverneur, um ihm die Protestschrist gegen die Regierung zu überreichen. Man kann sich aus die- en Teüziffem ein ungefähres Bild von den Men- chenscharen machen, die sich in den 300 Versammlungen durch ganz Spanien vereinten und der Negierung das Vertrauen förmlich auflündigten. Niedrig gegriffen muß es eine halbe Million Menschen gewesen sein, die die Kirchenpolitik Canalejas und den ganzen heutigen Zug, wie er durch die Regierung geht, verurteilt.
Von der herrlichen Begeisterung werden rührende Dinge erzählt: Das ganze Dorf Lerin hatte sich nach Pamplona begeben, die Männer zu Fuß, die Frauen auf 60 Wagen. In Artajona wurden 20 Männer ausgelost, die zu Hause bleiben mußten, uin das Dorf zu bewachen. 700 junge Leute von Estella sind 90 Kilometer weit nach Pamplona marschiert. Und solcher Fälle werden in der Presse noch mehr erwähnt.
Es handelt sich also mich nach dem Urteil unbefangener liberaler Stimmen — wir nennen hier nur das Blatt „ABC" — um „eine stolze Revue der römisch-katholischen Kräfte, über die die Bischöfe vollständige Kontrolle hatten". Die Protestlisten, die der Regierung überreicht wurden, waren mit Hunderttausenden von Namen bedeckt, von benen jeder durch die Ortsbehörde bestätigt ist. Kein Wunder, wenn angesichts dieser Sachlage der Madrider Korrespondent der Londoner „Times" am 1. Oktober konstatiert, daß noch nirgends der Antikleri- kalismus auf einen derart organisierten Wider stand gestoßen sei wie in Spanien. Wo die Bischöfe derartige Massen hinter sich hätten, sei an einen Erfolg der antiklerikalen Politik nicht zu denken.
Die Ordnung und Ruhe wurde nirgends gestört, außer wo die Kicchenfeinde sich zu Au s s ch r e itu n- g en gegen die Manifestanten hinreißen ließen. In Valencia und Saragossa drangen die Republikaner in die Reihen der Katholiken ein; es gab Stockschläge, selbst Revolverschüffe hörte man. Die Polizei von Va- lentia nahm vier Verhaftungen vor. Aus beiden Städten werden je zwei Verwundete gemeldet. In Santander wurde der Protestzug der Katholiken mit Steinwürfen angefallen; hierbei gab es 13 Verwundete. Dieselben Vorgänge werden aus Sevilla gemeldet, wo es Hiebe und Sieinwürfe auf die Manifestanten hagelte; dazu schrien die Angreifer: „Hoch die Republik!"
Die deutschen liberalen Blatter entnehmtn dem Berliner Lokal-Anzeiger eine spanische Meldung, welche die zahlreichen Massenkundgebungen der Katholiken als „völlig harmlos" hinstellt. Allerdings stand hinter diesen Kundgebungen kein Mordprofeffor ä la Ferrer und haben die Tellnehmer keine Bomben geworfen, Regierungsgebäude ausgeplündert und iüe- dergebcannt. Insofern waren die Kundgebungen allerdings völlig harmlos -- damit aber doch nicht politisch bedeutungslos, wozu man sie gerne stempeln möchte.
Die Tage des Mnisterpcäsideuten Canalejas sind jedenfalls gezählt. Am 6. Oktober treten die Parlamente neu zusammen. Nicht weniger denn zwölf Interpellationen verlangen von ihm Auskunft über ganz verschiedene Dinge. Zum Uebersluß wird versichert, daß der K ö n i g in der letzten Zeit mit seinem Minister mehrmals sich nicht im Einklang befand. . Schon der Widerstand, den Canalejas der königlichen : Reise nach Bilbao und Loyola entgegensetzte, erregte die lebhafte Mißstimmung des Königs, der sich nicht ’ unter Vormundschaft begeben möchte. Cmmlejas dreht sich wie ein Aal, um den sich häufenden Schwierigkei- ; ten zu entfliehen. Zn alledem kommt die Fin anz- . läge des Landes. Sie ist kläglich. Und ihre Kenn- : Zeichnung wird ein Weiteres beitragen zum Sturze des : jetzigen Ministeriums.
i Ob etwas Besseres nachkommen ivird, ist freilich : eine andere Frage
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Donnerstag den 6. Oktober MO.
37. Jahrgang.
als bis Sie mir die Art Ihres Geschäftes gesagt haben, das Sie mit Herrn Wietholz machen wollen."
„Nun, zum Henker," rief Rother ärgerlich, „ich will ernen Wechsel bei ihm einkaflieren!"
„Sie haben einen Wechsel, dec von Wietholz aczep- tiert ist?" fragte Fritz erstaunt.
„O, ich habe noch mehr dergleichen Papiere," sagte der Jäger mit höhnischem Lachen. „Auf Schloß Hambach habe ich auch einen Wechsel einzukassieren.'
„Auf Schloß Hambach?"
-Ja —"
„Bei wem denn?"
„Nun, bei der Gutsverwaltung . . ."
„Unmöglich, die hat niemals Wechsel ausgestellt?"
„Ja — bei wem soll ich denn sonst den Wechsel einkaffieren, da der alte Baron ja tot ist?"
„Der Bacon hat den Wechsel ausgestellt?"
-Ja -"
„lieber welche Summe?"
„Tausend Mark."
„Hören Sie, Rother, das ist unmöglich. Wegen tausend Mark brauchte dec Baron keinen Wechsel auszustellen. Er konnte jederzeit hunderttausend Mack bei seinem Bankier erheben. Sind das nicht wieder die faulen Geschäfte, zu welchen Sie Ihr Geschäftsfreund verleitet hat?"
„Es sind richtig ausgestellte und angenommene Wechsel," brummte Rother. „Der Krummacher hat sie mir allerdings gegeben, als Entschädigung und — und — na, und daß ich das Maul über gewisse Dinge halte. Zu Ihnen kann ich ja offen sprechen — Sie sind ja auch in einen Prozeß verwickelt . . .
„Schweigen Sie, und mischen Sie sich nicht in meine Angelegenheiten. Ihre Wechselgeschichie erscheint mir in sehr seitsamem Lichte. Wer ist denn eigentlich dieser Geschäftsfreund Krummacher, und wie kommt er zu den Wechseln?"
Eortsetzung folflt)
Ausland.
* Nicht weit von der deutschen Grenze, näher noch an der belgischen Grenze, in Sissonne bei Laon, hat die französische Militärverwaltung ein befestigtes Heerlager, ausreichend für die Karnpierung eines Armeekorps, errichtet. Das Lager foü gleichsam ein Gegengewicht bilden zu dem deutschen Feldlager in Elsendorn (im Rheinland, etwa 20 Kilometer von Verniers).
: Die haarsträubenden Zustände der französischen Westbah« haben den Minister der öffentlichen Arbeiten Millerand zu einer Bestchliguug veranlaßt, wobei er in Samtes eine Rede hielt, in der er sagte:
„Ich tlage niemand an. Die Wahrheit ist, daß wir die Westbahn in einem jammervollen Zustande übernommen haben. Borläufig müssen die Aujsichts- beamten eine allgemeine Prüfung der Bahnglehe vornehmen. Nöi'geiisalls muß die Zuggeschwmsigke'.t verringert werden. Ich bereite eine verschönte Kontrolle vor, studiere die sichersten Schutzvorrichtungen und lueröe alles tun, um die Bahn bald zu einer Mufter- bahn umzugestatten.
Tann ist es aber höchste Zeit, damit nicht noch mi hr Reisende ttnd Beamte verunglücken.
Aus dem Nachbargebiete.
* Gelnhausen, 5. Ott. 1910. Herr Landrat v Gröning, der bekanntlich zum Vortragenden Rat im Ministerium des Jnnem ernannt worden ist, wird Gelnhausen bereits am 7. d. M. verlassen, hat aber erklärt, daß er hoffe, Weihnachten in dem ihm lieb gewordenen Gelnhausen zu verleben, um sich alsdann verabschieden zu können. Dem Landrat ist vom Groß- Herzog von Heffen das Ritterkreuz 1. Klaffe des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen worden.
* Erfurt, 5. Oki. 1910. Das neue Kanalge- bühreiiftatut der Stadt Erfurt, durch das die Mieter, soweit sie mindestens 200 Mk. Jahresnnete entrichten, zu den Kanalgebühren herangezogen werden sollen, ist, nachdem cs vom Bezirksausschuß nicht bestätigt worden war, nun auch vom Provinzialrat abgelehnt worden. Da es gegen diesen Entscheid keine Instanz mehr gibt, so hat die hierfür eingesetzte Kommission von Stadtverordneten und Magistratsimt- gliebern beschlossen, ein anderes Statut auszuarbeiten.
* Kassel, 5. Okt. 1910. Einen beherzigenswerten Aufruf, in anbetracht der schwierigen Verhältnisse bar zu zahlen oder doch wenigstens keine übermäßig langen Zahlungsfristen in Anspruch zu nehmen, erläßt die Handelskammer des Regierungsbezicks Kassel.
* Ersurt, 4. Okt. 1910. Die Regierung gibt bekannt, daß im Viehbestände der Stadt Erfurt di« Maul- und Klauenseuche ausgebrochen ist. Uiber Ersurt und Iloersgehoven ist die Speere ver- hänot und ein Teil des Landkreises für bedroht erklärt worden.
♦ Darmstadt, 4. Oktober 1910. Sechzig junge amerikanische Forstleute werden anfangs November hier eintreffen, um sich im Forstsach aus- «ubilden.
vermischtes.
♦ Eine falsche Gräfin, der junge Sohn einer Kauz- leiratswitwe aus Berlin, hat dort schon ivieder eine Rolle gespielt. Der junge Mensch in sehr eleganter Damentoilette, war mit einem gleichaltrigen Kauf- mann in ein Cafö gegangen, dort von einem Kriminalbeamten erkannt und zur Wache gebracht. Dort wurde seine Persönlichkeit festgestellt. Seine Mutter ward telephonisch benachrichtigt und bat die ihren Sohn behandelnden Aerzte, sich nach der Revierwache zu begeben. Die Aeczte erklären, daß der Bedauems- werte an „Verkleidungssucht" leide, und brachten ihn zu seiner Mutter. — Im übrigen dürfte e8 in der Potsdamer Sache kaum zu einem gerichtlichen Rach- chiel kommen, da ausfichcliche Gutachten der beiden Terzte die Unzurechnungsfähigkeit des jungen Mannes bartun.
„Wie — im Gefängnis?"
„Ja . . ."
„Das ist schlimm, Rother. Was haben Sie beim angestellt?" ,
„Ach, der Schuft, der Krummacher, hat mich yin- eingelegt."
„Wer ist das?"
„Na — mein Geschäftsfreund," sagte Rother ausweichend. „Ich hab' mit ihm in Berlin Geschäfte gemacht, als mich der Graf entlasten, und dabei hat er mich hineingelegt."
„Tas ist allerdings nicht schön von einem Geschäftsfreund," entgegnete Fritz lächelnd. „Aber was fuhrt Sie zu mir? — Doch halt — Sie sind gewiß hungrig?"
„Durstig bin ich vor allen Dingen."
„Da steht eine Flasche Moselwein, schenken Sie sich ein."
Rother schenkte ein großes Wasserglas voll und trank cs auf einen Zug aus.
„Es löscht den Durst," sagte er grinsend, „aber ein kleiner Kognak könnte auch nicht schaden."
„Davon fväter. Sagen Sie mir zuerst, was Sie zu mir führt. Sie sprachen von einem Geschäft?"
„Na, mit Ihnen hab' ich gerade kein Geschäft zu machen, ich möchte nur eine Auskunft haben. Aber darf ich mich nicht setzen? Ich komme direkt von der Safm — zu Fuß — anderthalb Stunden Wegs . . .'
„Sehen Sie sich nur'
Rother nahm auf einem Stuhle am Tische Platz und zog die Flasche Wein zu sich heran, aus dec er sich ein zweites Glas einschenkte.
„Na, was wollen Sie?" fragte Fritz mit leichter Ungeduld
„Verzeihen Sie — ja, ich wollte Sie nach der Adrcffc des Herrn Hugo Wietholz fragen, von dem Sie Neuhof kauften."
„Was wollen Sie denn von dem Herrn?"
„Ich hab' ein Geschäft mit ihm . . ."
„Horen Sie mal, Rother, Sie kommen mir ganz seltsam vor. Ich.antworte nicht eher aus Ihre Frage.
2. Blatt.
Druck und Verlag der Zuldaer Actiendruckerek in Fulda.
Um Lhre und Recht.
36] Roman von O. Eister.
Einen Zweifel an dem glücklichen Ausgang seiner Angelegenheit, einen Zweifel an ihre einftige glückliche Vereinigung, Reue über den Schritt, ven Erika getan und der sie von dem Eliemhause schied, äußerte sie niemals, im Gegenteil, sie ermunterte ihn stets, mutig in dem Kampf auszuharren, den er um seine Ehre zu führen genötigt war. Dadurch wurde denn auch sein Mut und feine Hoffnung stets aufs neue gehoben und gestärkt, wenn er zuweilen kleinmütig werden wollte.
In der Tat stand auch die Angelegenheit durchaus nicht so Vorteilhast, wie Erika annahm. Die Men der vorläufigen Untersuchung waren an die Staatsanwaltschaft gegangen, welche nun darüber zu entscheiden hatte, ob die Anklage gegen Fritz erhoben werden sollte. Infolge der Prüfung dec Akten durch die Staatsanwaltschaft trat eine kurze Ruhepause in dem Gang des Prozesses ein, die aber die Spannung aller beteiligten Personen nur noch erhöhte.
Auch Fritz konnte sich der durch die Spannung erweckten nervösen Erregung nicht entziehen. In großer Unruhe verbrachte er seine Tage und in schlaflosen Nächten dachte er über die Lösung des Rätsels nach. Immer wieder stieg der Gedanke in ihm empor, daß Stanislaus dec Erreger dieses bösartigen Intrige gegen ihn gewesen, wenn er nicht gar selbst den Diebstahl begangen hatte. Allerdings lagen für diese.Annahme keinerlei Anzeichen vor; nur der Umstand, daß Stanislaus mit einem verdächtigen Handelsmann verkehrt und daß Fritz chn am Morgen seines Abschiedes von Schloß Hambach in seinem Zimmer getroffen hatte, gaben einige schwache Anhaltspunkte, die aber bei weitem nicht genügen konnten, um den Verdacht gegen Prokowsky zu begründen.
Nachsinnend über dieses Rätsel, stand Fritz am Fenster seines Arbeitszimmers und schaute auf den in mittäglicher Ruhe daliegenden Wirtschastshos hinaus.
△ Der spanische Demonstration^ sonntag.
Der spanische Ministerpräsident Canalejas hat am Montag bei seinem Könige erneut die Vertrauens- hage gestellt. Zum wievieltenmale er das schon in seiner ach so jungen, Regierungszeit getan, wie ost er Uon 'bet „erstaunten" Welt verkündet, daß er seines Herni Vertrauen noch voll besitzt, das weiß niemand mehr Es war zu ost. Diesmal scheint et die Vertrauenskundgebung des Königs doch nicht gaiy leicht erreicht zu haben. Es liegt zwischen San Sebastian vom August und heute mancheckei, das wohl selbst einem Alfons XIII. zu denken gegeben hat.
Das katholische Volk Spaniens hat sich mit einer Schnelligkeit organifiert, die vorbildlich ist.
stellt jetzt einen Machtfaktor dar, dem gegenüber nicht einmal das Kriegsrecht seine Wirkung tun tarnt. Schon damals, nach der verbotenen Kundgebung in San Sebafticm, bildeten sich im ganzen Lmide katholische Junten (Verbände), die die Organisation des Widerstandes gegen die kirchenfeindliche Politik in die Hand nahmen. Auch in liberalen Kreisen em- vland man bald deutlich die Stücke der neuen Organisation, die ihre Zentrale in Toledo, dem Bischofssitz des spanischen Primas, hat.
Canalejas, der die von dem Verband geplanten Protestkundgebungen für den Rosenkranzsonntag allüberall verboten hatte, sah sich von seiner eigenen, vorschauenden Presse, die eine gewaltsame Explosion des allzu lange niedergehaltenen Volksunwillens befürchtete, gedrängt, auch dm Katholiken das „Recht auf die Straße" zu gewähren. So mürben denn nachträglich den Katholiken alle Städte zu Demonstrationen freigegeben bis auf Bilbao, wo noch der Belagerungszustand herrschte. Aber auch dies letzte Zufluchtswinkelchen wurde aufgegeben. Kurz vor dem kritischen Tage wurde dec Belagerungszustand in Bilbao aufgehoben.
Der allseitig mit Spannung erwartete Sonntag .-.rat ein. Eine allgemeine Bewegung ging durch ganz Spanien. Aus allen Gegenden strömten Landleute und Arbeiter, einfache Bürger und spanische Granden, Priester und Laien nach den Städten, vor allem nach dem Seebade San Sebastian, dem Lieblingsauf- .enthaltsort der Königsfamilie. Von dort bringen zwei deutsche liberale Blätter, die dec Schönfärberei zugunsten der Katholiken gewiß unverdüchtig sind, die freisinnige „Weserzeitung" und die demokratische „Berliner Morgenpost", Berichte über geradezu grandiose Kundgebungen. Die erstere schreibt:
„Nach den von der Grenze vorliegenden Nachrichten sind die gestrigen Sattjolitentunbgebungen in Spanien doch bedeutend imposanter ausge- f a 11 e n, als dies der Stellung der Regierung förderlich sein könnte. In San Sebastian bestand der Zug, welcher sich über die Promenade Paseo de Colon bewegte, aus etwa 35 CCO chas liberale spanische Blatt ,ABC' gibt sogar 50000 an) Teilnehmern, und an der Spitze marschierten zahlreiche Granden Spaniens. Nachdem zuerst auf der Terrasse einer Villa eine Feld- messe gelesen worden war, setzte sich der Zug in Bewegung und marschierte zum Palast des Zivil- gouverneurs, vor dem er Halt machte. Baron Della Torre trat vor und verlas eine Protestadresse gegen die antivatikanische Politik des Ministeriums Canalejas, worauf sich der Zug in vollster Ruhe und Ordnung zerstreute. Seine ganzen Kundgebungen bestanden in den ununterbrochenen Rufen: Es lebe das katholische Spanien! Es lebe der Papst! Die malerischen Nationaltrachten, in denen die meisten Tellnehmer, Baucrn aus den baskischen Provinzen, erschienen waren, verliehen dem Zuge ein farbenprächtiges Bild. Hierzu läßt sich ein Blatt aus Madrid melden, daß der Minffterpräsident Canalejas König Ällfous bewogen habe, bereits am Freitag von San Sebastian ab,u- retsen, weil er nicht wollte, daß der Monarch Augenzeuge der imposanten Kaiholilenkuudgebung werd ."
Diese Meldung sollten der keifende Prophet des „Berliner Tageblattes" und seine Genoffen einmal mit ihren Prophezeiungen über das „vollständige Scheitern der geplanten Kundgebung wegen zu geringer Beteiligung" vergleichen. Dem Herrn Canalejas, Ritter des silbernen Ordens dec Geschwätzigkeit, dürften am Sonntag auch einige Sterne aufgegangen sein. Denn nicht nur San Sebastian sah solche Nienscheu- muffen in tiefem Ernst und heiligem Glaubenseifer ihren Glaubensmut bekennen. Auch in Madrid und den Provinzstädten schlug die Begeisterung hohe Wellen. lieber 300 Versammlungen haben nach dem „ABC", der allein den Mut Hatz mit Ziffern über
auf dem nur Hektor, Fritzens Hühnerhund, trage in der warmen Jumsonne sich dehnte. Plötzlich erhob sich der Hund und stieß ein drohendes Gebell aus.
Eine reduzieck an-sehende Männergestalt schob sich vorsichttg durch die steine Nebentür des Torweges auf den Hof.
An dem wirren, roten Bart, bet das gedunsene Gesicht des Mannes halb verdeckte, erkannte Fritz den Förster Rother.
Was mochte der Manu auf Neuhof wollen? Seit jenem Spieltage im „Weißen Roß" hatte Fritz ihn nicht wiedergkschen. Kurz nachher war Rother von dem Grafen Hennersdorf entlaflen worden, weil er sich, wie man sagte, Unregelmäßigkeiten in der Ab- rechnung über den Holzverkauf seines Reviers schuldig gemacht haben sollte. Genaueres wußte man nicht, da Graf Hennersdorf auf eine gerichtliche Untersuchung verzichtete und Rother seitdem aus der Gegend verschwunden war.
Weshalb kehrte er jetzt hierher zurück, wo er wahrlich keinen guten Ruf zurückgelassen hatte?
Der frühere Förste^ suchte den Hund zu beruhigen, Fritz öffnete das Fenster und rief den Hund zur Ruhe. Dann fragte er den Förster: „Sind Sie's, Rother? — Und was wollen Sie hier?"
Dieser zog seinen alten Jägerhut.
„Ich bitte um Verzeihung, Herr Born," entgegnete er. „Ich möchte Sie in einer geschäftlichen Angelegenheit sprechen." .
„Ich weiß freflich nicht, daß ich mit Ihnen in geschäftlicher Verbindung stehe, aber kommen Sie immerhin herein. , ,
Lxitz glaubte, Rother wollte ihn um cm kleines Darlehen ansprcchen. Vielleicht hatte der Mann auch Hunger, denn er sah ziemlich erschöpft aus. So wollte ihn Fritz nicht abweisen und ließ ihn in sein Zimmer eintreten.
„Sie sehen schlecht aus, Rother", sagte Born. Jfts Ihnen nicht gut gegangen?" „
Ten Teufel au* ist es mir gut gegangen, knurrte der "ehemalige Förster. „Ich habe ein halbes Jahr hinter eisernem. Gitter gesessen . . ."
Deutsches Reich.
* Kaiser und Evangelischer Bund. Die Kone- pondenz des Evangelischen Bundes schreibt: Die Antwott des Kaisers auf das Huldigungstelegramm der Chemnitzer Generalversammlung des Evangeli- chen Bundes traf am 23. September ein und lautet:
„Seine Majestät der Kaiser und König lassen für den Huldigungsgruß der Generalversammlung bestens danken. Aus allerhöchsten Befehl. Der Geheime Kabl- nettsrat v. Valenlini."
Auch dieses Mal scheint das Danktelegramm erst nach Schluß der Tagung eingetroffen zu sein, andern- alls wäre es doch mündlich der Versammlung zur Kenntnis gebracht worden.
)( Bülows rechte Hand, der ehemalige „Kanalrebell« v. Loebell, für den seinerzeit die Stellung als Ches der Reichskanzlei geschaffen wurde, der spätere Oberpräsident der Provinz Brandenburg, ist ebenso wie der Landeshauptmann Dr. Hammerschmidl der Provinz Westfalen in die Jinmediatkommiffion zur Vorberatung der preußischen Verwaltungsreform berufen worden. Herr v. Loebell war Oberpräsidcnt der Provinz Brandenburg, ohne dieses Amt jemals ausgeübt zu haben, bis er mit hoher Pension pensioniert wurde. Als Chef der Reichskanzlei hatte er Obliegenheiten, von denen man im Reichstage sagte, sie seien durch jeden Unter- beamten gerade so gut zu erledigen, abgesehen natürlich von den wütenden Ausfällen, mit denen er zum Schutze Bülows im Reichstage das Zentrum bedenken mußte. Vielleicht will man in der Jmmediatkommifsion von ihm hören, wie man es nicht machen soll.
* lieber die Reichswertzuwachssteuer finden, wie die .Post' mitteilt, zurzeit im Reichsschatzamt erneute Besprechungen mit Sachverständigen statt. So werden am 7. d. Mts. Vertreter der Landwirtschajt über die in ihren Kreisen aufgetretenen Zweifel und Wünsche in Ansehung der Steuer gehört werden.
Hansahund und Bauernbund nationalliberale Hilsstruppen. Wer das noch nicht gewußt hätte, dem sagte es Herr Basserrnann auf dem Parteitag zu Kassel sehr deutlich, denn er führte aus:
„Hansabund und Bauernbund haben sich ange- schlossen an die Bewegung um di« Finanzreform und gerade im Hansabund und im Bauernbund finden Sie nationalliberale Männer vorn alten guten Klang. An der Spitze des Hansabundes steht unser R'.eßer und an der Spitze des Bauernbundes steht unser Wach- horst de Wente." lSlürm. Beifall.)
Herr Baffermann hat zu früh die Katze aus dem Sacke gelassen. Die Gewerbetreibenden wissen nun ebenso wie die Bauern, daß Hansabund und Bauernbund nur Decknamen für dir in Konkurs geratene Firma: „Nationalliberal" sind. Aber dieses plump« Manöver deS unlauteren Wettbewerbes kann nut Gimpel fangen. Das Bekenntnis „unser Rießer", „unser Wachhorst be Wente" sind unbezahlbar.