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Um Ehre und Recht.
34] Roman von O. Elster.
Wer an dem Ruin der Familie mehr schuld war, der leichtfinnige, geschäftsunkundige Herr von Pro- kowsky oder Frau Julie, die aus Läfligkeit ihre Hausfrauenpflichten vernachlässigt und ihre Genugtuung in glänzenden Gesellschaften, in kostspieligen Toiletten und teuren Badereisen sah, wäre schwer zu entscheiden gewesen. Beide trugen die Schuld, nur büßte Frau Julie schwerer, da ihr Mann kurz nach dem wirtschaftlichen Zusanmienbruch gestorben war und seiner Frau die Sorge überließ, fich mit den zwei Kindern durchs Leben zu schlagen.
Julie verstand das aber ausg^eichnet, indem sie die Hstfe und Mildtätigkeit wohlhabender Bekannten schlau auszunutzen wußte. So hatte ste ihre Tochter in einer reichen polnischen Familie als Gesellschafterin untergebracht, mit der Angabe, ihr Ruin sei die Folge der „antipolnischen Polittk der Regierung gewesen, und ihrem Sohne hatte ste die Stellung im Hemse der Baronin geschahen, in dem ste jetzt nach dem Tode des Barons auch eine behagliche Unterkunft gefunden hatte. Um so stärker erschrak sie, als ihr Stanislaus mttteflte, daß er Schloß Hambach in nächsten Zeit verlassen wolle.
„Was hat dich nur auf diesen unsinnigm Gedan- Se&rodjt?" fragte sie ärgerlich.
„Mir gefällt es hier nicht mehr,' entgegnete er nachlässig „Der Zweck meines Hierseins ist ja doch verfehlt, seit Erika mir den unzweideutigen Korb er- und das Haus ihrer Blutter verlassen hat.'
„Watte nm den Ausgang des Prozesses ab, dann alles klären. Wenn Born als Dieb enüarvt ist, dann wird Erika auch wieder zm Vernunft kom- ^len, reumütig zu ihrer Mutter zurückkehren — und ^nn ist deine Zeit gekommen.'
-Ach, dieser ekelhafte Prozeß!' rief Stanislaus aus. „Wenn die Baronin meinem Rate wäre, hätte sie den Prozeß gegen Born gar dicht angefangen, sondern ihm eine nichtssagende
Ehrenerklärung gegeben. Damit wäre die dumme Geschichte aus der Wett geschafft, und der Verdacht, den Diebstahl begangen zu haben, wäre auf Born doch sitzen geblieben. Gesellschaftlich war er so gut wie tot — und das genügte vollkormnen.'
„Nicht für Erika — ihr mußte man sonnenklar beweisen, daß sie ihre Neigung einem Unwürdigen geschenft hatte.'
„Aber wmn Borns Schuld nicht bewiesen wird?' „Die ist doch sonnenklar nach all den Umständen!
Kein anderer kann der Dieb gewesen sein wie er.' „Das ist noch nicht entschieden,' entgegnete Stanislaus mürrisch. „Doch lassen wir diesen Gegenstand fallen — dieses Heiratsprojekt ist nicht der einzige Grund, weshalb ich von hier fortmöchte. Oder kannst du mir tausend Mark vorschießen?'
„Bist du toll? — Woher soll ich das Geld nehmen? Hast du denn noch immer Schulden?'
-Ja —" erwiderte er lakonisch.
„Aber du schriebst mir doch, daß du nach dem Tode des Barons in eine Bettrauensstellung bei dei Baronin gerückt seiest, die es dir binnen kurzem tr- möglichen würde, den Rest deiner Schulden abzutta- 8 en.'
-Ja - das war damals . . .'
„Nun, und jetzt, ist es da anders geworden? Ich denke, deine Stellung bei der Baronin ist eine noch bessere geworden.'
„Persönlich wohl — aber nicht geschäftlich.' „Wie soll ich das verstchen?'
Stanislaus erhob sich und warf die kaum angebrannte Zigarette heftig zur Erde.
„Wenn du baut durchaus reinen Wein haben willst so will ich ihn dir einschenken. Damals — nach dem Tode des Barons, überließ mir die Bars- nin die Rechnungsführung und die Wirtschaftskaffe — da konnte ich mir immer helfen.'
„Du hast doch nicht —V fragte Frau Julie schre- ckenSbleich.
„Gewiß, ich habe aus der Kaffe auch meine Bedürfnisse gebedt . . .*
„O, Stanislaus!'
„Fürchte nichts — bie Baronin hat nichts bemerkt. Aber seit bet alte Grupe barauf bestanden hat, die Kaffe wieder selber zu führen, ist mir diese Quelle verschloffen.'
„Entsetzlich — du hast ftemdes Geld genommen? !'
„Nur auf Vorschuß — ich hab'S zurückgezahlt, deshalb habe ich gegen Wechsel eine Anleihe gemacht — und dann, wenn ich Erika heiratete, würde ja alles geregelt . . . jetzt ist der Wechsel fällig und ich muß das Geld haben . . .'
„Kannst du nicht prolongieren?' fragte seine Mutter scheu und ängstlich.
„Nein', versetzte er finster.
Er fuhr sich erregt mtt den Händen durch sein schönes, gelocktes dunkles Haar.
„Schaff mir das Geld,' flüstette er leidenschaftlich, „oder ich bin verloren!'
„Wann mußt du daS Geld haben?' fragte sie zitternd.
„Der Wechsel ist ht acht Tagen fällig . . .'
„So werde ich versuchen, das @db aufzutreiben — vielleicht könnte man — ja, könntest du dich nicht selbst an die Baronin wenden?'
„Sie hat mir schon einmal ausgeholfen — das zweitemal würde es Verdacht erregen.'
„Das ist wahr. Aba dann kann auch ich mich nicht an sie wenden.'
„Du kannst ja sagen, du gebrauchtest das Geld für dich und meine Schwesta. Du willst Julie ver- heiraten — du hast das Geld zur Aussteuer nicht — mein Gott, dir wirst schon einen Ausweg finden!'
„Ich muß darüba nachdenken — so leicht geht es nicht — wir dürfen keinen Verdacht erwecken. Aba, nicht wahr, wenn ich dir noch einmal helfe, dann bleibst du hia?'
„Ich muß ja wohl,' sagte a mit einem Seufzer.
37. Jahrgang
Fulda, Dienstag den 4. Oktober 1910
Erstes Blatt
227.
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Die .Kreuzztg/ sagt zu der Kasseler Schaum- chlägaei: „Warten wir ab, was die Liberalen nach den Wahlen zu bieten haben werden.' Wo nichts mehr ist, hat auch die Sammlungspolitik ihr Recht verloren.
Vrfch«int täglich mtt Annahme bet Zo«- nnb Feiertage. Viertel» jährlicher vezngspreis ohne vringerlohn «nb vepellgelb in 5»lba sowie auzwärtrlLvlRk.
Verantw. Rebattettri «art Schütter
Deutsches Reich,
** Berlin, 3. Okt. 1910. Der Kaiser empfing gestern auf seinem Jagdschlösse tn Rominten eine Anzahl hervorragender Persönlichteiten der Provinz Ostpreußen. — Den Hinterbliebenen des verstorbenen früheren Kriegsministers Generals Verny du Vernois hat der oberste Kriegsherr sein Beileid ausgesprochen. — Der nationalliberale Landtags-Abgeordnete Kammergerichtsrat Schiffer ist zum Oberverwaltungsgerichtsrat ernannt worden. Infolge dessen wird Herr Schiffer sich in seinem Wahlkreise (4. Magdeburg) einer Neuwahl unterziehen müssen, bei der ihm zweifellos das Mandat wieder übertragen werden wird, da die Wahlmänner dieselben wie 1908 sind. — Der,Reichsanz/ veröffentlicht einen Erlaß betr. die Verleihung des Promotions- rechteS an die tierärztlichen Hochschulen (Dr. med. vet.) vom 5. September 1910.
0 Da Reichstagsabgeordnete Amtsrat Arendt (k.) Vatteta des Wahlkreises Königsberg 2 (Labiau? Wehlau) ist am Sonntag in Spannegeln bei Popelken gestorben. Da Verstorbene, der nicht mit dem bekannten Bimttallisten und Führer da Reichspattei Dr. Otto Arendt zu verwechseln ist, gehötte dem Reichstag erst feit 1907 an. Er wurde mit 11575 von 16 525 abgegebenen Stimmen gewählt. Der Wahlkreis war 1871—78 nationalliberal und 1881—84 freisinnig vertreten, seitdem aber unbestrtt- tenet konservativer Besitz. Nach den Ankündigungen Bassermanns in Kassel wird jetzt auch in diesem Wahlkreise die nationalliberale Pattei Eroberungen zu machen vasuchen. Die Konservattven dürften aba jetzt etwas mehr auf thra Hut sein und eine zweite Ueberrumpelung wie in Lyck-Oletzko zu vahindem sich bemühen.
* Landtagsersatzwahl in Berlin. Bei da gest- eigen Ersatzwahl von Wahlmännern im 4. Bettina Landtagswahlkreise wurden in da 2. Abteilung 23 Freisinnige und 15 Sozialdemokraten gewählt, in da 1. Abteilung 20 Freisinnige und 1 Sozialdemokrat. In da 3. Abteilung, die bis zum späten Abend wählte, gab es meistens sozialdemokrattsche Stimmen. Es steht aba ohne weiteres fest, daß aus der Wahl, die infolge da MandatSniedalegung des fteistnnigen Abgeometen Dr. Müller-Sagan notwendig wurde, wieda ein freisinniger Abgeordneter hervorgeht.
*• Der nationalliberale Parteitag erfährt in der Presse keine günstige B. rteitung, die er allerdings auch nicht verdient. Allgemein ist das Urteil, daß die zur Schau getragene Einmütigkeit die tatsächlich bestehende Uneinigkeit nicht habe verbagen können. Zuftteden und glücklich ohne jede Einschränkung ist nur die,Tägl. Rundschau', und sie kann es sein, denn was Herr Baffermann in Kassel anfühtte, das stimmt genau mit den politischen Rezepten des „unabhängigen Blattes für nationale Politik' überein. Die Haß- und Hehtaktik soll roeitet gehen und das Zentrum ist der schwarze Mann, dem der Kampf in erster Linie gilt
g. Graf Paul e. Hoensbroech und der Evangel. Bund. Diese beiden Hauptruser im Kampfe gegen die kathol. Kirche, von ihnen „UltramontanismuS' genannt, sind wieder einmal hart aneinander geraten. Graf v. Hoensbroech hat jüngst eine Broschüre geschrieben, Titel „Der Evangel. Bund und die Polittk", worin er dem Evangel. Bund vor- roirft, bisher noch nichts geleistet und nur greuliche Mißerfolge erzlett zu haben. Seit 1904 fei weder im Reichstag noch im Landtag „Ultramontanismus
gemacht haben,elnen„schwarzblauenBlock'hergeleitet, der nicht existiert hat und auch nicht existieren soll.
Den wesentlichen Unterschied zwischen emem Block und einer freien Arbeitsgemeinschaft darf man nicht vertuschen lassen. Der Block ist eine dauernde Verbindung zwischen Parteien zur Erledigung sämtlicher Geschäfte unter Ausschaltung aller anderer Parteien. Der Block will alles allein machen, die Regierung soll ans- schließlich auf ihn angewiesen fein. Er bildet also nicht bloß eine arbeitende Mehrheit von Fall zu Fall, sondern bie regierende Mehrheit, der gegenüber die ausgeschalteten Parteien in eine einflußlose Opposition herabgedrückt sind. Die Arbeitsgemeinschaft dagegen beruht auf dem freien Spiel der Kräfte. Wer den guten Willen und bie Befähigung zum positiven Schaffen mitbringt, ist willkommen in dem Kreise. Der Regierung bleibt die Freiheit, das Gute zu nehmen, wo sie es findet. Die Parteien behalten ihre Bewegungsfreiheit. Der Ausgleich der Melnungsverschledenhesten erfolgt ohne Kttsen und Rütlischwüre, da der Leitstern nur das Wohl der Gesamtheit ist, nicht das Macht- intereffe des „Blocks'. — Die Geschichten der letzten Jahrzehnte machen den Unterschied handgreiflich klar. Bis 1906 hatten wir eine Arbeitsgemeinschaft, die in aller Ruhe fo große Dinge schuf, wie das Bürgeri. Gesetzbuch, die Flottengesetze, der Zolltarif und die Handelsverträge. In den Jahren 1907 und 1908 hatten wir Dank Bülow und Baffermann einen Block, der zwei Jahre mit großen und kleinen Krisen ausfüllte und bann bei, der ersten großen Ausgabe, der Finanzreform, kläglich versagte.
Herr Trimborn meint nun, man solle zu dem vernünftigen und fruchtbaren System von 1890 bis 1906 zurückkehren. Herr Baffermann aber lehnt die alte, bewährte Arbeitsgemeinschaft ab und will zu der Blockpolitik zurückkehren. Wir haben ihm schon die kritische Frage entgegengehalten, ob er denn die erste und unerläßliche materielle Unterlage einer neuen Blockwirtschast, eine positive Mehrheit ohne das Zentrum, zu schaffen vermag. Er kann es natürlich nicht; aber er scheint der Regierung diese heikle Aufgabe zuzuschieben. Auf welche Weise die Regierung ohne Verletzung des Wahlrechts Herrn Baffermann eine Mehrheit von Liberalen und folgsamen Konservativen verschaffen kann, ist und bleibt freilich ein ungelöstes Rätsel.
Die Geschäfte des Reiches unb des Staates müssen doch um jeden Preis weitergeführt werden. Jeder brave Bürger, mag er sonst parteipolitisch denken wie er will, muß sich sagen: Ist ein neuer Block unmöglich, so bleibt nichts anderes übrig, als das freie Zusammenarbeiten aller positiven Kräfte. Warum sträubt sich Herr Baffermann gegen diese Forderung des bürgerlichen Pflichtbewußtseins? Das verrät er deutlich genug in feiner sonst nebelreichen Rede. „Der Gedanke der Sammlung', sagte er, „ist auch herzlich dumm, denn er würde eine Sprengung der nationalliberalen Partei bedeuten; die Kraftprobe würden wir nicht überstehen'. Also die Rücksicht auf die eigene Partei verbietet ihm, sich den arbeitswilligen Parteien anzuschließen. Er verweigert dem Reiche und Staate die Hilfe, weil die nattonalliberale Partei in ihrer Zerfahrenheit die Kraftprobe einer sachlichen Mitarbeit nicht zu ertragen vermag.
Diese selbstsüchtige Pflichtvergessenheit sucht er zu bemänteln und mit der falschen Behauptung, man mute ihnen zu, „mit Sack und Pack in das Lager des schwarz-blauen Blocks einzuretten.' Nicht im mindesten; wir haben keinen Zweiblock und wollen keinen Dreiblock, es soll weder gerttten noch gelagert, sondern vielmehr gearbeitet werden im Dienste des Vaterlandes und der Volkswohlsahrt. I Wollen die Bassermänner nicht mitarbeiten, so müssen I wir sehen, wie wir ohne sie fertig werden.
sind die Konservativen wie wir darauf bedacht, den christlichen Tharatter unseres Staatswesens ,u wahren. Im Kampfe «m die Erhaltung der christlichen Bolks- chnle ist ihre Mitwirkung von entscheidender Bedeutung. Der Führer der Konservativen erklärte nach Zusammenbruch des Bülowblocks: „Was wir nicht wollen, das ist eine Neuauflage des Kulturkampfes.' Der Führer der Nationalliberalen pries im gleichen Moment den Kanzler, der noch einmal der „Kampf gegen Rom' gewagt habe. Ist es nicht selbstverständlich, daß die Sympathien des Zentrums dem ersteren und nicht dem letzteren gehören? Gerade die kirchenfeindliche Strömung im Liberalismus führt Zentrum und Konservative zusammen. Wer also einen schwarzblauen Block fürchtet, dem kann kein besserer Rat gegeben werden, als alle kultuttämpferischen Bestrebungen preiSzugeben. Weiterhin beschästigte sich der Redner mit den gestrigen Ausführungen Bassermanns auf dem Kasseler nationalliberalen Parteitage. Der wesentliche Unterschied zwischen ihm und Baffermann sei der, daß er (Trimborn) der Ansicht sei, die Fäden von 1906 müßten wieder ausgenommen werden, während Baffermann glaube, es müsse auf die Perwde des Fürsten Bülow zurückgegriffen werden. Was Baffermann will, ist die Wiederaufnahme der Groß- blockpolitik mit Ausschluß des Zentrums. Das fehlt noch gerade! (Stürm. Beifall.) Das wird man sich in Berlin nach den bisherigen Erfahrungen doch dreimal überlegen! Gebrannte Kinder scheuen das Feuer! Außer der Sozialdemokratie sollte also auch noch die stärkste bürgerliche Partei bekämpft werden! Das ist, ich wiederhole es, Heller Wahnsinn! Uebrigens möge man es wagen, die Bülow-Politik aufzunehmen, dann wird man am Zentrum seine Helle Freude erleben. zLebh. Beifall.) Nicht um ein Uebergeben der Nationalliberalen ins Lager des schwarz-blauen Blocks (der gar nicht existiert) handelt es sich, wie Saffermann es darstellt, sondern was in Frage kommen kann, ist etn planmäßiges Zusammenarbeiten der sog. bürgerlichen Partkien auf Grund einer Verständigung auf der mittleren Linie. Keine Partei braucht deshalb ihre Selbständigkeit auszugeben. Von der Großblockpolitik will Herr Baffermann nichts wissen. Aber im Hinblick auf Baden sagt et: Gewisse Entwickelungen, die sich historisch erklären, müssen wir dulden. Mit Verlaub, verehrter Herr Kollege! So billigen Kaufes werden Sie doch nicht wezkommen. Historische Entwickelungen sind unerbittlich. Ihnen gegenüber muß entschieden Farbe bekannt werden. Wer da halb und halb paktieren will, kommt unter die Räder! (Stürm. Beifall.) Uebrigens heißt die Ausnahme, die Baffermann zu Gunsten der Grobblockpolitik verstatten will, im Grunde nichts anderes als: gegen das Zentrum soll ste Kampfmittel bleiben! Ob damit alle die National- liberalen einverstanden sind? Redner bedauert den leidenschaftlichen Ton, den Baffermann angeschlagen habe. „Ich behaupte, daß meine Tonart der gegenwärtigen Situation besser angepaßt ist, als die des Serrn Baffermann. Im übrigen werden wir im entrum auf die Rede des Herrn Baffermann. die kühle Ruhe nicht verlieren.' Das Gewicht der politischen Notwendigkeit wird sich als stärker erweisen als Baffermann und seine stolzen Reden. Die Entscheidung über die Richtlinien unserer inneren Politik wird bei den nächsten Reichstagswahlen kommen. Das Zentrum wird dann bereit sein, diejenigen Parteien zu stützen und zu fördern, die unter Anerkennung seiner Gleichberechtigung mit ihm am Wohle des Vaterlandes arbeiten wollen.
Abgeordneter Trimborn schloß seine Rede mtt der Aufforderung, gerüstet in den Kampf der politischen Wintettampagne einzutreten, da vom Ausfall der nächsten ReichstagSwahlen die letzte Entscheidung über die Richtung der inneren Politik abhängig sei.
Ein freifinuiges Berliner Blatt, das sich über die Rede Trimborns telegraphisch berichten ließ, saßt deren Inhalt dahin zusammen: Herr Trimborn habe sich in „bedmgter Weise für einen konservativ- ultramontan-nationalliberalen Block' ausgesprochen. Dieser Ausdruck ist bezeichnend für die Hartnäckigkeit, mit der man auf der liberalen Seite an der Blockidee festhält. Dort scheint man sich das Zusammenarbeiten mehrerer Parteien gar nicht anders vorstellen zu können (ober zu wollen), als in der Form eines „Blocks'. Daher hat man ja auch aus der einfachen Tatsache, daß die Konservativen und das Zentrum gemeinsam die Reichsfinanzreform
/ Sammlung oder Block?
Am Samstag zog der nationalliberale Führer Baffermann in Kassel gegen die Sammlungs- rolitit zu Felde. Am Sonntag hielt der Führer ier rheinischen Zentrumspartei Abg. Trimborn n Köln eine Rede, welche die Bereitwilligkeit, de? Zentrums aussprach, zu gern einsamer positiver Arbeit mit der Rechten und den Nationalliberalen ms mittlerer Linie.
Der Redner verwies auf das Steigen der sozial- emokratischenFtutund meinte, daß das Ziel, wel- > die verbündeten Regierungen jetzt verfolgen muffen, i rr gegeben ist: Erhaltung einer zuverlässigen Abwehr- ehrbeit gegen die Sozialdemokratie, Sammlung dieser Rehrheit zu gemeinsamer positiver Arberi. i-ine solche Orientierung der Regierungspolttik würde vratti ch hmauslausen auf die Wiederauftrahme des fadens, der im Dezember 1906 jäh abgerissen wurde. Strebt der Reichskanzler danach, bestimmte bürgerliche Härteten zu gemeinsamer Arbeit zusammenzufuhren, so Jt für das Zentrum erste Bedingung, die vorbehaltlose Vretsgabe der Anschauungspolitik, rote sie die Blockparteien dem Zentrum gegenüber getrieben haben, sind Parteien zu gemeinsamer Arbeit auseinander angewiesen, so kann keine derselben verlangen, daß in Gesetzgebung w* Verwaltung lediglich nach ihrem Äezepr gearbeitet werde. Vielmehr muß zwischen den betreffenden Parteien über die Gesetzesvorlagen und die sonstigen wichtigen politischen Maßnahmen eine Verständigung auf der mittleren Linie erfolgen. Sollen und wollen die Nationalliberalen dauernd mit Zentrum und Konservativen zusammen- arbeiten, so können sie nicht den wiederholt kund- gegebenen Anspruch ausrecht erhalten: „im Reich und in Preußen müsse liberal regiert werden.' Wenn die Liberalen nicht vom Hochmut total verblendet sind, müssen sie sich doch selber sagen, daß davon erst dann die Rede sein kann, wenn sie einmal die Mehrheit im Parlament haben. Und damtt hat es einstweilen noch gute Wege. Eine Arbeitsgemeinschaft zwischen Zentrum und Konservativen einerseits und Liberalen anderseits hat zur natürlichen Voraussetzung, daß die Liberalen den Gedanken an eine Großblockpolitik, d. h. an ein dauerndes, planmäßiges politisches Zusammenarbeiten mit der Sozialdemokratie endgültig preis geb en. Eine Arbeitsgemeinschaft bürgerlicher Parteien, an der das Zentrum beteiligt fern soll, muß sich auch vom Geiste des Kulturkampfs frei halten, des sogenannten alten, rote des sogenannten neuen. Dazu sollle schon die nüchterne Erwägung sühren, daß ein Staatswesen, in dem die Sozialdemokratie fo mächtig geworden ist rote im Deutschen Reich, den Luxus eines Kulturkampfes in irgendeiner Form sich einfach nicht leisten kann. Gegenüber einer sozialdemokratischen Flut, die bei der nächsten Wahl möglicherweise an die vierte Million Stimmen heransteigen wird, noch den katholischen und positiv gläubigen "evangelischen Volksteil durch Aufwetten kirchenpolitifcher Fragen aufzureizen und zu erbittern, das ist Heller Wahnsinn. Eine Aeußerung echten Kulturkampsgeistes war auch die Art, wie eine rein innerlirchliche Angelegenheit wie die päpstliche Enzyklika — sogar nach deu versöhnlichen Erklärungen des Papstes — noch zu einer maßlosen polttischen Hetze ausgenutzt wurde. Wo solcher Smu herrscht, da ist für das Zentrum kein Platz. Der Redner wies weiter das Märchen von der angeblichen „Zentrumsherrschaft' zurück und beschäftigte sich bann mit dem Schreckgespenst des „schwarzbla u e n B l o ck s'. Ein Block, der aus Zentrum und Konservattven gebildet wäre, existiert überhaupt nicht. Diese beiden Parteien haben nie die anderen Parteien bei den bedeutsamen parlamentarischen Aktionen und Entscheidungen ausschalten wollen, um lediglich nach eigenen Rezepten zu regieren. Daran haben Zentrum und Konservative niemals gedacht. Beweis ist, daß ffe bereit waren, einen Präsidentenposten an die Nationalliberalen abzutreten. Es besteht überhaupt kein Bündnis zwischen diesen Parteien. Wir im Zentrum wissen ganz genau, daß uns manches von den Konservativen trennt Die Wirtschaftspolitik der Konservativen ist uns vielfach zu einseitig. In Verfas- sungssragen gilt ihnen manche Forderung als staats- gesäbrlich, in der wir einen gesunden Fortschritt sehen. In der Sozialpolitik bleibt ihnen noch manches Vorurteil zu überwinden. Auf der anderen Seite bestehen aber auch bedeutsame Berührungspunkte. Vor allem
Mm M Zeitung
woch-Eogt- „Mufttiette §on«tagrzew«g" Momisbell-ge: „Zuldaer Eeschichtsblatter"
„Noch ist nicht alle Hoffnung verloren,' fuhr ste eifrig fort, „daß unsere Plane gelingen. Warte nur erst den Ausgang des Prozesses ab . . .'
„Schweig mir von diesem ekelhaften Prozeß!' stieß er heftig hervor.
„Werde nur nicht newös. Ueberhaupt ist es hier lange nicht mehr so behaglich wie in der erften Zeit meines Aufenthaltes', Sagte Frau Julie mit weinerlicher Stimnune. „Du bist newös und mißgestimmt und wirst bei dem geringsten Wort heftig, die Baronin geht finster und schweigsam umher, sodaß ich mich chr kaum noch vertraulich zu nähern wage — wenn mich die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang unserer Pläne nicht hier festhielte, und wenn ich wußte, wohin ich mich toenben könnte, ich wäre schon längst fort'
„Na, na,' machte Stanislaus mit einem malitiö- fen Lächeln. „Das Essen und Trinken schmeckt dir hier auch ganz gut.'
„Spotte nur noch über deine unglückliche Mutter,' schluchzte Frau Julie auf und begann nun wirklich zu meinen.
„Spiel' mir doch keine Komödie vor,' sagte Stanislaus barsch. „Spare deine Tränen für die Baronin auf.'
Damit zündete er fich eine frische Zigarette an und schlenderte in dm Park.
Er war noch nicht lange gegangen, als er am Tisch Fräulein Tina Grupe stehen sah, die in elegischer Haltung und scheinbar in süße Träumerei berfunden den Schwänen von Zeit zu Zeit etn Stückchen Brot zuwarf.
Seit Erika Hambach verlassen, war Fräulein Tina täglich im Patt zu treffen. Sie schien sich in der Rolle eines verlassenen Schloßftäuleins außerordentlich interessant vorzukommen und trug trotz ihrer fünf» unddreißig Jahre noch ganz jugendliche Kostüme, wüche nur bis an die Knöchtt reichten und ihren allerdings nicht sehr Keinen Fuß frei ließen.
(Fortsetzung folgt)
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