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Pfeildreieck-Seifen

fuldaer

JW 226.

Montag den 3. Oktober MV.

57. Jahrgang.

+ Die Feinde -es Reichtagswahl- rechtes

anscheinend ihre Zeit für nahe bevorstehend. Nereits setzt in der Oeffentlichkeit und, in der Prefle Stimmungsmache ein, die durch krasse Ausmalung ber angeblichen Gefährlichkeit und Unvernunft des allgemeinen und gleichen Wahlrechts den Boden für eine in Aussicht genommene parlamentarische Sutton vorbereiten will.

Nun ist es ja nicht zu leugnen, daß die Gegner des Neichstagswahlrechts in den Vorgängen der letz­ten Zeit eine dein äußern Schein nach gewichtige Stütze für "ihre Bestrebungen erhalten haben. Die starke Zu­nahme der sozialdemokratischen Stimmenzahl bei den Reichstagsnachwahlen, die Aussicht auf eine Verdop- velung oder gar Verdreifachung der sozialdemo­kratischen Mandats zahl bei den nächsten allgemeinen Wahlen, die Erfahrungen von Magde­burg, wo die Sozialdemokratie mit aller Offenheit ihren revolutionären, staats- und ord- nungsfeindlichen Charakter kundgegeben hat die beklagenswerten Ausschreitungen in Moabit, für die die Sozialdemokratie ein gerüttel­tes Maß von Schuld trifft — alle diese Vorgänge sind geeignet, den Gegnern des Reichstagswahlrechts Wasier auf ihre Mühlen zu tiefem. Es ist eine bit­tere Ironie, daß gerade d i e Partei, welche sich selbst als den stärksten Hort des allgemeinen gleichen Wahl­rechts rühmt, die Sozialdemokrate, am m e i st e n da­zu beiträgt, seine Grundlagen zu unter wühlen; es ist dieselbe Erfahrung wie bei der preußischen Wahlrechtsreform, wo gerade die Sozialdemokratie sich als das stärkste Hindernis für eine wirkliche Reform erwiesen hat.

In Wahrheit sind es nur dem äußeren S ch e i n nach gewichtige Argumente. Der Staat und die bürgerliche Gesellschaft können niemals durch die Form des Wahlrechts gerettet werden, foitbem nur durch den Gei st, der die Mehrheit der Bevölkemng beseelt. Und wenn die Sozialdemokratie bekämpft werden soll, so ist es ein müßiges Beginnen, sie durch eine Verschlechterung des Wahl­rechts schwächen zu wollen; nur dadurch kann sie geschwächt werden, daß die Masse des von ihr verhetz­ten und verführten Volkes znrückgewonnerx wird. Darauf allein müsten die Anstrengungen der bürgerlichen Parteien sich richten. Wer dazu keine Lust besitzt oder wem die Mühe zu groß erscheint, der allerdings wird leicht dazu kommen, das Heil in einer Aenderung des Wahlrechts zu suchen.

Die Gegner des Neichstagswahlrechts sind zurzeit Mit allem Eifer bei der Arbeit, und man möge sich !Picht verhehlen, daß ihr Eifer nicht ganz aus­sichtslos ist. In gewissen Kreisen spricht man jes bereits offen aus, daß der n ä ch st e Reichstag nur ?in kurzes Leben haben werde, man erwartet, daß er sich bald als arbeitsunfähig erweisen und eine Auflösung mit nachfolgenden allgemeinen Neuwahlen Nötig machen werde. Für diese Neuwahlen soll bann eine zugkräftige Wahlparole ausgegeben werden, auf Grund deren ein Reichstag ganz nach ihrem Sinne erhofft wird. Und als eine solche zugkräftige Wahl­parole wird vielfach die Parole einer „Reform" des Reichstags Wahlrechts genannt.

Es ist nötig, daß wir diese Möglichkeiten schon heute fest ins Auge fasten. Besonders wir im Zen­trum müssen uns so stark wie möglich rüsten, damit wir allen Möglichkeiten gewachsen sind. Der bevor­stehende Reichstags Wahlkampf wird uns vor schwere - Aufgaben stellen, aber wenn nicht alle Zeichen trügen, ! werden die bann — vielleicht schon 1913 — folgen- jben Neuwahlen uns noch schwerere und be­deutungsvollere Kämpfe bringen.

Deutsches Reich, -

)( Das Jubiläum der Arbeiterversicherung wurde (am Samstag durch einen Festakt im Reichstage in Gegenwart des Kronprinzen festlich begangen. .Es waren eine große Anzahl hervorragender Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens erschienen, so u. a. Staatssekretär Delbrück als Vertreter des Reichskanzlers, bann ferner der Präsibent des Reichs­tages Graf Schwerin-Löwitz, der Direktor Kaufmann vom Reichsversicherungsamte. Der Reichskanzler hatte ein Begrüßungsschreiben gesandt. Staats­

sekretär Dr. Delbrück hob in einer Ansprache die hohe nationale und soziale Bedeutung der Ver­sicherungsgesetzgebung hervor. Nach einer Anzahl Ansprachen führender Beamten der Landes-Ver- sicherungsanftalten und Berufsgenoffenschaften warf Präsident Dr. Kaufmann vom Reichsvelsicherungs- amt einen Rückblick auf die Entwickelung der sozialen Gesetzgebung, die der völligen Umwälzung der früheren wirtschaftlichen Verhältnisse in den zu einem mächtigen Industriestaat emporgewachsenen Deutsch­land Rechnung tragen und einem in seiner ganzen Lebensführung neuen Arbeiterstande eine umfassende Gewähr gegen die Gefahren seines Berufes geben sollte. Die deutsche Sozialreform hat in den 25 Jahren ihres Bestehens nicht nur unserem Wirtschafts­leben zu einem beispiellosen Aufschwung verholsen, sondern auch die Lage des Arbeiterstandes durch­greifend verbessert. Unfall- und Invalidenversicherung sind zugleich ein Eck- und Grundstein der sozialen Gesundheitspflege geworden. In der Arbeiterver­sicherung hat Deutschland ein Werk geschaffen, das auch für ernste Zeiten ein Wahrzeichen.deutscher Kraft und deutscher idealer Gewinnung bleiben wird.

♦ Eine Novelle zum Reichsbeamtengesetz dürfte nach der ,Postt in der nächsten Tagung des Reichstags eingebracht werden. Sie wird entsprechend einer Anregung des Reichstags das Wiederaufnahmever­fahren im Disziplinarverfahren für Reichs beamte im Sinne der Strafprozeßordnung einführen. Dieses Wiederaufnahmeverfahren ist durch das geltende Gesetz im Disziplinarverfahren für Beamte ausgeschlossen, da ein anderes Mittel als die Berufung nicht existiert.

* Ei» uuveröfferitlichter Brief Windthorsts aus der Zeit der Wahlen zum Norddeutschen Reichstage stammend, wird in der ,Germ/ mitgeteilt. Er ist gerichtet an einen Vertrauensmann der Wähler des Wahlkreises Meppen-Lingen, den Windthorst be­kanntlich bis zu seinem Tode vertreten hat, und be­weist, daß der später als Feind des Deutschen Reiches verschriene Zentrumssührer schon damals den Anschluß der süddeutschen Staaten an den Norddeutschen Bund, also die Gestaltung des Deutschen Reiches, wie sie vier Jahre später wirk­lich erfolgte, als anzustrebendes Ziel in fein Pro­gramm ausgenommen hatte.

Celle, 28. Januar 67. Euer Wohlgeboren beehre ich mich auf die gefällige Zuschrift vom 21. er. ergeben)! zu erwidern, daß ich, wen» die Wahl zum norddeutschen Parlamente im dortigen Wahlbezirke auf mich fallen sollte, dieselbe anzunehmen bereit bin. Ein eigentliches Programm für die Tätigkeit im Parlamente läßt sich zur Zeit, wo die Vorlagen der Regierungen nicht bekannt sind, wo alles im Werden, im Voraus nicht aufstellen. . . . Im Allgemeinen aber scheint mir die Aufgabe des Parlaments darin zu bestehen, für Norddeutsch­land eine bundesstaatliche Verfassung zu begründen, welche Sicherheit nach Außen und politische und bürgerliche Freiheit im Innern gewährt und genügenden Raum läßt für die Bereinigung mit den südlichen deutschen Staaten. Ich zweifle nicht, daß Sie und Ihre Freunde mit mir einverstanden sein werden...... Hochachtungsvoll ergeb en ft

L. Windthorst.

D Freisinn und Sozialdemokratie. Wie aus Meiningen gemeldet wird, haben die Abgeord­neten der fortschrittlichen Volkspartei, Dr. Müller- Meiningen und Enders, in einer liberalen Wähler­versammlung erklärt, ein Zusammengehen der fortschrittlichen Volkspartei mit der Sozialdemo­kratie bei den Neichstagswahlen 1911 fei nach dem Magdeburger Parteitage unmöglich. — Mül­ler-Meiningen wie Enders sind in ihren Wahl­kreisen der Sozialdemokratie hart auf den Fer­sen ; für dort werden sich die Roten für ein Zu­sammengehen ohnehin bedanken.

-f- Ein freisinniger Anhänger der Schutz­zölle? Der nationalliberale Partei - Sekretär Groupner teilt mit, daß der fortschrittliche Reichs- tagS-KandidatimWahlkreise Marienberg-Zschopau, Dr. Brodaus, dem nationalliberalen Landtags- Abgeordneten Clauß gegenüber die bestimmte Ver­sicherung abgegeben habe, er trete für die Beibehal­tung der jetzt geltenden landwirtschaftlichen Schutz­zölle ein. Erst auf Grund dieser Erklärung habe Herr Clauß damals die Kandidatur des Herrn Brodaus unterstützt.

X Gegen die Weinfälscherei machen die be­teiligten Minister neuerdings entschieden Front;

Zeitung *

2. Blatt.

Druck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in 5utda.

Aus dem Rachbargebiete.

* Dermbach, 2. Okt. 1910. Nachdem die Masern im Erlöschen sind, taucht eine anbere ansteckende Krankheit auf, nämlich Typhus.

* Aus Oberhessen, 30. Sept. 1910. Die Obstoersteigerung an den Kreisstroßen des Kreises Gießen ergab etwa das Doppelte des Voranschlages. Die Kreiskasse dürfte für 3300 Zentner Obst, die zu ernten sind, 15—18,000 Jt>. entnehmen.

* Hersfeld, 1. Okt 1910. In einer hiesigen Tuch­fabrik brach durch Selbstentzündung der in einem Wolltrockenapparat aufgespeicherten Wolle Feuer aus. Durch das sofortige Eingreifen der Fabrikseuerwehr gelang es, das Feuer im Keim zu ersticken.

* Friedberg, 2. Okt. 1910. Die Hofgesell­schaft machte eine Automobilfahrt auf den H o h e- rvdskapf und den Taufstein. Im Klubhaus des Vogelsberger Höhenklubs wurde Einkehr gehalten und der Kaffee eingenommen.

* Kassel, 2. Okt. 1910. Bei dem Konkurs der Kasseler Bäckereieinkaufsgenossen­schaft, eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftung, betragen die zur Verfügung stehenden Ak­tiva 825 Mk., während sich die Passiva auf 90548 Mk. nicht vorberechtigter Forderungen belaufen.

* Fritzlar, 2. Okt. 1910. Die hiesige Oberförster­stelle ist dem Oberförster K a b o t h in Zobten vom 1. Oktober d. I. ab übertragen.

Aus Kirche und Schule.

s Der diesjährige Charitastag, der 15. in der Reihe dieser Jahreskonferenzen des charitativ tätigen Deutschland, insbesondere des von Prälat Dr. Werth­mann gegründeten und geleiteten Charitasverbandes (Sitz Freiburg! wird in den nächsten Tagen tn Essen-Ruhr stattfinden. Den wichtigsten Gegen­stand der sehr ausgedehnten und vielseitigen Tages­ordnung bildet das so sehr wichtige Kapitel Groß­stadtseelsorge. _______________________

sie verweisen in einem Erlasse darauf, baß viel­fach Weine in Flaschen zu ganz unmöglich me- driqen Preisen angeboten würden und ordnen dazu an, „daß in allen Fällen, in denen Flaschen- weine zu ungewöhnlich niedrigen Preqen rm Kiein- handel feilgeboten werden, nicht nur etne strenge Kontrolle der Händler zu erfolgen hat, sondern auch die Bezugsquellen innerhalb der Weinbau- Gebiete sesizustellen und die dortigen Kontroll- Organe zu benachrichtigen sind, um eine scharfe Ueberwachung der liefernden Betriebe vorzuneh­men." — Auf diese Weise wird es endlich dahm kommen, daß auch die großstädtischen „Keller- Weinbauern" zur Verantwortung gezogen werden.. Sicher hat das Weingesetz seine Wirkung nur m den Weinbau-Gegenden selber getan.

* Unglaubliches aus Polen. Eine „Enteig­nung s g e s chi ch t e" wird aus Flatow in Polnisch-Westvreußen berichtet. Dort existiert über 200 Jahre eine Schützengilbe „zum Zweck der Erhal­tung der Ruhe und Ordnung". Aber den Hakatisten in Flatow stach cs gewaltig unter die Rase, daß bte Mitglieder in der Mehrzahl Polen waren. Sie mel­deten daher auf einen Zug 60 Deutsche an. Die Schützengilde lehnte diese Maffenanmeldung ab, stellte es aber jedem frei, sich einzeln anzumelden. Die Hakatisten beschwerten sich bei der Regierung, und diese brachte es fertig, auf Grund einer uralten verstaubten Verordnung den Verein aufzu^losen „weil er seinen Zweck nicht mehr erfülle.

Schönste cher kommt noch! Der preußische Fiskus nahm das Äenntzgell per Gilde in der Hohe von 6000 Mark zu sich, Miete aber den seitherigen Mit­gliedern zu, 1000 Mark Schulden der Gilde auf die eigene Tasche zu übernehmen. Das Gericht verur­teilte wenigstens den Fiskus zur Zahlung dieser Schuld. Die übrigen 5000 Mark gab die Regierung der von den friiher angemeldeten 6 0 Deutschen neugegründeten Schützengilde! Jede Be­merkung dazu ist überflüssig.

vermischtes.

• Die Eitelkeit, sich als Dichter gedruckt zu sehen, hat einen Privatbeamten in eine unangenehme Lage gebracht. Er fand in einem Blatte ein Gedicht, schrieb es ab, änderte es in einigen unwesentlichen Punkten ab und sandte es an die Redaktion einer Zeitung. Der Redakteur erinnerte sich aber, es schon gebnult gelesen zu haben und verzichtete auf ren Ab­druck. Das Landgericht Magdeburg Has den Einsender wegen versuchten Betruges im Rückfalle zu sechs Wochen Gefängnis vemrteilt, weil er Hono­rar erschwindeln wollte. Die Revision oes Angeklag­ten wurde vom Reichsgericht als unbegründet ver-

* großer Schwindel mit Goldstaub ist von Russen seit längerer Zeit in Westdeutschland betrie­ben worden. Die Betrüger verkauften Goldstaub, der dann bei der Bezahlung mit Kupferstaub vertauscht wurde. Mehrere Russen sind jetzt auf Antrag der deutschen Gerichte in Warschau verhaftet worden. Der deutsche Generalkonsul in Warschau teilt an Geschä­digte in Barmen mit, daß bei den «chwmdlern Werte von etwa 40 000 Mark beschlagnahmt worben fmb* Fürst-Fürstenberg, der „fürstliche Brauer," er- richtet in Berlin Unter den Linden einen großen Bierpalast, in dem nur sein Donaueschmger Fürsten- bera-Brän zum Ausschank kommen wird. Fürst Fürstenberg gehört bekanntlich zu den Freunden unseres Kaisers, der ihn jährlich zu besuchen pflegt.

* Die Hamburger Juwelendiebe, die im vergan­genen Jahre in einem Hotel für 125 000 Mark Gold- und Silbersachen stahlen, scheinen jetzt endlich gefaßt zu sein. Die Kriminalpolizei hat in Ruhrort einen Kaufmann aus Mülheim a. Ruhr und einen aus Amsterdam verhaftet, auf die das eigneten ent der Diebe passen soll. Einer von ihnen versuchte eine wertvolle Brillantnadel bei einem Mhandler zu verkaufen. ~, , _ , ,

* Der Mörder des Leipziger Schutzinanns Hent­schel, der sich Ignaz Denck nannte, wurde als ein ge­fährlicher russischer Revolutionär festge-

Ein furchtbarer Gattenmord wurde von dem Bäckermeister Morarn in Bukarest verübt. Als ihm seine Gattin Vorwürfe wegen feiner Trunken­heit machte, nahm er sie und fchlcuberte sie tn den Backofen. Die unglückliche Fran verbrannte zu Asche.

* lieber einen neuen Schmugglerschlich berichten, Brüsseler Blätter folgendes fragwürdige Ge« schichtchen. Seit einiger Zeit kam an der belgisch« ftanzösischen Grenze regelmäßig ein Automobil durch,, das die französische Zollstation Blanc Misseron pass fierte, ohne anzuhalten. Es muß mit einer Kehrvor-1 richtung versehen sein. Denn sobald es in die Nah-j der Station kam, wirbelte es eine so dichte Staub-- ! wölke auf, daß es dahinter vollkommen verschwand; und unbehelligt über die Grenze kam. Die Zollwäch» ter gaben aus Geradewohl Schüsse auf die gespensti»s sche Erscheinung ab, ohne indes, wie es scheint, in« folge des unsicherer Zielpunkts zu treffen. Die fron« zöstschen Behörden sollen nun besondere Vorkehrungen! ( getroffen haben, um das merkwürdige Fahrzeug auf» ! zuhalten. , I

* Durch eine Explosiv» geriet das Gebäude der, Zeitung ,Times' in Los Angeles (Kalifornien) in Brand, wobei etwa 20 Personen getötet und ebensoviele verletzt wurden. Die Mehrzahl der Opfer sind Mechaniker. Da dieZeftung nur Nicht­organisierte Arbeiter einstellt, so hätten nach einer Behauptung des Chefredakteurs die Feinde der ge­werblichen Freiheit das Zeitungshaus mit Dynamit zerstört. Das ganze Gebäude ist völlig vernichtet.; Der Schaben wird auf eine halbe Million Dollars geschäht.

Reklamen- und Anzeigenteil. .

Vabrlkaatl August Jacobi» Darmstadt.

Um Ehre und Recht.

33] Roman von O. Elster.

Fritz wagte es nicht, Erika in die Augen zu sehen. Ein heißer Zorn quoll wieder in ihm empor und : trübte seine Augen. Er schritt einige Male hastig auf und ab. Dann warf er sich auf eine Bank und starrte finster vor sich nieder.

„Nun", nahm Erika das Wort, „glaubst Du noch an eine Aussöhnung?"

„Nein", stieß er hervor.

„Der Kampf hat begonnen, Fritz, meine Mutter hat ihn eröffnet. Und glaube mir, ebenso schonungs­los wie sie gegen Dich vorgeht, wird sie auch gegen t mich vorgehen. Nur, wenn wir mit einem ummtast- t baren Beweise Deiner Schuldlosigkeit kommen, wird (sie vielleicht zu einer Aussöhnung bereit sein."

Fritz dachte an das, was ihm sein Rechtsanwalt j gesagt hatte.

„Aber wie, wenn wir diesen Beweis nicht er­bringen können?" rief er leidenschaftlich aus. „Wenn Umstände vorliegen, welche nicht aufzuklären find? Wenn sich der gestohlene Gegenstand nicht wieder- findet?"

-Wenn alles das eintrifft, was Du da aussprachst, dann steht meine Ueberzeugung von Deiner Schuld­losigkeit doch unerschüttert fest, und mein Platz ist umsomehr an Deiner Seite, ein Zeugnis für Deine Ehre abzulegen."

„Du würdest auch dann zu mir halten?"

„Erst recht."

„Du würdest nicht an mir zweifeln?"

„Niemals."

„Erika — meine Erika, wie Sein bin ich Dir gegenüber." w

Er streckte ihr die Hände entgegen, in die sie die Hingen legte.

»Wir gehören nun einmal zusammen, Fritz", sprach sie mit Tränen im Auge lächelnd.

A Fritz zog sie an sein Herz.

„Ja, meine Erika, wir gehören zusammen für Leben und Tod" — und zum ersten Male küßten sie sich, aber mit der ernsten, innigen Liebe zweier Men­schen, die ein Bündnis auf Leben und Tod geschlos­sen unter Schmerzen und Gefahren.

Sanft löste sich Erika aus seinen Armen.

„Willst Du mich jetzt auch noch fortschicken?" fragte sie.

.Ja", entgegnete er tief aufatmend, „jetzt erst recht."

„Wie?"

„Jetzt erst recht", fuhr er lebhaft fort, „denn nie­mand auf der Welt soll Dir den geringsten Vorwurf machen können — Du hast gesagt, Erika, meine Ehre sei die Deine — nun gut, so ist auch Deine Ehre meine, und wenn Du einst mein Weib, mein gelieb­tes, teures Weib wirst, dann soll auch nicht ein Schat- ten Deine Ehre trüben."

Daran habe ich gar nicht gedacht", sagte sie frei- mutig.

.Um so mehr muß ich daran denken. Teure! Jetzt habe ich für Dich zu sorgen — aber fürchte nicht, daß ich Dich zu Deiner Mutter zurückschicken werde ich werde meine Mutter meine Eitern bitten. Dich, meine Braut, meine hochherzige, edelmütige Braut 'auszu- nehmen, und sie werden Dich mit offenen Armen und teueren Herzen empfangen. Miß Bayiev, cle treue Seele, wird mit Dir im Hause meiner Eltern leben, bort findest Du eine Heimat, bis ich Dich hier als Herrin einführen kann. Meine Mutter, — lerne sie nur erst kennen — weiß ja schon, daß wir uns lieben." ‘ „Deine Mutter weiß um unsere Liebe?!"

„Ja — ich kann ja kein Geheimnis vor ihr haben! Wenn ich in ihre Augen sehe, dann muß ich ihr alles sagen, was mein Herz bewegt. Und Dir, mein Lieb­ling, wird es auch so gehen — lerne nur meine Mut­ter erst kennen!"

„Ich sehne mich jetzt schon danach, sie kennen zu lernen. Ja, Fritz, führe mich zu Deinen Eltern, Deiner Mutter — dort werde ich Verständnis, dort werde ich eine Heimat wieder finden, welche ich hier seit dem Tode meines guten Vaters verloren habe."

Er schloß sie wieder In seine Arme. Dann zog er ihre Hand durch seinen Ann und führte sie tiefer in den Garten hinein und erzählte ihr von seinen Eltern, von feiner Mutter und feinen Schwestern, und sie lauschte lächelnd seinen Worten, lehnte das Haupt an seine Schulter und war glücklich.

Doch lange sollten sie sich diesem süßen Geplauder in der lieblichen Einsamkeit des blühenden Gartens nicht hingeben können. Miß Florence Bayley kam herbeigeeilt und machte ein sehr ernsthaftes Gouver­nantengesicht, über das Erika fast gelacht hätte.

„Das ist nicht recht von Ihnen, Herr Born", sagte Miß Bayley, „daß Sie so lange mit Erika allein im ©arten umherstreifen. Ich bin für Erika verant­wortlich — ich werde sie von jetzt an überhaupt nicht mehr allein im Garten spazieren gehen lassen"

Lächelnd umarmte Erika die treue Freundin und rief, säst in den früheren Uebermut verfallend:

„Aber, Bayley, er ist doch mein Verlobter!"

„Verlobte sollen erst recht nicht allein umhersttei- fen, das schickt sich nicht", sprach die Miß in strengem Tone.

„Ach, was verstehen Sie davon, Bayley", rief Erika übermütig.

„Halt, Erika", nahm Fritz das Wort, ein Lächeln unterdrückend, „Miß Bayley hat ganz recht, und ich bitte Sie um Entschuldigung, Miß Bayley, daß ich mich vergessen habe. Gerade wir in unserer feltfamen Lage müssen doppelt vorsichtig sein. Es soll nicht wieder vorkommen, Miß Bayley, und nun, hören Sie, was wir beschlossen haben."

Er teilte der Erzieherin seinen Plan mit, daß sie und Erika einstweilen bei seinen Eltern Wohnung nehmen sollten, da vorläufig an eine Aussöhnung mit der Baronin nicht zu denken sei.

Miß Bayley hatte ihre Besorgnisse. Aber schließ­lich gab sie doch zu, daß es so das Beste sei, nachdem sie den Brief der Baronin gelesen.

„Die Frau Baronin verkennt mich!" sagte sie leicht beleidigt. „Nicht aus Leichtsinn habe ich Erika

begleitet, sondern im Gegenteil, aus ernstem -Pflicht­gefühl, um über ihr Wohl und Wehe wachen zu kön­nen."

„Wir wiffen es, Miß Bayley", sprach Fritz be­wegt, „und wir sind Ihnen von Herzen dankbar."

Gemeinsam begaben sie sich in das Haus zurück, wo Fritz an seine Eltern ein langes Telegramm rich­tete und Miß Bayley und Erika sich zur Abreist rüsteten.

Mit dem Schnellzuge, der mittags die Station Hambach passierte, reiften sie nach Berlin zu dem Oberamtmann Friedrich Born, dem Vater Fritzens.

XVIII.

Der „schöne Stanislaus", wie ihn Erika in ihrem früheren Uebermut genannt hatte, saß auf bet Ver­anda des Schlosses und rauchte, nachdenklich gestimmt, eine Zigarette nach der andern, den Rest der aufgr- rauchten Zigaretten stets in weitem Bogen in den Pack schleudernd.

Seine Mutter, Frau Julie von Prokowsky, stand an die Balustrade gelehnt und beobachtete ihre» Sohn mit ängstlichen Blicken.

Frau Julie war ttotz ihrer fünfundvierzig Jahre noch immer eine schöne Frau, wenn ihre einstige jugendliche Schlankheit auch einem behaglichen Em- bonpoint gewichen war. Aber das schwarze Seiden- Heib — sie trug fast immer schwarz — umspannte knapp ihre volle Gestalt und ließ sie schlanker erschei­nen als sie in der Tat war. Auch hob das Schwarz den immer noch zacken Teint ihres Gesichtes, dem Puder und Schminke allerdings nachhelfen mußten. Ihr reiches, schönes, blondes Haar schmiegte sich in sanfter Wellenlinie um ihr Antlitz, das dadurch mit seinen blauen Augen und dem süßlichmelancholischen Lächeln auf den Lippen einen nicht unsympathischen Eindmck machte.

Diese sanfte Schmiegsamkeit, diese süße Schmei­chelei, diese melancholische Dulderinnenmiene hatte dadurch ihren leichtaufbrausenden, starcköpsigen Ehe-1 mann gezähmt, daß er schließlich ihr allen Willen tot

(Fortsetzung folgt.)