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Leitung

fulüaek

Durch ihn ward uns ein fröhlich Herz, Gesunder Leib zu teil!

(1861—1869) gewidmet. Hier setzt HoenSbroech so­fort mtt der Verdächtigung der tmtinottonalen un­deutschen Erziehung ein, welche die internationalen OrdenSgenoffmschaften bezw. ihre Erzichungsanstal- ten im AuSlande zur Folge hätten. Insbesondere dem deutschen MtramontaniLmuS und dem katholi­schen Adel sei eS eigentümlich, seine Söhne und Töchter »für teures Geld in starr ultramontanen Grundsätzen von Nichtdeutschen unterrichten und er­ziehen" zu lasten. Ein Nationalitätsgefühl komme daselbst nicht auf, imtürlich sei auch der wiffenschaft- liche Unterricht „durchaus ungenügend und in keiner Weise deutschen Anforderungen entsprechend". Ganz abgesehen von der völligen Unwahrheit dieser Be­hauptungen, wamm weiß HoenSbroech kein Wort da­gegen zu sagen, daß noch viel mehr Tausende prote­stantischer Kinder aus besseren Familien in England, Frankreich, Schweiz „für teueres Geld" Instituten zur Erziehung übergeben werden? Dann wird das Leben in Feldkirch in seinen vielen Einzelheiten und vittem überflüffigem Krimskrams beschrieben. DaS jesuitische Unterrichtssystem, welches sott mehr als drei Jahrhunderten von Baco, von Vemlam und Leibnitz an bis zu Friedrich Paulsen viel gelobt wurde, verdient nach HoenSbroech nur das Urteil: „Es ist schlecht". Nun wird die Studienordnung durchgehechelt, wobei unter Fußtritten dem Be­dauern Mrsdvuck gegeben wird, daß die Jesuiten Pachtler und Duhr Mitarbeiter an den „Monumenta Germantae paedagogica" geworden find. Es gibt gar nicht genug Schlechttgkeiten, welche HoenSbroech in diesem Kapitel nicht dem jesuitischen System, sei­nem „Mangel an Nationalitätsgefühl", seiner „grund­sätzlichen Weltflucht", der unselbständig machenden Jesuitenaskese usw. an die Rockschöße hängt. Man ist erstaunt darüber, wie es der Verfafler fertig bringt, kein gutes Haar an dem BildungS- und Erziehungs­wesen der Jesuiten zu lasten, wie er aus alter und neuer Zett Materialien beiträgt zur Vernichtung und Lächerlichmachung. Die Ereigniffe der Kommunion- und Generalbeichte geben dem Verfasser wieder ®e» legenheit, in seiner Weise sich über Wesen und Zwak dieser Sakramente auszusprechen. WaS die Sittlich­keit unter den Zöglingen in Feldkirch und zwischen ihnen und den Lehrem anlangt, so gibt HoenSbroech zu, daß der allgemeine Geist unter den Zöglingen gesund und rein war, daß chm auch von feiten seiner Feldkircher Lehrer und Erzieher niemals eigentlich Unsittliches entgegengetreten ist. Dagegen kann HoenSbroech nicht umhin, unkontrollierbare Liebesge­schichten von Jesuiten mitzuteilen. Mtt dem „jesu­itischen System", das in Feldkirch herrschte, muß es doch nicht so arg schlimm bestellt sein, indem HoenS­broech am Schluffe dieses Kapitels schreibt, daß, ab­gesehen von den „Unterrichts- und Erziehungsergeb­nissen" . . ., „Frohsinn und sittliche Reinhett" die acht Jahre seiner Jugendzeit charcckterifieren. „Auch dankbare Gefühle werden in mit ausgelöst durch die Güte, die mir dort durchiveg zutell geworden ist".

Nun folgt die Gymnasial- und Universitätszeit. In Mainz vollendet HoenSbroech seine Gymnasial­studien. Hier stand er unter der Obhut eines Vetters seiner Mutter, des Bischofs Frhr. von Kettelet, des Patets Adolf von Doß und des GhnmafialdirekiotS Dr. Heinrich Bone. lieber Kettelet fällt HoenS­broech folgendes Urteil: „Vielen bedeutenden Men­schen und Persönlichkeiten bin ich begegnet; einer mächtigeren, imponierenderen und dabei fesselnd-be­geisternden als dem Mainzer Bischof niemals." Nun ging HoenSbroech ins Jesuitenkolleg Stonhhürst, um dort Philosophie zu studieren. 1872 bezog er die Universität Bonn, wo „ultramontane Katholizttät" Grundgesetz seiner Verkehrskreise wat. Als Bonner „Armine" und später als Göttinger „Winfriede" hat HoenSbroech die „enge Zusammengehörigkeit von ka­tholischen Studentenverbindungen und Zentrum ken­nen gelernt". Diese Wahrnehmung machen andere unvoreingenommene Leute nicht, durch die Brille Hoensbroechs haben scheinbar alle Dinge einen ande­ren Eindruck bekommen, als sie ihn gewöhnlich ma­chen. Gut eingeweihte Leute wissen objektiv, daß in den katholischen Studentenkorporationen tatsächlich so gut wie keine Politik getrieben wird. Während der Studentenzett trafen viele Umstände zusammen, um Hoensbroechs Absicht bezw. Neigung, Jefutt zu wer­den, nicht sterben zu lassen. Auch der Kulturkampf mit seinen Priesterverfolgungen lenkte Hoensbroechs Sinn mehr und mehr auf geistliche Dinge hin. In­teressant ist hier die Anschauung, daß jedes Kultur­kampfgesetz nicht so sehr den Ultramontanismus, als vielmehr die katholische Religion traf und so die reli­giösen Gefühle der Katholiken aufs schwerste bei* letzte". Sein Elternhaus war „zum Versteck gewor­den für verfolgte Geistliche, die, im Bauernkitttt ver­kleidet, bei Nacht und Rebel die polizellich verbotene Seelsorge ausübten. Ich fuhr sie auf Feld- und Wald­wegen über Land, und nicht selten entzogen meine stinken Ponys sie den nachfetzenden Gendarmen. Daß HoenSbroech bei Gelegenheit der Schilderung feiner Lourdesreise die Einnahmequellen der „römischen Kirche" in dem großen Wallfahrtsorte nicht mttzu- tellm vergißt, wird nicht weiter verwundern. HoenS­broech erzählt noch viel von den „Torheiten" der rö- mischen „Asterreligion", die er mitmachte auf Gmnd feiner ultramontanen Umwelt.

2hn 4. November schloß sich hinter ihm die Pforte des Klosters in Exakten. Mit einem „Fußttitt" öff­nete er sie nach 14 Jahren wieder, „um den Weg zu gewinnen ins Freie", lieber den Jesuiten Hoens- ^oech handelt nun der zweite Band. Dort behandelt Hoensbro^h da, Ordensleben, Wesen, Einrichtung und Wuksamkett des Jesuitenordens. Wir können "TC Tel übergehen, nachdem Graf HoenSbroech d^_Vorwurfe eines Plagiators und Fälschers, die PilatuS gegen ihn erhob, ruhig auf sich, hat sitzen laflen. Am Schluffe fernes Buches teilt H mit wie es „unter der Regie des Zentrums" gelungen sei ihn vom Staatsdienste fernzuhalten. Der Herr Graf wünschte sofort den Posten eines preußischen Land­rats, den hat er nicht bekommen und daran ist nach seiner Ansicht das Zentrum schuld. Es ist Unsinn anzunehmen, daß das Zenttum gegen die Verwcn- düng des Herrn HoenSbroech im Staatsdienst pro- teftiert habe, oder daß die Regierung aus Rücksicht auf das Zentrum Herrn HoenSbroech nicht angestellt habe . Solche Rücksicht auf das Zentrum ist man nicht gewohnt. Es wird sich damit ähnlich verhalten, wie mit Hoensbroechs Behauptung, daß er Anwattschast auf eine Privatdozentenstelle gehabt habe, seine An­stellung aber aus Rücksichtnahme des Ministeriums aus das Zentrum gescheitert sei. Erstens gibt es keine Anstellung als Privatdozent, sondern nur eine

. W 225.

Samstag den l. Dltober (910.

37. Jahrgang.

Bon der Plantage znr Garage.

Von Dr. M. Pollaczek.

Wtt habm es unS in unserer Kindheit nicht träu­men lassen, welch hohen Wert der Gummi oder Kautschuk, den wtt nur in der Form des Radier­gummis oder der Gummischuhe kannten, einst erlan­gen würde. Zwar bemächtigte sich die Techntt im allgemeinen immer mehr des vielseitig verwendbaren Stoffes zur Herstellung von chirurgischen Instrumen­ten, wasserdichten Stoffen, Puffem, Transportbän- bern, Baggerschläuchen usw.; aber die Jagd nach dem Gummi, der Kautschukhunger, setzte doch erst ein, als das Radfahren und vor allem als das Automobil auf­kam.

Settdem ist Gummi zu einem überaus gesuchten, sehr hoch bezahlten Stoff, ja geradezu zu einem Spe- kulattonsobjekte des Welthandels geworden, und alle Tropengegendm werden nach den Pflanzen, dtt ihn liefern, durchforscht. Dabei wird natürlich meist Raub­bau getrieben und eines schönen Tages werden die Erttäge auch nicht mehr im entferntesten zureichen. Deshalb wird schon vielfach von weiffichtigen Leuten der Kautschuk in P l a n t a g e n angebaut, und wenn auch der P lantag enk au t schuk vorläufig nur einen ganz geringen Teil des Weltbedarfs deckt, so wird sich das im Lause der Jahre ändern, denn der hohe Preis des Rohkautschuks, etwa 6 Mk. das Pfuno, reizt zu regelmäßiger Gewinnung. Auch in den deut­schen Kolonien widmet man sich der Kautschnkpflan- zung, so in Usambara.

Die Anlage einer Plantage ist, vorausgesetzt, daß der Pflanzer Über die nötige Zahl der schwarzen Ar­beitskräfte verfügt, nicht allzuschwer. Zunächst wird die Grassteppe, die mit den Pflanzen besetzt werden soll, von Buschwerk und vereinzelten Bäumen mit dem Buschmesser gerinigt. Ist das auf einer Fläche von 100 Hektar geschehen, läßt i.;an sie einige Wochen ruhen und zündet sie dann an. Die schwarze Fläche wird dann noch nach unverbrannten oder nur halbverkohl­ten Holzstücken abgesucht. Run beginnt die eigentliche Arbeit. Von drei zu drei Metern wird der Boden in einem kleinen Kreise bearbeitet, und dieser Kreis, der sogenannte Pflanzteller, kann nun Die Saat auf­nehmen.

Zu Beginn der großen Regenzeit werden die Saat­körner, immer drei auf den Pflanzteller, derErde anver­traut. Die Kautschuksamen sind außerordentlich hart, und das würde sie vor vielen Schädlingen, insbeson­dere Ameisen, schützen; aber der Mensch vernichtet diesen Schutz, indem er vor dem Auslegen bei jedem Samen die Schale durchfeilt. Geschähe das nicht, so würde der Keimungsprozeß zwei bis drei Monate dauern, länger als die Regenzeit. So kommen, da der Regen Zuttitt hat, die jungen Pflänzchen schon nach zehn Tagen auf. Gehen alle drei Pflänzchen des Pflanztellers auf, so läßt man nur die stärkste stehen und versetzt die anderen auf Stellen, wo nichts aufge­gangen ist. Uebrigens wird nach Beendigung der Gummisaat auf dasselbe Feld auch Baumwolle gesät, von der man sofort Ernten hat, während man mit dem Kautschuk zwei Jahre toarten muß. In der Zwi­schenzeit muß man die jungen Bäumchen vor allem vor ihren tierischen Feinden, vor Ameisen, aber auch vor größeren Tieren, Pavianen und Wildschweinen, die oft große Verheerungen anrichten, schützen. Auch das Gras zwischen den Bäumen muß kurz gehalten wer­den; später, wenn die Kronen der Bäume sich so eng berühren, daß sie die Sonne nicht durchlaffen, geht es von selber ein.

Die Ernte wird immer in den frühen Morgen­stunden, nicht in der Tageshitze, durchgeführt. Der Arbeiter bestreicht die Rinde mehrerer Bäume mit e" ■ Säure und verwundet sie bann mit seinem Mes-

Jetzt „blutet" her Kautschuk in milchweißen s.^gen heraus unb gerinnt, so wie er auf die Säure kommt. Diese Stteifen werben anfgerollt, bitben einen Keinen Ball, und über biefen w.n .1 nun bie anberen Streifen zu einem immer größeren gerollt. Ter Ar­beiter kann so pro Tag 2 Pfund Kautschuk sammeln, unb bie Bäume tonnen ohne Schaben zu nehmen jeben vierten Tag zur Aber gelaffen werben.

Uebngens werben nicht auf all"n Plantagen ange­feilte Samenkörner gesät; in Jnbien zieht man es vor, kleine Pflänzchen aus Englanb kommen zu lassen, wo sie in Gewächshäusern kultiviert werden, unb sie bann auszusetzen. Auch bie Erntemethode ist nicht überall diesttbe. Man benutzt, um den Milchsaft gerinnen zu machen, auch Alaun ober Rauch usw. In allen Fäl­len aber wird er getrodnet unb bann in säcke verpackt unb verschickt.

Kommt er nun In bie europäische Fabrik, so pmß zweierlei mit ihm geschehen, er muß gereinigt unb vulkanisiert werben. Das Rohprodukt wird durch sehr kräftige Walzen geführt, wiederholt gewaschen und bann in Trockenkammern gebracht. Von hier kommt es in das Mischwerk, wo es bie Zusätze erhält, bie für bie spätere Bearbeitung unb Vulkanisation nötig sind. Diese besteht im wesentlichen in einer Mischung des Gummis mit Chlor-Schwefel unter Erhitzung auf 140 Grad. Dieser vulkanisierte Kautschuk ist bei weitem elastischer, als der rohe, wird durch Außentemperatur nicht beeinflußt und widersteht Säuren und dergleichen in hohem Maßes Schon bei der Mischung wurde bei Kautschuk durch Knet- und Schneideapparate in solche Platten und Stücke gebracht, wie man sie nachher braucht. Die Platten kleben beim Verlassen der Wal­zen sehr stack aufeinander und man bestreut sie daher vor dem Auftollen mit Talkum und zieht sie durch kaltes Waffer. Auch die Schneibeinstrumente werben naß gehalten.

Um zu einem Schlauch mtt Einlage zu werden, wird der Gummi unb werben bie imprägnierten Stoffe in große Hallen ttansportteck unb hort auf vierzig Meter langen Tischen um Rohre von bestimmtem Durchmeffer gewickelt, eingewickelt unb vulkanisiert. Um Kautschuk­schläuche herzustellen, preßt man den Kautschuk auf Pressen mit stackem, heizbarem Zyltnber, indem man in die freiSrunben Oeffnungen ber Bodenplatte Dor­nen einsetzt unb in das austretende Rohr durch den hohlm Dorn Waffer leitet. Daß die benutzten Stoffe, wie Gummigualttäten je nach Zweck und Beanspruch­ung des Reifens verschieden sind, ist selbstverständlich. Ein Kinderwagen braucht andere Reffen wie ein Saft- auto, unb so werden für die leichten Rennräder spinn» webdünne, aber zähe, für Automobile wieder Stoffe gewählt, bie einer großen Beanspruchung gewachsen find, unb Gummi bester Qualität

4. Blatt.

Druck unb vertag bet Zulbaet Actiendruckerei in Zulda.

Zulassung; zweiten- ist für den Eintritt in diese Stellung — bie kein Ami ist — zuständig nicht das Ministerium, sondern die betreffenbe Fakultät, die zu einer Habilitation seitens der Regierung Jeblgti^ nicht gezwungen werden kann. Drittens ist bei allen Flckuliäten die Bedingung, daß der Habilitandus vorher daS Doktorexamen innerhalb des Bereiches der bett Fakultät (bei ben evangelisch-theologischen Fakultäten bie Lizenziatenprüfung) gemacht hat. Da Graf HoenSbroech in keiner Fafliltät diese Be­dingungen effüllt hatte und auch nicht erfiillt hat, kam er unb kommt er für Die £abtIitüHori eben nicht in Frage. Graf HoenSbroech gefallt sich in ber Rolle eines Märtyrers. Das Mockyrium hat ihm aber nicht daS böse „Zentrum" angerichtet, sondern er selbst.

Günstige Wirkung des Radfahrens bei Magenleideu.

Von Dr. Thraenhart, Freiburg i. Br.

Einsttmmig wirb von allen Radfahrern die hervor- ragenb appetitsteigernde Wirkung dieses Sportes ge­rühmt. Eine wahre Freude ist eS, einem ^ahlroß- reifer nach mäßiger, nicht überanstrengender Fahrt beim Essen zuzuschauen, wie et schmunzelnd ganze Berge von Speisen tieriilgt. Diese mächtige Anre­gung des Appetites ist bie Folge der Bewegung unb Muskelarbeit in frischer Luft. Körperliche Arbeit macht Hunger, benn wir verbauen nicht nur mit bem Ma­gen, fonbem auch mtt Armen unb Beinen

Durch bas Treten bet Maschine unb die dadurch bewirkte abwechselnde Anspannung unb Erschlaffung ber Bauchmuskeln finbet mich eine Unterleibsmassage eckten Ranges statt; Magen unb Darm werben außer­ordentlich in ihrer Tätigkeit angeregt, die Verdauung wird gewaltig beförbert, bet ganze Stoffwechsel be­schleunigt. Hierzu kommt bie anhaltenbe Erschütte­rung bes gesamten Organismus, welche eine muhe Art von Vibrationsmaffage barftettt, unb beim Ritter vom Pedal boch nicht so ftarf erschütternd wirkt wie beim Reiter zu Pferde. ,

Daher ist das Radfahren in allererster Reihe jenen Tausenden zu empfehlen, welche durch ihren Beruf an eine sitzende Lebensweise gebunden sind unb in­folgedessen an Appetitlosigkeit ober schlechter Verdau­ung mit ihren üblen Folgen leiden. Ungezählte blasse, empfindlich« ober üerbüfterte Stubenhocker gewinnen nach Erlernung bleses Spotts ein frisches, heiteres Aussehen unb guten Appetit; sie können bann gar nicht genug rühmen, welche Erlösung von ftänbiger Pein ihnen bie Stahlmaschine gebracht hat, unb lernen an ihrer gesteigerten Lebens- unb Arbeitslust bie Wahr- Ifeit bes Wortes kennen:

Soll geistiges Leben wohl gebeihn.

So muß ber Leib ihm Kraft verleihn!

Großen Nutzen bewirkt bas Rabfahren besonders bei Verbauungsstorungen nervöser Art, zumal wenn ba- mtt öerbunben ist Neurasthenie ober Hysterie ober Blut­armut. ES ist eine bekannte Tatsache, daß bet ben meisten Bleichsüchtigen der Appetit schlecht unb bie Verbauung höchst unregelmäßig ist, bie Tätigkeit der Unterleibsorgane sehr barnieberliegt unb was derlei Beschwerden mehr sind. Hier gerade beweist seit Jahr- zehnten ber überaus günstige praktische Erfolg ben gro­ßen Heilwett des Rabfahrens. Selbst schwerere ner­vöse Formen von Appetiüosigkeit mit fast unüberwind­licher Abneigung und Furcht vor ber Nahrung haben Heilung gefunben.

Die häufigsten Magenleiden sind entschieden die­jenigen, welche durch Diäffehler hervorgerufen werden, sei es, daß man von einer einzelnen schwer verdauli­chen Speise zu viel genießt, oder überhaupt den Tafel- Beuden zu sehr huldigt. Zur Beseitigung bet baburch entftanbenen „Magenverstimmung" wende man nicht allerlei saure ober scharfe Delikatessen an, sondern lasse ben überanstrengten Magen hungern unb mache einen Rabausflug in mäßigem Tempo. Bald werben bann bie lästigen Erscheinungen weichen. Dasselbe gilt für ben ahiten unb chronischen Magenkatarrh, wofern er nicht als Begleiterscheinung schwerer organischer Grunbleiben austritt. Auch auf blejenigen Magenlei­den, welche beim „herrlichen" Geschlecht manchmal ein- treten infolge zu großer Huldigung von Bacchus unb Gambrinus ,hat ber Radfahrspott günstige Wirkung. Da schwinden bald alle Jammergefühle und Seekrank­heitssymptome und machen einer wohligen Verfassung mit erwünschtem Appetit Platz.

Ein gleich günstiger Einfluß zeigt sich bei bet viel- verbreiteten „Magenschwäche", mit welcher fast nach jeher Nahrungsaufnahme Sodbrennen, Ausstößen, Druck- unb Vollgefühl ober Brechreiz verbunden sind.

Fühlt sich nun ber magenkranke Radfahrer endlich von seinen Beschwerden befreit und ist der Appetit neu erwacht, so muß et doch noch längere Zeit diät leben. Namentlich barf er nicht nach einem Ausflüge an ber vetlockenben Tafel im Essen unb Trinken barauf los sünblgen. Fetner muß et bafür sorgen, baß bie Vcr- bauungsotgane beim Fahren nicht beengt ober gebrückt werben durch enge Güttel, festes Schnüren ober — was sehr wichtig — durch gebückte krumme Haltung.

Einen großen Fehler begehen manche Magenlei­dende auch dadurch, daß sie, nach bem Grunbsatze „viel Hilst viel", gleich von Anfang an zu schnell unb zu lange fahren. Eine solche Kur ist ganz falsch unb meist bireft schädlich, da lieberanftreagung ben Appetit ge­rade vermindert und den Körper schwächt. Im Anfang soll nur sehr mäßig unb langsam geradelt werden. Einen Kilometer lege man nicht schneller als in 5 Minuten zurück und fahre jeden Tag nur 30 Kilometer.

Den besten, gleichsam expettmentellen Beweis für bie heilsame Wirkung des Radfahrens bei Magenlei­den bildet bie bekannte Tatsache, baß im Winter, in ber „rabfahrlosen" Zeit, bei ben Meisten Rückfälle ihrer Bcfchwerben sich einstellen unb erst mit den im Früh­ling wieher aufgenommenen Radtouren abermals schwinden. Daher muß man diese ungünstige Wir­kung der schlechten Jahreszeit möglichst mildern, in­dem man jeden schönen Wintettag ausnützt unb auch sonst sein Stahlroß in gebeckten Fahrbahnen regel­mäßig tummelt.

Vom Frühling an aber wieder fleißig hinaus in Gottes freie Natur l Namentlich bie ersten Morgen­stunden im Sommer sind von heilkräftiger Wirkung auf Körper und Gemüt.

DaS wonnige Gesundungsgefühl, das sich bann einstellt unb alle Glieder durchströmt, ist unbeschreib­lich. Darum rafft euch auf alle, bie ihr magenleibend seid! Aufs Rad unb hinaus zur allheilenoen Mutter Natur! Viele leibende Leute, bie zuerst bem Radfahr­spott vollständig abhold waren, konnten nachher, als sie seine heilkräftigen Wickungen an sich selbst erfahren hatten, ihn nicht genug loben und tiefen begeistert aus:

= „Vierzehn Jahre Jesuit".

Unter diesem Titel hat der ExjesuU Hoens» roech zwei Bände veröffentlicht, in denen er seine Lebensgeschichte erzählt. Wenn jemand die Erleb- Nisse seines Eidenwallens niederschrelbt gegen das Ende seines Lebens, so sollte man im allgemeinen eine gewisse Abgeklärtheit, eine versöhnliche Ruhe, eine hohe Objektivität erwarten. Man findet sie in diesen beiden Bänden nicht. Hoensbroechs Bekennt­nisse atmen eine Unruhe, eine Unklarheit, eine Lei­denschaftlichkeit, einen Haß, wie sie nicht grade all­täglich sind. Er lüftet bie geheimsten, zartesten Vor­gänge in seiner Familie, bei bet Zeichnung b«S Charakters seiner Eltern läuft ihm so viel Pietät­losigkeit mit unter, baß bie letzten Sympathien ver­loren gehen. Die Enthüllung dieser vielen Intimi­täten aus Familie, aus dem Kreise der Jugendgespie- len, ber weltlichen unb geistlichen Personen, bie im Haufe seines Vaters verkehtten, bann bie vielen An- fcfiulbi gütigen gegen seine jesuitischen Erzieher, bl« Uebertreibung unb Hervorhebung ber untergeorbnet» sten Vorkommnisse sollen nur bazu bienen, ben Le­bensweg Hoensbroechs zu rechffettlgen.

Das Elternhaus Hoensbroechs ist das Schloß Haag im Kreise Geldern. Beide Eltem überragten weit „das Durchschnittsmaß ber Intelligenz", sie wa­ren voll von Interessen, sreillch „eingeengt burch streng, ja schroff ultramontan-katholische Gesinnung". Seinen Vater tonnte er nur als völlig erblinbeten Mann, bem bie Religion bie Haupiguelle ber Straft war. Täglich wohnte er an ber Spitze des ganzen Haushaltes in der Schloßkapelle ber Abenbanbacht bei, unb betete ben Rosenkranz vor. Bis ins hohe Alter hinein machte er bie Pfarrprozefsion nach Ke­velaer mit und kniete „vor dem Gnadenbilde auf offener Straße im Gedränge ber Massen" n,ieber. Mer ber Vater hatte einen Fehler: „prüfendes Nach­denken über Religion gab es bei meinem Vater wohl nicht". Das ist nach Hoensbroech ein „Charakterzug ber Katholiken im allgemeinen unb des katholischen Adels im besonderen. Als Katholiken stnd sie gebo­ren, ben Katholizismus haben sie ererbt, das genügt". Was die politische Gesinnung des Vaters anlangt, so laS er bie „Kölnischen Blätter" (jetzige „Köln. Volks­zeitung"), die „utfra=ultramontanen französischen Zeitungen „l Univers" unb „Le Vien publigue" unb bie „Kreiszeitung". Hoensbroech benutzt bie Ge­legenheit, bet Kreuzzeitung einen Tritt zu versetzen; weils in einem hingeht, bekommen auch bie Katho­liken einen, benn „ein Srück ketzerverbrennenden In­quisitors steckt eben in jedem ultramontanen Katho­liken, zumal in ben Gliedern des abgeschlossenen lebenden ultramontanen Adels und ganz besonders in seinen weiblichen Angehöttgen". Königstten gegen ben angestammten Fürsten war fein Vater nach seinem Zeugnis wohl, bas steht fest; allein es schien mir „Pflichttreue, nicht Neigung". Einige alberne Mätzchen müssen nun diese katholisch-antipreußische Stimmung des katholischen Rheinlmids und Westfa- lens beweisen, welche auch heute noch nicht abgestor­ben sei.

Weich unb warm wirb Hoensbroech, wenn er von seiner Mutter spttcht. „Neben meinem Vater stand meine unvergeßliche Mutter: Seele, Licht und Geist des Hauses. Was eine Frau schmücken, verehrungs­würdig und liebenswett machen kann, besaß sie. Sie war schön, sie war Bug, sie war hingebend in Liebe und Selbstaufopferung als Gattin unb Mutter. Sie war stack wie ein Helb, in schweren Heimsuchungen, an ben Sterbebetten ihres Mannes unb sieben ihrer Kinber. Wer sie kannte, verehtte sie . . ." Trotz biefer Charakterzeichnung einer eblen, hochstehenden Frau kann es Hoensbroech nicht überwinden, die an­geblichen und wirflichen Fehler seiner Mutter vor aller Welt breit darzulegen. Ist das nicht pietätlos? Hier hätte er schweigen müssen, wenn anders man ihm feine Mutterliebe glauben soll. Allein nun zer­pflückt Hoensbroech das Charakterbild feiner Mutter, deren „Wesen sich mit ultramontanem Katholizismus" deckte. An nichts nahm seiner Mutter „Intelligenz Anstoß, sobald es, mit bem Stempel bet Kirchlichkeit versehen, vor sie hintrat. Bruberschasten ohne Zahl gehörte sie an; Skapulicre unb geweihte Medaillen je­der An trug sie und ließ sie uns fragen, Heiligenleben, ungestillt mit den abenteuerlichsten Geschichten über Offenbarungen, Gesichte, Erscheinungen, voll von Teufels- und Armenseelenmärchen grotesker Form, waren für sie Bücher der Erbauung. In ihrem Apo- thekerschranke standen neben medizinischen Salben unb Hellmitteln Flaschen ber wundertätigen Wasser von La Salctte, Lourdes und des Jgnatiuswassers; fer­ner Oelc der heiligen Walburga und Apollinaris. Alle diese Wundermittel wurden bei Erkrankungen und Verwundungen angewenbet, genau ebenso wie Arnikapflaster, Kamillentee ober Borsalbe Btt Gewitter zündete meine Mutter in ber Hauskapelle eine geweihte Kerze an. Das war unser Blitzab­leiter. Blitzableiter von Messing unb Kupserbraht schützten bie weitläufigen Gebäulichkeiten meines El­ternhauses mit seinen Türmen unb hohen Kaminen nicht; die geweiht« Wachskerze und ein Gebet genüg­ten". Hoensbroechs Spott über das innige Gott- vettrauen feiner Mutter, bie natürlich nicht so be- schrünkt war, von einer Wachskerze alles Heil gegen bie Blitzgefahr zu erwarten, zeigt seinen Charakter in sehr unschönem Lichte.

Die religiöse Welt bes jungen Hoensbroech war mit geheimnisvoll-schaurigen Armenseelengeschichten, Schutzengelgeschichten, Rosenkranzanbachten, Riesen­prozessionen, pompösen Gottes biensten, Wallfahrten nach Kevelaer, Blasiussegen usw. burchbmngen. Alle diese Dinge führt Hoensbroech in einem Tone auf, der die „abergläubisch-fromme Atmosphäre" seiner Jugend enffprechend ernennen lassen soll. Vater und Mutter trugen Kummer und Sorge an die „©naben- ftätte' in Kevelaer; als feine Schwestern sich verlob- ten, stellten bie Brautpaare sich ber Muttergottes von weoelaer vor. Hoensbroech hält es für gut, alle dies« frommen Sitten in spöttischer Beleuchtung mitzutei- len, über baz Aeschern am Aschermittwoch seine Glos­sen zu machen um bann in bie Wort« aus brechen zu

„O heilige Einfalt, o blöder und verwerf- licher Aberglaube, der von ber römischen Kirche schon den Kmdeffeelen fast unaustilgbar ttngeprägt wird", hu sn1^ dem Exjesuiten Anlaß, über

M dieses Instituts lange Seiten voll

^reiben; denn vom Beichtstühle aus leitet Rom geele unb Leib, Familie unb Gesellschaft ber chm .Anhangenben".

Ein ausführliches Kapitel ist nun bem Aufenthalt Hoensbroechs in ber Stella matutina in Felbkirch