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37, Jahrgang

Fulda, Samstag den 1. Oktober 1910

Erstes Blatt

225.

geleitet durch eine Vesper, gesungen von dem Chor der Franziskanerfratres vom Frauenberge.

* Köln, 30. Sept. 1910. Kardinal Erz­bischof Fischer hatte dem Heil. Vater anläßlich der Rede des Bürgermeisters von Rom ein Bei­leidstelegramm zugehen lassen. Darauf erhielt der Erzbischof ein Telegramm, daß die Kund­gebung dem Heil. Vater einen großen Trost be­reitet habe; er spreche herzlichen Dank aus und höre nicht auf den Kardinal seines besonderen Wohlwollens zu versichern.

Aus Uirche und Schule.

** Petersberg, 1. Okt. 1910. Morgen (Sonntag) nachmittag um 4 Uhr wird hier feierliche Schlußandacht der SL. Lioba-Oktav gehalten. Die Andacht mit Predigt wird ein«

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A.par;eLer in Zulda. WschmbellaßL! „illustrierte Soimtagszettung"

» Berlin, 30. Sept. 1910. Der Bundesrat genehmigte in seiner ersten Plenarsitzung nach der Sommerpause u. a. die Bestimmungen über das Ruhegehalt an Reichsbeamte, sowie über die Prüfungs­ordnung für Apotheker. — Der Bund deutscher Bodenbesitzreformer hält am Sonntag und den folgenden Tagen iu Gotha seine Hauptversamm­lung ab.

* Der frühere preußische Kriegsminister General Derdy du VernoiS, der bei seinem Sohn in Stockholm zum Besuch weilte, ist dort gestern infolge LungeneMzündung g e st o r b e n. Der General, der ein Mer von 78 Jahren erreicht hat, stand 1889 und 1890 an der Spitze des preußischen Kriegsministeriums. Am 27. April ds. Js. konnte er sein 60jLhriges DienstjubilLum feiern. Um sich damals allen Ovationen zu entziehen, hatte sich General von Verdy zum Besuch seines Sohnes, des LegationSrateS von Verdy, nach Stockholm begeben.

s. Zu der Kommission für die Reichsverficherungs- ordnung beschäftigte man sich am Freitag mit der Berechnung der Unsallrenten. Ein Abgeord- neter der Fortschrittlichen Volkspartei stellt die An­frage, warum bei der Landwirtschaft die Bemessung der Rente nach anderen Grundsätzen erfolge als beim Gewerbe. Ministerialdirektor Caspar erklärt, daß dies von jeher so gehalten worden sei mit Rück­sicht auf die eigenartigen Verhäftniffe in der Land­wirtschaft. Die landwirtschaftlichen Arbeiter hätten zumeist gleichartige Lohnverhättniffe. Es sei des­

Aurland.

* Die Leiter der auswärtigen Angelegenheiten in Oesterreich und Italien, Graf Aehrenthal und MarquiS S a n G u i l i a n o, die in Turin zusammen­gekommen sind, begaben sich gestern nach dem könig­lichen Schloß Racconigi.

* Der böhmische Landtag hiell am Frettag eine Sitzung ab. Die Steuervorlagen und auch die nationalpolitischen Vorlagen wurden an besondere Kommissionen verwiesen. Es ist dies seit zwei Jahren die erste Sitzung, in der keine Ob­struktion Betrieben wurde.

*♦ Die ungarische Anleihe hat sich infolge der Haltung Frankreichs ebenso wie die Frage einer neuen großen Türken anleihe zu einer hochpoliti­schen Angelegenheit entwickelt. Frankreich, das als .Bankier der Welt* gilt, hat neuerdings ge­glaubt, daS Geschäft mit der Politck innig verquicken zu müssen und muß nun erleben, daß ihm nicht nur das Geschäft entgeht, sondern zum Schaden auch noch der berechtigte Spott der Welt sich hinzugesellt. Das­selbe Frankreich, das in der Hoffnung auf eine Los­lösung Ungarns von Oesterreich und somit auch eine Schwächung des Dreibundes sich bereit erkläft hatte, dem von Kossuth und seinen Mannen beherrschten Ungarn Geld zu leihen, toeigerte die Zulassung einer ungarischen Anleihe an der Pariser Börse, nachdem die letzten Wahlen die Kossuthpartei zerschmettett ha­ben und keine Aussicht auf eine Trennung Ungarns von Oesterreich mehr besteht. Die Staatsmänner an der Seine haben sich aber verrechnet und müssen ein- sehen, wie verfehlt ihre Spekulationen gewesen sind. Oesterreichische und deutsche Banken sind in die Bresche gesprungen, so wie wahrscheinlich auch die Türkei finanzielle Hilfe von deutschem Kapital erhalten wird. Die große ungarische Anleihe ist perfekt geworden, auch ohne daß der „Bankier der Welt* seine Geld­säcke geöffnet hätte. Die hohe politische Bedeutung der ganzen Sache, über die sich bereits Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter in einem Interview ver­breitet hat, ist auch vom ungarischen Ministerpräsiden- ten Graf Khuen-Hedervarh alsbald vor der Oeffent. lichkeit gewürdigt worden. Er sagte einem Zeitungs­korrespondenten:

Der rasche Abschluß der Anleihe ist gewiß zum großen Teü der freundlichen Gesinnung zu verdanken, die wir insbesondere in Deutschland angettoff en haben, und darin liegt die politische Bedeutung des Erfolges der Anleihe. Die jüngsten Tage haben gezeigt, daß wir an Deutschland eine feste Stütze haben, auf die wir uns immer verlassen können, eine Stütze nicht nur in polttischer, sondern auch in wirtschaftlicher und finanzieller Hinstcht.

Nun wird man sich in Paris ja wohl davon über- zmgt haben, daß die Intrigen, die Ungarns Tren­nung vorn Dreibund bezweckten, ebenfo kläglich ge­scheitert find, wie die neuerlichen Versuche, Italien aus dem Dreibund herauszudrängen durch alberne Verlemdungen der österreichischen Orientpolittk.

Lokales.

Fulda, den 1. Oktober 1910.

4- Landwirtschaftskammer. Anstelle des in Ruhestand getretenen Generalsekretärs Oekonomie« rat Gerland ist der bisherige Geschäftsführer der Landwirtschaftskammer zu Kassel, Herr Dr. Staehly zum Generalsekretär ernannt worden. Der neue Generalsekretär hat die Leitung der Kammergeschäste vom heutigen Tage ab über­nommen.

** Der geistliche Oberlehrer am Gymnasium zu Neuß, Herr Dr. Lammeyer aus Fulda, ist für längere Zeit beurlaubt worden. Er begibt sich studienhalber nach Beirut in Syrien.

d* DaS nette evangelische Gemeindehaus. Seit einigen Jahren macht sich in Architektenkreisen und der Architektur verwandten Gewerben das Bestreben geltend, die alte Heimatskunst, cie am Anfang des 19. Jahrhunderts allmählig zu Grunde ging, wieder zu heben. An alten Bauten und Gebrauchsgegen­ständen wird studiert, man geht den Spuren nach, die erkennen lassen, wie unsere Vorfahren bauten, ihre Häuser ausgestalteten und ihre Wohnungen einrichteten. Wohl selten läßt sich in einer Stadt diese Heimatskunst besser studieren als in unserer Heimatsstadt Fulda. Wenn man von einer modernen Großstadt mit ihren langweiligen Mietskasernen und öden Straßenzügen kommend unsere Stadt be­tritt, so umgibt, uns auf Schritt und Tritt ein reizendes Städtebild auS vergangener Zeit. Aber auch unsere jetzigen Architekten haben es verstanden, namentlich als es galt in der Altstadt Neubauten auszuführen, dieselben immer maßvoll der Umgebung anzupassen. In diesen Tagen geht nun ein Neubau seiner Vollendung entgegen, der unserer Stadt zur großen Zierde .gereicht und eine Sehenswürdigkeit mehr ist, das evangelische Gemeindehaus. Dieses Haus, das von dem Königlichen Regierungs­baumeister Herrsch dahier in hervorragend archi­tektonischer Vollendung entworfen worden ist, zeichnet sich besonders durch eine sehr praktische und reiz­volle Raumeinteilung aus. Gleichzeitig ist auch die Fassade dem Straßenbild würdig angepaßt. Die Haupträume dieses Hauses sind nun in den letzten Wochen mit Dekorations-Malereien ausgeschmückt worden, die wohl geeignet sind, unsere Bewunderung hervorzurusen. Diese Malereien, welche die Darm­städter Firma Gebr. Nover ausführte, sind ganz im Sinne der alten Freskotechnik aber in neuzeitlicher Auffassung ausgeführt und geben den Jnnenräumen «inen schr malerischen Reiz. Die Schablone ist fast gänzlich vermieden (nut Absicht) dafür alles mit freier Hand leichtflüssig gemalt. Von der Straße aus betritt man ein kleines Entree, das reinste Schmuckkästlein. Es macht mit seinen kasettierten Decken und seinen Wandmalereien einen prickelnden mosaikartigen Eindruck, der durch Patinierung noch erhöht wird. Dann gelangt man durch einen kleinen vorwiegend in Goldtönen gehaltenen Vor­platz in die Garderobenhalle, die von zwei Pfeilern getragen wird. Der Boden und der Fuß der Pfeiler sind Fliesenbelag, ein kräftig blaugrauer, mehrfach getupfter und durchgezogener Sockel zieht sichden Wänden entlang, ebenso das Treppenhaus em­por. Ein Abschlußfries schließt hier kräftig und ftoffartig ab. Die Unterzüge sind mtt einer leichten govelinartigen Malerei überzogen. Rechts von der Garderobe liegen 2 Wirtschastszimmer, von denen das kleinere auf weißem Grund luftig bunt mit Blumengirlanden bemalt ist, während das größere in ruhigen dezenten Farben gehallen ist. Im ersten Stock befindet sich der Hauptsaal mit Galerien, Nebenräumen und Bühne. Derselbe ist in lichten graugrünen und gelbbraunen Tönen gehalten und rntt farbigen originellen Ornamenten ausgeschmückt. Das Holzwerk ist in sämtlichen Räumen farbig lasiert, jedoch so, daß die Struktur des Holzes im­mer noch sichtbar ist und teilweise mit bunten Bor­düren verziert. Bei allen Räumen ist das Haupt­gewicht auf Stimmung sowie auf originelle Orna- mentierung gelegt. Es gereicht dieser Bau den ausführenden Künstlern zu hoher Ehre.

;; Der Kommandeur des Leibgarde-Infanterie- Regiments 9tr. 115 zu Darmstadt hat an das hiesige RönigL Landratsamt folgendes Schreiben gerichtet:

„Für die überaus gastfreie und freund­liche Aufnahme, die das Regiment während der Herbstübungen bei der gesamten Bevölkerung des Kreises Fulda gefunden hat, spreche ich den ver­bindlichsten Dank aus und bitte, der Bevölkerung hiervon Kenntnis geben zu wollen."

In gleicher Weise haben auch die anderen beteiligten Regimenter dem Herrn Landrate Dankschreiben wegen der vorzüglichen Aufnahme der Truppen in Stadt und Land nach Beendigung der Manöver zugehen lassen.

ioj Heber 400 Reservisten sowie einige Landwehrleute wurden gestern bei dem hiesigen 2. Kurhesi. Feldartillerie-Regiment Nr. 47 zu einer 14tägigen Hebung eingezogen. Es wurden 3 kombinierte Batterien in kriegsmäßiger Stärke eingerichtet. Die Einkleidung erfolgte gestern mittag und es ist, so wird uns geschrieben, den Quarttermeistern nicht leicht geworden, für jeden die passenden Kleidungsstücke zu finden. Die mehrjährige Pause seit dem Abgänge vom Militär

Deutscher Reich.

*♦ 25 Jahre Arbeilerverficheruug.

Heute, am 1. Oktober 1910, vollenden sich 25 Jahre, feit unsere deutsche Unfallversicherung besteht. Kurz vorher war bereits das erste Gesetz über die Krankenversicherung in Kraft getreten, und bald daraus folgte das erste Gesetz über die Alters- und Invalidenversicherung. Als mittleren Termin haben die Beteiligten deshalb den 1. Oktober 1910 gewählt, um das silberne Jubiläum der sozialen Versicherungs­gesetzgebung zu begehen.

Unsere soziale Versicherungsgesetzgebung hat klein angefangen. Man ging nicht ohne Grund mit einer gewissen Zaghaftigkeit an das Werk; es war ja alles daran neu, die Grundgedanken wie die Organisation. Millionen von Personen durch reich?- gesetzliche» Zwang in große Versicherungen zusammen- zusaffen, dafür sehlle es an Erfahrungen, und der Widerstand dagegen war allgemein. Aber der Gesetzgeber hatte nut kühnem Griffe das Problem am richtigen Ende angepackt. Die soziale Ver« sicherun^gesetzgebung ist denn auch im Laufe deS letzten Vierteljahrhunderts zu einem gewaltigen Baume ausgewachsen, unter dem viele Millionen deutscher Staatsbürger, Männer und grauen, Hilfe und Schutz gesunden haben.

Es find heute, wie die „Nordd. Allg. Ztg.* aus­führt, 13,19 Millionen Personen von Reichs wegen gegen Krankheit versichert und durch die Reichs« Versicherungsordnung wird dieser Schutz wieder auf Millionen von Personen neu ausgedehnt werden. Viele Kaffen sind bereits in der Sage, die Kranken­versicherung auch auf die Familienangehörigen zu erstrecken. Ferner sind heute 23alt Millionen Per­sonen gegen Unfall versichert. Von dem ersten Unfallversicherungsgesetze mußte sich der verletzte Arbeiter seinen Anspruch auf Entschädigung im Prozesse erftreiten. Bis er sein Recht erkämpft hatte, tonnte er aber längst gestorben und verdorben fein. Heute muß der Unternehmer, der unter das Gesetz fällt, feine Arbeiter und Angestellte gegen Betriebsunfälle versichern, und wenn der Mann von einem Betriebsunfälle betroffen wird, hat er einen gesetzlichen Anspruch daraus, geheilt und ent­schädigt zu werden. Schließlich sind 151/* Mill. Personen für Alter und Invalidität versichert. Die Renten sind natürlich mäßig, aber eine be­scheidene Rente ist immer noch besser als gar keine und besser als Armenunterstützung.

Mit den Jahren haben sich die Grundgedanken der sozialen Versicherung ireiter entwickelt. Mehr und mehr hat man erkannt, daß die Hauptsache nicht Zahlung von Entschädigungen und Renten sei. Viel wichtiger sei eine vorbeugende und hei­lende Tätigkeit. Man ist jetzt durchdrungen von dem Bestreben, einerseits dem Eintritt von Unfällen und Gebrechen vorzubeugen und anderseits dem Verletzten und Erkrantten die Arbeitskraft zurück« zugeben.

Aus diesem Bestreben heraus ist zunächst die Unfallverhütung entstanden, die mehr und mehr zur Seele der Unfallversicherung wird. Allge­meiner noch hat sich daS Heilverfahren und die Heilfürsorge entwickelt. Insbesondere haben sich die Landesversicherungsanstallen um die Bekämpfung der Tuberkulose hervorragend verdient gemacht. Vorbeugend wirken die Landesversicherungs­anstalten auch durch die Fürsorge, welche sie dem Wohnungswesen angedeihen lassen, indem sie ihre reichen Mittel zur Erbauung von Arbeiterwohnungen bereitstellen.

Das Jubiläum der Arbeiterversicherung begann am Freitag nachmittag in den Räumen des Reichs« verstcherungSamtes mit einer Gedenkfeier für ben verewigten ersten Präsidenten und geistigen Schöpfer der deutkchen Arbetterversicherungsgesetze, Dr. Toni Bödiker. Der jetzige Präsident des Reichsver­sicherungsamtes, Dr. Kaufmann, gab in seiner Festrede eine Schilderung der Persönlichkeit Bödi- kers und seiner Verdienste um die Durchführung der Ardeiterverficherung. Dann begab sich die Ver­sammlung in die Eingangshalle des Dienfigebäudes, wo die Enthüllung des von Professor Jäensch- Charlottendurg geschaffenen Denkmals Bödi­ker s erfolgte. Staatssekretär Delbrück nahm mit einer kurzen Ansprache das Dmkmal in den Schutz des Reiches.

AuS Anlaß des Jubiläums hat der Kaiser dem Reichsversichemngsamte sein Bildnis mit eigenhän­diger Unterschrift gewidmet.

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X Die Stadt Berlin und das Tempelhofer Feld.

Im roten Hause, dem Stadtparlament von Berlin, ist am Donnerstag abend mächtig gescholten worden. Der Staatsbehörde und der Teltower Kreis« behörde sowie den angeblich herrschenden „Agrariem* wurde in den höchsten Tönen der „Entrüstung* vor- oeworfen, daß sie die brave Hauptstadt des deutschen Reiches schnöde mißachten und mißhandeln, und zugleich wurde ein strenges Gericht über diese Schand­taten im Reichstag angekündigt.

Und warum dieses rednerische Seitenstück zu oem Moabiter Aufruhr? Weil der Kriegsminister den westlichen Teil des Tempelhofer Parade­feld e§ für 72 Millionen Mark an die Gemeinde Tempelhof verkauft hat, in deren Kommunal­bezirk das fragliche Land liegt. Die Stadt Berlin hatte wegen Erwerbes und Eingemeindung auch mit dem Kriegsminister verhandelt, war aber so schwer- fällig vorgegangen, daß tzje Regierung der ftisch zugreifenden Landgemeinde Tempelhof den Vor­zug gab.

Der 'S er g er über das verpaßte schöne Geschäft tobte sich nun im Berliner Rathause aus; ober der Anfang der Weisheit, die Selbsterkenntnis, ließ sich dabei vollends vermissen. Die Berliner Stadtväter prahlen mit der Größe und Herrlichkeit ihrer Stadt, zu der das „Wohlwollen* der Regier» rung in schreiendem Mißverhältnis stehen soll. Viel ärger aber ist das Mißverhältnis, in dem die Be­fähigung besagter Stadtväter zu der Größe ihrer Aufgaben steht. Alle Schattenseiten der Reichs­und Staatsbureaukratie werden übertroffen durch die bureaukratische Engherzigkeit, Kurzsichtigkeit, und Unbeholfenheit, die im Berliner Rachause herrscht. Diese Leute, welche die Blüte des weltstädtischen Liberalismus darstellen sollen, wissen furchtbar klug zu reden, aber an entscheidenden Tagen stehen sie immer zu spät auf. Das fragliche Gelände war in der Tat ei n „fetter Bissen*. Es liegt im Süden des Stadtteils der Friedrichstraße, recht nahe an den Verkehrszentren und den besten Wohnvierteln, und bietet Raum für etwa 60000 Einwohner der besseren Mischung. Der Appetit der Stadt Berlin war sehr natürlich und berechtigt. Aber die Stadt­väter müßten sich doch auch darüber klar sein, daß die Vorortgemeinde und der Kreis, zu deren Besitz­stand das Gelände gehörte, dieses wertvolle Stück ■ nicht einfach fahren lassen würden. Auf einen scharfen Wettbewerb seitens der Tempelhofer Ge- ; meindeoerwallung und des Teltower Landrats müßte sie sich doch von vornherein einrichten. Aber nein, Berlin führt die Verhandlungen mit einer Lässigkeit, als ob man ihm unbedingt kommen müßte. Als der Kriegsminister im vergangenen Halbjahre wieder­holt aus Beschleunigung eines verbindlichen Ange­botes seitens der Stadt Berlin drängte und ganz offen erklärte, daß er bereits andere Angebote habe und auf ben schnellen Abschluß den höchsten Wert lege, da versteifte sich der Magistrat in überlegener Ruhe auf seine — Sommerferien. Wie kann nan denn auch von den Berliner Stadträlen und Stab verordneten verlangen, baß sie in den Erholungs- Monaten Juli und August Sitzungen halten? Das Kriegsministerium, der Gemeinderat von Tempelhof, der Landrat und sein Kreisausschuß waren nicht so versessen auf die Sommerruhe; sie arbeUeten wacker weiter und bekamen ben Zuschlag, als das Kriegs­ministerium den klaren Beweis hatte, daß ein Ab­schluß mit Berlin vor Aufstellung des nächsten Militär-Etais nicht zu erreichen sei.

Die gegenwärtigen Stadtväter von Berlin sind übrigens nur ihrer alten Ueberlieferung treu ge­blieben. Das Ungeschick von heute hat nicht bloß eine verblüffende Aehnlichkeit, sondern auch einen inneren Zusammenhang mit dem Verpassen der schönen Gelegenheit zur Eingemeindung der Vororte zu Anfang der neunziger Jahre. Der Minister Herrfurth wollte der rasch anwachsenden Hauptstadt dazu verhelfen, daß der ganze Kranz der Vororte unter die einheitliche Verwaltung vom zentralen Rathause tarne. Aber die kurzsichtigen Stadtväter dachten, sie könnten die wohlhaben­den westlichen Vororte allein eingemeinden und die schlechter situierten Vororte im Osten und Norden ihrem eigenen Schicksal überlassen. Natürlich konnte sich die Regierung auf diesen Versuch, die schönsten Rosinen aus dem Kuchen herauszupicken, nicht einlassen. Die Schaffung einer Riesengemeinde Groß-Berlin wurde durch eigene Schuld der Stadt­väter vereitelt, und diese Torheit ersten Ranges ist die Wurzel aller kommunalpolitischen Uebel. Wäre pian auf das Herrfurth'sche Angebot eingegangen, so hätte man die Gemeinde Tempelhof und mit ihr das kostbare Tempelhofer Feld längst im Sacke gehabt.

Dann wäre auch die rührige und einflußreiche Behörde des Kreises Teltow nicht ins Spiel gekommen. Der Kreis Teltow hat inzwischen neben vielen anderen kostspieligen Kulturwerken einen Schiffahrtskanal für 50 Millionen Mark gebaut. Bei einer so kolossalen Belastung des Kreisetats muß natürlich bet Landrat und sein Kreisausschuß ein so ertragreiches Gelände, das 60000 gute Steuerzahler ausnehmen kann, aufs äußerste sestzu« halten suchen.

Das Berliner Rathaus hat nun keine andere Wahl, als entweder den traurigen Verzicht oder die Eingemeindung Tempelhofs zu den vom Kreise und der Gemeindevertretung diktierten Bedingungen.

Der Ruf nach dem R e i ch s t a g e wird schwerlich Helsen. Der Rerchstag hat nicht den Beruf den Berliner Stadtvätern aus der Sackgasse zu helfen. Er hat nur das allgemeine Interesse wahrzu­nehmen und wird deshalb dem Verkauf nur bann ^widersprechen, wenn der Bebauungsplan den An­forderungen der öffentlichen Wohlfahrt nicht ent­sprechen sollte.

halb von der Führung von Lohnlisten Abstand ge­nommen, und der Ortslohn als Maßstab der Be­rechnung zu Grunde gelegt worden. Dadurch werde auch die Verwaltung vereinfacht. Darüber, ob der Ortslohn ober der Jndividuallohn als Grundlage der Berechnung genommen werden solle, wie über die Anrechnung der Naturalbezüge wird längere Zeit debattiert. Bekanntlich sind trotz dieser Ver­einfachung die Verwaltungskosten bei der landwirt­schaftlichen Unfallversicherung ungeheuer viel höher als bei den gewerblichen. — Die einschlägigen Paragraphen wurden am Freitag erledigt Die nächste Sitzung der Kommission ist am 4. Oktober.

a. Die Zulassung von Volksschullehrern znm Schöffen- «nd Geschworenenamte beschäftigte am Frei­tag die Justizkommission des Reichstages bei der Beratung der Strafprozeßordnung. Nach längerer Debatte wurde ein Beschluß in dieser Richtung ge­faßt, allerdings mit sehr schwacher Mehrheit. Dahin­gegen wurden die sozialdemokratischen Anträge auf Zulassung der Frau zum Schöffenamte, und zwar bei den Jugendgerichten, abgelehnt.

4- 100000-Mark-Flugpreis des Kriegs- Ministeriums. Das Kriegsministerium plant für das nächste Jahr die Stiftung eines 100000« Mark-PreiseS, der für einen großen Nederland- fing oder eine ähnliche aviatische Konkurrrenz zur Ausschreibung gelangen soll. Für den Hebet« landflug ist die Strecke Aachen-Berlin vor­gesehen. Es würden auf dieser Tour zahlreiche deutschen Städte berührt werden. Durch die großen Veranstaltungen sollen die deutschen Flie­ger ermutigt und überzeugt werden, daß nicht nur im Ausland, sondern auch in Deutschland der Aviatik Erfolge beschieden sind.

)( Gegen die Serienlosschwindler sollen endlich schärfere Saiten aufgezogen werden. Dem Landtage wird im kommenden Winter eine Vor­lage gemacht werden, durch die der Vertrieb von Serien« und Prämienlose unter Strafe gestellt wird.

X Die Unruhen in Moabit

haben aufgrhört. Die energischen Maßregeln der Polizei haben anscheinend gewirtt. Der Pöbel sieht ein, daß die nächtlichen Radauszenen nicht nur völlig zwecklos, fonbern auch schädlich sind, und die Furcht vor empfindlicher Bestrafung tut das ihrige, um die aufgehetzten Elemente zu vernünftigeren An­schauungen zu bekehren. Gestern herrschte in Moabit völlige Ruhe. Wenn nicht alle Zeichen trügen, ist der Aufruhr zu Ende.