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Xs 225.

Samstag den 1- Oktober 1910.

57- Jahrgang.

* fuldaer W Zeitung«

3. Blatt.

Druck und Verlag der Fuldaer Actlendruckerei tu Fulda.

x Ei« „ klerikaler Bsukkrach" in Kärnteru

Mit unverkennbarer Freude hat sich kürzlich die liberale und sozialdemokratische Prefle auf einen klerikalen Bankkrach" in Kärnten gestürzt. Sie er­zählte, daß in Kärnten der .flüchtige" Hochw. Mon­signore Weiß die Kärntner Bauern um 3 Millionen Mark betrogen habe, die „kleinen Leute und armen Bauern in Kärnten" diesen Verlust sehr schwer er­trügen.

Das war mal wieder eine prächtige Gelegenheit zm Hetze gegen den Klerus. Der Gedanke, daß Tau­sende christlich gesinnter Bauern Kärntens einem un- ternehmungssreridigen Menschenfreund, der ein Geist­licher war, zum Opfer gefallen und zur Strafe dafür, daß sie allen Bekehrungsversuchen freisinniger und so­zialdemokratischer Agenten widerstrebten, nun Haus und Hof verlieren würden, ließ einen Schrei der Freude durch die kirchenfeindliche Presse gellen. Mfl phantafievollen Uebertreibungen half man dem Schre­cken unter den Genofsenschaften nach, so gut es ging, um sie zu einem Sturm auf die Kaffe zu verlassen, der deren Zusammenbruch verbürgt und zahlreiche von Existenzen ruiniert hätte. Mit vollen Backen blies man ins Feuer, um es zu einem verheerenden Brande anzufachen, von dem Kinder und Kindcskinder ein­ander mit Entsetzen erzählt hätten.

Es ist leider Tatsache, daß Monsignore Weiß nach Verübung einer großen Schuldenlast ^flüchtig wurde. Aber für was hat er denn diese Schulden gemacht? Er hat zur G r ü n d u n g v o n Waisen­häusern, um die er sich unermeßliche Verdienste erworben, nicht nur sein ganzes, nicht unbeträchtliches Vermögen aufgewendet, sondern zu dem Zwecke auch bedeutende Summen bei der Zentralkafle der öster­reichischen, landwirtschafllichen Genossenschaften aus­genommen. Und diese Summen sollten nach Ansicht der gegnerischen Presse verloren sein, die Bauern wollten nach den Aussprüchen dieser Presse der christ- lich-sozialen Partei den Rücken kehren.

Demgegenüber ist festzustellen, daß die Zentral­kasse der Genossenschaften wohl in einer augenblick­lichen finanziell. Verlegenheit ist, an augenblicklichem Mangel an Barmitteln leidet, aber durchaus nicht in ihrem Bestände gefährdet ist und cs war von vorn­herein klar, daß mich die Einleger keinen Heller verlieren würden, wenn man ihr nur Zeit ließ, in Ruhe diese Schwierigkeit zu überwin- den. Fürs erste war allerdings Bargeld nötig, das beschafft werden mußte, und nun auch be­schaff t w o r d e n ist. In den letzten Tagen fand die Generalversammlung der Genossenschaften in Kla- gensiirt statt. Dabei konnte der Vorsitzende dartun, daß die Sanierung der Zentralkasse gelungen sei. Er konnte ihr erzählen von der tatkräftigen Hilfe, welche Bischöfe und Klöster den so schwer be­drängten Genossenschaften zugesichert haben, um sie vor den schrecklichen Folgen der Mißwirtschaft eines Mannes zu bewahren, der dem geistlichen Stande an­gehört. Er konnte erzählen von großen Bürg­schaften, die der Klerus von Kärnten be­reitwillig und mit bewunderungswürdigem Opfer­sinne übernommen hat, um die Zentralkaffe zu rette« und ihre Mitglieder vor Schaden zu schützen. In der Zeit der Not bewährte sich der echte Freund. Die Kärntner Bevölkerung erfahrt jetzt von Sette des Klerus, gegen den man sie hetzen wollte, herrliche Be­weise werktätiger Solidarität.

Dazu schweigt nun die ganze gegnerische Presse. Besudeln konnte sie ihn, den Klerus; aber jetzt, da er in Wahrheit der tatkräftigste Helfer der Bevölke­rung geworden, in der Stunde der Not so herrlich für das Bauernvolk eingetreten ist, da schweigen alle liberalen und sozialdemokratischen Flöten.

Run die Kehrseite der Medaille. Es mögen ein­mal liberale und sozialdemokratische Zeitungen die Fälle nennen, wo sie für den Schaden, den ihre Ge­nossen angerichtet, aufgekommen wärenl Die Zahl der verkrachten liberalen Banken und der ausgeplün­derten sozialdemokratischer Kassen ist wahrhaftig nicht klein, die Verluste der Geschädigten und Beraubten gehen ins Riesige. Der Liberalismus überließ im Krachsahre die unzähligen von ihm ruinierten Exi­stenzen der Verzweiflung, er drückte ihnen den Re­volver in die Hand; die Sozialdemokratie pflegt ftlötzliche .Kassenabgänge" einfach durch Mehrbe­steuerung der Opfer zu .sanieren". Wäre die Kämt-

ner Zentralkasse eine freisinnige oder sozialdemokra­tische, ihr Schicksal wäre besiegelt gewesen.

Ein „klerikaler Bankkrach" ist doch noch immer erträglicher für die Opfer als ein lcheraler Krach.

i4! Das Stellenvermittlergesetz

vom 2. Juni 1910 — RGBl. S. 860 — tritt mit dem 1. Oktober d. Js. in Kraft. Die Stellenvermit­telung — d. i. die gewerbsmäßige Vermittelung eines Verttages über eine Stelle oder das gewerbsmäßige Nachweisen der Gelegenhett zur Erlangung einer Stelle und Jnt«rbindungtteten mit Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu diesem Zwecke — ist nur erlaubt, nachdem hierzu die Genehmigung vom Kreisausschufle erteilt ist. In der Er­laubnis sind die Berufe mizugeben, in denen die Ver­mittelung von Stellen stattftnden darf. Die Erlaub­niserteilung ist von der Bedürfnisfrage ab­hängig gemacht. Ein Bedürfnis ist schon dann zu ver­neinen, wenn für den Ott oder den wirtschaftlichen Bezirk ein öffentlicher gemeinnütziger Arbeitsnachweis in ausreichendem Umfang besteht. Die Erlaubnis ist zu versagen, oder zurückzunehmen, wenn der Bewer­ber unzuverlässig ist. Dieser Bescheid kann im Wege des Verwaltungsstreitverfahrens angefochten Werben.

Der Stellenvermittler darf Gast- oder Schank- wittschast, Kleinhandel mit geistigen Getränken, ge­werbsmäßige Vermietung von Wohn- oder Schlaf­stellen, Handtt mit Kleidungs-, Gebrauchs-, Genuß­oder Verzehmngsgegenstanden oder mit Loüerielosen, das Barbier- oder Friseurgewerbe, das Geschäft eines Geldwechslers, Pfandleihers oder Pfandvermittlers weder selbst noch durch andere betteiben. Auch darf er mit anderen Gewerbetreibenden der genannten Art nicht so in Geschäftsverbindung treten, daß er sich für die Ausübung seiner Tätigkeit Vergütungen ir­gendwelcher Att gewähren oder versprechen läßt. Er darf feine Tätigkeit nicht zu Anpreifangen für andere eigene ober fremde Gewerbebetriebe benutzen. Den Stellensuchenden darf er weder verpflichten noch an­halten, aus seinem ober einem anderen von ihm be­zeichneten Gewerbebettieb ober Geschäfte Waren zu entnehmen Zu bem Arbeitgeber darf er in keinem Menst- ober Abhängigkettsverhältnisse stehen. Ein Vertrag, durch den Arbeitnehmer ober Arbeitgeber sich verpflichten, stets die Mitwirkung eines bestimmten ge­werbsmäßigen Stellenvermittlers in Anspruch zu neh­men, ist richtig.

Dem Vermittler steht für seine Tättgkett, sofern der Vertrag zustande kommt, eine Gebühr zu, die von den Ottspolizeibehörden allgemein durch Verordnung festgesetzt wird. Die Taxe hat in den Geschäftsräu­men an einer ht die Augen fallenden Stelle anszu- hängen. Auch hat der Stellenvermittler dem Stellen­suchenden vor Abschluß des Vermittlungsgeschäfts die im fraglichen Falle zur Anwendung kommende Taxe mitzuteilen. Me Gebühr ist von dem Arbeitgeber und Arbeitnehmer je zur Hälfte zu zahlen, wenn beide Teile die Tätigkeit des Vermittlers in Anspruch ge­nommen haben. Eine eutgegenstehende Vereinbarung zu Ungunsten des Arbeitnehmers ist nichtig. Neben den Gebühren dürfen Vergütungen anderer Att nicht erhoben werden. Die Erstattung barer Auslagen darf nur insoweit gefordert werden, als sie auf Verlangen ober nach Vereinbarung mit dem Auftraggeber ver­wendet sind und ihre Nvtwendigkett hinreichend nach­gewiesen find.

Die Stellenvermittler dürfen Dienst-, Gesinde-, Ar­beitsbücher, Zeugnisse, Ausweispapiere und sonstige Gegenstände, die aus Anlaß der Stellenvermittlung in ihren Besitz gelangt sind, gegen den Willen des Eigentümers nicht zurückbehalten. An solchen Gegen­ständen hoben sie kein Zurückbehaltungs- ober Pfand­recht. lieber Stellenvermittlung weiblicher Personen ins Ausland haben die Stellenvermittler Verzeichnisse M führen und diese den Polizeibehörden vorzulegen.

Die Erlaubnis zum Gewerbebetriebe ist zurück- zunehmen, wenn sich ans Handlungen ober Un­terlassungen bes Stellenvermittlers beffen Unzuver­lässigkeit in Bezug auf ben Gewerbebetrieb ober auf ferne persönlichen Verhältnisse ergibt. Die Unzuver- lässigkeit ist stets anzunehmen, wen« der Stellenver­mittler wiederholt bestraft ist, weil er bie festgesetzte Gebührentaxe überschritten ober sich außer ben tax- mäßigen Gebühren Vergütungen anderer Att hat ge­wahren ober versprechen lassen, ober weil er ein ver­botenes Nebengewerbe betreibt ober es unternommen

hat, einen Arbeitnehmer zum Bruche des eingegange- nen Arbettsverttages zu verleiten. Den Antrag auf Entziehung der Erlaubnis kann außer der Polizei auch der Träger des öffenllichen Arbeitsnachweises selbständig stellen. '

Inwieweit die Vorschriften des Gesetzes (§§ 3, 5) auf nicht gewerbsmäßige Stellen- und Arbeitsnach­weise Anwendung finden, bestimmt die Landeszenttal- bchörde noch. __________________________

Deutsches Reich.

) ( Der beutsche Kolonialkongreß wird bekanntlich in den Tagen vom 6. bis 8. Oktober im Reichstage in Berlin stattfinden. Es sollen ins gesamt 73 Vor­träge gehalten werden. Man nimmt an, daß an Stelle des durch sein Beinleiden verhindetten Staatssette- tär8 Sinbeguift ber neue Unterstaatssekretär Dr. Böh­mer den Kongreß willkommen heißen wttd.

)( Für die Elektrisierung von Fernbahnen sollen im nächsten preußischen Etat 40 Millionen Mk. angeforbert werden. Zunächst sollen Lauban-Ditters- bad) in Schlesien für 17 Millionen Mark und Bitterfeld-Desfan für 22 Millionen Mk. „elektrisiert" roerbeit.

= Das Bekenntnis einer edlen Seele. Zum Wahlausgang in Frankfurt a. O.-Lebus schreibt der jungliberäle /5t. Jngb. Anzeiger" wörtlich:

„Der Sieg ber Sozialbemokraten ist zweifellos da­durch herbeigeführt worden, daß die Liberalen em Wahlabkommen mit den Konservattoen geschlossen haben. Der nationalliberare Kandidat Dr. Winter, em rechts­stehender Mann, mag ohnehin manchem unsympathisch gewesen sein. So betrübend an sich der Berluft des national liberalen Mandats ist, so freuen wir uns trotzdem des sozialdemo­kratischen Steges."

So wörtlich zu lesen in Nr. 224 des liberalen ,St. Jngb. Anztt Es ist wirklich weit gekommen mit unseren Liberalen!

* Aus der roten Kleinkiuderbcwahranstall hört man ab und zu etwas Erheiterndes. Jetzt müssen die braven Genossen auch schon — sozialdemokratisch stenographieren. Das Organ eines Steno- graphie-Systtms hatte geschrieben, mau möge doch bei bet Werbung nicht bloß die roten, sondern auch die gelben und die Hirsch-Dunckerschen Gewerk- schafteu ins Auge fassen. Das hat die sozialdemo­kratischen „Arbeiterstenographen-Vereine" außer bem Häuschen gebracht.

.Arbeiter! Arbctterinnen!" so rufe» sie aus, protestiert gegen solch eine freche Verhöhnung bet sozialistischen und gewerkschaftlichen Klassenkampfidee mit aller Entschiedenheit! Mißtraut dem lügenhaften Flugblatt! Wendet euch einer wirklichen Arbeitet« fienographenorganisation zu! . . ." — Der Unterricht in „unsrer einfachen Bolkskutzschrift" wttd „in prinzipiell sozialistischem Sinne" erteilt.

Was muß der richtige Genosse heute nicht alles tun! Er muß sozialdemolratisch lesen, sozialdemo­kratisch schreiben und stenographieren, sozialdemo­kratisch singen, sozialdemokratisch turnen, sozial­demokratisch radeln, sozialdemokratisch schwimmen, sozialdemokratisch rauchen, fozialbemokratisch Lotterie spielen, sozialdemokratische Heilkunde treiben und vor allem — sozialdemokratisch zahlen! Tut er bas nicht, so hilft ihm alles andere nichts. Die ängstliche Abschließung der Geirosseu vor Berührung mit Andersdenkenden trägt bekanntlich sehr viel zu bem berühmten „Weitblick" ber Genossen bei. Die Kette ber Verpflichtungen, bie einem richtigen Ge­nossen obliegen, nennt man im Sprachgebrauch ber Genossen zuiammensassend „sozialdemokratische Freiheit."

* Kussel, 30. Sept. 1910. Zum National- liberalen Parteitag findet ein sehr starker Zuzug von Vertretern stall. Die Sitzung des Zeutralvorstandes, die heule den Tag ausfüllt, vereinigte dementfpnrchend die Mitglieder fast in voller Zahl. Unter Vorsitz von Bafsermann ver­handelten die Führer aus den Fraktionen, zahl­reiche Abgeordnete und die Vorsitzenden der Landesorgaurfat i onen.

volksWittschastiicher und Soziales.

* Krefeld, 30. Sept. 1910. Ju ber heutigen Sitzung des Arbeitgeberverbandes der rheinischen Seidenindustriellen wurde einstimmig be-

Aus dem Nachbargebiete.

» HerSseld, 29. Sept. 1910. Die Schlußprüfung an ber hiesigen Kriegsschule beginnt am 2. und endet am 8. Oktober. Tags darauf fchtteßt der Kursus. Zu dem am 19. November beginnenden neuen Kursus haben sich 94 Fähuriche gemeldet.

* Marburg, 30. Sept. 1910. Nicht wenig überrascht war eine hiesige Frau, als ihr in einem großen Umschlag ein Taschentuch mit folgendem Begleitschreiben zugesandt wurde: „Sehr geehrte Frau! Sende Ihnen anbei das gestohlene Taschentuch; es gehört Ihrem ehemaligen Studenten. Da ich mich bekehrt habe, will ich jetzt kein unrechtes Gut mehr besitzen." Die Frau weiß gar nicht, welchem Studenten das Taschen­tuch gehörte.

* Höchst (Main), 29 Sept. 1910. Eine Hof- Heimer Narrengesellschaft hatte zu Fastnacht der Bürgerschaft „Steuerzeltel" zugeschickt, um bie nötigen Gelber für einen Fastnachtszug aufzubringen. Der Spaß fanb Anklang unb es würbe wohl feiten eine Steuer fo gern bezahlt, wie biefe. Nur ber dortig« Gendarm, dem die lustigen Brüder ebenfalls einen derartigen Steuerzettel geschickt hatten, saßte die Sache anders auf und erstattete Anzeige gegen bie Verantwortlichen, sieben Mitglieder des Karneval- Vereins, wegen unerlaubten Kollektterens. Die Sache stand gestern am Schöffengericht zur Verhandlung. Nicht weniger als 16 .Belastungszeugen" waren erschienen, die aber zumeist erklärten, daß sie Vie Beiträge gern gegeben hätten. Immerhin erblickte das Gericht in dem Kollektieren bei Nichtverems- mitglieder eine Uebertretung und verurteilte drei der Angeklagten zu je einer Mark Strafe und einem Siebentel der Kosten; brei wurden freigesprochen und Der siebente soll sich in einem neuen Termin verantworten.

* Fritzlar, 28. Sept. 1910. In der heutigen Stadtverorduetensitzung wurde bem Magistrat eine Summe bis zu 3000 Mark zur Anschaffung einer Turmuhr zur Verfügung gestellt. Weiter wurde beschlossen, annähernd 1800 Mark, die als lieber« schuß aus der Verkoppelungs-Nebenkoftenkasse vor­handen sind, zur Vertilgung der Mäuse auf städtischen Grundstücken zu verwenden. — Ver­mißt wird seit Montag früh der Kanonier Pettt von der 2. reitenden Batterie.

tt. Amöneburg, 29. Sept. 1910. In einfacher, aber würdiger Weise wurde am verflossenen Sonn­tag und Montag bas 25jährige Jubiläum ber hiesigen Bischöflichen Lateinschule festlich begangen. Am Sonntag abenb fand die Be­grüßungsfeier im überfüllten Dickhaut'fchen Saale statt. Anw Rektor Schüler hieß bie Anwesenden willkommen unb wies insbesondere darauf hin, wie viele Männer, bie heute als Geistliche, als Gymnasial­lehrer, Volksschullehrer ober in anderen geachteten Stellungen wirken, in der Latainschule einst den Grund zu ihrer Ausbildung legten. Die große Zahl dieser Männer und die große Zahl jener ehe­maligen Lateinscbüler, bie jetzt auf ben Universitäten studieren, ist Beweis genug, daß bie Lateinschule keine zwecklose Grünbung war, daß sie auch heute noch existenzberechligt ist unb alle Förderung ver­dient. Der hochw. Herr Protonotar Generalvikar Dr. Aren hold, ber als Vertreter des Hochw. Herrn Bischofs erschienen war, brachte als Ober­hesse unb Amöneburger freudigen Herzens bie An­erkennung Sr. Bischösl. Gnaden und des Bischösl. Domkapittls für die Leistungen der Schule zum Ausdruck unb verlas ein Telegramm, laut welchem ber ht. Vater ber Schule, den Lehrern und Schülern ben Apostolischen Segen erteilte. Frohbeivegt stimmte die Versammlung zum Dank für diese Hulb in das Hoch auf ben hl. Vater ein. Herr Dechant Kräh jdjilberte barauf die Grünbungs- geschichte ber Schule. Um bem durch den Kultur­kampf hervorgegangenen Priestermangel abzuhelfen, hat bet bamalige Bischof von Fulda, ber nunmehrige Kardinalfürstbischos Kopp von Breslau, die Schule ins Leben gerufen. Einen besonderen Förderer fand sie an dem seligen Prälaten Schick zu Fulda,

schloffen, in 14 Tagen die allgemeine Sperre zu verhängen, falls der Ausstand bd der Firma Eisländer bis dahin nicht deenbtt ist. Es kommen ungefähr 15000 Arbeiter in Frage.

Um Ehre und Recht.

32] Roman von O. Elster.

XVII.

tim folgenden Morgen gab ein Reitknecht von Schloß Hambach einen Brief an Fritz ab aus dem als er ihn öffnete, ein anderer Brief herausfiel.

„Ein Brief von Deiner Mutter, Erika" sagte Fritz, den Brief Erika reichend, mit der er im Gatten in ernstem Gespräch aus unb ab ging.

Erika las ben Brief und reichte ihn bann Fritz

„Lies", sagte sie traurig. „Ich habe es nicht anders erwattet."

Der Brief lautete:

„Ettka! Deine Widersetzlichkeit, Dein Trotz unb Eigensinn überschreiten alle Grenzen. Wenn Du ge­glaubt hast. Dein törichtes Benehmen könnte mich in meinen Entschlüssen und Absichten irre machen, so hast Du Dich gehrt. Ich spreche jetzt das letzte Wort zu Dir: entweder Du kehrst augenblicklich reumütig zu mir zurück unb bittest um Verzeihung, worauf ich mir dann das weitere über Deine Zukunft Vorbehal­ten werde, oder Du bist mein« Tochter nicht nicht und magst scheu, wie Du allein durch die Welt kommst. Ich bekümmere mich nicht mehr um Dich.

An Miß Batzley ersuche ich Dich zu bestellen, daß pe au; alle Falle aus meinen Diensten enllassen ist ÄÄ die Frechheit besitzen soll, noch einmal nach schlo-p Hambach zurückzukehren. Sie mag dein Haus- d en" sollen mi^e! en' to0^*n $re Sachen geschickt wer-

Deine Mutter

Adelhttd, Baronin Hambach."

KM«** ötn sich ""der. In ber Nacht, dft et fast schlaflos verbracht hatte, war er sich übet den Ernst der Sage vollkommen klar geworden: gestern war er noch zu erregt und zu hingerissen von der großmütigen Handlungsweise Erikas, heute sah er f6er die Angelegenheit mit kühlerem Auge an, und

wat sich bewußt geworden, daß er das Opfer Erikas nicht annehmen durfte.

r . Z28“! M da M machen?" fragte Erika mit einem leichten Seufzer. „Ich wußte ja, daß es fo kommen wurde."

„^rika", Jagte Fritz letfe und scheu, denn er wußte, daß er sie überraschen, wenn nicht erzürnen würde „Du weißt, daß ich Dich von ganzer Seele liebe daß ich Deine Handlungsweise, die an Großmut ihres- «en nicht findet, auf das Höchste bewundere, daß ich Dir nie vergessen werde, was Du für mich getan hast, viißvechehe mich also nicht, wenn ich Dich bitte, zu Derner Mutter zurückzukehren."

~~ bittest mich, zurückzukehren? I"

. »Ja, Ettka, um Deinetwillen und um meinet- a> ulen.

werfend" bem meiner Mutter unter-

VlaÄ T 9 zurück, wo jetzt noch Dein

Bl Mm* daß Du bereit bist, für Demer ganzen Person ein-

IfcS« i rm<M ohne Eindruck auf Deine fie totriLnac5 und nach zu dersel­ben (Sinjtcot kommen wie Du

Dich. Meine Mutter wird ihre riimryr nikyk tmoent. Unb weint Du nma mit nrr geschieht? Da fie gesehen hat, daß fie' mich zu einer yeftat mit Prvkowsky nicht bewegen kann n>rb sie müh irgendwo im Auslände in ein strenges Pensionat für ungeratene Töchter unterbringen."

„Ettka, Du übertreibst"

„Ich übettreibe nicht. Meine Motte mögen lieb- klingen, fie sind es aber nicht. Ich habe meine Mutter stets geliebt und geachttt, aber höhet als das alles steht mir die Wahrheit, steht bann meine und Deine Ehre. Ich mußte dafür eintreten — und zwar mit einer Tat, nicht mit Worten, die nichts genutzt hatten — mochte auch daraus kommen, was wollte. Und nun schickst auch Du mich fort?"

„Ich schicke Dich nicht fort. Aber sieh, Erika, was soll die Welt von mir denken, wenn ich versuchen würde. Dich hier festzuhalten? Würde sie mich nicht noch mehr verurteilen? An die Reinheit, an die

Großmut Deiner Tat — an meine Schuldlosigkeit an Deinem Schritte — wie viele Menschen würden wohl heran glauben? — Die Menschen sind geneigt, zuerst stets das Schlimmste von ihren lieben Mitmenschen zu denken, und wenn ich irm Deiner großen Tai wil­len Dich aud) nicht zu bitten wage, auf Dich Rücksicht zu nehmen, denn das wäre kleinlich von nur, so bitte ich Dich doch zu bedenken, ob Dein Hierbleiben dem Zweck, ben wir beide versolgen, nänflich meine Ehre wieder herzustellen, nützlich sein kann."

Erika blickte nachdenklich in die Ferne .

„Wie meinst Du das?" fragte sie nach einer Weile.

„Ich meine, ob man mich nicht bezichtigen würde, Dttne großmütige Tat in unedler und unehrenhafter Weise benutzt zu haben, um einen Druck auf Dein» Mutter auszuüben. Ich glaube, wenn ich jetzt auch meine Schuldlosigkeit an jenem Diebstahl nachweise, fo würde doch immer ein Flecken auf meiner Ehre hasten bleiben, wenn ich Deine großmütige Hand­lungsweise annehmen würde. Sich, Erika, deshalb bitte ich Dich, zu Deiner Mutter zurückzuketzren — ich Darf als Ehrenmann Dein Opfer nicht annehmen.'

„Es ist lein Opfer, was ich getan habe!"

„Die Welt wird es dafür ansehen und mich dafür verantwottlich machen."

Ettka fenfte das Haupt.

„Du weißt nicht, was Du von mir forderst", sprach fie leise. „Wenn wir uns jetzt trennen, werden wir uns nie Wiedersehen."

„Wir wollen den Mut und die Hoffnuug nicht ver­lieren. Ich selbst werde an Deine Mutter schreiben und ihr meine Schuldlosigkeit darzutun suchen und fie bitten, Deinen Schtttt nicht zornig und hatt zu verurteilen, sondern auf dessen Edelmut und Seelen­größe Rücksicht zu nehmen."

„Unb glaubst Du, daß das helfen wird?"

„Ich werde selbst ihr eine gerichtliche Unter­suchung Vorschlägen, um sie Vollends zu überzeugen."

„Diese Untersuchung wird sie schon selbst bean- tragt haben."

„Du urteilst hart, Erika — es ist Deine Mutter.' „Ich kenne meine Mutter."

In diesem Augenblick kam die alte Wirtschafterin mit erschrockenem Gesicht gelaufen:

„Herr Born — Herr Born!" rief sie atemlos.

„Was ist geschehen?"

„Ein Gendarm will Sie sprechen."

„Nun, so sühre ihn doch her."

Die Alte entfernte sich eilig.

„Weißt Du, was der Gendarm will?" fragte Ercka ernst.

„Wie kann ich das wissen. Irgend eine gleich­gültige Angelegenheit."

„Das wirft Du gleich erfahren. Da ist der Mann."

In dienstlicher Haltung schritt der Gendarm auf Fritz zu:

„Sind Sie der Gutsbesitzer Fritz Born?" fragte er.

„Das bin ich. Ich denke doch, daß Sie mich kennen."

„So habe ich diese Vottadung an Sie abzugeben", fuhr der Gendarm fort und überreichte Fritz ein mit einem Amtssiegel verschlossenes Schreiben.

Fritz erbrach es und las:

„Der Gutsbesitzer Fritz Born auf Neuhof wird hiermit aufgeforbert, am Nachmittag des heutigen Tages zwischen drei und vier Uhr auf dem Büro des hiesigen Amlsvorstehers zu erscheinen zwecks seiner Vernehmung in Sachen eines Diebstahls auf Schloß Hambach.

Sollte dieser Aufforderung nicht tuet)gekommen werden, würde die Vorführung durch die Geudarme- rie verfügt werden. Der Amtsvorssand."

Ftttz war blaß geworden.

„Nun", fragte Erika.

„Es ist die Vorladung wegen Vernehmung in Sachen des Diebstahls auf Hambach."

„Das ist rascher gegangen als ich dachte", mgte Erika mit einem trüben Lächeln, „der Kampf be­ginnt."

„Darf ich ersuchen, mir diese Empfangsbescheini­gung zu unterschreiben?" sagte der Gendarm.

Ftttz unterschrieb unb der Gendarm entfernte sich.

(Fortsetzung folgt.)