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A,parzeLer in Zullla. wochenbLkase: Illustrierte Zonntagrzettung"
37. Jahrgang
Fulda, Freitag den 30, September 1910
Erstes Blatt
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ö Die Lehren von Moabit.
Wen« nicht alles täuscht, ist die Kraft des Moabiter Aufruhrs in der Nacht zum Donnerstag gebrochen worden. Freilich ist ein Wiederausflackern nicht un. möglich; insbesondere muffen für die Nacht zum Sonntag, wo nach alter Erfahrung die mit ihrem Wochenkohrr versehenen und von der Sorge trat rechtzeitiges Aufstehen befreiten Leute sehr unter, uehmungslustig find, die sorgfältigsten Norfichts- maßregeln getroffen werden. Die Polizei wird aber schon das ihrige tun; fie ist fichtlirb von Tag zu Tag einsichtiger und geschickter geworden.
Unter der Voraussetzung, daß der Moabiter »wischenlall jetzt seinem Abschluß entgegengeht, darf man wohl in einem kritischen Rückblick zu erforschen suchen, welche Lehren aus der Erhebung sich ergeben. Em abschließendes Urteil ist natürlich erst nach den gerichtlichen Verhandlungen möglich; aber man findet doch auch jetzt schon beachtenswerte Fingerzeige. ...
Tie Berliner Polizei hat, rote schon hervorgehoben wurde, bereits im Verlauf dieser kritischen Tage ein offenes Auge und viel praktischen Sinn erwiesen. Sie hat in der Technik der Bekämpfung von Aufläusen Fortschritte gemacht und wird gewiß noch weitere Fortschritte machen. Man erkennt jetzt wohl allseitig an, daß bei den gegenwärtigen Der- hältnifsen unbedingt geboten ist, jeden Ansatz zu Straßentumulten fofort im Anfänge, in dem ersten Keime mit aller Kraft und Kunst zu unter- drücken. Im Zusammenhänge bannt steht die Erkenntnis, daß die Qualität der vorgehenden Polizeitruppe gegenüber einer Massenbewegung den Erfolg nicht verbärgen kann, sondern daß sofort eine entsprechend große Zahl von Schutzleuten auf dem „Kriegsschauplätze" erscheinen muß. Es genügt nicht, die Ruhestörer von der einen Straße in die andere oder von der Straße in die Häuser zu jagen, sondern man muß so viele und so nachhaltige Vorstöße machen können, daß das ganze Netz von Straßen und Plätzen gründlich gesäubert werden kann. Noch besser ist es, die Ansammlung in dem von den Tumultuanten auserkorenen Geriet von vornherein zu verhindern, indem man zu der gesährlichen Zeit, bet Entleerung der Fabriken und Werkstätten, die auf die Straßen strömenden Massen sofort nach den anderen Bezirken abdrängt. Dazu gehört auch die Schließung aller Gastwirtschaften und sonstigen öffentlich zugänglichen Räume gegen 5 Uhr; diese hier am zweiten oder dritten Tage ergriffene Maßnahme muß künftig in allen Auflaussfällen Regel werden.
Die Mitschuld d er S o z l al d e m o kr ati e an den jüngsten Freveln und Schäden ist für jeden Einsichtigen ganz klar. Der „Vorwärts" versucht heute, die Sozialdemokratie als gmtz unbeteiligt hmzustel- len, aber dabei verrät er sich selbst. Insbesondere gesteht er zu, daß die Parteiorgemisaticm- die Ruhestörung wohl hätte verhindern können; sie hat aber nichts zur Beruhigung getan. Ferner gesteht er, daß die rote Partei von der erregten Unzufriedenheit zu profitieren hositr Schuldig aber ist nach dem „Vorwärts" allein die Polizei, die aus nackter Vkutgier gegen arme, wehrlose Menschen borgegnngett ist. Die Leute, gegen welche die Polizei sich wehre« mußte, find nach dem „Vorwärts" harnüofe- Spazlergänger gewesen, neugierige Zuschauer, ruhig nett bet Fabrik nach Hause zurückkehrend« Arbeiter ufw., alles brave Leute, die nicht einer Fliege etwas zu Leide tun konnten. Wenn Ausschreitungen vvrgekommen feie«; so seien sie nur vo« dem Janhagel verübt worden. Aber sa arg schlimm fei es überhaupt nicht gewesen, es fei nur Radau gemacht worden, was die Polizei als Re- volverschüfse angesehen habe, das sei nur das Knallen von Fewerwerkskörpem und „Fröschen" gewesen^ mit denen jugendliche Unruhestifter sich vergnügt hätte«. । Man nmß sich über die Frechheit wunder», mit der der „Vorwärts" die Schuld an de» beklagenswerten Vorgängen von des wirklichen. Urhebern ab- Huwälz«r versucht. Es liegen genügend Zeugnisse chon glaubwürdigen Personen, die nicht 'mrt der Poitz« in Verbindung stehetr, bar, die über ‘ben wahren Charakter des Mstuhrs und die Persön- jlichkeiten der Aufruhrer keinen Zweifel kaffen. Es steht fest, daß in ganz hervorragender Weise bei den AusschrerttMgen organifierte Genosse» 'm itg etoiitt haben. Im Zentrum der Gegend, wo Die Krawalle gespickt buben, liegt die große Maschinenfabrik umd Eisengießerei Löwe .Eine Anzahl Arbeiter brefa Fabrik erschien am Mtttwoch mit verbundenen Köpfen, andere fehlten. Von den Verletzten, die auf der Unfallstation in der Erasmusstraße verbunden wurden, gehört der größte Teil dem Löw«-- schen Krankenkasserwerbaude an, und von den am Dienstag feskgenommenen sind 12 wegen Aufruhrs dem Gericht übergeben worden, alles Mitglieder der Löwe- schen Krankenkasse und der Organisation der Metallarbeiter. Das allerdings wird man dem „Vorwärts eher zugeben können, daß gerade die Organiiatoren der Aus schrecklMgen, die führenden Genossen, rote mi- fmer, so auch jetzt es verstanden haben, i^e eigene teuere Haut rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.
Daß der „Vorwärts" zur Lüge greift, versteht man, ibenn er hätte doch niemals zugeben dürfen, daß die gröblichen Ausschreitungen mit ihren beklagenswerten Folgen nichts anderes sind, als die praktische Ausführung des Evangeliums, das er den Massen mit nimmermüdem Eifer predigt. Dazu fömmt, daß durch die verleumderische Beschuldigung der Polizei sich wieder ein neues billiges MittÄ^ergibt, nm chen Haß der Massen gegen den Staat un» sdie Organe der öffentlichen Ordnung ms maßlose zu iteogern. Man braucht sich nur auszmnalen, welchen Eindruck es auf das Volk machen muß, wem« es m seinem Blatte, der einzigen Quelle seiner Belehrung seine solche Darstellung von den Vorgängen m Moabit Erhält, wie eS der „Vorwärts" ihm t)ermittelt. Zn tiefem Sinne wird das Matt vielleicht recht behalten, ■tocnn es triumphiert: „Der Sozialdenrokratie werden euch burd>\bi»'neueften Polizeiattaken wieder hundert- rausende^tztr Anhänger zugeführt werden!"
Die sozialdemokratische Presse hat in den letzten Lagen «ich weidlich entrüstet über den Korpsbefehl des
Generals von Bissingen. Wenn das verSssentllchl« Dokument echt ist — nun, der Strahenaufmhr in Moabit und die beispiellos verlogene und gemeine Art, wie die sctzialdemokratische Presse aus ihm für ihre Zwecke Kapital zu schlagen versucht, liefern den besten Beweis dafür, daß die Anweisungen des Generals von Bis- mgen zweckmäßig waren.
Heute nur noch die Frage an die Liber alen: dürft ihr bet den Wahlen eine derartige Revolutionspartei unterstützen? Muß das Bürgertum nicht endlich einig werden?
-p Berlin, 29. Sept. 1910. In der Turmstraße und im Kleinen Tiergarten sah es am Donnerstag ziemlich wüst ans. In großen Mengen lagen ganze und zerbrochene Stöcke, zerschlagene Hüte und Mützen umher. Es wurde alles aufgelesen und für die Untersuchung beschlagnahmt. Die Kohlenwagen von Kupfer u. Co. verkehrten wieder mit der üblichen Bedeckung, Schutzmänner zu Fuß und Berittene begleiteten sie. Der erste Transport begegnete vielen Arbeitern. Diese tonnten sich zwar nicht jeder Verhöhnung enthalten, beschränkten sich aber meist auf leise Bemerkungen, oder begnügten sich wohl auch damit, verächtlich auszuspucken. Lauter wurden nur fanatische Weiber. Vier von ihnen trieben es so arg, daß Kriminalbeamte, die überall die Vor- gänge beobachteten, sie zu ihrer Feststellung nach der Wache brachten. Ein Kohlentransport, der von Charloitenburg her die Sickingerfiraße erreichte, wurde vormittags gegen 12 Uhr von Streikenden angegriffen. Zwei der Unruhestifter, die besonders hervortraten, wurden von der Polizei durch Säbelhiebe unschädlich gewacht.
Nach amtlichen Feststellungen sind am 27. und 28. d. M. bei den Straßenkrawallen in Moabit 14 Zivilpersonen als schwer verletzt in das Krankenhaus Moabit und das Rudols-Virchow-Krankenhaus eingeliefert worden. Leichtere Wunden ließen sich im Krankenhaus Moabü 106 Personen verbinden. In der Unfallstation in der Erasmusstraße wurden an beiden Tagen etwa 70 Verletzten die erste Hilfe durch Notverbände zuteil. Nicht zu hoch gegriffen wird fein, wenn man die Zahl derjenigen Verwundeten, welche PrivathLfe aufsuchten und sich durch Aerztebehandeln lassen, auf etwa 150—200 annimmt, sodaß im ganzen etwa 400 Menschen bei diesen Krawallen ihr Leben in leichtsinniger Weise auf das Spiel gesetzt haben. Schwer sind arch die Verluste, welche die Berliner Schutzmannschast erlitten hat. 4 Offiziere und 60 Mann sind durch Steinwürfe und Revolverschüffe verwundet, davon 6 so schwer, daß sie in Krankenhäusern Unterkunft suchen mußten. Richt zu übersehen sind die Folgen, Die sich für den Gesundheitszustand der Schutzleute geltend machen werden. Viele ältere Beamte haben NervenchokS erlitten und bereits Haden sich viele krank melden müssen.
W. Berlin, 29. Sept 1910. Um 9 Uhr wurde aus dem Hause Turmftraße Nr. 56 ein Blumentopf aus die Beamten geworfen. Auf Befehl wurden nach oben zwei Schüsse abgegeben, die jedoch keinen Schaden anrichleten. Darauf wurde die ganze Straße gesäubert. Hierbei kam es wiederholt zu Verletzungen, die anscheinend nur leichter Natur find. Ein Teil des zmückgedrängten Publikums traf auf eine an der Ecke der Beussel- und Eras- musstraße angesammelte Menschenmenge. Hier wurden von beiden Seiten die Charlottenburger Polizei und die übrigen Polizeimannschaften ang e- griffe». Mit Hilfe von Berittenen wurden die angefammdteri Mengen zerstreut, wobei es wiederholt zu Verletzungen kam; auch wurden verschiedene Personen sestgenommr». Auch die Höfe wurden abgefücht, die vielfach mit halbwüchsigen Burschen und Gesindel besetzt warm. Es wurde dann die ganze Straße bis zur Ottostraße gesäubert. Besondere Aufmerksamkeit wird jetzt auch den Straßenhaltestellen zngewendet, wo vielfach Personen sich lange Zeit anshielteu. Bon der Polizei wird dafür Sorge getragen, daß dort keine Ansammlungen entstehen. Der abgesperrte Teil von Rioabit, in welchem die Unruhen vorgekommen sind, beruhigte sich im Laufe deS Abends immer mehr. Kurz nach 10 Uhr erschien der Minister des Innern in Begleitung des Polizeipräsidenten v. Jagow und ließ sich eingehend berichten. Sodann durchfuhr der Minister einige der gefährdeten ©trafien.
* Berlin, 29. Sept. 1910.. Nach einer Meldung der Abendblätter wurden heute in Moabit zwei MilchwageN der Meierei Bolle von Exzedenten umgeworfen. Dem einen Kutscher wurde die Geldtasche geraubt.
? Berlin, 29. Sept. 1910. Wie die ,B. N. N/ mitteilen, glaubt eine Berliner Korrespondenz sest- ftellen zu können, daß die sozialdemokratischen Jugendorganisationen an dem Aufruhr sich hervorragend aktiv beteiligt haben. Das wäre ja nichts anderes als die konsequente Praxis, der in Magdeburg verkündeten Lehren. ®te ,Rordd. Allg. Ztg/ läßt sich schreiben:
Die aktive Beteiligung der sozialdemokratischen Jngendorganifation an dem Aufruhr ist so gut wie erwiesen. Von unparteiischer Seite ist beobachtet worden, wie sich des Abends nach Schluß der Ge- schüstszeit die jungen Leute an bestimmten Punkten in der Stadt trafen, um zu Fuß oder mit der Elektrischen Moabit zu erreichen und sich unauffällig dem Aufruhr- gebiet zn nähern. Auch die radau lustige fozialdemo- kr«tische Weddingjngend ist bisher stets stark ver- treten gewesen. (Der Wedding ist ein fast nur von Arbeitern bewohnter Stadtteil hn Norden Berlins). In den Wirtschaften taten sich, wie beobachtet wurde, die jungen Burschen mit chreu Heldentaten wichtig. Auch ixe Sprößlinge der Anarchisten waren regelmäßig auf dem Plan und beteiligten sich in hervorragender Weise an den Beschimpfungen der Polizei und an den tätliche» Angriffen.
Von zuständiger Seite wird mitgeteilt, daß nach amtlicher Feststellung unter den am Dienstag aus Anlaß der Streikkrawalle in Moabit wegen Aufruhrs verhafteten zwölf Exzendenlen sich neun Personen befinden, die einer auf sozialdemokratischem Boden stehenden Gewerkschaft angehören. Drei Personen sind auch Mitglieder eines sozialdemokratischen Wahlvereins und vier andere sind strebende Kohlenarbeiter der Firma Kupfer u. Co.
Daraus ergibt sich am besten, wie falsch die von ozialdemokratifcher Seite verbreitete Behauptung ist, daß bei den Streikunruhen organisierte Arbeiter und Streikende überhaupt nicht beteiligt seien.
Deutsches Reich.
»♦ Berlin, 29. Sept. 1910. Das Kronprinzen p a a r ist am Donnerstag wieder von Ostpreußen nach Berlin zurückgekehtt und hat sich von da gleich wieder zur Jagd nach Rieth in Pommern begeben. — Der Prinz Oskar von Preußen siedelt An- cmg Oktober nach Pasewalk über zur Dienstleistung bei den Kürassieren. — Der Bundesrat hielt heute eine Plenarsitzung ab.
* Ein für die Selbstverwaltung der Gemeinden überaus wichttger Gesetzentwurf tvlkv dem Landtage zugehen. Es wird dadurch die Staats- aufsi cht Über die Kommunen erheblich eingeschränkt. So meldet eine liberale Korrespondenz. Zu gleicher Zeit läuft eine Nachricht durch die Blätter, wonach eine ziemlich weitgehende Einschränkung der Selbstverwaltung geplant sei. Man wird daher gut tun, abzuwarten, was Wahres an diesen sich widersprechenden Gerüchten — denn nur um solche handelt es sich — ist.
e. In der Strafprozeß-Kommission hat die Regierung am Donnerstag eine entschlossene ablehnende Haltung gegenüber der Zuziehung von Laien in der Berufungs-Instanz eingenommen. Zentrum, Bolkspartei und Sozialdemokraten beschlossen aber, obgleich die Regierung erklärte, daran werde die ganze Vorlage scheitern, daß die Strafkammer als erste Instanz sowohl als auch die Berufungs - Instanz gegen schössen gerichtliche Urteile mit Berufsrichtern und Laien besetzt werden solle, und zwar bei den Strafkammern im Verhältnis 3:2. — Die Frage wird jetzt sein, ob die Regierung an ihrem entschlossenen Widerspruch sesthält.
a. Die landwirtschaftliche Unfallversicherung stand am Mittwoch und Donnerstag in der Reichsversicherungs-Kommission $urBeratung. Entsprechend einem Zentrums-Anträge wurde festgesetzt, daß auch der Friedhofsbetrieb, die Gärtnerei und die Park- und Gartenpflege als landwirtschaftlicher Betrieb im Sinne des Unsallverficherungs-Gefetzes zu gelten haben. Die Bestimmungen über die Ausdehnung der Ver- ficherungS- Pflicht wurde gemäß den Entwurfs- Bestimmungen sesigelegl.
X Die Konservativen und der Antisemitismus. Wir haben bereits vor einigen Tagen die Auslassung der „Kreuzztg." vermerkt, wonach
die konservative Partei sich in ihrer großen Mehrheit davon überzeugt habe, daß sich der antisemitische Passus ihres Programm« praktisch nicht mehr rechtfettigen läßt. Seien doch auch im Jubentume konservative Kräfte lebendig und wirksam, wie die erfreuliche Tätigkeit zahlreicher jüdischer Männer im praktischen Leben, in Wissenschaft und Kunst täglich zeige, während die im Jubentume so auffallenden destruktiven Kräfte sich leider in reichem Maß auch bei raffereinen Deutschen entwickelt hätten.
Es ist bekannt, daß die gesellschaftlichen Ober- schichten der Konservativen, daß insbesondere die hohe Aristokratte sich eigentlich niemals auf den Antisemitismus eingelassen hat, sondern ihm im allgemeinen kühl oder ablehnend gegenüber stand. Desto verbreiteter war er in den Mittelschichten der Partei. Es meldet sich denn auch sogleich der „Reichsbote" und will von der Weglassung des Judenpaffus aus dem Parteiprogramm nichts wissen. Dieser sei jetzt mehr nötig als je, und wenn man ihn befeittge, so würde man die Mehrheit der Konservativen im Land« vor den Kopf stoßen und an der Pattei irre machen. Schärfer noch geht die „Deutsche Tagesztg." aus diesem Anlaß mit der „Kreuzztg." ins Gericht. Sie sagt zwar, daß auch sie vom „Radauantisemitismus" nichts wissen wolle, aber der Kampf gegen den jüdischen Einfluß werde sogar über die konservativen Kreise hinaus als eine Notwendigkeit empfunden, man könne daher nicht annehmen, daß wirklich die konservattve Pattei hinter der Meinung der „Kreuz- zeitung" stehe. Die „Kreuzztg." kommt nun auf ihre Auslassung zurück; sie bestreitet, daß sie „ein Paktieren mit dem liberalen Judentum empfohlen" habe, weist dann daraus hin, „daß die christlichen und nationalen Autoritäten nicht mehr ausschließlich vom Judentum, sondern auch von der Sozialdemokratie, bürgerlichen Polittkern und nichtjüdifchen Zeitschriften nach Art des Simplizisfimus bedroht" würden, anderseits erkennt fie dem nichtliberalen Teil des Judentums gute und anerkennenswette Qualitäten, indem sie schreibt:
Staatstrenr Gesinnung, geschäftliche Solidität, religiöser Ernst, positive Leistungen in Wissenschaft und Kunst laffen sich den Juden so allgemein nicht absprechen. Das sollte unser Programm also auch nicht tun, zumal der positiv-christliche Charakter der Pattei in dem Programm scharf und wiederholt aus- gefprochen wird und der gegen den jüdischen Einfluß gerichtete Passus also leicht als eine politische Verurteilung der jüdischen Religion auf gefaxt werden kann, auch so aufgesaßt worden ist. Der Kampf gegen allen undeutschen und wkderchttstlichen Einfluß auf unser Volksleben ttchtet sich gleichermaßen gegen die Aspirationen der fremdsprachlichen Bevölkerung, wie gegen die Ansprüche des Judentums auf eine führende und autorative Betätigung in Politik, Heer und Verwaltung, für die es uns nicht geeignet erscheint. Aber wie wir die Vorzüge der polnisch, französisch und dänisch sprechenden Staatsbürger nicht befreiten, wollen wir auch den Juden gegenüber Gerechtigkeit walten laffen.
Auffallend ist es, daß folche Blätter, die sonst die Verteidigung des Judentums zu ihrer besonderen Aufgabe machen, statt mit Befriedigung Kenntnis zu nehmen von der ihnen doch immerhin entgegenkommenden Erklärung der „Kreuzztg.", daran herummäkeln und nun auch gleich verlangen, daß sie sich mit Feuer für das Judentum ins Zeug legen und keine andere Sorge haben soll, als seine Wünsche
zur Erfüllung zu bringen. Es wäre eben nicht das erste Mal, daß die sogen, jüdische Presse durch Ungeschicklichkeit der Sache, die sie verteidigen will, ganz empfindlich schadet.
)( Der bayerische Thronfolger darf es kaum mehr wagen, ein Wort öffentlich zu sprechen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen will, daß aus seiner Rede alle möglichen politischen Geheimniffe herausgedeutelt werden. Jetzt hat er bei dem Festmahle deS Deutschen Museums in München eine Rede gehalten, die der liberalen und natürlich auch der charakterlosen farblosen Preffe als charakteristlsches Gegenstück zu seinem in Altötting abgehaltenen (!) „religiösen Bekenntnis" erscheint. Er pries die Regententätigkeit seines Vaters und sagte:
„Das wird niemand leugnen, daß Bayern in den letzten 25 Jahren fortgeschritten ist und ein Friede im Lande herrscht, wie es selten früher der Fall war, und wie ich tun wünschen kann, daß er viele Dezennien so bleibe!"
Es wird angenommen, daß der Thronfolger anspielle auf die Kämpfe, mit denen die kulturkämpferischen Liberalen seinerzeit, als sie noch die Mehrheit in der Kammer hatten, immerzu gegen das Zentrum anstürmten und die Regierung zwangen, zu parieren. DaS bayerische Volk hat nun aber vor einigen Jahren das Joch der Liberalen von sich geschüttelt, die ehemaligen Machthaber sind durch das Zentrum in den drei aufeinanderfolgenden sechsjährigen Wahlperioden zuerst zweimal auf die Hälfte und dann auf ein Drittel ihrer früheren Kammermandate reduziert worden, und das Zentrum hat in der bayerischen Abgeordnetenkammer die absolute Mehrheit erlangt. Seitdem herrscht in Bayern Friede, und diesen Frieden will der Thronfolger festgehallen sehen. Wie man darin ein „Gegenstück" gegen die Altöttinger Rede sehen kann, das ist schwer begreiflich. Offenbar freut sich der Thronfolger über diese durch das Zentrum herbeigeführte Gesundung der politischen Verhältniffe des Landes.
+ Die Wahl in Franksmt-Lebus. Die Sozialdemokratie hat bekanntlich damit ihren Sieg erringen können, daß sie in der Stichwahl ganz unerwartet große Verstärkungen erhielt. Die liberale Preffe bürdet dafür die Schuld den Konservativen auf. Ganz ohne Berechtigung. Die Vermutung liegt vielmehr nahe, wie wir schon gestern ausführten, daß die Verstärkungen aus linksliberalen Kreisen herrühtten, denn man weiß, daß die Vertreter der äußersten bürgerlichen Linken mit der nationalliberalen Kandidatur wenig einverstanden waren. Diese Vermutung wird bestärkt durch die Aeußrrungen liberaler Blätter, welche offen ihrer Genugtuung über die Niederlage des nationalliberalen Kandidaten Ausdruck geben. So der .Berliner Volksztg/ (Nr. 452) und der .Franks. Ztg/ (Nr. 367). Sehr interessant ist auch folgender Vorfall, der dem .Reichsboteu" berichtet wird. Danach erklärte ein Vertreter der liberalen Partei unter tosendem Beifall, aus einer der letzte» Versammlungen in Frankfurt: „Wenn Dunkel in der Hauptwahl 2 Stimmen mehr bekommt, so hat er gewiß m bet Stichwahl 2000 weniger."
** Bückeburg, 29. Sept. 1910. Eine Unv er- schämtheit hat sich der GebirgSverein in Bückeburg geleistet, indem er aus dem Papcndrink eine Ruhebank stiftete und in der Nische des Bauwerkes Äkther- und Bismarckreliefs mit bett Inschriften anbringen ließ: Ultra montes nox! (Jenseits der Berge ist es Nacht!) und „Ist einer nur von all' den Pontifexen, der diesen beiden das Wasser reicht?" Das Bauwerk, zu dem die Regierung in Minden den erforderlichen Platz unentgeltlich hergegeben hat, wurde am letzten Sonntag dem Schutze des Rintelner Gebirgsvereins übergegeben. An der Feier nahmen an 200 Personen teil. Man kann sich kaum eine rechte Vorstellung machen von dem Grade des giftigen Papsthasses, der in diesen Bückeburger und Rintelner Naturfreunden stecken muß. Wer dazu fähig ist, sogar den Frieden und die Schönheften der Natur durch den Ausdruck konfessionellen Haffes zu entweihen, der muß des letzten Restes von Achtung vor feinen katholischen Mitbürgern bar sein.
Ausland.
** Der neue italienische Minister des Auswärtigen, di San Giuliano, wird auch eine Begegnung mit seinem österreichischen Kollegen haben. Er reist mit dem General-Sekretär und dem Kabinetts-Sekretär nach Turin, wo er mit dem Grasen v. Aehrenthal, der zweifellos heule die leitende Persönlichkeit der Auslands - Politik des ganzen Dreibundes darstellt, eine Begegnung haben wird.
* Wegen der Schmährede Nathans hat der ehemalige Ministerpräsident, Senator Pelloux, dem Senat folgende Interpellation zugeftellt: „Ich gestatte mir, die Regierung über die Art und Weise zu befragen, wie das Garantiegesetz gehandhabt wird". Wahrscheinlich wird die Interpellation Pelloux sich auf Art. 2 des Gesetzes vom 3. Mai 1871 stützen, in dem es heißt:
„Die bireft gegen die Person des Pontifex gerichteten Beschimpfungen und Beleidigungen mittelst Reden oder Talen, oder durch die im Art. 1 des Preßgesetzes vorgesehenen MUtel werden nach Art. 19 desselben Gesetzes bestraft. Diese Vergehen sind als öffentliche Handlungen anzukehen und gehören zur Kompetenz des Asflsenhoses."
Einen Protest gegen die Schmährede Nathans an Klerus und Volk erließ der Patriarch von Venedig, Kardinal Kava Hari, und ordnete für das Rosenkranzscst am Sonntag, 2. Oktober, Sühneandachten an. Die katholischen Vereine der Stadt werden aufgefordert, mit ihren Bannern an denselben teilzunehmen.