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M 225.

Donnerstag 29. September |910t 57. Jahrgang.

«Tuldacr

Zeitung«

2. Blatt.

druck und Verlag der Znldaer Aetkendruckert in Znlda.

* Ein Dr. Schiller, Apostat und Freidenkeragitator,

treibt sich zurzeit im Ruhrgebiet herum. Unter dem Aushängeschild, „Mein Austritt aus der Kirche", gibt der Mann das konfuseste Zeug zum besten. Das kann er auch ruhig, denn bei diesem „denkfreien" Publikum, das in den Freidenkervereinen roter Couleur sich zu­sammenfindet, findet er für das dümmste Geschwätz freundlichste Aufnahme.

Daß der Mann über seine Mutter, die geglaubt habe, ihm ein großes Glück zu verschaffen, wenn sie ihn dem geistlichen Stande zuführe, vor einer gröh- lenden Menge ulkt, mag zur Charakteristik seiner Her­zensbildung genügen!

Wie alle Apostaten will auch er durch tiefes und gründliches Studium zu seiner neuen Erkenntnis ge­kommen sein. Wenn doch auch nur eine einzige Aeuße- mng des Mannes von Studium Zeugnis geben würde! Natürlich ist das eitel Geflunker, als ob überhaupt jemand, der denkt und studiert, zu dem Aber- witz der Freidenker kommen könnte! Man kann also schon aus dieser Aeußemng des Herrn Schiller auf sein tiefes Studium schließen.

Indes sei ihm wegen seines Auftretens und fei­ner Angaben das Gedächtnis aufgefrischt: Wir sa­gen ihm auf den Kopf, daß das Verständnis und die Begeisterung für die freie Denkerei erst dann bet dem Herrn Doktor aufblitztcn, als er von wegen der Ali­mentationsansprüche seiner einstigen Haushälterin ganz unmöglich geworden war und auf sein Beneft- zium in Ilmmünster verzichten mußte, und als er in München seinen Lebensunterhalt nicht mehr fand, weil ihn die Geistlichen nicht mehr mit Meßstipendien unter­stützten, worum er bis knapp vor seinem Ilebertritt ge­beten hot. Jetzt versieht man, warum Schiller die Geistlichkeit verdächtigt, als nehme sie es mit den Meßstipendien nicht genau.

Und solche Leute räsonieren dann in der Oeffeut- lichkeit über die unsittliche Moral der katholischen Kirche, während doch nur sie selbst die Schuld fragen, wenn sie die Moral der Gebote Gottes und der Kirche nicht beobachtet haben und in den Sumpf geraten sind, aus dem heraus sie nunmehr ihre Stinkbomben nach Kirche und Klerus werfen.

Wenn die jetzigen Freunde und Gesinnungsgenos­sen des Herrn Schiller auf den Reklamezetteln, mit denen sie zu den Versammlungen des Apostaten ein­laden, biefen als „Theologieprofessor" bezeichnen, so gehört das zum Kapitel Freidenkerschwindel. Denn Schiller ist nicht Doktor der Theologie, sondern der Philosophie, und ist niemals weder Professor noch Privatdozent an einer theologischen Fakultät gewe­sen; wie er in der Theologie überhaupt ein erbärm­licher Ignorant ist, wenn er das wirklich glaubt, was er seinen neuen Freunden jetzt an Bären aufbindet.

Mit dieser Erwerbung können die Freidenkerlinge genau so viel Staat machen wie seinerzeit mit dem Apostaten Leute, der ihnen inzwischen schon wieder laufen gegangen, weil ihm diese Gesellschaft doch un­erträglich war.

Deutsches Reich.

** „Genosse v. Bodman" hat Bebel auf dem so­zialdemokratischen Parteitag den badischen Mi­nister des Innern genannt. War's Bosheit, war's nur ein falscher Zungenschlag — gleichviel, das Wort ist viel belacht und natürlich in Baden sehr beachtet worden. Denn vor nicht gar langer Zeit hatte be­kanntlich Minister Bodman einem Zentrumsredner gegenüber erklärt, daß man die Sozialdemokratie nicht lediglich als eine krankhafte Erscheinung auffassen könne, daß sie allerdings „in ihren Zielen, sowie sie auf Abschaffung der Monarchie und auf Umgestaltung unserer ganzen Gesellschaftsordnung, auf Vergesell­schaftung des kapitalistischen Eigentums und so weiter gehen, zu bekämpfen ist", daß er anderseits aber auch in der Sozialdemokratie eine großartige Bewegung zur Hebung des vierten Standes erblicke. Die man­cherlei Preßerörterung, die an dieses Ministerwort an- knüpsten, haben jetzt Herrn v. Bodman veranlaßt, in der amtlichen Karlsruher Zeitung erklären zu lassen:

Nachdem auch Bebel auf dem Magdeburger Partei» taa den Tatsachen entsprechend bemerkt hat, der Minister habe mit seiner Aeußerurg vom 13. Juli von feinen früheren Erilärungen gegenüber der Sozial­demokratie kein Iota zurückgenommen, dürste erwartet werden, daß der Mchdrauch aufhört, der mit den Worten des Ministers von sozialdemokratischer Seite betrieben wird; nicht minder aber dürste erwartet werden, daß die Urteile der rechtsstehenden Parteien bei ihren Erörterungen mehr als bisher auch den übrigen Inhalt jener Rede und die früheren Ausfüh­rungen des Ministers berücksichtigen. Danach kann kein Zweifel bestehen, daß der Minister nach wie vor ein entschiedener Gegner der politischen Ziele der Sozialdemokratie ist.

Der Minister rennt mit dieser letzteren Versiche­rung offene Türen ein. Er wird doch nicht glauben, irgend jemand hätte ihn für ein heimliches Mitglied der sozialdemokratischen Partei gehalten. Was man ihm vorwirft, ist die Begünstigung der Sozial­demokratie und ihrer Agitation durch feinen Aus­spruch, die Sozialdemokratie sei eine großartige Be­wegung zur Befreiung des vierten Standes. Diese sozialdemokratische Agitationsphrase mußte sich im Munde eines großherzoglichen Ministers doch sehr sonderbar ausnehmen. Wamm bekennt sich der Mini­ster jetzt als Gegner nur der politischen Ziele der So­zialdemokratie? Will der Minister mit Absicht be­tonen, daß er nur die politischen, nicht aber die wirt­schaftlichen und kulturellen Ziele der Sozialdemokratie zblehne? Wie steht es namentlich mit den kultu­

rellen Zielen der Sozialdemokratie? Gerade über seine Stellung zu diesen sich auszusprechen, hätte der Herr Minister allen Anlaß gehabt, denn er hat doch sicher auch schon davon gehört, daß der Großblock­liberalismus und die Sozialdemokratte ihre Brüder­schaft gerade mit der Gemeinsamkeit ihrer kulturellen Ziele, mit ihrer gleichen oder mindestens verwandten Weltanschauung begründen. Ist der Herr Minister, wie es aus dem Worüaut seiner Erklärung geschlossen werden könnte, kein Gegner der kulturellen Ziele der Sozialdemokratie, so bestätigt er damit die Hoffnungen der Großblockleute, die in ihm den Großblock- Minister sehen, und die Ueberzeugung der badischen Sozialdemokratie, daß sie sich diesen Minister erhalten mußten!

— Intoleranz des Liberalismus gegenüber dem Katholizismus. Katt Jentsch aus Reiße, der be- kannllich früher katholischer Geistlicher war, veröffent­licht im letzten Heft der „Zukunft" einen Aufsatz: „Die Krisis im Katholizismus". Wir wollen hier auf die Ausführungen nicht eingehen, da wir uns sonst auf spezifisch dogmatisches Gebiet begeben müß­ten. Eine Stelle glauben wir jedoch hervorheben zu sollen; sie ist um so benierkenswerter, als Jentsch ein Gegner des Katholizismus und ihm eine genaue Be­obachtung der heutigen wirtschaftlichen, politischen und religiöfen Verhältnisse nicht abzusprechen ist. Jentsch mißbilligt scharf das Treiben des Ev angel. Bundes, „der sich müht, einen neuen Kulturkampf zu organisieren". Daizn heißt es:

„Als Hilsstruppen (des Evangelischen Bundes) flankieren den im fanatisch lutherischen Sachsen wur­zelnden Bund die Hakattsten im Osten und die Fran­zosenfresser im Westen. Auss tiefste erbittert die Ka­tholiken, daß man ihnen in Sachsen, Braunschweig und Mecklenburg nicht einmal freie Religions- Übung gewährt. Das Ringen um bürgerliche Parität endlich hat alle deutschen Katholiken zu einer weltlichen Interessengemeinschaft zusammengeschweißt, die sich i amentlich gegen den „Liberalismus" richtet, weil bombenfest steht, daß, wenn die sich liberal nennen­den, an Unduldsamkeit jeden Inquisitor übertreffenden Bonzen des Atheismus ans Ruder kämen, kein Katholik auch nur einen Magistrats- schreiberposten, geschweige denn eine Universitäts- Professur oder ein Regierungspräsidium bekäme. Doch wird's nicht immer so bleiben. Die politischen Dumm­heiten der „Lideral-n" werden eS dem Zentrum er­möglichen, die konfessionelle wie die bürgerliche Gleich­berechtigung durchzufetzen. Die durch den ersten Kultur­kampf gewitzigten Regierungen werden sich hüten, einen zweiten zu wagen, und so wird dem Zentrum all­mählich die Daseinsberechtigung entzogen werden. Des konfessionellen Gezankes sind die meisten ruhigen Bürger jetzt schon überdrüssig."

Die Bemerkungen über die Intoleranz des atheisti­schen Liberalismus treffen den Nagel auf den Kopf. Anders steht es mit der letzten Hälfte. Wir sind des „konfessionellen Gezänkes" durchaus müde; wir wür­den es begrüßen, wenn Katholizismus und orthoboxer Protestantismus Hand in Hand arbeiten würden. Aber das suchen ja jene von Jentsch treffend geschil­derten Faktoren Evangelischer Bund, Hakattsten, Franzosenfteffer — auf Schritt und Tritt zu verhin­dern. Sie brachten es sogar fertig, den gegen die politische Vertretung des katholischen Volksteiles ge­richteten Bülowblock zu inszenieren. Diese Faktoren werden auch so bald nicht mit ihrem gefährlichen Trei­ben von der Bildfläche verschwinden. Damit erledigt sich die Behauptung, dem Zentrum würde allmählich die Daseinsberechtigung entzogen, von selbst. Im Gegenteil. Die Ausgabe, die konfessionelle Gleichbe­rechtigung zu erzielen, ist noch lange nicht er­reicht. Dazu sind neue Ausgaben getreten. Das Zentrum, als positiv christliche Pattei, wird auch in Zukunft im Zentrum des politischen Kampfes stehen. Bei den Bestrebungen, die Volksschule zu entkonses- sionalisieren, einen sogenannten Kulturblock gegen die christlichen Parteien zu bilden nsw., wird unsere Par­tei ihren Mann stellen müssen. Ihr Verschwinden würde ein nationales Unglück fein.

* Essen, 26. Sept. 1910. Ein Fall sozialde­mokratischen Terrorismus hat sich hier an dem Neubau des Landgerichts abgespielt. Bei Be­ginn der Maurerarbeiten besetzten die sozialdemokra­tischen Verbändler sozusagen allein diese Baustellen. Einzelne chttstliche Arbeiter, die zwischendurch dort in Arbeit traten, wurden solange bearbeitet, bis sie sich zum roten Verband überschreiben ließen, oder sich andere Arbeit suchten. Als nun am Montag voriger Woche etwa zwölf christliche Arbeiter in Arbeit traten und diese sich energisch gegen die roten „Bekehrungs- Versuche" wehrten, wurden sie von den roten Verbänd- lern verhöhnt und beschimpft, wobei ein freiorgani- jierter Maurer den christlichen Arbeitern zurief: „Ihr kommt doch noch von der Baustelle herunter, und wenn ich ein Jahr ins Kittchen komme!" Am Donnerstag verlangten die freiorganifierten Handlanger von dem einzigen christlichen Handlanger, entweder er solle sich überschreiben lassen, oder sie arbeittten nicht mehr mit ihm zusammen. Der christliche Arbeiter lehnte das Verlangen rundweg ab. Daraus wurde beschlossen, mit dem Christlichen nicht mehr zusammen zu arbeiten. Als sich bann die Lage auf der Baustelle immer be­drohlicher gestaltete, sah sich schließlich der christliche Arbeiter gezwungen, zu gehen, und dann erst wurde die Arbeit von den Roten wieder aufgenommen. Am yrettag traten dann wieder zwei Maurer in Arbeit, die christlich organisiert waren. Jetzt wurde die Bau­leitung vor die Alternative gestellt: Entweder es werden keine christlichen Arbeiter mehr eingestellt, oder wir legen alle die Arbeit nieder. Die Bauleitung lehnte dieses Ansinnen ab, und so legten sämtliche sozialdemokratischen Maurer und Handlanger die Ar- beit nieder. Nach wiederholt gepflogenen Verhand-

lungen mit der Bauleitung beharrten die roten Ver- bändler auf ihrem Standpunkt, es dürsten keine christ­lich Organisierten mehr eingestellt »erben. Die Bau­leitung beugte sich aber nicht unter das rote Joch und ließ die Arbeiter gehen, von denen sich aber bereits am Samstag morgen ein Teil wieder meldete, die trotz des Kontraktbruches nochmals eingestellt wurden. Die hiesige Leitung des christlichen Bauarbeitewerban- des hat heute morgen der Bauleitung für alle fteige- wordenen Stellen Ersatz aus ihren Reihen geschaffen, so daß die Baustelle heute morgen wieder in vollem Umfange besetzt werden konnte._____________________

Ausland.

* In Spanien setzt das Ministerium seine Methode, die Kundgebungen der Katho' liken gegen die Kulturkämpferei der Regierung zu unterdrücken, munter fort. So wurde in Bilbao eine für nächsten Sonntag geplante Kundgebung untersagt. Auch in Pampluna wurde eine regierungsfeindliche Demonstration von den Behörden verboten. Ferner sind, wie aus Bilbao gemeldet wird, der Bankier Urqijuo und alle Mitglieder der katholischen Junta, die einen Protest gegen das Kabinett Canalejas unterzeichnet haben, verhaftet worden. D'.ese Maßregeln des Ministerpräsidenten haben im katholischen Lager natürlich große Entrüstung hervorgerufen. Uebrigens heißt es gerüchtweiie, die Stellung des Ministerpräsidenten fei infolge feiner Stellungnahme gegen die Katho­liken und seiner verderblichen Finanzpolitik un­haltbar geworden.

** Mexiko, der größte der mittelamerikanischen Staaten, infolge feiner Lage an der Grenze von Ver­einigten Staaten am stärksten von den Eroberungs­gelüsten Onkel Sams bedroht, hat in diesen Tagen das Fest seines 100jährigen Bestehens mit großem Pompe gefeiert. Am 24. September gab der deutsche Spe­zialbotschafter im Deutschen Haus ein Bankett, bei dem der Vizepräsident der Republik in einer Rede die vielen Freundschaftserweise des Deutschen Kaisers her­vorhob und die Hoffnung aussprach, daß die Bezieh­ungen zwischen Deutschland und Mexiko noch sreuub- schastlicher werden möchten. — Auf gute Beziehungen zu Deutschland legt Mexiko gegenwärtig ebenso wie Südamerika großen Wett. Man hofft damit, die „Einverleibung" in nordamerikanischen Besitz am ehe­sten hintan halten zu können.

Aus dem Nachbargebiete.

& Großentaft, 28. Sept. 1910. In der gestrigen Gemeindesitzung wurden die Arbeiten der hiesigen Wasserleitung vergeben, und zwar erhielten den Zuschlag für Los I der Bauunternehmer Hart­mann-Eiterfeld, für Los II die Firma Schäfer nnd Neuert-Sontra.

,/' Romsthal, 27. Sept. 1910. Der hiesige Obstbauverein wird am 8. und 9. Oktober im Saale des Gastwirts Weber eine Lokal-Obst- ausstellung abhalten. Da der Obstbauverein für den Regierungsbezirk Kassel eine Beihilfe ge­währt hat, so werden auch einige Preise verteilt werden können.

* Offenbach a. M., 27. Sept. 1910. Von den Notstandsarbettern, die in den letzten Win­tern, wenn es an Arbeitsgelegenheit mangelte, von der Stadt beschäftigt wurden, blieben im Frühjahr immer eine Anzahl im Dienste der Stadt zurück. Sie konn­ten vorgeschrittenen Alters wegen keine Arbeit bei Privaten mehr finden und fanden bei der Stadt als Erwerbsbcschränkte ein dauerndes Unterkommen. Die Erdarbeiten an Wegen und Straßen, die sie verrich­teten, gingen jedoch der Stadt aus. Um ein dauern­des Arbeitsfeld für die Leute zu haben, ließ die Stadt ein Stück Oedland im Osten der Stadt, den so­genannten Schneckenberg, von ihnen umtoben und mit Gemüse- und Obsckulturen anlegen. Da das Gelände kalkhaltig ist, woher es seinen Namen hat, ist es für Gärtnerei nicht ungeeignet. Die Stadt will aus den Anlagen nicht in echter Linie Gewinn ziehen. Ihr ist es vor allem dämm zu tun, Leuten, die sonstwo nicht mehr unternommen können, eine gesunde, nützliche und nicht zu anftrengenbe Beschäftigung zu gewähren.

* Hattersheim, 28. Sept. 1910. Ein von Frank­furt kornmenbes Auto fuhr gegen ein von zwei Kin­dern gezogenes Wägelchen. Hierbei faßte bas Schutz­blech bes Autorabes bas eine Kinb und warf es so fest auf ben Boden, baß es alsbalb vechtarb. Der Chauffmr, sowie die Insassen des Wagens wurden verhaftet.

* Eisenach, 27. Sept. 1910. In die Wohnung eines Kaufmanns wurde gestern abend einge­brochen und eine große Menge von Schmuck- fachen und sonstigen Wertgegenständen geraubt. Den Einbrechern — es soll sich um Burschen im Alter von etwa 20 Jahren handeln — ist man auf der Spur.

vermischtes.

* Beim Untergang des Hamburger Schlepp­dampfers „Urnda" im Hafen von Kronstadt sind acht Mann von der Besatzung ertrunken.

♦ Vom Unglück verfolgt wird eine Familie in Tambach (Thüringen). Nachdem der älteste Sohn vor kurzem von einem Wagen überfahren und dabei schwer verletzt wurde, kam jetzt ein jüngerer Sohn

unter die Räder eines Lastwagens. Der Vater, die Gefahr bemerkend, eilt hinzu, das Kind zu retten, dabei geriet er aber selbst unter ben Wagen und zog sich eine Dehnung des Halswirbels zu, die feine so­fortige Ueberführung ht das Gothaer Krankenhaus nötig machte, der Sohn hat ebenfalls schwere Ver­letzungen erlitten. In der Bestürzung hatte Frau Schmidt, die einen Gemüsehandel betreibt, den Laden unbeaufsichtigt gelassen und mußte hinterher die Ent­deckung machen, daß während ihrer Abwesenheit die Labenkasse ausgeraubt worden war.

*♦ Die beiden englischen Offiziere, die auf Bor­kum wegen Spionage verhaftet worden sind, ha- 6en sich eine sehr böse Suppe eingebrockt. In den Zimmern, die die beidm mit ihren Komplizen auf Borkum bewohnten, sind bekanntlich schwerbelastende Schriftstücke gefunden worden, und seitdem entfalten die Küstenbehörden eine außerordentlich energische Tätigkeit. Aus einzelnen Briefen geht hervor, daß die Svione zunächst die nördlichen Festlandsbefefti- gungen und dann erst die Inseln besucht haben._ In einzelnen Hafenstädten erinnert man sich nun, daß vor Monatsfrist eine unter englischer Flagge segelnde Mo­torjacht beobachtet wurde, die ebenso rasch verschwand, als sie gekommen war. Die Behörden bemühen sich, jene Personen ausfindig zu machen, die mit ben In­sassen bei Jacht zusammengekommen finb. Bekannt­lich haben bie Komplicen der beiden Engländer aber rechtzeitig Wind erhalten und die Flucht ergriffen. — Die harmlose Geschichte, die sich der Mainzer Leutnant Helm, tiefer Tolpatsch, mit seiner Portsmouther Zei­chenübung eingebracht hat, können bie Engländer un­möglich als „Kompensation" für diese beidm Spione im Großen ansehen.

* Ein Dutzend goldene Hochzeiten auf einmal wurden in dem Städtchen Norbecgue in Fran­zösisch-Flandern gefeiert. Ein Paar in diesem selte­nen Dutzend hat allerdings echt 19 Jahre ehelichen Glückes hinter sich, doch da ein anderes Paar unter den zwölf sich befindet, das bereits 56 Jahre die Ehe­fesseln getragen hat, nahm man das noch nicht ganz „reife" Gold-Brautpaar schon deshalb mit auf, um das Dutzend voll zu machen. Der Gemeinderat von Norbecgue, das etwa 3000 Einwohner zählt, hatte sich erboten, den greifen Brautleuten zu Ehren ein großes Bankett auszurichten. An diesem Festmahl durfte sich auch die ganze Verwandtschaft der Jubel­paare beteiligen. Jedes Haus im Orte war festlich dekoriert, und alles feierte nach Kräften mit.

* Ein eigenartiger Agrarstreik ist in Nordböhmen ausgebrochen. In fünf Gemeinden des Tetschener Bezirks sind die Feldpächter des Grasen Oswald Thun-Salm wegen einer angekündigten Pachterhöh­ung in den Ausstand getreten.

— Opferwillig. Frau: „Seitdem ich Klavier« und Gesangunierrichl nehme, hast Du Dir ange- wohnl, während der Zeit ins Wirtshaus zu gehen; dadurch wird die Sache aber sehr teuer!" — Mann: „O, für Dich, liebe Berta, ist mir nichts zu teuer!"

Literarischer.

Kaufmannsdeutsch. Der kaufmännische Bries, wie er ist und wie er sein sollte. Eine kurze Bespre­chung der allergröbsten Fehler und Geschmacklosig­keiten im kaufmännischen Briefe. Von Reinhold A n t o n, Lehrer an dem Institut für handels- wiffenschastliche Kurse in Leipzig. Verlag von Siegbert Schnurpfeil in Leipzig. Preis 30 H.

Es ist schon längst ein offenes Geheimnis, daß das Deutsch, in dem unsere Kaufleute schriftlich mitein­ander verkehren, förmlich strotzt von groben Verstößen gegen die Regeln der Sprachlehre und besonders ge­gen den guten Geschmack. Den meisten Briefschreibern kommt es gar nicht mehr zum Bewußffein, daß sie ihre Muttersprache verhunzen, und fie halten schließlich die falsche und häßliche Ausdrucksweise für richtig und für eine geschmackvolle Eigenart des kaufmännischen Stils. Aber allmählich scheint es auch in den kauf­männischen Kreisen zu dämmern, scheint auch hier bie bessere Einsicht bie Oberhand zu gewinnen. Das möchte man wenigstens aus der Literatur schließen, bie in letzter Zeit über dieses Thema erschienen ist. Es kann über dieses Thema auch nicht oft genug ge­schrieben werden, und nicht oft genug kann man ben Beteiligten ben Spiegel vorhalten. In ganz prak­tischer Weise tut bas ber Verfasser der vorliegenden kleinen Schrift, in ber allerdings nur bie häufigsten unb allergröbsten Fehler besprochen werben. Jeber Kaufmann sollte sie lesen, aber noch mehr als dies: jeder Angestellte sollte von seinem Brotherrn direkt angewiesen werden, bie Belehrungen bieses Büchleins zu befolgen, und auf jebem Schreibtisch, jebem Pulte sollte es liegen, bamit man von einem „Kaufmanns­deutsch" fernerhin nicht reden kann. 1.

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