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Fulda, Donnerstag den 29. September 1910.

Erstes Blatt.

223.

37. Jahrgang.

erwartet ein darauf bezügliches Handschreiben deS

Wie die »Post' wird die neue der Kürassiere

„2Bie soll ich Dir das je vergelten, meine Erika?" „Dadurch, daß Du den Mut nicht verlierst und den Kampf tapfer aufnimmst. Denke daran, daß Du jetzt nicht nur Deine, sondern auch meine Ehre zu verteidigen hast."

Er erhob sich und sagte frieriich: „Ich werde stets daran denken, meine Erika, und ich werde mutig und stack sein, wie Du es gewesen bist. Ich war kleinmütig und verzagt, als ich heimkam — ich fürch­tete mich vor dem Kampf, der mir aussichtslos schien, ich wollte die Waffen schon fortwerfen. Du hast mich wieder stack und mutig gemacht. Du stillst mich nicht wieder schwach finden."

„Ich habe eS nicht anders von Dir erwacket", ent­gegnete sie, „deshalb will ich auch Zeugnis für Deine Ehre vor aller Well ablegen. Und nun höre, wie es kam, daß ich meine Mutter veckieß."

Neben ihm sitzend, seine Hand in bet ihrigen hal­tend, erzählte sie, was am Nachmittag geschehen war, und er hörte ihr mit stets wachsendem Erstaunen, mit stets sich mehrender Verwunderung zu.

Dann erzählte auch er. Ab« jed« Zweffel, jede Muüofigkeü war von ihm gewichen; « sah jetzt mtt fröhlichem Mut dem Kampfe entgegen, hatte « doch eine Waffengefährtin gefunden, wie « sie mutiger, kraftvoll«, hoffnungsfteudig« nicht hätte finden kön­nen.

Wohl eine Stunde saßen sie im Gespräch zusam­men, als daS Rollen eines Wagens, d« auf den Hof fuhr, sie aufhorchen machte.

„Mm kommt, mich zurückzuholen', sagte Erika lächelnd, indem sie sich «hob.

D« Wagen hielt vor dem Hause. Fritz war an daS Fenst« geeilt.

„Es ist der Inspektor Grupe", sagte «. „WaS wilffi Du tun, Erika?"

„Wmn der Jnspcktor im Auftrage meiner Mutt« kommt, sage ihm, daß ich nicht eh« wied« zurück- kehren würde, als bis meine Mutt« sich von den fal­schen Freunden befreit und Deine Ehre Wied« 6er« gestellt hat."

„Und Du?"

Deutscher Reich.

• Berlin, 28. Sept. 1910. Der Kaiser hörte n Rominten den Vortrag des Staatssekretärs im Reichsmarineamt v. Tirpitz. — Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter hat einen kurzen Urlaub an­getreten. — Prinz Heinrich von Preußen, des Kaisers Bruder, weilt zurzeit in England, wo « die Strecke für die nächstjährige Prinz Heinrich- Automobilfahrt abfuhr. Er ist bei der Gelegenheit Gast bei verschiedenen hochgestellten Herrschaften.

* Besuch des Königs von Portugal in Berlin. Wie Lissaboner Blätter melden, hat der deutsche Kaiser den König M a n u e l eingeladen, in.Berlin einen offiziellen Besuch abzustatten. Dies« soll in d« ersten Woche des Dezember stattfinden. Man

Kais«s im Laufe dies« Woche.

♦ Abschaffung der Kürassiere? von „zuv«lässig« Seite" hört, MMärvorlage die Abschaffnung bringen. Die ,Postt bemerkt dazu:

„Laß mich in ein anderes Zimm« treten, Miß Bayley wird bei mir bleiben. Nicht toahr, meine gute Miß Bayley?"

„Gewiß, ich veckaffe Dich nicht, mein Kind."

Die Wirtschafterin Fritz Borns trat ein.

.Herr Som, der Herr Jnspcktor Grupe wünscht Sie bi ein« dringenden Angelegenheit zu sprechen."

„Es ist gut, lassen Sie ihn eintreten — ab« vor­her führen Sie diese Damen in die Zimmer, welche meine Mutt« bewohnt hat. Auch können Sie den Damen Tee und kalte Küche hinaufschicken."

Er hatte seine Kaltblütigkeit wieder gewonnen^ so daß « schon wied« an die leiblichen Bedürfnisse sein« Gäste denken tonnte.

Miß Bayley begrüßte die Aussicht auf eine Tasse ihres geliebten Nationalgetränkes mit Dank, die Er­regung des TageS war für ihre Nerven doch etwas zu stack gewesm, so daß sie ein« kleinen Erfrischung be­durfte.

Sie reichte Fritz die Hand. „Sagen Sie Herrn Srupe auch noch von mir", sagte sie sehr energifdj, »daß ich, Miß Florence Bayley, unfere Erika nicht verlassen und für ihre Sicherhell einsteh en werde."

„Ich danke Ihnen, Miß Bayley — ich werde e8 dem Herrn Inspektor MSrichten", entgegnete Fritz lächelnd.

Dann entfernten sich die beiden Damen mit der allen Wirtschaft«in, die «staunt üb« alles, was sie sah und hotte, den Kopf schüttelte.

Ftth ging einige Male im Zimm« auf und ab. Er befanb sich in einer ftohen, freudigen Stimmung. Jetzt mußte ja alles gut w«den.

So ging er dem Inspektor entgegen, d« in steif« Haltung und mtt ernstem, mürrischen Gesicht eintrat.

.H«r Inspektor Grupe, was verschafft mir die Ehre Ihres so späten Besuches? — Wollen Sie nicht Platz nehmen?"

„Ich danke", entgegnete Grupe steif. „Ich ziehe eS vor, zu stehen."

»Wie Ihnen beliebt. Wollm Sie eine Zigarre?"

(Fortsetzung folgt.)

der Sickingenstraße von einem Neubau mit Mauer­steinen beworfen. Die begleitenden Schutzleute «- widetten mit Pistolenschüssen. In den ersten Abend- st u n d e n sah es in Moabit heute fast so aus wie vor­gestern, nur daß die Kneipen geschlossen sind. Fest­genommen wurde ein Mann, d« mit einem offenen Mess«, das « in der Hand hielt und im Rockärmel verbarg, sich auf d« Straße bewegte unb wiederholt in die Nähe der Beamten zu kommen suchte. Ein Beamt« meckte, was er vorhatte, und bevor noch d« Mmn Unheil Mttchten konnte, schlug « ihm das Mess« aus d« Hand und nahm ihn fest. Es ist ein mehrfach bestrafter Arbeiter. Berittene Patrouillen durchzogen die Sttaßen und hielten die Fahrdämme von Ansammlungen frei.

W Berlin, 28. Sept. 1910. Das Moabit« Un­ruhegebiet wurde heute abend streng abgesp errt. Die Zulassung erfolgte nur gegen den Nachweis als Anwohn«. Die Bewohn« haben sich inn«halb ihr« Häuf« zu hallen und die Fenst« haben geschloffen zu bleiben. Trotzdem ist es bish« an fünf Stellen, wo aufreizende Ansprachen gehalten wurden, zu Zusammenstößen gekommen, wobei einige Verwundungen vockamen und auch S3 e r I; a f- tungen vorgenommen wurden. Da die Tätigkeit der Polizei gestern besonders durch die Dunkelheit d« Stta­ßen gehemmt war, so Hai sie sich heute mit Magne- stumfackeln ausgerüstet. Um die neunte Stunde schien sich die Menge Ms dem Unruhegebiet weit« in das Jnn«e Moabits zurückzuziehen.

W Berlin, 28. Sept. 1910. Die in d« Emdener- und in d« Turmstraße auf dem Rückzüge in das in- n«e Moabit befindliche Menge spertte den V«kehr in diesen Sttaßen vollständig. Als wied« gejohlt, geschimpft und mit Steinen geworfen wurde, hieben die Beamten scharf ein. Auf bei­den Seiten d« Sttaßen sah man Verwundete liegen. Viele Personen wurden ü b e r r i 11 e n. Eine Anzahl Schwerverletzter wurde in das Moabiter Krankenhaus gebracht.

W Berlin, 28. Sept. 1910. Um Mitternacht lag das Zenttalgebiet der Unruhen totenstill. Die MMifestMten waren teils nach dem Wedding, teils durch den kleinen Tiergarten, der wiederholt gesäubett wurde, bis zum Kriminalg«icht zurückgedrängt wor­den. Es fehlte nicht an kleineren Zusammenstößen, bei denen die Ruhestörer mit scharfen Hieben traktiert oder schonungslos niederge­ritten wurden. In das KrMkenhaus Moabit sind im Laufe des Abends zwanzig Verwun­dete eingeliefert worden. Aus den Reihen der Unmhestifter find wied«holt Schüsse gefallen, doch wurde niemand verwundet, und es läßt sich nicht fügen, ob scharf ober blind geschossen wurde.

* Berlin, 28. Sept. 1910. D« sozialdemokratische Transportarbeiterverband hat neuer- dstigs v«sucht, den Streik, d« den Anlaß zu den Ausschreitungen gegeben hat, aus d« Welt zu schaf- en. Er hat d« Firma Kupfer n. Co. mit geteilt, daß « zu Verhandlungen geneigt fei. Besonderes Ent­gegenkommen hat er dock ab« nicht gesunden.

Um Ehre und Recht.

,80] Roman von Q. Elster.

XVI.

«Miß Bayley — was hat die- alles zu bedeuten? — Was ist geschehen?" fragte Fritz noch immer fas- sungslos, als « in das blaffe, ernste Gesicht d« Eng- länderin sah.

„Erika wird es Ihnen sagen", entgegnete sie, unb ihre tiefe männliche Stimme bebte leicht. „Mich müs. sen Sie schon mit Mfnehmen, ich körnte Erika nicht allein fortgehen lassen."

„Erika — was ist geschehen? — Deshalb stnb Sie zu mtt gekommen?"

„Ich konnte nicht anders handeln, Ftth, es galt Dein« und mein« Ehre", sprach sie, überhörend, daß ft die förmliche Anrede gebraucht hatte.

Da lachte er auf.

„Meine Ehre? — Ah, die ist feinen Pfifferling mehr wett — bald werden die Menschen mit Fingern auf mich zeigen."

„Fritz?!"

„Wttßt Du?" fragte « erregt unb fast drohend, „was Deine Mutt« mir getan hat?".

„Ja."

„Und doch kommst Du zu mir?"

„Gerade deshalb."

/ -Das ist mir unverständlich. Wttßt Du nicht, daß ich ein Dieb bin, daß ich Dein« Mutt« Schmuck gestohlen habe, daß kein ehckich« Mensch mtt mir einen Händedruck mehr wechselt, daß sich alle Türen yttr verschließen?"

„Ich weiß das alles."

, .-Und doch bist Du gekommen? — Noch vor kurzem sagte mir em« mem« früheren Freunde: „Geh nach °us . . ., und mein Rechts mimalt hat mir mit aller juristischen Spitzfindigkeit Gbr^tHAf^S1, ra& ,1$ ben W von mein« ■JE? wied« abwaschen würde - ich bleibe ein 'S« x Jcn Jtugenber Menschen - vielleicht bin etnDieo, ich weiß es nur selbst nicht."

Arbeiterschaft — nicht die Polizei, sondern die Ruhe- stör« unterstützen.

Es wäre dringend zu wünschen, daß die v«deff«te und verschärfte Taktik d« Polizei dauernd Erfolg hätte. Denn sonst bleibt als letztes Hilfsmittel nur das militärische Einschreiten übrig, und dann kommt eS zu einem verheerenden Kugelregen, gegen den daS polizeiliche Schießen mtt Browning- Pistolen nur ein Kinderspiel war.

Ordnung muß fein! Sonst werden auf die klttnen Revolutionen von Moabit bald größere Kraftproben folgen, die dann auch noch größeren Schaden an Leiv und Gut anrichten.

X Der Aufruhr in Moabit.

Die letzte Nacht ist es in Moabit zwar nicht durchaus ruhig geblieben, aber es ist doch nicht mehr zu den wilden Ausschreitungen d« vorher­gehenden Nächte gekommen.

Hoffentlich geht der Aufruhr nunmehr zu Ende. Es ist die höchste Zeit, denn bish« hatten mtt jedem Tage — oder vielmehr mit jed« Nacht die Straßenkämpfe eine größere Ausdehnung und einen bösartigeren Charakter angenommen. In d« Nacht zum Mittwoch hatten schon Berliner Pe- troleurs und Petroleusen ihr Gesellenstück abgelegt, — vorläufig allerdings nur in einer Feu«sbrunst auf offener Straße, ein« Art brennender Barrikade.

Die weiteren Erfahrungen haben bestätigt, was wir schon gestern hervorgehoben hatten: daß es sich keineswegs nur um vandalierendes Gesinde! handelt, sondern daß richtige Arbeit« und Ar- oeiterinnen, sowie Arbeiterfrauen sich mit Leiden­schaft an dieser Kraftprobe gegenüber der Polize: beteiligen; die Sozialdemokratie will freilich nach wie vor ihre Hände in Unschuld waschen, ab« die Art und Weise, wie z. B. der »Vorwärts' die Sache bespricht, zeigt recht deutlich, daß die Sozialdemo­kratie nicht bloß jede beruhigende Einwirkung auf ihre Anhäng« und Mitläufer versagt, sondern an den Krawallen ihr Wohlgefallen hat und lieber Del als Wasser in dieses Feuer gießt. So spricht der .Vorwärts' sottgesetzt von „Provokationen" seitens der Polizei, während doch die von allen Seiten verhöhnten und angegriffenen Hüt« d« Ordnung eine wahre Lammesgeduld bewiesen haben.

Die Mäßigung d« Polizei, die überall «st mit milderen Maßnahmen die Beruhigung versucht hat, ist von andner Seite schon vielfach als übergroße Nachsicht getadelt worden. Auch wer das vorläufige schonende Vorgehen für gut hielt, kann sich nicht d« Tatsache anschließen, daß die Ruhestör« durch diese Zurückhaltung nicht beschwichtigt, sondern viel­mehr noch verwegen« gemacht worden sind. Darum ist die Polizei in d« vergangenenNacht nochschärfer vorgegangen, um die Ausschreitungen zu unterdrücken. Auch mußte man mit der Möglichkeit rechnen, daß das b«eit gehaltene Militär, auf dessen Eingreifen man bis zum zwingenden Notfall verzichten wollte, schließlich doch noch zur Erstickung des Austuhrs herbeigerufen würde. Dann hätte es all«dings ein Ende mtt Schrecken, im Blute von vielen Hundetten gegeben.

Die Polizei hatte am Mittwoch durch die h«ben Erfahrungen an den Vortagen erkannt, daß 1) die Zahl d« Schutzleute auf dem „Kriegsschauplätze" angesichts der großen Maffe der Widerspenstigen noch vermehrt werden müsse und daß 2) Vorkehrungen getroffen werden müßten, um die Häuser zu er­brechen und zu säubern, aus denen heraus Angriffe aus die Polizei erfolgen. Es sollen nun nicht bloß neue Kolonnen von Schutzleuten, sondern auch Feuerwehrleute mit den nötigen Brechinstru­menten herangezogen fein. Dann glaubte man, sich nicht mehr auf die vorüb«gehende Säuberung oet Sttaßen beschränken zu müssen, sondern die Ruhe­störer m ihren Festungen ausheben zu können. In der Tat Haden sie zahllose Mietskasernen zu ihren Festungen gemacht. Aus den verdunkelten Fenstern wird geworfen, gegossen und geschossen; die bedrängten Tumultanten flüchten in die Häuser und schließen die Tür hint« sich ab; wenn die Polizeipatrouille vorbeigezogen ist, kommen sie wieder h«vor, um das alte Spiel von neuem zu beginnen oder gar ben Schutzleuten in den Rücken zu fallen. Bei diesem System reicht bet einfache Durchmarsch von Schutzmannskolonnen nicht mehr aus. Es müssen so viele und so geeignde Polizei­kräfte vorhanden sein, daß in jed« Kampfstraße die Ruhestörer gründlich ausgehoben w«den können. Bezeichnend ist, daß die betreffenben Hausbesitzer — teils aus Verblendung, teils aus Furcht vor b«

* Berlin, 28. Sept. 1910. Heute morgen sah man in Moabit viele Leute mit verbundenen Köpfen her- utnlcnifen. Siele trugen auch ihre Wunden prahlerisch offen zur Schau und schwadronietten, wie sie es den „Bluthunden" ordenlllch gegeben hätten. Die Poli­zei hat die Krankenjournale vettchieden« Nnfallstatio- nen beschlagnahmt, um die Namen verletzter Personen zu erfahren. Die Aerzie protestietten dagegen zwar unt« Berufung auf die Wahrung des ärztlichen Be- rufsgcheimniffes. DaS half aber nichts, eS wurde rin AuSnahmeM konstatiert. Auch die Staatsanwalt­schaft unterzog die Aufruhrgegend ein« genauen Be­sichtigung. ES unterliegt keinem Zweifel, daß gegen die verhafteten Personen Anklage wegen Aufruhrs «hoben toaben wird, worauf schwere Zuchthausstrafe steht.

Recht bezeichnend ist auch, daß tagsüb« Frauen und Kinder eifrig damit beschäftigt waren, die auf ben Straßen Ilegenben Steine auszuh eben unb nach Hause zu tragen. Sie sollen bei neuen nächt­lichen Angriffen auf die Polizei Verwendung finden. Es nutzte wenig, daß die Polizei einzelne der Frauen abführte.

* Berlin, 28. Sept. 1910. Mittwoch vor­mittag gegen 11 Uhr wurde bas Treiben auf ben Sttaßen wied« lebhaft«. Frauen stauben zu Hun- berten mtt ben Kindern auf ben Straßen hemm unb führten erregte Gespräche. Das große Polizeiaufgebot unb die Absperrungen locken beständig mehr Neugie­rige an. In d« Rostockersttaße sind fast sämtliche Glasscheiben in ben Haustüren zerschlagen, bie Holz- süllungen vielfach von Kugeln durchbohrt. Die Ein- wohn« behaupten, daß sie nur vor ben Haustüren ge­standen hätten, als bie Polizei hinzukam. Im Hauptquartier b« Polizei auf ben Lagerplätzen der Firma Kupf« u. Co. sah es am Mittwoch wied« aus wie in einem Kriegslage r. Die Zelte wa­ren in ben Vormittagsstunden noch aufgeschlagen, und in dem Hofe saßen einige hundert Schutzleute an klei­nen Tischen beim Frühstück. Die Polizei glaubt, mit eigen« Kraft die Krawalle unterdrücken zu können, doch wird daS Aufgebot am Mittwoch noch stärker sein als am Dienstag, unb bie Instruktionen lauten äußerst scharf. Es wirb bei bem gering­sten Widerstand unb Angriffen auf bie Polizei sofort von b« Waffe Gebrauch gemacht toaben. Nm An­sammlungen in Moabit möglichst zu vahüten, hat die Polizei angeorbnet, daß alle Schankwirts chaf- ten in dem unruhigen Viertel um 5 Uhr ge- chlofsen waden.

D« Stadt Berlin erwächst ein empfindlich« Scha­den insofern, als viele HauSbesitz« auf Ersatz d« durch die Exzedenten an ihren Häusern angerichteten Schaden klagen wollen. Die Zahl der zerttümmaten Fensterscheiben, Laden und Jalousien ist Legion In wie hohem Maße bie Firmen im Moabit« Stadtvier­tel von den Arbeitern abhängig sind, beweist, daß ein W a r e n ha u 8, von welchem das Gerücht b«breitet war, es habe Schlafdecken für bie Arbeitswilligen ge­liefert, sofort boykottiert wurde. Die Firma wußte sich nicht anders zu helfen, als daß sie demjeni- gen 1000 Mk. Belohnung zusicherte, da ihr ben Ver­breiter bitt« Gerüchte nachwies.

„ ** Balin, 28. Sept. 1910. Zu einem Zwischen- oH kam es nachmittags. Ein Kohlenwagen würbe in

Er sank in einen Sessel, stützte die Sttm in die Hand und schaute düst« vor sich hin.

Da legte Erika bie Hand auf feine Schulter und sprach leise:

„Fritz ich bin gekommen, um Dir zu lielfen — um Dir zur Sette zu stehen."

Er fuhr empor.

„Mtt kann niemand helfen! — Was willst Du von mtt? Geh fort — was tust Du hier? Mein Haus, mein Name ist geächtet, willst Du ben Fluch der Ehr­losen auf Dich laden?"

jrpa" — fagte sie einfach.

ISr juefte jufmunten und sah sie groß und stcnr an.

$ Dich verstehen?" flüsterte er mtt Yen «er Stimme.

Dtt'?ur Dirgekommen", fuhr sie fort, „um bemeH« S? J“ ^1”' unt Dir, um da Welt zu 2tb fo feft nl °? Deine Unschuld, an Deine Ehre an meine an meine eigene Unschuld,

Sn/ 6 Deine Ehre soll meine Ehre

~ ?nd — wenn ich schuldig wäre —?' l^Lr^1?8, '„tote sie bann. „Und Schulden? ° f Deine Schuld meine Da stürzte er vor ihr nieba, umschlang ihre »ni- verhüllte sein Gesicht in bie Falten i^es McMri» und brach in rin heftiges Schluchzen aus ““ Sie legte die Hände auf fein Haupt, tiefes Schweigen herrschte, da sagte die rauhe Stimme der Miß Bayley ernft und feierlich:

„DaS Weib soll Val« unb Mutt« verlassen unb dem Manne anhangen, ben es liebt . . . Du, Erika hast die schwerste Probe bestanden. Du hast' Deine Heimat, Deinen Namen, Dein Leben unb Deinen Ruf bem Männe dargebracht — die Welt wird Dir zürnen, bie SBrit wird Drin« spotten, ab« Du hast recht gehandttt, und deshalb folgte ich Dir, deshalb w«de ich Dich nicht vttlaflen."

Erika reichte ihr mit einem dankbaren Lächeln bie Hanb hinüber. Fritz aber schaute zu Erika empor mit glänzenden Augen und feine zuckenden Lippen fragten:

Es ist ja längst bekannt, daß bie Kürassiere für die heutigen Zwecke der Reiterei höchst ungeeignet sind. Der heutige Kavallerist muß leicht und klein sein, damit er auf flinken Pferden den Feind erkunden £ann: und unt« Umständen mit Gewandtheit auch zu Fuß fechten kann. Hi«zu aber sind die Riesengestalten bet' Kürassiere mit ihren langen Stiefeln auf ihren schweren Artilleriepferden unbrauchbar. Es wird also nur der Kriegstüchtigkeit des Heeres genützt, wenn sie voll»' ständig abgefchasst werden.

All«bings hat man ein Zugeständnis gemacht. Die Gardekürajsiere ro«ben beibehalten.'

-f- Geheimrat Witting, der frühere Ober» bürgermeister von Posen, der seit 8 Jahren Direktor bei der Nationalbank für Deutschland war, wird mit Ende des laufenden Jahres feine Stellung ais Vorstands-Mitglied bei der Bank niederlegen. Wie verlautet, will Geheimrat Witting, der im. Lag« der Nattonalliberalen steht, sich künftig seinen Neigungen auf politischem Gebiete in stär­kerem Maße widmen. Im Jahre 1907/08 ge­hörte er dem Abgeordnetenhause als Mitglied der nationalliberalen Fraktion an, lehnte aber bei den Neuwahlen die Annahme eines Mandates ab.

)( Zur Kronprinzen-Neisc nach Ostasien hat! sich auf Ceylon ein Komitee gebildet, das sich! die Aufgabe gestellt hat, „dem Kronprinzen den! Aufenthalt in Ceylon so angenehm wie möglich! zu machen". Dieses Komitee hat sich bereits Unter-' Komitees für Empfang, Amüsement, Regelung der Finanzsrage, Transport und Touren geschaf­fen. Man wird natürlich den Kronprinzen der­art in Anspruch nehmen, daß er die Möglichkeit gar nicht hat, wirklich etwas zu sehen und zu studieren.

* Ter Erlaß des frühere« kommandierende« Generals v. Biffing über das Verhalten unb ttin- schreiten des Milttärs bei einem etwaigen Aufruhr, der auf dem Magdeburg« Parteitag verlesen wurde/ ist echt. Es hanbett sich, wie dem ,Fränkische»! Goutier' berichtet wird, um eine alte bekannte An­weisung an die Kommandeure für ihr Verhalte« bei Straßenunruhen. Wegen d« Veröffentlichung des Erlasses soll eine Untersuchung eingelettä werden.

X Aus dem Wahlkreise Frankfurt a. O.-LebnS wirb berichtet: Die Stichwahl am Dienstag ist unter Entfaltung eines starken Schlepperdienstes vor sich ge­gangen. Für bie bürgerlichen Parteien waren viel­fach Stubenten tätig, während die Sozialdemokratie mtt zahlreichen, organisatorisch gutgeschulten Kräften aus Berlin arbeitete. Die Automobile waren den gan­zen Tag unterwegs, unb es war interessant, zu sehen, wie selbst auf bem flachen Lande die Selbstfahrer bie Felbarbett« aufsuchten. Diesmal sind selbst Sieche und Kranke an bie Wahlurne gekommen. Noch in letz­ter Stunde holten sowohl die bürgerlichen Parteien, wie die Sozialdemttratie bie Rekonvaleszenten au8 Privatwohnungen und Krankenhäusern zur Urne. Der nationalliberale Abg. Fuhrmann hielt nach der Mtt- teilung des Wahlergebnisses eine Ansprache, in d« « die bürgerlichen Wähl« aufforderte, bei der nächsten Wahl umsomehr auf dem Posten zu sein, damit dies« Wahlkreis ben Sozialvemokraten Kleb« entrissen wer­den könne. Daß hi« ber nationalilbwale Kandidat dem Sozialdemokraten unt«Iegen fei, „ließe manchmal Zweifel darüb« auflommen, ob Bismarck recht hatte, als et dem deutschen Volke das allgemeine, gleiche, ge­heime und dttette Wahlrecht gab." — Die Herren Nationalliberalen können eS anscheinend noch immer nicht lassen, bie Schuld für ihre Mißerfolge in „un­glücklichen Zufällen" anstatt in ihren eigenen Fehlern