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M 222.

MMw«ch de» 28. September VHO.

37. Zahrgang.

* fuldaer M Zeitung *

2. Blatt.

Druck und Verlag der zvldaer Aetlendruckerü in zulda.

+ Die Wahlen -er KuaPPschafts- ältesten

«mRuhrrevier haben, wie schon kurz gemeldet, dem sozialdemokrat. Bergarbeiterverbande einen großen Erfolg gebracht. Non seinen Kandidaten wurden 298 gewählt, während der Gewerkverein christlicher Bergarbeiter nur 83 durchbrachte. Immerhin aber hat der Gewerkverein seine Stimmenzahl um rund 10000 gegenüber der letzten Wahl von 1904 ver­mehren können.

Das für den christlichen Gewerkverein un­günstige Resultat ist neben einer skrupellosen Hetze seitens des sozialdemokratischen Verbandes zum großen Teile darauf zurückzuführen, daß die anderen Bergarbeiterorganisationen sich ziemlich geschlossen ihm gegenüber gestellt haben. Insbesondere die polnischen Bergarbeiter sind saft restlos gegen den Gewerkverein für die Sozialdemokraten eingetreten. Sehr zu beklagen ist, daß zahlreiche Mitglieder der evangelischen Vereine entgegen der Wahlparole für die sozialdemokratischen Kandidaten gestimmt haben. In den Kreisen des Gewerkvereins ist man von dem Resultat der Wahlen nicht überrascht. Die sozialdemokratische Presse sucht cs so darzustellen, als ob die Knappschaftsälteftenwahl gleichsam eine Vorentscheidung für die nächsten Reichstagswahlen bedeute. Das ist unrichtig. Dafür liegen die Dinge doch allzu verschieden.

Aus dem Ruhrerevier wird uns hierzu noch ge­schrieben: Der Sozialdemokratie ist die ganze Flut der Demagogie, die seit den Tagen der Finanzreform, i>erstarkt durch die konfessionelle Verhetzung, die Volks- nafsen bewegt, zu Hilfe gekommen. Sie fand Bun­desgenossen bei allen Gegnern des christlichen Ge­werkvereins, der sich einem fest geschloffenen Angrif: seitens aller anderen Organisationen ausgesetzt sah. Der christliche Gewerkverein fand nur Unterstützung bei den konfessionellen Vereinen, aber auch hier in un­genügendem Maße. Besonders die evangelischen Vereine haben größtenteils vollständig versagt, eine Folgewirbmg der Verdächtigungen des christlichen Gewerkvereins als „Zentrumsgewerkschaft* und der konfessionellen Verhetzungen. Nimmt man hinzu, daß das im Ruhrrevier zahlreiche zu gewanderte und aus­ständische Element von vornherein eine leichte Beute des sozialdemokratischen Radikalismus ist, so ist der Sieg des alten Verbandes nicht weiter verwunderlich. Wenn trotz aller dieser günstigen Umstände die Stim­menzahl für die sozialdemokratischen Kandidaten nur knapp ein Viertel der Gesamtbelegschaft beträgt, so ist das ein nicht allzu riesiger Erfolg, wenn dagegen der christliche Gewerkverein trotz aller ungünstigen Ver­hältnisse, unter denen noch besonders hervorzuheben ist. daß zum erstenmal die Invaliden, die in der Mehr­zahl dem christlichen Verbände ihre Stimmen gaben, nicht mitwählen dursten, seine Stimmenzahl um 10 000 vermehren konnte, so ist das ein durchaus er­mutigender Erfolg.

Wenn die sozialdemokratische Presse das Resultat der Wahlen als eine Vorentscheidung für die nächsten Reichstagswahlen anfleht, so dürfte sie doch auf dem Holzwege sein. Ein großer Teil der jetzt für die Sozialdemokratie abgegebenen Stim­men kommt für die politischen Wahlen gar nicht in Betracht, vor allem nicht die Stimmen der Ausländer. Dagegen sind die Reichstagswähler, welche jetzt nicht beteiligt waren, in ihrer großen Mehrheit als Geg- ner der Sozialdemokratie anzusehen. Und bet eif­riger Arbeit sind gewiß auch noch manche, die jetzt zum Teil aus persönlichen Gründen für die Kandi­daten des alten Verbandes gestimmt haben, für die bürgerliche Sache zurückzugewinnen. Die unehrliche, vor den schmutzigsten Hilfsmitteln nicht zurückschre­ckende Agitation der Genossen hat in den Reihen der Anhänger des christlichen Verbandes eine ungeheure Empörung hervorgerufen, welche die Genossen bei den Reichstagswahlen voraussichtlich recht unlieb­sam zu spüren bekommen werden. Man ist hier ent­schlossen, um jeden Preis die sozialdemokratischen Reichstagskandidaten, vor allem den Führer Hus zu Fall zu bringen. Es erscheint uns nicht ausgeschlossen, daß bei klugem Vorgehen und insbesondere bei einer günstigen Kandidatenwahl die Liberalen der Sozial­demokratie die Reichstagsmandate, die diese im Ruhr­revier besitzt, entreißen können.

Ein besonderes Wort erfordert noch die Hal­tung der Polen bei den Knappschastswahlen. Die polnische Berufsvereinigung hat überall, teils di­

rekt, teils indirekt durch Zersplitterung der dem alten Verbände gegenüberstchenden Stimmen die sozial­demokratischen Kandidaten unterstützt. Es macht sich infolgedessen in den Kreisen der christ­lichen Bergleute eine außerordentliche Erbitterung gegen die Radikalen bemerkbar. Man fordert, daß die besonneneren Führer der Polen die radikalen Füh­rer im Westen veranlassen, in andere Bahnen zu len­ken, wenn nicht ernste Konflikte entstehen sollen. Nach unserer Ueberzeugung ist es dazu bereits zu spät. Selbst wenn die Führer es wollten, würden die Mas­sen ihnen die Gefolgschaft versagen. Das Gros der polnisch en Bergarbeiterbevölkerung im Ruhrrevier ist heute schon unrettbar der Sozialdemokratie ausgeliefert.

Deutscher Reich.

s Die Reichstagskommission für die Reichsversiche­rungsordnung beschäftigte sich in den letzten Beratun­gen mit der Wahl der Mitglieder der llnfallberufsge- nossenschasts-Körperschaften. Weiter beschäftigte man sich mit einem Versuch der Regierung, den Kurs der Reichs- und Staatspapiere auf Umwegen zu heben. § 710 bestimmt, daß die Verufsgenossenschaften min­destens ein Viertel ihres Vermögens in Anleihen des Reichs oder der Bundesstaaten anzulegen haben. Von Zentrumsseite werden dagegen Bedenken erhoben. Ein Regierungskommisiar legt dar, daß diese Bestimmung nicht allein im Interesse des Staates, sondern der ganzen Volkswirtschaft liege. Staatssekretär Delbrück weist darauf hin, daß die Verufsgenossenschaften jetzt schon in viel höherem Maße ihr Vermögen in Staats­papieren angelegt haben. In längeren Ausführungen widerlegt der Staatssekretär sodann den Einwand von sozialdemokratischer Seite, als ob der Kurs der Staats­papiere durch die schlechte Finanzwirtschaft des Reichs bedingt sei. Der Antrag wurde schließlich mit 14 ge­gen 12 Stimmen angenommen. — Staatssekretär Del­brück gab im Laufe dieser Beratung die Erklärung ab, die Regierung lege den größten Wert daraus, daß die Reichsversicherungsordnung noch in dieser Tagung verabschiedet werde und zwar nicht in einzelnen Teilen, sondern als Ganzes.

* Kurze Randglossen zum sozialdemokratischen Par­teitage werden der „Kreuzztg." von einem Freunde des Blattes, der den Verhandlungen des Parteitages bei­gewohnt hat, übermittelt. Die treffenden Beobachtun­gen werden auch unsere Leser interessieren. Die Zu­schrift lautet: „Ueber der Eingangspforte des Luisen- pmcks prangte auf glühendem Rot die Inschrift „Pro­letarier aller Länder, vereinigt Euch* . . . Die diesem Rufe Folge leisteten, waren al les andere als Proletarier, es waren Anwälte, Schriftsteller, Ge- werkschaftssekretäre, Rentiers, Buchdruckereibesitzer, dar­unter zahlreiche Juden; fast nur auf den Zuhörertribü­nen sah man hier und da einen wirklichen Arbeiter. Im Namen des „klassenbewußten Proletariats* ver­langte man den Umsturz der bestehenden Gesellschafts­ordnung und . . . wohnte in den erst en Hotels, speiste in den besten Restaurants, fuhr in Droschken zum Patteitag und machte einen Vergnügungsausflug nach dem Harz. Auf der Vorstandstribüne prangten die Büsten von Marx und Lassalle... und hier und da hotte man wohl noch fast verschämt Worte wie Zu­kunftsstaat und evolutionistische Geschichtstheorien, aber aus allen Reden — und ihrer waren ungezählte — klang es heraus, daß man an die Ideale frühe­rer Tage nicht mehr glaubt, daß man nur unter allen Umständen zur Macht gelangen will über die Trümmer der Monarchie und des verhaßten Preußens hinweg, ohne sich irgend welchen Illusionen über die Zukunft der Arbeiterklasse hinzugeben. Man predigte den Massenstreik, die Abschaffung des König­tums, den Umsturz, die Vernichtung des preußischen Staates . . . und man entrüstete sich gleichzeitg aufs schärfste darüber, daß dieser befehdete Preußenstaat sich zum Kampf um seine Existenz rüstet und einen Ver­teidigungsplan entwirft gegen revolutionäre Erheb­ungen.*

Ausland.

** Ein Wiener „Korruptionsprozeß". Der Wie­ner Freisinn ist wieder einmal blamiert. Ms wenige Tage nach dem Tode Luegers der in seinem Ehrgeiz gekränkte Stadttat Hraba eine gegen d i e christ- lich-soziale P a r.te i gerichtete Rede hielt setzte man darauf im gegnerischen Lager große Hoffnungen

Bald aber zog Hraba seine Pauschalverdächtigungen gegen die Partei zurück und hielt nur noch Anwürfe gegen die Abgg. Biehlolawek und Axmann aufrecht. Letzterer schied im Juni d. I. aus der Partei aus; er hatte vor Jahren einen Verwaltungsfonds für Wahlzwecke verbraucht, den Schaden aber längst gut ge­macht, sodaß er nicht nur strafgesetzlich, sondern wohl auch moralisch kaum besonders streng zu beurteilen ist. Anders Biehlolawek. Dieser, ein Wiener von beneidenswerter Urwüchsigkeit, nahm den Kampf mit Nachdruck auf, und als am 6. August d. Js. im Wäh­lerverein „Zukunft*, einem Sammelpunkt christl.-sozia- ler Eigenbrödler, ein gewisser Herr Zipperer, von Hraba inspiriert, konkretere Anschuldigungen gegen Biehlolawek vorbrachte, reichte dieser die Ehrenbeleidi­gungsklage ein, welche in den' letzten Tagen einen spannenden Sensationsprozeß ins Rollen brachte. Als der Verteidiger Zipperers die Führung des Wahrheitsbeweises skizzierte, waren die darin ent­haltenen Anschuldigungen gegen Bielolawek so reich­haltig und eingehend, daß selbst wetterfeste Patteige­nossen stutzig wurden. Man warf dem Kläger unter Aufzählung zahlreicher Einzelfälle vor, daß er Per­sonen, die sich um Lieferungen für Stadt und Land bewarben, zu Jnserierringen in seinem Organe, der „Volkspresse*, veranlaßte und sich auf diesem unge­hörigen Wege bereicherte; daß er nicht seine ganzen Bezüge zur Einkommensteuer cm gab, daß er sich für die Verschaffung von Beamten- und Dienerposten Pro­visionen ausbezahlen ließ; daß er seinen Einfluß im Stadttat stets nach der Richtung hin geltend machte, von der ihm materielle Vorteile winkten; daß er auf öffentliche Kosten sich einen Dienstwagen gehalten, Le­bensmittel bezogen hatte usw. Man sieht, ein reich­haltiges Klagcmenü! Nach sechstägiger Verhandlung wurde das Urteil gefällt. Zipperer wurde schuldig befunden der Beleidigung und zu vierzehn Tagen strengen Arrests, verschärft durch einen Fasttag in jeder Woche, und zum Ersätze der Prozeßkosten ver­urteilt. Das Charakteristischste an der Urteilsbe­gründung ist die Annahme des Milderungsgrundes, daß der Angeklagte seine Anwürfe auf die von Stadt­rat Hraba aufrecht erhaltenen Anschuldigungen ge­stützt habe, wahrend dieser Kronzeuge in der Ver­handlung vollständig versagte. So war es auch in der Tat. Jeder Beweisantrag wurde mit viel Ge­räusch aufs Tapet gebracht, zerplatzte aber später unter schärferer Zeugenbeleuchtung wie eine Seifenblase. Dieser „Biehlolawekprozeß* ist ein Symptom für die innere Stärke der christlich-sozialen Partei, welche die nach dem Tode Luegers mobil gewordenen inneren Feinde, an ihrer Spitze Hraba, zu Boden schmettert, und mit den ihr vom Wiener Freisinn mit naiver Be­triebsamkeit angedichtene Alterserscheinungen gar nichts zu tun hat.

Tagung des Evangelischen Bundes.

C. Chemnitz, 25. Sept. 1910.

Chemnitz ist festlich geschmückt; in den Straßen wogen dichte Menschenmassen; sie eilen der Stätte zu, auf der der Evangel. Bund die von gegnerischer Seite bereits tot gehetzte Borromäus-Enzyklika noch einmal für seinen Kampf gegen den Katholizismus ausbeuten will. Was bündlerischer Fanatismus zu der Enzyklika sagen konnte, ist bereits längst gesagt, und wenn er trotz­dem die Enzyklika in den Mittelpunkt der diesjährigen Generalversammlung stellt, so erbringt er damit den Beweis, daß es sich ffür ihn dabei nicht um eine Stellungnahme zu der päpstlichen Kundgebung handelt, sondern lediglich um eine weitere konfessionelle Ver­hetzung. Eingeleitet wurde die Tagung am Sonntag Abend durch Festgottesdienste, die in mehreren >Kircheu abgehalten wurden. Die Begrüßungs- neier begann um 8 Uhr abends. Zu derselben hatte sich eine stattliche Menschenmenge eingefunden. Nach gemeinschaftlichem Gesang begrüßte Pfarrer Dr. Költzsch die Versammlung. Er feierte Sachsen als Hort des Protestantismus und des Deutschtums. Wenn er den Kampf des Atheismus als eine Aufgabe des Evangelischen Bundes bezeichnete, so möchten wir nicht zum geringsten im Interesse der evangelischen Kirche wünschen, daß diese Tätigkeit des Bundes nach außen hin mehr in die Erscheinung träte. Zum Schluß seiner Ansprache verlieh er feiner besonderen Freude darüber Ausdruck, daß das sächsische Kultusministerium sowie zum ersten Male der deutsch-evangelische Kirchenaus­schuß vertreten sei. Von den Begrüßungsansprachen der Behörden berührten sympathisch die Worte des Präsidenten des Landeskonststoriums, Dr. Böhme, broie des Oberbürgermeisters Dr. Sturm-Chemnitz. Während letzterer hervorhob, daß das Verhältnis

zwischen Protestanten und Katholiken in Chemnitz fried­lich und gut sei, verlieh Dr. Böhme der Liebe bei sächsischen Protestanten zu ihrem katholischen König Ausdruck, der den konfessionellen Frieden wolle und unter dem die protestantische Kirche sich voll entfalten könne. Weniger friedliebend waren die Worte des Chemnitzer Superintendenten Dr. Hoffmann, der den Katholizismus so ziemlich als Lüge, Heuchelei, jesuitische List und Tücke charakterisierte und der Kon­servativen protestantischen Konfession den unverblümten Vorwurf machte, daß sie gegen die Enzyklika nicht genug gewettert halten. Wenn der nachfolgende Ver­treter des Evangelisch-sozialen Kongresses, Herz meinte, daß der Kongreß, der das zerklüftete Volk im konfessionellen Frieden einen wolle, dasselbe Ziel ver­folge, wie der Evangelische Bund, so verkennt er die Biete des Evangelischen Bundes ganz gewaltig. Ein Vertreter des österreichischen Evangelischen Bundes, Kappus, beglückwünschte das sächsische Volk, daß es einen protestantischen Kaiser habe und einen katholische»! König, der die Ehre feiner protestantischen Ahnen „zit verteidigen" wisse. Die Los von Rom-Bewegung in Oesterreich wolle nicht protestantisieren, sondern ihr Ziel sei einzig, die Katholiken romfrei zu machen, gleichgültig ob sie freireligiös ober protestantisch wer- bett. Unb wir haben gute Hoffnung; es kann bet uns aüch ein Reformator Dank der Vorsehung Gottes kommen, hat er uns doch erst neulich den „großen Bundesgenossen* in Rom gesandt. Dieser geistlose Witz ruft lebhaften Beifall hervor. Seitens des Zen- tralvorstandes wurde durch Dr. Wach Iler-Halle dem Kirchenausschuß der besondere Dank dafür ausge- sprachen, daß er zum erftenmaie sich vertreten lasse und sich dem Bund als Bundesgenossen zur Seite stelle. Gegenüber bett österreichischen Rednern hob unter großem Beifall der Versammlung der Redner hervor, baß ihm wohl sehr baran gelegen sei, daß die von Rom sich absplitternden Katholiken in Oesterreich Evangelische würden. Als letzter Redner sprach Dr. Meyer. Nachdem auch er getadelt, daß nicht alle Protestanten an dem Protest gegen Rom in ge­bührender Weise teilgenommen hätten, pries er die Er­folge der Protestbewegung und erlaubte sich den Scherz, zu 'behaupten, daß der Bund nicht die Polemik gegen Rom an erste Stelle setze, sondern die Festigung des Volkes im Protestantismus.

C. Chemnitz, 27. Sept. 1910.

In der gestrigen ersten Mitgliederversamm­lung sprach Sie. Everling, der Direktor des Evan­gelischen Bundes, über das Thema „Zur Zeitlage und Jahresarbeit*. Das klingt ganz harmlos; wer aber erwartet hatte, daß der Referent ein um­fassendes Bild von den gegenwärtigen Zeitströmungen gäbe unb bie Aufgaben roürbige, bie aus ihnen für bett Bunb zur Wahrung deutsch-protestantischer In­teressen erwachsen, sah sich getäuscht; wer dagegen auf eine Kanonade gegen Rom, Katholizismus und Zentrum gehofft hatte, kam auf feine Kosten, denn obwohl Herr Everling den Radikalismus, die Gottesleugnung und den Nltramontanismus als die Feinde bezeichnete, ge­gen die der Bund den Kampf zu führen habe, zog et es vor, sich lediglich mit dem letzteren zu befassen. Das liegt ja auch dem Bunb und speziell Herrn Ever­ling naher. Wir müssen barauf verzichten, all die Kraftworte und tiefsinnigen Witze wiederzugeben, mit denen er sein dankbares Publikum unterhielt. Das Niveau seines Vortrages wird gekennzeichnet durch seine geistreiche Bemerkung, daß das deutsche Volk im Reichstag bereits zwei „Spähne* habe und der Reichs­tag bald zu einem „Spahnien* werde. Ein guter Witz wirkt auch in einem ernsten Vortrag, aber wenn sich dem Hörer die Sucht ausdrangt, auf Kosten Anderer zu witzeln und die Lachmuskeln der Hörer anzuregen, so wirkt das widerwärtig, unb biefe Empfindung haben wir während des Vortrages gehabt. Von der Versammlung natürlich wurde sie nicht geteilt. Man lachte recht wacker und dadurch bekam das Ganze einen etwas humoristischen Anstrich. Frappiert hat uns die Entdeckung des Herrn Everling, daß die Enzyklika-Angelegenheit ein grelles Licht auf die Tat­sache geworfen habe, daß das Zentrum mit vermehrter Stoßkraft die konfessionelle Frage auf das politische Gebiet hinüberspiele. Es bleibt fein Geheimnis, worauf er diese Behauptung stützt. Sehr eingehend beschäftigte sich der Redner mit dem Augsburger Katholikentag und seinem Präsidenten, Oberlanbesgerichtsrat Marx. Er scheint sich aus sehr fragrourbigen Quellen in­formiert zu haben, wenn er behauptete, baß man in Augsburg ben konfessionellen Ftteben gestört habe, hat doch der erzliberale protestantische zweite Augsburger Bürgermeister auf dem Festmahl ausdrücklich anerkannt, daß der Katholikentag, freu seiner Tradition, die Ge­fühle Andersgläubiger nicht verletzt habe. Im weiteren beschäftigte sich Herr Everling mit dem Toleranzantrag des Zentrums. Er verstand es, ein geringschätziges Lächeln über diesen Antrag bei seinen Zuhörern zu erwirken. Uns fielen hierbei die Worte ein, die am Sonntag abend in Chemnitz gesprochen wurden, daß nämlich die evangelische Kirche sich in Sachsen un­gehindert entfallen könne. Die Schaffung eines der-

Um Ehre uni» Recht.

29] Roman von O. Elster.

Dieser wich zurück.

»Es ist gut", sprach er mit vor Wut zitternder Stimme, „ich bitt gegen Sie wehrlos — aber hüten Sie sich."

Er erhob drohend die Hand und entfernte sich «sch.

Erika sank auf die Bank nieder und schlug auf­schluchzend die Hände vor das Gesicht. Ihre Brust wogte ungestüm, sie befand sich in einer grenzenlosen Erregung, fo daß sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. Nur das wußte sie, daß sie nicht länger hier bleiben konnte, sie mußte fort, einerlei wohin, nur fort von hier, wo man sie ungestraft beleidigen durfte und wo die elendeste Verleumdung ihre Triumphe feierte.

Da knirschte ein rascher Schritt auf dem Kies des Weges. Ein seidenes Kleid rauschte — ihre Mutter stand vor Erika, die Röte des Zornes und der Er­regung auf der Stint.

„Ist es wahr, Erika, was mir soeben Stanislaus erzählt hat?* fragte sie, und ihre Augen schossen zor­nige Blitze.

Erika erhob sich. Mit Gewalt unterdrückte sie den Nturm ihres Innern und ruhig erscheinend fragte sie:

„Was hat Dir Herr von Prokowsky erzählt? Seine Worte sind meistens Lügen.*

»Hast Du ihn geschlagen?*

„Ja.* _

\ ~ Weil er um Dich geworbm hat?* • r" weshalb, Mutter, fandern weil er einen Unschuldigen verleumdete und mich beleidigte.*

.Einen Unschuldigen verleumdete?* lachte die Ba- xomn auf.

„3a, et beschuldigte Fritz Vom eines Diebstahls *

„Und wenn ich Dir sage, daß Born den Diebstahl begangen hat?* 1 v

.So würde ich Dir nicht glauben, Mutter.' . .Dein Trotz ist grenzenlos! Ich, Deine Mutter,

sage Dir, daß Born ein elender Dieb ist — er hat meine kostbare Brillantagraffe gestohlen, um seine Spielschulden zu bezahlen.*

„Das ist nicht wahr, Mutter*

.Du zechst mich der Lüge, der Verleumdung?*

„Nein, nur des Irrtums."

„Es ist kein Irrtum — und ich werde es Dir be- treifen. Solange habe ich geschwiegen — nur einigen vertrauten Freundinnen habe ich es erzählt.*

„Mutter, das hast Du getan?!*

„Ja.*

„Und weißt Tu, was Du getan hast? — Eines ehrlichen Mannes Namen verunglimpft, eines Ehren- manneS Ehre in den Schmutz gezogen — ach, Mutter, Mutter, was hast Du getan?"

Aufschluchzend verhüllte sie ihr Gesicht in die Hande.

c eine Närrin*, brauste die Baronin wieder habe geschwiegen aus Schonung für ihn nen auch Stanislaus zum Schwei-

letzt ist ober meine Geduld zu Ende, Sb ? ’Ä. d-nDiebstahl der Behörde anzeigend s ! '■ ?4 -r$u Verblendete für unschuldig hälft, dem Gericht überantworten." V

Erika fuhr auf.

.Das wirst Du nicht tun, Mutter!"

„Ich werde es tun."

.Ich bitte Dich, es nicht zu tun — ich bitte Tick Deinen unwürdigen Verdacht fallen zu lassen — ick bitte Dich Dich mit Born in Verbindung zu setzen dann wird sich alles aufklaren."

Die Baronin lachte spöttisch auf.

„Vor Gericht mag er seine Unschuld beweisen wenn er es vermag.* '

„Mutter, Du weißt nicht, was Du tun willst* sagte Erika in furchtbarer Erregung, und trat dicht an ihre Mutter heran. „Seine Ehre ist meine Ehre — willst Du seine Ehre vernichten, vernichtest Du auch die meinige."

„Welche Worte!*

„Ich warne Dich, Mutter. So wahr ich unschul­dig Bin, so wahr ich Dir schuldfrei und rein ins Auge sehen kann, so unschuldig und rein ist Fritz Born.

Willst Du ihn vernichten, vernichtest Tu Deine Toch­ter mit."

„Du bist wahnsinnig!"

„Stellst Du mir auch die schamlose Bedingung jenes Elenden, um Fritz, den angeblich Schuldigen, zu retten?"

„Das fei ferne von mir. Aber ich stelle die Be­dingung, daß Du jeder Verbindung mit ihm entsagst."

„Ich verspreche es Dir, wenn Du seine Ehre wie­der herstellst.*

„Das liegt nicht in meiner Macht."

„Du kannst Deinen Irrtum eingestehen — kannst öffentlich Dein Bedauern über den Irrtum ausspre­chen."

„Es ist kein Irrtum."

„Du hälft ihn für einen Dieb?"

„Ja."

„Du willst feine Ehre nicht wieder Herstellen?* „Er selbst mag es tun, wenn er es vermag.* „Du willst ihn vor Gericht ziehen?*

„Ja . . .*

„Nun, fo stehe Gott mir bei, Mutter, dann muß ich seine Ehre verteidigen, seine Ehre retten*, sprach Erika und richtete sich stolz und groß empor.

„Was willst Du tim, Mädchen?*

„Morgen wirft Du es erfahren. Ich gebe Dir bis heute abend Bedenkzeit; beharrst Du dann noch auf Deinem unsinnigen Entschluß, bann mußt Du die Folgen tragen.*

„Du wagst mir zu drohen?*

„Ich drohe Dir nicht", entgegnete Erika mit einer Ruhe, die groß abstach gegen die zornige Erregung bei Baronin. „Ich mache Dich nur auf die Folgen aufmerksam, die Dein Vorgehen gegen einen vollkom­men Unschuldigen nach sich ziehen muß. Du willst die Ehre des Mannes vernichten, ben ich von ganzem Herzen liebe, unb dessen Ehre meine Ehre ist — ich habe die Pflicht, diese unsere Ehre zu verteidigen, selbst gegen Dich, meine Mutter."

„Ich weiß nicht mehr, was ich von Dir denken soll, Du bist ja vollständig wahnsinnig! Du liebst diesen Menschen?*

„Ja — ich liebe ihn und werde niemals von ihm lassen. Mein Vater selbst hat in seiner Sterbestunde diese meine Liebe gesegnet und es mir zur Pflicht ge­macht, Fritz Borns Ehre zu schützen, die ein elender Verleumder besudelt hatte. Ich bitte Dich nochmals, Mutter, laß ab von Deinem Vorhaben."

„Schweig!" brach jetzt aber die Baronin auß>r sich los. „Ich will von Deinem törichten Geschwc tz nichts mehr hören. Was ich zu tun habe, weiß ich selbst. Du, ein unerfahrenes Kind, brauchst mir keine Vorschriften zu machen. Ich würde jetzt auch mein m Entschluß ausführen, selbst wenn Deine Ehre mit auf dem Spiel stände , , ."

„Mutter!"

„Ja — und ich glaube fast, das dem fo ist. Du hast mich belogen und betrogen — Deine großen Worte können Dir nicht helfen. Ich werde durchgrei­fen, darauf kannst Du Dich verlassen, und all diesen Lug unb Trug aufdecken. Es soll wieder rein t» meinem Hause werden."

„Dann schicke jene Menschen fort, die Unschuldige verleumden und Dich belügen und Deine Toaster be­leidigen."

„Schweig! Kein Wart mehr! Geh auf Dein Ziw.mer und warte ab, toi» ich über Dich beschlossen habe. Das Weitere geht Dich nichts an. Geh!"

„Du willst es nicht anders, Mutter, ich lehne jede Veranlwlnung für öle Folgen Deines Tuns ab", fprach E:ika ruhig, neigte das Haupt wie zu einem leichten Abschiedsgruße unb schritt davon, mcht als eine Besiegte, sondern als Siegerin.

In der Abenddämmerung war es, als sie in Be­gleitung der Miß Bahley das elterliche .Haus verließ und den Weg durch die Felder und Wiesen nach dem benachbarten Neuhof einschlug.

Niemand als die alte treue Miß Bahley Begleitete fte, niemand folgte ihr, von niemandem hatte sie Ab­schied genommen - fo schritt sie hinaus in ben buntdnben, nebelersüllten Abend zum Kampf für di« Ehre des geliebten Mannes.

(Fortsetzung folgt.)