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».WKW«, wochenbeitage: Illustrierte Sonntagrzeitung"
37. Jahrgang
Fulda, Dienstag den 27. September 1910
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ner Phantasie, meiner Unerfahrenheit. Ich ersuche j Sie, mich vorüber zu taffen.* »
Anirlgen: Vie ein- fpaltigepetitzeileoder deren »an« \5 Pfg. ReNamendrepetitzeile Pfg., bei wieder- qoiungen wird entspr.
Rabatt gewährt.
Lotationrdrnckuud Verlag der LuldaerAk- tiendruckerei in Zulda Zernsprecher Nr. 9.
»Fräulein Erika — haben Sie die erste Zeit uns», reg Zusammenlebens vergessen? Die herrlichen Nacht- stunden, in denen Ihnen meine Geige klagen und singen durste, was in meinem Herzen vorging? Gibt mir diese Zett nicht daZ Recht, zu Ihnen zu sprechen?'
Eine helle Glut überflammte Erikas Wangen, um dann einer tiefen Blässe Platz zu machen.
„Nein', sagte Erika scharf, „sie gibt Ihnen nicht das Recht — denn jene Zeit war eine Verirrung mei-
"NiemalS', wiederholte Erika fest und stolz. „Und dcmüt Sie sich weiterhin keiner betrügerischen Hoffnung hingeben, so sage ich Ihnen, daß ich Sie verachte.'
„Fräulein Erika?!'
„Daß ich Sie verachte, seit dem Augenblick, wo Sie" durch elende Verleumdung einen braven Menschen bei meinem Vater verschwärzten und sich durch erbärmliche Schmeicheleien die Gunst meiner Mutter zu erschleichen wußten. Und jetzt ersuche ich Sie nochmals, mich vorüber zu lassen."
Stanislaus war leichenblaß geworden, als ihm Erika diese Schmähungen in vollem Zorn entgegenschleuderte. Seine sonst so sanften, schläfrigen Augen blitzten auf und mit raschem heftigem Griff erfaßte er Erika? Handgelenk.
„Das sollen Sie mir büßen', knirschte er zwischen den Zähnen, „Sie und jener Slenbe, mit dem Sie die nächüichen ZusammeMnste im Park hatten. Me
wahren Tobsuchtsanfall aus:
Noch lärmt und sperrt nicht die Pro zession in unseren Straßen, aber lange wird's gewiß nicht mehr dauern, dann hängt in Berlin der Geßlerhut der PäpstlingeamKönigsplatz und vor dem Zeughause. Und die monarchischen nationalen Konservativen? Arm in Arm mit der Römerbande!
In diesem Ton geht das Machwerk weiter. In einem Artikel „Dir katholische Kirche im Urteil unserer tiefsten Denker" bringt der bekannte Professor Dr. Ludwig G u r l i t t, ebenfalls einen Feuerbrand auf den Scheiterhaufen, den Herr Schwaner für alles Katholische zu errichten sucht. Die katholische Kirche wird in diesem Artikel folgendermaßen beschimpft:!
Der Glaube, wie chn die katholische Kirche tyrannisch vorschreibt, gleicht einem uralten, verwitterten Gebäude, darin der Schwamm und alter Moder zerstörend weiterfressen, darin der Wurm das Gebälk zernagte, darin die Fledermäuse und Eulen, Rallen und Schwaben und Wanzen ihr nächtliches Unwesen treiben.
Ist das nicht eine grobe Beschimpfung der kaiho- lischen Kirche? Besonders aber muß ein Gedicht „Die Heimsuchung Wilhelm Emanuels", das von einem Freimaurer im Jahre 1874 in der Hitze des Kulturkampfes verfaßt wurde, nicht nur bei jedem Katholiken, sondern bei jedem halbwegs anständigen Menschen Empörung Hervorrufen. In dieser Sudelet wird der verstorbene Bischof Wilhelm Emanuel Freiherr von Kettel er in der unflätigsten Weise beschimpft, ein Mann, dem selbst die ausgesprochenen Feinde der Kirche bisher ihre Achtung nicht versagt haben, ein Mann, der um das deutsche Vaterland schon infolge seiner sozialen Wirksamkeit sich die größten Verdienste erworben hat. Ein weiterer Artikel: „Weiteres aus der römischen Sudelbude", ebenfalls von Wilhelm Schwaner, zeigt schon durch seine Ueberschrist, wes Geistes Kind er ist. Und ein solches Blatt wagt man an katholische Abiturienten eines katholischen Lehrerseminars zu senden I Das ist doch eine unerhörte Beleidigung der Schüler, wofür Herr Schwaner vor Gericht zur Rechenschaft gezogen zu werden .verdient, wie auch seine Beschimpsimgen der katholi-
haben.
)( Die nationalliberal-sozialdemokratische Verbrüderung zur Eroberung des Ruhrreviers wird in Dortmund in ein sehr eigenartiges Licht gerückt. Die dortige sozialdemokratische Parteiorganisation veröffentlicht ihren Kassenbericht nicht mehr. Die Genossen wollen damit vertnschen, so wird in eingeweihten Kreisen versichert, daß die Nationalliberalen bei der letzten Stadtverordnetenwahl die gemeinsamen Kriegsko sten gezahlt haben. — Hoffentlich äußert sich die sozialdemokratische Presse darüber recht deutlich. Eine „Arbeiter'-Partei, die von den nationallibc- reilen Großunternehmern ausgehalten wird, das ist nicht übel.
* Ein neuer Hofgänger ist in Baden entdeckt worden, der, allen Verboten zum Trotz, die Gratulationscour der Bürgermeister beim Großherzog mitgemacht hat. Der verstockte Sünder ist der sozialdemokratische Bürgermeister von Hagsfeld, Genosse Wurm. Wurm erklärt gelassen, die Wahrung der Interessen seiner Gemeinde hätte ihn bestimmt, sich von dem Empfang der Bürgermeister der kleinen Gemeinden Badens durch den Großheczog nicht auszuschließen. — Unglücks-Wurm, tote werden sie mit dir umgehen! Wie werden sie mit zwei anderen inzwischen ermittelten beinahe „Hofgänger" gewordenen „Genossen" umgehern, den beiden badischen Abgg. Pfeiffle unb Geiß, die wegen der Teilnahme am Parteitag nicht bei der Huldigung an den Groß
gen dieses Haus verlasse, weiß ich nicht, wovon ich mein Leben fristen soll. Ich habe ja nichts gelernt, als ein bischen Englisch und Französisch plappern und das Klavier bearbeiten. Darauf läßt sich kein Leben aufbauen. Wie beneide ich die Mädchen, die einen Beruf aussüllen können.'
Ihr Blick schweifte ernst und träumerisch über den Beinen See, auf dem einige Schwäne still und sonst auf und nieder ruderten, zuweilen die schlanken Halse in das kühle Wasser tauchend, dann wieder nahe zu Erika heranschwimmend und mit erwartungsvollen Blicken zu ihr aufschauend, ob sie ihnen nicht ein Stückchen Brot zuwerfen würde.
„Ihr seid auch zu nichts nütze, als auf und nieder zu schwimmen', sagte Erika laut. „Gerade wie wir, die wir keine andere Aufgabe haben, als gequält durch das Leden zu gehen.'
„Sie tim sich bitter unrecht, Fräulein Erika', sprach eine männliche Stimme hinter ihr, und als sie sich leicht erschreckt umwandte, stand Stanislaus vor sm, das sanfteste und süßeste Lächeln, das ihm zu Gebote stand, auf dem Gesicht.
„Sie hoben den Lauscher gespielt, Herr von Pro- kowsky', sagte sie mit einem verächüichen Achselzucken unb erhob sich, um in das Schloß zu gehen.
Doch Stanislaus vertrat ihr den Weg.
„Ich bitte Sie, Fräulein Erika, bleiben Sie! Mit SeWucht habe ich den Augenblick herbeigewünscht, wo ich allein mit Ihnen sprechen kann.'
„Ich wüßte nicht, was Sie mir allein zu sagen hätten.'
Welt soll es erfahren, wer Ihr Geliebter war und noch ist . . . daß Sie schamlos genug sind, den Mann zu Heben, der Ihre Mutter bestohlen hat.'
Sie schrie auf und entriß ihm mit einer heftigen Bewegung ihre Hand.
„Sie lügen" — stieß Sie hervor. „Niemand wird Ihnen glauben."
„Alle Welt wird mir glauben — schon ruht der Fluch der Unehrlichkeit auf Ihrem Geliebten — schon schwebt die Anklage des Diebstahls über seinem Haupte — er ist verloren — nur Sie können ihn retten"
Fassungslos starrte ihn Erika an.
„Ich verstehe kein Wort von dem, was Sie sagen", stammelte sie.
„Dann will ich deutlich« sprechen", ftihr er ruhiger fort.
„Jener Mann, mit dem Sie im Parke hier zusammen getroffen find, und dem Sie jetzt noch Briefe schreiben, hat sich eines Diebstahls in Ihrem Hause schuldig gemacht. Nur Ihre Mutter und ich wissen darum, aus Schonung für ihn haben wir bislang geschwiegen, aus Schonung auch für Sie, Erika — aber ein Wort von mir und Fritz Born steht enttarnt da — er wandert in das Gefängnis. Ihnen zu Liebe will ich ihn schonen — unter einer Bedingung."
„Und diese Bedingung wäre?" fragte Erika äußer- lich gesaßt, wenn auch in ihrem Innern ein Sturm der Erregung tobte.
„Daß Sie die meinige werden."
„Da haben Sie die Antwort!" stieß sie hervor, und schlug ihm mit der Hand in das Gesicht.
Stanislaus taumelte zurück, dann wollte er sich in sinnloser Wut auf das Mädchen stürzen.
Da richtete sich Bella, der große Jagdhund, welcher bislang tuljig dagelegen hatte, knurrend empor und zeigte dem Wütenden seine scharfen, weißen Zähne.
Erika erfaßte das Halsband des Hundes.
„Schütze mich, Bella", sagte sie, und der Hund stieß ein dumpfes drohendes Knurren aus, bereit, sich jeden Augenblick auf Prokowskh zu stürzen.
(Fortsetzung folgt.)
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Ein häßliches, spöttisches Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Noch einen Augenblick, Fräulein Erika ... Sie sprechen da von einer Verirmng, sollten nicht ehtt die nächüichen Zusammenkünfte mit einem gewissen Herrn Fritz Born eine Verirmng gewesen sein?"
Erika bebte.
„Wollen Sie mich beleidigen?' stieß sie erregt hervor.
„Durchaus nicht, Fräulein Erika — ich will Ihnen nur beweisen, daß ich mehr weiß, als Ihnen lieb sein kann, daß ich aber in Ihrem Interesse zu schweigen verstehe."
„Ich verlange von Ihnen kein Schweigen über meine Angelegenheiten. Ich habe nichts zu verbergen', entgegnete sie stolz.
„Melleicht doch. Aber wie dem auch sein mag, mein Schweigen soll Ihnen nur meine Ergebenheit, meine grenzenlose Liebe beweisen. Ich habe Sie geliebt, Erika, seit dem ersten Augenblicke, da ich Sie gesehen habe, und niemals hat mich die Hoffnung verlassen, daß Sie noch esnst die Meine würden.'
„Niemals!'
„Erika . . .!'
Um Ehre und Recht.
28] Roman von O. Elster.
XV.
Es war an demselben Tage gewesen, als Erika nach dem Mittagessen in den Park ging, um hi« in einem kleinen Gartenhäuschen, das am Rande des kleinen Teiches stand, ihren emsten Gedanken und Träumen nachzuhängen. Sie hatte wohl Gmnd, krnst und traurig zu sein. Denn die letzten Tage hatten ihr die Gewißheit gegeben, daß ihre Mutter mit allem Ernst daran dachte, eine Verbindung zwischen ihr und Stanislaus zustande zu bringen.
Vergebens hatte sie versucht, eine Aussprache mit ihrer Mutter herbeizuführen- diese wich ifr stets aus und war auch kaum allein anzutreffm, denn Fron von Prokowskh wich nicht von ihrer Seite, und fie unb Stanislaus wußten e8 stets zu verhindern, daß Erika mit ihr« Mutt« längere Zeit allein blieb.
Erika merkte sehr wohl die Absicht beider, aber ihre Mutter befand sich so unter dem Einfluß von ihr« Freundin und deren Sohn, daß sie blind gegen Seien geheime Pläne war und sich denselben vollständig untCTtoarf.
Das ging schon so weit, daß keine wirtschaftliche oder häusliche Angelegenheit geregelt wurde, ohne Frau Julie und ihren Sohn um Rat zu fragen, der daun auch fast immer befolgt wurde.
Erika sah ein, daß es nicht so weiter gehe» konnte. Sie hatte sich bereits an ihre verheiratete Schwest« gewandt, doch diese, viel zu sehr mli ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, hatte ihr nur einen banalen Trostbrief geschrieben, der in dem Rat gipfelte, sie möge sich nur dem Willen der Mama fügen, sie dürste nicht trotzig sein und vor allem die dummen Gedanken an einen gewissen jungen Mann aufgeben — bann würde sich schon alles zum Guten wenden. Sie sei doch nun einmal abhängig von Mama und müsse sich fügen.
, „Ja, ich bin abhängig von ihr' sagte Erika mit Merem Lächeln zu sich, „Wenn ich heute ob« mor-
evangelische, zu b e k ä m v s e n gehabt. Er nennt das nicht parteipolitisch Stellung nehmen, sondern glaubt im Namen des evangelischen und nationalen Volksgewissens uns bekämpfen zu müssen, wenn wir z. B. im Interesse d« Reichsfinanzen mit dem Zentrum gemeinsam Steuern bewilligen, die den Liberalen nicht gefallen, denn dadurch werbe „die Macht des Zentrums gestärkt". Andere Parteien haben bei anderer Gelegenheit, wenn sie mit dem Zentrum eine Mehrheit bildeten und also das Zentrum den Ausschlag geben ließen, das Mißfallen des Bundes erregt. Ganz vorwurfsfrei steht in den Augen des evangelischen Bundes wohl nur die nationallib er ale Partei da, die Antizentrumspartei sans phrase. Und so wird es in Zukunft bleiben. Wenigstens die konservative Partei kann sich auf ein Antizentrumsprogramm nicht festlegen lassen. Wo sie in wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Fragen das Zentrum auf dem gleichen Wege trifft, muß und wird sie mit ihm zusammen geh en.
Das konservative Blatt knüpft daran folgende »eitere Belehrung, die unsere Beachtung verdient, weil sie die in konservativen Kreisen herrschende Stimmung zu kennzeichnen scheint. Es wird da weit« gesagt:
Die Angst beS Evangelischen Bunbes vor einer „politischen Vorherrschaft bes Ultramontanrsmus" ober davor, baß bte „katholische Weltanschauung ber maßgebenbe Faktor im Mutterlande ber Reformation" werden könne, teilen wohl nur wenige Konservative... Die konservative Partei muß sich die Pflege der ev a n g e ■ lischen Kirche und ihrer Interessen als positive Aufgabe stellen und kann dann nicht übersehen, daß die evangelische Kirche vor weit größeren inneren Gefahren steht, als ihr vom Ultramontanis- m u s drohen. Die konservative Partei hat sich in ihrer großen Mehrheit ja davon überzeugt, baß sich ber antisemitische Passus ihres Programms praktisch nicht mehr rechtfertigen läßt. Sind doch auch im Judentum konservative Kräfte lebendig und wirksam, wie uns die erfreuliche Tätigkeit zahlreicher jüdischer Männer im praktischen Leben, in Wissenschaft und Kunst täglich zeigt, während die im Judentum so auffallenden destruktiven Kräfte sich leider in reichem Maße auch bei raffereinen Deutschen entwickelt haben. So soll uns vollends der Katholik als Staatsbürger, als Mensch und als Christ nicht von vornherein Gegenstand des Mißtrauens fein, sondern wir wollen seine Mitarbeit „in echt nationalem Geiste zum Segen des Vaterlandes" willkommen heißen, wo wir sie finden. ... In der Politik gehört der Evangelische Bund doch nur zu den Spezialvereinen, und seine Tendenz geht auf Schwächung der konservativen zugu isten der nationalliberalen Partei; wir werden ihn daher auf politischem Boden meist zu bekämpfen
ist recht gleichgültig, sowohl für die Parteipolitik wie für bte hohe Politik. England und Frankreich haben auch kein Bündnis abgeschlossen, aber sie arbeiten in herzinniger und fester Gemeinschaft zusammen gegen DeRschland und Oesterreich. So sollen auch, nach dem Magdeburger Vorschlag, die Sozialdemokratie und der Liberalismus bei den nächsten deutschen Reichstagswahlen zu- sammenaehen gegen Konservative, Zentrum und monarchisch« Regierung.
Was sagt dazu der nationalliberale Parteitag von Kassel? Auf die klar formulierte Frage muß eine klare, unzweideutige Antwort erfolgen. Wollen die Nationalliberalen auch »eiter« hin mit ber Umsturzpartei zusammengehen, ober »ollen sie sich wieder zur positiven Mitar beit an den Reichsgeschäften verstehen? U. A. w. g.
Deutsches Reich.
*, Berlin, 26. Sept. 1910. Die Landtags- ersatzwahl in Breslau für den verstorbenen Zentrumsabg. Rektor Ziefche ist auf den 6. Dez. angesetzt worden. — Der deutsch-soziale Parteitag findet vom 8. bis 11. Oktober in Kassel statt.
-fr Nachklange. Der »Vorwärts' faßt die Ergebnisse des Magdeburger Parteitages in einem Seitartifel zusammen, ber die stolze Ueberschrist trägt: „Im Kampf gestählt.' Er bezeichnet die nächtliche Abschlachtung der Revisionisten als „befreiende Tat", und glaubt, daß die Partei mit dem Verlauf und den Ergebnissen ber Tagung „vollauf zufrieden" fein könne. Gleichzeitig wird die bürgerliche Presse zum Prügelknaben gemacht dafür, daß die unangenehmen Dinge passiert sind; die bürgerliche Presse habe die Vorgänge entstellt und über das Verhalten der radikalen Delegierten „Schauermären" verbreitet, die „bürgerlichen" Berichterstatter und Leitartikler werden dabei „armselige Schmocks", „Zeilenreißer', „Preßkumpane", „bürgerliches Preß- gelichter" und „Schwachköpfe' genannt und es wird ihnen „stupide Sensationsgier", „eine schmutzige Mischung von Einfalt und Niedertracht", „subalterne Reporterphantasie' unb „tollhäuslerisches Geschwätz" vorgeworfen. Das läßt vermuten, daß die zur Schau getragene Befriedigung nicht ganz echt ist. Denn sonst brauchte der ,Vorwärts' nicht so fürchterlich zu schimpfen.
-fr Eine gründliche Abfertigung läßt die.Kreuzzeitung' (Nr. 449) dem Evangelischen Bunde zuteil werden. Die ,Kreuzztg/ hatte die Dreistigkeit gehabt, die bekannte Kundgebung des Bundes über seine Stellung zur Politik nicht zu beachten. Das hat die Bundeskorrespondenz sehr krumm genommen und nach bekannt« Manier die .Kreuzztg/ an- gerempelt. Dafür muß sie sich aber jetzt gefallen lassen, daß sie eine an Offenheit und Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassende Antwort erhält. Die ,Kreuzztg/ schreibt:
„Wir find vollkommen daran gewöhnt, daß die Geschäftsführer deS Evangelischen Bundes uns an echt nationalem Geist, an Treue zur evangelischen Kirche unb an politischer Einsicht sehr weit überlegen zu sein glauben, unb nehmen ihre Belehrungen, die uns immer mit denselben Schlagworten vor der Oeffentlichkeit erteilt werben, mit Langmut hin. Wenn aber bie ,Deutsch-evangelische Korrespondenz' durchaus wünscht, daß wir den „«schöpfenden unb kein Deuteln zu- lassenben Darlegungen" des Bunbespräsidiums gegen« über nochmals unseren Standpunkt bekannt geben, so wollen wir es tun, bemerken ab« im Voraus, daß auch fernerhin Schimpfworte, wie „Schleppenträger bes Ultramonlanismus" nicht ben geringsten Embruck auf uns machen werben, baß sich bas Präfibium also, ohne seiner Sache zu schaben, ein« milderen Tonart Leinenen kann. Der Evangelische Bund hat recht häufig die Politik der konservativen Partei, bie tatsächlich, wenn auch nicht programmatisch, eine evangelische Partei ist, unb zwar eine posttiv-
x Magdeburg rmd Kassel.
Für den nationalliberalen Parteitag, der an den beide» ersten Oktobertagen in Kassel stattfindet, haben sich bis jetzt 650 Teilnehmer angemeldet. Man rechnet auf den Besuch von 800 Mitoliedcrn der Partei.
Es trifft sich recht gut, daß der sozialdemo- kratische Parteitag zu Magdeburg vor dem nationalliberalen Parteitag zu Kassel statt- gefunden hat. Wenn die nationalliberalen Pollttk« jetzt sich entscheiden sollen, ob die Parte: Fühlung nach rechts bewahren oder sich der oppositionellen Linken einv«leib".. soll, so wissen sie wenigstens ganz genau, welche Kaq;pfgenossen auf der Linken sie erwarten. , r =
Der rote Tag von Magdeburg hat keineswegs einen Umschwung innerhalb der Sozialdemokratie gebracht, wohl aber Klarheit über die Sozial- demokratie, und zwar Klarheit in denjenigen liberalen Kreisen, wo man durch Großblockkünste und Ministerreben & la Bodmann sowie durch bte gemeinsame Hetze gegen die Steuerreform dem „schwarz-blauen Block" geneigt war, bte Umsturz- partei für einen salonfähigen Bundesgenossen zu halten. Wer noch offene Ohren und gesunde Augen hat, der hat aus den Vorgängen in Magdeburg er- fahren können, daß die Sozialdemokratie noch die alte revolutionäre Partei ist, die auf den Sturz der Monarchie ausgeht und auf die gewalttätige Errichtung ihr« Massenhe«schaft über Staat und Gesellschaft nicht im mindesten verzichtet.
Die Partei, die sich von neuem als richtige republikanische internationale Umsturzpartei bekundet, hat nun zum Abschluß ihres Parteitags durch den Vorsitzenden Abg. Dietz den Liberale» Wahl- Hilfe zugesagt. Natürlich mit der Spekulation auf Gegenseitigkeit. „Wenn es uns selbst nicht gelingt, aus eigener Kraft zu siegen, dann haue» wir die Liberalen als das kleinere liebel heraus." Die Liberalen gelten also durchweg als das kleinere Hebel in der Schätzung der Umsturzpartei. Das ist wahrlich nicht schmeichelhaft für den Liberalismus; denn die sachverständigen Revolutionäre geben damit das Zeugnis ab: Unseren Umsturzbestrebungen stehen die Kons«vativen und das Zentrum als starke Gegn« im Wege; aber den Liberalismus brauchen wir nicht zu fürchten; dem können wir ruhig noch einige Mandate zuschlagen. Wenn es zum Klappen kommt, so fällt die liberale Herrlichkeit zusammen, wie ein Kartenhaus!
Im Grunde genommen ist das eigentlich keine ganz neue Taktik auf der sozialdemokratischen Seite. Sowohl die Großblockpolitik in Baden als die Zustimmung d« roten Reichstagsfraktion zu der Bülow'schen Erbschaftssteuer zeugten von dem Bestreben der Sozialdemokratie, den ungefährlichen Liberalismus zunächst zu unterstützen als Helfershelfer im Kampfe gegen die Konservatwen, das Zentrum und die Regierung. Es muß besonders beachtet werden, daß die sozialdemokratischen Partei- kiter und Parteitage nur gegen die Formalität d« Budgetannahme anstandshalber einen unwirksamen Protest eingelegt, dagegen das Wahl- und Arbeitsbündnis mit dem Liberalismus in einzelnen Bundesstaaten all' die Iahte hindurch ungestört gelaßen und auch in Magdeburg noch nicht mißbilligt haben. Die alte fulminante Wendung von ber „einen reaktionären Masse" ist bamit schon längst preisgegeben worden zugunsten bet modernen Taktik, den Lib«alismus als Hilfstruppe für bie Umsturzbesttebungen zu benutzen.
Der Vorsitzende des Magdeburg« Parteitags bemühte sich freilich, den Begriff der „Bunbes- genvssenschast' etwas einzuschränken. Von einem förmlichen „ Zusammenschluß" soll keine Rede sein, wohl ab« von dem Heraushauen des liberalen Kandidaten als des kleinen Nebels. Ob man dem Ding denRamen „Bündnis" ob« „Entente" gibt,
Herzog anwesend fein konnten und so all« sozialdemokratischen Ueberzeugungstteue bar sind, daß sie sich brieflich wegen ihr« Abwesenheit entschuldigt haben!
X Der Alldeutsche Verband begeht am 27. September das Fest seines 20 jährigen Bestehens. Man hat aus diesem Anlaß einen Bericht über die Tätigkeit des Verbandes herausgegeben, der weniger von Bedeutung wäre, wenn er nicht den Beweis erbrächte, daß dieser Verband so überflüssig wie nur irgend möglich, ja überaus schädlich gewesen ist. Seiner Hetze ist es zu danken, daß Deutschland sich in das Marokkoabenteuer stürzte, das uns jahrelang die allerärgsten Schwierigkeiten brachte und dessen Ausgang für Deutschland nichts weniger als erfreulich war. Ginge es nach den Alldeutschen, dann gäbe es einen Krieg nach dem andern.
** Ein sauberer „Volkserzieher". D« „®«m." zufolge ist an alle Abiturienten des katholischen Lehr«- seminars in Leobschütz „Der Volks erzieh«", herausgegeben von Wilhelm Schwaner in Schlachtensee bei Berlin, mit der Einladung zum Abonnement 9er- schickt worden. Die versandte Probenummer, Nr. 18 vom 4. September, zeigt auf jeder Seite einen infernalischen Haß gegen die katholische Religion. Einen Aufruf „Los von Rom" leitet der obengenannte Wilhelm Schwaner folgendermaßen ein:; „Die lieben Volkserzieher mögen es entschuldigen, daß ich wiedemrn eine ganze Nummer unseres Blattes dem Kampf gegen Rom opfere." Der hl. Vater wird genannt der „große Charlatan", d« mit seinen „geschorenen Reisenden" die besten Seelen- und Geldgeschäfte mache. Der Bau b« katholischen Kirche in Zehlendorf, die Gründung einer Kinderarbeitsstätte in Ma- rienfelde-Mariendorf löst bei Herrn Schwaner einen