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M 219.

Samstag den 24. September MV.

57. Jahrgang.

» Tuldaer U Leitung *

2. Blatt.

Vnlck und Verlag der zuldaer Actiendruckerei in 8«lda.

Wochen-Rundjchau.

[:] Fulda, 23. September 1910.

Die Parlamente selber haben ihre Tagungen noch nicht begonnen; aber ihre Kommissionen. Die Maffe der Arbeit zwingt dazu, daß nach kaum zweimonatt- ger Pause die Kommissionen für Strafprozetzordnung und Gerichtsverfassungsgesetz und die für die Reichs- verfichemngsordnung im Reichstage zusammengetreten sind, um die Beratung der beiden großen Entwürfe bis zum Zusammentritt des Plenums am 8. November soweit wie möglich zu fördern. Es ist noch völlig un­gewiß, was insbesondere aus dem letztgenannten Ent­wurf wird, dessen Schwierigkeiten in der Materie be­gründet liegen.

Der sozialdemokratische Parteitag in Magdeburg hat für die Partei keinen günstigen Ver­lauf genommen. Es war so schon geplant mit Rück­sicht auf die bevorstehenden Reichstagswahlen, die Par­tei im vollen Glanze ihrer Stärke und Einigkeit zu zei­gen. Die badische Fronde sollte den Friedm nicht stören. Der Parteivorstand ließ durch keinen geringe­ren als Bebel selbst eine Resolution begründen, die den Radikalen Genugtuung verschaffen, den Badensern und den befreundeten Revisionisten aber nicht wehe tun sollte. Bereits schien das schwierige Werk geglückt, da, im letzten Augenblick entfesselte die unvorsichtige Aeußerung des badischen Führers Dr. Frank, daß er nicht versprechen könne, das nächste Mal gegen das Budget zu stimmen, dm wilden Zorn der radikalen Stürmer. Entgegen dem Willen des Parteivorstandes — Bebel war nicht mehr anwesend — wurde eine Resolution zur Verhandlung gestellt und angenom­men, die den Badensern den Ausschluß aus der Par­tei bei nochmaliger Verletzung des Nürnberger Be­schlusses androht. Die Revisionisten hatten vorher unter Protest den Saal verlassen. Daß der Sezession aber nicht die Absicht einer sofortigen definitiven Trennung innewohnte, zeigte sich bereits am nächsten Tage, wo die Badenser, als wenn nichts vorgefallen wäre, an den Verhandlungen wieder teilnahmen. Es Ist nicht anzunehmen, daß es zu einer Spaltung in der Partei zwischen Norddeutschen und Süddeutschen kommen werde. Die Revisionisten sehen gar keine Veranlassung dazu, andrerseits aber sind sie auch nichts weniger als gewillt, sich dem neuen Beschlüsse zu fügen. Sie wollen ruhig abwarten, was die Zu­kunft bringt, und vertrauen wohl darauf, daß ihr Ein­fluß und ihre Macht immer größer wird bis sie dann selbst auf dem Parteitag die Mehrheit haben. Das schöne Bild von der Einigkeit in der sozialdemokra­tischen Partei hat aber immerhin einen sehr häßlichen Flicken erhalten. Der Magdeburger Parteitag, der dem Dresdener Vorgänger in mancher Beziehung sehr ähnlich sieht, hat gleich diesem sehr dankenswertes Material zum Kampfe gegen die Sozialdemokratie geliefert. Es gilt besonders bet den nächsten Wahlen, dieses Material bestens auszunuhen.

Der Großherzog Friedrich II. von Baden und seine Gemahlin Hilda feierten am Dienstag das Fest ihres silbernen Ehejubiläums, an dem ganz Deutschland lebhaften und auftichtigen Anteil nahm.

Kaiser W i l h e l m ist nach den Jagden in den „Ur­wäldern" von Bellye in W i e n eingetrofsen, um seinem Verbündeten und väterlichen Freund, dem greisen Kai­ser Franz Joseph noch nachträglich persönlich seine Glückwünsche zu dessen 80. Geburtstage darzubringen. Der Empfang in der österreichischen Reichshauptstadt war überaus herzlich. Mit besonderem Jubel wurde die Rede Kaiser Wilhelms im Rathause ausgenommen, in der er aus die unerschütterliche Bundestreue hin­wies, in der er sich selbst als den Bundesgenossen „in schirmender Wehr" verbürgte. Der Besuch des Deutschen Kaisers in Wien wird das feste Band, das die beiden Kaiserstaaten mit einander verbindet, und das sich noch vor einem Jahre so glänzend bewährt hat, noch weiter festigen und kräftigen.

Der Besuch des belgischen Königspaares in Hol­land bedeutet ein weiteres Glied in der Kette der Bemühungen, zwischen den beiden benachbarten und früher zusammengehörigen Staaten eine politische Entente herbeizuführen. Die belgischen Gäste konnten mit der Ueberzeugung heimkehren, daß ihr Besuch für die Niederländer einem großen nationalen Ereignis gleichkarn. Bereits im nächsten Monate werden Kö--

nlgin Wilhelmina und ihr Gemahl dm Besuch in Brüssel erwidern.

Die Spannung zwischen der T ü r k e i und Grie­chenland hat in dm letzten Tagen in Konstantino­pel selbst zu einem scharfen und gewaltsamm Einschrei- ten der türkischen Regierung gegen das griechische Pa­triarchat und die beabstchtigtm Wahlen zur National­versammlung geführt. In Athen haben in der neu eröffneten Nationalversammlung Meinungsverschieden- heitm über dm Charcckter der Versammlung npd die Eidesleistung zu Skandalszenen geführt, sodaß man bereits mit einer Auflösung der Versammlung rech­net. Das Zmgnis der politischm Reife und Ord­nungsliebe, das König Georg in seiner Thronrede dem griechischen Volke gab, scheint doch nicht vollkommen zuzuttefsm. Rach dem Eintreffen des wahrseinlich demnächst die Leitung der Regieiungsgeschäfte über- rchmenden Venizelos in Athen haben sich die Gemü­ter etwas bemhigt. Es wurde auf seine Veranlas­sung ein Antrag angenommen, wonach die Frage, ob die Nationalversammlung dm Charcckter einer revidie­renden oder konstitutiermden Versammlung annehmen soll, vorläufig vertagt und ein vorläufiger Eid gelei­stet werden soll, damit die Nationalversammlung eine legitime Körperschaft bilden und als solche Wahlprü­fungen vomehmm kann. Das Ergebnis der Abstim­mung ist für die Anhänger einer lediglich revidieren­den Kammer, wie sie die Regierung will, günstig.

Eine neue internationale Preßkampagne gegen Deutschland ist in dieser Woche in Aktion getreten. Ein Pariser Sensationsblatt brachte die Nachricht, daß zwischm der Türkei und Rumänien ein Mlli- tärti ertrag abgeschlossen worden sei, daran knüpften sich natürlich Vermutungen über dm Anschluß der Türkei an die mitteleuropäischen Kaiserreiche und über große Pläne dieser Mächte auf dem Balkan. Die Tendenz dieser Nachrichten, die sofort in der ftanzösischen, eng­lischen und russischen Presse gehörig ausgeschlachtet wurden, geht dahin, alle Httfstruppm mobil zu ma- cn, um das in Cetinje eingeleitete Werk der Begrün­dung eines neuen Ballanbundes mit Anlehnung an Rußland und an Italien dem Abschluß näher zu brin- gen. Der ganze Preßfeldzug stellt sich als ein zielbe­wußter politischer Gegenzug gegen die türkisch-österrei­chische Annäherung dar.

B- G- Die Entwickelung der katho­lischen Pfarrei Hersfeld.

Zwei Klöster: Fulda unter dem hl. Abte Stur­mius und Hersfeld unter St. Lullus haben einstens in der Frömmigkeit und Tüchtigkeit miteinander ge­wetteifert. Fulda tft katholisch geblieben. Hersfeld hat Martin Luther willkommen geheißen und ist vom Glauben seiner Väter abgefallen. Die gewaltigen Nuinm der Stiftskirche in Hersfeld reben eine laute Sprache, daß es einstens hier anders war, daß ein- stms an dieser Stätte reges religiöses Leben ge­herrscht hat, daß dort in heiligen Psalmgesängen Gottes Lob gefungen und das immerwährende Opfer des neuen Bundes dargebracht wurde. Traurig möchte man werden, wenn man dieses Denkmal ver- gangener Herrlichkeit betrachtet. —

Doch freuen wir uns, in Hersfeld ist wieder ka­tholisches Lebm aufgeblüht, und die dortige katholische Gemeinde hatte die Freude, vom 1. Juli 1910 ab zur selbständigen Pfarrei erhoben zu werden.

Bis zum Anfang der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts mußten die wenigen Katholiken in Hersfeld und der Umgegmd, um ihren religiösen Pflichten nachzukommen, unter mancherlei Opfern die weite Reise nach Rotmburg, Hünfeld, Eiterfeld oder Burghaun machen. Eine Eisenbahnverbindung nach diesm Orten war zu jener Zeit noch nicht vorhanden. Im Laufe der Jahre nahmen die Katholiken zu an Zahl, und es wurde allenthalben der Wunsch rege, in Hersfeld selbst katholischen Gottesdienst eingerichtet zu sehm. Der damalige Hochwürdigste Herr Bischof Christoph Florentius von Fulda war mit einem an­gesehenen Katholiken Hersfelds befteundet und nahm gern Veranlassung, seine Firmungsreise in Hersfeld einige Stunden zu unterbrechen und kurze Einkehr zu halten, um die Angelegenheit an Ort und Stelle zu besprechen. Der Hochwürdigste Herr brachte der Sache lebhaftes Interesse entgegen. Im Frühjahr

1862 wandten sich bann einige Herren — das Bitt­gesuch war unterschrieben von Kreisphyflkus Dr. Dux, Kreissekretär von Dermbach, Kreisbauinspettor Grie­sel, Amtsaktuar Dippel und Oberpostsekretär Denner — vertrauensvoll mit der innigsten Bitte an ihren Oberhirten, doch recht bald in Hersfeld eigenen Gottesdienst einrichten zu wollen. Zur größ­ten Freude aller wurde die Bitte huldvollst gewahrt. Es wurde ein kleiner Saal in einem Privathaus vor dem Johannistor (in der jetzigen Schweißer scheu Villa) nebst einem Zimmer zum Aufenthalt für ben Geistlichen gemietet.

Klein war die Kapelle, aber hell und sonnig; arm, sehr arm war ihre Ausstattung. Herr von Trott zu Solz hatte die große Güte, aus seiner Hauskopelle einige Kirchenbänke und ein schönes Oelgernälde: Ecce homo für Hersfeld zur Verfügung zu stellen.

Es kam der 23. November 1862, ein sonniger Herbstsonntag. Zum erstenmal seit der Reformation sollte in Hersfeld durch den Herrn Kaplan Koch von Rotenburg das hellige Meßopfer dargebracht und die Wahrheit des Evangeliums verkündet werden. Alle Katholiken der Stadt und Umgegend, etwa 63 an der Fahl, waren gekomknen. Innige Dankgebete stiegen zum Himmel. Aufmerksam lauschte man der Pre­digt des Wortes Gottes, das aus beredtem Munde begeistert und begeisternd verkündet wurde. Ein klei­nes Harmonium war herbeigeschafft worden und wurde an diesem Tag wie auch die folgenoen Jahre hindurch zur Begleitung bei Gesänge zart unb ver­ständnisvoll gespielt von Fräulein Elise Dux (der späteren Frau Saurat Griesel). In tiefster Andacht wohnte man der hl. Messe bei, unb als nach der hl. Wandlung aus Kindermund das „Ecce panis" ge­sungen wurde, sah man manche Träne fließen.

Im Jahre 1863 nahm denn auch Friedrich Koch als erster Geistlicher in Hersseld Wohnung, und es wurde nun regelmäßiger Gottesdienst abgehalten. Der Eifer nahm zu. Die Zahl der Katholiken vermehrte sich. Wohl ben vorzüglichen Predigten Kochs ist es zudanken, daß in einigen Jahren etwa 15 Konversio­nen (Rücktritt zur kathol. Kirche) verzeichnet werben konnten.

Längst war der Kapellensaal zu klein. Dank der tätigen Mithilfe der hohen Bischöflichen Behörde, des Bonifatiusvereins und des Opsersinns der Gemeinde konnte durch Vermittlung des Herrn Baurats Griesel für die Katholiken ein eigenes Haus erworben werden, gelegen am Stifte neben dem Landratsamt, einstmals die Wohnung eines Domherrn an der Stiftskirche Hersseld. Dort wohnte der Geistliche und wurde eine größere Kapelle hergerichtet. Für ben erstarkten Kir­chengesang war ein neues größeres Harmonium nötig geworben. Die „Hersfelder Kirchenväter" Dux und Griesel besprachen sich darüber. „Was würdest Du geben?" fragte Dux; „O das doppelte von dem, was Du gibst", erwiderte Griesel. „Nun gut, ich gebe 50 Taler", sagte Dux, unb Griesel gab 100 Taler, unb das Instrument (heute in ber Kapelle zu Bebra) konnte gekauft werben.

Infolge der Ereignisse des Jahres 1866 Waren immer mehr katholische Beamte nach Hersfeld ver­setzt worben, unb manche Katholiken waren freiwillig nach Hersseld gezogen, weil sie wußten, dort wohnt ein katholischer Priester. Zweimal wurde an Sonn- unb Feiertagen das hl. Opfer dargebracht, um allen, auch den Soldaten der Garnison, Gelegenheit zu geben, dem hl. Opfer beizuwohnen. Trotzdem wurde auch die Kapelle in diesem Hause bald zu Hein. Man mußte weiter denken.

„Zu Anfang des Jahres 1883 verbreitete sich die Nachricht", so erzählt Postdirektor Vigelins in feiner Denkwürdigkeit von Hersseld, „daß die katholische Gemeinde hierselbst eine Kirche bauen werde, und daß ihr zu diesem Zweck vom Staat die Stistsruine überwiesen worden sei. Daraufhin machte alsbald die evangelische Kirchengemeinde — vertreten durch ben ersten Geistlichen, jetzigen Suverintenbenten Dr. Vial — ihr Eigentumsrecht auf die Stiftsruine gel­tend, und erzielte dem preußischen Fiskus gegenüber ein Ausschlußurteil des hiesigen Königlichen Amts­gerichts, wodurch zu Recht erkannte wurde, daß die Stadtkirchengemeinde zu Hersfeld als Eigentümerin ber Stiftsruine nebst Garten im Grundbuch eingetra­gen werbe „vorbehaltlich etwaiger Rechte des Fiskus an dem Grundstück B 15 (Stistsruine)".

Nach zweijährigem Streit siegte schließlich doch der Fiskus unb sein Eigentumsrecht wurde im Grund­buch eingetragen.

Inzwischen hatte die katholische Gemeinde sich nach einem anderen geeigneten Platze für ihren Kir­chenbau umgesehen und einen solchen auf dem „Neh­men", neben der Gottlieb'schen Fabrik gesunden. Am 18. März 1885 wurde ber erste Spatenstich an der Kirche getan, am 5. Mai fand unter Teilnahme von 10 fremden Geistlichen, unter Teilnahme des Herrn Landrats Freiherrn von Schleinitz unb des Herrn Bürgermeisters Braun und der ganzen Gemeinde die feierliche Grundsteinlegung durch Herrn De­chanten H. F. Müller aus Kassel statt. Der Plan war entworfen von Herrn Architekt Hugo Schneider in Kassel. Die Ausführung des in einfachem gotischen Stile gehaltenen Baues erfolgte unter Aufsicht des Herrn Architekten Kegel durch die Herren Noll und Wölbing in Hersseld. Im Jahre 1886 wurde der Ban vollendet. Man dachte daran, die Kirche durch ben Hochw. Herrn Bischof feierlich fonTetrleren zu lassen Alles war vorbereitet; die Umgebung bet Kirche festlich geschmückt. Da kam die Nachricht, baß der Hochw. Herr Bischof erkrankt sei. Im Auftrag des Hochwürdigsten Herrn nahm bann wenige Tage später unb großer Feierlichkeit und Teilnahme Herr Dechant Müller die Senebittion des Gotteshauses vor unb übergab es bem einstweiligen Gebrauche.

Im Jahre 1887 wurde daun auch das Pfarrhaus im Stil ber Kirche erbaut unb vollendet.

Gedenken muß man hier der Opferwilligkeit so vieler edler Wohltäter aus Nah und Fern, an erster Stelle des hochherzigen Herrn Pfarrers Engelhardt von Rotenburg, deren Wohltätigkeit es zu danken ist, daß bald nach Vollendung von Kirche und Pfarrhaus auch fast alles bezahlt war; vor allem aber hat sich ein Denkmal gesetzt durch den Bau der Kirche unb des Pfarrhauses ber selige Herr Pfarrer Karl Fleck, bet an 15 Jahre äußerst segensreich, aber unter vielen Mühen unb Opfern seines heiligen Amtes gewaltet Noch heute steht er in bestem Andenken bei denen, die ihn gekannt haben. Das Gotteshaus, das Kreuz am Turm erhebt die Herzen zu Gott; es ruft zum Taber­nakel, zum Zentrum jedes katholischen Lebens. So erftarfte denn auch die katholische Gemeinde äußerlich und innerlich, und im Jahre 1893 wurde die katho­lische Gemeinde Hersseld zu einer Kapellen ge­meinde im Sinne des Gesetzes erhoben und ihr eine eigene Vermögensverwaltung gegeben.

Im Jahre 1898 ward ben Katholiken Hersfelds eine große Freude bereitet. Immer hat sich die Kirche der Schule angenommen. So bildete die Schul- iugenb auch eine Hauptsorge ber Geistlichen in Hers­seld. Die Herren Breitung und Fleck haben selber zeitweilig ben ganzen Unterricht in ber katholischen Parochialschule erteilt Später würben, als bie Ar­beit sich mehrte, nacheinander die Herren Lehrer Krö­nung, Huhn, Kempf und Grosch an diese Schule be­rufen. Nach langem, langem Kampfe, nach einigen geradezu entmutigenben Entscheidungen der zustän­digen Behörden wurde der Sieg errungen. Im Jahre 1898 verfügte die Königliche Regierung, daß die Stadt die katholische Schule auf den städtischen Etat -u übernehmen habe, und es wurde in ber Person des Herrn Lehrers Konstantin Schmitt in Leimbach ein befähigter und tüchtiger Lehrer gewonnen.

Allezeit waren die Seelsorger darauf bedacht, daS Ansehen der Gemeinde nach außen zu heben unb nach innen erstarken zu lassen. So dachte man nun auch daran, in Hersseld einmal eine Mission abzu- halten.

In der Zeit vcm 31. Oktober bis zum 10. No­vember d. I. wurde lso schreibt die „Hersf. Zeitung' vom 13. November 1907) in der schönen St. Sturmius» kirche zu Hersseld ein hl. Mission abgehalten, die erste in der katholischen Gemeinde. Mit gespannter Auf­merksamkeit lauschte man, herbeigekommen aus Nah und Fern, den Vorträgen des Missionars, der klar und verständlich, gervinnenv und begeisternd, die großen Wahrheiten unser hl. Religion vorlrug. Pater Jo­hannes Berchmanns, Domprediger von Fulda, hat sich dadurch den Dank der Gemeinde in hohem Grade ver­dient und gesichert. Gewiß ist es bitter zu beklagen, daß manche ben Ruf der Gnade nicht gehört und an der Mission nicht teilgenommen haben; doch der rührende Eifer derer, die gekommen, hat dafür in etwa Entschädigung geboten. Darum alles in allem: Dank

Unpolitische Zeitkäufe-

(N.) Berlin, 22. September 1910.

^Nachdruck verboten.)

In Frankreich sollen diese Woche noch zwei Hin­richtungen ftattfinben. Zwei Raubmörder sollen am eigenen Leibe erfahren, daß auch in dem demokrati­schen und freigeistigen Frankreich noch immer der Bi- belspruch gilt: „Wer Blut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden! Die Republtt jenseits der Vogesen ist fürchterlich „fortschrittlich" und macht sich ein besonderes Vergnügen daraus, mit den Ueberliefe- rungen der Vorfahren zu brechen. Aber an der „rück­ständigen" Einrichtung der Todesfttafe halten die „aufgeklärten" Herrschaften doch fest. In dem Punkt siegt der gesunde Menschenverstand über die Phrase.

Auf dem deutschen Juristentag ist neulich auch die Frage erörtert worden, ob bei der Aufftischung unseres Strafgesetzbuches die Tobessttafe für Mvrb unb einen hochverräterischen Angriff auf bas Leben des Staats­oberhauptes noch beibehalten werben soll. Eine neue Auflage alter Kämpfe! Ich erinnere mich noch aus meiner Jugend, daß Bismarck einen heißen Kampf im norddeutschen Reichstage zu bestehen hatte gegen­über beredten Gefühlspolittkern, bie von ber grausigen Henkersarbeit nichts mehr wissen wollten. Bismarck verttat ben realpolitischen Standpunkt, daß bei der Ab­schaffung der Todesfttafe die Herren Mörder den An­fang machen müßten.

Inzwischen find nun mehr als 40 Jahre verflossen. Aber die Herren Mörder haben nicht den Anfang gemacht. Im Gegenteile: seit der,Zett find neue Zwerge am Mordbaume recht üppig ausgewachsen. Der politische Mord kam in Blüte, und aus ihm ent­wickelte sich ein ganz modernes Gewächs, eine wah'-e Höllenpflanze, an der Beelzebub fein Wohlgefallen haben muß: der anarchistische Mord, der ohne faßbaren Grund unb Zweck harmlose Menschen mit Dolch, Revolver, Bomb en dahinmetzelt, wie mutwil­lige Jungen junge Pflanzen köpfen.

Wenn die Nihilisten und Anarchisten nicht gekom- men wären, so hätten aller Wahrscheinlichkeit nach der „Humanitätsgedanke" und das Mitleid mit bem Ver­

brecher allmählich so große Fortschritte gemacht, daß die Abschaffung ber Tobessttafe weithin durchgedrun­gen wäre. Aber angesichts der Massenmorde, die jene umstürzlerische Gesellschaft sportmäßig betrieb, sagten sich doch die besonnenen Leute immer wieder: Es wäre doch ein haarsträubender Unsinn, wenn wir diese gemeingesährlichen Mordbuben in einem sauberen Ge­fängnis in lebenslängliche freie Verpflegung nähmen, statt ihnen kurzer Hand dasselbe Schicksal zu bereiten, das sie ihren Mitmenschen besorgt hatten! — Das Vordringen der anarchistischen Grausamkeit hat zweifel­los auch wesentlich dazu beigetragen, daß auf bem deutschen Juristentage die Todesstrafe in ber Mehrheit blieb — trotz aller sentimentalen unb „kulturellen" Berebtsamkeit.

Sa, bei einem großen Teile des Volkes, auch bei den sogenannten Intellektuellen, ist das Denken unb »Uhlen so sonderbar entartet, daß man mehr Mitleid mit ben Verbrechern, als mit beten Opfern hat. Auf breser Verirrung beruhte ja ber Ferrer-Rummel. Fer- w! ft? ein Anarchist, fonbem ein rühriger

aboftd unb erfolgreicher Professor der anarchistischen Zersiorungskunst. Er und seine Genossen gingen ziel­bewußt unb zähe nach allen Regeln des blutioen Handwerks auf Mord und Brand aus. Doch über'all Die Leichen und Ruinen auf ihrem umstürzlerischen Wege entrüsteten sich unsere „Aufgeklätten" nicht Als aber bie Staatsregierung nach kriegsrechtlicher Verur­teilung diesen Lehrmeister des Anarchismus hinrich­tete, da entftanb wegen dieser einen Abkürzung eines Menschenlebens ein ohrenbetäubender Lärm der inter­nationalen Freimaurer unb Sozialisten, getter durste im Namen ber Freiheit unb des Fortschritts nach Be­lieben morden, aber durste bie Staatsgewalt im Na­men des Gesetzes und ber Ordnung das Oberhaupt der Motdakademie den Tod kosten lassen? Nein, rief bie gesamte „Aufklärung"; das Leben des Anarchisten muß heilig und unverletzlich sein, wenn auch das Leben an­derer Leute von ihm für nichts erachtet wirb.

Soeben lese ich in einem radikalen Blatt eine län­gere Betrachtung über die furchtbaren Seelenqualen, die ein verurteilter Mörder zu erdulden habe. Es wirb ba allen Ernstes „bewiesen", daß et viel grau­samer gequält werbe, als fein Opfer. Der Mensch, ber

von einem Mörder angegriffen werde, habe doch bis zum letzten Augenblick noch die Hoffnung, daß er den Gegner abwehren ober sonst sein Leben retten könne; der Verurteilte Verbrecher aber müsse mit offenem Auge den unvermeidlichen Tod sich nahen sehen, und diese entsetzliche Todesangst sei eine Grausamkeit, deren sich eine zivilisierte Gesellschaft, ein Kulturstaat schämen müsse. Und so weiter. Na, ba werden die Leute, die von Raubmördern ober Luftmördetn ober Vomben- werfern oder sonstigen gewalttätigen „Kulturhelden" zu Tode befördert werben, sich schließlich noch bedan­ken müssen für das gnädige Ende, das ihnen bereitet worben ist! Sie haben ja immer noch das große Ge­schenk der „Hoffnung" erhalten, auch bann, wenn sie infolge ber schweren Verwundung tage- unb wochen­lang in ben furchtbarsten Schmerzen daliegen unb im bittersten Todeskampf ihre Lebenskraft verzehren mutz­ten! Der „Herr Mörder" aber hats viel schlimmer. Man besorgt ihm einen Verteidiger, ber mit allen möglichen Künsten ihn weißzuwaschen ober doch we­nigstens als verrückt hinzustellen sucht. Nachdem er in allen Instanzen vor Gericht fein Glück versucht hat, spekuliert er noch auf Begnadigung; bie Hoffnung ver­läßt ihn erst in dem Augenblick, wo ihm die Voll­streckung des Urteils am nächsten Morgen angekündigt wird. Diese letzte Nacht läßt man ihm nicht aus ©raufamfeit, sondern um ihm die Ordnung seiner letzten Dinge zu ermöglichen. Wenn bann das letzte Stündchen geschlagen hat, so wird mit größter Kunst dafür gesorgt, daß die Hinrichtung schnell unb ohne unnötige Quälereien vor sich geht. Angenehm ist ja die Prozedur nicht, aber der Staat bemüht sich doch nach besten Kräften, die Menschlichkeit auch gegenüber bem Unmenschen zu wahren.

Und angenehm soll auch bas Verfahren nicht sein. Es soll eine Strafe sein, und zwar die an­gemessene Sttafe für die vorsätzliche und überlegte Ver­nichtung eines Menschenlebens. Wenn alles das zu­träfe, was der empfindsame Mann da über bie Hoff­nungslosigkeit unb die dumpfe Verzweiflung eines Verurteilten schreibt, so wäre das kein Grund für die Abschaffung ber Todesstrafe, sondern vielmehr eine Verteidigung dieser abschreckenden Maßregel. Denn mögen bie Gelehrten über Grund und Zweck ber Sttafe noch so schöne Tüfteleien aufstellen, bas Volk hält in

feinem einfachen unb geraden Sinne an ber sogenann­ten Adjchreckungstheorie fest. Es verlangt mit Recht für jebe Missetat eine solche Sttafe, daß derjenige, der dasselbe tun möchte, durch die Furcht vor dieser Sttafe abgeschreckt wird. Wir wissen ja leider aus Erfahrung, daß die abschreckende Wirkung nicht immer erreicht wird. Hauptsächlich wird sie dadurch vereitelt, daß der angehende Verbrecher sich einbildet, er werde nicht gefaßt werden. Um diese Spekulation möglichst zu beschränken, muß mit der Strafandrohung eine scharfe Polizei verbunden sein. Die Aussicht auf eine empfindliche Strafe ist aber unerläßlich als Gegenge­wicht gegen die bösen Triebe der Menschen. Unb die Sttafe muß nach Matz unb Art so beschaffen sein, baß sie bie Lust am Verbrechen überwiegen kann. Aus Leute, bie bas Leben des Mitmenschen kaltblütig ver- nichten, macht bie Aussicht auf Einsperrung kaum ge­nügend fräftigen Eindruck. Das einzige, was ihnen allenfalls noch Furcht einjagen kann, ist das Henker­beil. Auf Anarchisten unb sonstige Verbrecher mit „politischem" Anstrich macht bas Gefängnis erst recht keinen Eindruck. Diese Leute spekulieren ja auf einen staatlichen Umsturz unb hegen die Hoffnung, daß sie bei dieser Gelegenheit aus dem Gefängnis schon wie­der herauskommen und dann als Helden gefeiert wer­den. Solchen Größenwahn kann man offenbar nicht besser hellen, als durch die „vollendete Tatsache" der Enthauptung von Rechtswegen.

Die Todesfttafe ist wahrlich kein Hindernis, son­dern vielmchr ein Hllfsrnittel der Kultur. Denn nichts ist kulturwidriger, als ein Mensch, der aus Eigennutz cber Grausamkeit feinen Mitmenschen abschlachtet. Wenn die Gesittung wirklich fortschrei­tet, wird ber Henker feine traurige Arbeit schon von selbst einstellen; benn dann wirb es keinen Mörder mehr geben. Bis dahin aber wollen wir mit uns selbst und unseren frieblidjen Mitbürgern mehr Mit­leid haben, als mll ben Verbrechern. Von ber Zeit­krankheit ber phrasenhaften Humanität und. Sentimen­talität wollen mir uns nicht anstecken lassen, fonbem bet bem gesunden Menschenverstand unserer Vorfah­ren bleiben, bie ben Mörder unschädlich machten, in­dem sie ihn so behandelten, wie er sein Opfer.