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RotationsdruSund Verlag der Fuldaer Al- tiendruSerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

Fulda, Freitag Den 23. September 1910.

Erstes Blatt.

37. Jahrgang.

Deutsches Reich.

* Keine neuen Reichssteucrn.

Das Ergebnis der vielsttiudigen Besprechung deS Reichskanzlers mit seinen Ministerkollegen und den Staatssekretären, insbesondere denr Neichsschatzsekre- tär, ist, wie der „Tag" zuverlässig ersährt, daß von Versuchen, neue Reichssteuern auszuschreiben, minde­stens vor den Reichstagswahlen des nächsten Herb­stes Ab st and genommen wird. Man wird mit größtmöglicher Sparsamkeit auszukommcn suchen.

Im Ernste war ja auch wohl etwas anderes nicht zu erwarten.

; Berlin, 22. Septbr. 1910. Der Rücktritt des Oberpräfidenten von Pommern, Frhrn. v. M a ltz ahn, soll nach einigen Blättern zum 1. April n. I. be- vorsteheu. Wie erinnerlich, hatte Frhr. v. Maltzahn kürzlich bei der Jubiläumsfeier in Stolp scharfe Ausdrücke gegen die Presse gebraucht. — Regierungs- rat Plehn ist zum 1. Oktober von Minden nach Schleswig versetzt worden. -»■ Der deutsche Bot­schafter in Tokio, Frhr. Mumm v. Schwarzen­stein, ist in Berlin eingetroffen.

s Die Reichstagslormniffion für die Reichs- versicherungsordnung beschäftigte sich am Donnerstag mit einer sehr wichtigen Mittelstands- srage, nämlich mit der für die Ünfallberufsgenoffen- schaften vorgesehenen Möglichkeit, durch ihr Statut die Versicherungspflicht auf Betriebsunternehmer, Haus- gewerbetreibende und Vetriebsbeaniten auszudehnen. Ein Zentrmsabgeordneter beantragte, die Betriebsbe­amten herauszunehmen, da die Kleinmeister es nicht nötig hätten, versichert zu sein und wegen ihres ge­ringen Beitrags in der Berufsoenoffenschast keinerlei Einfluß erlangen könnten. Der Antrag wurde schließ­lich mit großer Mehrheit abgelehnt. Dahingegen wurde § 570 angenommen, wonach Unternehmer unter 3000 Mack Jahresverdienst oder keine oder «höchstens zwei Versicherte beschäftigen, sich selbst ver­sichern können.

a. Die Juftizkommffsiou des Reichstags beriet gestern den Schluß des 4. Buches der Strafprozeß­ordnung, mit den näheren Bestimmungen über „Strafverfügung und Strafbescheid", „Verfahren ^gegen Wehrpflichtige" und „Einziehung und Ver­mögensbeschlagnahme. Beim 5. Buch (Vollstreckung, Kosten) rief der § 456, welcher bestimmt, daß die Todesstrafe nicht vollstreckt werden darf, bevor sest- steht, daß vom Begnadigungsrecht kein Gebrauch gemacht wird, einen Gegner der Todesstrafe zu längeren Darlegungen heraus. Von anderer Selle wurde abgelehnt, die grundsätzliche Seste der Frage, die in das Strafgesetzbuch gehöre, an dieser Stelle n erörtern, der § 466 wurde angenommen.

* Kaiser Wilhelm I. und Hofprediger Stöcker. Aus dem Nachlasse des verstorbenen Hofpredigers Stöcker hat Dietrich v. Oertz e n Mitteilungen ver­öffentlicht, die ein umfangreiches Buch darstellen, das in der nächsten Zeit erscheinen wird. Die Stellung Kaiser Wilhelms I. zu seinem Hosprediger erfährt ihre Beleuchtung durch einige Erlasse des alten Kaisers und Schreiben des Präsidenten des evangelischen Kirchenrates Hermes, die hie. zum ersten Male in ihrem Wortlaute veröffentlicht werden. Als Stöcker 1880 Bleichröder in seine Reden hineinzog, erging, offenbar auf Veranlaffung Bis­marcks, am 29. Dezember 1880 au Stöcker ein 'Handschreiben des Kaisers, in dem es heißt:

Ich verkenne zwar nicht, daß Sie auch bei Ihren sozialen Bestrebungen von guter Absicht geleitet wer­den doch Ihre bisherige Tätigkeit von Aus schrei- t ungen nach Form und Maß nicht freigeb lieb en. Anstalt die Begehrlichkeit zu beruhigen, haben Eie sie viel- mehr erregt Ich erwarte, daß Sie fortan überall, wo Sie öffentlich auftreten, auch außerhalb Ihres geistigen Amtes, die dem letzteren besonders obliegende Pflege des Friedas unter allen Klaffen meiner Untertanen un- beirrt im Auge behalten werden.

Um Ehre und Recht.

25} Roman von O. Elster.

„Ei, zum Henker," sagte Leugner, dem nun auch bas Blut zu Kopse stieg, „schreien Sie nicht so und lasien Sie meinen Arm los/ Ich kann Ihnen keine Erklärung geben, ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich Sie für einen ehrlichen Menschen halte Was an­dere Leute über Sie denken, dafür bin ich nicht ver- antworllich. Da muffen Sie die anderen Leute fra- flCtt. Z-. . q.

Wer find diese anderen Leute?

'Nun, zum Beispiel Graf Hennersdorf oder die Varonin von Hambachs

„Die Baronin?!' , m . ,,, ,,

Nun ja — die wird mit ihrer Meinung nicht hin­ter dem Berge halten. Gras Hennersdorf auch nicht. Und Sie wiffen ja, wenn die beiden in dreser.Ge­gend eine Parole a-.lsgeben, dann g'lt das ebensoviel als wenn das Obeckandesgericht em Urteil gesprochen hat. Und nun adieu, Fritz - nehmen Sie mir meme Worte nicht übel, ich halte Sre surren, ehrlichen Menschen — andere halten Vie nicht dafür damit müffen Sie sich nun einmal abfmden, also veckaufm Sie Neuhof nur wieder." .... . = —

Damit ging er rasch davon und Kat m das Wohn­haus hie Türe fest hinter sich schließend.

Fritz stand wie betäubt. Das Blut rche in seinen '.Adern und drohte ihm Herz und Schlafen zu zer- iprengen. Vor den Augen wirbelte ihm ern bKlUger Aebel auf und ab, seine Brust keuchte, und mit beiden wänden arisf er sich in das Haar.

^ .WnÄ wahnsinnig?" flüstecke er und blickt- wild um sich. Da traf sern Auge auf dre Knechte an der Stalltür, die, wie es ihm schien, spöttisch zu ihm hm-

auch sie schon von dem furchtbarm Ver- bockte, bet öuf lojtctc unb üot bem ]tcy iytn (xHc Türen geschloffen hatten?

, Ihm war es, als zeige alle Welt mit dem Finger stuf ihn, und als spotteten tausend Lippen: „Seht £ba — ben Die», den ehrlosen Dieb .. .

Unter dem 29. November 1883 erhielt Stöcker vom Präsidenten des evangelischen Obeckirchenrates Hermes eine Eröffnung, in der ihm Kenntnis von einem allerhöchsten Erlaß gegeben wird. Darin heißt es:

Ich beauftrage Sie, bem Hosprediger Stöcker zu eröffnen, es habe Mein ernstes Mißfallen erregt, daß er ohne von Mir den erforderlichen Urlaub ein« geholt zu haben, sich nach London begeben, sowie, daß er mit Hintansetzung seiner Stellung als Hosprediger dort im Auslande neben Luther-Borirägen und Pre­digten sozialpolitische Fragen öffentlich behan­delt und damit dem Borkommen kompromittierender Auftritte sich und sein Amt ausgesetzt hat. Demselben ist zu eröffnen, daß Ich überhaupt in seinem außer- amtlichen Auftreten vielfach den Takt vermiffe, der zur Wahrung der Würde feines Amtes und Berufes als Dom und Hosprediger unumgänglich geboten ist.

Am 27. Juli 1885 erhielt Stöcker vom Präsi­denten des evangelischen Oberkirchenrat Hermes ein Schreiben, in dem er veranlaßt wird, seine Demission als Hof- unb Domprediger zu geben, da sie vom Kaiser gewünscht und erroartet werde. Ein Schreiben vom 30. Juli spricht das Be­fremden darüber aus, daß die Erklärung Stöckers noch ausstehe, und macht chn auf die Gefahr auf­merksam, daß der Kaiser ihm das Amt entziehen werde. Auch Minister v. Puttkamer unterrichtete Stöcker, daß eine Umstimmung des Kaisers schwer­lich zu erwarten sei. Stöcker weigerte sich aber, zu demissionieren und setzte große Hoffnungen aus die Fürsprache des Prinzen und der Prinzessin Wilhelm (des jetzigen Kaiserpaares) und es scheint auch, daß diese ein gutes Wort für ihn eingelegt haben. Die Prinzessin Wilhelm (die jetzige Kaiserin) bekundete ihm in einem Briefe ihr warmes Jntereffe. Die Entlassung Stöckers erfolgte dann bekanntlich unter Wilhelm II., der inzwischen sein Urteil über Stöcker geändert hatte.

8 Der Gustav Adolf Verein, der augenblicklich in Stralsund seine Jahrestagung abhült, hat vom Kaiser auf sein Begrüßungstelegramm eine ungewöhn­lich herzliche Antwort erhalten. Unter den „Liebes­gaben", die den Herren aus den verschiedensten Tei­len Pommerns zugingen, war auch eine in Höhe von 25 000 Mark der Stadt Stralsund, unter deren Steuerzahlern auch Katholiken find. Von den Gel­dern dieser katholischen Steuerzahler wird also zwangs­weise ein Teil benutzt, um die Agitation des Gustav Adolf-Vereins gegen den Katholizismus in den ka­tholischen Landesteilen zu unterfttitzen! — Im näch­sten Jahre beglückt der Verein Frankfurt mit seinem Besuche.

4~ Die Parieisteuerschraube. Die Sozialde­mokraten der Berliner Vororte Lichtenberg, Fried- richsbcrg und Rummelsburg-Boxhagen, welche in einem Wahlverein vereint sind, haben die immer schär­fere Heranziehung zu Parteibeiträgen endlich satt be­kommen. Eine von den führenden Genoffen empfoh­lene und im Hinblick auf die kommenden Reichstags- waWen eifrig befürwortete Erhöhung d er Par­te i st e u e r n wurde mit 72 gegen 70 Stimmen ab - gelehnt. Der Vorsitzende Spiekermann legte dar- mifhin sein Amt nieder. Die rebellierenden Genos- fen zählen sonst zu den Ultraradikalen und sind Wäh­ler Stadthagens.

* Sigmaringen, 22. Sept. 1910. Aus An­laß der heutigen Einweihung des Denkmals des Fürsten Leopold und des Besuchs des Kaisers trägt die Stadt reichen Flaggenschmuck. Tausende von Fremden, namentlich auS Hohenzollern, Württemberg und Baden, sind eingetroffen. Das Wetter ist kühl aber schön. Fürst Leopold hat bekanntlich als angeblicher spanischer Thron- bewerber in der Vorgeschichte des deutsch-franzö­sischen Krieges eine Rolle gespielt. — Um 12 Uhr traf der Kaiser auf dem Bahnhofe ein, wo er vom Fürsten Wilhelm und dessen beiden Söhnen empfangen wurde. Bei dem Denkmal des

Es war zum Rasendwerden! Er ballte die Fäuste, er knirschte mit den Zahnen, und wenn jetzt Franz Leugner noch vor ihm gestanden, er hätte ihn in seinem auflochenden Zorn zu Boden geschlagen.

Aber Lengner mußte ihm Rechenschaft geben! Er eilte auf die Haustür zu und ergriff die Klinke — die Tür war verschloffen.

In sinnlosem Zorn rüttette et an der Tür.

Da näherten sich ihm die Knechte mit drohenden Mienen.

„Lasten Sie die Tür in Ruh', Herr Born," sagte einer der Männer. „Sie sehen ja, daß sie verschlos­sen ist und daß Herr Lengner für Sie nicht zu spre­chen ist."

„Und wenn wir Ihnen taten sollen," setzte ein anderer hinzu, „dann machen Sie, daß Sie vom Hofe kommen, oder wir helfen Ihnen rascher dazu, als Ihnen lieb sein dürste."

„Sie haben hier nichts mehr zu suchen," rief ein dritter.

Da besann fich Fritz und zwang mü Gewalt feine Bewegung nieder. Er schämte sich, den Leuten sei­nen Zorn gezeigt zu haben. Ohne sie einer Erwi­derung zu würdigen, verließ er den Hof und bestieg seinen Wagen.

„So rasch die Pferde laufen können, nach Hansel" rief er dem Kutscher zu, und dieser, in der Meinung, sein Herr sei krank geworden, ließ er die Trakehner Rappen tüchtig ausgreifen.

In einer halben Stunde war Fritz zu Haufe. Aber wie verödet schien chm sein freundliches Heim, in dem er einet glücklichen Zukunft entgegenzuleben gehofft hatte. Irr, wie im Fieber, ließ et seine Augen um- hetschweifen. Da fiel sein Blick auf ein großes Schrei­ben, welches aus seinem Schreibtisch lag.

Militaria! stand darauf, und es war mit dem Siegel der BezirkÄommandantur gesiegelt.

Mit zitternden Händen öffnete Fritz das Schrei­ben und überflog es mit heftigen Blicken. Bleich wie der Tod, ließ et das Schreiben zur Erde fallen, dann stieß er einen röchelnden Laut aus und sank auf einen Stuhl, während fein Haupt schwer auf die Arme niederfiel, die fich auf ben Tisch gelegt batten.

Fürsten Leopold richtete der Bürgermeister Dr. Reiser eine Begrüßungsansprache an den Kaiser, der darauf das Zeichen zur Enthüllung des Denkmals gab. Fürst Wilhelm dankte dem Kaiser für sein Erscheinen und schloß mit einem Hoch auf Seine Majestät. Der Kaiser führte in seiner Antwort auS, Fürst Leopold sei seinem Vater ein treuer Freund und ihm ein sicherer väterlicher Berater gewesen. Er wünsche als Hohenzoller das Fortblühen und Gedeihen des fürstlichen Hauses Hohenzollern und rufe auf das Wohl desselben: Hurra, hurra, hurra. Stach der Besichtigung des Denkmals stattete der Kaiser der Fürstin-Mutter Leopold einen Besuch ab und unternahm dann mit den Fürstlichkeiten eine Fahrt durch die Stadt zum Rathaus, wo Bürgermeister Dr. Reiser den Willkommengruß der Stadt entbot. Der Kaiser dankte ihm durch Händedruck und richtete einige Worte an ihn. Dann nahm er den Vorbeimarsch der Krieger­vereine ab und begab sich zu Fuß nach dem Schloß, wo Galatafel stattfand.

Ausland.

* Der Gedanke der Unterbringung der türkischen Anleihe in Frankreich scheint doch noch nicht ganz aufgegeben zu sein. Die Meldung, daß eine Finanz­gruppe mit Sir Ernest Gaffel an der Spitze einen Verttag zur Unterbringung der türkischen Anleihe in London und auf dem Kontinent geschloffen habe, wird von der ,$ime§' für unrichtig erklärt. Es wird für durchaus möglich gehalten, daß trotz der Verzögerung der Verhandlungen die türkische und die französische Regierung zn einem befriedigenden Abschluß gelangen.

** Ans der Rede Nathans, des Bürgermeisters von Rom, zur Feier des 20. September, liegen jetzt größere Auszüge vor. die den grenzenlosen Haß die­ses Bürgermeisters gegen Kirche, Papst und Religion grell beleuchten. Er erinnerte an die Herbsttage im Jahre 1869, als die Vertreter des Dogmas zum ötu= menischen Konzil in Rom erschienen, wo der Papst unbegrenzte Macht über die Menschen ererben sollte. „Es war die Umkehmng der biblischen Darstellung vom Gottessohne; hier wurde der Menschensohn zum Gott gemacht. Doellinger blieb allein ... Es war die letzte Pilgerfahrt zum Papstkönige. Es war ein Pilgerzug zur Unfehlbarkeit, die von der Tradition überkommen, in die Sitten übergegangen ist und sich heute leider noch im Volke zeigt, das beim Erscheinen von epidemischen Krankheiten zur Madonna betet und die Aerzte abschlachtet; jener Unfehlbarkeit, die die Päpste dazu treibt, das gesetzmäßige menschliche Stre- 6en zu boykottieren, dem Suchen nach Kulttir, der Kundgebung des Gedankens einen Riegel vorzuschie­ben, damit das Tageslicht nicht eindringen kann." In diesem Tone geht die Rede weiter, die nichts weiter ist, als eine gemeine Beschimpfung des Papstes und der katholischen Kirche. — Der 6erriete d'Jtalia legt entschieden Protest ein gegen die schamlose Sprache des ersten Beamten von Rom. Der Osservatore Ro- mono nennt die Rede ein Dokument menschlicher Ge­meinheit und menschlicher Bestialität. Der regierungs- fteundliche Popolo Romano schreibt: „Wenn man den Tag feiert, der Rom allen Italienern gab, nicht nur den Freimaurern und Umstürzlern, so hat man die Pflicht, über seine persönliche Anschauung hinaus in eine reine Atmosphäre sich zu erheben, in der man des Beifalls der Nation sicher ist. Das hat Nathan in seiner Rede leider nicht getan."

[] Die Rauferei in Magdeburg.

In wüsten Szenen Haden die deutschen sozial­demokratischen Parteitage schon manches geleistet. Der Hexentanz aber, den die Genossen in Magde-

Das Schreiben lautete:

„Euer Wohlgeboren teilt das Königliche Bezirks­kommando mit, daß von Ihrer Offizierswahl Abstand genommen worden ist, da der Verdacht einer unred­lichen Handlungsweise auf Ihnen lastet. Das Be- zickskornmando stellt Ihnen anheim, die geeigneten Schritte zu tun, sich von diesem Verdachte zu reini­gen, in welchem Falle das Kommando weiter er­wägen wird, ob Sie zur Offizierswahl noch zuzulaffen find.

v. Waldau,

Major z. D. und König!. Bezirkskommanbant.

XIV.

Es wahrte mehrere Tage, ehe sich Fritz von dem furchtbaren Schlage soweit erholt hatte, daß er ruhig darüber nach denken konnte, was er tun sollte, um seine in den Schmutz getretene Ehre wieder rein zu wa­schen. Er konnte nicht mehr im Zweifel darüber fein, daß die Verleumdung von Schloß Hambach ausging, und wenn er auch Stanislaus Prokowsky für den eigentlichen Verleumder hielt, so mußte er doch auch die Baronin beschuldigen, denn wenn diese die Ver- leuminntg in der Gesellschaft nicht weiter verbrettet hatte, dann würde man ihr nicht solches Gewicht bei- gdegt haben.

Aber was konnte die Baronin ihm vorwerfen? In seiner früheren Stellung als Verwalter auf Schloß Hambach hatte er sich nie das geringste Versehen zu­schulden kommen lassen, er besaß darüber das Zeugnis des verstorbenen Barons. Der Grund, weshalb er Hambach damals so rasch verlassen hatte, war, selbst wenn er den Tatsachen entsprochen hätte, nicht ge­nügend, seine Ehre zu beflecken. Sin leichffinniger Streich würde einem jungen Manne nicht so übel ge­nommen worden sein.

Hier handelte es sich ja auch um eine Unredlichkeit, beten man ihn beschuldigte!

Fritz stand vor einem Rätsel. Aber er war sch entschlossen, dasselbe zu lösen und nicht dieser Auf­gabe feige aus dem Wege zu gehen, wie ihm Franz Lengner geraten hatte

bürg vorgestern um die mitternächtige Stunde auf geführt Haden, sucht selbst seinesgleichen.

Die Absicht des Parteivorstandes ging dahin, bett Budgetbewilligungsstreit in einer Form zu lösen, daß die radikalen Gemüter in ihrem Zorn besänf­tigt, die badischen Disziplindrecher aber noch soeben mit heiler Haut davonkommen würden. Die Reden Bebels, der die Ansichten des Parteivorstandes zu vertreten hatte, waren ganz auf den Ton gestimmt: Den Pelz waschen, aber nicht naß machen. Bereits war es ihm auch gelungen, die Zurückziehung der von der Riehrzahl der Delegierten unterzeichneten Resolution Zubeil zu erreichen, welche eine Ver- schärfung der Resolution des Parteivorstandes dahin forderte, daß den Badensern nicht nur die allerschärfste Mißbilligung ausgesprochen, sondern ihnen auch zu Gemüte geführt wer­den sollte, „daß diejenigen Parteigenossen, die dieser Resolution zuwiderhandeln, sich damst ohne wetteres außerhalb der Partei stellen". Den Führer der Badenser, Abg. Dr. Frank, stach ob dieses Sieges der Hafer und er gab zu verstehen, daß er und seine Genossen bei der nächsten Ge­legenheit dasselbe wieder tun würden. Das brachte die Bombe zum Platzen und nach tumultarischen Szenen wurde ein neuer schärferer Antrag Zubeil zum Beschluß erhoben.

Die Radikalen haben den Sieg errungen, die Unterlegenen aber sind nicht die Badenser, sondern r c Parteivorstand, dessen dringlichste Mahnungen, die Sache nicht auf die Spitze zu treiben, kein Ge­hör sanden.

Ein interessantes Schauspiel, ohne Zweifel. Wenn man will, kann man auch von einer neuen Blamage der Sozialdemokratie sprechen und den Magdeburger Strudel in Vergleich stellen mit dem Dresdener Jungbrunnen. Aber man muß doch vorsichtig sein in der Bewertung dieses theatralischen Zwischenfalls und darf nicht gleich von einer „Spaltung" der roten Partei und von einem Zusammenbruch der sozialdemokratischen Wahlaussichten reden. Daß über die Katastrophe­partei einmal eine Katastrophe hereinbrechen und Herr Bebel den von ihm prophezeiten Kladderadatsch einmal selbst erleiden möchte, wäre gewiß sehr zu wünschen; aber der Politiker muß die Dinge nehmen, wie sie sind, und nicht, wie er sie wünscht.

Die radikale Mehrheit hat noch keineswegs der süddeutschen Bttnderheit „den Stuhl vor die Türe" gesetzt, und die Budgetbewilliger haben ebensowenig ihren Austritt aus der Partei genommen. Auch der radikale Antrag, der schließlich um Mitternacht angenommen wurde, enthält nichts weiter, als die vom diplomatischen Vater Bebel bereits formulierte Ankündigung: die bisherigen Missetaten sollen straflos hingehen, aber das nächste Mal — dann werden wir doch wohl Ernst machen müffen! Den süddeutschen Frevlern geschieht gar nichts, so lange sie nicht etwa von neuem ein Landesbudget be­willigen, und wenn sie das tun, so droht ihnen auch noch weiter nichts, als ein umständliches Aus­schlußverfahren, bei dem satzungsgemäß nicht die Parteitogsmehrheit, sondern die dem „Angeklagten" befreundete Landesorganisation zu entscheiden hat. Das Schwert, mit dem Zubeil und Genossen in der tragischen Nacht so imposant gefuchtelt haben, ist von Pappe. Die süddeutschen „Sezesstonisten" konnte in der Tat am Morgen nach ihrer „Ab- schlachtung" ruhig wieder ihre allen Platze im Parteisale einnehmen. Die Radikalen wagen es gar nicht, den Scheidungsprozeß in Gang zu bringen.

Die Lage innerhalb der Partei war s. Z. in Nürnberg erheblich gespannter, als jetzt in Magde- burg. Damals erhoben 5 bi? 6 Dutzend Süddeutsche einen förmlichen Widerspruch gegen einen binden­den Parteibeschluß, und die Mehrheit ließ diese revolutionäre Erklärung geduldig zu Protokoll nehmen. Das war wie ein Messerstich in's Tisch­tuch ; aber das Tischtuch ist doch nicht in zwei Teile

Zuerst mußte er aber die Tatsache kennen, welche man ihm zur Last legte.

Sollte er sich an die Baronin direkt wenden?

Aber was konnte et anführen, um von ihr Rechen­schaft zu fordern? Er wußte ja noch nicht einmal, wessen man ihn anklagte. Das zu erfahren, mußte feine erste Sorge sein, und wahrscheinlich würde er es am ersten und zuverlässigsten auf dem Bezirkskom­mando erfahren, denn dieses konnte nicht »ohne nähere Kenntnis der Sachlage jenes Schreiben an ihn ge­richtet haben.

Fritz fuhr deshalb am nächsten Tage in die Stadt und ließ sich beim Bezirkskommandeur melden.

Major von Waldau war ein alter, sechzigjähriger Offizier, der fich schon von zehn Jahren aus dem an­strengenden Frontdienst auf den ruhigen Posten eines Bezirkskommandeurs zurückgezogen hatte. Fritz kannte ihn persönlich als einen guten, ehrenhaften Herrn, der ohne Grund gewiß niemandem strenge entgegen« trat. Ungerecht ober auch nur allzu rasch einen Men­schen zu verurteilen, lag ganz außerhalb des Wesens des alten Herrn.

Fritz wurde in die Privatkanzlei des Majors ge- fiihtt, der ihn in steifer, militärischer Haltung cm sei­nem Schreibtisch stehend empfing, ohne jedoch Fritz' achtungsvollen Gruß zu erwidern.

„Ich habe Ihren Besuch erwartet, Herr Born," sagte er mit der knarrenden Stimme eines alten Sol­daten. „Aber ich muß Ihnen von vornherein sagen, daß ich Ihnen keine Hoffnung machen kann, das Re­skript, welches Sie erhalten haben, zurückzunebmen."

„Ich wollte Herrn Major auch nicht darum bitten," entgegnete Fritz, indem et sich gewaltsam zur Ruhe zwang, „sondern datum, mir mitzuteilen, welcher un­redlichen Handlungsweise man mich beschuldigt."

„Ich weiß nicht, ob ich dazu befugt bin. Sie müs­sen sich an diejenigen Personen halten, »velche das Ge­rücht verbreitet haben. Wären Sie bereits Offizier, dann wäre es fteilich meine Pflicht, die Angelegenheit weiter zu verfolgen, entweder auf ehrengerichtlichem Wege oder vor dem Kriegsgericht. so muß ich Sie an die Zivllgerichte verweisen."

(Fortsetzung folgt.)