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2. Slötte •

vruck tntb Verlag der Zutdaer Artleadruckerei in Zulda.

37. Jahrgang.

Der

*

Sorge um Leben und Sicherheit des Menschen an­heimgestellt ist. Gewiß: Justizmorde kommen zu allen Zeiten vor, und ste stnd begründet in der Unvollkom- menheit menschlicher Erkenntnis. Das Unheil, das daraus erwächst, sicht aber bei der notorischen Selten­heit der Fälle in keinem auch nur annähernden Ver­hältnis zu dem Unhell, das durch die Teufel in Men- chengestalt über die Mmschheit gebracht wird, welche ich durch ihre Schandtaten als ihre offene Feinde zu «tarnen geben.

Wenn sich unser Juristenstand von diesen Anschau­ungen in seiner Gesamtheit durchdringen ließe, wenn an die Stelle einer falschen Gefühlsduselei allenthal­ben das Prinzip gerechter Vergeltung träte, so würde das unserer Justizpflege nur zum Segen gereichen.

Nun denke man an die aus reiner Mordlust provo­zierten Mefferftechereien, bei denen ganz friedliche Un- betelligte aus dem Leben geschafft werden, vielleicht Ernähr« von großen Familien, die die Ihrigen im tiefften Elend zurücklaffen müssen. Man denke an jene empörende Tierquälereien, an Torturen und Marte­rungen wehrloser Kinder, die von ihren Behütern langsam zu Tode gequält werden. Gibt es für alle diese Scheußlichkeiten eine Strafe, die als eine aus­reichende Sühne bezeichnet werden könnte, wenn nicht die Prügelstrafe? In anderen Ländern, wie in Däne­mark bestellt sie und bewährt sich vorzüglich, wie die Statistik erweist. Selbst in dem humanitätstrunkenen Frankreich erheben sich angesichts der beispiellosen Roheiten der Apachen gewichtige Stimmen — sogar aus dem sozialistischen Lager! — die für die Ein- fühning der Prügelstrafe eintreten. Wir können uns der Deutschen Tageszeitrmg nur vollkommen an­schließen, wenn sie bei der Bettachtung über dasselbe Thema schreibt:

„Nichr das ist brutal, wenn man Verüb er von , Erutalitätsdelikten so behandelt wie sie es verdienen, und wenn man sie dadurch abschreckt, sondern es ist im eigentlichen Sinne des Wortes inhuman, wenn man immer wieder viehische Verbrechen auf die Menschheit rosläßt dadurch, daß man sie in einer Weise straft, die nicht in dem erforderlichen Maße abschreckend straft."

' Bemerkenswert sind auch die Verhandlungen über die Abschaffung der Todesstrafe auf dem deutschen Jurtstertage in Danzig. Bekanntlich hat zwar ein dahin gehender Antrag nicht die Majorität erzielt. Immerhin haben sich 24 Stimmen für ihn erhoben. Und das ist eine bedauerlich starke Minder­heit. Wenn man anführt, der Mensch habe kein Recht, b<>3 Leben eines Menschen zu vernichten, so ist das ein alter Trugschluß, den man heute nicht wieder vor­bringen sollte. Denn bei der Justizgewalt handelt es sich um eine von Gott eingesetzte Institution, der die

Aus dem Nachbargebiete.

* Lauterbach, 20. Sept. 1910. Am 21., 25. und 26 d. Mts. findet, wie schon mitgeteilt, die land­wirtschaftliche Kreisschau statt, die° von der Landwirtfchaftskammer für Hessen veranstaltet wird. Für den zweiten Festtag, einem Sonntag, ist ein großer Fe st z u g vorgesehen, der für weite Kreise ein besonderes Interesse dadurch gelvinnen wird, daß viele Teilnehmer an dem Zuge in ihren heimischen Trachten erscheinen werden. Der Zug, dessen Pro­gramm Herr Baurat Diehm entworfen hat, soll die vier Jahreszeiten und das Leben und Schaffen des Land­wirts während derselben zur Darstellung bringen. Außer den vier Hauptwagen, Frühling, Sommer,

Ausland.

** Die griechisch-türkischen Beziehungen sind und bleiben gespannt. Es ist eine seltsame, aber im Ver­lauf der Weltgeschichte nicht zum erstenmal beobachtete Tatsache, daß, je fauler und verwirtter die inner­politische Lage eines Landes ist, desto eifriger dessen leitende Männer bestrebt find, das nationale Ansehen nach außen hin, selbst durch kriegerische Abenteuer, zu

Deutsches Reich.

Der deutsche Kolonialkongretz 1910 findet vom 6. bis 8. Oktober im Reichstagsgebäude zu Berlin statt. Unter den Veranstaltern befinden sich auch zahl­reiche kacholifche Vereine und Missionsgefellschasten, so der Afiikaverein, der Charitasverband, Genossenschaft der Missionare vom hl. Herzen Jesu, Genossenschaft der Oblaten, Gesellschaft der Weißen Väter, Kon- gregatton der Pallotiner, Kongregation der Väter vom hl. Geist, Missionsgesellschaft des göttlichen Wortes, rheinisch-westfälische Kapuziner-Ordens-Provinz, St. Benediktus-Missions-Genossenschaft, St. Raphael-Ver­ein und andere.

* Wer soll mit dem Kronprinzen reifen? Die Antisemiten freuen sich, daß kein »Börsenjobber, Kohlenwucherer und Baumwollspekulant" vom Kron­prinzen auf seiner Reise nach Ostasien mitgenommen wird. Die ,Nat. Sorr/ dagegen klagt:

»Mit großem Befremden wird man allseitig die Liste der Herren betrachtet haben, welch« als Reisebe- gleiter für unseren künftigen Kaiser ausersehen wurden. Von den sämtlichen Herren ist keiner aus denjenigen Kreisen genommen, welche Verbindungen mit dem Orient unterhalten. Kein Kaufmann, kein Industrieller, kein Gewerbetreibender befindet sich unter jenen Män­nern, und lediglich Offiziere sind berufen, die Umgebung des jungen Fürsten zu bilden."

Schließlich wird die »Regierung" getadelt, daß sie nicht für bessere Reisegesellschaft gesorgt hat. Man gedenkt auf liberaler Seite mit Neid der Zeit, wo Kronprinz Friedrich, der nachmalige Kaiser, mit einem Stab von liberalen Berichterstattern unter Führung des nationalliberalen Abg. Dernburg, des Vaters des verflossenen Staatssekretärs, seine Orient- reife gemacht hat. Daß damals Industrielle und Kaufleute mit von der Partie waren, ist uns nicht bekannt. Es genügte aber, daß die liberalen Presse­vertreter dabei waren. Uebrigens sind auch wir der Ansicht, daß ganz gut ein paar urteilsfähige In­dustrielle und Kaufleute die Fahrt mitmachen könnten. Die Reise soll doch nicht lediglich dem Studium der Heeresverhältnisse der fremden Länder dienen. Allerdings kann man zugeben, daß die Bedeutung der Prinzenreisen überschätzt wird. Lernen Prinzen und andere Fürstlichkeiten aus Reisen wirklich so viel, zumal in wirtschaftlichen Fragen?

+ Verbot des ,Berl. Tagebl/ in Rußland. Das russische Ministerium des Innern hat die Einfuhr des ,Berl. Tagebl/ nach Rußland verboten. Das Blatt berichtet. Gründe für das Verbot feien nicht angegeben. Nun, nach den Gründen braucht man nicht lange zu fragen, wenn man sich erinnert, mit welcher Gehässigkeit, die der sozialdemokratischen Presse wenig nachgab, das Blatt in der letzten Zeit die russische Regierung und die zurzeit in Deutsch­land als Gast weilende Zarenfamilie verfolgt Hal. Das ,Berl. Tagebl/ will das Verbot damit umgehen, daß es sich mit seinen bisherigen Abonnenten brief­lich in Verbindung setzt. — Wie eine spätere Meldung besagt, ist übrigens auch die ,F r a n k f. Z t g.' von dem Verbot der Einfuhr betroffe worden.

vermischtes.

♦ In Sachen der Niederderrtschen Bank ist bet Direktor Kohlleppel in Dortmund verhaftet war- den Kohlleppel ist Direktor der Dortmunder Ter- raingefellfchaft, die von der Niederdeutschen Bank ge­gründet worden ist.

* Die 83. Versammlung deuffcher Naturforscher und Aerzte tagt gegenwärtig in Königsberg un­ter Beteiligung der hervorragendsten deutschen Ge­lehrten und Forscher. Unter anderen wichtigen The­men werden die Behandlung der Syphilis mit einem neuen, von Prof. Ehrlich erfundenen Präparat und die Cholera besprochen.

* Ein rasender Kroate lief in den Abendstunden durch die Straßen von Oberhausen-Styrum, indem er, das Messer in der Hand, alles, was sich ihm in ben Weg stellte, über den Haufen rannte. Er stach zunächst eine Lokomotivführerssrau, die ruhig in der Haustür stand, nieder, und verletzte sie derart schwer, daß sie ins Krankenhaus geschafft werden mußte. Ein Landsmann des Rasenden wurde so schwer verletzt, daß er nach wenigen Minuten starb. Mehrere andere Personen erlitten leichte Stichwunden. Einem Schutz­mann gelang es schließlich, den Rasenden nach schwe­rem Ringen festzunehmen.

*♦ Eine Bonrbensabrik wurde in Lissabon entdeckt und das vorhandene Material beschlagnahmt. Zehn Personen, darunter Frauen und Kinder, wurden verhaftet.

** Ein schreckliches Unglück ereignete sich im Orte Hargelsberg (Oberösterreich). Der Maschinist Schrenk war an einem Motor beschäftigt, als der Rie­men von der Transmission herabfiel. Schrenk wollte ihn während des Ganges hinaufheben, als er von der Transmission am rechten Arm erfaßt und dieser voll­ständig zerfleischt wurde. Im gleichen Moment kam er schon mit dem Kopf in die Transmission, welche ihm denselben vom Rumpfe trennte und den übrigen Körper wegschlmderte. Das Gesicht war in zwei Teile zerschnitten; die eine Hälfte fiel auf den Boden, während die andere Hälfte mit einem offenen Auge am Antriebsrad des Motors hängen blieb. Die Um­stehenden waren so starr vor Entsetzen, daß sie erst hernach, als das Unglück in seiner Größe vorüber war, den Motor abstellten, Schrenk ist Vater von vier unmündigen Kindern.

Herbst und Winter, enthält er Gruppen, die die Feld- bestellung und das Ernten der verschiedenen Erzeug- nisse und ihre Verwertung veranschaulichen. So wer­den u. a. geschmückte Heu- und Erntewagen im Zuge erscheinen, die Flachsernte, die Obswerwertung und eine Saatbausteüe werden gezeigt werden. In einem Schlitzerländer Hochzeitszug, einem Kirchweihzug, mehreren Spinnstubenwagen werden Volksgebrauche dargestellt werden. Ein Märchenwagen wird uns an das traute Familienleben am behaglichen Kachel­ofen, ein Wagen mit Webstuhl an den Winterfleiß des Sauern erinnern. Ein Brauereiwagen und eine Jagdgruppe, ein Schützenzug, ein Gärtnerwagen, eine Darstellung der in Lauterbach viel geübten Töpferei werden das Bild heimischen Lebens vervollständigen und auch unsere Metzgerinnung wird im Zuge nicht fehlen Zwischen den Gruppen und Wagen gehen die Schulkinder und Trachtengruppen, borunter eine in alten Schlitzerländer Trachten. Außer der Lau- terbacher Stadtkapelle iverden zwei weitere eine aus Hörgenau und eine aus Bernshausen ihre Weisen w- riingen lassen, selbstverständlich fehlt auch die fo be­liebte Ziehharmonika, das Hausinsttument unserer Sauern, nicht. _ ™

§ Aus Oberhessen, 20. Sev. 1910. ^as Pro­vinz i al w a s s er w e r k der Provinz Oberhessen in Inheiden bei Station Trais-Horloff, welches vom Oktober nächsten Jahres ab täglich ca. 20 000 Kubik­meter des besten Quellivaffers in einer 45 000 Meta langen Leitung aus 700 Millimeter Röhren nach grantfurt abgeben soll, sieht seiner Fertigstellung entt gegen. Die Kosten belaufen sich auf etwa 7 Mill. Mark. Zum Zwecke der Errichtung des Pumpwerkes und Anlage der Srunnen hat man eine Muhle nebst dem zugehörigen Gelände aufgekaust und >st oaoei, eine Pumpstation und zwei Dampfturbinen mit Zen- triftigalpumpen zu errichten. Die Pumpstation wurde mit der Station Trais-Horloff durch etn 700 Meter langes Anschlußgleis verbunden, das durch die Bahn- industrie Aettengesellfchast, Hannover-Herrenhausen errichtet wurde.

wahren. Das trifft auch auf Griechenland zu. Die griechischen Eiferer wollen um jeden Preis die An­gliederung Kretas, vielleicht auch noch einiger --eile Mazedoniens an Griechenland. Dabei sieht Ain Grie­chenland selbst traurig genug aus: erst ein Militarauf- SfL.n -.-d-, d"wch- MmM-M-M-l D.«^ ungen gegen das Königshaus usw. Mit Ach und Krach tnb die Wahlen zur Nationalversammlung ^Itanbe gekommen, die über eine Revision der Verfassung be­raten soll von deren Taten aber bisher nur eine große Prügelei zu vermelden war. Mit all dieser Er­regung in Griechenland hängt die Kcetaftage eng zu- SX u»d S !-»» d-h» E n<W«. wenn Griechenlands ganze Hoffnungen sich an einen Mann aus Kreta, namens V e n i z el o s, ^klarn ntem. Bekanntlich hat man es m Griechenland für ratsam erachtet, ttotz der Abmahnungen der Groß- Mächte und ttotz der Kriegsdrohungen der Türkei einige ^eter in die griechische Nationalversammlung zu Wah­len, darunter auch den berühmten Venizelos ^a, was hat denn dieser Kreter so Rühmliches geleistet, daß man ihn in Griechenland toie einen Halbgott ver­ehrt? Gerade Venizelos hat nicht wemg zur Ver­schärfung der Kretafrage beigetragen er hat »ahrelang, getrieben von Ehrgeiz, nicht, von Va ertands ieoe ge- gen die Regierung angekampft, die erst m Person eines griechischen Prinzen und spater eines griechischen Ex- ministers von den Schutzmächten für Kreta verordnet war Venizelos hat so lange agitiert, bis er Mohaim mebaner und Griechen auf Kreta dauernd m zwei feindliche Lager gefoulten batte Aus ?-in Schuld­konto sind die Beschlüsse der kretischen Nationalver­sammlung zu setzen, die den berechtigten Zorn er Türken erregten und znrn Teil durch Eingreifen der Schutzmächte wieder rückgängig gemacht werden mutz­ten wie der Eid, den die kretischen Abgeordneten dem König von Griechenland schworen und den man auch von den mohammedanischen Deputierten »er langte In Venizelos verkörpert sich der griechische Chauvinismus, es ist nur Maske wenn dieser ehr­geizige Kreier sich jetzt so stellt, als wolle er nichts al? eine ruhige gesetzmäßige Entwicklung des griechi­schen Staatswesens. Nach der Vergangenheit eines Venizelos, der auf Kreta nichts als Unruhe zu stif­ten vermochte, geben wir auf seine Loyalitätsversiche­rungen auch nicht einen Pfifferling. Zurzeit erscheint es eben Venizelos opportun, ben Friedfertigen zu spielen. Er ist aber ganz der Mann dazu, wenn er erst seiner Sache sicher, nötigenfalls auch gegen ben Willen des Königs von Griechenland, einen Gewalt­streich zu unternehmen. Venizelos hat seine Aemttr auf Kreta aufgeben müssen, bevor er in die griechische Nationalversammlung eintrat, ebenso die anderen kre­tischen Delegierten zur Nationalversammlung. Aber das allein bietet ben Türken nicht Garantien genug, sie passen auf unb rüsten zu Lande wie zu Wasser, um eventuell dem unruhigen Nachbar eine gleich em­pfindliche Lehre zu geben wie 1897, wo die Griechen in dem leichtsinnig von ihnen heraufbeschworenen Krieoe mit den Türken bös verhauen wurden. Man sollte" doch meinen, daß die Lehren jener Niederlagen noch immer nachwirkten, umsomehr, als die türkische Armee heute noch entschieden tüchtiger geworden ist. Was man von der griechischen Wehrmacht mit ihrem unzuverlässigen Offizierkorps nicht behaupten kann. Die Gefahr, daß der auf der Balkanhalbinsel ange- häufte Zündstoff Wieder einmal explodiert, liegt heute nahe genug. Ein Trost allerdings ist es dabei zu Wissen, daß Türken Wie Griechen Mangel leiden an dem Notwendigsten, das zum Kriegführen gehört. Die Finanzen beider Länder leiden Not, und mit leeren Kassen ist es schwer, ist es heute schwerer als je, sich in kriegerische Abenteuer zustürzen.

□ Humauitätsdustlei.

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humanen Menschengeistes unwürdig Seit diesmun ähnlichen Argumenten wurde eine Stellungnahme für die Wiedereinführung der Prügelstrafe abgelehnt.

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weife der Roheitsverbrecher, teuer Scheusale, die we­der vor Gott noch vor der Menschheit einen Funken von Achtung besitzen, vor Augen halten, um zu der Erkenntnis zu gelangen, daß ihnen gegenüber eine falsche Gefühlsduselei gewiß nicht am Platze ist, daß es vielmehr unsere Pflicht ist, uns der radikalsten Mit­tel zu bedienen, um uns ihrer zu erwehren. Kurz- "ich las man tn Berlin von einer Frau, die mit ihrem ein Jahr alten Kinde ben Tod suchte aus Verzweif­lung darüber, daß es ihr nicht gelang, durch ihrer !Hände Arbeit ihrem dem Trünke ergebenen Manne die Mittel zur Fortsetzung seines wüsten Lebenswan­dels zu verschaffen. Deshalb prügelte der Unhold sein wehrloses Weib aufs Grausamste. Tie Aermste, die mit ihrem Kinde aus ben Wasserfluten gerettet werden konnte, sitzt nun in Untersuchungshaft und sieht ihrer Bestrafung wegen Mordversuchs an ihrem Kinde ent­gegen. Der Kerl aber läuft nach wie vor frei umher. Wäre da nicht die Prügelsttafe das einzig wirksame Zuchtmittel? Wie sehr diese Anschauung dem Volks­empfinden entspricht, ist erwiesen durch die Tatsache, baß das Volk, sobald ein solcher Verbrecher auf fri­scher Tat ertappt wird, den Versuch macht, Lynch- Justiz zu üben. Es ist eben das Empfinden, daß solch ein Unmensch, wenn er ben Gesetzen verfällt, doch nicht eine Strafe erhalten werde, welche der Scheußlichkett seiner Handlungsweise entspricht.

Um Ehre und Recht.

24] Roman von O. Elster.

So machte er sich auf den Weg, um zuerst bei Seiner Exzellenz dem Grafen Hennersdorf auf Schloß Hennersdorf seine Aufwariung zu machen. Der alte Graf war früher stets sehr liebenswürdig gegen ihn gewesen, und selbst Ihre Erzellen.z die Frau Gräfin hatte ihn stets eines freundlichen Lächelns gewürdigt. Wenn er sie mit einer ehrerbietigen Verbeugung be­grüßte. Wenn bet Herr Graf unb die Fran Gräfin ibn empfingen und ihn somit für gesellschaftsfähig er­klärten, bann würde niemand es wagen, ihn zurück- zuweisen.

So fuhr er zuerst nach Schloß Hennersdorf, auf dessen Zinne das rot und blaue Sanner der gräflichen Familie flatterte, zum Zeichen, daß diese anwesend War

Aber als Fritz seine Karten durch den Diener hin­einschickte und anfragen ließ, ob er sich die Ehre geben dürfe, sich Ihrer Erzellenz vorzustellen, brachte ihm der Diener die Karten mit dem Bescheid zurück, Ihre Ex­zellenzen empfingen nicht.

Fritz ärgerte sich. Die Herrschaften waren zu Haus und hatten sogar Besuch, denn der Wagen des Herrn von Snigerlen auf Ruheleben hielt vor dem Schlöffe. Man wollte also gerade ihn nicht empfangen, schickte ihm fogar seine Karten zurück, zum Zeichen, daß fein Besuch überhaupt nicht genehm sei, und daß man mit ihm keinen gesellfchaftlichen Verkehr pflegen wolle.

Das war stark. Aber die gräfliche Familie war als sehr exflnsiv bekannt, sodaß es schließlich nicht wundernehmen konnte, wenn sie ihn, den einfachen Gutsbejitzer mit dem bürgerlichen Namen, nicht em­pfing.

Fritz fuhr weiter. Aber zu seinem großen Er­staunen erging es ihm bei Baron Brandau ebenfo; auch dieser empfing ihn nicht, ebensowenig Herr von 'Sengertat auf Ruhleben, mit dem er früher doch man­schen Skat gespielt hatte. Ueberall erhielt er seine Kar­ten zurück, niemand war für ihn zu sprechen.

Mit bitteren Gedanken unb tief gekränkt kehrte er nach Neuhof zurück.

Das mußte bet Einfluß bet Baronin Hambach fein, der ihn tn solch kränkender Weise aus der Gesell­schaft ausschloß!

Was hatte er dieser Frau nur getan, daß sie ihn mit ihrem Haß förmlich verfolgte? Seine Enüaffung aus dem Dienste des Barons auf Grund einer von dem Baron später selbst als falsch erkannten Verleum­dung konnte doch unmöglich der Grund ihres Haffes sein. Und seine Liebe zu Erika? — Er hatte doch nie mehr gewagt, sich Erika zu nähem, er hatte gegen niemanden, mit Ausnahme seiner Mutter, von dieser Liebe gesprochen, und er würde auch niemals hinter dem Rücken der Baronin sich Erika zu nähern ver­suchen, dazu stand ihm diese zu hoch, dazu hielt er feine Siebe für zu heilig — unb was konnte es da der Baronin ausmachen, wenn er diese Liebe still als ein Heiligtum in feinem Herzen trug?

Da mußte noch ein anderer Grund vorhanden fein, leerer Adelsstolz fein? Der ließ sich vielleicht bei dem Grafen Hennersdorf vermuten, bei den anberen Herren jedoch nicht, die früher sogar, als er noch einfach« Verwalt« war, fieundschaftlich und zmnteil kameradschaftlich mit ihm verkehrt hatten.

Vielleicht würde er den Grund bei den bürger­lichen Gntsbesttzern erfahren, unb so machte er sich am nächsten Sonntag auf, um bei diesen seine Be­suche zu machen.

Aber — das Blut stieg ihm fiedend heiß in die Stirn — er «fuhr hier dasselbe Schicksal wie bei dem Adel. Er wurde nicht empfangen, und als er an zwei Mrilm abgewiesm war, da erfaßte ihn der Zorn und er nahm sich vor, sich um die ganze Gesellfchast nicht mehr zu kümmern.

Er fuhr direft nach Hause.

Auf dem Rückweg mußte er durch Rengershaufen fahren, das Dorf, tn dem das Gut Franz Lengers, des Kameraden von Fritz aus dessen Dienstzeit lag.

Da kam Fritz der Gedanke, ob Franz Sengn«, obgleich er eigentlich nicht zur ersten Gesellschaft ge­hörte, nicht den Grund deS eigenttimlichen Benehmens

dieser wußte, und er befahl dem Kutscher, anzu­halten.

Dann stieg et aus, um auf Leugner zuzugehen. Da sah er zu seinem Erstaunen, wie dies« sich rasch abwandte, als habe « auf dem Hofe zu tun. Aber er wollte Gewißheit haben, ob auch Leugn« ihn mied.

„Hallo, Lengner, wohin so eilig?" rief et ihm nach. „Ich wollte Ihnen eben meine Antrittsvisite machen."

Lengner blieb stehen, ein verlegenes Lächeln auf dem Gesicht.

„Guten Tag, Born," sagte er. „Entschuldigen Sie mich, ich hatte im Stall zu tun."

Fritz trat nah an ihn heran und sah ihm scharf in die äugen.

„Franz Leugner," sprach er fest und bestimmt, „Sie wollten mir ausweichen."

„Ach nein — gewiß nicht."

„Sie wollten mir ausweichen, Leugner, wie alle anderen früh«m Bekannten mir ausgewichen find. Ab« ich lasse Sie nun nicht mtwifchm, ich will wis­sen, was gegen mich voriiegt, daß ihr mich alle meidet, als hätte ich die Pest."

„Sie irren sich, Born."

»Ich irre mich nicht," entgegnete Born «regt. »Und ich will den Grund wissml Sie, Leugn«, sind es mir als Kam«ad und Freund schuldig, mir den Grund zu fügen. Ich fordere das von Ihrem kame­radschaftlichen Gefühl. Als ich Neuhof vor wenigen Wochen kaufte, begrüßten Sie mich auf das herzlichste als Ihren Nachbar, auch die andnen waren erfreut, daß ich Neuhof gekauft und geigten sich mir freund­schaftlich gesinnt. Weshalb auf einmal diese offene Feindschaft?"

»Ab« ich bin ja garnicht Ihr Feind, lieb« Born. Ich habe jetzt nut keine Zeit — man erwartet mich."

»Lassen Sie den anderen warten und stehen Sie mir Rede und Antwort. Sie wollen Reserveoffizier w«den, wie ich — in nächster Zeit sollen wir zur Wahl gestellt w«dm, da kann es mir nicht etnerfet sein, wenn ungünstige Gerüchte üb« mich im Um­lauf find. Wenn Sie mir also nicht Rede und Ant­wort stehm wollen, so w«de ich mich an den Be­

zirkskommandeur Major von Waldau wenden unb ihn bitten, die Angelegenheit zu untersuchen."

„Ich würde das an Ihr« Stelle nicht tun,“ ver­setzte Lengner, der während d« gangen Unterredung ein verlegenes Wesen zur Schau trug.

»Weshalb nicht?"

„Ja — das ist so'ne eigene Sache. Bei ’net Un­tersuchung kommt meistens nicht viel heraus. Da­mals, als sie sich hier aickausten, lagen die Verhältnisse noch and«s, seitdem — nun, seitdem hat sich manches zugettagen."

„Was hat sich zugetragen? — Habe ich etwa ge­stohlen?"

Leugn« schien zu erschrecken, er sah Fritz mit einem eigentümlich erstaunten Blick an, bann sprach « langsam unb bedächtig:

„Ich habe das nicht gesagt, Born — und — und ich glaube es auch nicht, wenn es andere sagen."

„Bin ich verrückt ob« sind Sie es. Leugn«? — Sie sprechen gerade so, als wenn man mich eines Diebstahls bezichtigte."

„Ich habe das nicht gesagt, Fritz Born — ich habe nur gesagt, ich glaube nicht daran, wenn es an« b«e Leute sagen würden. Ich bitte, mich nicht in diese Angelegenheit zu mischm, ich weiß nichts und ich will nichts wissen. Ab« einen guten Rat will ich Ihnen geben: verkaufen Sie Neuhof wieder — ich wüßte fogar einen reellen Kauf« — und kaufen Sie sich anderswo an — weit weg von hi«, im Po- senschen meinetwegen — da kennt Sie ja niemand, und da sollen die Güt« ja billig fein. Und noch eins: Ziehen Sie Ihre Meldung zum Refever-Offi- zier zurück, wie die Verhältnisse nun einmal liegen, werden Sie hi« nicht gewählt werden. Nichts für ungut, lieber Born, aber ich habe wirklich keine Zeit mehr."

Leugn« wollte sich entfernen, aber Fritz ergriff ihn heftig am Arm. „Sie kommen mir nicht von d« Stelle, bis Sie mir eine Erklärung Ihrer feltfamen und beleidigenden Worte gegeben haben!" rief « mit so stark« Stimme, daß einige Knechte neugierig her- überschauten, in d« Meinung, daß die beiden jungen Herren handgemein würden. ^Fortf. folgt.)