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37. Jahrgang

Fulda, Donnerstag den 22. September 1910

Erstes Blatt

217.

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Verantw. Kedatteur:

germeister des Landes dem Großherzog und der Großherzogin vor dem Residenzschloß eine herzliche Ovation dar. Nachmittags zogen die Sportvereine von Karlsruhe am Schloß vorüber. Heute abend gaben die großherzoglichen Herrschaften eine Abend­gesellschaft mit Konzert, an die sich eine Fest­vorstellung im Hoftheater anschloß.

Ausland.

* I« der Aullagesache gegen den angeblichen deut- schen Spion Helm lautete der Beschluß, den der Gerichtshof in Fareham gestern verkündete ,daß keine Anklage wegen Verrats einzuleiten sei. Es bleibt nur die Anschuldigung wegen groben Unfugs, die in der nächsten Woche vor dem Polizeigericht weiter verhandelt wird.

** Am 20. September, dem 40. Gedenktage der Erstürmung Roms und damit des Endes des Kirchenstaates, hielt der satlsame bekannte römische Bürgermeister Nathan an der Porta Pia eine Festrede, in der er die Unfehlbarkeit des Papstes lächerlich zu machen suchte und ihr die Unbildung der Bevölkerung, die bei Auftreten der Epidemie in Apulien der Madonna Gelübde abgelegt und Aerzte erdolcht habe, zur Last legte. Die ka­tholischen Vereine Roms erlösten eine ge­harnischte Erklärung gegen diese unqualifizierbare Rede.

* Die französisch-türkischen Anleiheverhand- lungen sind, rote in Paris aus gut unterrichteten Kreisen verlautet, endgültig abgebrochen worden. Der „Temps" will wissen, daß btfe Anleihe bereits mit der Gruppe des englischen Finanzmannes Sir Ernest Castel abgeschlossen worden ist, die sie in London und auf dem Kontinent unterbringen wird.

„Auch wir möchten uns diesem Wunsche auf das dringendste anschließen, so wenig angenehm ferne Er- rüllmrg auch für den Nächstbeteiligten fern wurde. Wir möchten ferner dringend wünschen, daß die lrbe- ralen Freunde des versetzten Herrn den Mut finden werden, ihren drohenden Worten die Tat folgen zu lasten, und im Abgeordnetenhause eine Interpellation über den Fall Thomalla einzubringen. Es wird sich dann ergeben, daß das amtliche Verhalten des Herrn Kreistierarztes schon seit längerer Zert die Zwangsversetzung, wenn nicht schärfere Maßregeln nötig gemacht hat, und daß er es nut feinet Eigenschaft als nationalliberaler Agitator und den Einschüchterungsversuchen seiner Parteigenossen bet der Regierung verdankt, wenn die Durchführung dieser notwendigen Maßnahmen so lange hat auf sich warten lassen." . _ ,

)( Sie schwanken hin, sie schwanken her. Der be­vorstehende K a s s e l e r Parteitag der national- liberalen Partei wird die schwere Frage zu lösen haben, wie sich die Partei gegenüber den Sozialdemokraten, ihren Herzensbrüdern aus der schmachvollen Hetze gegen den „schwarzblauen Block" verhalten wird. In den lokalen Vereinigungen der nationallibcralen Partei zerbricht man sich jetzt darüber eifrig den Kopf. Der Hamburger national- liberale Reichstagsverein beschloß als Weisung jur seinen Vertreter auf dem Parteitage eine Resolution, die für die Reichstagswahlen den Kampf gegen die Sozialdemokratie unter allen Umständen verlangt. Mit den nationalliberalen Parteien solle der Kampf so geführt werden, daß das Zusammm- gehen in der Stichwahl nicht gefährdet werde. — Aehnliche Beschlüsse sind auch von anderer Stelle zu erwarten, besonders aus Rheinland und Westfalen. Keineswegs aber werden alle Vereine sich so schroff gegen die Sozialdemokratie stellen.

)( Gegen die Fleischnot machen jetzt ver- schiedene Stadtverwaltungen mobil. Ein von der Stadtverordnetenversammlung in Köln ge- ' wähltet Ausschuß zur Vorberatung einer Em- gäbe an die Staatsregierung in der Fleischnot- frage hat fetzt seine Aufgabe gelöst und verlangt in seiner Eingabe die foforttge Oefsnuni der holländischen Grenze, Erleichterung der Viehein- fuhr aus Dänemark, Wegfall der Tuberkulm- impsung und Verkürzung der Quarantäne. Gletchzeitig hat die Stadt Düsseldorf eine Eingabe in gleichem Sinne an die Ltaats- regierung gerichtet. Ebenso die Stadl Elber­feld. Diese beschloß außerdem, ähnlich wie Hagen jährlich 2000 M. zu bewilligen, um Fleisch, verkaufsstände in verschiedenen Teilen der Stadt einzurichten. — Die beteiligten Stadtoerwal- hingen wissen natürlich so gut wie jeder andere urteilsfähige Beobachter, daß das alles nichts helfen wird, weil auch das Ausland kein Schlachtvieh hat. Die Fleischnot wird aber in Kürze nachlasten. Es ist nämlich zu erwarten, daß mit dem Herannahen der kälte' en Witterung das Weidvieh, das in diesem Jahre bei den großen Futtermengen länger als sonst auf der Weide gehalten werden konnte, zurückgezogen und zur Schlachtung geführt werden muß.

* Dortmund, 20. Sept. 1910. Das Kranken- haus der Barmherzigen Brüder beabsichtigt einen Erweiterungsbau und beantragte einen jähr­lichen Zuschuß von 5000 Mark für die nächsten fünf J'ahre. Das gesamte Stadtverordneten-Kol- legium mit Ausnahme der Sozialdemo­kraten trat für den Antrag ein, weil die Stadt und das städtische Krankenhaus dadurch eine Er­leichterung erfahre. Der sozialdemokratische Stadtv. König sprach namens seiner Fraktion deshalb gegen den Antrag, weil man über die konfessionellen Krankenhäuser keine Kontrolle habe, sie (die Sozial­demokraten) seien bestrebt, jeden Kranken gegen seelische Erregungen zu bewahren. (Große Heiter­keit.) König hatte diesmal ganz entschieden da­neben gehauen; er mußte sich sagen lassen, daß gerade die kranken Genossen mit besonderer Vor­liebe das Brüderkrankenhaus aufsuchten. Die Vor­lage wurde gegen die Stimmen der Sozialdemo­kraten genehmigt.

*♦ Koblenz. 21. Sept. 1910. Der Verband kathol. kaufmännischer Gehilfinnen und Beam­tinnen Deutschlands (Geschäftsstelle Köln, Georgstr. 7) hielt hier seine 9. Generalversammlung ab. Der Verband zählt zurzeit in 40 Vereinen 5339 aktive und 1365 Ehrenmitglieder. Mit 6 anderen Vereinen wurde der Verein Fulda in den Verband ausgenom­men. Eine Eingabe an den Epiflopat Deutschlands, um denselben mit den Zielen und Zwecken des Ge- samwerbandes und seiner Vereine bekannt zu machen, hatte einige sehr ermunternde Antwortschreiben ge­bracht, in denen die Versicherung ausgesprochen wurde, daß dem Gesamtverbande, der sich in würdiger Weise den anderen kacholischen sozialen Vereinen anreihe, jede Empfehlung zutell werden solle. Die Kranken­kasse, die am 1. Juli d. I. 1230 Mitglieder zählte, hat sich trotz mannigfacher Angriffe segensreich ent­wickelt. Eingehend wurde die Agitation erörtert und die Gründung eines Agitationsfonds beschlossen, zu welchem jeder Verein jährlich 10 Mark beitragen soll. Eine kleine Broschüre soll ausgearbeitet werden, um die Werbearbeit nachhaltig zu unterstützen. Weiter wurde beschlossen, daß in jedem Verein vierteljährlich mindestens ein Vortrag über Standesftagen mit an­schließender Diskussion gehalten werde. Als Ort der nächsten Generalversammlung wurde Essen-Ruhr be- stimmt, Köln wurde als Vorort wiedergewählt.

W Karlsruhe, 21. Sept. 1910. Nach der Fami­lientafel unternahm gestern das Großherzogs- paar trotz des regnerischen Wetters eine Rund­fahrt durch die Stadt und tourben von der Be­völkerung lebhaft begrüßt. Um 6 Uhr fand im Resi­denzschloß Galatafel statt, zu der über 200 Einladun- gen ergangen waren. Während der Tafel brachte Prinz Adalbert von Preußen einen Trink­spruch auf das Großherzogspaar aus. Der Großher­zog dankte und trank auf das Wohl der Bundesfürsten und Gäste. Heute mittag brachten etwa 1000 Bür-

veutjches Reich.

*♦ Berlin, 21. Sept. 1910. Reichskanzler von B ethmann Hollweg hat sich zu mehrtägigem Aufenthalt nach Görlsdorf in der Uckermark begeben. — Der preußische Justizminister Dr. Vesel :r vol­lendet am Donnerstag sein 70. Lebensjahr. Der Ju­bilar wurde am 21. November 1905 als Nachfolger Schönstedts, der damals wegen hohen Alters aus dem Amte schied, zum Justizminister ernannt. — Der neue Unterstaatssekretär Dr. Böhmer hat am Mittwoch seinen Dienst im Kolonialamt ausgenommen. — Die Linienschiffe Wittelsbach und Zähringen sind außer Dienst gestellt worden und die Linienschiffe Rheinland und Posen zum Nordsregeschwader getreten. Damit ist die e r st e deutsche Dreadnought- Division formiert.

s. Die Reichstagskommission für die Verficherungs- ordnung stimmte der Feststellung des Begriffes Fabrik so zu, wie sie die Regierungsvorlage ent­hält (gewerbsmäßige Verarbeitung von Gegenständen, mindestens 10 Arbeiter), lehnte einen sozialdemokra­tischen Antrag ab, der Unfälle auf dem Wege zur Arbeit entschädigungspflichtig machen will und er­örterte die Frage der Entschädigung der Berufs­krankheiten. Vom Zentrum wurde beantragt, alle Fabrikbeamten bis zu einem Jahresarbeitsverdienst von 5000 Mk. der Versicherung zu unterstellen. Diese Beamten, z. B. in der schweren Industrie, im Bergbau usw., müßten vielfach als erste der Ge­fahr entgegentreten. Nach längerer Debatte wurde der Zentrumsantrag abgelehnt, ebenso Anträge der Sozialdemokraten auf Zwangsversicherung der Klein­unternehmer.

a. Die Strafprozetzkommission beriet gestern die Bestimmungen des Entwurfs über das schleunige Verfahren. Von zwei Seiten lagen Anträge vor, die Bestimmung über das fchleunige Verfahren ganz zu streichen. Die Mehrheit sprach sich dagegen aus. Ein Antrag, das fchleunige Verfahren auf Nicht-Jugendliche zu beschränken, wurde ab gelehnt und § 410 nach der Regierungsvorlage angenommen. Weiter wurde der Abschnitt Strafbefehl erörtert. Gegen Jugendliche soll der Erlaß eines Strasbe'ehls ausgeschlossen fein, sofern es sich nicht um Heber» tretungen handelt.

♦♦ Zum Rücktritt des Botschafters Fürst Radolin bewerft nachttäglich die liberale „Braunschweigische Landeszeitung:

.Daß es nötig war, den Fürsten Guido v. Henckel- Donnersmarck in jenen gefahrvollen Zeilen, als der deutsch-französische Krieg vor der Tüt stand, in geheimer Mission an den Ministerpräsidenten Rouvier zu entsenden, beweist denn doch, daß die diplomatischen Instinkte des Fürsten Radolm in Berlin nicht allzu hoch bewertet wurden. In der Marokko-Angelegenheit haben wir nach und nach alle unsere Trümpfe ver­gebens ausgespielt und schließlich alles gehen lassen müssen, wie die Franzosen es wollten."

Diese Behauptungen sind teils unzutteffend, teils irreführend und tun mindestens dem Botschafter schwe­res Unrecht. Gerade er war immer bestrebt, ein gutes Verhältnis zu Franfteich herbeizuführen und wenn ihm dies nicht immer gelang, dann ist Berlin schuldig. In der Matovkoperiode ist im Einverständnis mit dem deutschen Botschafter ein Vertrauensmann der fran­zösischen Regierung nach Karlsruhe gefahren, um dem aus Tanger zurückkehrenden Kaiser Vorschläge zu unterbreiten, die ein weites Entgegenkommen gegen Deutschland darstellten. Fürst Bülow ist es gewesen, der damals verhindert hat, daß dem Kaiser dieser Vorschlag bekannt geworden ist; es er­folgte die Kaiserrede in Karlsruhe, die wesenllich zur Erhöhung der Spannung beitrug und uns letzten Endes in die Niederlage von Algeciras führte. Jetzt haben wir in Marokko weit weniger erreicht, als uns bon Frankreich angeboten worden war. Aber nicht den deusschen Botschafter trifft die Schuld, fonoem die Bettiner Zentralleitung mit dem Fürsten Bulow an der Spitze.

. * Eine Erweiterung der Zuudwarensteuer auf An- z, aller Art, rote Taschenfeuerzeuge Herdanzünder ufro. i|t entgegen anderen Mitteilungen nach den Angaben einer offiziösen Korrespondenz nicht be­absichtigt.

+ Kreisarzt Dr. Thomalla in Johannis- bürg, der wegen feines Konflikts mit dem Landrat und der Kreisverwallung vor einigen Monaten von sich reden machte und bei d r Reichstagsersatzwahl in Olehko-Lyck-Johannisburg eifrig für den nationalliberalen Kandidaten agi­tiert hatte, ist, wie wir mitgeteilt haben, als Kreisarzt nach Allena-Lüdenscheid versetzt. Die Liberalen suchen die Versetzung politisch auszu- beuten und Dr. Thomalla als einen Märtyrer seiner Ueberzeugung hinzustellen. Sie verlangen die Bekanntgabe der Gründe dieser Versetzung. Dazu bemerkt die .Ostpreußische Zeitung':

Machtstellung in der Welt höchst vorteilhaft ist. Auch in den ausländischen Staaten, die uns nicht ljolb gesinnt find, weiß man, wie häufig sich schon bekundet hat, den Wert dieser Persönlichkeit recht zu schätzen. Man beneidet uns vielfach um einen Herrscher, den die verärgerten Liberalen des eigenen «andes im Bunde mit der Sozialdemokratie so viel- ach zu verkleinern und sogar zu verunglimpfen üchen.

An den Irrungen und Wirrungen, die im November 1908 eine so bedauerliche Einwirkung auf die Stimmung gewannen, war Fürst Bülow hauptsächlich schuld. Nachdem seine „Seillänzerei* ihr Ende erreicht hat, ist es Zeit, daß die Aergerntsse verschwinden und das Volk wieder Vertrauen ge­winnt und womöglich noch etwas mehr, nämlich Freude an Kaiser und Reich.

Zunächst wollen wir uns darüber freuen, daß die wertvollste aller Garantien für Ehre, Wohlfahrt und Frieden, das d e u t s ch - ö st e r r e i ch i s ch e Bündnis, durch das schöne und weise Verhalten des Kaisers eine weitere Befestigung erfahren hat.

Sozialdemokratischer Parteitag.

C. Magdeburg, 21. September 1910.

Am Mittwoch nahm der Kampf um die Budget­frage seinen Forlgang. Es liegen jetzt dazu einige dreißig Anträge vor. zum Teil mit Begründung. Ihrem Umfang nach nehmen sie in der gedruckten Ueberfichl der Anträge mehr Raum ein als alle anderen Anträge zusammengenommen. Der bei weitem größte Teil der Anträge erblickt in der Budgetbewilligung und „Hofgängerei" der Badenser einen „gewußten und ge­wollten Disziplinbruch" — eine „Schwäche" oder „Heuchelei". Nur em kleiner Teil — im ganzen fünf — billigt das Verhalten der Badenser und foroert glatt­weg die Aufhebung des Nürnberger Beschlusses. Dem­gegenüber fordert die Mehrzahl bewilligungsseindlicher Anträge, ohne konkrete Vorschläge zu machen, ganz all­gemein, daß der Parteitag „Maßnahmen" ober „Vor­kehrungen" treffen möge, durch die eine „Wiederkehr derartiger Disziplinwidrigkeiten unmöglich gemacht" werde. Eine weitere Gruppe von Anträgen geht weiter: sie erklärte, daß die badischen Disziplinbrecher sich durch ihre Haltung „außerhalb des Rahmens der Partei gestellt" haben und fordert, daß sie selbst „aus ihrem Verhalten die Konsequenzen ziehen" möchten. Eine letzte Gruppe von Anträgen wird noch deutlicher und fordert mit dürren Worten den „Ausschluß der Budgetbewilliger". Zwischen all diesen sich schroff gegenüberslehenden Anträgen will der Antrag des Parteivorstandes die berühmte „mittlere Linie" ziehen: die Budgetbewilliger sollen zwar vor aller Wett gründlich abgerüffelt werden, die letzten „Konsequenzen" sollen ihnen aber erspart bleiben.

Heute begann die Verhandlung mit der weiter« schüttelnden Feststellung, dafi irgend ein Genoffe seine Unterschrift zu einer der zugunsten der Badenser ge­stellten Resolution zurückzog. (Schallendes Gelächter bei den Revisionisten und Zurufe: Hast wohl Angst getriegt, edler Torero! Wie viel Zulage bekommst Du dafür '0 Entrüstung bei den Radikalen, die sich steigert, als ein bayerischer Diskussionsredner Maurer- München den Berlinern gründlich den Text las und Bebel unter die Nase rieb, daß die Partei in steter Entwicklung sei. Vebel habe einst den „Kladderadatsch" prophezeit, aber der Kladderadatsch sei längst als ein Unsinn erkannt. (Stürmische Entrüstung. Alles blickt nach Bebels Platz, indes vergeblich, denn Bebel ist noch nicht anwesend). Inzwischen wackelt Rosa Luxem­burg der Rednertribüne zu, denn sie ist die nächste Diskussionsrednerin. Weil sie so klein ist, daß sie über die Brüstung des Rednerpultes nicht hinaus blicken kann, zieht sie es vor, von der Prüsidtaltribüne aus zu sprechen. Zu dem Rot ihrer Umgebung kontrastiert scharf ihr preußischer d. h. schwarz-weiß gemuffelter Kleiderrock. Als sie mtt der ihr eigenen piepsenden Stimme beginnt, piepst der ganze Revistonstisch mit und man kommt sich für einen Moment vor, < 13 ob man in das Vogelhaus eines Zoologischen Gattens versetzt sei. Ein Blatt Papier in der rechten Hand, wiegt sie ihren Oberkörper hin und her, wie der Pagode in einem chinesiichen Teegeschäft. Sie ist ruhiger als sonst. Großen Erfolg erzielt sie nicht. „Dat is ja net emol e Regewurm!" ruft einer. Schal­lende Heiterkeit. Inzwischen ist die Redezett von 10 Minuten verstrichen. Als Rosa sich noch nicht an» schickt, zu verschwinden, ertönt die Klingel des Präsidenten. Da verlangt die Rednerin plötzlich 20 Minuten, um einen Antrag zu begründen. (Stürm. Protest bei den Revisionisten.) Präsident Dietz be­zeichnet dieses Verlangen als geschäjtsordnungswidrig. (Lebh. Beifall bei den Süddeutschen.) Aber Ro sa g eht nicht — sie macht es immer so; die Diskussionszeit existiert für sie einfach nicht. Aber die Süddeutschen sind nicht gewillt, sich vergewaltigen zu lassen, und als sie immer wieder den Versuch macht, weiter zu reden, entsteht ein wahrer Sturm der Entrüstung bei den Süddeutschen. Die Norddeutschen springen Rosa bei und im Handumdrehen haben wir einen folgen Skandal, wie wir ihn selbst in Dresden nicht gehabt haben. Es fliegt alles von bett Plätzen auf. Gerötete Gesichter brüllen sich von rechts und links zu und es hat für einen Augenblick den Anschein, als ob man handgemein würde. Rosa sieht dem Tumult von oben mit gelassener Miene zu. Zuweilen entfpinnt sich zwischen ihr u. dem Präfidenten Dietz ein Dialog, während es unten im Saal immer toller hergeht. Die Radikalen drängen auf den Revisionistentisch zu. Zubeil schrett: Radaufritzen! Bierphttister! ein anderer: Hallet die Schnauze! Stadthagen macht Luflsprünge und mit ft mit dem Rus: Vergewaltigung! Oel ins Feuer. Das ist Demokratie! schallt es zurück. Gemeinheit! Wir lassen uns nicht terrorisiere/' ^qs Weib macht jedes-

* Kaiser Wilhelm in Wien«

Am Mittwoch vormittag empfing Kaiser Wilhelm den Besuch Kaiser Franz Josephs und besuchte dann das R a t h a u s, wo unter dem üblichen Fest­gepränge der Empfang des Kaisers durch die Wiener städtischen Behörden stattsand.

Auf die Begrüßungsansprache des Bürgermeisters Dr. Neumayer erwiderte der Kaiser,indem er zu­nächst für den großartigen Empfang und besonders dafür dankte, daß die Stadtvertretung beschlossen habe, einen Teil des Ringes nach ihm zu nennen. (Hetlrufe.)

Es ist dies, fuhr der Kaiser fort, eine außer- gewöhnliche Ehrung für einen fremden Mo­narchen, und ich glaube in dieser Huldigung den Aus­druck der Freundschaft und inneren Sympathie zu sehen, die zwischen der Bürgerschaft der Stadt Wien und mir fchon feit langem besteht, die sich überall kundgibt in dem freundlichen Gruße, wenn ich durch die Straßen fahre, und in den blitzenden und freund­lichen Augen der schönen Wienerinnen. Es sind dies Dinge, die eines Menschen Herz bewegen und 'fesseln. Zum anderen glaube ich aus Ihrem Beschlüsse werauszulesen, daß es das Einverständnis der Stadt Wi-n damit war, daß in ernster Zeit der Bund es - igenoffe tu schimmernder Wehr sich an die SeiteJhres allergnäd igsten Herrn gestellt hat. (Anhaltende, brausende Heilruse.) Es war dies Jein Gebot der Pflicht und Freundschaft zugleich; denn das Bündnis ist zum Heil der Welt in die Ueberzeugung und in dasLeben derVölker als eine Jmponderabile übergegangen. ^Stürmische Heilruf,.) Ich bitte Sie also, die Ver­mittler meines herzlichsten Dankes zu sein für die außer- 'gewöhnliche Ehre an alle Mitbürger und Mllbürger- J innen. Aber die höchste Weihe wird diesem Beschlüsse '.dadurch erteilt, daß er gefaßt werden konnte in dem '80. Geburtstagsjahr Ihres erlauchten Landesherrn — dadurch wird für mich die Erin­nerung noch inniger und schöner tHeilrufe) — eines ; Landesherrn, den Sie in Treue und Liebe verehren, zu dem mein Volk in inniger und warmer Verehrung yinüberschaut, und zu dem ich als zu meinem väterlichen Freund emporblicke in Ehr­furcht (stürmische Heilrufe), als zu dem Symbol der personifizierten Selbstverleugnung und Pflichterfüllung. Allen meinen Gefühlen bitte ich Sie Ausdruck zu geben, indem Sie mit mir etnsiimmen in den Ruf, daß oer edle Landesvater, sein Haus und sein Land in Gottes Hand und in Gottes Schutz gestellt bleiben. Seine Majestät der Kaiser und König hurra, hurra, , hurra!

Minutenlange Hochrufe folgten den Worten des Kaisers, der dem Bürgermeister die Hand reichte und jeden einzelnen der ihm vor- gestellten Herren ins Gespräch zog. Sodann nahm der Kaiser mit einigen Dankesworten den ihm ge­botenen Ehrentrunk an und begab sich in die Waffenabteilung der städtischen Sammlungen, um das von Professor Matsche entworfene Bild der Huldigung der deutschen Fürsten aus Anlaß des .60jährigen Regierungsjubilänms zu besichtigen. Kurz nach 121/» Uhr verließ der Kaiser unter er­neuten stürmischen Hochrufen das Rathaus und begab sich nach der deutschen Botschaft, um dort das Frühstück einzunehmen. Geladen waren bte Erzherzöge, die Minister usw. Kaiser Franz Joseph faß links neben dem Kaiser. Von dort begaben sich die Majestäten im Automobil nach der Jagd« -ausstellnng.

*

Die Begeisterung des Wiener Volkes für die Person des deutschen Kaisers und das Bündnis der beiden Kaisermächte ist durch die oben mitgeteilte Rede zu einer bisher nicht geahnten Höhe gesteigert wozden. Der Kaiser traf gerade den richtigen Ton, erst einen herzlichen Dank an die begrüßenden Wiener und an die feurigen Augen der Wienerin­nen ; dann die ernste und inhallschwere Erinnerung an die kritische Zeit, als der deutsche Bundesgenosse „in schimmernder Wehr" an die Seite des öster­reichischen Kaisers trat; hierauf eine geschickte Wendung, die der Erinnerung an diesen Freund- fchaslsdienst einerseits alles anspruchsvolle und an- dererseits alles bedrohliche nahm; endlich die takt­volle Ueberleitung aller Ehrungen aus den greisen Kaiser Franz Joseph, wobei es alle braven Oester- reicher tief im Herzen ergriff, daß der mächtige Herrscher Deutschlands dem „väterlichen Freunde* auf dem österreichischen Throne rückhalllos seine 1-Ehrfurcht" ausdrückte.

Das Auftreten des deutschen Kaisers in Wien hat zweifellos die Kraft und Dauerhaftigkeit des deutsch-österreichischen Bündnisses wesent­lich gesteigert und ist mittelbar auch der Erhaltung des Weltfriedens förderlich gewefen, da zur Niederhaltung aller friedensfeindlichen Regierungen in Europa nichts heilsamer war und ist, als der Respett tttot der Solidarität der beiden mitteleuropäischen Kaisermächte.

Als Kaiser Wilhelm unlängst in seinem eigenen Lande redete, warm die liberalen und die sozial- demokratischen Zeitungen und Wortführer sofort mit Atzender Kritik bei der Hand. Sie suchten ans allen Worten und Wendungm etwas herauszupreflen, was sich zur Erregung von Mißtraum und weiterer Unzufriedenheit verwerten ließe. Und sie erhoben sogar formellen Einspruch gegen die Redefreiheit, die sich der Monarch genommen Halle; sie behaup- teten, daß der Kaiser durch das „Abkommen vom November 1908* zum Stillschweigen verpflichtet sei. Man darf nun gefpannt darauf fein, ob die ftrengm Verfechter des Büloro'fchen „Schweigegebotes* dem Kaiser auch die Wiener Rede zum Verbrechen anrechnen werden. Dort hat sich doch deutlich ge- jung gezeigt, daß unter dm gegenwärtigen Verhält- iuissen ein schweigsamer Monarch nicht immer seiner Aufgabe gerecht werden kann, daß vielmehr Gunter Umständen die Beredtsamkeit ein ganz außer- 'ordentlich wertvolles, ja kaum entbehrliches Hilfs« tnittel zur Erreichung wichtiger Ziele und zur .Sicherung großer Interessen ist.

Alle diejenigen, die durch das Schreckgespmst des ^persönlichen Regiments* sich leicht graulich machm lassen, tönnen ferner aus dem Wiener Vorgang neuerdings lernen, daß die starke Persönlich­keit, die sich beim Auftreten unseres Kaisers über- All bekundet, dem Ansehm Deutschlands und seiner

HuldaerW Zeitung

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