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37. Jahrgang

Fulda, Dienstag den 20. September 1910

M 215.

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davonztttragen."

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Die Vermutung des konservativen Blattes hat viel für stch. Herr Iswolski wird ja nun, nach, dem der bisherige russische Botschafter in Paris ge. torben ist, den angeblich erwünschten Uebergang auf den gemächlicheren Botschafterposten stch endlich gestatten können. Man wird freilich darauf achten müssen, ob er nicht auch als Botschafter die Drei« bundfeindliche Preßgruppe, deren Hauptmacher ihm bann persönlich noch näher stehen werden, als bisher, fernerhin zu feinem Zwecke auszunutzen versuchen wird. Diese verbündeten „Weltblätter" in Paris und London sind in der Bearbeitung der öffentlichen Meinung zu Ungunsten von Deutschland und Oester­reich von raffinierter, skrupelloser Geschicklichkeit. Es drängt sich immer wieder die Frage auf, ob von deutscher und österreichischer Seite nicht etwas kräftiges getan werden kann, um der öffentlichen Meinung in denjenigen Ländern, die keine deutschen Zeitungen lesen, die Wahrheit über unsere Taten und Absichten bester zugänglich zu machen.

Im übrigen ist die Moral von der Geschichte daß wir die wertvollen guten Beziehungen zur Türkei mit erhöhter Sorgfalt pflegen müssen.

»Ihr Benehmen ist mir sehr ecklärlich. Sie hat von deiner Neigung zu Erika erfahren und will dir nun deuflich zeigen, daß für dich keine Hoffnung vor­handen fft"

„Ja," sagte Fritz seufzend, „das mutz es sein."

„Aber zerbrich dir den Kopf nicht darüber und verliere nicht deinen frohen Mut >md deine Tatkraft. Du hast jetzt ein schönes, eigenes Heim und eine dank­bare Lebensaufgabe, tue deine Pflicht, für alles an­dere laß unfern Herrgott sorgen."

„Sei unbesorgt, Mama, so leicht laste ich mich nicht unterkriegen, und wer weiß, wie alles noch ein­mal kommt." .

„So ist es recht, mein Junge, und nun frisch an die Arbeit." . t „

Und Fritz ging frisch an die Arbett und wurde sich in seiner neuen Lebensstellung vollkommen glücklich gefühlt haben, wenn ihn nicht der Gedanke an Erika oft traurig gestimmt hätte. Aber als er eines Tages ein kurzes Briefchen von Erika erhickt, das fteilich nur die Worte enthielt: „Dein Brief an Mama hat mich sehr erfreut, ich danke dir herzlich dafür. Hoffe und halte aus — ich vergesse dich nicht. Deine Erika." Da wich auch die traurige Stimmung von ihm, und mit frohem Mut und freudiger Hoffnung gab er sich seiner Arbeit hin.

Arbeit gab es genug für ihn. Er hielt sich aus Sparsamkeitsrücksichten keinen Verwalter, und so mutzte er vom frühen Morgen bis zum späten Abend auf den Feldern und Wiesen, im Hof und an seinem Arbeitstisch unausgesetzt tätig sein.

Als dann die ersten Wochen einer angesttengten Tätigkett vergangen waren und nach Beendigung der Frühjahrsbestellung eine kleine Ruhepause eintret, dachte der junge Gutsbesitzer auch an seine gesellschaft­lichen Pflichten. Als demnächstiger Reserveoffizier bei den Husaren — er hoffte zum nächsten Manöver schon als Offizier einzurüüen — durfte er nicht versäumen, bei den umwohnenden Gutsbesitzern, die fast alle frühere Offiziere oder Reserve- und Landwehr-Offi­ziere waren, seine Besuche zu machen. Bei seiner be­vorstehenden Offizierswahl hatten sie ja über ihn ab* zustimmen. (Forts, folgt.)

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„Nennen Sie mich nicht so. Ich bin fein Kind mehr — und unglücklich bin ich auch nicht mehr, seit ich mir klar geworden bin, was ich zu tun habe. Ha­bs, Sie Dank, Miß Bayley, daß Sie mir den Weg gezeigt haben, Sie sollen sich nicht in mir getäuscht ha­ben ich werde nicht mehr schweigen und trotzen tote ein'unartiges Kind, ich werde sprechen und handeln wie ein Mädchen, wie ein Weib spricht und handelt für den Mann, den es liebt und — Miß Bayley, den es achtet."

„Seien Sie ruhig und sanft, Erika."

„Ich werde es sein — aber um die Lüge, die Ver­leumdung tödlich zu treffen, dazu muh man auch fest und hart sein, Mitz Bayley, und, verlassen Sie sich daraus, ich werde fest und hart sein, wenn Ruhe und Sanftmut nichts ausrichten."

Sie stand vor dem alten Fräulein, straff ausgerich­tet in ihrer jugendlichen Kraft und Schönheit. Jede AengsÜichkett, jeder Zweifel war von ihr gewichen, ihre Wangen glühten und ihre Augen blitzten.

„Mein Gott, was wollen Sie hin?" klagte Miß Bayley, die mü Schrecken sah, was ihre Worte ange­richtet hatten.

„Ich werde tun, was meine Pflicht ist und was ich meinem Sätet in seiner Sterbestunde versprochen habe", entgegnete Erika stolz. „Haben Sie keine Sorge um mich."

Damit schritt sie rasch hinweg, das alte Fräulein m großer Aufregung zurücklassend.

XIII.

Ganz so schlimm, wie es Inspektor Grupe nach der Aussage Prokowskys gemacht haben sollte, stand es um das Keine, hübsch gelegene und von ftuchtbaren Feldern und guten Wiesen umgebene Rittergut Neu­hof nicht, das Fritz Born mit Hilfe seines Vaters ge­kauft hatte Sonst hätte der alte kluge Oberamtmann Born seinem Sohne sicherlich nicht das Geld zu diesem Kauf zur Verfügung gestellt. Zwar hatte der leicht­sinnige und träge Hugo Wietholz schlecht gewirtschaftet und das erfie Jahr seines Besitzes würde für Fritz Born keinen namhaften Gewinn abwerfen, da er ben Viehstand vermehren und mehrere Meliorationen vor-

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nehmen mußte, aber die Felder und Wiesen waren von einer solchen Ertragsfähigkeit, wenn sie shstema- ttsch bewirtschaftet wurden, daß schon im zweiten Jahr eine gute Rente in Aussicht stand, falls keine be- fonbtren Unglücksfälle eintraten.

Die Gebäude des Keinen hübschen Gutshofes wa­ren bis auf einige Reparaturen in gutem Zustande, das alte, langgestreckte, weiße Herrenhaus mit dem hohen Giebeldach und der einfachen aber geschmack­vollen Front blickte ftcundlich und baulich aus dem Grün eines alten, nur etwas verwilderten Gartens hewor und machte einen sehr anheimelnden Eindruck, namentlich nachdem die Frau Lberamtmann Born ihrem „Fredy" die Zimmer nett und wohnlich einge­richtet hatte.

„Am liebsten bleibe ich bei dir, Fredy," sagte die alte Dame, „aber Papa kann mich nicht entbehren und deine Schwestern sind noch zu jung, um dem Papa allein Haus zu halten. So mußt du dich schon mit Minna, unserer alten früheren Mamsell, begnügen, bis du eine junge Frau heimführst."

Fritz lächelte ein wenig trübselig.

„Das hat noch gute Wege, Mama," entgegnete er.

„Sag das nicht. Aus dem Lande ist eine Frau doppelt nötig Oder, mein Junge, will das Blld der Baronesse noch immer nicht verblassen?"

„Ach liebste Mutter, ich fürchte, das geht nicht so leicht." Frau Oberamtmann streichelte Ihrem Lieb­ling die Wangen.

„Als du mir deine Neigung zu Erika von Ham­bach eingestanden mein lieber Junge," sagte sie ernst und mild, „da ahnte mir gleich, daß diese Siebe, mit Schmerzen endigen würde. Und nun siehst du, daß 'ch recht gehabt Habel Was hat dir dein freundlicher Brief an die stolze Baronin gmützt? Nichts — nicht einmal geantwortet hat sie dir, und als wir neulich an ihr vorüberfuhren, wandte sie in ostentativer Weise den Kopf nach der andern Seite. Ich würde ihr ja gern einen Besuch gemacht haben, aber unter diesen Umständen ist es mir unmöglich, und auch du mußt stolze Zurückhaltung üben."

„Wenn ich nur wüßte, wodurch ich ihren Zorn in solcher Weise erregt habe?"

Deutsches Reich.

** Berlin, 19. Sept. 1910. Das preußische Staatsministerium hat am Montag unter dem Vorsitze des Ministerpräsidenten v. Befh- mann-Hollweg eine Sitzung abgehalten. — Dem Reichstags-Abg. Ernst Basser mann wurde vom Großherzog von Baden das Kommandeur« kreuz 2. Kl. des Ordens vom Zährinzer Löwen verliehen. — Der russische Minister des Aeußern, Iswolski, war heute zur Hoftafel nach Fried­berg geladen.

— Der Reichskanzler Herr v. Bethmann Hollweg ist, wie bereits angekündigt worden war, am Montag in Berlin eingetroffen zur endgültigen Feststellung des Reichsetats, dessen Balanzierung, wie vcrgchett wurde, außerordenflich schwer ist. Die „Berl. N. N." wol­len gehört haben, daß für diesmal, d. b.J>or ben neuen WaHen zum Reichstage, von neuen Steuervor­lagen um jeden Preis abgesehen werben solle. Die „Nvrbd. Allg Ztg." beschräntt sich auf die kurze Mitteilung, daß das preußiscke Staatsministerium am Montag zu einer Sitzung zrsammengetteten ist.

5) Zur Fleischteuerung. Die ,Rordd. Allg. Ztg/ veröffentlicht die „amtlichen Unterlagen", auf die der preußische Landwirtschaftsminister sich bei seiner Erklärung gestützt, daß eine Fleischnot nicht existiere. Die „amtlichen Unterlagen" füllen sieben große Spalten der Norddeutschen. Sie beruhen auf der amtlichen Statistik über ben Viehverkehr und Fleischverbrauch von 1905 bis 1910.

Danach ist selbst in dem ungünstigen zweiten Vierteljahr 1910 der Gesamtfieischvorrat pro Kopf der Bevölkerung noch größer gewesen als im gleichen Zeit­raum der Jahre 1905, 1906 und 1907, in Preußen allein übertrifft er sogar noch den des Jahres 1908. Weiter wird der Nachweis versucht, daß bte Gestaltung ber Wehpreise für bie Höhe der Fleischpreise längst nicht in dem Maße ausschlaggebend tft, als es be­hauptet wirb. Die Grenzen seien bereits geöffnet für Die Einfuhr von Schlachtvieh aus Oesterreich-Ungarn und Dänemark, für die Einfuhr von lebenden Schafen aus Oesterreich-Ungarn, Dänemark unb Amerika, für die Schweineeinfuhr aus Amerika, sowie für 80000 Schweine aus Oesterreich-Ungarn für runb 130000 Schweine aus Rußland. Diese Erlaubnis fei von Ruß­land nicht einmal voll ausgenutzt, weil nicht genügend billiges Vieh bert vorhanden war. Trotzdem bte Ein­fuhr frische« Fleisches aus fast allen Ländern gestattet sei für die Einfuhr zubereiteten (gepökelten) aber überhaupt gegen kein einziges Land ein Einfuhrverbot bestehe, beteiligten sich nur wenige Länder an der Fleischeinfuhr und meist nur in geringen Mengen. Unser Hauptschweineschmalzliejerant Amerika habe aber in diesem Jahre völlig versagt. Am Schluffe heißt es: .Diese Angaben über die Entwicklung ber Vieh- und Fleischeinfuhr lassen erkennen, daß eine weitere

Oesfnung der Grenzen als ein geeignetes Mittel zur Verbilligung der Fleischversorgung »ich t an er- kannt werden kann, und daß nur eine Sicherung der Jleischerzeuqung im Jnlande eine ausreichende und preiswerte Fleischversorgung der Bevölkerung auf die Dauer gewährleisten wird."

Wer annehmen wollte, baß nach dieser über­zeugenden Darlegung jetzt bie linksliberaleunb sozialbemokratische Presse ihr Geschrei emfteaen werbe, würbe sich natürlich schwer irren. Dafür ist bie Sache benn doch viel zu schön geeignet, m bte Unzufriebenheitsagitation neuen Zug zu bringen. Wenn dieser Presse daran gelegen wäre die Frage rein sachlich zu behandeln, so müßte sie vor allem in eine objektive Prüfung der wirklichen Ursachen der bestehenden Fleischteuerung und der wirklich geeigneten Mittel zur Abhilfe emtreten. Aber das unterläßt sie, weil ja dann ihre Hetze m ihrem wahren Wesen erkannt würde.

4- Aus der kommenden Militärvorlage hatte die ,Mil.-pol.-Korr/ allerlei Einzelheiten mitgeteilt. Berliner Drahtbericht der,Köln. Ztg/ hat an diesen Mitteilungen allerlei auszusehen. Richtig s«, daß die Militärvorlage jetzt tatsächlich an das Reichsschatz, amt gelangt ist. Doch sei sie vom Bundesrat noch nicht durchberaten. Völlig unzutreffend sei die Angabe, daß bei den Trainbataillonen eme vierte Kompagnie als Kraftwagenkompagme errichtet werden solle.

* Der Verein deutscher Freimaurer hat am 3. und 4. September in Chemnitz feine 48. Jahresversammlung abgehalten. Wir entnehmen dem Bericht der „Bauhütte" folgende interessante Mitteilungen:

Die erste ordentliche Mitgliederversaminlung des „Alumnat-Vereins (Verein zur Gründung von S ch uler- t)einten)" beschloß die Begründung des ersten Alumnats in Lörrack. Der Verein deutscher Frei­maurer bewilligte dem Alumnatsverein für das laufende Jahr einen Zuschuß von 3000 Mark. Als Themata tür die nächsten Besirksversammlungen wurden folgende bestimmt: 1. Aufklärung der Mitwelt über Aufgaben und Ziele der Freimaurerei. 2. Einrichtung von Er­örterungsabenden in den Logen. 3. Bekanntgabe der Ziele des Alumnatvereins. 4. Der Kampf des Ultra- montanismns gegen die deutsche Freimaurerei. Es wurde als wünschenswert bezeichnet, wenn m die profane Presse geeignete Nachrichten über bevorstehende und abgehaltene Bezirksversammlungen gelangen könnten. Auf die Anträge der Bezirksversammlung Karlsruhe: a) auf Herausgabe einer freimaurerischen Korrespondenz für die Presse, b) Berufung einer Rechtsschutzkommission gegenüber ehrabschneidenden Ver­öffentlichungen einer gegnerischen Presse, wurde je eme Kommission eingesetzt und der zu a) em Kredit bis zu 1200 Mark bewilligt.

♦ Der Bundestag der PoMretare und Obersekre- täre wurde in Berlin abgehalten. Von den Be­schlüssen ist besonders zu erwähnen, daß der Bund nach wie vor an der Notwendigkeit der Gleich­stellung der Sekretäre der Postverwaltung mit den Sekretären der Provinzialbehörden unb einer Hebung der zu der Obersekretärklasse gehörenden Beamten über die Provinzialsekretäre hinaus festhalten müsse. Die Frage, ob der Wunsch wegen der Aenderung der Bedingungen für den Eintritt in die mittlere Postbeamtenlaufbahn berechtigt sei, wurde wegen ihrer Wichtigkeit noch nicht endgiltig entschieden. Zum 1. Vorsitzenden wurde der Oberpostsekretär Blievernicht, zum 2. Vorsitzenden der Ober-Tele- graphensekretär Dochow, beide in Berlin, gewählt.

♦ Der nationalliberale Abg. Fuhrmann hat, wie der,Rheinisch-Westfälischen Zeitung" mitgeteilt wird, kürzlich eine lange und ausgedehnte Besprechung mit dem Kanzler auf dessen märkischem Gute Hohenfinow gehabt, lieber ben Gegenstanb ber Be- sprechung und deren Erfolg teilt die.Rheinisch- Westfälische Zeitung" nichts mit. Aber die Tatsache dieser Unterhaltung ist für sich allein interessant ge­nug, um als Beitrag zur polttischen Tagesgeschichte mitgeteilt zu werden.

Um Ehre und Recht.

23] Roman von O. Elster.

„Aber es ist doch die Wahrheit — o, meine liebe Miß Bayley, helfen Sie mir."

Weinend schlang sie die Arme um ben Hals des alten Fräuleins, das zärtlich und liefbekümmert das .Haar Erikas streichelte.

I Ich weiß nichts von dieser Liebe," sprach sie mit .zitternder Stimme. „Es ist schon lange her daß 4<6 jung war - es gab auch einmal eine Zett, wo - dieses alte Herz jung war und wo es auch «ne Hoff- ■ nun« hegte — aber das ist lange, alnge her, ich weiß kaum noch, ob es Wittlich einmal war, ich weiß nur, ^toenn man liefet, muß man auch achten können.

3 Miß Bayley," rief fi-, „weshalb

ftch es Mama nicht sagen kann. Sie verachtet Fritz [— aber er verdient diese Verachtung nicht.

t „Wissen Sie das ganz bestimmt, Erika? _ „Ja, er ist der höchsten Achtung wert, ich schwöre

(auf "seine Ehre wie auf die meinige."

„Armes Kind."

„Was wollen Sie damit sagen?

, „Fragen Sie Ihre Mutter. Ich darf nicht svre- chen — und meine Sache ist es auch nicht, einen Stein auf meinen Mitmenschen zu werfen. Denn mich der Verbrecher ist noch immer Mensch und unser Bruder.

Erika war leichenblaß geworden.

„Sie zeihen Fritz eines Verbrechens?" fragte sie 'mit bebender Stimme.

< „Ich nicht — da sei Gott vor! — Fragen Sie Ihre Mutter."

i „Ich werde sie fragen, darauf können Sie sich ver­lassen," entgegnete Erika mit fester Stimme. „Aber !öas versichere ich Stz, Miß Bayley, auch wenn meine Mutter ihn eines Verbrechens bezichtigt, ich glaube ^icht daran — eher glaube ich, daß ich, daß ich selbst Mn Verbrechen begangen hätte."

H" „dlnglüvfliches Kind,'

= Mainz, 19. Sept. 1910. Die nalio- nalliberale Parteiorganisation im Wahlkreis Mainz-Oppenheim beschloß für die nächste Reichs- tagswahl gegebenenfalls ein wahltaktisches Zu- sammengehen mit dem Freisinn. Ein allgemeines Zusammengehen mit der Sozialdemo, kratie sei ausgeschlossen. Damit solle aber bie Großblockpolitik in Baden nicht verurteilt werden.

— Karlsruhe, 18. Sept. 1910. Der sozialdemo­kratische Vizepräsident dec Zweiten Kammer, Geiß aus Mamcheim, war vor Schluß des Lano- tags von feiner Fraktion auf Grund eines saft ein­stimmig gefaßten Beschlusses aufgefordert worden, M der Deputation a n zu s ch l i e ß en, die dem G r o ß h er z o g anläßlich dessen 25jährigen Ehe- jubiläums die Glückwünsche der badischen Volksverttetung überbringt. Geiß hat borsichtiger­weise auf diese „Hofgängerei" v erz ich tet mit der Begründung, daß ihn die politischen Verhältnisse nfr- tigtcn, zu dem Magdeburger Patteitag zu fahren und dort den Standpuntt der badischen Rebistomsten gv verteidigen.

* Karlsruhe, 19. Sept. 1910. Durch, eine Hulbiaungsfeier ber Karlsruher Bürgerschaft tn ber stäbtischen Festhalle würbe das 25 jährige Ehe­jubiläum bes großherzoglichen Paares wurbig em- geleitet. Die Begrüßungsansprache h'elt Ober­bürgermeister Siegttst. Tief gerührt dankte ber Großherzog für alle die ihm entgegengebrachten Beweise von Treue unb Anhänglichkeit unb brachte ein Hoch auf bie Stabt Karlsruhe unb Baben aus. Das an bie Hulbigungsfe.er sich anschließende Fest­spiel war vom Direktor der Karlsruher Kunst- gewerdefchule, Hofrat Hoffacker, inszeniert und ge­leitet. Mit einer Huldigungshymne, die von den Anwesenden gemeinsam gesungen wurde, schloß bte Feier. — Der Großherzog hat 36 gerichtlich (zum Teil wegen schwerer Verbrechen) zu Freiheitsstrafen verurteilte Personen durch teilweisen Nachlaß, teils durch die Anordnung ber Verkürzung ober Beur­laubung auf Wohlverhalten nach Verbüßung eines Teiles ihrer Strafe amnestiert. Außerbem hat bas Justizministerium auf Grunb ber ihm übertragenen Begnabigungszustänbigkeit in 57 Fällen ©naben* alte verfügt. — Prinz Abalbert von Preußen traf heute abenb im Sonberzuge zur Teilnahme an ben Jubiläumsfeierlichkeiten ein; es fanb großer militärischer Empfang statt.

d* München, 19. Sept. 1910. Die religiöse Un­duldsamkeit der liberalen Presse wird nachgerade unetträglich. Namenllich die „Münchener N. N." treiben es seit langer Zeit ganz arg. Der neueste Fall, den bad liberale Blatt abwanbeit, spielt in Immenstadt. Dort hat gelegentlich einer Kon- ttollversammlung Herr Oberftleutnant Hausen bte Mannschaften ermähnt, der Religion treu zu bleiben und nicht den Verkündem des Unglaubens und der Gottlosigkeit zu folgen; Gott und die christliche Re­ligion seien die Grundsäulen nicht nur des Vater­landes, des Thrones und Attares, sondern auch eines tüchtigen Volkes unb wackeren Bürgerstandes. So berichtet die „Neue Augsb. Zeitung". Diese An­sprache ist nichts anderes als ber Ausdruck jener re­ligiösen Gesinnung, die Kaiser Wilhelm wiederholt in Ansprachen an die Soldaten bekundet hat. Die „N. Rachr." dagegen führen sie an pls Zeichen „der Keri* ftilen Propaganda in Bayern." Das liberale Blatt gibt damit einen schlagenden Beweis, daß cs reli­gionsfeindlich ist und Religion mit Politik verquickt; nicht zu reden von der religiösen Unduldsamkeit. Of­fenbar haben sich die „Neuesten" betroffen ge­füllt durch die Warnung vor den Verkündern des Unglaubens. Das kann man ihnen allerdings nicht verdenken. — „Ein großer Zentrumsschwin­del amtlich entlarvt". Unter dieser „wutschnauben­den" Überschrift verkünden liberale Blätter, das Ver­fahren gegen die Nürnberger Sozialdemokraten, die unter dem dringenden Verdachte stehen, während der

Die deutschfeindliche Pretz- Berfchwörung.

Der Pariser ,Matin' brachte, wie wir gestern schon meldeten, bie sensationelle „Nachricht", zwischen der Türkei und Rumänien sei ein Militär- vertrag abgeschlossen worden. Rumänien steht in freuublichen Beziehungen zu Oesterreich und Deutsch- land: aus einem Militärvertrag Rumäniens mit der Türkei kann man also die schönsten Vermutungen herleiten über den Anschluß der Türkei an die mitteleuropäische Kaiserreise unb über gewaltige Plane dieser Mächte auf dem Balkan. Diese „Ausschlachtung" der Pariser Ente wurde dann auch alsbald in französischer, englischer und russischer Sprache de- sorgt. Im „Journal des Debats" hieß es: „Mindestens eine der Dreibundmächte habe ehrgeizige Absichten in der Richtung auf Saloniki."

Aus diesen und ähnlichen Wendungen erkennt man deutlich, baß ein Hauptzweck ber ganzen .Schreiberei bie Beunruhigung Italiens ift !Bei den jüngsten Zusammenkünften in Salzburg und Ischl ist zwischen den ttalienischen und ben österreichischen Staatsmännern und Herrschern eine Verständigu g angebahnt worden, bie über den sonst üblichen Austausch von allgemeinen Artigkeiten hinaus- ging unb burch bestimmte Erklärungen unb praktische Maßnahmen bie einzelnen „Steine des Anstoßes" zu beseitigen suchte. Das bedeutet eine offenbare Stärkung des Dreibundes unb einen Erfolg ber ftiebliebenben Diplomatie ber Mittelmächte. Die alten Gegner bes Dreibunbes versuchen nun, bas Mißtrauen bes italienischen Volkes von neuem zu wecken unb zugleich ber Türkei nach Möglichkeit Schwierigkeiten zu bereiten, um sie zum engeren An­schluß an bie sranzösisch-englisch-russische Staaten­gruppe zu nötigen.

। Die „Nachricht" selbst ist, wie inzwischen aus Konstantinopel gemelbet wird, glatt erfunden; ein Militärvertrag ober sonst ein politisches Bünd­nis zwischen ber Türkei unb Rumänien ist nicht abgeschlossen worben. Wir haben das gestern gleich als wahrscheinlich hingestellt. Aber bie Sache ist nicht ungeschickt erfunben, ba tatsächlich, wie wir gestern betonten, bie Türkei unb Rumänien so diele gemeinsame Gefühle und Interessen haben, baß sie im Kriegsfälle sich nicht gegenseitig schädigen ,üifen, sondern vielmehr begünstigen müssen. Nach Lage bet Verhältnisse ist es gerabezu selbstver- stänblich, daß beim Ausbruch eines türkisch - bub garifdien Krieges Rumänien nicht seinem un­bequemen Nachbarstaat ^Bulgarien zuhilfe kommen, sondern seine Neutralität in wohlwollender Tendenz zugunsten der Türkei geben würde. Es ist auch wohl möglich, daß die türkischen und rumänischen Staatsmänner bei ihren Verhandlungen über ben Handelsvertrag rc. gelegentlich auch von ber „wohl­wollenden Neutralität" gesprochen haben. Eine förmliche Biiidung ber beiben Staaten wird aber entschieden bestritten und ist auch aus inneren Gründen nicht wahrscheinlich.

Woher stammt nun d e falsche „Nachricht" und deren tendenziöse Ausbeutung? Die ,Kreuzztg/ sucht das Rätsel in folgender Weise zu lösen:

„Der Felbzugsplan wurde diesmal vermutlich bei ber Zusammenkunft entworfen, die vor einiger Zeit kurz nach ben Ministerbesprechungen in Marien bad Iswolsky mit Cartwright, bem britischen, unb Crozier, dem französischen Botschafter in Wien hatte. Es handelt sich um den abgekarteten Plan, alle Hilfs­truppen mobil zu machen, und das in Celinje einge­leitete Werk der Begründung eines neuen Valkan- bundes mit Anlehnung an Rußland und an Italien »em Abichluß näher zu bringen. Der ganze JJreBfelo» iq stellt sich als ein zielbewußter politischer Gegenzug er ©ntentenpolitit gegen die türkssch-österre^che Annä herung dar, vielleicht Den letzten Versuch Jswols^s, vor »einem Scheiden aus seinem Amt emen Tnumph über feine Gegner in der bosnischen Angelegenheit

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