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M 2U.
Montag de» V>. September 1910.
57. Iahrganz.
* fuldaer W' Leitung«
2. Blatt.
Druck und Verlag der Znidaer Aetiendrnckerrt in Selbe.
truppe, nicht ins Hintertreffen zu geraten und so unsere ganze Stellung zu gefährden.
Gewiß hat sich unsere Presse, hauptsächlich i». folge des Kulturkampfes, zu einer ganz bedeutenden Macht ausgewachsen. Die Zahl der katholischen politischen Zeitungen und Zeitschriften im Deutschen Reich ist gestiegen von 186 im Jahre 1880 auf jetzt rund 480, die Zahl der Abonnenten in derselben Zeit von rund 600000 auf rund zwei Millionen. Und doch find wir gegenüber der sozialdemokratischen Prefle im Bunde mit der liberalen und farblosen Generalanzeigerpresse ganz bedeutend in der Minderheit und werden immer noch weiter zurückgedrängt. Demgegenüber hilft nur eins: charakterfestes, echt selbstbewußtes Besinnen aus die uns alle umschlingende katholische Solidarität, energisches Hinausweisen der sozialdemokratischen, liberalen und farblosen Presse aus unsern Reihen und zäh«, systematische Kleinarbeit im Jntereffe unserer eignen Prefle. Vorbild i» dieser rastlosen Kleinarbeit ist uns wiederum die Sozialdemokratie, die allerorten, bis aufs Land hinaus, durch die von einem ganzen Stabe sozialdemokratischer Agitatoren planmäßig betriebene Hausagitation, vorzüglich an Sonntagen/Mit einem Schlag oft Hunderte von neuen Abonnenten gewinnt.
Es trennen uns nur noch wenige Wochen von einem neuen Quartal und bereits beginnen wir auf der ganzen Linie wieder in die agitatorische und organisatorische Winterarbeit einzutreten. Als deren Kern und beste Wahlvorbereitung für den nächstjährigen erbitterten Reichstagswahlkamps betrachte man in diesem Jahre mal eine klug überlegte und mit aller Energie von den kampsbegeisterten Vertrauensmännern der Zentrumspartei.
Hauptsächlich durch solche planmäßige und. tatkräftige, zähe und unermüdliche Kleinagrtation von Haus zu Haus, von Nachbar zu Nachbar, von Freund zu Freund, aus dem Wege von und zur Arbeit, hinter dem Bierglas usw., nicht in erster Linie durch ewig wiederholte Reden gegen die schlechte Prefle vertreibt man die gegnerische Prefle, wo sie sich bereits eingenistet, hindert ihr Eindringen, wo sie sich noch nicht festgesetzt und bahnt unserer Prefle die Wege Das ist ebenso mannhaft als echt katholisch gehandelt und ganz im Sinne unseres Papstes Pius L, der im vorigen Jahre treffend äußerte:
„Was nützt es, Kirchen zu bauen, Mlsfionen abzu- halteu. Schulen zu errichten, wenn der Feind ungehindert und unermüdlich tätig ist. daß die Kirchen leer stehen und die Früchte der katholischen Schule wieder vernichtet werden. Alle Anstrengungen derKatho- liken bleiben fruchtlos, wenn sie nicht auch verstehen, sich zur gleichen Zest der Verteidiguugs- und Angrisfswaffe der katholischen Presse richtig zu bedienen."
* Die Presse.
Es war vor Jahresfrist, auf der 56. versammlung der Katholiken Deutschlands zu Br<^ lau, daß der bald nachher so jäh aus demLeben gerissene altverdiente Zentrumsabg. de Witt aus die ausschlaggebende Bedeutung der Presse in unsern Tagen mit folgenden markanten Worten hinwies:
Als im grauen Altertum Aefop einmal gefragt wurde, was das beste ist, gab er zur Antwort: die Zunge, denn ohne sie kann nichts gutes auf Erden geschehen. Aber auf die Frage, was ist »enn.das schlechter, antwortete er wieder: die Zunge, denn durch böse Zungen ist unsägliches Unheil auf der Welt angesttstet Diese Antwort klingt paradox, aber sie trifft noch heute zu, ja, sie läßt sich anwenden auf eine Errungen- schast der Neuzeit, die unser gesamtes politisches und wirtschaftliches, künstlerisches und geschästliches, wiflen- lchastliches und religiöses Leben widerspiegelt, ich meine: die Presse. Die Preffe ist die Zunge, das hervorragendste Organ der öffentlichen Meinung, jenes undefinierbaren Jmponderabile des modernen Staates und Volkslebens, welches keiner ignorieren darf, der im öffentlichen Leben steht, mit welchem dir Staats- kunst rechnen muß und deren Wucht selbst die Mächtigen der Erde auf die Dauer nicht jtt widerstehen vermögen. Aber die Preffe ift nicht allein das Organ der öffentlichen Meinung, ihre Bedeutung geht weit darüber hinaus, insofern sie auch den wichtigsten Faktor darstellt zur Schaffung und Bildung der öffentlichen Meinung, mag sie dieselbe iu gutem oder schlechtem Sinne beeinflussen."
Von dieser Einsicht hat sich von jeher auch die sozialdemokratische Partei bei ihren gewaltigen persönlichen und finanziellen Opfern und ihrer zähen Kleinarbeit für die Ausbreitung ihrer Preffe leiten lasten. Immer und immer wieder betont sie, von ihrem Standpunkt aus mit vollem Recht: „Die Presse beeinflußt nicht nur die öffentliche Meinung, sie erzeugt, sie fabriziert dieselbe geradezu. Deshalb ist die wirksamste Propaganda unserer Anschauungen zweifellos die Propaganda für unsere Presse. Je mehr Leser vorhanden sind, desto mchr wird der Samen der sozialistischen Ideen ausgestreut in die Herzen und Köpfe, bei um so mehr Personen wird der Wille erzeugt, im Sinne dieser Ideen z« wirken."
Welche Lehre folgt nun daraus für uns? Verschaffte man sich von unserer Seite stets einen genauen Ueberblick in die gewaltige Maschinerie der sozialdemokratischen Preßarbeit, so würde man nicht nur iveniger staunen über die überraschenden Fortschritte der gegnerischen Agitation, sondern auch die heilsamsten Anstöße und eine sehr nützliche Orientierung gewinnen für unsere eigene Preßpropaganda.
Den neuesten Ueberblick über Stärkeverhältniffe und Stand der sozialdemokratischen Prefle und ihre reißende Vorwärtsbewegung bietet in interessanter Weise der Bericht an den Mitte September in Magdeburg stattfindenden Parteitag. Seit dem Stuttgarter internationalen Sozialisterckongreß (1907) stieg danach die Zahl der sozialdemokratischen Tageszeitungen von 65 auf 76, die in 57 Parteidruckereien hergestellt werden. Die Abonneuteu- z a h l der sozialdemokratischen Blätter vermehrte sich von 1906 bis 1909 von 837 790 auf 1041498 (ohne die Monatsblälter und die ,Neue Zell').
Ter Einfluß der sozialdemokratischen Preffe be- ruht indes nicht nur in den politischen Blättern mit einer Abonnentenzahl von, wie gesagt, über eine Million, sondern er wird noch vervielfacht durch die Verbandsorgane der 1832000 Mll- glieder zählenden sozialdemokratischen („freien") Gewerkschaften. Diese Verbandsorgane, die in skrupelloser Verhetzung mit der sozialdemokratischen politischen Tagespresse wetteifern, belaufen sich ans rund 57 und erscheinen in einer Gesamtauflage von rund zwei Millionen Exemplaren.
Ueberschlägt man mit einem Gesamtblick diese zirka drei Millionen Exemplare sozialdemokratischer polnischer und gewerkschaftlicher Blätter, so wird man eingestehen müssen: dieser Tag für Tag und jahraus, jahrein auf uns niederprasselnde Granaten- regen muß auf die Dauer selbst die bombensichersten Gewölbe durchschlagen, und es wird auf unserer Seite einer viel mehr als bisher ge steigerten, einer geradezu fieberhaften Tätigkeit bedürfen, um mit unserer Preffe, unserer wichtigsten Angriffs« und Verteidigungs-
veutsches Reich.
.-. Gewerkschaften und Fachabtriluugen. In der Münchener ,AUg. Rundschau' hat der Abg. Erzberger zu den Auseinandersetzungen zwischen den Fachabteilungen und den christlichen Gewerkschaften Stellung genommen und u. a. gesagt:
„Wenn daher im Frühjahr eine kleine Berstän- digungs - Kommission zwischen Fachabteilungen und christliche» Gewerkschaften eingesetzt worden ist, so darf man hoffen, daß die Arbeit des Dreimänner- Kollegiums von Erfolg gekrönt fein wird mrd mindestens die ätzende Schärfe in der Polemik der Bergan genhell zuzuzählen fei» wird."
Das Zentralblatt der christl. Gewerkschaften bemerkt dazu u. a.:
„Bon einer „Berständigungs-Kommisstou" ist de» leitenden Instanzen der christlichen Gewerkschaften nichts bekannt. Auffallende Tatsache bleibt allerdings, daß in letzter Zeit verstärü von einem Frieden geredet und geschrieben wird. Dies geschieht indes meist von Kreisen, die die Differenzpunkle zwischen christ- lichen Gewerkschaften und kacholischen Fachabteilungen nur von der Oberfläche kennen gelernt haben. Daß solche Kreise nicht geeignet sind, die Basis zu den Friedensmöglichkeiten vorzubereiten, ist für alle «tu- sichtig« klar."
Wir erfahren dazu, daß das Drermäuner- Ksllegimn sich zusammensetzt aus dem Vorsitzenden der Zeutrumssraltiou, Dr. Frhr. v. Hertling, und den beiden Zentrumsabgeordneten Dr. Hitze und Dr. Fleischen Ma« wich von den drei Herren nicht behaupten können, daß sie die in Rede
| Friedberg, 48. Sept. 1910. Ein Automobil- Unfall deS Zaren wirb erst nachträglich bekannt. Bei dem Ausfluge nach Lich am Donnerstag nachmittag saßen im ersten Wagen der Zar, der Großherzog und mehrere Mitglieder der Hofgesellschaft. Der Großherzog selbst steuerte den Wagen. Bei dem Dorfe Niedermörlen kam dem Auto ein Bauermvagen entgegen, auf dem quer eine große Stange lag, die weit über die Straße reichte. DaS Auto des Zaren fuhr gegen diese Stange, sodaß der Bauernwagen beiseite geschleudert wurde. Das Kaiser!. Auto mußte halten, da es einen Defekt erlitten hatte. Der Großherzog, der Zar und die übrigen Insassen stiegen aus und würben in die übrigen 5 Autos verteilt, dann gmg die Fahrt weiter. — Wegen des Geburtstages der Großherzogin war vorgestern abend Friedberg prächtig illuminiert. Sämtliche Straßen-Deko- rationen sind mit frischem Grün versehen worden. Bei einer Ausfahrt des Großherzogs und feiner Gemahlin war auf Anordnung des Großherzogs jebe polizeiliche Absperrung streng untersagt.
Aus dem Nachbargebiele.
♦ Hersfeld, 18. Sept. 1910. Bei einem im hiesigen Schlachthofe geschlachteten Pferde wurde Rotzkrankheit sestgeMt.
Aus Uirche und Schule.
$ Offenbach, 18. Sept. 1910. Der Seelsorge- Bezirk der hiesigen Marienkirche ist zu einer selbständigen katholischen Pfarr-Ge- meinde St. Maria erhoben worden.
* Ravensburg, 16. Sept. 1910. Zu dem ersten homiletischen Kursus, der eben hier stattfand, waren aus allen Diözesen Deutschlands, aus Oesterreich, der Schweiz, Luxemburg und Holland über 400 Teilnehmer erschienen. Es sprachen Bischof Dr. v. Keppler, Prof. v. Belser-Tübingen, Prof. Anton Koch-Tübingen, Domkapitular Dr. Rsck-Rotten- burg und Stadtpfarrer Dr. Hefele-Urach. Die Vorträge werden im Druck erscheinen.
stehenden Fragen nicht genug kennen. Freilich haben diese drei Herren nicht dir Einigung zwischen beiden Richtungen herbeizuführen, sondern sie wollen dahin wirken, daß .mindestens ine ätzende Scharfe in der Polemik" unter den Zenlrmnsanhängern ver beider Richtungen der Vergangenheit angehorl. Dian wird es nur begrüßen können, daß em solcher Schritt unternommen worden ist .und gern d« Hoffnung Ausdruck geben, daß em Erfolg sich jeigen möge.
** Wiesbaden, 18. Sept. 1910. Gegenüber Rodungen der „Frkf. Zig." und der „Kleinen Preffe, wonach das Z entru m im 2. naff. Reichstagswahlkreise den Landtagsabg. Generalmajor z. D. v K l o e- don (Bund der Landwirte) aufftellen werde, teilt die hiesige „Rhein. Vztg." mit, daß das Zentrinn nnt der Kandidatenfrage sich noch garnrcht beschäftigt habe. Sicher sei bis jetzt nur, daß das Zenttum zu gegebener Zeit einen Kandidaten aufstellen und dann filr denselben mit aller Entschiedenheit in die Agitation eintreten wird.
cft München, 18. Sept. 1910. Der Terrorismusfall in der Schwabinger Brauerei — die Genoffen wollten bekanntlich nur von organisierten Kellnerinnen bedient fein, worauf die unorganisierten enüchsen worden sein sollen — wird anscheinend eine gerichtliche Klärung finden. Rechtsanwalt Kohh der Vorsitzende des Jungliberalen Vereins, erklärte, er halte die über diese Vorgänge gebrachten Mitteilungen aufrecht und der Verein werde auf dem Wege einer gegen die „Münch. Post" eingereichten S t r a fa n z e ig e wegen Beleidigung für feine Angaben dm Beweis erbringen. Daraus darf man den Schluß ziehen, daß sich dieser kaum glaublich, Vorfall tatsächlich in der geschllderten Weise zugetta- gen hat. ____________
Ausland.
♦ Der Oesterreichische Preßverein, auch Piusverein genannt, ist ungemein rührig und tätig. Der ,Tiroler Anzeiger" berichtet darüber also:
„In den Dörfern, wo der Piusverein eingesührt ist, ist kaum mehr eine einzige schlechte Zeitung zu finden und selbst farblose Blätter sind dort nur selten zu finden. Gerade die Gemeinden des Unterinutales l Gegend von Innsbruck bis Kufstein) beweisen, wie selbst Bauern sehr für die christliche Presse begeistert werden können. In den Dörfern wird es äußerst selten noch einen Wirt geben, der nicht sein christliches Tageblatt hat. An Markttagen organisierten die Vertrauensmänner des Piusvereins Gruppen, denen ein bestimmtes Gasthaus zur Bearbeitung zugewiesen wurde und wenn schließlich zehn und zwanzig wiederholt das christliche Tageblatt verlangten, ließ sich der Wirt sicher herbei, dasselbe zu bestellen." Eine christlich sein wollende Wirtschaft, die sich beharrlich weigerte, ein katholisches Blatt zu halten, wurde eines Tages einfach gemieden. Das obige Blatt berichtet auch, daß es im Unterinntal (ungefähr 72 Kilometer lang) viele Gemeinden gibt, wo schon fast alle Erwachsenen, Männer und Frauen, Bauern und Knechte, Bäuerinnen und Mägde beim österreichischen Preßverein sind.
Man sieht, die Leute in Oesterreich können mehr als bloß papierene Resolutionen oder Vorsätze fassen; sie handeln praktisch. Machts nach.
vermischtes.
* Postgelder veruntreut hat der Postassifienl Sprung aus Koblenz, der seit einigen Tagen m Neuwied angestellt war. Er ist nut einem Geldbrief über 9000 Mark und dem gesamten Wert- fachenbestand des Postamts Neuwied verschwunden. Der Defraudant war mit seiner Braut zur,Brüsseler Weltausstellung gefahren. Als das Mädchen die «roße Geldsumme und eine Pistole bet ihrem Bräutigam vorfand, kehrte es zu seinen Ettern
einer Maschinenfabrik in Nürnberg stürzt- beim Ausziehen eines 140 Zentner schweren Platt- formverschlusses ein Träger nrit dem Verschluß ab. Ein Arbeiter wurde getötet, drei andere schwer ver- letzt.
* Opfer eine» leichtfertigen Chauffeurs wurden drei Kinder in dem rheinischen Orte Klagenbach Ein angetrunkener Chauffeur lud spielende Kinder zum Mitfahren en, worauf drei .Kinder tn den Kraftwagen kletterten, der sofort mit rasender Ge- schwindigkeit sich in Bewegung setzte. Bald verlor der Chauffeur die Gewalt über den Wagen, das Auto rannte mit voller Wucht gegen einen Baum, wobei die Kinder aus di« Straße geschleudert wurden und sämtlich sehr schwere Verletzungen erlttten. Nur durch die Dazwischenkunft einiger Polizisten konnte der Chauffeur gegen die wütende Volksmenge geschützt werden.
* Bewaffnete Banditen überfielen in der Nacht das russische Gemeindeamt zu Halina. Der Gemeindewächter, der ihnen entgegentrat, wurde er« fto^eu. ®ie Frau des Gemeindevorstehers, die durch den Lärm erwacht war und aus dem Fenster sah, wurde erschösse«. Von einer Beraubung der Gemeindekasse mußten die Banditen adsehen, da be« roaffaete Bauern zur Hilfe herbeieilten.
• Ein Eiseubahuunfall hat sich im Bahnhof Bordeaux ereignet Der Schnellzug von Rochelle wurde durch die Maschine eines entgegenfahrenden Zuges infolge unklaren SignaleS dirett in zwei Stücke geschnitten. Zwei Wagen wurden völlig zerstört. Im ganzen sollen 2 Personen tot, 16 verwundet fein; darunter 3 schwer verletzt.
* Ein opferwilliger Patriot ist bet Präsident bei türkischen Senats Said Pascha. Er hat die Hälfte seines Vermögens zum Ankauf eines Panzerschiffes, bestimmt, das den Namen Said« erhalten soll.
* Der »Vogel beS Teufels". In Oran in Al« gerien stieg am Sonntag der algerische Aviatiker Sercies gelegentlich eines Pferderennens mit seinem Aeroplan auf und machte einige sehr schöne Flüge über den Rennplatz» unter anderem überflog er einen Hügel von 400 Meter Höhe. Als er 52 Minuten in der Lust war, ging ihm das Benzin aus, und er mußte, da er sich inzwischen von der Rennbahn entfernt hatte, mitten in einem arabi« schen Lager landen. Die Eingeborenen sammelten sich sofort um den merkwürdigen Apparat, und S Kluge gaben ihr Votum dahin ab, daß es der _>l des Teufels sei, der aus der Höhe zu ihnen gekommen wäre.
Kleines Feuilleton
— Wie das Telephon bekannt wurde. Die Erinnerung an die erste Zeit des Telephons ruft ein Aufsatz tn der französischen »Zeitschrift für Telephon- obonnenten" wach, den der .Gaulois" roiebergibt Er vermittelt uns die Kenntnis von den seltsamen Umständen, unter denen Graham Bell feine Verbesserung der Reisschen Entdeckung der Oeffentlich- keit bekannt machte. Diese Bekanntmachung ist nur einem Zufall zu danken. Graham Bell hatte feinen Apparat auf der Weltausstellung von Philadelphia im Jahre 1876 ausgestellt, aber kein Mensch unter Tausenden Besuchern hatte einen Blick ür den Apparat übrig. Lange Wochen hindurch sah man den armen Erfinder traurig und einfam vor bm Tischchen sitzen, auf dem der Apparat stcmd. Sewst die Mitglieder der Jury gingen gleichgiUlg an ihm vorüber und wollten srch nicht für den Apparctt interessieren, von dem der Erfinder _ versicherte, daß er eine Unterhaltung zwischen zwei Menschen aus eine Entfernung von Hunderten von Metten er- möglichte. Graham Bell sah verzwerfett einen völligen Mißerfolg voraus. Da erhielt die Ausstellung eines Tages kaiserlichen Besuch. Es war Dom Pedro, Kaiser von Brasilien, in Begleitung feiner Gemahlin, der Kaiserin Therese. Der brasilianische Herrscher kannte Graham Bell bereits von ftwy- als der Erfinder an der brasilianischen Hochschule physikalische Vorlesungen hielt. Dom Pedro entsann sich der früheren Begegnungen sofort und ließ den Apparat mit allen Einzelheiten vorführen. Wahrend Bell den Gebeapparat in die Hand nahm, beugte sich der Kaiser über den Empfänger und plötzlich, während die Begleitung sich gespannt still verhielt, hob der Kaiser erstaunt den Kopf: „Es spricht, Ihr Instrument!" Nun war der Bann gebrochen, man beglückwünschte Graham Bell von allen Seiten, die Zeitungen widmeten der neuen Erfindung, der „bahnbrechenden" Erfindung lange Arttkel. Das Telephon trat seinen Siegeslauf an.
— Reis als Nahrungsmittel. Der Reis ist ein Kind der Tropen, wird jedoch mit Erfolg noch in Europa bis zur Poebene Norditcckiens an gebaut. Hauptreis quellne sind Japan, China, Ostindien, Karolina und Südamerika, das jedoch seinen Bedarf nur zum Heineren Teil selbst deckt, wie ja auch der bei uns beliebte ^Karolinareis" stets eine andere Heimat hat. Welche Bedeutung der Reis als Bolksnährmittel hat, ahnt man in Deutschland kaum. Demi mehr als ein Viertel der Menschheit lebt hauptsächlich, zum Tell sogar ausschließlich, von Reis. Der Reis ist die Kartoffck der Tropen, doch viel gehaltvoller und schmackhafter als diese. Um seinem Körper die nötige Menge Sttckstoffsubstanz zuzuführen, müßte allerdings ei# arbeitender Mann täglich über 2500 Gramm Reis und sogar 10 000 Gramm Kartoffeln essen, um ihm aber auch die erforderliche Wenge ftickstoffreier Substanz zu übermitteln, an 600 Gramm Reis oder 2000 Gramm Kartoffeln konsumieren. Hieraus folgt, daß man zur Befriedigung beider Bedürfnisse mit dem vierten Telle der Gewichtsmenge auskommt, wenn man Reis statt Kartoffckn speist. DaS ist eine hochwichtige Aonomische Sache, der gegenüber man behaupten darf, daß wir noch lange nicht genug Reis essen, wozu dieser doch durch feine Schmackhaftigkeit und das Talent, sich den Tischgästen in verschiedenster Gestalt zu repräsentier«,, einladet. Die einfachste wie komplizierteste Bereitung läßt er über sich ergehen, den kräftigsten .Gemüsegang" wie die leckerste .Nachspeise" aus sich machen. Der Japaner und Chinese verzehrt als geborener Reiskonsumenden den Reis naturell" lediglich mit Wasser abgewellt, und hat seine Zunge so geübt, daß er .die Jahrgänge" ebenso sicher herausschmeckt, wie unsere gewiegtesten Wein- kenner die Mume der Kreszenzen. Beim Ocffnen eines der Reissäcke, die in ganzen Schiffslaoungen in Hamburg und Bremen eingehen, findet man, daß ein Teil der Reiskörner beretts von den Hussen befreit ist ein anderer aber noch darein steckt. Nächste Arbeit ist Trennung der beiden Komarten, die durch Maschi- nen derartig bewickt wird, daß sich kein Korn auf die unrechte Seite verirrt. Zur Herstellung der Voll- toflette des küchenfähigen Kornes wird noch manches
Verfchönermrgsmittckchen: Schleifen, Polieren, angewendet, das die Körner gegensettig besorgen, indem sie in einer Drehtrommel längere Zeit durcheinander- gerüöelt werden. Zu den Toileüengeheimniffen delikatester Natur gehört es, den Reiskörnem einige Tropfen feinen Oels zuzufetzen, wodurch sie sanften Glanz erhallen, während ihnen eine minimalste Gabe Indigo ein durchscheinend blasses Kolorit gibt Von solchen Rezepten hat jede Reisschälerei ihr eigenes Register, und da es kaum verschwiegenere Leute gibt wie die Herren „Reissabrikanten", die das .Abgucken" mehr als alles andere fürchten, so weiß einer vom andern nichts. Deshalb können auch wir nicht mehr auS- plaudern, so gern wir es auch tun möchten.
— Freche Diebe. Einige neue Betträge zu der Keccheit der Langfinger finden wir in folgendem, einem englischen Blatte entnommenen Bericht: Daß ein Juwelierladen gegenüber einem Polizeibüro aus geraubt wurde, ist noch nicht so stech, wie daß man kürzlich in Scotland Aard zwei Sicherheitsbeamten ihre Fahrräder stahl und anderen Polizisten ihre Mäntel entwandte — die Täter und die vermißten Sachen blieben unentdeckt. Das Stackste ^dieser Art aber ereignete sich dieser Tage. Ein Schutzmann bemcrft nachts ein schäbig gekleidetes Individuum auf der Strafte, das eine große Wanduhr trägt, und häü den Betreffenden, der sich nicht ausweistn kann, an. Der Arretierte läßt sich ruhig zur Wache führen und bittet noch um gemessenen Schritt, damit feine Uhr auf dem Gang nicht Schaden leide Im Augenblick, da der Beamte den Mann einschließen will, sieht er zur Feststellung der Zeit nach der Uhr des Büros — sie ist fort und es ergibt sich, daß es dieselbe ist, die der Verhaftete mtt sich geführt und so sorglich behütet hat! Der Dieb hofft, daß man ihm wenigstens feine Sorgfalt als strafmildernd anrechnen werde. . . .
—. Di« Darstellung reinen Radstwi) als festes Metall ist der Frau Professor Curie und ihrem Mitarbeiter de Bierne auf dem Wege der Estkstolyst gelungen. Bisher kannte man das Radium nur in Verbindung mit Brom- und Chlorfalzen. Den Bemühungen der Frau Curie gelang es nun, das Radium rein herzustellen. Die Arbeit rtzihm mehrere
Monate in Anspruch. Die Herstellung erfolgte au8 einem Dezigramm Radiumfalz, und man erzielte ein außerordentlich geringes Partckelchen reinen Radiums, das sich gegentoärtig tn einer luftdichten Röhre einge- schloffen befindet. Das reine Radium erweist sich als ein weißes Metall, das sich an der Luft überaus rasch öeränbert; e8 oxidiert und wird schwarz. An Eigen- schasten zeigt das reine Radium bisher, daß es Papier entzündet, das Wasser rasch zerfetzt und an Eisen hängen bleibt, also magnetische Kraft zu haben scheint. — Madame Curie, die Prosefforin an der Pariser Sorbonne, teilt sich mit ihrem verstorbenen Gatten in den Ruhm, den geheimnisvollen Stoff, das Radium, entdeckt zu haben. Sie ist die Tochter des Warschauer Gymnasialprofeffors Sklowadsky und erwarb schon früh in Paris den Doktorgrad. Sie hat stets — wie auch der verstorbene Pierre Curie — alle Ehrungen abgelehnt und nur vom Unterrichtsministerium um die Auszeichnung gebeten, das von ihrem Manne benutzte ftaalliche Laboratorium zur Fortsetzung ihrer wissenschaftlichen Studien weiter benutzen zu dürfen.
— Bemalte Dammhüte. Tie letzte Modelaune m Amerika ist die der Damenhüte mit Handmalerei. Verbannt sind die Federbüsche und Bänder von den Hütm der Damm, die im Reiche der Mode ton« angebmd sein wollen; der Hut selbst ist nur noch ein ganz einfaches Gebilde, aber darauf werden von einem geschickten Maler blühende Zweige, vielfarbige Vögel und Ornamente gezaubert. Hier eröffnet sich em reiches Feld der Tätigkeit für die Maler, und nicht nur für die bescheidenen Künstler, die Anstchls- kartm illustrieren, und denen nun die Aufgabe zu- läßt, die billigen Hüte zu bemalen, sondern auch für die berühmten Maler, weil natürlich keine elegante Dame einen Hut tragen wird, der nicht die Signatur eines anerkannten Künstlers hat. Ein unternehmender Maler, der den entwickelten Geschäftssinn der angelsächsischen Rasse hat, hat schon em Preisverzeichnis für diese Arbeiten ausgegeben; darin sind 25 mehr oder weniger farbenreiche Vogel ausgeführt, und die Preise schwanken von 40 Mark für ein Rotkelchen bis 400 Mark für einen Raben und 500 Mark für einen Kauz.