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Fulda, Montag den 19. September 1910.

Erstes Blatt.

jta 214.

37. Jahrgang.

Die „Wahlparole" des Reichs­kanzlers,

die die „Franks. Ztg." veröffentlicht hat, sollte lauten: Sammlung aller positiv schaffenden Stände unter dem Kampfruf: Unsere Schutzzollpolitik ist bedroht. In ihrem Wochenrückblick kommt die „Nordd. Allg. Ztg. , jedenfalls im Auftrage des Kanzlers, auf diese an­gebliche Parole zurück. Das offiziöse Blatt schreibt:

Wir können versichern, daß an der obersten ver­antwortlichen Stellung nicht nach Schlagworten gesucht und heute schon entschieden »mrd, welche einzelne Frage bei den nächsten allgemeinen Wahlen tum Reichstage in den Vordergrund zu rücken wäre. Mit Wahlparolen, die sich nicht aus der Natur der Dinge ergeben, mit künstlichen Schlagworten läßt sich dem Uebel, das wir beklagen, überhaupt nicht peikommen. Leistet das deutsche Volk in der prakti­schen Arbeit fortwährend so Großes, so wird es sich auch in seiner politischen Betätigung und Kultur der Herrschaft der Phrase entwöhnen und seine Geschicke so wenig nach übler Laune, wie nach einseitigen Klassen oder Jnteressentenwünschen mitbestimmen Müssen. Der Reichskanzler hält es für seine Hauptaufgabe, die Reichsgeschäfte so zu führen, daß das der Nation zum Gedeihen ihres Er­werb s l e b e n s ebenso wie zu ihrem militärischen Schuhe Nötige gesichert und ihre stetige kulturelle Ent­wickelung gewahrt werde. Es ist daher ein im ein­seitigsten radikalen Parteiinteresse genährter Aberglaube, daß irgend etwas einseitigen oder wirtschaftlichen Reaktion Aehnliches im Werke fei. Eine solche Absicht liegt allen maßgebenden Faktoren des Reiches fern."

Herr v. Bethmann-Hollweg hat sehr recht, daß er cher gedankenlosen „Herrschaft der Phrase" ft der parteipolitischen Agitation, wie sie sich beson- d>rs seit der Blockära und ihrem Krache herausgebil- d't hat, eine kräftige Absage erteilt. Der Schluß be­weist, daß der Reichskanzler gleichwohl nicht daran hinkt, den liberalen Parteien, die an der Verhetzung Des Volkes einen großen Teil der Schuld tragen, Fehde anzusagen, sondern nach wie vor Wert darauf legt, in ihren Augen nicht als „Reaktionär" zu erscheinen. Bemerkenswert ist auch die nachdrückliche Betonung, daß die Absicht einer geistigen oder wirt- schafüichen Reaktion allen maßgebenden Faktoren des Reiches fernliege. Vermullich ist der Satz mtt Ab­sicht so gefaßt, daß auch der Kaiser gegen den Ver­pacht der reaktionären Gesinnung geschützt werden soll, Aus seinen letzten Reden hat die Hehpresie ja die schrecklichsten „Rückständigkeiten" herauSgelesen.

Wird nun die kräftige Verwahrung gegen den „Aberglauben" an die Reaktion dem Reichskanzler »i e l n ü tz e n? Bei den Sozialdemokraten und deren Milläufern gewiß nicht; auf dem roten Parteitag in Magdeburg wird auf die „Reaktion" umso lauter ge- cholten, je mehr innerer Zank zu übertönen ist. Die Fortschrittler und die Jungliberalen mit Einschluß >es ganzen linken Flügels der Nationalliberalen las­en sich auch nicht davon abbringen, das Schreckge. penst der „Reaktion" für ihre Agitation zu verwer- en. Dieses Schlagwort ist für die liberalen Volks- redn« unersetzlich, unentbehrlich.

Was ist denn „Reaktion" und „reak­tionär"? Rach dem liberalen Sprachgebrauch ist die konservative Partei an sich schon reaktionär, und das Zentrum ist es in noch höheren» Grade, auch wenn °rs nichts tut, was als Rückschritt zu deuten wäre, und auch wenn es für wichtigen Fortschritt eintrttt. Die „Schwarzblauen" sind unter allen Umständen „reakttonär". Die Reichsfinanzreform, die eine staats­rettende Notwendigkeit war, ist eine „reaSionÄre" Freveltat, weil sie gegen die liberalen Stimmen ge­macht worden ist, und der Reichskanzler ist „reaktio­när", so lange er es wagt, mit einer Mehrheit der Rechten und des Zentrums Gesetze zu machen. Ob die Gesetze gut oder schlecht sind, ist Nebensache. Oie „Reaktion" herrscht in Deutschland, wenn nicht der

Am Ehre und Recht.

22] Roman von O. Elster.

Schweigend erhob sich Erika und schritt über die -Veranda in den Park hinaus, ohne sich darum zu kümmern, ob Miß Bahley ihr folgte. Diese warf der Baronin noch einen bittenden Blick zu, dann trippelte sie eilig hinter Erika her.

„Sie dürfen Ihre Mama nicht so erzürnen, Erika", sprach sie sanft, als sie das junge Mädchen eingeholt hatte.

Erika sah finster vor sich nieder.

„Was kann ich dafür", entgegnete sie, „wenn Mama sich über die Wahrheit erzürnt!"

„Wissen Sie, waS die Wahrheit ist?" fragte die Engländerin zweifelnd.

/ „Gewiß weiß ich'S", rief Erika. „Mein armer .Papa hat es auch eingesehen, daß man Fritz Born ..auf dar Schändlichste verleumdet hat."

„Und wenn Ihr armer Papa auch nicht die volle Mahrheit wußte?"

i „Was wollen Sie damit sagen?"

„O nichts ... ich will überhaupt von der ganzen .Sache nichts wissen. Rur der allwissende Gott kermt jbie Wahrheit und sieht in des Menschen Herz. Aber, - Erika, das weiß ich, daß Sie seit Monaten eine ganz andere geworden sind — früher waren Sie ein heite­res, liebenswürdiges Kind, jetzt sind Sie schweigsam, trotzig, ja finster und abweisend, selbst gegen Ihre Mama."

„Sie haben recht", entgegnete das Mädchen mit einem trüben Lächeln, „ich bin eine andere geworden. Ich weiß es selbst, daß ich sehr unliebenswürdig ge- wordm bin. Aber wer. Miß Bahley, wer hat mich hazu gemacht? — Meine eigene Mutter." " „Um Gotteswillen, Kind, sagen Sie das nichtl" / „Ja, meine Mutter, indem sie einem Unwürdigen «ihr Vertrauen geschenkt hat, indem sie ihn feit dem ikobe meines armen Vaters fast als Herm hier auf

Liberalismus die ensscheidende, herrschende Stellung hat.

Unter der Blockwirtschast Bülow's hatte der Libe- ralisnms diese Machtstellung. Er verlor sie beim Blockkrach, und wegen dieser „Reaktion" schlägt er jetzt alles Porzellan entzwei. Wir wollen den Libe­ralen ihre Machtbestrebungen a n s i ch nicht verargen. DaS Schlimm« und Verwerfliche ist nut, daß sie ge» meinschädltche Mittel anwenden, um ihre Machtstellung wieder zu erlangen. Sie begünsti­gen d ie Sozialdemokratie und wollen dir inneren Schwierigkeiten auf den Gipfel trei­ben, um als Helfer in der Not selbst unentbehrlich zu werden. Sie schüren das Schadenfeuer, um daran ihre Parteisuppe zu kochen.

Die „T a t", welche die Linke vom Reichskanzler verlangt, ist die Unterwerfung unter den Liberalismus nach dem Vorbilde des Block­kanzlers Bülow. Dieser rücksichtslose Parteiego is raus soll bemäntelt werden durch die Phrasen und Schlag­worte, gegen die Herr v. Bethmann Einspmch erhebt.

Ob dir Mahnung des Reichskanzler auf dem rech­ten Flügel der Nationalliberalen Anllang findet, wollen wir abwarten. In den übrigen Reihe»» der Linken wird nach wie vor die Hetze fortgesetzt roerben.

Deutsches Reich.

)( Die Finanzlage des Reiches.

Nachdem verschiedene Erklänmgen, a»»ch von Seite der Regiemng über die Wirkung der letzten Reichs­finanzreform abgegeben worden sind, hätte man an­nehmen sollen, daß wir noch einige Zeit nicht unter dem Einfluß des „Dalles" zu leiden hätten. Leider aber scheint seit der Blockherrlichkeit der „Dalles" bei uns zu den stehenden Einrichttingen zu gehöre»». Der Reichskanzler beabsichtigt am Montag^von Hohenfinow in B e t li n einzutreffen, um eine Sitz­ung des preußischen Staatsministeriums zu leiten und mit den Staatssekretären zu konferieren. Ueber die Beratungsgegenstände weiß das Sprachrohr der Re­giemng, der Berliner Lokal-Anzeiger, folgendes:

„Den wichtigsten Beratungsstoff dürfte, wie »vir hören, die Art der Bilanzierung des neuen Reichsetats bilden. Der Reichsschatzsekretär ist, solange er darauf angewiesen bleibt, mit den jetzigen Einkünften des Reiches zu wirtschaften, genötigt, die Bilanzierung de? Etats durch große Abstriche an den einzelnen Ressortsorderungen zu ermöglichen. Da die Erträge der Finanzresorm hinter den trrwar- tungen ihrer Bäler zurückbleiben, rückt die Gefahr nahe] daß mit den Streichungen auch auf das- Gebiet der notwendigen Bedürfutff« des Staates hinüber­gegriffen werden muß. Daher dürfte auch im Hinblick auf die zu erwartenden Mehrausgaben jetzt schon die Frage geprüft werden, ob allein mit sparsarn er Wirtschaft das Gleichgewicht im Reichshaushalt aufrechterhalten werden kann."

Ganz leise, aber deutlich genug, wird hier ange­deutet, daß das deutsche Voll demnächst mit einer neuen Reichsfinanzreform „beglückt" wer­den wird. Da soll bann boch —! Ist es denn durch­aus unmöglich, einmal ernsthaft den Versuch zu ma­chen, mit dem auszukommen, was man hat, wo doch die Wunden, die die letzte Reichsfinanzreform geschla­gen hat, noch längst nicht vernarbt sind? Uebrigens ist es sehr unflug von der Regierung in diesen Zeit­käufen, wo man einen toten Wolkenbruch befürchtet, mit der Inaussichtstellung neuer Steuern zu kommen, die ohne Zweifel die ärgste Verstimmung wecken muß. Das wird die roten Agitationsmühlen wieder zum luftigen Geklapper bringen.

+ Die liberale Reichsfinanzreform.

Als die verbündeten Regierungen vor zwei Jah­ren vom Reichstage die Bewilligung von 500 Mil­lionen neuer Einnahmen verlangten, um das große

Loch in der Reichskasse zu stopfen, da erllärten sich In edlem Blockpatriotismus auch die liberalen Par­teien beider Richtungen bereit, an der Bereitstel­lung der neuen Einnahmen mitzuwirken. Dec Abg. Bassermann erklärte im Namen der nationalliberalen Fraktton sogar, daß sie bereit sei, 400 Millionen aus indirekten Steuern und 100 Millionen durch Besitz­steuern zu baten. Der Abg. Dr. Wiemer erklärte im Namen der linksliberalen Fraktionsgemeinschaft bie Bereitwilligkeit, an ber Erhöhung ber indirekten Steuern mitzuwirken. Freilich, als es sich darum handelte, dein Worte die Tat folgen zu lassen, da machten Nationalliberale und Freisinnige alle mög­lichen Einwände, sie hatten nicht weniger als alles auszusetzen an den vorgeschlagenen Besteue­rungsarten und siestimmtengegenalleSteu- ern. Nur für die Erbanfallsteuern gaben sie ihre Stimme ab. Die Liberalen behaupten auch heute noch, daß sie wohl bereit gewesen wären, dem Reiche die notwendigen neuen Einnahmen zu bewilligen. Aber auf die Frage, wie sie denn nun die Reichs­finanzreform besser gemacht haben würden, verweigern sie regelmäßig die Antwort. Und ebenso verweigern sie die Antwort, wenn sie gefragt werden, wie sie sich denn eigentlich die Möglichkeit gedacht haben, nach der Annahme der Erbanfallsteuec bie Reichsftnanz- reform fertig zu bringen. Dieses Schweigen mußte die Ansicht Hervorrufen, baß gerabe die Bewilligung ber Erbschaftssteuer den Fall der ganzen Reichsfinanzreform herboigcführi hätte, da sich die Parteien ber Linken in der Frage der indirekten Steuern und ber trotz Erbschaftssteuer noch zu bocken­den 45 Millionen direkter Steuern nie geeinigt, son­dern durch ein tatenloses Herumstreiten bie von Tag zu Tag wachsenbe Schuldenlast des Reiches mir noch vergrößert hätten.

Der freisinnige Abg. Dr. Naumann, der durch seine Offenherzigkeit schon des öfteren sich in der Rolle des Enfant terrible mit Erfolg betätigt hat, hat in einer Versammlung des Wahlvereins ber Fort­schrittlichen Vollspartei in Stettin bies nunmehr un­umwunden zugegeben. Er sagte dort, wie die „Kons. Korresp." berichtete:

„Mit der Erbschaftssteuer wäre natürlich die Re­form nicht dagewesen. Die Parteien auf der Rechten würden erklärt haben, nun macht ihr links einmal die ganze Finanzresorm. Die Mehrheit hätte links ge­schaffen werden müssen, mit der Sozialdemokratie. Nur mit ihr konnte, wie die Dinge lagen, daS Bülowsche Programm fortgesetzt werden. Die Sozial­demokraten konnte»» sich nun auf ihre, sagen wir doktrinären, Grundsätze berufen und sagen: „wir machen gar nichts Indirektes mit* — eine Mehr­heit hätte man dann natürlich nicht erzielen tönnen — oder die Sozialdemokratie entschloß sich, einen Teil in­direkte Steuern zu machen, ans demselben Grunde, wie wie wir es taten. Härte sie so gehandelt, dann war eine Politik der Linken möglich, sonst hätte unsere ganze Mehrheit nichts genützt unb nichts getaugt. Offen ge« standen: wir haben damals die Abstimmung mit elw'as gemischten Gefühlen erwartet. Denn wir wußten, welche Schwierigkeiten auftauchen würden in dem Moment, wo wir die ganze Verant­wortung hätte» auf uns nehmen müssen."

Mit bankenswerter Offenheit enthüllt hier Nau­mann bie liberale Taktik unb erbringt ben Beweis, daß für ben Liberalismus bie Erbschaftssteuer lediglich Mittel zum Zweck war, baß ber Frei­sinn burchaus nicht entschlossen war, genügenb indi­rekte Steuern zu bewilligen, wenn bie Erbschafts­steuer zur Annahme gelangte, unb daß er innerlich froh darüber war, daß diese Steuer zu Falle kam. Er gebrauchte die Ablehnung ber Erb- anfallsteuer lediglich als Vorwand, um sich von ber vorher so laut gepredigten patriotischen Pflicht brü­cken zu können. Was werben bie Nationalliberalen zu Naumanns Aufdeckung bet liberalen Taktik sagen?

Schloß Hambach gebieten läßt, indem sie mich damit quält, ihm meine Hand zu reichen, ihm, ben ich hasse."

Ihre Augen sprühten Blitze, ihre Lippen zuckten in heftigem Zorn. Seit Wochen unb Monaten, seit bem Tode ihres Vaters hatte sie allen Schmerz, allen .Kummer, alles Herzeleid schweigend ertragen und allen Annäherungsversuchen Stanislaus', allen mchr oder weniger offenen Anspielungen ihrer Mutter, allen Schmeicheleien Frau von ProkowLkhs nur stummen Trotz entgegengesetzt. Sie war glücklich und völlig vereinsamt gewesen. Als ihr Vater noch lebte, hatte sie an diesem einen gütigen Freund gehabt, zi»_ bem sie sich flüchtete, wenn sie sich so recht »mglücklich fühlte, und wenn sie chm auch nicht alles gestehen konnte, was ihr Herz bewegte, so wußte sie doch, daß sie auf seine treue Freundschaft und väterliche Für­sorge bauen konnte, unb sie war ruhig unb zufrieden in feinem schützenden Arm.

Das toar alles anders geworden und sie besaß nur ihren Stolz, ihren Trotz als Waffen gegen alle Ver­suche, sie Stanislaus näher zu bringen. Sie hatte geschwiegen, aber heute, wo man mit schimpflichen Worten ihren liebsten Freund beleidigt, chn, von bem sie wußte, daß er sie mit seinem ehrlichen Herzen innig liebte, den sie selbst immer tiefer und inniger zu lie­ben gelernt hatte, als ihre Seele aus dem unseligen Bonne erwacht war, den bie Künste eines Stanislaus Prokowskh um ihr argloses Herz zu schlingen gewußt hatten, do vermochte sie nicht mchr zu schweigen, unb wie ein überbrausender Walbstrom brach ihr Schmerz, ihr Zorn ans ihrer Seele hervor.

„Um Gott", flüsterte Miß Bahley erschrocken, „Sie meinen Herm Stanislaus — ?"

„Ja, chn, ben Elenben."

„Aber ich bitte Sie — Herr Stanislaus hat sich boch nichts zu Schulben kommen lassen — anfangs schien es doch, daß auch Sie chn gern hatten, wie wir alle — fein feelenvolles Spiel — sein sanftes Be­tragen —"

„Alles Lug und Trug, Miß Bahley! Ja, auch ich habe mich von ihm täuschen lassen unb habe bafür

meine Strafe erhalten, indem ich meinen besten Freund verloren habe — für immer, wie ich fürchte."

„Sie sprechen boch nicht von . . ."

„Doch — ich spreche von Fritz Born, Miß Bay- ley. Unb wenn Sie's weiter jagen wollen, so gebe ich Ihnen gern bie Erlaubnis."

„Ich werbe gewiß nichts Wetter sagen, meine teure Erika", sagte Miß Bahley ernst, „tim so weniger, als ich offen geftanben in letzter Zett über ben Cha­rakter des Herrn Stanislaus mich zweifelhaft ge­worden bin. Er ist sicherlich kein guter Mensch, er spottet über die heiligsten Dinge, und feit er die Ver­waltung ber Oekonomie fast ganz in Händen hat, be­handelt er die Leute schlecht und roh — ich habe es öfter beobachtet, schwieg aber, um Ihre Mama nicht zu kranken."

„Sehen Sie wohl, daß ich recht habe?"

„Unb feit Frau von Prokowskh hier ist, ist es noch ärger geworben. Die Dame hat eine eigentümliche Art, bie Leute zu behandeln — verschiedene Dienst­mädchen haben mir schon ihr Leid geklagt, erst gestern wieder die Mamsell, und der Herr Jnspettor ist auch gar nicht mehr zufrieden."

„Das alles haben Sie bemerft unb doch schelten Sie mich?"

„Ich schelte Sie nicht wegen Ihrer Abneigung gegen Herrn Stanislaus, die ich sehr wohl verstehe. Unb Sie können sich barauf verlassen, mein teures Smb, daß ich Ihnen hilfreich zur Sette stehen werde, wenn . . ., doch daran ist ja nicht zu denken, daß Ihre Mama Sie zwingen wird, einem ungeliebten Mann die Hand zu reichen."

„Unb wenn es doch der Fall fein sollte. Miß Bahley, kann ich bann auf Ihre Hilft bauen?"

„Ja — bas können Sie, aber, wie gesagt . .

„Ich banke Ihnen, meine liebeMiß Bahley. Nun habe ich doch wenigstens eine treue Seele. Aber wes­halb schelten Sie mich denn?"

„Wegen des andern, Erika. Mr wollen keinen Namen nennen — es mag ja fein, daß er weniger

** Berlin, 18. Sept. 1910. Der Kaiser hat auf seinem ungarischen Jagd-Busfluge bisher acht Hirsche, darunter zwei Achtzehnender, erlegt. Die Bauernburschen und -Mädchen veranstalteten vor dem Schlosse Kacaparusa in ihrer Nationaltracht ein Volksfest. — Ein neuer Vizepräsident des preußischen Staatsministeriums soll, wie die ,Kreuzzig/ mitteilt, überhaupt nicht ernannt werden. Herr v. Bethmann-Hollweg hält es für angebrachter, selbst und unmittelbar die preußischen Angelegen« beiten wahrzunehmen.

♦♦ Die Monarchen-Znsammenknnft. Zu der Mel- düng der „Franks. Ztg." von einer bevorstehenden B<- gegnung der Kaiser von Deutschland unb Rußland unb des Königs von England in Wiesbaden wird offi­ziös crHärl, von einer solchen Begegnung sei nicht dcL mindeste Mannt. Dagegen verlautet, die Begegnmig des Kaisers mit bem Zaren werde in Wiesba­den ober in Wolfsgarten etwa in ber zweiten Hälfte des Oktober erfolgen und banach werbe ber Kaiser in Friebrichshof mit bem König von England zu- fammentreffen.

(♦) Ueber die neue Militärvorlage, die bem Reichs­tag in ber nächsten Session zugehen wirb, unb bie bereits bas Reichsschatzamt passiert unb während des Kaisermanöver die Genehmigung des Kaisers erhalte» Hai, teilt bie militär-pol. Korrespondenz mit,

daß vor allem im Hinblick auf die französische Entwicklung die Aufstellung von Maschinengewehr­kompagnien für die Infanterie verlangt wird. Eben­falls dringlich sei der Ausbau der technischen Truppen, die zusammen mit dem um je eine Kraft- Kompagnie zu vermehrenden Train-Bataillonen der neuen Generalinspeklion der Verkehrstruppen unterstellt werden. Sämtliche Neuformationen und Forderungen der Vorlage werden bis 1914 gestaffelt. Für dies Jahr, das 'dem Reiche durch Freiwerden gewisser Ein­nahmen größere finanzielle Bewegungsfreiheit gibt, bleibt auch die für die 37. und 39. Division in Allen- stein und Kalmar anzufordernde Ergänzung ihrer Feld- artillerie zu Brigaden — im ganzen 12 Batterien — verschoben. Außerdem tritt, für die Bespannung der Beobachtungswagen der Feldartillerie eine Er­höhung des Pferdebestandes der Batterie um drei Pferde ein.

* Ein Bund vom schwarzen Kreuze. In ber evan­gelischen Zeitschrift „Leuchtturm" forbert Direktor Pastor Heinrich Stuhrmann zur Grünbung eines Bun­des vom schwarzen Kreuze auf. Die Mitglieder des Bundes sollen sich folgenbermaßen verpflichten:

„Ich verpflichte mich: 1. in meinem Hause kein*. Zeitung oder Zeitschrift zu dulden, deren Tendenz der christlich-sittlichen Weltanschauung widerspricht, 2. die entschieden christliche, evangelische Taaespresse durch Halten und Inserieren, sowie durch Nachfrage bei Reisen auf den Bahnhöfen und in den Berkaujstellen auf den Straßen tatkräftig zu unterstützen, 3. in meinem Be­kanntenkreise und wo sich nur immer Gelegenheit bietet, für die bewußt christliche Tagespresse eifrig zu werben, 4. und alle Bestrebungen zur Bekämpfung der Schmutz-, Schund- und Hetzliieratur und zur Hebung und Ver­breitung einer guten, christlich-sittlichen Presse nach Maßgabe meiner Kräfte zu fördern."

♦ Beamte bei der Be-Kzählung. An ber dies­jährigen Volkszählung am 1. Dezember werden sich die B--.mten der verschiedenen Ressorts in besonderm Maße beteiligen. Der Minister des Innern hat in einem Rundschreiben eine möglichst rege Beteiligung der Beamten als freiwillige Zähler als wünschens­wert bezeichnet, damit die Zählung ordnungsmäßig durchgesührt werden kann.

4 Ein Spezialvergnügen der liberalen Presse ist es, allemal, wenn in Bayern ein Bischofssitz vakant wird, den Abg. Domdekan Dr. Sch adle r als künftigen Bischof anzukün« digen. Auch jetzt nach dem Lode des Bischofs von Speyer wußte sie wieder aus „sicherster Quelle" zu melden, daS Bistum Speyer solle Dr. Schädler anvertraut werden; natürlich be­

schuldig ist, als Ihre Mama annimmt — nur Gott kennt bie Wahrheit! — aber Sie verletzen ihre tinb- lidje Pflicht, wenn Sie Ihre Mama in ber Weift wie heute entgegentreten. Das bfirfen Sie nicht. Das wiberspricht ben Geboten Gottes, bet ba sagt: Du sollst Vater unb Mutter ehren, auf baß es bir wohl gehe auf Erden."

„Aber wenn ich weiß, baß bie Absichten meinet Mutter nur mein Unglück forbetn können?"

„So wenben Sie sich vertrauensvoll an Ihre Mama"

„DaS kann ich nicht."

„Sie können es. Jetzt zeigen Sie Ihrer Maina nur Stolz unb Trotz, das ruft wieder ben Stolz unb ben Trotz Ihrer Mama hervor — unb mit Recht, denn Ihre Maina hat von Ihnen Vertrauen unb Zärtlichkeit zu erwarten unb zu verlangen. Eröffnen Sie Ihr Herz, Ihre Mama will boch nur Ihr Glück, Ihr Bestes — vielleicht auf einem falschen Wege, zeigen Sie ihr ben rechten Weg nicht burch Stolz unb trotziges Schweigen, sondern burch Zärtlichkeit unb Vertrauen — es wäre doch wunderbar, wenn ein Kind auf diese Weift nicht ben Weg zum Mutterher­zen finben würbe."

„Sie mögen recht haben", sagte Erika gebankcnvoll.

„Gewiß habe ich recht, unb bas war es, was ich Ihnen sagen wollte. Hanbeln Sie nur nach meinen Worten, Ihre Mama will nur Ihr Bestes, glauben Sie mir — sagen Sie ihr, baß Sie Herrn Stanis­laus nicht lieben können, unb sie wird gewiß nicht auf einer solchen Verbindung bestehen."

„Das wäre nur bie Hälfte von bem, was ich ihr zu sagen hätte", entgegnete Erika leicht errötend.

„Was haben Sie ihr noch zu sagen?"

„Daß ich — baß ich ben anbem liebe!" stieß Erift hervor unb schlug leibenschastlich auffchluchzend die Hände vor bas Gesicht.

„Erfla — bas hülfen Sie nicht sagen", sprach Miß Bahley fast'streng.

(Fortsetzung folgt.)