M 2J3.
zamrtag den (7. September 1910.
37. Jahrgang. •
* fuldaer W Leitung»
wochen-Run-schau.
[:] Fulda, 16. September 1910.
Ueber eine Wahlparole des Reichskanzlers erging sich die Frankfurter Zeitung und der zanze Chorus der Blätter stimmte in das Lied ein. Schutz der nationalen Arbeit sollte sie heißen. Veth- Minn hat die Meldung der Frankfurterin dementieren lassen, er habe keine „Parole" ausgegeben. Das wird stimmen, denn es ist nicht einzusehen, warum der leitende Minister ein ganzes Jahr vor den Wahlen und noch gar in verklingender Sauregurkenzeit sein Pulver verschießen sollte, wenn natürlich auch wohl anzunehmen ist, daß er sich im vertrauten Kreise einmal über seine Taktik bei den nächsten Wahlen ausgelassen hat. H a i Bethmann-Hollweg eine Wahlparole, so wird er sie aber erst im Wahlkampf aus- gcben. Der „Schutz der nationalen Arbeit" wäre übrigens eine Binsenwahrheit, welche die Gemüter der Wähler nicht erregen würde. Die Parole müßte also schon zugkräftiger sein, — wenn die Negierung überhaupt eine ausgeben soll. Unsere Parole liegt in dem altbewährten Zentrumsprogramm, das ani besten in den Herzen der Wähler zündet, und dessen Wirksamkeit selbst von dem Genossen Dü- well anerkannt wird, der sich in einer Versammlung zu Berlin am letzten Sonntag geäußert hat: „Das Zentrum wird bei den nächsten Wahlen relativ gut abschneiden, das läßt sich heute schon mit ziemlicher Sicherheit übersehen. Für die Sozialdemokratie ist es schwer, dem Zentrum das Wasser abzugraben. Das zeigt die Wahlstatistik. Sie lehrt uns ohne Zweifel, daß die liberalen und sozialdemokratischen Ideen bei der katholischen Bevölkerung sehr schwer Eingang finden." — So soll's auch bleiben!
Die „Enthüllung" des Frankfurter Blattes hat aber die eine gute Folgewirkung gehabt daß der Blick auf die Bedeutung der bevorstehenden Wahlen für die Schutzzollpolitik gelenkt worden ist. Die „Post" macht darauf aufmerksam, daß der Nächste Reichstag eine geschlossene Mehrheit ausweisen muß, die fest und geschlossen auf dem Boden des geltenden Zolltarifs steht. „Diese Tatsache ist durch den Hader unter den bürgerlichen Parteien mehr als gut in den Hintergrund gedrängt tvorden. Es ist daher nur erwünscht, wenn jetzt die Ausinerksamkrit der Bevölkerung wieder auf diesen Punkt hingewiesen wird. Betrachtet man die Gegner unserer nationalen Wirtschaftspolitik, so erkennt man sofort, daß auch hier die Sozialdemokratie der stärkste und grundsätzlichste Gegner ist. Sie betrachtet die Wirtschaftspolitik unter dem einseitigen Gesichtswinkel des Konsumenten und bekämpft demzufolge die von Bismarck zuerst cingesührte Wirtschaftspolitrk gleichmäßigen Schutzes aller Zweige der nationalen Arbeit. Der gemeinsame Gegner aller Parteien staats erhaltender und nationaler Richtung ist daher zugleich auch der schärfste Gegner unserer nationalen Wirtschaftspolitik.
Der Liberalismus hatte sich von der Steuer- und Enzyklika-Hetze ein blaues Wunder geträumt: die rauhe Wirklichkeit hat ihn aus allen Wolken gerissen. Die Früchte seiner Steuerhetze fielen nur der Sozialdemokratie in den Schoß, und mit einem geringen Aufwand von Intelligenz konnte selbst der gegen den „schwarz-blauen wildestentbrannte
Liberale erkennen, daß es für die nächsten Reichstagswahlen heißen wird: Fortsetzung folgt! Die langmütige Rechte sagt ihm die langgewohnte Wahlhilfe ab und die rote Linke weist hohnlachend ein Bündnis ab: das wäre ein Sih zwischen zwei Stühlen! Zum lleberfluß gibt es auch noch Reibereien zwischen Nationaliberalen und Fortschrittlern, welch letztere in einigen Kreisen gegen die ersteren Kandidaten auf- stellen.^ Das ist zwar wenig brüderlich und fteund- schaftlich, aber selbstsüchtig — der Linksliberalisnms bat seinem rechts stehenden Bruder eben nicht um seiner schönen Augen willen Avancen gemacht. Wer sich düpieren läßt, wird ausgelacht.
Wie nach einem Rettungsring griff der in seiner eigenen Politik ertrinkende Liberalismus nach dem Fleischnotprotest. Das Fleisch ist heute knapp und an manchen Orten teuer. Nicht schwer ist es da, ll
die Massen mit dröhnendem Protest gegen die Ver- teuerung seiner Lebensbedingungen zu gewinnen. Aber dem Freisinn — die Nationalilberalen machen nicht mit — gelingt es doch nicht. Denn schärfere Töne noch als er schlägt die Sozialdemokratie an, die denn auch von der Protestsuppe das Fett abschöpft. Oeffnung der Grenzen! ist der Ruf. Als ob es überall im Auslande nicht auch eine Fleischnot gäbe! Wenn die Schreier kein anderes Mittel wissen, so mögen sie anderen die Sorge überlassen, die schon an der Arbeit sind, Abhilfe zu schaffen.
Der 7. österreichische Katholikentag in Innsbruck hat einen über Erwarten günstigen Verlauf genommen. Man hatte gefürchtet, daß die mißliche innerpolitische Lage, die noch immer sortwirken- den Unstimmigkeiten zwischen den Christlich-Sozialen und der alten konservativen Partei in Tirol die Tagung ungünstig beeinflussen würden, aber glücklicherweise ist nichts davon eingetroffen. Besonders erfreulich war es, daß die nationalen Streitigkeiten, die im vergangenen Jahre die Veranstaltung des Katholikentages unmöglich gemacht hatten, in keiner Weise eine Störung brachten. Alle Nationalitäten waren durch heworragende Persönlichkeiten vertreten. Die Art und Weise, wie auf dem Katholikentage die nationale Frage gelöst wurde,sollte, vorbildlich werden für das ganze Zusammenleben der verschiedenen Nationalitäten im Reiche. Von den Verhandlungen beanspruchte das größte Interesse die Pressefrage, die ja für Oesterreich eine außerordentlich große Bedeutung besitzt. In der offiziellen Resolution wurde erneut das Augenmerk aller österreichischen Katholiken auf den sehr verdienstlich wirkenden Piusverein gewendet und empfohlen, mit den Katholiken der anderen Länder zur Gründung eines großen internationalen unabhängigen Telegraphenbüros Fühlung zu suchen, eine Anregung, der auch wir nur das größte Interesse zuwenden könrtten. — Neue Ausgleichsverhandlungen zwischen Deutschen und Tschechen sollen in der nächsten Woche unternommen werde». Die Anregung ging aus von dem Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand. Vorläufig kann man leider noch nicht die Hofnfung hegen, daß die Bemühungen diesmal ein besseres Ergebnis als früher zeitigen würden. Immerhin scheint es, daß im tschechischen Lager sich die Zahl der vernünftigen Politiker mehrt, die in Erkenntnis der Aussichtslosigkeit aller Versuche, Deutsch-Böhmen gewaltsam zu tschechisieren, zu einer Verständigung auf der Grundlage beiderseitigen Entgegenkommens bereit sind.
Nach dem Vcrbllde Spaniens rüstet sich jetzt auch die portugiesische Regierung zu einem Kulturkämpfe. Der „Staatsanzeiger" hat ofsiziell die Schließung eines von Jesuiten geleiteten Priesterkollegs verfügt, zugleich eine neue Klostergründung von Jesuiten auf portugiesischem Gebiet verboten. Diese Maßregel soll anscheinend weitere Gewaltmaßnahmen einlcitcn.
In Griechenland ist die Nationalversammlung aut Mittwoch vom Könige eröffnet worden. Mit besonderem Interesse erwartet man die Entscheidung der Versammlung über das Mandat des kretischen Abgeordneten Pologeorgis, der, obwohl er auch in Athen gewählt ist, sein kretisches Mandat bis jetzt nicht niederlegen will. Der türkische Minister des Aeußern hat den Botschaftern der Schuh möchte erklärt, daß das Verhalten des Abgeordneten die Lage außerordentlich schwierig gestaltet.
Die weiteren Wahlen in den Vereinigten Staaten haben eine weitere Schwächung der republikanischen Partei gebracht. In den Staaten Maine und Arizona haben bei den Wahlen zu den Vertretungskörpern die Demokraten gesiegt. Die Niederlage der Republikaner beweist die große Mißstimmung des Volkes über die Regierung der herrschenden Parteien. Man daff annehmen, daß Präsident Taft, der Freund der Hochschutzzollner und der Trusts, seine Nolle ausgespielt hat. Mit den Mahlerfolgen der Demokraten steigen die Aktien Roosevelts, der von dem mit der herrschenden Regierung unzufriedenen Flügel der republikanischen Partei als der Netter in der Not betrachtet wird.
II Der sozialdemokratische Parteitag wird am Sonntag in Magdeburg zusammen- treten.
Die Bedeutung der Tagung sowohl für dre sozial- demokratische Partei selbst wie auch für die bürgerlichen Parteien bffteht in der Eröffnung des Kampfes für die nächsten R eich s ta gs wah l en. Die Sozialdemokratie erwaffet einen Sieg auf der ganzen Linie. Aus eigener Kraft vermag sie ihn nicht zu erringen. Die Zahl der Mitglieder der Parteiorganisation beträgt 722 830 gegenüber 633 309 im Vorjahre, die Zahl der abgegebenen sozialdemokratischen Stimmen dagegen betrug 3 259 099. Ohne das Heer der Mitläufer können die sozialdemokratischen Feldheeren keine Siege erringen. Die Rücksicht auf die Gunst der Mitläufer wird für den Verlauf des Parteitages entscheidend sein.
Zwar hatte es eine Zeit lang den Anschein, als sollte die badische Fronde eine schwere Störung bringen, die Quelle eines neuen „Jungbrunnens" werden. Wie aber die Dinge sich entwickelt haben, wird es voraussichllich nicht dazu kommen. Als das Ergebnis des badischen Parteitages in Offenburg konnte der „Vorwärts" mit Genugtuung sesfftellen:
es darf „konstatiert werden, daß keiner der Redner erklärt, man werde sich einen die Nürnberger Resolution aufrechterhaltendem Beschlüsse des Magdeburger Parteitages nicht fügen. Man hat also den Weg zur Umkehr in Offenburg nicht verrammelt."
Die badischen Genossen wollen die Wahlaussichten nicht verderben, deshalb sind sie zu Z u g e st ä n d- nissen bereit, aber auch die Radikalen sind sich klar, daß der Partei nichts so sehr schaden würde als ein Scherbengericht nach dem Sinne der blutigen Rosa. Die Frage der Budgetbewilligung muß natürlich erörtert werden. An eine neue Äufrollung des ganzen Problems denken aber anscheinend auch die Radikalen nicht. Vielleicht, daß die vernichtende Abfuhr, welche Ledebonr und Genossen in Kopenhagen in dieser Frage erlitten haben, etwas ernüchternd auf die hitzköpfigen Alles- oder Nichts-Theoretiker eingewirkt hat. Da in beiden Lagern der Wille zur Einigung besteht, so erscheint es wohl möglich, dtß sie auf einer mittleren Basis zustande kommt Der Weg dazu ist gewiesen in der 1908 abgelehnten Kompromißreso- lution Frohme, wonach die Bewilligung des Budgets nach eingeholter Zustimmung des Parteivofftandes gestattet sein soll.
Die badischen Genossen werden umso leichter Absolution für ihr Vorgehen erhalten können, als sie nach Kräften bemüht gewesen sind, an ihrer sozialdemokratischen Zielbewußtheit keinen Zweifel aufiommen zu lassen. Der Großblockdirektor Dr. Frank erklärte am 17. August in Heilbronn unter stürmischem Beifall seiner Parteigenossen:
„Es ist ganz selbsiverständlich, daß wir genau so republikanisch denken, wie alle übrigen Parteigenossen ... Revolutionär sind wir in unseren Zielen, reformistisch in den Mitteln, die dazu führen. Die Tat ist revolutionär, nicht das Wort."
Daß Frank hier seine innerfte Ueberzeugung ausgesprochen hat, unterliegt keinem Zweifel. Er wird es wahrscheinlich bedauern, daß die Angriffe vonseiten der norddeutschen Radikalen ihn dazu gezwungen haben, dieses Bekenntnis öffentlich abzulegen. Denn solche Eingeständnisse sind nicht wohl dazu angetan, die geheime Minierarbeit der Revisionisten in den bürgerlichen Kreisen günstig zu beeinflussen.
Um so dankbarer sind w i r dafür, mögen die Genossen in Magdeburg es noch so fein darauf ablegen, das Heer der Mitläufer zu gewinnen, den blutroten Flecken des Bekenntnisses zur revolutionären Tat werden sie von ihrem Feldzeichen nicht mehr entfernen können. Und wir hoffen, daß dieser Fahne die große Mehrheit unseres Volkes die Gefolgschaft versagen wird.
Deutsches Reich.
** Tie Verehelichung der Lehrerinnen. Der Landesverein preußischer Volksschullehrerinnen batte sich auf seiner Sommertagung mit der Frage der Ver
2. Blatt.
Druck und Verlag der guldarr Settendruckerei in Zulda.
ehelichung der Lehrerinnen beschäftigt und sich mit dem Verbot der Verehelichung einverstanden erklärt. Demgegenüber haben sich die Kämpferinnen für die Eheberechtigung zu einer Freien Vereinigung deutscher VolksschuUehrerinnen zusammengeschloffen, die jetzt mit einer Erklärung an die Oeffenilichkeit tritt, worin sie in energischen Worten das Recht auf Verehelichung als einfachstes Menschenrecht und zugleich als Recht der Selbstbestimmung fordert. Es ist ein Ausschuß gebildet worden, der im Sinne dieser Resolution agitieren soll. — Wir betrauten, die Damen wollen heiraten, damit ihre beneidenswerten Männer ihnen das Hauswesen besorgen, kochen, schrubben, stopfen, Kinder wiegen usw. Fehlt nur noch, daß sie auch den Storch an die Adresse ihrer Männer ver- racifen.
X Kassel, 13. Sept. 1910. Einen neuen Beitrag zur Katholikenfeindlichkeit des Allgemeinen deutschen Lehrervereins liefert die letzte^Nummer der hier erscheinenden „Hessischen «chul- zeitung", des Organs des hessischen Zweigvereins. Unter der Ueberschrist „Vom deutschen Katholikentage" ergießt sie eine solche Fülle von Hohn und Spott auf die so herrlich verlaufene Katholikenversammlung im allgemeinen und die katholischen Lehrer und Lehrerinnen insbesondere, daß es wirklich an der Zeit ist, einmal dieses Blatt sich näher anzusehen, das wohl feiten eine Nummer bringt ohne Angriffe auf kath. Religion oder deren Vertreter. Vielleicht sehen dann endlich auch die katholischen Lehrer, die genanntem Vereine angehören, ein, daß in dessen Mitte für sie kein Platz ist, in einem Verein, zu dessen Fachblättern die Hessische Schulzeitung gehört, die mit am heftigsten die Kulturkampfpauke schlägt und deren letztes Ziel die religionslose Schule ist. Das Blatt schrieb über den Augsburger Katholikentag folgendes: „Die Heerschau der ultramontanen Truppen innerhalb der blauweißen Pfähle abzuhalten, war klug berechnet, sind doch die Vorbedingungen für eine geräuschvolle Kundgebung der Ultramonta- n e n nirgends so günstig wie in Bayern. Die Anklagen gegen die Lehrerbesttebungen werden ja von den Ulttamontanen spottsgemäß betrieben und verfehlen ihre Wirkung nie bei dem „Volk", das lammfromm dem Winke der ultramontanen Führer folgt." In polemischer Weise werden hierauf die Reden des Dompredigers Wagner, des Prof. Spahn und des Pfarrers Thoman zerpflückt und durch ensstellte Berichte die Leser irregefiihrt. Den kath. Lehrern und Lehrerinnen wird folgende Schmeichelei gesagt: „Auch der katholische Lehrer- und Lehrerinnenverein wärmte sein Süpplein an dem großen ultramontanen Feuer." In hämischer Weise wird sodann des Abg. von Frankenstein gedacht, der „mit voller Seele dabei ist, wenn von Schnlaufficht die Rede ist und der wohl weiß, daß seine Landesregierung den Einfluß des Klerus eher vermehrt als vermindert." Geschlossen wird dann mit einem Hieb auf den Präsidenten Dr. Marx, der sich von dem bayerischen Standesverband der geistlichen Schulinspektoren toerftätige Mithilfe für Preußen verspreche. Daß box liberaler Seite die Katholikenversammlungen als Heerschau des „flerikalen" Zentrums angesehen und bewertet werden, ist ja selbstverständlich. Deshalb auch folgende Auslassung: Die Parteitaktik verlangt es einmal, die „radikalen Lehrer", die „antichristliche Schule" und die „verfolge Kirche" so bald nicht von der Tagesordnung verschwinden zu lassen. Denn das hieße sich eines der besten Mittel entschlagen, um mif die Massen zu wirken und sie für die klerikale Vorherrschaft zu begeistern." In einer anderen Nummer spottet die Hess. Schulzeitung über den Priester als Erzieher, Verfehlungen von katholischen Geistlichen und Leh- rem finden in feinen Spalten stets liebevolle Aufnahme und dann wagt der deutsche Lehrerverein noch zu behaupten, unter seinem Schatten sei Platz für alle Lehrer ohne Unteffchied der Konfession. Wie lange noch wollen sich die katholischen Mitglieder des liberalen Lehrervereins mit Füßen treten lassen? Wann endlich wollen sie die Konsequenzen aus ihrer Behandlung ziehen, welche nur lauten können: Heraus aus dem deutschen L e h r e r v e r e i n!
Unpolitische Zeitlause.
(N.) Berlin, 15. September 1910.
(Nachdruck verboten.)
Das tückische Benzin hat ihn vernichtet, den stolzen „Zeppelin Nr. 6", der von Baden-Baden aus Lufwergnügungsreisende beförderte. Die Elemente hassen bekanntlich das Gebild bet Menschenhand; ihr Haß scheint aber sich mit ganz besonderer Zähigkeit und Grausamkeit gegen die Gebilde von Zeppelins Hand zu richten. Eins, zwei, drei, vier, fünf zefftörte Riesenlustschiffe sind der Reihe nach auf dem Schlachffelde des Fortschritts liegen geblieben. Und das letzte Opfer ist nicht im frischen fröhlichen Kampf gegen Wind und Wetter gefallen, sondern durch eine recht dumme Leichffertigkeit der Be- vienungsmannschast in seiner Halle zu Tode gebracht worden. Gleich einem Offizier, der dem feindlichen Kugelhagel in einem Dutzend Schlachten unversehrt ftandgehalten hat und bann auf dem Sofa versehentlich erschossen wird von dem Burschen, der den Revolver putzen will!
Die Leute wollten die Motore des Luftschiffes reinigen. Dazu nahmen sie Benzin, und zwar nicht zu knapp. Die Gewohnheit hat sie abgestumpft gegen die Gefahren des Benzins und feiner Gase. Sie nahmen in offenen Eimern den feuergefährlichen Stoff m Massen in die Gondel. Nun ist nach den bisherigen Berichten ein Monteur so verwegen getoefen während dieser Benzinwäsche seinen Motor anzukurbeln. Der Zündfunke des Motors setzte das Ben- 8m '".Normten. Die Gondel befindet sich bei den Zeppelmschrffen so nahe unter dem Ballon, daß die Entzündung der Hülle kaum zu vermeiden war An- geblrch loare es aber doch gelungen, den Ballonkörper »u ntten, wenn nicht ein anderer Monteur in blin- brennmden Benzineimer über die fTÄ16/“«“"9 ^h°bkn hätte. Er wollte den Feuer- aber<. bJe, Bewegung sachte die Flam- SSLfn °Vnmbn Hochhebung des Eimers „ Uorrv x an. b’e Ballonhülle Nun war in wenigen Minuten das ganze Luftschiff verbrannt.
Das Unglück ist nicht durch das Betriebs, benzin herbeigefühtt worden, fonbem durch da» A-U tzbenzin. Das jum Betriebe bet Motoren
der Aufsicht der Ingenieure so vorsichtig benutzt, daß es bisher noch keinen Anlaß zu einer Zeppelin-Katastrophe gegeben hat. Das Putzen aber wird mit offenem Benzin von weniger durchgebildeten Leuten vollzogen, und darin steckt die Herausforderung des Schicksals. Ein befragter Ingenieur soll gesagt haben, beim Putzen der Motore könne man doch nicht immer anwesend sein. Ich glaube, nach diesem Lehrgeld wird „man" doch wohl anwesend sein müssen. Gerade weil die untorgeorbneten Leute mit dem Benzin umgehen, als ob es Wasser wäre, muß ein Ingenieur die Reinigungsarbeiten überwachen, sofern dabei mit irgendwelchen feuergefährlichen Stossen hantiert wird.
Es ist schon oft der Wunsch ausgesprochen worden, daß die Luftschiffe und die Kraftfahrzeuge endlich von dem Erplosionsmotor befreit würden. Jede Explosion bedingt eine Zündung des Gasgemisches, und wo ein Feuerfunke in der Nähe von leicht entzündlichen Stoffen sich bewegt, da ist immer die Ge- da, daß etwas in Brand gerät, was nicht bren- soll und darf. Ein elektrischer Motor bietet eine btel größere Sicherheit, da er ohne Explosion arbeitet und der ihn treibende Akkumulator besser zu verwah- IrV-k?0 Vorrat von flüchtigem Benzin. Die lkktrlschen Motoren sind eben bei der gleichen Lei- jtungchahlgkeit immer noch viel schwerer, als die Ben- zmmotoren die infolge der Automobil-Wetffahrten m’Lx™ k ltrter J®.uf?ftferti9tcit auf das geringste Gewicht »nd den kleinsten Umfang herabgedrückt worden |inb Rur die Erfindung eines sehr leichten Akkumulators kann uns von den Benzinmotoren befreien. Aber bet heiße Wun,ch nach einer solchen Erfindung kühlt sich angesichts bes neuesten Unglücks bebeutenb ab. Was Hilst uns ber schönste Elektromotor, wenn bei ber Reinigung bet Maschinenteile usw. doch wieder mit Eimern Benzin gearbeitet wird? Ta wird man sich zunächst wohl beschränken müssen auf die Erfindung von besseren Apparaten für das Putzae- fchäst.
Es muß befonberä hervorgehoben werden, daß bet Unglücksfall von Baden-Baden mit dem sogenannten System des Luftschiffes gar nichts zu schaffen Hal. Bei den früheren Katastrophen, die durch Windstöße, Drehstürme, Entladungen von Lustelektrizität oder dergleichen herbeigeführt wurden, drängte sich immer
t. . . - ----------- ------- die Frage auf, ob nicht bas starre System des Grafen
dienende Benzm ist so gut verwahrt und wird unter Zeppelin bat feindlichen Natur gewillten mehr An-
griffspunkte biete als die anderen Systeme mit ihren Beinen und geschmeidigeren Luftschiffen. Hier aber kommen die Systemunterschiebe nächt ins Spiel. Durch das leichtfertige Handtieren mit Putzbenzin können sowohl die h albftarren und die unstarren, als die ganzstarren Luftschiffe in ein Häuslein Asche und Metallschlacke verwandelt werden.
Neulich haben wir an dieser Stelle das alte Lied nach neuer Melodie gesungen: Verwahrt das Feuer und das Licht! ... Da wurde auch darauf hingewie- sen, daß die Benzindämpfe sich furchtbar leicht entzünden und sehr schwer zu löschen sind. Das Benzin verschafft sich immer mehr Eingang in die Hauswirtschaft, namentlich als Reinigungsmittel. Mögen also auch unsere Hausftauen und das Gesinde aus dem Vorfall von Baden-Baden sich eine neue Anregung zum vorsichtigen Umgang mit Benzin schöpfen. Benzin darf man in ber Nähe irgend eines Feuers, und sei es ein noch so kleines Feuerfünkchen, weder aufbewahren noch gebrauchen, und wenn man den Behälter geöffnet hat, so bars kein Streichholz angezün- bet, keine Zigare ober Pfeife geraucht, keine Lampe gebrannt werben. —
In das große Kapitel ber Gefahren für Leben ober Besitz gehören auch die räuberischen Ueberfälle in ber Eisenbahn, von denen neuerbingg manche beunruhigende Nachrichten durch die Zeitungen gehen. Ara meisten bedroht erscheinen zunächst die Fahrgäste aus der Berliner Stadt- und Ringbahn. Glücklicher Weise erweisen nicht alle Klagen über Raubanfälle sich als stichhaltig. Wenn ein leichtsinniger Mensch sterades Geld widerrechllich verbracht hat, so setzt er sich für einen Groschen in ein leeres Abteil des Ringbahnzuges, reißt Rock und Weste auf, kehrt die Taschen um und sinkt in eine gemimte Ohnmacht. Mitleidige Beobachter, Bahnbeamte und Polizisten werden in große Bewegung gefegt — bis sich schließlich die ganze Räubergeschichte als Schwindel entpuppt. Also muß man sich nicht gleich durch jeden derartigen Bericht in eine Gänsehaut jagen lassen. Jnunerhin sind aber mehrere Fälle von „Fleddereien" auf der Eisenbahn vorgekom- men. Erfolgreiche Raubzüge dieser Att habm erfahrungsgemäß eine gewisse Ansteckungskrast. Die Berliner Ringbahn bietet den Räubern ein besonders günstiges Arbeitsfeld, da sie auf gewissen Strecken in der Regel schwach besetzt ist, so daß der Räuber sich leicht xin Abteil suchen kann, tvo er mit seinem Opfer
allein ist. Es kommt hinzu, daß die Fahrgäste aus ihrer gewohnten Strecke, die ihnen nichts anregendes bietet, häufig einschlummern. Es fft aber keineswegs die Möglichkeit ausgeschlossen, daß die Freibeuter auch „in die Provinz" gehen und sich dort Züge aussuchen, bei denen sie Einzelreisende aus plündern können. Als erste Vorfichtsmaßregel empfiehlt sich, nicht das leerste Abteil aufzusuchen, tote es die Norddeutschen namentlich gern tun, sondern sich lieber in ein halb ober zu drei Vierteln gefülltes Kupee zu setzen. Wer sich nicht ganz sicher fühlt, tut sogar gut garan, wenn er im Falle der Entleerung seines Abteils mit umsteigt unb schleunigst in ein anderes mehrfach besetztes Abteil übergeht. Auf keinen Fall soll man einem Mitfahrendm eine außergewöhnliche persönliche Annäherung gestatten. Ein Verbrecher könnte dieselbe leicht zur Betäubung benutzen. Aus demselben Grunde ist das Angebot irgend eines eß-, trink- ober riechbaren Gegenstandes bankend abzulehnem Wird die Nachbarschaft verdächtig und kann man sich nicht entfernen, so orientiere man sich rechtzeitig über die Notbremse, damit man im Ernstfälle den Griff schnell unb sicher fassen kann. (Nebenbei bemertt, ist es überhaupt gut, beim Eintritt in ben Eisenbahnwagen sich sofort nach ber Notbremse umzusehen, um nicht bei einem Unglücksfalle bie kostbarste Zeit mit dem Suchen zu verlieren.)
Die Berliner Eisenbahnbehörbe berät jetzt über alle möglichen Maßnahmen zum Schutze der Reisenden. Ich halte für notwendigste unb wirksamste Hilfsmittel bie Beseitigung bet Zwischen wände in ben Wagen und wenn es irgend möglich fft — die Bildung von v-Zügen (Durchgangszügen). Das abgeschlossene Abteil. hat ja sonst manche Vorzüge, aber es ist ein ergiebiges Arbeitsfeld für Taschendiebe unb Räuber, deshalb müßte cs allgemein be- seittgt werden. Ich glaube, man kann auch ohne übergroße Kosten die alten Wagen wohl so umgestalten, daß alle Abtelle des Wagen znsammenhängen und übersehbar find. Und wenn auf gewisser Sttecke, wie z. B. auf der Berliner Stadt- und Ringbahn, andauernd dieselbe Wagenfolge hin- und herfiihrt, so steht meines Erachtens nichts im Wege, um zwischen dm Wagen eine Harmonika-Verbinbling herzustellm, so daß man auch im Nahverkehr die Vorteile des Ü-Zuges genießt (wozu nebenbei bemerkt auch die „Toilette" gehört). Natürlich ohne Schnellzugszu- ichlag!