Einzelbild herunterladen
 

212.

Miag de» 16. September 1910.

37. Zahrgms-

* fuldaer W Zeitung *

2. Blatt.

/Druck Mi» Verlag tet Salto« Setieebruderei

i» Seite.

DaS sink in Dahrhett betrübende Zahlen, die auch die deutschen Katholiken nur mit Trauer erfüllen können. Dem, auch uns kann er nicht gleichgültig fein, zu sehen, wie das positive Christentum in den evangelischen Landesteilen unseres Vaterlandes immer mehr zurückg ed ran gt wird und dem glaubenslosen Liberalismus Platz macht. Be­trachtet mm ernsthaft dieses traurige Blld, so muß man wirklich erstaunt sein darüber, >oie von protestan­tischer Seite forttwuernd baß gewettert wird gegen „‘Rom' und bie „Papstkirche'.

Sollte es wirklich für die Vereine und Versamm­lungen zur Vertretung der Interessen der evangelischen Kirche — wir denken u. a. an den Evangelischen Bund und an den kürzlich in Königsberg versammelten deutschen Pfarrertag — nicht eine viel dringlichere Aufgabe fein, sich mtt den Zustände« in der evange­lischen Kirche zu beschäftigen, als immer und immer wieder bat Kampf gegen die kathetische Kirche zu predigen?

Deutsches Reich.

♦ Die Felduniform. Die Vorschriften für die Felinmifor» derDtannschaften, wie sie im Kaiserma- növer von allen Waffengattungen getragen worden sind, finden sich in einem dritten Anhang zum zweiten Tell der Bckletdungsordnung niedergeleKt, die jetzt erschienen ist. Aus derselben ist zu entnehmen, daß Metalltrile an den Bekleidungs- und Ausrü­stungsstücken sowie letztere selbst und das Schuhzeug im Felde nicht blank geputzt werden, dagegen wird das weiße Lederzeug, wie es von den Grenadieren und den berittenen Truppen getragen wird, für den Fridgebrauch geschwärzt. Der Waffen rock mit Klappkragen ist für Infanterie, Pioniere, Verkehrs- truppen, Artillerie und Tram felvgrau, für Jäger, Schützen und Maschinengewehr-Abteilungen aber von grau-grünem Tuch. Einen Waffenrock mit Stehkra­gen haben Kürassiere und Draigoner von feldgrauem, Jäger zu Pferde und Stabsordonnanzen von grau­grünem Tuch, Husaren tragen feldgraue Attila mit Stehkragen und feldgrauem Perlschnurbefatz, Ulanen eine feldgraue Ulanka mit Schulterklappen, sodaß die Epauletts für die Jelduniform der Ulanen fortfallen. Alle Schulterklappen — ausgenommen bei den Jägern zu Pferde und Stabsordonnanzen sowie bei der mtt dem Großen Hauptquartier ausrückenden Leibgendarmerie — sind zum Abnehmen eingerichtet und dienen im Felde zugleich für den Mantel. Zum Waffenrock mtt Klappkragen ist ein Halstuch von grauem Baumwollstoff neu eingeführt, das in einen einfachen Knoten verschlungen wird: für den Waffen­rock mit StePragen ist die Halsbinde beibehalten, aber nicht nach Art der alten Schnallbinden, sondern nach Art der «euern sogenannten Zugbinden. Tuch- und Reithosen sind für Jäger, Schüßen, Maschinen- gewehr-Nteilungen, Stabsordonnanzen und Jäger zu Pferde von graugrünem, fiir alle übrigen Truppen­teile von feldgrauem Tuch. Eine besondere Stiefel­hose ist nur für die Maschinengewehr-Abteilimgen vor­gesehen; sie ist aus grau-grünem Tuch und unterschei­det sich von der Tuchhose besonders durch ein stark eingearbeitetes Knie sowie durch eine Bindevorrich­tung an jedem Beinende. Litzen und Abzeichen auf den Schulterklappen, wie Namenszüge mit und ohne Krone sowie Nummern werden wie bisher getragen, alle Knöpfe sind matt mit Krone. Die verschieden­farbigen Vorstöße gewähren namentlich bei der Ka­vallerie eine genügende Unterscheidung der Regimen­ter, bei denen sich außerdem Waffenrock, Attila und Ulanka noch in besonderem Maße hervorheben. Die neue ^elbitmfonn soll zunächst jedesmal beim Kai­sermanöver getragen werden; sie hat diesmal die Aufklärung und Erttmdung wesentlich erschwert.

♦ Wiesbaden, 12. Sept. 1910. Die Simultan- schulen im früheren Herzogtum Nassau gel­ten heute noch bei dem LiberÄisnms des Nassauer Ländchens als unantastbar; wagt man es, an die Si- multanschule auch nur zu rühren, wagt es gar ein christlicher Lehrer, welcher von feinem Standpunkt aus ein Gegner der Simultanschule ist und fein muß, sich gegen die Simultanschule und für die Konfessionsschule auszusprechen, dann fällt der ganze pädagogische und nicht pädagogische Liberalismus über ihn her und ver­langt von ihm, daß er seine Stelle an der Simultan­schule niederlege, spricht von Verrat, von Treulosigkeit und allen möglichen häßlichen Dingen. Uebrigens un-

A Traurige Zahlen

3° Siegen E Mdtzu verblüffender Weift dm p v a n g eVit-h ” /Ä “in’ Volksleben an allen ^HAeibenber Punkten, sodaß man sich erstaunt fragt, wMmMgelisch- Gastlichkeit mit ihrm verantworb lichen Oberen diesem Verlaus der Dinge so ruhig zu ^^Einche kleine Feststellungen genügen, um die radezu hilflose Lage des Protestantismus zu kennzeich­nen. Da wird zunächst mitgeteüt, daß der t h e - logische Nachwuchs sich von Jahr zu Jahr mehr verkrümele. So konnte es Vorkommen, daßt tm v«floffenen Jahre nicht weniger als drei Predlgerft- minare (Hadersleben, München und Schwerin) voll­ständig ohne Zöglinge waren. Noch 1M5 wurden inSgefamt 523 Kandidaten in bet 4wetten theologischen Prüfung eramimert ml Ja^e 1908 Waren es nur noch 174. Die erste theologische Prü­fung für die Landeskirche der älteren preußischen Pro­vinzen zeigt folgendes Bild des Niederganges: aus d, n 440 Prüflingen des Jahres 1895 wurden 174 für 1908; da noch eine Anzahl davon „durchfiel', b«trägt der Zugang des Jahres 1908 tatsächlich nur 155 Kandidaten, während der Bedarf min- d'stens 260 beträgt. In zehn Jahren werden in der preußischen Landeskirche annähernd 1000 Psarrstellen Nji ch t mehr regelrecht besetzt werden können, oder 'man muß bie meisten Hilfspredigerstellen und Vikariate einziehen. In MeÄeilburg-Schwerin fiel Ostern 1910 die Predigtamtsprüfung aus, weil keine Meldungen Vorlagen. In orthodoxen Kreisen über­legt man bereits den Gedanken, ob man nicht für ein­tretende Notlagen einzelne Pfarrämter ,im Glauben gegründeten Laien' im Nebenamt übertragen sollte. An den preußischen Universitäten studier- ten im Winter 1895 3112, im Winter 1909 nur noch 2320 evangelische Theologen, während es schon hn Jahre 1840 2232 Studenten waren, zu einer Zeit, als die evangelische Bevölkerung Deutschlands nur die Hälfte ihrer jetzigen Kopfzahl ausmachte. Nicht un­terdrücken wollen wir in diesem Zusammenhang die Bemerkung, daß die Zahl der theologischen Dozenten an einzelnen deuffchen Hochschulen kmun in gesundem Verhältnis steht zu der Frequenz; für 87 Studenten, die in Bonn Theologie treiben, find dort 10 Ordina­rien und zwei Privatdozenten tätig, die 70 jungen Theologen in Gießen werden von 5 Ordinarien, einem außerordentlichen Profeffor, zwei Privatdozenten und einem Repetenten bedient — wieviel kommt auf jeden?! Die 62 Heidelberger Theologiestudenten Ha­sen zu ihrer Verfilzung 6 ordentliche Professoren, 2 mßerordentliche und 3 Repetenten — macht für leben? In Jena studierten im letzten Winter 43 Theo­logen mit Hilfe von 6 Ordinarien im Amt, und bie i0 Kieler Theologiestudenten können sich 6 ordentliche -tnd 2 außerordentliche Professoren leisten, das ergibt •inen Durchschnitt . . . von 5 Hörern für den Dozen­ten! Bei alledem muß man sich vor Augen haften, welche immensen Kosten der Staat alljährlich für die­sen großen Apparat aufzuwenden gezwmigen ist.

Die erschreckende Gleichgültigkeit der Protestanten dem ttumgelischen Kultus gegenüber. Die Tauf, giffer in rein evangelischen Ehen steht in allen Landeskirchen höher als in Preußen. Die Tran- ouSfäll e bei Eheschließungen sind seit 1909 in erheblichem Wachstum begriffen. In Berlin z. B. Würben noch 1907 17 442 evangelische Paare kirchlich getraut, im Jahre 1908 aber waren es nur noch 9390, also ein Rückgang in einem Jahre von über 7000. Speziell für Berlin dürste sich in diesen Zahlen bie Wirkung bet sozialdemokratischen antikirchlichen Pro­paganda dokumentieren. Die Beteiligung am kirch­lichen Abendmahl zeigt seit dem Jahre 1903 einen unaufhaltsamen Rückgang. In der Provinz Brandenburg beteiligten sich noch vor 10 Jahren über 33 Prozent der evangelischen Bevölkerung am Abend­mahl, diese Ziffer ist auf 28 Prozent zurückgegangen, in Berlin beträgt sie nur 15 Prozent, aber auch in der Rheinprovinz mir 23 Prozent. Wenn man berücksich- tigt, daß manche fromme Personen häufiger zum Abendmahl gehen, so ergibt sich für Berlin, daß hier überhaupt nur noch 7 bis 8 Prozent der evangelischen Gemeindemitglieder durchschnittlich einmal im Jahre das kirchliche AbendmaP begehren.

terscheiden wir wohl zwischen bet SiEflanschule fruher und der Simultanfchule jetzt. Die «iMultanschule, tote sie in Nassau eingeführt und gehandhabt wurde^ war kein Jdecck, aber man konnte sich einigermaßen mit ihr versöhnen, obwohl der Werdegang dieser Schule eine fortgesetzte Zurücksetzung der Kacholiken war und unter dem fortgesetzten Protest der bischöflichen Behörde sich vollzog. Wenn man heute über bie Einführung der Simultanschule in dem Bereich des früheren Herzog­tums Nassau abstimmen ließe, so würden bie Simul­tanschulen mit Glanz durchfall en. Die Katho- lichen unb alle gläubigen orthodoxen Protestanten wä­ren dagegen. Heute fassen sowohl Fremrde wie Feinde der Simultanschule diese auf als die Vorstufe der vollständig religionSlof en Schule. Eine folche Schule mag bet „Franks. Ztg.' unb den Leuten um sie hemm gefallen, wer aber dem Volke die Religion er­halten will, bet muß ein Gegner der Simultan schule fein. Der Kultus, der von gewisser unbemsener Seite mit der Nassauer Simultanschule getrieben wird, ist geradezu lächerlich. Man sollte glauben, schreibt die Wiesbadener „Rhein. Vztg.', bie Nassauische Simul- tanschule sei eine Kulturschöpfling ersten Ranges unb doch war sie eigentlich nur gedacht als gehässiges Mit­tel, bie Katholiken zu p rotestantisieren; wenn daS nicht so erreicht würbe, wie man es wünschte, so ist bas gewiß nicht ber Simultanschule zuzuschreiben.

volkswirtschaftliches und Soziales.

* Die Tischlerarbeiten werden teurer. Der JnnungSverband des Bundes deutscher Tischler- innungen und der Arbeitgeber-Schutzverband für das deutsche Holzaewerbe machen bekannt, daß vom 15. d. Mts. ab eine Preiserhöhung von 7Mi v. H. auf sämtliche Tischlerarbeiten eintritt. Dieser Preisauf­schlag wird begründet durch die bewilligten Lohn- erhöhungen, mit den Preissteigerungen der Roh­materialien und der Geschäftsunkosten usw.

Aus dem Nachbargebiete.

* Aus dem Obertaunus - Kreise, 15. Sept. 1910. Der Kreistag hat zur Förderung des Baues von Kleinwohnungen die Aufnahme eines Darlehens von 100,000 M bei der Landesver­sicherungs-Anstalt Hessen-Nassau genehmigt.

* Dillenburg, 15. Sept. 1910. Die Stadtverord­neten beschlossen s. Z. ein Orrsstatut über die An­stellung und Versorgung der Gemeindebcamten, nach welchem die Anstellung sämtlicher Beamten auf Kündigung erfolgen soll. Der Bezirksaus­schuß hat für eine solche Anstellung bei der Stadt­sekretär- und Stadtrechnerstelle die Genehmigung versagt. Es soll eine Entscheidung des Provinzial­rates eingeholt werden.

♦ Wabern, 15. Sept. 1910. Eine Mäuse- und Rattenplage, wiesest langer Zest vielleicht noch nie ausgetreten ist, sucht unsere Gegend heim. Be­sonders empfindlich leidet die Landwirtschaft unter diesem liebel. Die reifen Feldfrüchte konnten nicht die erforderliche Zeit zum Trocknen auf dem Felde stehen, da sie ein Staub der Millionen Mäuse ge­worden wären. Nach der beschleumgten Einfahrt des Getreides müssen nun Kartoffeln unb Rüben als Nahrung herhalten, sodaß diese wohl zum größten Teil vernichtelpverbcn. An eine Aussaat der Winter­früchte ist nicht zu denken, ehe nicht gründliche Maß­nahmen zur Vernichtung dieses Nngeziefers getroffen werden. Gegenwärtig geschieht saft gar nichts mehr zu seiner Vertilgung. Gift wird mit wenigen Aus­nahmen nicht mehr gelegt. Hunde, die früher im Verein mit Katzen nicht nur Hans und Hof von Ratten und Mäusen reinhielten, sondern beim Ackern und Aussähen im Frühjahr die treuen Begleiter ihrer Herren waren und nicht wenig zur Vernichtung der Mäuse berttugen, mußten infolge der erhöhten Gemeiiidekreishundesteuer abgeschafft werden. Zuletzt mag noch erwähnt werden, daß seitens der Jäger alle Katzen nicht nur im Feld, sondern in nächster Nähe des Ortes, zum größten Schaden ber Land­wirtschaft, ausgerottet werden.

vermischter,

* Die verfrühte Obsternte. Eine bemerkenswerte Aeußerung hat der Landrat des Obertaunuskreises, Ritter Dr. Marx, soeben an die Bürgermeister des

Kleines Feuilleton

— Weintrauben. Die Zett der Weintrauben ist wieder gekommen. Die wohlschmeckende, saftige Weinttanbe erfreut-sich mit Recht großer Beliebtheit, bietet sie doch außer dem Vorzüge, ein angenehmes Genußmittel zu sein, auch nicht zu unterschätzende Wirkungen zur Hebung der Gesundheit. Da sie einen starken Zuckergehalt besitzt, hat sie als Nahrungsstoff hohen Wert. Noch ,nehr aber helfen bie mineralischen Salze zum Aufbau des Körpers. Denn durch die Arbeit der Verdauung werden fortwährend Salze ver­braucht, bie durch die Weintraube leicht wieder zu ersetzen sind. Namentlich auf die Nerven,pannkrafi Wirkt der Genuß der Trauben heilsam ein. Man empfiehlt deshalb häusig gegen allerhand nervöse Störungen, wie sie meistens von einer unnchtig-n Mischung der Säfte herrühren, eine sogenannte - benkur Sie ist sehr einfach und besteht in ber «auR fache in einem mehrere Wochen fortgesetzten reich­lichen Genuß von Weintrauben, wogegen sich wohl niemmb sträuben wird. Zu vermelden hat man

nämlich btt Traube noch Kali, Phosphor, enthalt nam Ä Stoffe, die in natürlicher

Natron und Kalk,^atte^ ^'w<irt bietet, von

Sorte I9fiir alle mit solchen Schwächezustän- tf^rbuSen« Störungen sind. Ebenso übt die £.en £er6 n Kjcht und Hypochondrie, in größeren Traube gegen Wirttt u fe[bft

Kn®C wenn maA sich einer dauernden Gesundheit S'en darf soll man sich der wohltuenden Wirkung S XinttUe nicht entziehen. Daß sie erftischt imh den Durst besser löscht, als alkoholartige Getränke, wohl jeder an der eigenen Person erfahren, wenn Hm -m heißen Tagen die süße Frucht Erquickung gebracht hat.

— Eine schickjalsreichr Kirche besitzt Satz- wedel in dem ältesten Gebäude der Stadt, der St. Lorenzkirche. Ursprünglich katholische Sitdje war es ein Jahrhundert nach der Reformation als Börtcherwerkstatt vermietet. 1692 wurde sie zum Salzmagazin umgewandelt, weshalb sie noch heute im Volksmunde den Namen „Salzkirche' führt. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts, im Teuerungs­jahr 1849, benutzte man die Kirche als Kartoffel- Lagerraum, und dann ward sie der damals in Salz­wedel liegenden Artillerie als Kanonenschuppen übergeben. 1859 verkaufte der Magistrat die Kirche an den bischöflichen Stuhl in Paderborn, und feit 1860 wird sie wieder als katholische Kirche benutzt. Am vergangenen Sonntag wurde die 50. Wieder- legr des Tages gefeiert, an dem das Gebäude wieder ferner ursprünglichen Bestimmung als Gotteshaus zuruckgegeben wurde.

®g**”e8r»8 schöne Einfachheit ber Sitten er­streckt sich auch aus das Gefängniswesen. In Onnje stehen die wegen gemeiner Verbrechen Verur- teUten, tn bestimmten stunden des Morgens unb des Vormittags ^mutlich umher, rauchen ihre Zigaretten unb kaufen Lebensmittel und alles anbere beffen sie benötigen em. Ganz ohne Aufsicht bleiben freilich auch m Montenegro bie Gefangenen nicht; ein Wäch­ter geht mtt ihnen, und überdies ist ihnen bie Flucht erschwert durch mächttge, großmaschige Ketten bie sie am Fuße nachschleppen. Die Kette steht babei'in ihrer Größe in einem bestimmten Verhältnis zu ihren Ver­gehen unb ben Strafen; manche haben nur an einem Fuß bie Kette, andere wieder an beiden. Das Nach­schleppen der Ketten verursacht einen Höllenlärm, aber die Sträflinge fühlen sich dadurch nicht allzuschr be­schwert. Es sind ihrer, wie bas „Giornale b'Jtalia' berichtet, gegenwärtig auch nur acht ober zehn, unb zwar alles junge Männer. Wenn ber Staat ihnen das Quarller gibt, so müssen sie selbst für ihren Lebens­unterhalt sorgen und arbeiten, aber dafür kaufen sie sich auch bie Nahrungsmittel, die sie wollen, und essen nach ihrem Sdieben. Die Straftaten, nm deren wit- len diese Gefangenen verurteilt wurden, waren immer

nur Verbrechen gegen das Leben, niemals Räubereien. In den meisten Fällen Handeft es sich um Blutrache. Seit 6 Jahren ist in Montenegro kein Einbruch be­gangen worden. Als bei den jetzigen Festen ein Gast von seinem Wirte ben Hausschlüssä erbat, antwortete dieser ihm mit gutmütigem Lächeln: „Wir haben keine Schlüssel, und die Haustür dient nur zum Schutze ge­gen die Kälte unb gegen die Hunde'.

— Tie Veredelung des Gemüses macht eine ®e’ müseausstellung, die zurzeit in Berlin eröffnet ist, anschaulich. Jeder muß erstaunt sein, so schreibt die „Voff. Ztg.', über die Wandlung, die die Schmack­haftigkeit des deutschen Gemüses im Laufe der Jahr­zehnte durch Zuchtwahl und Kultur erfahren hat. Gemüse, die noch vor wenigen Jahren einen erdigen und grasigen Geschmack aufwiefen, sind durch ihre Verfeinerung zu auserlesenen Genüffen geworden. Es sei nur an den Spargel erinnert, ber durch Zucht­wahl so verbessert ist, daß er garnicht mehr an dem früher an Flußläufen Deutschlands wildwachsende Pflanze erinnert Die Stangen sind saftiger, die Köpfe zarter unb das sonst faserige Gewebe weicher. Beim Kopfsalat ging die Verbesserung dahin, ihn ftinrippiger und sestköpfiger zu züchten, wodurch er zarter und für den Gebrauch haltbarer wurde. Ebenso hat bie Einführung des Zuckermaises und des früheren Wirsingkohles die Zahl der neuen Ge­müse vermehrt.

— Aus der Kaserne. Ein Korporal,chaftssührer der sich redlich bemüht har, seinen Schützlingen di Geheimnisse der Ehrenbezeugungsvorschrift beizu bringen, möchte, als er nach Beendigung des Dienstes die Korporalschaftsstube betritt, sich überzeugen, in­wieweit seine Bemühungen praktischen Erfolg ver­sprechen. Er geht also auf sein Schmerzenskind Meier zu mtt den Worten: „Meier, ich bin ber Herr Oberst!' Meier grinst vergnügt. „Meier, ich bin der Herr Oberst!" Meier vertraulich pfiffig: „Da täten S' halt lacha, wann Sie das roät’n!'

— Ausgeschlossen. Richter: „Sind Sie mtt dem Angeklagten befreundet?* — Zeugin: „Nein, ich bin sein« Schwiegermutter."

Kreises gerichtet. Es heißt da: „Es wird mtt Recht Klage darüber geführt, daß das Obst viel zu ftüh geerntet wird. Nicht allein wird hierdurch der Wert des Obstes sehr herabgemindert, da das Tafel­obst geschmacklos und wenig haltbar, das Kelterobst minderwertig wirb, sondern auch die Obstbäume selbst sehr notleiden, da durch das Abschlagen und Ab- schütteln des noch nicht baumreifen Ödstes die Frucht- zweige mit vernichtet werden. Der Grund der zu frühen Aberntung liegt häufig darin, daß die Ge­meinden das Obst zu früh zur Versteigerung bringen. cm, «suche daher die Herren Bürgermeister, bie Vttsteigerung des Gemeindeobstes nicht vor dem 25. September vornehmen lassen zn wollen.

♦ giB Doppelraubmsrd ist in dem kleinen Orte Burkersdorf bei Chemnitz verübt worden. Man sand dort die Wirtsleute, das Göllner'sche Ehepaar, tot auf. Der Mann lag mtt eingeschlagener Schadel- decke am Klavier, während seine Ehesrau glrichsalls mit Schädelverletzungen im Bette tot aufgefunden wurde. Der Täter würbe in Burkersdorf verhaftet. Es ist ein Barbiergehilfe namens Karl Gründig. Die Ermittelung des Mörders erfolgte durch einen Chem- nitzer Polizeihund, welcher die Spur des Mörders bis in die Wohnung verfolgte. Bei dem Verhafteten wurde ein großer Geldbetrag vorgefunden. — Em zweiter Doppelraubmord ist in dem luxem­burgischen Orte Esch a. d. Alzette an dem Ehepaar Kaiser, das gleichfalls ein Wirtshaus führte, verübt worden. Man fand gestern früh den Mann mit durch­schnittener Kehle im Zimmer liegend. Die Frau lag halbverkohlt auf dem glimmenben Bett. Ihr Kopf war mit einem Veil gespalten. Das Ehepaar war kinderlos und gatt für wohlhabend. Von den Tätern fehlt jede Spur.

* Die Geschichte eines verstümmelten Telegramms. Der Sohn einer in Ehemnitz wohnenden Familie aus Oesterreich war zu den Herbstmmiövem eingezo­gen. Er genügte feiner Uebmigspflicht bei der 7. Kompagnie des Jnf>-Rejts. Nr. 77 in Galizien. Selbstverständlich schrieb er nach kurzer Zeit nach Hause und bat um Geld. Sofort geht ein „Geld­schiff' ab, und ihm folgt das Telegramm: „Mutter gestern Geld abgesandt!' nach. — Der Soldat er­hält auch die Drahtbaffchaft im Manövergelände von VlÄawa-Vanovic; aber sie bringt ihm schlimme Bot­schaft: „Mutter gestorben. Geld abgesandt'. Darob große Bestürzung. Der Trauernde meldet die Nachricht seinem Hauptmann. Mitfiihlend spricht ihm dieser seine Teilnahme aus, gewährt ihm vier Tage Urlaub und Hilst zudem mtt einem Zwanzigkronen­stück für die Reise aus. — Nach langer Fahrt langt der Soldat endlich in später Nachtstunde in Chemnitz an. Hastig eilt er nach dem elterlichen Heim, be­klommen drückt et auf den Klingriknopf. Endlos beu­chen ihm die Augenblicke vor der geschlossenen Tür des Trauerhauses — da regt sich s. Bon innen ertönt die Frage: „Wer ist denn draußen?' Dec Soldat horcht auf. Fast stockt ihm das Herz. Ist denn das nicht die Stimme der Toten? Nach wenigen Augenblickm umarmt er die über fein unerklärliches Erscheinen nicht wenig erschrockene Mutter, die den Hergang gar nicht fassen kann. Vermutlich ist das Wort „gestern' unterwegs in „geft." abgekürzt worben und bei der Abfertigung im Manövergriände fälschlich zu „gestor­ben' ergänzt worden.

* Ein kurioses Urteil ist von ber 4. Zivilkammer des Landgerichts III Berlin gefällt worben. DaS Gericht weist nämlich selbst nach, baß feine eigene Entscheidung falsch ist. Eine beklagte Partei, bie von einem Amtsgericht in erster Instanz verurteilt worben war, hatte Berufung eingelegt. Diese wurde nunmehr von dem Landgericht zurückgewiesen, aber zu Unrecht, wie das Landgericht in seinem abwei­chenden Urteil selbst erklärt. Es heißt nämlich am Schluffe des Erkenntnisses nach Erörterung der Ver­handlungsergebnisse wörtlich: hiernach hätte ber Berufung stattgegeben unb die Klage auf Kosten des Klägers abgewiesen werden müssen. Durch ein Versehen des Gerichts ist aber die Berufung auf Kosten des Beklagten zurückgewiesen worden." Das Urteil ist indessen »echtskräftig. Der Be­klagte hat kein Mittel, es umzustoßen; denn ein Grund für ein Wiederaufnahmeverfahren liegt nicht vor. Er kann nur versuchen, die Zwangsvoll­streckung abzuwenden und den Einwand, sie verstoße gegen die guten Sitten, weit der Gegner sich nicht einen groben Irrtum des Richters zu Nutze mache» dürfe. Die Richter des Landgerichts waren mutig: sie gestanden ihr Versehen ein unb machten es akten­kundig. Freilich, sie bezeigten nut moralischen Mut. Denn pekuniären ober sonstigen materiellen Schaden werden sie von ber Sache kaum haben. Ist doch der Richter, der bei dem Urteil in einer Rechtssache seine Amtspflicht verletzt, nut bann ersatzpflichtig, wenn er sich strafbar gemacht hat. Der Beklagte ist also übel daran; ihm haften bie Richter nicht. Ob er das Recht, das ihm bie Begründung des Urteils zugesteht, ber Tenor aber abspricht, doch noch finden wird?

— Schmeichelhaftes Mißverständnis. Hausherr: „Meine Frau ist vor zwei Stunden ins Schlaf­zimmer gegangen, um die kleine Konfianze in den Schlaf zu singen. Schrett sie noch immer ?' „Nein, jetzt spielt sie Klavier.'

— Im Examen. Professor: „Was roiffen wir schließlich noch von dem Ende der Kreidezeit zu sagen?' — Studio: „Wenn man nichts mehr ge­pumpt kriegt.'

Reklamen- und Anzeigenteil.

| |

Aleikuml ■ Cigaretten. |