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uldaerW Zeitung

5 wochenbettage: „Illustrierte Sonntagsjettung4*

Erstes Blatt

Fulda, Freitag den 16. September 1910

37. Jahrgang

212.

hat sich

20]

Roman von O. Elster.

Lazrk-«»: vte d» fpaltigepetitzelleoder deren Kaum 15 pfg. SeNameudiepetitreile

Pfg., bei Wieder­holungen wird entspr.

Ladatt gewährt.

Lotationrdrucknnd Verlag der Luldaer Ak- tiendruckeret in Lnlda ZernsprecherNr.g.

ftfifefitf flFgTTifW Ausnahme der Se.m= und Feiertage viertel­jährliche' Bezugspreis ohne Srlngerwhn und Bestellgeld in Fulda la» wie auswarrs >50 Ult.

Detantro Sedatteur, Lark Schn re»

Monatrbellage: „Zuldaer Geschichtrblatter"

Schloß Hambach. Nicht nur die gesamte Familie — darunter des Verstorbenen Sohn Erich, der das Kadettenkorps besuchte, der Schwiegersohn Rittmei­ster von Hardtleben mit seiner Gattin Tilli — war versammelt, sondern auch die erste Gesellschaft aus Stadt und Land, Deputationen der Regimenter, bei denen der Baron gedient, Kriegervereine mit ihren Fahnen und die Landbevölkerung von wett und brett.

Rittmeister von HardÜeben machte die Honneurs des Hauses, da des Verstorbenen Sohn Erich als Kadett noch zu jung war; die Baronin in ihr« schwarzen Witwentracht, begleitet von ihren beiden Töchtern Tilli und Erika uns ihrem Sohn, empfing in würdevoller Haltung die Trauergäste. Sie em­pfand den Verlust des Gatten tief und schmerzlich, aber f.e war sich ihrer Stellung bewußt und behielt ihre Fassung. Tilli von Hardtleben ahmte ihr darin nach, während Erika ganz aufgelöst in Schmerz schi-n Sie hatte geweint, bis der Quell ihrer Trä­nen versiegt war; jetzt wankte sie umher, kaum sich selbst bewußt, was sie sprach oder tat.

Ter erste wirkliche große, gcwalttge Schmerz war gleich einem Sturmwind durch ihr junges Leben ge­braust und schien die Blüten ihrer Jugend auf lange Zett hmaus geknickt zu haben.

In der großen Prunkhalle des Schlosses, die jetzt durch schwarze Drapettcn zu einer Kapelle umgewan­delt war, war die Leiche ausgebahtt. Förster hielten zu beiden Seiten des Katafallcs Wacht und der Pfarrer des Dorfes hielt dem verstorbenen Freund die ergreifende Grabrede.

Vor dunllem Lorbeergebüsch saßen die nächsten Leidiragivden während die übrigen, welche dem Toten die letzte Ehre erweisen wollten, den großen Raunt vor dem Katafalke erfüllter

Tie Wr.te des Geistlichen klangen in das Ohr Erikas, ohne in ihrer Seele einen Widerhall wachzu- ruleu. Ihr Schmerz war zu tief, zu ocroiftig. als daß selbst die Watte der Liebe und Treue welche der ehrwürdig: Gesslliche dem Toten widimie, ihr Trost hätten bringen können. Sie vermochte nicht mehr zu weinen; mit krampfhaft gefalteten Hcnd.n, llcich wie der Tote selbst, eine Statue des stummen Schmer-'

zrs, saß sie da, die großen, vor Tränen brennenden Augen in trostlosem Blick über die Traucrversamm- lung schweifen lassend. -—

Sie erkannte zuerst niemanden, obgleich manch alter Bckannter und Freund unter den Leidtragenden war. Doch plötzlich zuckte sie zusammen und eine leichte Röte stieg in ihren blassen Wangen empor.

Ein Gesicht hatte sie ettannt — ein Auge hatte sich mit tief schmerzlichem Ausdruck in ihr Auge ge­senkt — Fritz Born stand in einem Winkel des Saa­les und schaute zu ihr hinüber, das Auge von Trä­nen des herzlichsten Beileids, des aufrichtigsten Schmerzes erfüllt.

Und da wurde es licht in ihrer umdüstetten Seele. Sie dachte an die letzten Worte, die ihr Va­ter zu ihr gesprochen, die Sorte der Liebe, der Freundschaft für Fritz, dem er unrecht getan hatte, und dem er dieses Unrecht nicht mehr abbitten konnte, well der Tod feine Lippön verschlossen und sein braves redliches Herz hatte stillstehen heißen.

Ihr hatte der Vater die Pflicht hinterlassen, fein Unrecht gut zu machen!

Daran dachte sie in diesem feierlichen Augen­blicke, rmd der Gedanke erfüllte sie mit Stolz, des Vaters Unrecht gut machen zu dürfen, fein Gedächt­nis von dem Vorwurf zu reinigen, als fei er imstande gewesen, ein unwiffentiich begangenes Unrecht nicht wieder gut zu machen, nachdem er es als solches er­kannt.

Und wie edel und hochherzig von Fritz, trotz die­ses an chm begangenen Unrechts zu kommen, dem Toten die letzte Ehre zu geben.

Ihr herzzerreißender Schmerz verwandelte sich zu stiller weicher Wehmut, fie konnte wieder weinen.

Die Bttsehung in der alten Familiengruft war vorüber. Die Trauergäste, so weit sie nicht in das Schloß zum Diner geladen waren, verabschiedeten sich von den nächsten Leidttagenden, ihnen nochmals ihr Setleib ausdrückend.

(Fortsetzung folgt.)

v » ———■—

Um Ehre und Recht

werden, mein Kind, ob ich nun lebe oder sterbe Das ist die Geschichte mit Fritz Born.'

.Ich bitte Dich, Papa, sprich nicht davon.'

»Doch ich muß davon sprechen, denn ich habe dabei eine Schuld auf mich geladen. Du hattest recht, Errka, Ftttz war unschuldig' - ProkowSky hat die Unwahrheit gesagt — vielleicht ohne daß er es selbst wußte ich habe mick genau nach den Ereignissen jenes Abends erkundigt, Ftttz Born hat sich nichts zu schütten kommen lassen, oessen er sich zu schämen hatte. Das wollte ich Dir sagen, mein liebes Kind - ich wollte?^ auch ihm selbst sagen, daß ich ihm unrecht getan habe, aber meine Erkrankung hinderte m«9 daran. Wenn ich nun sterbe, sollst Du es ibm sagen, daß ich mein Unrecht eingesehen habe und kan/" a^iner letz»^ Stunde noch um Verzeihung 6 ä o WM Du es ihm sagen, mein Kind?" beifcma9&.«em ^berJapa'' ^sterte Erika unter Aßm Tränen. »Aber Du wirft es ihm selbst sagen MÄ ÄS«,-1“ - »'•

»Papa?'

fan »i1*" * dem jungen Manne sehr zuge- 7k 8 "tchts gegen ihn zu sagen —

dennoch wünsche ich nicht, daß man Dich rwinat aber wenn Du ihn gern hast 2 meinen Segm Ä Euch, - meinen Segen auch über Dich - „„h auck 8c,5 Bom — er ist ein tüchtiger, braver Mensch — meinen Segen.' w

Seine Sinne verwirrten sich wieder, das Fieber kehrte zurück Er warf sich unruhig im Bette um- ber und ächzte und murmelte untuständliche Watte

Ter Arft und die Schwester eilten herbei; man legte ihm Eiskompressen auf die glühend heiße Stirn die ihn etwas beruhigten. '

»Ich möchte jetzt schlafen', flüstette er, wandte «h nach der Wand herum und blieb regungslos liegen.

Er entschlummerte, um nicht wieder aufzuwachen.

Das Begräbnis des allgemein geachteten und ge­liebten Mannes führte ein großes Trauergefolge nach

daß die Zwickauer Ideen »nach wie vor' auch in den Schulen und »zwischen den vier Wänden unserer Schulklassen' umgeben werden, und daß „nur der­jenige, dessen Blick an der Oberfläche der Dinge haften bleibt, zu dem Urteile kommen kann, daß der innere Schulbetrieb von den Wogen der Bewegung un­berührt geblieben sei.'

Nicht mit Unrecht meint dazu die , Kreuzz tg/: »Tas heißt auf deutsch zweierlei: 1. daß es

Erika saß am Bett des Vaters, dessen fieberheiße Hand in den ihrigen haltend. Ihr Gesicht war toten­blaß, ihre Augen gerötet; ihre Wangen waren schmal geworden, dennoch hielt sie mutig aus und unter­drückte die immer aufs neue emporqucllenden Tränen

Der Kranke, hatte eine Weile in unruhigem Schlummer dagelegen. Plötzlich fchlug er die Augen tmf und sah sich suchend um. Als er Erika erblickte, huschte ein Lächeln über fein Gesicht.

»Mein armes, liebes Kind', flüstette er mit hei- Jerer Stimme, „bist Du noch immer bei mir? — Du olltest zur Ruhe gehen — mir ist jetzt besser.'

In der Tat schien das Fieber ibn fast gänzlich verlassen zu haben. Sein Auge war klar, und feine Worte nicht mehr wirr und unverständlich.

„Mein lieber, lieber Papa, wie freue ich mich', sagte Erika, sich zärtlich über ihn beugend. „Mer jetzt barfft Tu nicht mehr sprechen, sondern mußt ganz ruhig liegen.'

„Nein, Erika, ich will jetzt sprechen', fuhr er fort unb versuchte, sich etwas aufzuttchten, was ihm auch gestützt durch ^Erikas Arm, gelang. „Wer weiß, ob sch in einer Stunde noch sprechen kann.'

„Lieber Papa'

„p^ch weiß nicht, ob ich sterben muß — aber ich wech auch nicht, ob ich gesund werde — ich fürchte öoc dem Sterben — aber es tut mir leid, b0." Euch gehen soll, ich hätte gern noch m Weilchen mit Euch gelebt, und Dich, mein Sink svwder heiter und glücklich gesehen."

, w^e glücklich fein, wenn Du wieder ge- quriD bist. ö

r t,4T($nLma8Jt^' ""in liebes Kind - aber die

Ait warst Tu es nicht — und ich war die Ur- sache Demes Schmerzes. Ja, ich weiß eS wohl taib Du mußt Deinem alten Vater verzeihen, wenn P sich nicht in Deine jugendlichen Gedanken hinein- tetfefcen konnte. Aber eines muß zwischen uns Har

Lehrer gibt, die schon jetzt nach der neuen Weis­heit unterrichten. Ein bedenkliches Zeugnis für die, die es angeht! 2. daß ben Zwickauern Rede und Handlung der höchsten Behörde, soweit sie nicht von ihren Meistern approbiert ist, höchst gleich- gültig ist, daß ihre Parole für die Zukunft lautet: eben doch! und »nun gerade!" Das konservative Blatt fügt die ernste Mahnung hinzu:

»Wir wollen hier nicht darüber jammern, rote ttef die Achtung eines Teiles unserer Lehrerschaft vor der staatlichen Autorität bereits gesunken ist, rotr «ollen aber unbekümmert um alles Geschrei unserer ehrlichen Ueberzeugung dahin Ausdruck geben, daß die Aufmerksamkeit und Konholle, die eine pflichtbewußte Behörde diesen Verhältnissen zuzuwenden Hai, jeden­falls zu verdoppeln ist, wenn nicht ein nicht wieder gut zu machender Schaden ein treten soll.'

Der sächsische Lehrerradikalismus genießt den Vorzug, so ziemlich am weitesten fortgeschritten zu fein. Aber der Geist und die Tendenzen, die ihn befreien, sind genau die gleichen, welche auch in den liberalen Lehrervereinen Preußens, Bayerns ufro. wirksam sind. Und des­halb verdienen die Zeichen, die aus Sachsen her- aberleuchten, auch unsere ernsteste Beachtung. ES genügt nicht, daß der konfessionelle Charakter der Volksschule gesetzlich festgelegt ist, es muß auch die Gewähr bestehen, daß die Lehrerschaft befähigt und gewillt ist, die ihnen anvettraute Jugend im Geiste der Religion zu erziehen. Deshalb verdienen unsere katholischen Lehrervereine unsere eifttgste Unterstützung.

Deutsches Reich.

♦♦ Berlin, 15. Sept. 1910. Der Kaiser hat Donnerstag vormittag seine Reise vom Hofjagd­revier in Ostpreußen nach Ungarn zum Jagd- besuch beim Erzherzog Friedrich angetreten.

* Eine Monarchenznfammmknust in Wiesbaden? Aus diplomatischer Quelle wird der ,Frkf. Ztg/ aus Kopenhagen gemeldet, daß eine Begegnung des Königs von England, des Kaisers Nikolaus und Kaiser Wilhelms in Wiesbaden beabsichtigt fei und zwar Ende September. Die Zusammen­kunft soll der Sicherung des Friedens btenen.

s. Der Berbandstag der mittleren Post­beamten ist in Berlin nach dreitägiger Dauer nunmehr beendet. Die Hauptfragen, die den Verbandstag beschäftigten, verdichteten sich zu folgenden Entschließungen:

»Der 20. Berbandstag erklärt, daß die Personal­reform von 1900 die Hoffnungen und Wünsche her mittleren Postbemntenschafr nichr erfüllt hat und hält eine durchgreifende Aenderung der bestehenden Per- sonalverhaltniffe in Anlehnung an die Grundzüge der Vorschläge des BerbandeS für erforderlich.' — Der Berbandstag wurde beauftragt, dafür ttnzutreten, daß 1. bei der Annahme von Zivilanwärtern als Mindest­forderung daS Befähigungszeugnis für den einjähttg- steiwilligen Militärdienst zu verlangen ist, 2. die nicht­angestellten Post- und Telegraphenaffistenten sowohl aus dem Zivil- wie aus dem Militäranwätterstande in ihren Dienstbezügen mit den gleichwertigen preußi- schen Diätare» gleichgestellt we.den, 3. die Dauer des vier Jahre übersteigenden Diätarials in Anbetracht der vierjährigen Ausbildungszeit als Post- und Telegraphen- Gehilfe auf das Besoldungsdienstalter anzurechnen ist, 4. den nichtangestellten Post- und Telegraphenasststeulen ein siebeMägiger Ueberttags-Zusatzurlaub zu gewähren tst, 5. den in teueren Otten beschäftigten nichlange- tellten Post- und Telegraphenassistenten ein Tagegeld- zuschuß zu gewähren ist. Im weiteren soll der Ber- Vandsvotttand erneut eine Petition, betr. Gewährung der den Eisenbahnbeamten in Elfaß-Lothttngen zuge- biüigten außerordenllichen Zulage an die im Reichs­lande beschäftigten Postbeamten dem Reichstage und der Reichsregierung unterbreiten.

»* Köhler-Langsdorf und die Automobile. Die durch Automobile veranlaßten Todesfälle in Ober- mörlen und Dietzenback sowie ihre Sühne sind Gegenstand einer Anfrage, die der bekannte Auto-

»Das »Bert. Tagebl.' bat zu unserer Mitteilung über die Wahlparole des Reichskanzlers eine dreifache Stellung eingenommen. Zuerst war es ibm eine aus­gemachte Sache, daß der Reichskanzler selbst sein Ge­heimnis in der ,Frankf. Ztg.' habe aufdecken lassen. Diese geistvolle Kombination verwandette sich am nächsten Tage in den Glauben, daß sich ein Spaßvogel mit uns einen Scherz gemacht habe, was ja auch die ,Köln. Ztg.' bestätige. Am britten Tage aber versichert un§ das ,Tagebl.', daß die Authenttzität unserer Mel- dstng gar nicht angezweifelt werden sollte, nur sei eben bte Meldung absolut belanglos. Wir hatten nach bet Metnnng des .Berliner Tagebl.' vom Reichskanzler eine Information erhalten, die wir nicht von ihm, sondern von einem Spaßvogel empfangen hatten, und obgleich sie demnach nicht richtig fein könne, sei doch an ihrer Authenttzität nicht zu zweifeln. Wir müssen gestehen, daß unsere Logik nicht ausreicht, dem zu folgen.'

* Bcuihen, 14. Sept. 1910. In einer vorn polnischen Wahlkomitee in Zaborze einberufenen Versammlung kam es zu lärmenden Szenen. 150 Sozialdemokraten, die im Saale anwesend waren, brüllten, beulten, pfiffen unb trampelten mit Füßen, so daß keiner der Redner zu Worte kommen konnte. Einer der Radauhelden zog fein Messer und Der» etzte dem Abg. Korfanty einen Stich ins Bein. Der ,Satolif' berichtet über diese Versammlung olgendes:

Außer Sozialdemokraten sind auch sozial­demokratisch gesinnte Frauen im Saale erschienen, welche, Furien gleich, mit aufgelöstem Haar, sprü­henden Augen, geballten Fäusten und quiekenden Stimmen ihre Männer zum Widerspruch anfeuerten.

+ Bom sachs. Lehrerradikalismns.

Der sächsische Kultusminister Dr. Beck bekundete in einer Anfang Juli abgehaltenen Jahresversamm- iuna der Beurksinspektoren, daß er den Forderungen der 'radikalen Lehrerschaft, insbesondere der bekann- ten Zwickauer Thesen, nicht folgen werde, daß et im Gegenteil an dem konfes s ione l l en Charak- ter der Schule festhalte und ihre vornehmste Auf­gabe darin erblicke, dem Volke die Religion, ben Geist des Glaubens und der Zucht zu erhallen.

Es war zu erwarten, daß dieses mutige Be- kenntnis des Ministers bei der radikalen Lehrerschaft lebhaften Widerspruch Hervorruten werde. Nicht erwartet werden aber konnte, daß dieser Wider- spruch solche Formen annehmen würden, wie er es tn Wirklichkeit getan hat.

In Nr. 36 der .Leipziger Lehrerzeitung' wird dem Minister mit drttster Kühnheit entgegengehalten: „Sollen wir aushören zu kämpfen, weil die unS als Siel vorschwebende Idee von dem zufällig amtierenden ultusminister nicht anerkannt wird? Unser Glaube an unsere gute Sache ist durch eine Ministerrede nicht zu erschüttern, und darum werden wir unsere An­strengungen von nun an verdoppeln, um den Sieg trotz und alledem zu erringen."

Wie dieser Sieg errungen werden soll, zeigt die folgende Drohung: „Ist es uns nicht gelungen, wen Herrn Minister zu Überzeugen, so gelingt es viel­leicht einer liberalen Kam mer mehrh eit!'

Der Lehrerverein P l a u e n hat in einer Vertrauens­kundgebung für den Vorstand des Sächsischen Lehrer- .Vereins beschlossen: Wir sind der festen Ueberzeugung, chaß er (dieser Vorstand) sich auch in den kommenden schweren Zeiten des Kampfes, trotz des Widerstandes pon Seiten der Regierung, der Verantwortlichkeit der Lehrerschaft gegenüber bewußt bleiben wird.'

Der Dresdener Lehrerverein wird noch beut-

Mit ihnen wußte man sich keinen Rat. Schon als Herr Dr. Hager die Versammlung eröffnete, brach ein Sturm los, der an Stärke zunahm, so daß die Eröffnung kaum geschehen konnte. Das Wort wurde hierauf dem Abg. Korfanty erteilt, der über feine Tätigkeit in Berlin Bericht erstatten sollte. Aber kaum hatte er einige Worte gesprochen, als sich ein Unmensch liches Brüllen vernehmen ließ. In dieses mischte sich ein imitiertes Bärenbrummen, Schafblöken, Rollen donnernder Blitze, Töne schriller Pftifen. Korfanty mußte aushöreu zu reden. Aehnlich erging es dem Redakteur Siemianowski, der über eine außer­ordentlich starke Brust verfügt. Auch er mußte nach zehn Minuten schweigen. Kurz: Die Bersaminlung löste sich von selbst auf. Als zum Schluß ein kirchliches Lied angestimmt wurde, erscholl derselbe tosende Lärm. Der Vorgang war so entsetzlich, daß er mit Sch aud er erfüllte und fast das Blut in Den Adern gerinnen ließ.

cf München, 15. Sept. 1910. Der Hauptverein des Evangelischen Bundes in Bayern hat in den letzten Tagen in Dünkelsbühl sein zehn­tes „Landesfest" abgehalten. Die ganze „Festlichkeit" bestand darin, daß man fleißig über den „Ulttamon- tanisrnus' und die Borromäus-Enzyklika loszog. Mit den kirchlichen Verhältnissen des Protestantismus sich zu befassen, scheint man deshalb absolut keine Zeit gehabt zu haben. — Ministerialdirektor v. Geith hat sich das Mißfallen der liberalen Presse zugezo­gen. Er hat nach einem Berichte der „Donau-Ztg." in Altötting eine Ansprache an die unterfränki­schen Pilger gehalten, wottn das öffentliche Glau­bensbekenntnis des Prinzen Ludwig den Katholiken als hohes Beispiel angeführt wird und sie ermahnt werden, nur katholische Zeitungen zu lesen. Die „Abendztg.' beanstandet, daß „der Leiter des baye- rischm Postwesens als Abonnentensannnler für die Zentrurnsblätter auftritt'. Herr v. Geith hat aber als Prwattnann und Staatsbürger, dem nach dem Abg. Prof. Dr. Günther das Recht der freien Mei­nungsäußerung zusteht, gesprochen. Im übrigen: Wenn es einem königlich bayerischen Oberlandesge­richtsrat wie Heim Joseph Wagner gestattet ist, in öffentlicher Versammlung die Parole auszugeben: „Wählt, wen Ihr wollt, nur keinen Ulttamontanenl' bann muß es auch dem Leiter des bayerischen Post- wesenS gestattet sein, bie katholische Presse zu em­pfehlen. — Der Vorfall in der Schwabinger Brauerei, ben der Jungliberale Verein in die Presse brachte, und der von den M. Reuest. Nachr. als wahr bezeich­net wurde, wird von der M. Post unter großem Schimpfgeschrei als »ftech erlogen' erklärt. Das So­zialistenblatt schreibt, es sei unwahr, daß die Ge­nossen vom Wirt Bedienung durch organisierte Kellne­rinnen verlangt hätten. Gleichzeitig läßt sich das Blatt durch die Brauereid irektion bescheinigen, daß weder der Versammlungseinberufer noch die sozialde­mokratische Partei die Ersetzung nichtorganisterter Kellnerinnen durch organisierte verlangt hätten. Was die M. Post sonst schreibt, ist ein Gezeter über „Jung­liberale Scharfmacher und Spitzel' unter dem pikanten Tttel »Ein Vorspiel zur Sammlung nach links'. Sachlich ausführlicher und wertvoller ist eine Kund­gebung des Verbandes den'cher Gastwirtsgehilfen. Dieser sozialdemokratische Vc.band teilt mit, daß der Braucreidttektor schon nachmittags drei organisierte Kellnerinnen eingestellt und abends noch drei requi­riert habe. Daraus geht hervor, daß die nichtorgani- iertm Kellnerinnen tatsächlich aufs Pflaster gesetzt mürben mit Rücksicht auf die sozialdemokratische Ver­sammlung. Wer diese Brutalität direkt oder indi­rekt veranlaßt hat, ist unbeiannt Wenn auch die ozialdemokratische Partei als solche nichts veran- . laßt haben sollte, so ist dock nicht ausgeschlossen, ja ogar wahrscheinlich, daß einige »Genossen' für sich dem Witt nahegelegt haben, organisierte Kellnerin­nen einzustellen. Wie solche Oinge gemacht werden, weiß man ja Daß tn einer örauereiwirtschast auf einen Schlag ein solcher Kellnerinnenwechsel ohne Druck von außen vorgenommen worden sei, glaubt kein Mensch.

kicher in folgendem Beschlüsse, der sämtlichen sächsischen Lehrervereinen zur Anschlußerklärung vorgelegt werden roll: „Se. Exzellenz der Herr Kullusminister Dr. Beck hat sich über die künftige Gestaltung des Religions­unterrichts geäußert. Seine Ansichten weichen von Denen der sächsischen Lehrerschaft bedeutend ab. Der Dresdener Lehrerverein ist nach wie vor der lieber» zeugung, daß bei der Neugestaltung des Religions­unterrichts nicht nur die Bedürfnisse eine- kleinen Teiles der Bevölkerung berücksichtigt werden dürfen, vielmehr erheischen dabei ernstliche Beachtung die geistige» Strömungen des gesamten Volkslebens, die Dmbiwenden Einflüsse theologischer Forschung, sowie die aus zwingender Erfahrung und auS langjähriger .Arbeit erwachsenen Vorschläge der im praktischen Schuldienste stehenden Lehrer. Diese Vorschläge sind »ädaaogischer und religiöser Gewissensnot entsprungen.. ■unb so erachtet es der Dresdener Lehrerverein für die «rnsteste Pflicht der Lehrerfchast, für die Verwirklichung der aufgestellten Forderungen auch fernerhin einzu« Ureten.'

Eine derartige Sprache gegenüber ben rwersten Vorgesetzten ist bisher in der deutschen Be­amtenschaft unerhört gewesen. So weit wie in Sachsen ist cs auch in den anderen Staaten wohl ftoch nicht gekommen. Man kann sich unschwer ans- denken, wie seitens von solchem Geiste erfüllter Lehrer hie Erziehung der Jugend betätigt wird. Der Minister meinte in der genannten Versammlung, daß trotz der Wogen der Bewegung, die sich in den letzten Jahren in der Oeffentlichkeit geltend gemacht hätten, davon der innere Schulbetrieb auch im Religionsunterricht unberührt geblieben sei. Diese Auffassung mußte von vornherein als allzu optimistisch »scheinen. Einer der Führer des sächsischen Lehrer- cabikalismus, also ein Mann, der es wissen tarnt, Herr Alfred Leuschke, straft die Worte des Ministers Lügen. Er sagt:

mobilgegner Abg. Köhler an die hessische Regie­rung gerichtet hat. Köhler nimmt Bezug auf die jetzt erfolgte Freilassung des Chauffeurs Zettel aus Amerika, der mit seinem Automobil den Müllersohn Kremer auf der Frankfurterstraße bei Nauheim tot- fuhr und dann schleunigst davon fuhr, später seine Kaution zurückerhielt unb schleunigst verschwunden ist, sowie auf das Automobilunglück bei Dietzenbach, über welches die ,Deutsche Automobilzeitung' schreibt, »daß der Radfahrer, der hätte absteigen fallen, noch fchuldiger als bas zweite Automobil fei' unb fährt fort, »baß biese Anschauungsweise würbig bes Protzen- unb Parvenütums sei, das bie gegenwärtige Zeit zur Blüte brachte unb hoffähig machte. An­gesichts solcher »Umwertung aller Wette' erscheint es als höchste Pflicht bes wahren Volksfteunbes, nicht feige zu schweigen, sonbern zu reden, freimütig von der Wahrheit zu zeugen unb Gerechtigkeit zu heischen: Lanbgraf werbe hart! Der Abgeorbnete fragt an:

1. Welche Maßnahmen hat die Regierung gehoffen, um dem mörderischen Treiben der sog. Automobilfexe Einhalt zu tun? 2. Werden die Ponzeibestimmungen fo angewandt, daß eine Wiederholung der Mordtaten von Obermörlen und Dietzenbach als vermeidbar er­scheint? 3. Sind die Polizeiorgane angewiesen, solche Automobile, welche die einzuhaltende Fahrgeschwindig­keit überschreiten, zur Anzeige zu bringen, und wie kommt es, daß trotz alledem bis jetzt von einer solchen Tätigkeit der Polizeiorgane man in der Oeffentlichkeit noch nichts gehört hat? 4. Ist der Großh. Regierung bekannt, daß der Gr. Regierungsrat Dr. Kranzbühler an den Autofahrten des Darmstädter Automobilklubs teilgenommen, um festzustellen, wie auf den Land­straßen der Fuhrverkehr sich entwickelt, wie infolge­dessen und unter Berufung auf die Polizei und die hierbei als amtlich erscheinende Tätigkeit des Regr. Dr. Kranzbühler der Darmst. Automobilklub sich herausgenommen hat, den ordentlichen Fuhrleuten Vorschriften zu machen und mit Strafanzeige zu drohen, sowie, baß auf diesen als amtlich dargestellten Auto­fahrten unter Assistenz des erwähnten Regierungsrates Dr. Kranzbühler, Strafanzeigen gegen Fuhrleute er­folgt sind? 5. Hat die Gr. Regierung davon Kennt- nis, daß man im Volke draußen der Meinung ist, daß die amtlichen Stellen im Lande den wegen ihrer hohen Protektion schwer angreifbaren Automobilisten gegen­über sich in einer gewissen Befangenheit befänden?

* Das vielgewandte,Berliner Tageblatt' wirb von ber ihm geistesverwanbten ,Frankf. Ztg/ scharf an­gefaßt unb zutreffenb charakterisiert: