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Fuldaer W Zeitung

M 211.

Fulda, Donnerstag den 15. September 1910

37. Jahrgang.

A ParMer in Fulda. w-ch-nb-wg«: „Illustrierte Sonntagrzeitung"

Msnatsbellage: „Fuldaer Seschichttblätter"

lejiffte: vir ei» fpaltigepetitreilrodrr deren Heuet 15 Pfg. veNamendiePetitzeile

Pfg., bei wieder- yolungen wird entspr.

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üotationrdruünnd Verlag der Fuldaer Ak- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

Erscheint tigsjch tnit »«««Ne der $ «ad Leiertagr, viertel, jährlicher veMrprei, dhue vringeltohn end Veftelgeld in Fulda so­wie aurwärtr 1.5« Ml.

Verantw. Redakteur:

Carl schütter

v Die Antivort des Landwirt­schaftsministers.

Die ^Norddeutsche Allgemeine Zeitung^ veröffent­licht die Antwort des preußischen Landwirt- tchaftsministers auf die von der Abordnung des Fleischerverbandes in Sachen der vielerorts bestehenden Fleischteuerung am Dienstag ge­brachten Vorschläge. Sie läßt sich kurz dahin zu­sammenfassen:

1. Die vorgeschlagenen kleinen Abhilfmittel Willigere Eisenbahntarife, Verminderung der Schlacht- hos- und Fletschschau-Gebühre», zollfreie Einfuhr von Futtermitteln) lassen keinen fühlbaren Einfluß auf die Preisbildung erwarten.

2. Das vorgeschlagene große Abhilfmittel der er­leichterten Einfuhr von Nutz« und Schlacht­vieh aus dem Auslande erscheint

a) gefährlich wegen der für den inländischen Viehbeüand drohenden Seuchengefahr, und

b) nicht wirksam genug, weil in den be­treffenden Ländern die Biehpreise so hoch und der Ueberfluß an Vieh so knapp ist, daß die voraussichtliche Einfuhr den Preis auf den deutschen Märkten nicht wesentlich herabdrücken könnte.

Soweit ist das Ergebnis negativ. Aber der Minister gab schließlich eine Erklärung ab, welche der Meinung vorbeugen soll, daß die Regierung auch bei längerer Dauer und weiterer Steigerung der Preise untätig btoimt werde. Daher ist

8. in Aussicht gestellt, daß in erster Linie eine Er­leichterung der Fl ei sch einfuhr und nötigenfalls weitere Maßnahmen zur Sicherung der Fleischver­sorgung eintrete, wen« wider Erwarten der Rückgang der Preise und die Hebung des Marktauftiiebs an­dauernd ausbleiben.

Es ist zu beachten, daß hier für die Einfuhr von Fleisch, aber nicht für die Einfuhr von lebendem Vieh Erleichterungen in Aussicht gestellt werden.

Eine Verteuerung der Lebensbedürfnisse ist ein Uebel. Mit Recht sucht man cs zu bekämpfen. Aber man muß sich vorsehen, daß nicht die ver­meintliche Medizin mehr Schaden anrichtet, als die Krankheit. Den Teufel durch Belzebub aus­treiben, ist ein gefährliches Verfahren, und wenn man zur Erwärmung der Stuben das Haus an­zündet, so macht man ein schlechtes Geschäft.

Wir müssen uns von vornherein darüber klar werden, auf welche Grundlage die deutsche Fleischvcrsorgung gestellt werden soll. Entweder auf die Zufuhr von außen, rote es in England der Fall ist, oder auf die einheimische Vieh­zucht, wie es bisher bei uns der Fall war. Eng­land kann sich aus die.Fütterung von außen* eher verlassen, als Deutschland; es ist ein Wellretch so­wohl in Hinsicht des friedlichen Handels, als in dem Uebergewicht der Kriegsflotte. Deutschland dagegen wäre im Kriegsfälle verloren und dem Untergang preisgegeben, wen» es nicht die „Selbst- «rn^hrung" bis zur höchsten Leistungsfähigkeit seines Bodens ausbilden wollte. Dian taffe sich also nicht einreden, daß bei dem Schutze und der Pflege der einheimischen Viehzucht nur das „azra- rische Interesse* den Ausschlag gebe. Nein, cs handelt sich im letzten Grunde um den Bestand des Reiches, um die Zukunft der Nation.

Daraus ergibt sich, daß eine kluge und gewissen- haste Regierung an die Oeffnung der Grenzen für das fremde Vieh nur mit der allergrößten Vorsicht herantreten kann. Die Einschleppung von Vieh­seuchen und die sonstige Schwächung der einheimi­schen Viehwirtschaft würde ein viel größeres Uebel sein, als die zeitweilige Teuerung. Ja, bei einem beträchtlichen Rückgänge der Viehzucht in Deutschland würde das Ende vom Lied sein, daß die zeitweilige Teuerung sich in eine dauernde verwandelte.

Das Schwanken der Preise ist sehr unangenehm, aber es ist eine Erscheinung, die immer wiederkehrt,

wie das Steigen und Sinken des Wafferspiegels Vor sechs Jahren hatten wir schrecklich hohe Korn- preise, und damals wurde der Reichskanzler Caprivi bestürmt, die Grenzen zu öffnen. Er tat es nicht, um nicht die ganze Wirtschaftspolitik zu ruinieren, und das Uebel ging auch so vorüber. Es lasten sich nicht alle Mißgeschicke durch Staatsmaßregeln beseitigen; manche muß man mit Geduld aushalten, rote schlechtes Wetter.

'Den Agitatoren kann man einfach antworten: Was würde dem arbeitenden Volke die verheißene Preisminderung helfen, wenn ihr die ganze Erwerbs- tärigkeit in Deutschland ruiniertet, sodaß die gedrück­ten Löhne nicht einmal mehr für die billigeren Lebensrnittel ausreichten?

Deutsches Reich.

% Berlin, 14. Sept. 1910. Der Kaiser erlegte in seinem ostpreußischen Revier am Mitt- rooch einen Achtzehnender. — Während bisher den höheren Mädchenschulen mit Genehmi­gung der Aufsichtsbehörde gestattet war, für die Schülerinnen der oberen Klaffen wahlfreien Nebenunterricht im Lateinischen einzu­richten, hat der Unterrichtsminister jetzt diesen 'liebenunterricht untersagt. Zur Begründung des Verbotes wird die gleichzeitige Erlernung von drei Fremdsprachen als bedenklich für die Gesund­heit der Schülerinnen bezeichnet.

X Die Abschiedsrede des Fürsten Radolin. Zu der Mitteilung, der frühere Botschafter in Paris, Fürst Radolin habe unverhohlen seine Mißstimmung darüber ausgesprochen, daß er ganz unverhofft von seinem Botschafterposten abberufen sei, läßt Fürst Radolin erklären, daß er keineswegs die Absicht ge­habt habe, gegen irgend welche behördlichen Ver­fügungen Stellung zu nehmen. Klar und deutlich wollte er vielmehr kund tun, daß er trotz seiner un­verbrauchten Kraft keinen Posten im Reiche oder in Preußen anstrede, wenn aber früher oder später einmal seine Dienste verlangt würden, so würde er jederzeit gerne zur Verfügung stehen. Namentlich habe er eines an ihn ergangenen Schreibens mit keinem Worte Erwähnung getan.

x Zur Aenderunz des preußischen Eisenbahnge- sehes vom Jahre 1838 ist ein Gesetzentwurf in Vor­bereitung. Er bezweckt eine Neuregelung der Rechts- verhältniffe zwischen der Verwaltung der Smats- eisenbahnen und den Besitzern der benachbarten Grrrndstücke sowie der beteiligten Kommunalverbände^ Das landespolizeiliche Prüfungsverfahren soll durch Bestimmungen über die Pläneausleguug und die EinsprilcherHebung ähnlich wie im Enteignungsgesetz und im Wafferstraßcngesetz geregelt werden.

(? Wahlvorbereitungen. Die National- liberalen des Königreichs Sachsen einigten ich dahin, bei den nächstjährigen Reichstagswahlen in jeder Stichwahl zwischen einem bürgerlichen und einem sozialdemokratischen Kandidaten für den ersteren einzutreten. — Ein charakteristisches Wahl­bündnis für die nächste Reichstagswahl hat sich bereits in Reuß vollzogen, wo eine Versammlung der Delegierten aller bürgerlichen Parteien die Wiederaufstellung des nctlib. Reichstagsabg. Horn beschloß; hierbei wurde festgestellt, daß der Bund der Landwirte an seiner Zusage unbedingt festhalte und die Kandidatur Horn als nationale Einhesss- kanvidatur gegen die Sozialdemokratie tatkräftig zu unlerstützen habe. Die Fortschrittliche Volkspurtet dagegen hat sich diesem Bündnis gegen die Sozial­demokraten nicht angeschloffen. — Sehr wenig paßt zu diesem Vorgang, was soeben über eine 93er« ammlung des Nationalliberalen Vereins in Berlin berichtet wird, wo man bezüglich der Stellungnahme der Parteien zu den schwebenden Streitfragen und zur Regierung allgemein der Ansicht gewesen sein

soll, daß eine Annäherung an die Parteien der Rechten ausgeschlossen und daß der Regie­rung kein Vertrauen zu gewähren fei, falls sie nicht ausreichende Zugeständnisse in der Kirchen« und Schulpolitik, sowie in der Reform des preußischen Wahlrechts machen und sich aus der Umklammerung des schwarz-blauen Blocks befreien würde. Das hört sich ja recht „tapfer* an.

— Der 12. Delegiertentag der Zionisti­schen Bereinigung für Deutschland hielt in Frankfurt a. M. seine Beratungen. Das Aktionskomitee der zionistischen Bewegung ver­fügt nach dem Geschäftsbericht über ein Gesamt­vermögen von 7Ve Millionen Mark und über eine Jahreseinnahme von etwa 600 000 Mark. Schriftsteller Dr. Franz Oppenheimer-Berlin gab einen Bericht über die von ihm zur Gründung einer jüdischen Genoffenschaftssiedlung in Palästina unternommenen Schritte. Er hat das Land im Anfang des Jahres bereist und für die Siedlung ein sehr günstig gelegenes Terrain erworben, so daß die Siedlungsgenoffenschast noch im Lause dieses Jahres begründet werden kann. Zum Vorsitzenden wurde Dr. Hantle (Berlin) neuge­wählt. Damit ist die Zentralstelle des deutschen Zionismus nach Berlin verlegt.

)( Ein Bürgermeister auf dem sozialdemo­kratischen Parteitage. Wohl zum ersten Male in Deutschland wirv ein der sozialdemokratischen Partei angehöriger, von der Regierung bestätigter Bürgermeister den sozialdemokratischen Parteitag besuchen. Der.Frankfurter Zeitung' zufolge, ist der sozialdemokratische Bürgermeister Neu aus Lambrecht (Pfalz) zum sozialdemokratischen Partei­tag in Magdeburg delegiert worden. — Daß die Herren Genossen just den Herrn Bürgermeister zum Delegierten machen, sieht beinahe wie eine Provokation aus.

)( Ein starkes Stück von Terrorismus haben sich nach der ,Angsb. Abendztg.' die Münchener Sozial­demokraten geleistet:

Im Schwabinger-Bräu sollte eine sozialdemokra­tische Versammlung abgehallen werden. Als die Ge­nossen in nicht zu großer Anzahl heranrückten, verlangten sie von dem Wirlschaftspächter Bedienung durch organisierte Kellnerinnen; Nichtorganisierte Kellnerinnen wurden zurückgewiesen. Der Wirt erklärte, er wisse nicht, woher er so plötzlich organisierte Kellnerinnen herbeischaffen sollte, worauf ihm erwidert wurde, die Genossen hätten sich solche gleich mit­gebracht. Und nun geschah das Unglaubliche: die „Nichtorganisierten" Kellnerinnen der Schwabinger- Brauerei, die seit Jahren dort bedienen, wurden sofort entlassen und die „organisierten" Freundinnen der Genoflen zogen auf.

Es könnten recht nette Zustände entstehen, wenn andere Parieien dies Beispiel nachahmen und glei­ches mit gleichem vergelten wollten, und am meisten würden dann die Sozialdemokraten schimpfen über Scharfmacherei, Terrorismus und bürgerliche Bru­talität.

*** Wo bleibt der Hansabund? In Anbetracht der Tatsache, daß die Kohlenpreise bereits im vergangenen Winter relativ hoch waren, sind die Aussichten für den diesjährigen Winter nichts we­niger als erfreulich. Denn nur in wenigen Städten stehen die Detailpreise unter denen vom vergangenen Jahre; in den meisten sind sie ebenso hoch und in ewigen gehen die diesjährigen Preise sogar noch über die des Vorjahres hinaus. Rechnet man nur mit einer Verteuerung von 2 Di. pro Tonne, so ergibt das eine Mehrbelastung von 280 Millionen Di. im Jahre, also so hoch, wie im Vorjahre die neuen indirekten Steuern waren. Wo aber bleibt hier der Hansa bund. um gegen diese Belastung der Industrie Einspruch zu erheben? Warum hören wir hier nichts von der sonst so Üblichen Agitation? Die Antwort ist sehr einfach: Das Kohlenspn-

dikat gehört dem Hansabund an und zahlt jähr­lich 60000 M. für ihn; darum schweigt der Hansabund, wo ein großes Interesse des Mittel­standes und der Industrie auf dem Spiele steht.

* Zweierlei Maß. Die liberale „Augsb. Abendztg.* meldet in Nr. 247, daß der 62 Jahre alte, veheiratete Hauptlehrer Raith aus Haindling' wegen zahlreicher, seit vielen Jahren verübter Sittlichkeitsverbrechen zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde. In wohltuender Kürze berichtet die Abendzeitung über diesen traurigen Fall, der die Vernehmung von 42 Zeugen, zumeist Schü­lerinnen der letzten 10 Jahrgänge, nötig machte. Die übrigen liberalen Blätter haben mit wenigen Ausnahmen die Skandalaffäre vollständig tot­geschwiegen. Wir sind grundsätzlich dafür, daß man Verfehlungen von Geistlichen und Lehrern nicht an die große Glocke hängen soll,' wenn es nicht örtliche Verhältniffe ersordern. In diesem Fall drängt sich aber von selbst die Frage auf, wie man den Verbrecher in der libe­ralen Presse behandelt hätte, wenn er Katholik gewesen wäre.

** Zur Veteranen »Fürsorge wird offiziös darauf hingewiesen, daß Deutschland für seine Veteranen von allen Ländern schon heute am' meisten bezahle: Frankreich, Oesterreich, Italien! und Dänemark bleiben weit hinter Deutschland zurück. Das mag zutreffen. Aber die Kriege' jener Länder hatten einen unglücklichen Ausgang und haben dadurch die Finanzen sehr schwer be­lastet. WaS Frankreich anbelangt, so hat es neben den anderen Verlusten 5 Milliarden be­zahlen müssen, die Deutschland zugute gekommen' sind.

)( Breslau, 14. Sept. 1910. Ein heißer, Kampf wird es bei der durch den Tod be$’ ZentrumSabg. Ziesche notwendig gewordenen Landtagsersatzwahl im Kreise Breslau-Stadt werden. Der,Schief. Volkszeitung' zufolge be­absichtigen die Freisinnigen den Reichstagsabg.' Gothein, die Sozialdemokraten den Parteisekretär Ncukirch auszustellen. Im Falle einer Stichwahl wollen beide Parteien gemeinsam vorgehen. Bei der letzten Wahl erhielten die vereinigten Konser« vativen und das Zentrum 844, die Freisinnigen' 480 und die Sozialdemokraten 309 Stimmen,'

Ausland.

* Das bulgarische Ministerium Malinow ist wegen persönlicher Unstimmigkeiten im RegierungS- lager zurückgetreten. I

* Gegen die geistlichen Orden in Portugal wird scharf vorgegangen. Die Regierung ver- ügte die Schließun g des spanischen Jesuiten« kollegS von Aldea da Poute im Distrikt Guarda auf Grund des Gesetzes von Pombal, das den Jesuiten den Aufenthalt in Portugal untersagt. In liberalen Kreisen erwartet mau, daß die Regierung weitere Schritte gegen die Niederlassungen der Jesuiten unternehmen wird. Des Beifalls der libera'en Kirchenfeinde kann ie allerdings sicher sein.

* Die griechische Nationalversammlung, die m März dieses Jahres durch ein Dekret des Königs genehmigt wurde, und zu der die Wahlen vor einigen Wochen stattfanden, ist gestern durch eine Thronrede des Königs eröffnet worden. Die Thronrede betont die Erhaltung des kon- titutionellen Regimes und die Bestimmung, daß die Nationalversammlung lediglich nicht grund­legende Bestimmungen der Verfassung revidieren

ien.

i- ,3a, forschen Sie nach; aber ich hoffe, daß Ihre Nachforschung« die Unschuld Borns an das Licht — Und mm gute Nacht, lieber Stanislaus

— ich möchte mich zurückziehen, ich habe vor Schreck die heftigsten Kopfschmerzen bekommen."

Sie reichte ihm die Hand, die er ehrerbietig küßte.

»Haben Sie Dank, mein lieber Freund", sprach sie mit einem matten Lächeln, „für Ihren Rat und Ihre Hisse, aber ich wollte doch, ich hätte Ihnen das alles nicht gesagt. Ich will niemanden unglücklich machen nur auf einen Verdacht hin, und Sie müssen ^gen niemanden, auch gegen meinen satten, nichts von dieser Sache zu erwähnen."

verspreche es Ihnen, Baronin", entgegnete Stanislaus feierlich. „Außer, wenn ..."

«J®enn teuer — Mensch es wagen sollte, sich wie­der Ihnen oder ^hrer Familie zu nähern/ nur'fTrnVn geschieht, dafür lassen Sie mich nur ;argen. Und nun nochmals Dank und gute Nacht."

Sie nickte ihm zu und verließ das Zimmer.

Stanislaus machte eine tiefe, ehrerbietige Ver- beugung; Äs er sich wieder emporrichtete, glänzte auf seinem Gesicht das Lachen des höhnischen Trium- pyes.

7^e Waffe--, flüsterte er, „und meine Rachel Ach, das tut wohl — das ist süß u

In diesem Augenblick trat der Diener ein um die Verandatur zu verschließen und das Licht 'aZ zuloschen.

Sie bleiben wohl nicht mehr, Herr von Prokows- ktzr fragte er.

»Nein, — ich gehe. — Gute Nacht. — Doch halt wissen Sie, wo sich jetzt Herr Born aufhält?-- '

„Herr Born hat einige Tage im „Weißen Roß- gewohnt. Jetzt ist er abgereist, wohin, weiß ich nicht."

„Gut, gut Ich danke Ihnen — gute Nacht.'

„Gute Nacht, Herr von Prokowsky

Mt einem zufriedenen, selbstgefälligen Lächln auf den Lippen entfernte sich Stanislaus.

„Der schaut ja aus, als ob er das große Los ge­wonnen hätte', murmelte der Diener und schloß die Rolläden der Berandatür.

Um Ehre und Recht.

19] Roman von O. Elster.

„Baronin! — Wissen Sie nun, wer der Dieb ist?' Die Baronin ftarrte ihn schreckensbleich an.

„Sie wollen doch nicht sagen, daß Fritz Born . .?'

„Ja, das will ich sagen. Es liegt klar auf der Hand, daß er es gewesen ist, wenn Sie die Agraffe nach seinem eiligen Fortgehen aus Ihrem Zimmer permihlen.'

„Ich kann nicht sagen, daß ich sie unmittelbar nach seinem Fortgehen vermißte. Ich habe nicht aus den Schmuck geachtet, esst am Abend vernnßte ich ihn.'

„Nun, das ist ja das gleiche!"

„Doch nicht ganz. Es kann jemand anders die Agraffe, nachdem Born gegangen war, fortgenommen haben."

„Vielleicht einer Ihrer Diener? — Oder das Stu­benmädchen? Oder Miß Bayleh — oder ich . . .'

„Machen Sie nicht solche Scherze, Stanislaus. Der Verdacht, den Sie aussprechen, ist zu enssetzlich, als daß ich sofort an ihn glauben könnte. Bom stammt aus einer reichen, guten Familie."

„Aber bedenken Sie auch seine Spielleidenschast! Diese verschlingt Unsummen, und ich weiß ganz ge­nau, daß an jenem Abende Tausende umgesetzt wur­den."

„Es wäre zu entsetzlich. Wenn es der Baron er­führe — das ganze Leben des jungen Mannes ist nun vernichtet — die ganze Familie mit Schmach beloben — nein, Stanislaus, ich vermag es nicht zu glauben.'

„Teure Baronin, ich verstehe und ehre Ihren Schmerz — Ihre Enttäuschung, aber solche Spieler sind zu allem fähig. Soffen Sie mir einige Tage Zeit, vielleicht verschaffe ich Ihnen noch augenfäl­ligere Beweis«.'

XI.

Der Baron begann im Herbst zu kränkeln. Er hatte sich auf der Jagd erfüllet und, sorglos wie sein Charakter war, gab er nicht acht auf die Erkältung, schonte sich nicht, ging wieder bei naßkalten Herbst­wetter auf die Jagd, so daß sich der anfangs leichte Katarrh zu einer Lungenentzündung ausbildsse, die ihn auf das Krankenlager warf, von dem er nicht wie­der aufstehen sollte.

Das war ein furchtbarer Schlag besonders für Erika, die stets mit herzlichster Liebe an dem gütigen, freundlichen Vater gehangen hatte, dessen Liebling sie war. Wenn irgend ein leichter Schmerz ihr noch kindliches He^z bsschwerte, so flüchtete sie sich zu dem Vater, der stets ein tröstendes, heiteres Wort für sie gehabt hatte. Wenn sich ihr heiterer Sinn in schwer­mütige Nachdenklichkeit verwandelt, da hatte sie den Vater esst recht nötig gehabt. Sie schloß sich ihm enger und inniger an, sie bat ihn, ihn auf seinen Aus­fahrten und Ausgängen begiessen zu dürfen, und der Baron merkte sehr wohl, daß etwas mit seinem Töch­terchen nicht in Ordnung war, und nahm sie m seinen Schutz.

Aber dann kam der Zwischenfall mit Fritz Born, und zum esstenmal waren Vater und Tochter nicht einer Meinung. Erika verteidigte Fritz mit einer Heftigkeit, welche dem Baron den Zustand des Her­zens seines Kindes deuttich enthüllte. Wie er jedoch Fritz geraten hatte, lieber zu gehen und zu entfagen, als einen Konflikt hervorzurufen, der zu keinem guten Ende führen konnte, so vermochte er auch seiner Toch­ter nicht recht zu geben, denn von so vortrefflichem und braven Charatter er sonst auch war, der Stolz auf fein altes Adelsgeschlecht saß nun einmal in sei­nem Blute, und eine Verbindung seiner Tochter mit dem einfachen Fritz Born erschien ihm eine Unmög­lichkeit.

Er schloß daher den Streit Über die Schuld oder die Unschuld des jungen Mannes mit den Worten: Einessei, ob Bom schuldig oder unschuldig ist, sein Fortgang war notwendig, schon um deinetwillen. . . Jhr warss mir 4ujntün_geroorbea,"

Erika dachte an die nächtliche Zusammenkunft mit Fritz im Pass, errötete heiß und schwieg im Bewußb- sein ihrer Schuld. Damit war dieser Gegenstand er­ledigt; es Wusse von Fritz nicht mchr gesprochen, aber in Erikas Herzen bildete sich ein trotziges Ge­fühl heraus, welches das gute Einvernehmen (mit ihrem Vater zu gefährden drohte.

Aber die Liebe zu ihm flammte in Erikas Herzen heiß empor, als der Vater auf das Krankenbett sank und seine Krankheit einen bedrohlichen Charakter an­nahm. Tag und Nacht wich sie nicht von seinem Bette, und der Baron, egoistisch wie alle Kranken, freute sich ihrer Liebe und wollte nur von ihr ge­pflegt werden.

Die Baronin war ja auch nicht dazu imftanbe, sie war viel zu nervös und unruhig, und so übernahm Erika gemeinsam mit einer Krankenschwester die Pflege des Kranken.

So saß Erika ost stundenlang allein am Lager ihres Vaters, horchte auf dessen röchelnde Atemzüge und flehte angswoll zu Gott, daß er das teure Leben erhalte. Aber in Gottes Ratschluß war es anders bestimmt, der Arzt machte ein immer bedenklicheres Gesicht. Die Schatten des Todes schienen sich bereits auf das teure Antlitz des Kranken niederzusenken.

Es brauste eine stürmische Herbstnacht. Der Wind lauste in den Bäumen des Passes, rüttelte an den Fensterläden und klapperte in den Dachziegeln.

Niemand im Schlosse schlief. Alle Zimmer, Trep­pen und Korridore roaren erleuchtet, und doch herrschte eine Totenstille in dem ganzen großen Gebäude.

Die Baronin ging schlaflos, von Schmerz und Angst gequält, in ihrem Zimmer auf und ab. Das Gesinde war in den Souterainräumlichkeiten versam­melt und unterhielt sich flüftemb. Im Arbeitszim- met des Barons saß der Arzt, bereit, jeden Augen­blick an das Bett des Kranken, der im Nebengemach lag, zu eilen. Die Krankenpflegerin bereitete Eis­kompressen vor und ging mit lautlosen Schritten hin und wieder.

(Fortsetzung folgt.)