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Maer W Zeitung

Fulda, Dienstact den 13. September 1910

37. Jahrgang

209.

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mottafsbeiiage: „Zuldaer SefchichtrbMer"

Ä«Ä. w-chmWmse: „Illustrierte Somtagrzeitung"

Anzrlgenr Vie eie» spattigepetitzeileober deren Baum 15 pfg. BeNamendrePetitzeile Pfg., bet Wieder­holungen wird entfpr.

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Botationsbruckund Verlag berLukbaerAt- tienbrnckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

X Zur hochpolitischen Lage.

Es war schon oft berichtet worden, daß Herr Iswolsky,der russische Minister des Auswärtigen, sich nach denr bequemeren (und besser dotierten) Sessel eines Botschaft es sehne. Der Amt-wechsel ließ aber immer auf sich warten. Nun wru dre ,Times' aus sicherer Quelle von Petersburg er­fahren haben, daß „demnächst" Iswolsky al. Botschafter nach London gehen werde. Als sein Nachfolger an die Spitze des Auswärtigen Ministeriums ist bekanntlich Sassan off schon öffentlich genannt worden. Es wird von dem eng­lischen Blatt hmzugesügt, Sassauoff werde kemen Wechsel in der Politik der Triplc-Euteute emtreten lassen.

Bei unS zu Lande hat niemand erwartet, daß der Personenwechsel im russischen Auswärtigen Amte einen förmlichen Systemwechsel einleiten soll. Der Zar wird natürlich an dem ererbten Bündnisse mit Frankreich und an der unter ihm begründeten Entente mit England festhalten. Es fragt sich nur, inwieweit durch vorläufig selbstverständliche „Politik der Triple-Entente"' (Rußland-Frankreich-England) sich gegensätzlich gegen Deutschland und Oesterreich zuspitzen wird.

In dieser Hinsicht ist nun der Rücktritt Is­wolskys für uns ein angenehmes Ereignis. Micht als ob diese Persönlichkeit uns besondere Furcht eingeflößt hätte, sondern aus dem einfachen Grunde, weil sein Nachfolger der gegenwärtigen Lage ohne persönliche Empfindlichkeit gegenübersteht. Iswolsky hatte in seinem ver­zweifelten Kampfe gegen die Annexion von Bos­nien und der Herzegowina eine persönliche Schlappe davongetragcn. Allem Anschein nach hatte ihn dieser Fehlschlag seiner krampfhaften Protestpolitik etwas nervös gemacht. Auffallend war z. B. die absonderliche Demonstration gegen Oesterreich, die er mit der gewaltigen Kreisbogenfahrt des Zaren nach Racconigi in Szene setzte. Man mußte bei ihm auf einen lebhaften inneren Drang nach einer „Revanche" gegenüber dem siegreichen Rivalen Aehrenthal und dessen Berliner Helfer gefaßt sein. Wenn die persönliche Empfindlichkeit fortan in der russischen Politik keine Rolle mehr spielt, so ist das immerhin von Vorteil, wenn auch der Vorteil nicht groß sein sollte.

Mehr noch als dieser Personenwechsel trägt zur Hebung der Friedenssicherheit die Tatsache bei, daß durch die jüngste Zusammenkunft des italieni­schen Ministers des Auswärtigen mit den öster­reichischen Staatsmännern der Rest von dem Mißtrauen beseitigt ist, das Iswolsky durch die krumme Zarenreise nach Racconigi gesäet hatte. Es sollte dadurch J< allen gegen Oesterreich ausgespieU, der Glaube an die Festigkett des Dreibundes er­schüttert werden. Nach allem, was über die neuer­lichen Zusammenkünfte in der Marchese di Sau Qiuliano in Oesterreich bekannt geworden ist, darf man annehmen, daß das Verhältnis Italiens zu der habsburgischen Monarchie jetzt eine wirkliche Auf­frischung erfahren hat, die Herren haben, wenn nicht alles täuscht, diesmal sich nicht auf den Aus­tausch allgemeiner Höflichkeiten beschränkt, sondern sind den obwaltenden Schwierigkeiten tatkräftig zu Leibe gegangen, sowohl den Grenzärgerniffen, als auch den einzelnen Wünschen und Beschwerden, welche die nationalen Heißsporne als Zankäpfel ver­werten, und namentlich auch den Zweifeln wegen der Balkanpolitik der einen und der anderen Regierung. — Jedenfalls ist die Verständigung zwischen diesen beiden Gliedern des Dreibundes jetzt mit mehr Ernst, Gründlichkeit und praktischem Sinn als je vorher angefaßt worden.

Die Hauptsache ist freilich nach wie vor die bombensichere Solidarität Deutschlands und Oesterreichs, und die wird gewiß bei der bevorstehenden Reise unsers Kaisers nach Wien von neuem aller Welt eindringlich offenbar werden.

Um Ehre und Recht.

Roman von O. Elster.

.Ich will wissen, was Sie hier gemacht haben, Herr von Prokowsky", sagte er drohend. „Wir stan­den sonst nicht auf Besuchsfuß und ich versehe mich von Ihnen nichts Gutes."

„Aber Herr Born", entgegnete Stanislaus mit einem bösen Lächeln, „wie können Sie mir so ent­gegentreten? — Ich hörte, daß Sie Schloß Hambach verlassen würden, und wollte Ihnen Adieu sagen . ."

„Das ist nicht wahr! — Dazu sind Sie nicht her- / gekommen — ober wollten Sie sich an Ihrem Triumph weiden?"

„Meinem Triumph?!"

„Ja — denn nur Ihnen habe ich es zu verdanken, daß ich auf diese Weise Hambach verlassen muß . ."

„Herr Born —"

„Schweigen Sie! Oder ich stehe für mich nicht ein . . . Unwillkürlich hatte Fritz eine auf dem Tisch liegende Reitpeitsche ergriffen, die er zitternd vor Er­regung mit beiden Händen zu einem Halbkreis zu- sammenbog.

Stanislaus wich einige Schritte zurück, und fein Gesicht bedeckte eine fahle, gelbliche Blässe, seine ganze im Grunde feige Natur zeigte sich.

/ „Antworten Sie", fuhr Fritz energisch fort, „haben (©ie dem Baron mitgeteilt, was sich gestern abend im /„Weißen Roß" jugetragen hat?" t „Ja — ober . . ."

t „Haben Sie ihm gesagt, daß ich mich am Spiel (Beteiligt hätte?"

<. „Ich weiß nicht . . ."

■ „Antworten Sie! — Haben Sie es ihm gesagt?" /, „Ich habe nur gesagt, was man mir erzählt hat —" (suchte sich Stanislaus zu entschuldigen.

> „Was Ihnen dieser fremde Schurke Sommer er- ,'zählt hat?"

V „Ja — allerdings —*

' „Und ohne zu prüfen, ob es wahr sei . . . Herr, Wissen Sie, wie man einen solchen Menschen nennt?"

Daß die Begegnung des Kaisers Wilhelm mit dem augenblicklich in Hessen weilenden Zarenpaare bis nach der Nauheimer Kur der Zarin verschoben ist, braucht niemanden zu beunruhigen. Es hat fein gutes, wenn der Verdacht recht weit ausgeschlossen ist, als ob Deutschland das Bedürfnis habe, sich an Rußland heranzudrängen.

Wir befinden uns auch neben der Triple- Entente recht wohl.

Deutsches Reich.

** Berlin, 12. Sept. 1910. Die Kaiserin hat sich mit der Prinzessin Viktoria Luise und der Kronprinzessin ins Manövergelände der ersten Gardedivision nach Tremmen begeben. — Prinzessin Viktoria Luise vollendet am 13. d. Mts. ihr 18. Lebensjahr. — Gras Be nckendorff, der russische Botschafter in London, ist in Frank­furt a. M. im Carltonhotel zu einer Besprechung mit dem russischen Minister Iswolski ange­kommen. — Der Landwirtschaftsminister Frei­herr v. Schorlemer wird heute eine drei­gliedrige Deputation des Deutschen Fleischer­verbandes empfangen, die ihm eine Denkschrift über die Gestaltung der Fleischversorgung und über die Fleischteuerung überreichen wird.

* Ueber die Frage einer Zusammenkunft zwischen dem Zaren und Kaiser Wilhelm ist dem Berichterstatter des „B. L.-A." in Friedberg von zuständiger Seite folgendes erklärt worden:

„Es muß daran festgehalten werden, daß Kaiser Wilhelm dem Wunsch Ausdruck gegeben hak, die Knr der Zarin nicht durch feinen Besuch irgendwie zu unterbrechen. Die Kur der Zarin hat in Nauheim am 10. d. M. begonnen. Einen günstigen normalen' Ver­lauf vorausgesetzt, dürste sie vier bis fünf Wochen dauern. Alsdann erfolgt die Uebersiedlung des russisch- hessischen Hoslagers nach Schloß Wolfgarlen bei Darm­stadt, wo aller Voraussicht nach der Besuch des deutschen Kaisers zu erwarten ist. Bor Mille Oktober dürste mit der Zusammenkunft daher kaum zu rechnen fern."

X Bethmanu-Hvllwegs Wahlparole. Die,Frankf. Zig.' erklärt nochmals, ihre Nachricht von dem Plan des Reichskanzlers, den Schutz für den Hoch- schutzzoll als Parole für die kommenden Reichstags- wahlen zu proklamreren, sei zutreffend. Daran änderten auch die verschiedenen inspirierten De­mentis nichts, die ihr entgegengestellt werden.

)( Sparsamkeit im preußischen Etat für 1911 Bei der gegenwärtigen Finanzlage in Preußen ist cs unerläßlich, die Ausgaben in allen Zweigen der Verwaltung nach Möglichkeit einzuschranken, wenn nicht wieder ein Defizit-Etat zur Vorlage ge­langen soll. Aus diesem Grunde dürsten, so schreibt eine offiziöse Korrespondenz:

die Elatsanmeldungen der einzelnen Ressorts in ziemlich erheblichem Umfang Abstrich« erfahren. Für das laufende Jahr schloß der Etat mit einem Defizit von 92 Millionen ab, obwohl von den Anmel­dungen der Ressorts 125 Millionen abgestrichen worden sind. Auf diese Weise wurde es erreicht, daß die ge­samten Slaalsverwallungsausgaben unter Berücksich­tigung der Mehreinnahmen nur wenig über 2 Millionen mehr betragen, als im Vorjahre, und daß besonders die Extraordinarien um 5,5 Millionen gegen 1909 herabgesetzt sind. Nun ist aber für die nächsten Jahre eine Ausgabensteigerung schon durch die Be- soldungsverbefferungen vom vorigen Jahre unvermeid­lich. Allein im fetzigen Etat sind hierdurch und durch das Steigen der Pensionen und Reltttenbezüge 7 Mil­lionen Mehrausgaben entstanden. Durch die Neurege­lung der Berwendung der Eisenbahnüberschüsse dürfen aber nur 210 Millionen Mark höchstens für die Deckung der Ausgaben der allgemeinen Staatsverwaltung ver­wendet werden. Selbst wenn also unter dem Einfluß einer steigenden Konjunktur die pteufeifd-cn Staat?» bahnen sehr günstige Ergebnisse erzielen, nimmt der allgemeine Etat hieran nur in beschränktem Umfang teil. Aus diesem Grunde kann also das Gleichgewicht

„Herr Born, ich bitte . . ."

„Einen etenben Verleumder nennt man einen sol­chen Menschen, der die Lügen anderer Leute weiter verbreitet, um sie zu seinem eigenen Zwecke auszu- nutzen! Haben Sie mich verstanden? Sie — Sie sind ein solcher elender Verleumder, ein solcher Lüg­ner, dm ich Luft hätte mit dieser Reitpeitsche zu züchtigen."

Prokowsky wich noch weiter zurück. Er zitterte an allen Gliedern.

„Fürchten ®ie nicht", fuhr Fritz, verächtlich lä­chelnd, fort, „ich werde mich an Ihnen nicht vergrei­fen. Wenn Sie ein Fünkchen Ehre im Leibe habm, dann toiffen Sie, was Sie zu tun haben. Aber mer­ken Sie sich, Herr von Prokowsky, das Eine: Ich werde ein wachsames Auge auf Sie haben — was ©ie mir getan haben, das mag hiermit erledigt fein, tt>enn «.ie aber Ihre Intrigen auf eine andere Person aus dehnen, oder nm deutlich zu sprechen, trenn Sie Fraulem Erika nicht in Ruhe lassen, wenn Sie die lunge Dame wetterhin mit Ihren nichtswürdigen Plä° neu zu umgarnen versuchen, wenn Sie die junge Same ferner mit Ihren Aufmerksamkeiten, die die pinge S)ame ängstigen und quälen, verfolgen dann werde ich Ihr elmdes Spiel aufdecken,' und' dann mein Herr Stanislaus von Prokowsky könnten Sie noch einmal diese Reirpeissche zu kosten bekommen"

„Herr Bom, diese Sprache . . versuchte Pro­kowsky auszubegehren.

„Wenn Sie Ihnen nicht paßt, stehe ich zur Ver­fügung — wann und wo Sie wollen. Ich vertrete meine Worte gegen jedermann und nehme nichts von Ihnen zurück. Und nun, Herr Stanislaus von Pro­kowsky, verlassen Sie mein Zimmer."

Er wies mit der Reitpeitsche nach der Tür, und fein Gesicht hatte einen so finsteren, drohenden Aus­druck angenommen, daß Prokowsky es vorzog, sich schweigend zu entfernen, ohne sich in weitere Ausein­andersetzungen einzulaffen. Alber als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, da verzerrte sich sein blasi ses Gesicht zu einer Maske der Wut und der Rache. Mit geballter Faust drohte er gegen das Zimmer Borns und zwischen den Zähnen stieß er zischend hervor:

zwischen Ausgaben und Einnahmen nur durch eine möglichste Beschränkung der ersteren erzielt werden.

Hoffentlich folgen dielen Worten die Taten.

+ Ansiedelungspolitik und Enteignung. Die ,Tägl. Rundschau" erhält eine Zuschrift aus Posen, in der es heißt:

„Man hat das Gefühl, die Regierung fürchte den ersten Schritt, und das vom Fürsten Bülow dem Land­tag abgezwungene Gesetz gefalle auch dem deutschen Großgrundbesitzer in der Ostmark nicht. Mit den Posener Kmlerlagen ist die Stimmung der Polen viel hoffnungsfreudiger, als früher. Auf den polnischen Gütern spricht man von einem gewissen Wohlwollen des Kaisers für die Polen, mit denen er im Frieden leben wolle. Gewiß ist der friedliche Wettbewerb der beiden Nationalitäten einem ewigen Kleinkriege vorzu­ziehen. Aber der Frieden darf nicht durch Schlappen erkauft werden. Den Polen fchwillt sehr schnell der Kamm. Er wird vielleicht bald laut — im geheimen geschieht es schon — über den schwachen Deutschen frohlocken, der Gesetze erläßt, ihre Anwendung aber fürchtet."

Wir freuen uns über das Eingeständnis, daß der friedliche Wettbewerb der beiden Nationalitäten einem ewigen Kleinkriege vorzuziehen fei. Aber das kann man nur erreichen, wenn die unsinnige und unselige hakatistische Politik, die gerade diesen Kleinkrieg verschuldet, preisgegeben wird. Es handelt sich nicht um Friedensschluß, sondern um die Umkehr von einer ungerechten, verfassungs­widrigen und dazu nutzlosen und törichten Politik. Eine offene, ehrliche Umkehr wird dem deutschen Ansehen nicht schaden, wohl aber das blinde Fort- schreilen auf einem Wege, der zu einem kläglichen Fiasko führen muß, ja schon geführt hat. Daß die Ansiedelung-Politik der preußischen Regierung vor dem Zusammenbruche steht, wagt ernstlich niemand mehr zu bestreiten. Herr v. Bethmann- Hollweg würde sich das größte Verdienst um den preußischen Staat erwerben, wenn er entschlossen die Konsequenzen zu ziehen unternehmen wollte.

)( fiatljolifenfagung in Konstanz? Wie aus Lindau gemeldet wird, besteht der Plan, die Katholiken der 5 Bodenseeuferstaaten im Jahre 1914 anläßlich der 500 jährigen Wiederkehr der Eröffnung des Konzils zu Konstanz zu einer großen Tagung zu vereinigen. Die Tagung wird, wenn sie zu Stande kommt, wahrscheinlich in Konstanz staitfinden.

* Monistische Dreistigkeit. Die Hauptver­sammlung des Deutschen Monistenbundes, die zurzeit in Dresden tagt, hat folgende Reso­lution angenommen:

Tie in Dresden aus allen Gauen Deutschlands versammelten Abgeordneten des Deutschen Monisten­bundes beklagen anläßlich der Rede des Kaisers in Königsberg über das Goltesgnadentum und der Rede des bayerischen Thronfolgers in Altöt­ting über die fürbittende Maria aufs tiefste, daß der­artig überlebte, der religiösen und sittlichen Ku ltur unserer Zeit z uw i d e rl a uf end e Anschau­ungen an so einflußreichen, für die Geschicke unterer Völker maßgebenden Stellen noch immer herrschen. Der Denlsche Monistenbund erblickt in diesen unzeil- gemäßrn Bekenntnissen deutscher Fürsten einen Beweis der verhüngui-vollen Erstarrung unteres geistigen Lebens. Er . . . richtet an aßemutigen und unabhängigen Glieder des deutschen Bolles, Männer wie Frauen, die dringende Aufforderung, diese Bekenntnisse durch den Austritt aus der Landes­kirche zu beantworten.

Es ist die alte Geschichte: Die Leute, die den Mund am vollsten nehmen von Phrasen über „GeifteSsreiheit" und „Duldsamkeit", wollen selbst niemand gestatten, eine andere Meinung zu haben und zu äußern, als sie. Ihr Urteil über die beiden Reden kann nut als dreiste An­maßung bezeichnet werden.

X Der 14. christlich soziale Parteitag begann am Sonntag in Siegen. Retchstagsabg. Behrens betonte, die neue Form des Programms müsse sich in dem Rahmen bewegen, der durch Stoecker vor­gezeichnet sei. Er rühmte die ernsten Mannesivorie

„Das werde ich dir gedenken, du Narr! — An diese Stunde sollst du noch oftmals denken . . ." und rasch eilte er die Treppe hinab.

Fritz atmete auf, als Prokowsky das Zimmer ver­lassen hatte. Jetzt war ihm leichter geworden und er konnte schon wieder lachen über die Feigheit und Furcht Prokowskys.

„Ich hoffe, er wird an meine Warnung denken", sprach er zu sich, „und Erika zufrieden lassen. Ich werde ihr schreiben — sie wird mir glauben, wenn ich ihr sage, daß ich das Opfer einer elenden Verleum­dung geworden bin. Mich dem Baron gegenüber zu verteidigen, dazu bin ich denn doch zu stolz. Wir werden uns später Wiedersehen und ich kann es der Zeit überlassen, mich zu rechtfertigen . . . aber Erika soll alles wissen. Ihr bin ich die Aufklärung schul­dig ..."

Und et setzte sich an seinen Schreibtisch, um an Erika einen langen Brief zu schreiben.

X.

Die Baronin zeigte seit einigen Tagen eine merk­würdige Verstimmung und Unruhe Sie durchsuchte ihr Schlafzimmer, ihr Toilette, das Wohnzimmer und den Salon, um, wenn sie damit fertig war, von vorn anzufangen. Verwundert sah der Baron ihr zu und fragte sie einige Male, was sie denn habe, erhielt aber nur die kurze Antwort: „O, nichts, ich suche nur eine Kleinigkeit, welche ich verlegt haben muß."

Der Baron dachte nicht weiter darüber nach, er war jetzt mit der im vollen Gange befindlichen Ernte beschäftigt, war nur auf den Feldern draußen und kehrte des Abends ermüdet heim, um sich bald in seine Zimmer zurückzuziehen.

Dafür leistete dann Stanislaus der Baronin Ge­sellschaft, und da auch Erika sich jetzt öfter früh zu­rückzog, waren die Baronin und ihr junger Schütz­ling oft allein.

So auch heute abend, nach einem schwülen Som­mertage, während sich »ach Sonnenuntergang schwarze Wolken am ivestlichen Himmel auftürmten, welche für die Nacht mit einem schweren Gewitter drohten. Schon sauste der nahende Sturm mit heftigen Windstößen

des Kronprinzen, ebenso die Bekenntnisrede des Kaisers. „Wir Christlich-sozialen fteben auf dem Boden des Königstums von Gottes Gnaden." R.-Abg. Burckhardt schloß nach dem ,Reichsbotertt seine Ansprache mit den herrlich klingenden Worten: „Sozial, das Wort dieser Zeit, christlich das Wort der Ewigkeit, christlich-sozial, das Losungswort dieser Zeit, im Lichte der Ewigkeit. Generalsekretär Liz'. Reinh. Mumm (Berlin) wies zunächst daraufhin, daß der neue Programmentwurf die uneingeschränkte Billigung des Parteivorstandes und des Partei- ausfchusses gefunden habe, und verbreitete sich dann über die Forderungen der Partei auf dem Gebiete der Arbeiterpolitik: Festsetzung eines gesundheitlichen Höchstarbeitstages nach Art des Berufes und Ge­werbes, tunliche Durchführung einer 36 stündigen Sonntagsruhe. Die geschäftlichen Verhandlungen werden Montag und Dienstag erledigt.

+ Berliner Protestversammlung gegen die Kaiser­reden. Nachdem andere Städte und die Sozial­demokratie mit gutem Beispiel vorangegangen wa­ren, wäre es geradezu unverzeihlich gewesen, wenn nicht auch das „freiheitlich gesinnte Bürgertum" der Reichshauptstadt einen Protestrummel gegen die Kaiserreden in Königsberg und Marienburg zu in­szenieren unternommen hätte. Die Versammlung/ die aus Einladung der Fortschrittlichen Vereine von Großberlin am Sonntag zusammentrat, war nicht eben übermäßig stark besucht. Dr. Wiemer versuchte darzulegen, daß zurzeit im Volke eine große Unzufriedenheit herrsche, veranlaßt in erster Linie durch die verfehlte Finanzreform, weiter durch die Fleischteuerung, die fortgesetzte Fideikommisse, und schließlich die letzten Kaiserreden, in denen das Gottesgnadentum proklamiert worden sei. Geistreich und geschmackvoll bemerkte er u. a.:

„Die Unzufriedenheit in Deutschland ist nicht, wie' der Siabstrompeier des Zentrums, Herr Erzberger, an den „Tag" gebracht hat, künstlich erzeugt, sie beruht darauf, daß Millionen guter Deutscher den Krumm­stab und die Junkerknute nicht als Instrumente des Himmels betrachten. (Stürm. Beifall.) . . . Das preußische Kkassenwahlrecht, das rechnet der Kronprinz hoffentlich nicht auch zur völligen Eigenart. (Große Heiterkeit.) Wieder sieben Kaiserreden im Vordergrund des Interesses, vor allem die Gottesgnadenrede von Königsberg. Herr Lederbour hat indezug auf diese Rede den Kaiser als den besten Agitator für die Sozial­demokratie bezeichnet. (Sehr richtig!) Das Gottes­gnadentum gehört in die politische Rumpel­kammer. Auf das Gerede von der Sammlung geben wir nichts, wenn nicht der Kurs gründlich geändert wird."

Nach Wiemer sprach Stadtrat Fischbeck; seine Polemik richtete sich ganz besonders scharf gegen die Junker, die sich aus eigennützigen Motiven an den König herandrängten. In gleichem Tone zog er über das Zentrum her und entwarf ein grausiges Bild von den Folgen der „schwarz-blauen Regie­rung" in Preußen. Auch die Borromäus-Enzyklika vergaß der Redner nicht. Wie Fischbeck, so erklärte sich auch Justizrat Dove gegen die „Sammlung". Er bezeichnet als das vornehmste Ziel der Liberalen die Beseitigung des „schwarz-blauen Blocks" und äußerte seinen Verdruß über die „Proklamierung des Gottesgnadentums". Letzter Redner war der süddeutsche Retchstagsabg. Konrad Haußmann, der ganz besonders scharf gegen die Königsberger Rede und das „Gottesgnadentum", dieses „Gespenst der Vergangenheit", eiferte «nb versicherte, er freue sich auf die nächsten Reichstagswahlen, die, so ,hofft er, einen Systemwechsel in Deutschland bringen sollen. Von einer Beschlußfassung über eine Re­solution wurde abgesehen, vielleicht in der Einsicht ihrer völligen Nutzlosigkeit. Herr Wiemer wünschte, daß die Protestkundgebung des freiheitlichen Bürger­tums würdig verlause. Aber er müßte recht be­scheiden geworden sein, wenn er glauben wollte, daß es wirklich eine großartige Kundgebung gewesen sei.

* Das Bkamienheer. Im Laufe der letzten Jahre ist wiederholt der Erkenntnis Ausdruck gegeben

durch die Kronen der Bäume im Pack und wirbelten die welken Blätter empor, welche, von der heißen Augustsonne versengt, von den Bäumen sich losgelöst hatten und die Wege und die Rasenflächen bedeckten.

Die Baronin und Stanislaus saßen auf der Veranda. Das Gespräch war verstummt, Stanislaus rauchte eine Zigarette nach der andern und sah nach­denklich zu dem am Monde vorüberjagenden Wolken empor, die so gespensterhast vor dem nahenden Sturm dahmeilten, als befänden sie sich auf wahnsinniger Flucht. Die Baronin, ein Tuch fest um die Schultern gezogen, saß in einem tiefen Korbkessel, in sich zu- sarnmengesunken, auf der Stirn finstere Falten, die Augen starr auf die in der Ferne aufzuckenden Blitze gerichtet.

Als der Donner näher und stärker rollte, erhob sie sich und sagte: „Lassen Sie uns hineingehen, Stanis­laus — Sie sind gewiß auch ermüdet von der Arbeit auf dem Felde und (ebnen sich nach Ruhe."

„Durchaus nicht, gnädigste Baronin", beteuerte Stanislaus. „Sie wissen ja, daß ich cigenttich erst am Abend zu leben beginne, wenn ich im traulichen Gespräch bei Ihnen weilen darf. Ich bin in der Großstadt ausgewachsen, da gewöhnt man sich an das lange Ausbleiben."

„Das ist wohl wahr. So bleiben Sie noch, ich möchte auch bei dem Gewitter nicht allein bleiben, der Baron schläft schon und läßt stch nicht gern stören, und Erika ist so seltsam die letzte Zeit geworden. . . Seien Sie aufrichtig, Stanislaus! Hat es zwischen Ihnen etwas gegeben?"

„Ich wüßte nicht . . ."

„Sie wissen, daß ich es gern sehen würde, wenn Sie Ertkas Liebe gewinnen könnten . . ."

„O, meine teure Baronin, wie gnädig sind Sie!" rief Stanislaus und küßte ihr die Hand.

„Sie erinnern mich so sehr an Ihren Vater, der einst — doch das gehört nicht hierher. — Da fängt es cm zu regnen, kommen Sie in das Zimmer."

Ein Platzregen rauschte nieder und die hundert­jährigen Bäume bogen sich unter der Wucht des Stur- mes, der mit wilden Händen in ihren Kronen wühlte.

(Fortsetzung folgt.)