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30" 208.

Montag den 12. September 1910.

37. Zahrg<mg.

* Wüaer W Zeitung«

2. Blatt.

Druck und Verlag der Zuldaer Actieudruckerel tu 8«Ida.

Deutsches Reich.

* Der Eid — ein Zwirnsfaden. In der Landesversammlung der sächsischen Sozraldemo- kralie sagte der sozialdemokratische Landlagsabge- ordnele Riem, was den Eid, den die Abge­ordneten ablegen müssen, anlange, so seren die Sozialdemokraten nicht derartige Narren, daß sie die Leistung dieses Eides verweigerten; über so lcheZwirnsfäden stolpere kein Sozial- demokrat. Die ,Deuische Tagesztg/ bemerkt dazu: r , . _.

„Diese Aeußerung ist nicht neu; geradeso har ficy vor Jahren einmal der verstorbene Genosse Auer tm Reichstage ausgesprochen. Die Anschauung, daß em Eid die Bedeutung eines Zwirnsfadens habe, bekunoer einer ungewöhnlichen Tiefstand der Moral. Bekanni- lich schwören die Mitglieder der sächsischen Zweiten Kammer, daß sie das unzertrennliche Wohl des Königs und des Vaterlandes wahren wollen. Ein ymre^ türche t läßt dieser Eid nicht. Wie ein Mann, der sich zum Republikanismus bekennt und die Monarchie grundsätzlich bekämpft, einen solche» Eid schworen kann ist unerfindlich." _ , _ . M.

* Der Kyffhäusrrbuud der Deutsche» LandcLkneger- oerbände, der seine diesjährige Vertretewersammlung soeben auf dem Kyffhäuser abhielt, befaßte sich u. a. mit der Stellung der Kriegervereine bei öffentlichen Wahlen. Es wurde Verwahrung eingelegt gegen die von der Mehrheit der Wahl* Prüfungskommission des Reichstages niedergelegte, vom Plenum aber verworfene Ansicht, daß die Kriegervereine amtliche oder halbamtliche Vereine seien und daß deshalb Wahlen, für welche Aufrufe von Vorständen der Vereine oder Verbände erfolgt seien, als ungültig erklärt werden müßte». Aus Grund der Satzungen werde die Stellung gegen die Welfen, „Großpolen" und insbesondere gegen die Sozialdemokraten die gleiche bleiben wie bisher. — Der Kriegerverein hat damit erneut bekundet, daß er ein politischer Verein sein will. Wir können dies im Interesse der großen Aufgaben, welche die Kriegervereine in unserer Zeit erfüllen könnten, wenn sie sich von Politik gänzlich fernhielten, nur bedauern.

* Posen, 8. Sept. 1910. Kleine evange­lische Schulen sind in unserer Provinz, wie man der „Germ." schreibt, keine Seltenheit. Die kleinste evangelische Schule dürfte aber die Schule in Welnitza, Kreis Gnesen, sein. Wie manche andere evangelische Schule zählte sie schon jahrelang wenig über 20 Kin­der. Da sie gegenwärtig sogar nur von 3 — in Wor­ten: drei — Kindern besucht wird, soll sie endlich zum 1. Oktober geschloffen werden. In Wirklichkeit scheint dieses gar nicht die „kleinste" evangelische Schule unserer Provinz zu sein; denn in der Posmer Lehrer­zeitung findet sich die Angabe, daß die „evangelische Schule, die seit vielen Jahren in Panwitz (Kreis Me° seritz) besteht, fett einigen Wochen kein einziges Schulkind haben soll." Dafür sollen aber die katho­lischen Kinder in Panwitz keine Schule haben, so daß sie die Schule des Nachbarortes Altenhof, wie es seit Jahren geschah, auch fernerhin besuchen müssen. Die Umwandlung dieser Schule in eine katholische dürfte doch wohl danach nicht nur angebracht, sondern auch nicht allzu schwierig sein. Käme eine katholische Schule ohne ein einziges Schulkind in Betracht, so hätte man ste wohl schon längst umgewandett, so aber wird die Sache noch recht gute Welle haben. Viel­leicht, daß sich auch bald wieder evangelische Schul­kinder für Panwitz finden: Ostmarkenverein und Re­gierung wissen in dieser Hinsicht ja oft recht einfach für Behebung eines solchen Zustandes zu sorgen. Es gibt in unserer Provinz aber auch manche evange­lische Schule, die eine ziemlich starke Frequenz auf­weist. Einklassige evangelische Schulen mit 90—100 Kindern zahlt man hier eine ganze Anzahl. So soll in Kulm, Kreis Birnbaum, die evangelische Schule von rund 100 Kindern besucht werden; trotzdem nun in unserer Provinz schon auf weniger als 50 evange­lische Kinder ein evangelischer Lehrer kommt, hat diese Schule nur eine Lehrkraft. Ob hier nicht, wenn auch nicht ausschließlich, der Gmnd darin zu suchen ist, daß diese evangelische Schule von rund 80 katholischen und nur etwa 20 evangelischen Kindern besucht wird? Aehnliche „evangelische" Schu­len gibt es hier aber ziemlich reichlich — in denen also die katholische „Minderheit" in Wirklichkeit eine recht ansehnliche Mehrheit darstellt. Und die Imparität der Behmidlung der Kucholiken würde doch an solchen Schulen zu schr in die Augen fallen, wenn man an ihnen neben dem ersten noch einen zweiten evange­lischen Lehrer anstelle» würde. Katholische Lehrer aber anzustellen, scheint toegen der „German isierung" nicht angängig zu sein!

Ausland.

* Die französischen Eisenbahner fangen be­reits wieder an, zu rebellieren. Der Beschluß des Arbeitsmini stets, den Sekretär der Eisenbahn- Syndikates Renault wegen einer Flugschrift über den Syndikalismus vor einen Disziplinar-Rat zu stellen, hat unter den Eisenbahnern lebhafte Er­regung hervorgerufen. Der Ausschuß des Syudi- kates der Eisenbahnarbeiter erklärt in einem Auf­rufe, die Entlassung Renaults würde den Aus­

bruch derStreikbewegung beschleunigen. Die Eisen- bahner würden diese neue Herausforderung nicht ruhig hinnehmen, sondern zeigen, daß sie sich mit Renault solidarisch fühlen.

* In der deutschen Kolonie Wilhelm« bei Jaffa sind Kolonisten von Eingeborenen brutal mißhandelt und auch für die Zukunst bedroht worden. Die Kolonisten sind vorläufig schutzlos.

*♦ Amerikas schützende Hand ist recht schwer. Kuba hat seinerzeit den Mut besessen, sich amerikani­schem Schutz anzuvertauen und — hat dafür seine Selbständigkeit eingebüßt. Der Zentralamerikanischen Republik Panama scheint es jetzt ebenso zu ergehen. Der amerikanische Geschäftsträger in Panama hat in einer Unterredung schwere Drohungen gegen die Rö- publik Panama ausgestoßen. Der Geschäftsträger er­klärte, daß, falls sich die Republik nicht den Vereinigten Staaten fügen wolle, diese sich gezwungen sehen wür­den, die Republik Panama kurzerhand zu annektieren. Die Drohung bezieht sich darauf, daß die gesetzgebende Versammlung von Panama im Begriff steht, einen Kandidaten zum Präsidenten zu wählen, der sich ge­gen willkürliche amerikanische Einmischung in die An­gelegenheiten Panamas ausgesprochen hat. Panama, das früher eine Provinz der südamerikanischen Repu­blik Kolumbien war, wurde 1903 eine selbständige Re­publik. Gelegentlich des Beginnes des Panamakanal- baues kam es zum erstenmale zwischen Panama und den Vereinigten Staaten zu einem Konflikte. Seither sind die Beziehungen zwischen de^ beiden Republiken ziemlich gespannt.

volkswirtschaftliches und Soziales.

tz. Der Zentralverband der NahnmgS- und Ge- imßmittelindustrie-Arbeiter Deutschlands (Mitglied des Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften) hielt am 4. und 5. September in Dortmund seinen V. Verbandstag ab. Der Verband, welcher vor zwei Jah­ren aus dem damaligen christlichen Bäckerverband ge­gründet wurde, hat sich nach dem Geschäftsbericht, wel­cher sich über einen Zeitraum von zwei Jahren er­streckte, sehr gut entwickelt. Die Mitgliederzahl stieg von 792 auf 1573, hat sich also verdoppelt. Die Zahl der Ortsgruppen stieg von 18 auf 32. Die Einnahmen des Verbandes betrugen inklusive eines Kaffenbestan­des von 2423,18 Mk. insgesamt 28 9:56,50 Mk., die Ausgaben 23 679,93 Mk., sodaß ein Kassenbestand von 5276,57 Mk. verbleibt. Unter den Ausgaben befinden sich 4408,81 Mk. an Unterstützungen. Der Verband führte in der Berichtszeit 14 Lohnbewegungen, davon 8 allein. 2 Bewegungen führten zu Streiks. 8 Bewe­gungen mit 816 Mitgliedern endeten mit Erfolg, 2 mit 18 Mitglieder ohne Erfolg und 4 mit 422 Mitgliedern sind noch unerledigt. Die mit Erfolg beendeten Be­wegungen brachten den Mitgliedern eine Lohnerhöhung von jährlich ca. 120 000 Mk., außerdem 52 Mitgliedern eine ArbeiEzeitverkürzung von insgesamt etwas über 3000 Stunden und 68 Mitgliedern Ferien von je 3 Tagen bis 1 Woche je nach Länge der Beschäftigungs- dauer. Der Verbandstag beschloß unter anderem die Einführung einer Arbeitslosenunterstützung bei der 50 und 60 Pfennig-Beitrags klasse. Der bisherige Vor­sitzende Schmitz wurde einstimmig wiedergewählt. Die Geschäftsstelle des Verbandes in Düsseldorf befindet sich vom L Oktober ab Helmholhstr. 9.

Aus dem Nachbargebiete.

* Biedenkopf, 10. Sept. 1910. Dem Müller Weigel aus Niederhoerlen wurde von einem Treib­riemen der Kopf abgerissen.

* Kassel, 10. Sept. 1910. Vor mehreren Wochen waren drei Zwangszöglinge aus der Anstalt Rengs­hausen ausgebrochen. Seit der Zeit treiben sie sich herum und verschafften sich ihren Lebensunterhalt, Kleidung «sw. durch Einbrüche. Auf Grund eines Steckbriefes gelang es nun, einen Zögling hier in der Leipziger Straße festzunehmen.

* Ersuch 10. Sept. 1910. Nach Genuß von Gemüse erkrankte hier der Fleischermeister Herr- ling und seine zwei Kinder. Der Vater ist bereits gestorben.

* Mainz, 10. Sept. 1910. Infolge des Be­schlusses der Sozialdemokraten, bei den nächsten Stadtverordnetenwahlen allein vorzugehen, wird es nunmehr voraussichtlich zu einer Ver­ständigung unter den bürgerlichen Parteien kommen. Die Linksliberalen hatten vergebens eine Einigung mit der Sozialdemokratie gesucht.

* Meiningen, 8. Sept. 1910. Bei der S ed a ir­isier in Meiningen hatte der dortige Gemeinderat die Presse nicht eingeladen, worauf die Vertreter der Presse es mit Recht vorzogen, dieser Feier unter Aus­schluß der Oeffentlichkeit fernzubleiben und die Zeitun­gen kein Wort über die Feier brachten. In der letzten Meininger Gemeinderatssitzung erklärte der Vor­sitzende, Herr Stadtv.-Vorsteher Luge: „Ein stören­der M i ß k l a n g sei dadurch in das Fest hineingetta- gen worden, daß diePresse es a b g e l e h nt habe, über das Festbankett, das die Stadt den Veterarien ge­geben hätte, zu berichten, well sie keine Einladung er­halten hätte. Der Magistrat sei aber nicht in der Lage gewesen, Einladungen ergehen zu lassen, weil das Fest ja zu Ehren der Veteranen gegeben worden sei. Nicht nnrnal der Vorstand des Südthüringer Kriegerbundes

emqeladcn worden. Es sei sehr bedauerlich gewe­

sen, daß die „herllichen Reden", die an dem Abend gehalten worden seien, nicht in das Publikum gekom­men wären, zumal für die Vertteter der Presse auf der Galerie noch genügend Platz gewesen wäre."______

vermischter.

* Der Allgemeine Deutsche Sprachverein feierte in Dresden das Jublläum seines 25jährigen Be­stehens. Zu diesem Fest sind zahlreiche auswärtige Mitglieder eingetroffen. Auch die ausländischen Orts­gruppen sind vertteten. Der Verein hat gegenwärtig in 324 Zweigvereinen 30 000 Mitglieder.

*♦ Untersteht eine öffentliche Versammlung der Po- lizeistrmde? Ein Wirt in Suhlen gern, Kreis Herford, hatte ein Sttafmandat erhalten, weil bei ihm eine öffentliche Versammlung über die Polizeistunde hinaus getagt hatte. 'Die Auffordrmng des Polizei­beamten, die Versammlung um 10 Uhr zu schließen, hatte der Versammlungsleiter abgelehnt unter Hinweis darauf, daß durch die Polizeistunde das Versamnr- lungsrecht nicht beschränkt werden könne. Während das Schöffengericht den Wirt verurteilte, ernannte die Strafkammer zu Bielefeld auf F r e i s p r e ch u n g. In letzter Instanz hat das Oberlandesgericht zu Hamm die gegen diese Entscheidung von der Staatsanwaltschaft eingelegte Berufung verworfen und auch die Kosten der Verteidigung der Staatskasse auferlegt.

* Ein schwerer Bauunfall wird aus Bochum ge­meldet. An dem Neubau der evangelischen Friedens­kirche stürzten infolge Leiterbruches dreiSteinträger ab. Zwei wurden verletzt. Ein Teil der zerbrochenen Lei­ter fiel auf eine benachbarte Wiese und begrub zwei dort spielende. Kinder unter sich, die schwer verletzt wurden.

* Als Spion wurde in B r ü l i n g e n an der Saar der Arbeiter Geier verhaftet. Er wird beschuldigt, Fe­stungspläne an Frankreich verkauft zu haben.

* Beim Spielen versteckten sich zwei neunjährige Knaben in Magdeburg in einem Koffer, dessen Schloß zuschuappte. Beide Knaben sind er­st i ck t.

*' Sozialistische Schlemmer. Die sozialdemokra­tische Presse leistet sich ab und zu das Vergnügen, die Speisekarte eines Primiziantenessens oder bei einer Firmung abzudrucken und sich bann in ge­wohnter Weise zu entrüsten über diese lleppigkeit. Dabei muß man wissen, daß bei diesen Festlichkeiten jeder seine Auslagen ans seiner eigenen Tasche zahlt. Eifrig ist die rote Presse auch darauf bedacht, die Genossen scharf zu machen gegen „fürstliche Schlem­mer", welche die Rot des „hungernden Volkes" hintansetzend die „wüstesten Gelage feiern". Wenn aber Genossenführer, die berufenen „Voltsbeglücker", auf Kosten des „bungernden Volkes" Orgien feiern und bei Festbanketten auf „einige" Zeit ihre Mission vergessen, da schweigt die Genossenpresse. Dieser Tage hat bekanntlich in Kopenhagen u. a. auch ein internationaler (sozialdemokratischer) Kongreß der Transportarbeiter, vielmehr ihrer Führer, statt- gesunden. lieber diese Tagung wird u. a. berichtet:

„Nachdem die Delegierten Sonnabend mächtig aur» getrumpft und die seltsamsten Beschlüsse über einen Internationalen Streik der Seeleute" gefaßt hatten, erreichte die fröhliche Stimmung ihren Höhepunkt, als man sich um 3 Uhr zu einem Diner in Wittmarks Festsälen versammelte, zu welchem die dänischen Orga­nisationen, die auf dem Kongreß die Honneurs machten, eingeladen hatten. Für einige Zeit verstummte setzt der Redeschwall über die „elende Sklaverei der See­leute" — sehr verständlich — denn die „schwer be­drängten Seebären" stärkten sich jetzt durch folgende Speisen^ Sherrp vieux, Potage a la jardinisre, Saumon, Sauterne, Sauce hollandaise, Fronsae, Langue de boeuf, Fambon fume (Vegitmee) Poulet roti, Champagne, Compote, Satade, Beurre, Fromage, Radis, Glace panachse, Madiro, Liqeurs, Cafe. Nachdem dann der Kaffee, natürlich mit dem nötigen Zubehör, eingenommen und durch gewaltige Massen von Whisky und Soda die nötige „Elendsstimmung" erzeugt worden war, wurde kräftig getanzt. Am Hellen Morgen zog man bann zum .Ablöschen durch einen gemütlichen Früh­schoppen" nach Klampenborg, stärkte sich durch ein opulentes Frühstück, und als gegen Abend die Sonne sank, wurden allmählich die Kongreßverhandlungen fortgesetzt."

Also sechserlei Weine der teuersten Art und eine Speisekarte, wie man sie selbst am kaiserlichen Hofe nicht findet. So bei den armen Transpor!arbeitern. Wer muß aber die Zeche bezahlen 'k Die sozial­demokratischen Organisationen. Davon aber erzählt die Genossenpreffe dem Volke nichts. Und doch sind es die mit schwieligen Händen verdienten Gro­schen der Arbeiter, welche die Geuossenführer in Kopenhagen vergeudet haben. Was sich erst die Oberbonzen des internationalen Sozialistenkongrefses, der zur gleichen Zeit in Kopenhagen tagte, geleistet haben, entzieht sich der Kenntnis der Oeffentlichkeit; nur wird man jetzt verstehen, warum die deutschen Sozialdemokraten gegen Zölle und Steuern auf Schaumweine, Kaviar usw. gestimmt haben.

* Ein gefieberter Alkoholiker störte feit einiger Zell die Bewohner eines Hauses in Paris mitten in der Nacht im Schlafe. Sie wurden durch ebenfo'fdtfmne wie unerquickliche Geräusche, die oft zu tollem Lärm ausarteten, aus dem Schlaf geschreckt. Bald glaubte man die erstickten Schreie eines gemarterten Kindes zu vernehmen, bald wieder hörte es sich an, als hätte ein spät heimkehrender Zecher einen heftigen Anfall von Schlucken zu überwinden. Schließlich entdeckte man die Ursache der unangenehmen nächtlichen Störungen.

Es war der Papagei der Hauswirtin, der von seiner Herrin allzu reichlich gefüttert und mit Schnäpschen frottiert wurde. Die gepeinigten Mieett wandten sich nun mit Bitten und Drohungen an die Besitzerin des gefiederten Ruhestörers, dessen Enffernung fie forder­ten. Mme. Thövenin weigerte sich jedoch entschieden, das Tier fortzugeben. Lieber wolle sie jeden ihrer Hausbewohner ziehen lassen, als sich von ihrem „Vert-Vert" (Grün-Grün) trennen, ließ sie den Klage- führenden sagen. Wie groß aber war mm das Ent­setzen der guten Dame, als sie, von einer zweitägigen Reise zurückkehrend, zum eleganten Bauer ihres Lieb­lings trat Schon bestürzt darüber, daß ihr der ge­wohnte kreischende Willkommensgruß nicht entgegen­klang, steigerte sich ihr Angstgefühl, als sie vergebens nach dem leuchtenden Smaragdgrün hinter den vergol­deten Käfigstäben ausspähte. Wohl hackte in einer Bauerecke etwas Lebendes, aber das war ein merkwür­diges gelbes Geschöpf, das keine Aehnlichkeit mit ihrem schönen „Grün-Grün" hatte. Dem ftemden Tier war überdies der Schnabel mit feinem Draht zugebunden. Kaum hatte Madame die „Fessel" entfernt, als sie an der „Sprache" ihren geliebten Vogel wiedereckannte. Wie seine traurige äußere Veränderung zustande ge­kommen war, darüber gab ihr der schnell herbeigeholte Tierarzt einige Aufklärungen. Der bedauernswerte Vogel hat, von der Hand eines rachsüchtigen Mieters erwischt, ein Bad in einer Salzsäurelösung nehmen müssen. Man vermutet, daß der Missetäter nächtlicher­weile in das Balkonzimmer eingedrungen ist, in wel­chem der Papagei seinen ruhestörenden Lärm voll­führte. Mme. Thsvenin kündigte sofort (den Mietern und hat eine Klage gegen „Unbekannt" angestrengt. Nach Aussage des Tierarztes dürfte Vert-Vert erst nach zwei bis drei Monaten seinem Namen wieder Ehre machen.

* Ein reizendes Beschichtchen wird von dem ju­gendlichen König Manuel von Portugal und einem portugiesischen Ziegenhirten erzählt. Wägend einer Motorfahrt in der Umgegend von Busaco begegnete dem König ein auffallend hübscher Hirtenjunge. König Manuel plauderte eine ganze Weile mit dem Knaben, der den König nicht kannte und ohne Scheu alle Fra­gen beantwortete. Als Manuel sich erkundigte, ob er schon lesen könne, erwiderte der Junge ehrlich: „Nein, aber meine Mutter hat mich das Ave Maria gelehrt, und jeden Abend erinnert fie mich daran, daß ich ein Ave für die Seele des toten Vaters und eins für den König bete, der in Lissabon erschossen wurde." Eine tiefe Rührung bemächtigte sich des jungen Regenten bei diesen schlichten Worten. Er zog sein Taschenbuch her­vor, schrieb ein paar Worte auf und reichte dem Kinde das Blatt mit dem Bedeuten, es feiner Muter zu ge­ben, damit diese es zum Dorfpriester bringe. Der würde ihr vorlesen, was darauf stände. Die Frau tat, was ihr Söhnchen bestellte, und der Geistliche verkün­dete der Erstaunten, daß König Manuel eigenhändig auf den Zettel geschrieben habe: „Gesegnet seien alle Eltern, die ihre Kinder so erziehen. Manuel Rex." Gleichzeitig überreichte der Priester dem armen Weibe eine Geldsumme, die der König inzwischen zu dem Zweck gesandt hatte.

** Einen Einbruch in ein Militärmagazin verübten in Täufers im Binsgau unbekannte Täter und ent­wendeten aus der hort befindlichen Kompagniekaffe 1500 Kronen, sowie Schmuckgegenstände im Werte von 17 000 Kronen, welche ein Hauptmann als Eigentum seiner Frau dort aufbewahrt hatte.

** Beim Sturz eines Automobils in einen Chaus­seegraben auf der Staatsstraße V ilshofen—P as- s a u wurde der Chauffeur getötet und der Besitzer schwer verletzt. Eine Dame kam mit leichten Verletzun­gen davon.

* Aus Rache wurde in der Nahe von Graz ein Bauer von zwei Dieben, deren gerichtliche Bestrafung er veranlaßt hatte, mißhandelt und so lange mit Knüp­peln bearbeitet, bis er tot liegen blieb. Wohl hörten Nachbarn die Hilferufe des Mannes und das klägliche Geschrei seiner beiden kaum zehnjährigen Knaben, doch aus Furcht vor den beiden Briganten wagten sie ihm nicht zu Hilfe zu kommen.

* Ein Beispiel großer Pflichttreue gab der Füh­rer eines elekttischen Trambahnwagens in Shef­field in England. Er war, wahrend er durch eine sehr belebte Straße fuhr, plötzlich krank geworden. Mit dem Aufwand der letzten Kräfte stellte er den Motor ab, um die Passanten und Passagiere seines Wagens vor Unglück zu bewahren. Dann fiel er tot zu Boden.

* Ein guter Witz. Eine Postkarte, die am 26. September 1898 in Neumarkt in der Oberpfalz an einen dortigen Einwohner aufgegeben wurde, ist dem Adressaten am 3. September 1910, also s ch on nach 12 Jahren, zugestellt worden. Da die Karte nach den damaligen Portosähen nur mit 3 Pfennig fran- hiert war, mußte der Empfänger laut „Amberger Volks­zeitung" auch S tr a fporto zahlen. Die Post be­sitzt — das muß ihr der Neid lassen — Humor.

— Der unbrauchbare Kommis. Chef (zum Kam« mis): „Herr Meier, ich habe mit Ihnen vereinbart, daß Sie tausend Mark Konventionalstrafe zahlen müssen, wenn Sie in das Geschäft meines Kon­kurrenten eintreten ... wissen Sie was — ich zahle Ihnen jetzt tausend Mark heraus, wenn Sie hin­gehen !"

— Tradition. „Sagen Sie mal, Herr Leutnant, kommt Ihr Regiment schon in der Geschichte vor?" „Nee, aber in meinem Regiment kommen Ge­schichten vor!"

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