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üotationrdrnckund Verlag der Lnldaer Si> tiendruckerei in Fulda Zemsprrcher Nr. 9.

»freche Fälschung"? »Schwindel ist es im Gege"' teil, wenn jetzt z. B. die ,TSgl. Rundsch.' sich a"' stellt, als enthalte die zuerst veröffentlichte Lesa" eine Beleidigung des Protestantismus, bl< zweite dagegen nicht. Eine solche Beleidigun enthält keine der beiden Fassungen. Wer erklärt, er halte seine Religion für die wahre (oder was dasselbe ist: für die einzig wahre) der begeht da» durch doch keine Verletzung Andersgläubiger. Blätter, die eher als die ,Tägl. Rundsch.' zur Vertretung protestantisch« Jntereffen berufen sind, haben daran auch keinerlei Anstoß genommen. Denselben ver­nünftigen Standpunkt nimmt auch der »Israelit" das in Frankfurt a. M. erscheinende Zentralorgan des orthodoxen Judentums ein. Es schreibt:

In seiner Rede bekannte sich Prinz Ludwig als gläubiger Katholik und spricht aus, daß er den Katholi­zismus für die allein wahre und richtige Religion halte. Dieser Sah ist es, der die heftigste Anfechtung erfährt und zwar deshalb, weil damit alle Nichtkatholiken, also für Deutschland vor allem Protestanten und Juden als Irrende bezw. in Irrlehren Befangene hingestellt werden. Soweit für diese Angriffe gegen die Rede des bayerischen Thronfolgers auch die Juden mit zum Anlaß genommen werden, muffen wir ent» schieüen dagegen Verwahrung einlegen. Wir stehen gewiß nicht im Verdachte, von unserer eigenen reli­giösen Ueberzeugung zugunsten irgendeiner anderen etwas abzulassen, aber weil wir fest auf unserem Standpunkt beharren, stört es uns durchaus nicht, wenn Anhänger und Bekenner eines anderen Glaubens den ihrigen für den allein wahren und richtigen halten. Es kann das umso weniger der Fall fein, wenn, wie bei dieser Gelegen­heit, dem Bekenntnis der eigenen Religion auch sofort der Grundsatz der Toleranz und Duldung gegen­über den Anhängern anderer Bekenntniffe hinzugefügt wird. Man weiß, daß dieses schöne Bekenntnis zur Toleranz im Munde der Fürsten des Wittelsbacher Hauses, und zumal des Prinzen Ludwig, kein leeres Wort ist, daß auch die Talen dem entsprechen. DaS Bild, das sich uns so ergibt: unbedingte Treue gegen­über dem eigenen angestammten Glauben, Toleranz und Milde genüber den Bekennern anderer Religionen, fordert eher alles andere heraus. Uns scheint, daß hier die Unduldsamkeit mehr auf Seiten der Kritiker des fürstlichen Redners liegt, denen zum Teil schon ein offenes Bekenntnis zu einem positiv- religiösen Standpunkt ein Dorn im Auge ist.

*** Eine fette Dividende. In der letzten Sitzung des Aussichtsrats der deutschen Kolonialges ell- schäft für Südwestafrita wurde beschlossen, für das abgelaufene Geschäftsjahr eine Dividende von 64°/o (gegen 25°/o für 1908/09) vorzuschlagen. Da­bei wurde festgestellt, daß die für die letzten Mo­nate vorliegenden Ausweise und Berichte über die Diamantenausbeute, den Eingang von Schürfgebüh­ren usw., einen wesentlichen Rückgang aufweisen, so daß, wenn die fehlenden Monate des laufenden Geschäftsjahres nicht erheblich günstiger ausfielen, mit einem geringeren Erträgnis gerechnet werden müsse. Die Schätzungen bewegten sich letzthin zwi­schen 50 und 60%, vorher hatte man von 75°/o ge­sprochen. Nachdem Staatssekretär Dernberg der Gesellschaft unmittelbar vor seinem Abgänge einen so vorteilhaften Vertrag zugestanden hat, wird in Zukunft ihr Gewinn wohl eher größer als kleiner werden. Als aber im Reichstag der Antrag Erz» berger über die Kriegskosten zur Beratung stand, da jammerte Dernburg über Expropriation. Wir meinen, wenn jemand in einem Lande 64% Divi­denden herausholt, dann kann er dort auch Steuern zahlen. Die deutsche Kolouialgeseü- schast zahlt aber in Südwestafrika weder eine Ein­kommens- noch Vermögenssteuer, sie schöpft nur den Rahm ab. Durch die Entdeckung von Diamanten auf den Feldern von Lüderitzbucht und die damit in Zusammenhang stehende Verhängung der Schtlrf- sperre zugunsten der Kolonialgeseüschast stossen dem Unternehmen unerwartet hohe Beträge zu, und mit einem Schlage wurde der »Kolonialanteil", den früher nur wenige Börsenbesucher gekannt hatten, einer der populärsten Börsenwerte. Die Anteile der Kotonialgesellschast erreichten im vorigen Jahre eine

Fulda, Montag den 12. September 1910

Erstes Blatt

208.

Deutscher Reich.

** Berlin, 17. Sept. 1910. Der Kron- prinz und Prinz Oskar haben sich am Samstag mit dem 1. Garderegiment zu Fuß in's Manöver des Gardekorps nach der Priegnitz begeben.

(*) Ein neuer Vizepräsident des StaatLnüuisteriumZ ? Die ,Nat.-Ztg/ meldet, es sei die Ernennung des Landwirtschaslsrninisters Freiherrn v. S ch o r l e m e r- Li ese rzum Vizepräsidenten des Staatsministeriums in Aussicht genommen. Seit dem Rücktritt des Fürsten Bülow war dieser Posten unbesetzt. Bis dahin war der jetzige Reichskanzler Vizepräsident. Rheinbaben galt lange Zeit als Anwärter aus diesen Posten. Er hat ihn aber nicht erreichen können.

** Die Ostasienreise des Kronprinzen. Nach den bisherigen Anordnungen wird der Kronprinz am 14. Dezember ds. Js. in Bombay eintreffen, sich einige Wochen in Indien aufhalten und am 14. Februar von Calcutta aus die Reise nach Bangkog antreten. Von Siam aus kommt ein Ausflug nach Java in Frage. Die Ankunft in Hongkong dürfte Mitte März erfolgen. Hieran schließt sich eine Fahrt nach Kanton und Schanghai und ein mehrtägiger Besuch von Kiautschau. Die Ankunst in Peking ist gegen den 10. April, die in Tokio am 25. April geplant. Die Rückreise dürfte Anfang Mai über Sibirien angetreten werden.

* Die Fuldaer Bischofskonferenz hat der Ver­bandsleitung der katholischen kaufmän­nischen Vereinigungen Deutschlands auf eine Eingabe in Sachen der Jugendfürsorge durch Kardinal Kopp folgende Antwort zugehen lasten:

Wir erwidern der Verbandsleituug der kath. kausm. Vereinigungen Deutschlands auf die Vorstellung vom 19. August, daß wir überall da, wo nur irgendwie die Vorbedingungen bestehen, die Gründung kath. kausm. Jugend vereinigun gen als Pflanzschule der kath. kaufm. Vereinigungen, die wir nach wie vor als die berufene Organisation zur Vertretung der religiös­sittlichen und geistigen, wirtschaftlichen und sozialen Bestrebungen der selbständigen Kaufleute, der Hand- luugsgehilsen und kausm. Beamten anerkennen, für erforderlich halten und demgemäß die geistigen Leiter und Beiräte mit Weisung versehen werden.

♦ Bon Herrn von Gerlach erhalten wir folgende Zuschrift:

Die .Fuldaer Zeitung" schreibt in ihrer Nummer vom 31. August:

.Herr v. Gerlach und seine Demokraten haben auch keine Veranlassung, sich aufs hohe Roß zu setzen."......Auch die .Demokratie" ist

nichts als eine Börsenschutztruppe mit kultur­kämpferischen Neigungen".

Ich bitte Sie, demgegenüber fest zustellen, daß mir persönlich jedenfalls wohl keine Aeußerung vorgehalten werden kann, die mich als Kulturkämpfer oder als be- sonderen Freund der Börse charakterisiert. Auch die Demokratische Vereinigung kann, wie aus ihrem Pro­gramm hervorgeht, weder als Börsenschutztruppe noch als Kulturkämpferschaft bezeichnet werden. Selbstver­ständlich halten wir, wie wohl alle vernünftigen Parteien, die Börse für eine volkswirtschaftlich unerläßliche Ein­richtung. Aber da wir die Interessen der Arbeit gegenüber denen der arbeitslosen Rente besonders be­tonen, können wir nicht in den Verdacht geraten, dem spekulativen Kapital besonders hold zu sein. Den Kulturkampf verwerfen wir aufs Entschiedenste. Unser Ideal des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche ist das von Nordamerika: Freie Kirche im freien Staat!

Gern gestehen wir Herrn v. Gerlach zu, daß ihm kulturkämpferische Neigungen nicht nachgesagt werden können. Er ist im Gegenteil wiederholt für die Forderungen der Katholiken eingetrelen, was ihm um so höher anzurechnen ist, als er dabei in der Fraktion, deren Hospitant er war, keine Unter­stützung fand. Auch wirtschaftspolitisch steht er dem Zentrum sehr nahe. Die Beschwerden gegen die „Demokratie" in dem ungezogenen Artikel waren deshalb auch nicht gegen Herrn v. Gerlach persön­lich gerichtet Wer den Artikel nachliest, wird uns das zugeben. Von der Charakterisierung der Frei­sinnigen Vereinigung dagegen haben wir nichts zurückzunehmen.

** Noch einmal die Rede des Prinzen Ludwig. Es bestätigt sich, daß tatsächlich zwei Ansprachen des Prinzen Ludwig vorliegen. Auf Grund einer Mitteilung »von beteiligter L>eite" hatte die um­strittene Stelle der zweiten Rede folgenden Wortlaut;

Ich bunte dem lieben Golt, daß ich von katholischen Eltern abstamme und in der katholischen Religion er­zogen worden bin. Ich habe mein Leben lang den katholischen Standpunkt vertreten, nicht um äußere Ehren zu erhalten und Anerkennung zu finden, sondern weil ich überzeugt bin von der Wahrheit undEchtheit unserer katholischen Religion Die katholische Religion verlangt nicht Intoleranz gegen Andersgläubige. Es ist durchaus falsch, wenn man von einem guten Katholiken anuimmt, daß er Anders­gläubigen gegenüber intoloraiit sein müßte. Es ist ein gutes Zeichen des Katholiken, daß et die Ueberzeugung anderer achtet. Wir verlangen aber, daß auch unsere Ueberzeugung von anderen hochgehalten wird.

Liberale Blätter tun immer noch so, als ent­halte diese Fassung etwas wesentlich anderes als die zuerst veröffentlichte Lesart und sprechen von einer »frechen Fälschung" der Zentrumspresse und von »Schwindel. Der ganze Unterschied besteht indes lediglich darin, daß nach der ersten Lesart der Prinz vott der katholischen Religion als die nach seiner Ueberzeugung „einzig" wahren und echten ge­sprochen hatte. Wir meinen, wenn man etwas für wahr hält so hält, man es eben auch sür einzig wahr, denn das ist ja das entscheidende Merkmal der Wahrheit, daß man nicht gleichzeitig zwei oder mehr ver­schiedene Auffaffungen für wahr halten kann. Es gibt immer nur eine Wahrheit. Wo liegt also da die

x- Die Wahlparole des Reichs, kanzlers.

Der Artikel der,Frankfurter Zeitung' über die angeblich vom Reichskanzler Herrn von Bethmann- Hollweg beabsichtigte Wahlparole: »Unsere Schutz­politik ist bedroht I", »Sammlung aller pofmv- schaffeuden Stände, hat lebhafte Beachtung gefunden, indessen weniger wegen seiner Bedeutung als weil er von einem so angesehenen Blatte wie der -Frank­furter Zeitung' verbreitet worden ist. Vielfach wird in der Preffe die „Enthüllung" spöttisch zurückge- wiesen, man will sie nicht ernst nehme« und die ,Frkf. Ztg.' beeilt sich infolgedeffen, nochmals zu ver- sichern, vaß sie die Information für „absolut authentisch" halte und daß diese keinem Zweifel mehr Raum ließe«.

‘ lieber den Aufputz, den die „Frkf. Ztg." ihrer .Information" gegeben hat, mag man denken, wie man will, richtig ist der Kerngedanke, daß Herr v. Bethmann-Hollweg im Sinne der Parole „Sammlung aller positiv schaffenden Stände" zu wirken gedenkt und daß die nächsten Wahlen auch unter dem Zeichen Schutzzoll gegen Freihandel stehen werden. Das ist aber auch gar nichts neues.

Wir haben schon vor Monaten darauf aufmerksam gemacht, daß nach den allgemeinen Reichstags­wahlen die Nachprüfung des Zolltarifs und die Erneuerung der Handelsverträge auf die Tagesordnung kommt und daß also der fortdauernde Schutz der einheimischen Erwerbstätigkeit bei den nächsten Wahlen eine bedeutende Rolle spielen werde. Wir hatten noch hingesügt, daß unter Um­ständen eine zweite Befragung des Volkes not« wendig werden könnte, bei der die Schutzzollpolitik zur entscheidende» Frage würde.

Jndeffen, wenn man solche Wahrheiten in ein­fachem Deutsch veröffentlicht, dann gibt das keine „Sensation". Man muß aus dem alten Gedanken eine „neue Enthüllung" machen und den Leuten verraten, man habe die politische Bedeutung der Schutzzollparole nicht durch eigenes Nachdenken, sondern durch „Informationen" vnd der „vertrauten" Umgebung des leitenden Staatsmannes erkannt, bann ist sofort die Sensation da.

Inzwischen behaupten nun auf Anfragen an zuständiger Stelle mehrere Blätter, daß der Reichs­kanzler bisher gar keine Wahlparole auf- gegeben habe, weder im vertrauten Kreise noch in der Oeffentlichkeit, und es wird dabei auf den sehr pkausibeln Grund hingewiesen, daß die Zeit für eine Wahlparole noch nicht gekommen sei.

In der Tai, fünf Vierteljahre vor dem Wahl- termin spricht ein vernünftiger Staatsmann noch nicht das Wort, von dem er die größte Zugkraft bei den Wählern erwartet. Die Parole würbe in her langen Zwischenzeit zu altbacken, um noch den erwünschten Geschmacksreiz auszuüben. Auch ist mit der Möglichkeit zn rechnen, daß sich innerhalb eines Jahres die Verhältnisse oder die Stimmungen noch in einer Weise ändern, die bei der Formulierung einer Wahlparole zweckmäßig berücksichtigt werden

Das ändert aber natürlich nichts an der Richtig- teit des Grundgedankens: die Schutzzollsrage wird bei den nächsten Reichstagswahlcn eine ganz Hervoragende, unter Umständen die entschei­dende Rolle spielen, und an diesem kritischen Punkte wird sich eine klare Scheidung der Geister vollziehen müffen, insbesondere unter den liberalen Parteimitgliedern.

Man kann die Frage aufwerfen: Ist die vor- zebliche ..Information" des Frankfurter demokra- tifdjtn Blattes nur aus publizistischer Sensations­sucht hervorgegangen, oder steckt hinter dieser Schauinschlägerei eine parteipolitische Arg list s Die .Franks. Ztg.' steht auf der äußersten Linken, wo man sowohl der bestehenden Schutzzollpolitik, als auch Herrn von Bethmann Hollweg feindselig

gesinnt ist, der ganze Artikel ist in höhnischem Tone abgefaßt; dem Reichskanzler werden so übertriebene Hoffnungen und so scharf zugespitzte Spekulationen (». B. auf „Sprengpulver sür die nationalliberale Partei") nachgesagt, daß man deutlich die Absicht merkt, der sammelnden Kraft der Schutzzollparole schon jetzt entgegen zu wirken.

Die Berliner ,Nationalztg.' fühlt sich denn auch schon veranlaßt, den vermeintlich drohenden Spreng- uugsoersuch mit den üblichen Phrasen von der liberalen Kraft und Herrlichkeit entgegenzutreten. Ferner läßt sie sich von einem nationalllberalen Abgeordneten telegraphisch versichern, daß die Partei gar nicht daran venke, ihren rechten Flügel abzu­stoßen. Als ob wir nicht schon längst wüßten, daß die Häuptlinge der gährenden Partei sich krampf­haft bemühen, trotz aller grundsätzlichen, taktischen utib Interessengegensätze die äußerliche Einheit der Partei über die Wahlkämpfe hinaus zu reiten.

Die ,Nationalzta' behauptet zu Beruhigungs­zwecken, der Schutz der nationalen Arbeit hab: seine Anhängerschaft bis weit in die liberalen Reihen hinein. Es soll also kein Anlaß zu einem Not­schrei wegen des gefährdeten Schutzzolles vorliegen. Aber wenn die Haß- und Hetztaktik in der bis­herigen Weise fortgesührt wird und auch der Hansa- bund dabei beharrte, daß er die Rechte und das Zentrum bekämpft, dagegen die Sozialdemokratie begünstigt, dann liegt die ernste Gefahr vor, daß bei den Wahlen am Ende des nächsten Jahres die halben und ganzen Freihändler in Verbindung mit der Sozialdemokratie die Mehrheit im Reichstage erlangen. Dann stehen Reichskanzler und Bundes­rat vor der Wahl, entweder die alte bewahrte Wirtschaftspolitik und damit die Wohlfahrt und den inneren Frieden Deutschlands verfallen zu lassen oder den Reichstag aufzulösen. Dann muß Farbe bekannt werden, auch auf dem 'jung­liberalen Flügel der Bassermann'fchen Partei und ebenso in der Leitung des Hansabnndes, die vor­läufig mit den Geldmitteln der sreihändlerifchcn Großhändler und Großkapitalisten eine zweideutige Wirtschaft führt. __

37. Jahrgang.

Um Ehre und Recht.

16] Roman vo« O. Elster.

IX.

Als Fritz am anderen Mittag vom Felde heim kam, wohin er schon mit Sonnenaufgang geritten mar, fand er einen Brief auf seinem Tische liegen. Er er­kannte die Handschrist des Barons, und rasch, nichts Gutes ahnend, öffnete er den Brief.

Er hatte sich nicht getänfcht, her Brief lautete: „Herrn Fritz Born!

Nach den Vorgängen des gestrigen Abends halte ich es für das richtigste, wenn Sie Ihren Vorsatz, Hambach möglichst bald zu verlaffen, zur Ausführung bringen. Ich will mich übet Ihr Betragen nicht näher auslassen, muß Ihnen jedoch sagen, daß Sie mein Vertrauen in arger Weise getauscht haben. Ich habe e8 stets gut mit Ihnen gemeint, Sie aber haben meine Warnungen verachtet und sind trotzig Ihren eigenen Weg gegangen. Ein Zusammenarbeiten oder Zusam­menleben ist nicht mehr möglich, Ihr Benehmen schä­digt den guten Ruf und die Ehre meines Hanfes. Ich ersuche Sie daher, womöglich noch heute Schloß Ham­bach zu verlassen. Inspektor Grupe ist beauftragt, Ihnen das Gehalt des laufenden Vierteljahres auszu- zahlen. Eine persönliche Verabschiedung Ihrerseits halte ich unter den obwaltenden Umständen für un­nötig.

Erich Baron Hambach."

Eine Weile starrte Fritz dieses Schreiben verständ­nislos an. Was hatte er getan, um auf diese ver­ächtliche, beleidigende Weise fortgeschickt zu werden?

Sollte der Baron die nächtliche Begegnung zwffchen ihm und Erika bemerkt haben?

Aber dann wäre eine Aussprache doch angemessener gewesen. Jedenfalls bot sie feinen Anlaß, gegen ihn in solch rücksichtsloser Weise zu verfahren. Das wat hoch niemals die Art des Barons gewesen; er würde Hohl ernst, ober doch nicht verletzend mit Fritz gespro­

chen und ihn auf die Unmöglichkeit einer Verbindung mit Erika aufmerksam gemacht haben.

Und dennoch war Fritz sich keiner anderen Schuld bewußt! Vielleicht aber kannte Inspektor Grupe die Beweggründe des Barons, und rasch begab sich Fritz in dessen Wohnung.

Fräulein Grupe trat ihm entgegen und sah ihn hochmütig an, ohne seinen Gruß zu erwidern.

„Sie wollen wohl meinen Vater sprechen," sagte sie kühl. „Et befindet sich in seiner Kanzlei."

Fritz klopfte an, die tiefe Stimme des Inspektors rief: „Herein!"

Als Fritz eintrat, wandte sich Grupe, der vor sei­nem Schreibtisch saß, langsam um.

„Ich dachte mir wohl, daß Sie es wären," sagte er, ohne Fritz zu begrüßen. „Sic kommen woA, um Ihr Gehalt zu holen — hier ist es. Wollen Sie hier darüber quittieren."

Er schob Fritz das Geld hin und reichte ihm dte Quittung. FUtz war sprachlos.

»Ra,^nehmen Sie," sagte der Inspektor ungeduldig. „Wenn Sie sich beeilen, können Sie den Zug um 2 Uhr noch erreichen. Mein Wagen soll Sie hinMren."

Da brach Fritz los:

„Herr Inspektor, was ist denn geschehen, daß ich hier wie ein Verbrecher behandelt werde?!"

Der Inspektor zuckte mit den Schultern.

»Davon weiß ich nichts," entgegnete er. „Sie ha­ben den Wunsch ausgesprochen, Hambach zu tiedaf- sen, und der Herr Baron wird wohl seine Grunde haben, Ihrem Wunsche so rasch wie möglich zu will­fahren." p‘

„Aber gerade diese Gründe möchte ich wissen!"

»Wollen Sie sie wirllich wissen?" sprach Grupe und erhob sich und stand Fritz in drohender Halbing ge­genüber. »Nun, Herr Bom, ich bin nicht beauftragt, Ihnen diese Gründe mitzuteilen, ich kann Ihnen nur sagen, daß dem Herrn Baron Ihre liederliche Lebens­weise nicht znsagt. Ein junger Mann, der sich im Wirtshause mit anrüchigen Personen umhertreibt, Ha­sard mit Abenteurem spielt, und sich mit der ganzen sauberen Gesellschaft prügelt — ein solcher Mensch paßt nicht auf Schloß Hambach und paßt auch nicht

in ein ehrbares Jnspektorhaus. So — nun wissen Sie die Gründe, und damit basta. Hier ist Ihr Geld."

Er reichte Fritz das Geld, das dieser hastig zurück- srieß.

„Sind Sie verrückt geworden?" schrie der In­spektor.

„Fast möchte ich es annehmen," entgegnete Fritz mit vor Zorn und Erregung bebender Stimme. „Alles, was Sie da sagen und mir zum Vorwurf machen, sind heillose Lügen. Ich bin mir keiner Schuld bewußt."

Der Inspektor lachte kurz auf.

»Sie mögen ja an Ihrer Ausführung nichts Un­passendes finden," sagte er ironisch. „Andere Leute sind eben anderer Meinung. Oder wollen Sie leug­nen, daß Sie gestern Abend im „Weißen Roß" wa­rm?"

„Rein —"

„Oder daß dort Champagner geturnten und Ha­sard gespielt und schließlich geprügelt wurde?"

„Nein — aber —"

„Run, das genügt. Ich habe keine Lust, mich auf weitere Auseinandersetzungen einzulassen; seien Sie froh, daß die saubere Geschichte nicht der Behörde zu Ohren gekommen ist, und haben Sie sich nicht noch so großspurig. Hier ist Ihr Geld. .

„Ich brauche Ihr Geld nicht!"

„Wie Sie wollm. Aber dann muß ich Sie er­suchen, meine Kanzlei zu verlassen . . ."

„Herr!"

„Na, na, nur immer ruhig Blut, junger Mann", sagte der Inspektor und zog sich nach einer Ecke zurück, wo sein derber Knotenslock stand. „Sie sind ein ent­lassener Beamter und haben in meiner Kanzlei nichts mehr zu suchen. Alles andere machen Sie gefälligst mit dem Baron ab."

„Das werde ich auch!" rief Fritz und stürmte zur Tür hinaus. Der Inspektor sah ihn über den Hof geradenwegs auf das Schloß zugehen.

»Schade ists um den Burschen doch", murmelte er. „Ein jeder macht wohl einen dummen Streich — aber diese Wirtschaft im »Weißen Roß" konnte wirllich nicht so weiter Lehen."

Dann begab er sich in das Wohnzimmer, wo die Suppe schon auf dem Tische dampfte.

Fritz traf in der Vorhalle des Schlosses den Diener.

„Meldm Sie mich bei dem Herrn Baron," sagte er.

Der Dimer zuckte die Achseln.

„Bedauere, Herr Baron sind nicht daheim."

„Wo ist er?"

„Herr Baron sind heute früh fortgefahren und kom­men erst heute abend wieder."

„So melden Sie mich bei der Fran Baronin."

„Frau Baronin empfangt nicht."

„Melden Sie mich immerhin . ."

„Tut mir leid — ich darf nicht."

„Und das gnädige Fräulein?"

„Gnädiges Fräulein sind krank und haben ihr Zim­mer noch nicht verlassen "

Fritz sah das Nutzlose seiner Bemühungen ein. Der Diener fab ihn mit einem solch stechen, höhnischen Gesicht an, daß ihm die Schamröte in die Wangen sti-g.

Was stand er noch hier wie ein zudringlicher Bett­ler, der sich nicht abweisen lassen wollte?

Er drehte sich um und entfernte sich, ohne den Diener noch eines Wortes zu würdigen.

Als er die Treppe zu seinem Zimmer hinaufschritt, trat ihm zu seinem größten Erstaunen Stmiislaus Piokowskh entgegen, der eben aus Fritzens Zimmer kam, und mit einem Male ivar Fritz klar, von wem die clenben Verleumdungen ausgingen. Niemand an­ders als Prokowsky halte dem Baron von den Vorfäl­len des gestrigen Abends Mitteilung gemacht und sie in solcher Weise zu Fritzens Ungunsten entstellt!

War Prokowsky nicht noch in der Nacht mit dem Fremden zusammengetroffen?

Bebend vor Zorn fragte Fritz ihn: „Was haben Sie in meinem Zimmer zu suchen, Herr von Pro- kowskh?"

Dieser zeigte ein sehr vedegenes Wesen und wollte sich an Fritz Vorüberschleichen, indem er murmelte: „Entschuldigen Sie . . .' Doch Fritz hielt ihn zurück und nötigte ihn, wieder in seine Stube zu treten.

^Fortsetzung folgt.)