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üotationrdrncknnd Verlag der Knldaer Al. tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Rr. 9.
37. Jahrgang
Fulda, Samstag den 10. September 1910
Erstes Blatt
JV3 ‘207.
Eisenbahnministerium zu Berlin stattfinden. Der- trauensmänner der Lokomotivführer werden an diesen Beratungen teilnehmen. Die Zuziehung der Lokomotivführer zu den Besprechungen bei der höchsten Verwaltungsstelle beweist, wie die „Nordd. Allg. Ztg." hervorhebt, welche Bedeutung an diesen Stellen den Erfahrungen der im praktischen Führerdienst tätigen Beamten beigelegt wird. Schon vor kurzem war vom Eisenbahnminister angeordnet worden, daß zur Prüfung der Zweckmäßigkeit und Erkennbarkeit der Signale in jedem Jahre eine Signalschau vorzunehmen sei, zu der ebenfalls Lokomotivführer heran- gezogen werden.
)( Eine unerquickliche Kolonialafsaire? Berliner Blätter melden: Der neue Gouverneur von Kamerun wird gleich nach seiner Ankunft im Schutzgebiete einen unangenehmen Streik zu schlichten haben. Die Dualla richteten nach Berlin eine Eingabe, in der sie sich über einige Reichsbeamten in erster L'nie über zwei Assessoren beschwerten. Die Untersuchung muß ergeben, ob, dezw. wieweit die Beschwerde der Eingeborenen begründet ist. — Das klingt ja recht geheimnisvoll. Wenn derartige Andeutungen gemacht werden, dann fürchtet man immer das aller« schlimmste, denn die Erfahrungen, die wir in Punkto Skandal in unseren Kolonien gemacht haben, sind wahrhaftig nicht von Pappe.
+ Minister von Bodman und die christltch- nationale Arbeiterbewegung. Eine Konferenz christlich-nationaler Gewerkschaftsführer in Karlsruhe nahm am Dienstag folgende Resolution einstimmig an:
.Die heutige Konferenz der in Baden tätigen christlich-nationalen Gewerkschaftsführer drückt ihr großes Befremden über di« Worte des Herrn Munsters von Bodman aus, nach welchen „die Sozialdemokratie eine großartige Arbeiterbewegung zur Befreiung des vierten Standes" sein soll. Die christlich-nationalen Arbeiterführer halten diese Ansicht auf Grund praktischer Erfahrungen für sehr anfechtbar und für geeignet, der christlich-nationalen Arbeiterbewegung zu Gunsten der sozialdemokratischen größere Hindernifie in ihrer Ausbreitung in den Weg zu legen. Aus nationalen Gründen bedauern die christlich-nationalen Arbeiterführer das Ministerwort, hat doch die Stellungnahme der badischen und außerbadischen sozialdemokratischen Tagespreise anläßlich des Sedantages wiederum den Beweis erbracht, daß ihr und der hinter ihr stehen« den sozialdemokratischen Arbeiterbewegung jeglicheS deutsch-nationale Bewußtsein abgeht. Die vaterländisch und christlich gesinnte Arbeiterschaft wird von den versammelten Arbeiterführern ausgefordert, nach wie vor nicht in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung eine großartige Bewegung zu sehen, sondern treu und vertrauensvoll in den christlichen Gewerkschaften und den konfessionellen Arbeitervereinen zum Wohle ihres Standes, ihres Volkes und Vaterlandes mitzuarbeiten."
** Bethmarm Hollwegs Wahlparole.
Von besonderer Seite will die .Franks. Ztg/ Informationen erhalten haben über Angaben, die der Reichskanzler selbst über seine Parole für die kommenden Reichstagswahlen gemacht hat. Absicht des Reichskanzlers sei es, „alle positiv schaffenden Stände" unter dem Kampfruf: Unsere Schutzpolitik ist bedroht, zu sammeln. Unter „positiv schaffenden Ständen" wird die Landwirtschaft, Gewerbe und Handwerk, Industrie und auch wohl die Arbeiter verstanden. Der Reichskanzler hoffe augenscheinlich, daß diese Parole wie ein Sprengpulver besonders auf die nationalliberale Partei wirten werde. Sicher hoffe er, den Zusammenschluß der liberalen Parteien bei den Wahlen zu verhindern und die Nationalliberalen in den Kreis des „schwarzblauen" Blocks zu ziehen.
Erklärlicherweise ist die ,Frankf. Ztg." mit dieser Wahlparole sehr unzufrieden, sie meint, I großen Erfolg werde sie dem Reichskanzler nicht
An anderer Stelle erklärt das Blatt, daß es keinerlei Dementi seiner tatsächlichen Mitteilungen hinnehmen werde, da sie absolut zuverlässig seien. ~ .
4- Regierung und Fleischnot. Im preußischen Landwirtschaftsministerium ist dem ,Berl. Lok.-Anz/ aus seine Erkundigung, ob amtliche Maßnahmen zur Linderung der Fleischteuerung zu erwarten seien, folgende Antwort zuteil geworden:
Die Regierung verfolgt nach wie vor die Vorgänge auf dem deutschen Fleischmarkt auf das eingehendste. Sie ist zu der Ueberzeugung gelangt, daß man im gegenwärttgen Augenblick von einem Vieh- mangel nicht sprechen könne. Buch die von vielen Seiten behauptete Fleischteuerung sei nur eine ganz minimale, wie aus den Statistiken im Vergleich mit den entsprechenden Monaten des Vorjahres deutlich hervorgehe. Diese Steigerung erkläre sich aber aus der ganzen wirtschaftlichen Koniunttur, sie mache sich auf anderen Märkten, z. B. dem Kohlen-, Eisen- und Zinkhandel gleichfalls bemerkbar. Die ganze Wirtschaftshaltung und mit ihr die Löhne der Arbeiter haben eine Steigerung erfahren, und so sei es erklärlich, daß die allgemeine Teuerung sich auch aus den Fleisch- marü erstrecke.
Das wird große Entrüstung bei all dm entrüsteten Leuten erregen, die selbst nicht wissen, wie man der „Fleischnot" abhelfen kann, die ihnen übrigens für das Parteigeschäst und die Wahlen so hochwillkommen ist.
* Die Vorlage zur Reform der Einkommen- und Ergänzungssteuer ist im Finanzministerium ausgearbeitet, wird aber voraussichtlich dem Landtage in der bevorstehenden Tagung noch nicht zugehen. Die Vorlage wird die mit Rücksicht auf die Erhöhung der Beamtengehälter eingeführten Zuschläge in den Steuertarif einbeziehen und die Einführung der Deklarationspflicht für die Ergänzungssteuer enthalten.
♦ Die Sieuereinschützung in den Kreisen Eine Entscheidung darüber, ob in den Kreisen an Stelle der Landräte technische Beamte mit der Steuereinschätzung betraut werden sollen, ist noch nicht getroffen, doch gilt die Uebertragung des Einschätzungswerkes an besondere Beamte für wahrscheinlich, schon deshalb, weil den Landräten durch die geplante Verwaltungsresorm neue Funktionen übertragen werden und damit eine Entlastung auf der anderen Seite für unerläßlich gehalten wird. — Bei uns gibts eben keine Reform ohne Beamtenvermehrung!
* Die Rede des Prinzen Ludwig von Bayern erhält die liberalen Blätter andauernd in Aufregunc» Zuerst wurde geleugnet, daß der Prinz die ihm in den Mund gelegten Worte überhaupt gesprochen habe. Es sollte ein „Schwindet" der Zentrumspresse sein. Dann wurde unter völliger Verdrehung des Sachverhalts behauptet, der Prinz habe entschieden bestritten, daß et Andersgläubige verletzt und gekränkt habe, rote die Zentrumspreffe ihm unterstelle; er habe vielmehr nichts als ein persönliches Credo abgelegt. Jetzt muß zugegeben werden, daß die Zentrumspreffe die Wahrheit berichtet hat. Es scheint sich aber nach der.Germania' um zwei Ansprachen zu handeln. In einer ersten Rede äußerte sich der Prinz über die Marienverehrung öffentlich in Beantwortung einer Begrüßungsansprache des Bürgermeisters. Das Bekenntnis zum kathol. Glauben hat der Prinz später bei einem kleinen Festmahle im Kloster abgelegt, wo er auf einen Toast des Bischofs von Passau antwortete. Liberale Blätter quälen sich zwar krampfhaft ab, den Vorwurf des „Schwindels" gegen die Zentrumspresse aufrecht zu erhalten. Es würde nach dem Gesagten aber höchstens insofern von einem Versehen gesprochen iverden können, als es sich um die Zusammenlegung zweier Reden zu einer handelt. Der sachliche Inhalt wird aber dadurch nicht berührt.
* lieber Signaleinrichtungen der Preußisch-Hessischen Staatseifenbahnen werden demnächst Beratungen im ।
Deutsches Reich.
** Berlin, 9. Sept. 1910. Die Ho chsee- flotie hat am Freitag ihre großen Flotten- Übungen beendet. — Der Unterrichtsminister ist der Bitte des plattdeutschen Verbandes, den hundertjährigen Geburtstag Fritz Reuters in den Schulen zu feiern, insofern nachgekommen, als er angeordnet hat, daß am 7. November im Unterricht in angemessener Weise auf Fritz Reuter bezug genommen wird.
)( Zar und Kaiser. Die Gerüchte von einer Zusammenkunft des Kaisers mit dem Zaren in Friedberg wurden s. Zt. offiziös dementiert. Eine Zusammenkunft der berden Monarchen scheint aber doch bevorzustehen, allerdings nicht in Friedberg. In Berliner politischen Kreisen verlautet nämlich, daß nach beendeter Kur der Zarin eine Zusammen- kunft des Kaisers mit dem Zaren nicht ausgeschloffen sei und gegebenenfalls tn Homburg slatifinden werde. Uebrigens melden offiziöse russische Bläller, daß der Zar in seinem Telegramm an den Kaiser den Wunsch nach einer Zusammenkunft mit ihm ausgesprochen habe.
* Der Kaiser in Posen. Zu dem Bericht der ,Köln. Volksztg.' über di« Vorkommnifle während der Posener Kaisertage schreibt die ,Schles. Ztg/: „Der Bericht des rheinischen Zentrumsblattes ist, soweit er die Enteignungssrage betrifft, rein erfunden, im übrigen tendenziös aufgebaufcht." Die ,Köln. Vztg/ bemerkt dazu:
„Wir haben nichts dagegen, wenn sich die liberale Presse damit beruhigen will, müssen aber doch betonen, daß di« St«Ue, di« uns jene Mitteilungen gemacht hat, für uns an Zuständigkeit und Zuverlässigkeit nichts z» wünschen übrig läßt. Das weitere wird sich finden."
| | Zum Sozialistenkongretz in Kopenhagen.
Tie Tagung in Kopenhagen, wo sich die F^rer >er internationalen Sozialdemokratie s^lldichetn .egeben haben, verdient nach mancher Züchtung hin '""sei 'bcn internationalen Tagungen der Sozialdemokraten geht es wesentlich den deutschen Schimpfkonzerten. Der Deutsch st Ausländern gegenüber stets höflich und äUöorfommenb. Die deutschen Sozialdemokraten dursten m Kopenhagen nicht wagen, eine Sprache zu führen wie ste sie h er- zulande unter sich zu sprechen gewohnt sind. Vielleicht liegt cs mit daran, daß sie in Kopenhagen nicht besonders glänzend abschnitten.
Charakteristisch ist an der Kopenhagener Tagung zunächst, daß auch hier die Gegensätze zwischen den Revisionisten und den Revoluttonären mit aller Schärfe zum Ausdruck kamen. Der deutsche Delegierte L e d e b o u r konnte die Zeit bis zum Magdeburger Parteitage nicht abwarten, wo ja bekanntlich di« Abschlachtung der badischen Hofgänger und Budgetbewil- liger vorgenommen werden soll. Er war so „schwer geladen", daß er aus seinem Herzen keine Mördergrube machen konnte Und so zog er benn _gegen bi« Begünstiger bes Klaffenstaates ganz gehörig vom Leber. Allein er hatte wenig Glück. Wenn er etwa geglaubt hätte, bei den ausländischen „Genoffen" Anklang zu finden, sodaß diese mit vernichtenden Wortm di« deutschen Abtrünnigen von der Manschen Fahne verurteilen würben, so hatte er sich eben getäuscht. Schön wäre es ja gewesen, es wäre eine nicht unwichtige Vorarbeit für Magdeburg geleistet worben, wo bann Herr Ledebour als Retter ber deutschen Parteiehre hätte glänzen können. Das gernbe Gegenteil trat ein. Herr Lebebour würbe so grünblich abgeführt, baß bieser Vorstoß zu einer empfinblichen Schlappe ber Radikalen warb.
Der deutsche Heißsporn hatte sich nämlich auch zu einem Angriff gegen die englischen Genossen hinreißen lassen. Da aber kam er schon an. Der greife Seit Hardie, ber Führer des groß britannischen Proletariats erwiderte ihm mit Schlagfertigkeit. Höhnisch nahm er Bezug auf die Zustände im bratschen Prole- tariot und sagte Herrn Ledebour ziemlich unverblümt, baf; er alle Veranlassung hätte, vor ber eigenen Tür« ;n kehren. Dann aber führte er grundsätzlich die Be- icchtigung der Sozialdemokraten aus, jeweils für t a 8 Budget zu stimmen. Während di« badischen Genossen sich lediglich daraus beschränkt hatten, bi« ganze Frage in bas Gebiet ber Taktik hinüberzurücken und ihre Stellungnahme mit der Parteilage im Hei- matlcmde begründeten, jo sozusagen entschuldigten, ttat der englische Fübrer grundsätzlich mit fachlichen Gründen für den revisionistischen Standpunkt ein. Er erklärte, daß im staatlichen Budget so viele Punkt« enthalten seien, die für den sozialen Fortschritt von ber erheblichsten praktischen Bedeutung seien — so viele große Summen, die für das Wohl ber Arbeiterschaft von unermeßlichem Wert« seien, baß bi« Ablehnung des Budgets seitens ber Sozialdemokraten, die doch die ersten Förderer ber materiellen Interessen des Arbeiterstanbes sein wollten, einfach lächerlich wirken müßt«. Gegenüber solchen schwerwiegenden Gesichtspunkten müsse man die öde Prinzipienreiterei fahren lassen.
Halten die Delegierten die Ausführungen L«de- lours mit eisigem Schweigen angehört, so brach nach ocr Red« des Engländers ein tosender Beifall .'s, in dem mit Ausnahme der paar deutschen Radikalen alle einftimmten. Auf den Standpunkt Kair Hardies stellten sich mit ber gleichen Entschiedenheit der Franzose Jaures und sogar ber belgische Führer van ber Selbe, ber sonst zu ben allerschärfsten seiner Sippe gehört. Damit war Herr Lebebour abgetan.
Was diese Debatte zu Tage gefördert hat, ist bi« Erkenntnis, baß der Siegeszug des Revisionismus in der internationalen Sozialdemo
kratie ungehemmt seinen Fortgang nimmt. Die Radikalen werben immer mehr ins Hintertreffen gebrängt. Man kann halb nur noch von einer „Berliner Richtung" sprechen, bi« in ihrer Bebeutung für bas allg«. meine sozialbemokratische Parteileben immer mehr verblaßt. Unter biefen Umständen wird man auf den Verlauf b«3 Magdeburger Parteitages gespannt sein dürfen.
Von besmcherem Interesse war bann noch ein Antrag ber bckgischen Führer, im Falle des Ausbruchs eines europäischen Krieges ben Generalstreik als blinbe Marschroute für bi« internationale Sozialdemokratie vorzuschreiben, um dadurch die Kriegführung unmöglich zu machen. Klingt dieser Antrag, der übrigens wohlweislich nicht zu einem Beschluß erhoben wurde, auch ziemlich utopistisch, so kann man sich seine ungeheuren Gefahrm im Ernstfall« doch fei- nrswegs verhehlen. Es wirb bann auch von einem Telle ber Presse scharf bagegen polemisiert. Die „Post" forbert sogar eine amtliche Aeußerung zur Sache unb erflärt u. a.:
„Es ist einfach ein Akt der Notwehr, wenn der Staat solche Hochverräter beim Ausbruch eines Krieges ohne weiteres hinter Schloß und Riegel bringen läßt. Es müßten in Deutschland am ersten Tag« der Mobilmachung sämtlich« sozialdemokratischen Reichs- und Landtagsabgeordneten verhaftet, sämtlich« sozialdemo- kratischen Blätter unterbrüdr und alle sozialdemokratische Versammlungen verboten werden."
Wir meinen, in bem von ber „Post" angegebenen Moment bürste e8 zur Erreichung des Zweckes zu spät sein. Allein mit solchen Machtmitteln wirb auch wenig zu erreichen sein. Das beste ist, gegenüber solchen Vorstößen ruhig Blut zu behalten. Die Sozialbemo- krati« hat schon in Friedenszeiten mit ber Inszenierung unb Durchführung großer Rtesenstreiks ihre liebe Rot. Wie sollte sie int Kriegsfälle zu einer so straffen Einigkeit gelangen, tote st« zur Erreichung solcher Ziele nottoenbig wäre? Wir glauben schon aus bkfem Grunde nicht, daß ein solcher Antrag mit all seinen schweren Konsequenzen ernstlich werben kann.
Ilm Ehre und Recht.
jo] Roman von O. Elster.
„Haben Sie feine Furcht," sprach er finster, „ich werde Sie nicht betraten. Aber warnen will ich Sie, Fräulein Erika, denn Sie schenken Ihr Vertrauen, Ihr« Freundschaft, Ihre Liebe einem Unwürdigen".
„Meinen Sie Stanislaus . . .?"
„Ja, ihn meine ich, Fräulein Erika. Ich habe lange geschwiegen, well ich zu stolz war, zu sprechen, weil es ja doch mit unserer Freundichast aus war unb Sie boch nicht auf mich gehört hätten, aber jetzt kann ich nicht mehr schweigen, benn es wäre ein Unrecht, Sie nicht zu warnen, jetzt wo Sie einen Schritt getan haben, ber Ihre Ehre, Ihren guten Rus gefährdet . . ."
„Herr Born?! rief Erika entsetzt unb erzürnt.
„Ja — ober halten Sie cs für verträglich mit ber Ehre einer jungen Dame, wenn sie sich zu einem nächtlichen Stelldichein in ben Park schleicht?"
„Das hätte ich getan?!"
„Habe ich Sie nicht eben jetzt babei betroffen?"
»Ich habe Ihnen doch erklärt, aus welchem Grunde ich hierhergekommen bin."
„Wie kann ich daran glauben? Stanislaus Pro- kotosky schleicht ebenfalls draußen umher . . ."
„Herr Born," sagte jetzt aber Erika mit festem, ärgerlichem Tone, „Sie werden beleidigend. Wer gibt Ihnen bas Recht, so zu mir zu sprechen? Was berechtigt Sic, einen solchen häßlichen Verbucht gegen mich zu hegen. Ich ersuche Sie, mich augenblicklich zu verlassen ...
„Fräulein Erika . .?"
„Wenn Sie nicht wollen, baß ich in bas Haus zurückkehre.“
„Es ist wirklich nicht wahr, Fräulein Erika . .
„Ich antworte auf Ihre Fragen nicht mehr ..." ^Aber Sie lieben doch Herrn von Prokowsky?!" »Unb wenn ich's täte, was ginge es Sie an?"
- »Ja — freilich," sprach er bitter. „Mich geht es
ja nichts an — und ich habe Sie nur um Verzeihung zu bitten, mein gnädiges Fräulein, daß ich im Vertrauen auf unsere frühere Freundschaft es waglc, Sie warnen zu wollen."
„Die Erinnerung an unsere Freundschaft, Herr Born, wirb mir Ihre bösen Worte vergessen lassen. Doch nun ist's genug — gute Nacht, Herr Vorn, ich möchte ins Haus gehen — man könnte uns zusammen sehen," setzte sie mit leicht spöttischem Lächeln hinzu, „unb auf einen ähnlichen Gedanken kommen wie Sie vorhin."
„Unb bas wäre Ihnen natürlich sehr unangenehm?"
„Sagten Sie nicht selbst, daß es sich nicht mit bet Ehre einer jungen Dame vertrüge?"
»Ja, ja — Sie haben recht — so leben Sie benn toopl, Fräulein Erika — wir werden uns wohl nicht mehr Wiedersehen . .
„Was sagen Sie da? — Nicht mehr Wiedersehen? Sie kommen doch wieder, wenn Sie Ihre Hebung beendet haben?"
„Rein — ich gehe schon morgen — auf immer . . ."
„Fritz — Herr Born . .
„Ach Fräulein Erika, bas war ein Ton aus bet früheren glücklichen Zeit! Haben Sie Dank, tausend Dank dafür. Er beweist mir, daß ich doch noch nicht ganz von Ihnen vergessen bin.“
„Aber wer sagt Ihnen denn, baß ich Sie vergessen habe? Sie könnten boch immer mein guter Kamerad sein, aber Sie waren ja bie letzte Zeit so wunberlich unb wichen mir förmlich aus.“
„Konnte ich anbers, nadjbem ber Sin bete Ihr Freund geworden war?“
Plötzlich erfaßte Erika seine Hand unb mit allen Anzeichen ber Angst flüsterte sie:
„Bleiben Sie hier, Fritz . . .“
„Erika?!"
„Bleiben Sie — schützen Sie mich — ich fürchte mich. ..“
„Sie fürchten sich?“
„Ja — vor — ihm, bar bem Andern . . ."
Unb erschaubernb, wie unter bem Eindruck eines namenlosen Grauens, schlug sie bie Hände vor das Gesicht.
Ein tiefes Mitleid erfaßt« ihn.
„Wie soll ich Sie schützen, Erika?" fragte er traurig. „Das können nur Sie selbst . . . aber wenn Sie ihn lieben . . .?"
Mwehrend streckte sie die Hände aus. „Ich liebe ihn nicht — nein, nein —" flüsterte sie mit einer von Angst verschleierten Stimme, aber ichfürchte ihn, ich muß ihn fürchten, er hat mich verzaubert . . . wenn mich ansteht . . . wenn er spickt und mich babei ansieht, bann bin ich wehrlos ihm gegenüber, dann muß ich tun, was er befiehlt ... ah, es ist schrecklich . ."
„Um Gotteswillen, Erika, sind Sie krank! — Vertrauen Sie sich Ihren Eltern an . . ."
„Ich kann es nicht. Auch sie find in seiner Macht. Sie würden mir nicht glauben. — Bleiben Sie bei mir, Fritz! Ich flehe Sie an — nur Sie können mich schützen, wenn Sie wieder so gut, so freundlich wie ftüher zu mir sind, bann verfliegt der böse Zauber . .. bleiben Sie bei mit . . *
Wieder klammerte sie sich ängstlich an ihn an, unb er legte schützenb unb zärtlich ben Arm um ihre bebende Gestalt.
„Ich will bei dir bleiben, meine Erika,“ flüsterte er weich unb preßte sie sanft an sich.
Sie lehnte bas Haupt an seine Schulter unb weinte leise.
„Oh, bu bist gut, Fritz,“ flüsterte st«. „Ich habe bich lieb, wußtest bit es noch nicht? . . . Ich wußte es bislang selbst nicht, aber ich habe es erkannt, als der Andere mir von Liebe gesprochen; da erschrak ich unb ba wußte ich, baß ich nur bich allein lieb habe.“
Sie sah unter Tränen lächelnb zu ihm auf, unb ba fanben sich ihre Lippen zu einem innigen Kuß
„Ich bleibe bei bft, mein Sieb — bu sollst bich nicht mehr vor bem Andern fürchten. Ich werbe bich schützen, ich werbe ihm bie Heuchlermaske vorn Gesicht reißen ... ich werbe. . ."
In biesem Augenblick richtete sich der Hund, ber ruhig ba gelegen hatte, empor unb stieß ein broyenbcs Knurren aus, inbem ec nach bem buntlen Park zu witterte.
Aengstlich schmiegte sich Erika in Fritzens Arm. Doch bieser löste seine Arme, mit benen er sie umschlungen, unb sagte leise. „Geh' hinein, Erika — es ist jemanb im Park. . . man bars uns nicht zusammen sehen . . es ist vielleicht ber Andere ... geh, mein Lieb! Morgen sehen wir uns wieder.“
Noch ein flüchtiger Kuß, dann huschte sie davon.
„Schließe die Tür,“ flüsterte er ihr noch zu.
Da war sie brinnen unb machte bie Tür.zu, den Schlüssel im Schloß umdrehenb.
Es war Fritz, als wenn er aus einem hellerleuchteten Zimmer plötzlich in bie finstere Rächt versetzt wor- den sei. Der Monb hatte sich tiefer zum Horizont gesenkt, so baß er hinter ben hohen Parkbäumcn staub, deren Schatten nun ben Platz vor ber Veranda völlig verdunkelten.
Rur in der Ferne schirnmecke es durch die Zweige wie flüssiges Silber.
Aufatmend sttich sich Fritz über Augen und Stirn. Wie leicht unb froh war ihm plötzlich um bas Herz geworben. Mit welcher frohen Hoffnung sah er in die Zukunft, bie ihm durch das Dunkel der Gegenwart wie silbernes Mondlicht entgegenschimmecte.
Langsam ging er durch den dunklen Park. Seife flüsterten feine Lippen: „Erika — meine süße, liebe Erika . . .“
Da strich ein kühler Winbfloß durch das dunkle Gebüsch und «s Lang wie spöttisches Auflachen.
Fritz stutzt« unb sah sich um. Es war Ihm, als ob eine buntle Gestalt über ben Weg huschte unb in einem Nebenwege v-rschwand.
(Fortsetzung folgt.)