uldaerW Zeitung
Verantw. Debatten? '
Fulda, Donnerstag den 8. September 1910
37. Jahrgang
jx's 205
Verlag der LuILarr At- fienbnttferel in Lulda Zernsprechrr Ur. 9.
Anzeigen: Vie ein- spaüige Petitzeile oder deren Lau» 15 pfg. LellameodiepetUzeU« pfg-, bei wieder» holrmgenroirdeotspr.
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volkswittschastliches und Zoziales.
* „Schön, aber nicht für Arbeiter"". Ein Beispiel dafiir, was es mit den von sozialdemokratischer Seite so oft gepriesenen besseren Verhältnissen in anderen Staaten, namentlich im „freien A me r i k a", auf sich hat, zeigt ein „Rotschrei aus Amerika", der dem „Textilarbeiter" von einem Landsberger Textilarbeiter zuging, welcher sein Heil im Auslande gesucht hatte. In diesem Schreiben heißt es wörtlich folgendermaßen: In Amerika ist es wohl schön. Aber nicht für Arbeiter. Ich bin jetzt in einer Möbelfabrik beschäftigt, habe leichte Arbeit, aber der Lohn ist sehr gering. — Die Arbeiter find hier so dumm wie die Rächt. — Wir arbeiten von 7 Uhr morgens bis 6 Uhr abends. Hier steht es mit dem Verband schlecht. Ich war zweimal in einer Versammlung. In der ersten waren 20 Personen, in der zweiten etwa 30. Meine Frage, ob hier nicht mehr Mitglieder seien, wurde verneint und gesagt, jetzt seien fle noch stark. In einer Stadt von 35 000 Einwohnern! Die Verbandsbeiträge machen 45 Cents den Monat. Es gibt aber kein Reise- und Krankengeld, sowie keine Streikunterstützung. Unser Verbandsbüchel haben sie nicht anerkannt. Da möchte
beiter wie mit Rücksicht auf die schweren Schädigungen, die unterem ganzen Wirtschaftsleben aus dem zu erwartenden großen Kampfe erwachsen werden, daß es ;gt einer Einigung nicht gekommen ist. Auf der an- >eren Sette aber können wir nicht verschweigen, daß die Anmaßung der „freien" Gewerkschaften einen empfindlichen DewhettA wohl verdient. In der Zukunft würde eine Zurückweisung solcher frivoler Anmaßung sicherlich gute Früchte zeitigen können.
Monatrbeiiage: „gnlbaer Geschlchkblätter"
«scheint täglich mu Nurnahme der Sonn» und Seiertage. viertel» jährlich« vezngrpreir ohne vringerlohn und vesteLgeld in Zulda so» Wit au$o5rt$1.50®L
wochtudell-ge: „Illuftrittie Somtagrzelümg"
Ausland.
* Die belgische Ministerkrife ist beendet. Senator Berryer ist zum Minister des Innern und Abge- orbneter be Broguevile zum Verkehrsminister ernannt worben. , ,
♦ Auch Griechenland kaust Schiffe. Die drei aus der ersten Schlachtlinie ber italienischen Flotte ausscheibenden Panzer „Umberto", „Sicilia" und „Sardinien" sollen, wie ber,Berl. Lok.-Anz." zu berichten weiß, von Griechenland angekaust werden. i
♦ In der Antwort der Kretaschutzmüchte wiesen diese die Pforte auch darauf hin, daß bisher alles Mögliche zur Wahrung der Rechte der Türkei geschehen fei. Die Mächte versprachen dies auch für die Zukunft und gaben der Hoffnung Ausdruck, daß die Türkei die Aktion der Mächte nicht erschweren würde. Diese Erklärung wurde im türkischen Minister- rate am Dienstag beraten. Es verlautet, sie sei nicht für ganz befriedigend befunden worden. Die Pforte wird weitere Schritte unternehmen, um eine genauer gefaßte Antwort der Schutzmächte zu «langen.
* Zwischen türkischen Truppen und Drusen hat ein ernster Zusammenstoß stattgejunden. Zwanzig Drusen wurden getötet, die übrigen gefangen genommen. Die Truppen hatten acht Verwundete.
[] Dcr «am»! in »er Werstmdnftrie
IHn-ch Dw-, In dnn«« ggtawin;
getreten. T«ch diese Bentang ■. H< Ojgüng» recht unangenehm aberras cht w bm die Werstbesitzer auf Veranlassung nna lettMdm Persönlichkeit der Kieler Werst ihre Bere twüliskeit «klärt hatten, mit ber Arbeiterschaft in Emigungsver^ Handlungen einzutteten, bestand die begründete Erwar tung. daß ber Friede bald wieder hergestellt sein werde. Aber es kam anders. Die Führer des s o z i a l d e m o- k r a t i s ch e n Metallarbeiterverbandes lehnten die ' Teilnahme an der auf den 7. September angesetzten Konferenz ab, und zwar ohne Angabe irgendwelcher Gründe.
Was die wirklichen Gründe waren, ist nicht unschwer zu ernennen. Die Werften hatten das selbstverständliche Verlangen gestellt, daß an den Verhandlungen, die keine Angelegenheit des Metallarbettev- verbandes allein, sondern eine Angelegenheit der gesamten Arbeiterschaft geworden waren, alle Arbeiterorganisationen teilnehmen sollten, die auf den Schiffswerften vertreten sind, also außer den sozialdemokratischen auch die christlichen und die H i rs ch-D unckersch en Gewerkschaften, sowie die gelben Arbeitervereine. Dieses Verlangen hat die So- ! zialdemokratischen Führer bevogen, die Verhandlungen abzubrechen. Die Folge wird fein, daß der schwere Kampf weitergehen und voraussichtlich noch sausende anderer bis jetzt unbeteiligter Arbeiter auf die Straße werfen toirb.
Der Gesamtverband deutscher Metallindusttieller hat eine besondere Kommission mit der Verhandlung ber Werftangelegenheit betraut. Das Ergebnis ist nach ber „Stett. Ostseeztg." ber Vorschlag einer sukzessiven Aussperrung ber Arbeiter bet deutschen Metallbetriebe, es sollen bei dieser Maßnahme etwa 300 000 Metall- arbeitet in Frage kommen. Die sozialdemottatischen Führer laben eine schwere Verantwortung auf sich; indem sie das Entgegenkommen ber Werftbesitzer zutückgewlesen haben, haben sie diese bet Oefsent- lichkeit gegenüber ins Recht und sich selbst ins Unrecht gesetzt. D« Versuch, bie nichtsozialdemokratischen Arbeiterorganisationen von den Verhandlungen auszu- schließen, bedeutet nicht mir ein frivoles Spiel mit bat । Interessen der Arbeiter, sondern auch eine schroffe Feindseligkeit gegenüber den anderen Arbeiterorganisationen.
Neu ist dieses Verhalten zwar nicht. Bei jeder Gelegenheit versuchen bie „freien" (sozialdemokratischen) Gewerkschaften, bei Verhandlungen über bie Arbeitsbedingungen die anderen Organisationen auS- Mschließen, insbesondere bei Tarifverträgen, mit ber Wirkung, daß überhaupt nur noch die in "ben „freien" Gewerkschaften organisierten Arbeitet Arbettsgelegen- hett finden. Daß ein derartiges Verhalten mit der vielgerühmten Solidarität der Arbeiterklasse sich wenig verträgt, macht natürlich den Sozialdemokraten nichts <618, ihnen geht eben ihr Machtinteresse vor bie Interessen ber Arbeiterschaft.
Wenn die sozialdemokratischen Führer glauben, es durch ihre Weigerung erreichen zu können, daß bie Werftbesitzer mit bem sozialdemottatischen Metallarbei- tertierbanb allein verhandeln würden, so befinden sie sich anscheinend in einem schweren Irrtum. Die der Großindustrie nahestehende Presse fordert die rücksichtslose Durchführung des Kampfes und begründet dies damit, daß die vollständig unberechttgte Forderung klar und deutlich beweise, daß eS sich bei dem ganzen Stteit nicht um wirtschaftliche Fragen bet Arbeiter, sondern um eine sozialdemokrati- , sche Machtprobe handele.
Es scheint uns zweifellos, daß die Bewegung der Werftarbeiter ursprünglich diesen Charakter nicht gehabt hat, und wenn jetzt die sozialdemokratischen Führer eine Machtprobe veranstalten wollen, so ist eS eine Machtprobe nicht gegenüber den Werstbesitzern, sondern in erster Linie gegenüber den anderen Organisationen. Wir beklagen es im Interesse der Ar-
auszuschalten, vereinigen sich getrennte Parteien. Umso wichtiger sind für unS Männer, die unbeirrt und ohne nach oben ober unten zu blicken, mutig bei unserer Fahne ausharren. Möchten Sie, hochgeehrter Herr Kollege, un8 noch manches Jahr erhallen bleiben! Möge der allgütige Gott Ihren Lebensabend verlängern und mit seinem reichen Segen begleiten, das ist es, was wir heute im Verein mit Ihren Angehörigen von ihm erflehen."
*• Kein allgemeines Wahlbündnis gegen die Sozialdemokratie. Justizrat Bachem schreibt im „Tag"»:
„Schon bei den Wahlen von 1907 konnte nicht einmal für einen bestimmten Bereich eine Wahl- abmachung zwischen SRationalliberalen und Zentrumspartei zustande kommen; sie scheiterte an dem Widerstände der Kölner Jungliberalen. Um wie viel weniger heute, wo infolge des Schellern? der Blockpolitik die Gegensätze zwischen Liberalen und Zentrumspartei noch mehr verschärft erscheinen. Und nach der gtundsätz- lichen Seite. In den liberalen Parteien sind nacht wenige Persönlichkeiten, welche in wellanschauungs- jragen dem Zentrum nicht minder schroff gegenüber- stehen, als die Sozialdemokratie, und welche im Parlament diese Gegnerschaft in einer für das Zentrum empfindlicheren Weise zur Geltung bringen können als die Sozialdemokratie. Soll die Zentrumspartei solche Persönlichkeiten wahllos gegen sozialdemokratische Kandidaten durchsetzen helfen? Selbst innerhalb der konservativen Partei ist man nicht mehr überall geneigt, unter allen Umständen jedem liberalen Bewerber gegen den sozialdemottatischen positive Unterstützung zu gewähren. DaS ist das Ergebnis der innerpolitischen Lage, wie die Blockpolitik sie geschaffen hat. Man kann die Augen nicht davor schließen. Der Sah allerdings läßt sich vertreten, daß die Zentrumspartei wegen der tiefen grundsätzlichen Gegensätze zwischen Zenttumspartei und Sozialdemottatie nirgends für sozialdemokratische Kandidaten, welche mit Kandidaten der sogen, bürgerlichen Parteien im Kampfe stehen, positiv eintreten soll. Aber von da bis zu unbedingter Unterstützung jedweden „bürgerlichen" Kandidaten gegen den Sozialdemokraten ist noch weit. In manchen Fällen wird es bei der Entscheidung wohl mehr auf die Person als auf die Parteistellung ankommen. Das gilt nicht nur für die Zeillrumspartei, das wird wohl auch für manche Liberale gelten, welche zwischen einem Zentrumskandidaten und einem sozialdemokratischen Bewerber zu entscheiden haben."
A Sine Verschleppung ber Reichsverfichemng 1 Bei der große» Materie, die das Gebiet der Reichsversicherungsordnung umschließt, war es von vornherein klar, daß die Beratungen über diesen Gegenstand eine ungewöhnlich lange Zeit in Anspruch nehmen würden, man hat aber doch immer noch gehofft, daß das Gesetz noch in diefer Legislaturperiode unter Dach und Fach gebracht würde, da bisher ebt Drittel des Entwurfs bearbeitet ist, der zudem noch die schwierigsten und umstrittensten Teile, besonders die Krankenversicherungen enthält. Augenscheinlich will die Regierung aber aus bis jetzt wenig verständlichen Gründen die Weiterentwicklung der Beratungen bremsen, denn in einer anscheinend offiziösen Auslassung des,Berl. Lokal- Anzeiger' wird mitgeteilt, daß um die ersten Monate des nächsten Jahres, wo bei dem günstigen Fortgang der Verhältniffe der Entwurf an das Plenum zurückgelangen könnte, zunächst der Etat und das neue Militärgesetz verabschiedet werden müßten. Unter diesen Umständen sei an die Verabschiedung der Vorlage durch den jetzigen Reichstag kaum noch zu denken. Sollte cs wirklich so kommen, dann werden die Hoffnungen der Arbeiterschaft, die sich nun schon so 'ange nach einer endgültigen Regelung dieser Frage 'ehnt, bedenklich herabgeschraubt.
-f- Eine Dividende von 64 vom Hundert hat der AufsichtSrat der deutschen Kolonial- gese Usch ast sür Südwestasrika für das ab« gelaufene Geschäftsjahr beschlossen (gegen "25 v. H. sür 1908/09). Dabei wurde aber sestgestelll, daß die sür die letzten Monate vorliegenden Ausweise und Berichte über bte Diamantenaus- benle, den Eingang von Schürfgebühren usw.
einen wesentlichen Rückgang ausweifen, sodaß, wenn die fehlenden Monate des laufenden Geschäftsjahres nicht erheblich günstiger aussallen, mit einem geringeren Erträgnis gerechnet werden muß. Die Schätzungen bewegten sich letzthin zwischen 50 und 60 v. H., nachdem man vorher von 75 v. H. gesprochen hatte. — Nachdem Staatssekretär Dernburg der Gesellschaft unmittelbar vor feinem Abgänge einen so vorteilhaften Vertrag zugestanden hat, wird in Zukunft ihr Gewinn wohl eher größer als kleiner werden.
)( Religion ist Privatsache. Dieser von der Sozialdemottatie mit Nachdruck immer wieder betonte Programmpunkt wird grell illustriert durch folgende Meldung aus Leipzig:
In der'Landesversammlung der sächsischen Sozialdemokratie forderte der neugewählte Reichstagsabgeordnete frühere Pastor Göhre die nicht auf religiösem Boden stehenden Genossen zum Massenaustritt aus der Landeskirche nachdrücklichst auf.
Was sagt der.Vorwärts" dazu?
Deutsches Reich.
---- littet bas ptrfönlicht Verhallt» teS Kaistrs bei Gelegenheit der Feier ber Schloßeinweihung in Posen erfährt die ,Köln. Volks; tg." aus zuver- läsfiger Quelle folgende Einzelhetten:
„AIS am Abend deS 20. August gelegentlich eines Seteies, ben bas Kaiserpaar abhielt, der Wirkt. Geh. Oberregierungsrat Dr. Gram sch, der Präsident der Ansiedelungskommission, dem Kaiser vortrug, es mangele an Land, um weitere Kolonisten in der Provinz anzn- fiedeln, es müsse daher enteignet werden, brach der Kaiser sofort und auffälligerweise die Unterhaltung ab. Auch ist ber Kaiser nicht zur Besichtigung in die Eingemeindungsdörfer gefahren, wie vorgesehen war, sondern nur die Kaiserin am 22. August in ^Begleitung der Gräfin Brockdorf und der Frau des Dberpräftbenten v. Waldow. Der Weihbischof v. Litowski ist von der Kaiserin lange ins Gespräch gezogen worden, dann auch kurz vom Kaiser. Das Fehlen des Prälaten Jagdzewski beim Kaiserdiner ist darauf zurückzusühreu, daß er seine Karlsbader Kur auf ärztlichen Rat nicht unterbrechen durfte."
Die ,Tägl. Rundschau" bemertt dazu mit jammervoller Miene:
„Die Meldung hat leider viel Wahrscheinlichkeit für sich. Die mit großer Bestimmtheit auftretende Nachricht, daß das Enteignungsgesetz mit Rücksicht auf Oesterreich nicht angewandt werbe, wurde wiederholt dementiert, erhält sich aber mit ungeschwächter Sicherheit. Möglich wäre immerhin noch die Deutung, daß der Kaiser nur bei dem Posener Feste, das er als Landesvater wie eine Art Familienfest feiern wollte, nicht an die notwendigen scharfen Maßnahmen erinnert fein wollte. Immerhin wird der preußische Landtag genaue Rechenschaft fordern müssen, warum das Ent- eignungsgesetz mit so großem Kraftaufwand im Abgeordneten- und Herrenhaufe durchgesetzt wurde, um es nachher in der Schublade liegen zu lassen."
Wir verstehen ben Schmerz des rabiaten Haka« tistenblatteS, das anscheinend noch immer nicht ein- sehen will, daß das Enteignungsgesetz nicht nur eine hoffe Ungerechtigkeit, sondern auch eine große Dummheit war. Eigentlich ist es aber nicht schön, wenn das Blatt der Regierung zum Dank für die gehorsame Unterstützung der hakatistischen Pläne jetzt solche Schwierigkeiten bereiten will.
(*) Die Rebe bes Prinzen Lubwig von Bayern. Einige liberale Blätter bestreiten, daß Prinz Ludwig von Bayern die Rede in Altötting so gehalten habe, wie sie in der Prefle veröffentlicht worden ist. Insbesondere sein entschiedenes Bekenntnis zum kathvl. Glauben soll ein „frommer Schwindel der Zentrums- preffe" sein. Run ist aber der Wortlaut der Rede vom Prinzen Ludwig selbst als authentisch bezeichnet worben und er hat sich auch, wie den Münchener Neuesten Nachrichten" versichert wird, ausdrücklich mit der Wiedergabe feiner Altöttinger Red« einverstanden erklärt.
4- Ihre» Senior, be« Abq. ». Tttombeck, habe» ans Anlaß seines 80. Geburtstages bie Zentrumsfraktionen des Reichstages und des Abgeordnetenhauses eine Glückwunschadresse zu- gehen lassen, worin es heißt:,
„Durch Ihre gewiflenhastr Pflichttreue, Ihren un- beugsamen Rechtsfinu, Ihre treue Hingabe an die ge» meinsam vertretene Sache sind Sie uns stets ein Vorbild gewesen. Die Zetten find ernst. Mehr wie je wird di« Zenttumspartei angefeinbet, ihre Absichten werden verdächtigt, ihre Stellungnahme in jedem Einzelfalle mißdeutet. In dem Bestreben, fie von der Mttarbeit am politischen Leben des deutschen Volkes
Um Ehre und Recht.
13] Roman von O. Elster.
„Es ist schon recht," lalltt Langner, der schon halb betrunken >var. „Wir fürchten uns nicht vor einem solchen Lappen. Nicht wahr, Wietholz?"
„Stet," brummte dieser. „Wir haben's ja dazu . . .“ Und sie setzten ihre Namen auf das ominöse Papier und erhielten das Geld
Fritz hatte sich an dem Spiel, das jetzt einen immer wilderen Charakter annahm, »licht beteiligt; auch »em Glase hatte er nur mäßig zugesprochen, sodaß er einen klaren Kopf behalten hatte. Er wäre auch schon längst gegangen, wenn ihm nicht das Benehmen des Försters Rother und des Herrn Sommer ausgefallen wäre, die immer ungenierter Blicke wechselten und sich Zeichen, die von ben halbttunkenen Spielern nicht bemerkt wurden, zumachten.
Fritz glaubte deutlich wahrzunehinen, daß jene beiden in gcheimer Verbindung standen, um die jungen Landleute auszubeuten.
Er nahm Langner aus die Sette und fragte ihn, )b er auch gewiß fei, daß hier ehrliches Spiel getrieben werde.
Der junge Mann sah ihn mit seinen halbtrunkenen Augen stier an.
„Donnerwetter, Dom," lallte er, während ihm die Zornesröte in die Schläfen stieg, „Sie können recht haben. D« Kerl gewiimt ja fortwährend! Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Ich werde dem Kerl einmal auf die Finger passen.
Er. pflanzte sich breit vor den Bankhalter hin, die Ellbogen auf den Tisch gestützt und mit seinen stieren Augen dessen Spiel versolgend.
/ „Nun, Herr Langner," sagte dieser lächelnd, „Sie spielen nicht mehr?"
t „Der Teufel soll mich holen, wenn ich mit euch Gaunern noch wetterspiele!" rief Langner
w Herr Sommer machte ein crnfteS Gesicht und legte Me Karten auf den Tifch.
P-^Sßa8 soll das heißen, mein Herr?" fragte er.
„Daß Sie ein Spitzbube sind!" schrie der Trunkene.
Der Fremde erhob sich.
„Nach diesen beleidigenden Worten werden es mir die Herren wohl nicht übel nehmen, wenn ich nicht weiterfpiele. Ich habe bie Ehre ..."
Damit woltte er sich entfernen, aber Langner warf sich ihm entgegen.
„Zuerst gibst du mir meinen Wechsel wieder!" brüllte er, ber lebe Fassung und Ueberiegung verloren hatte.
Doch da stürzte sich der Förster Rother auf ihn.
„Sie find verrückt geworden, Langner! Was vet- fpiAt ist, ist verspielt! Zurück, oder ich schlage Sie zu Boden wie einen tollen Hund!"
Doch der Betrunkene ließ sich nicht abschrecken. Er griff ben Förster vor die Stuft, dieser gab Ihm einen FarMchlag ins Gesicht, die Anwesenden warfen sich zwischen beide, eS entstand eine Prügelei mit einem peulofen Lärm, daß der Wirt unb seine beiden Auf- wartet erschreckt hetbeieilten.
Man suchte Ruhe zu stiften — auch Fritz Born, ™ “ura? >?ü*e unvorsichtige Warnung den ganzen wüsten Austritt hervorgenlfen hatte, bemühte sich, bie Streitenden auseinanderzubringen, was denn auch nach einiger Mühe gelang.
Keuchend saß Langner in einem Winkel von zwei Freunden festgehalten.
„Laßt mich loS," stöhnte er. „Ich muß dem Schuft,dem Rother. den Schädel einschlagen. Was hat der Hallmcke in unserer Gesellschaft zu tun?"
„Sie tun wohl am besten, Herr Förster," flüsterte der Wirt diesem zu, „wenn Sie sich entfernen. Wenn der Gendarm den Lärm hört, bekommen wir alle Nn- annehmlichketten."
„Ich geh« schon," brummte ber Förster. „Aber bem Langner werb' ich 8 schon ein tränten."
Mit einet drohenden Handbewegung verließ er das Zimmer, in dem nun wieder einige Ruhe ein« trat, die dadurch noch gefördert wurde, daß Sangnct schwer mit bem Kopf auf den Tisch fiel unb in den tiefen Schlaf der Trunkenheit sank.
Die anderen berieten sich leise, wie man diesen un
angenehmen Vorfall vor der Oeffentllchkett geheimhalten könne.
Fritz hatte kein Interesse mehr an der Gesellschaft. Er bereute es, daß er sich hatte überreden lassen, an derselben teilzunehmen; aber er hatte sich ja keinen Vorwurf zu machen, er hatte nicht gespielt unb nicht getrunken, und den Stteit hatte er unschnldlgetweise und ohne daß er es wollte, hervorgerufen.
Er entfernte sich, indem er den anderen Herren versprach, über den Vorfall nicht zu sprechen.
Auch der fremde Herr Sommer hatte sich entfernt, als der Stteit in Tätlichkeiten überging.
Fritz ging langsam, in Nachdenken versunken, die Dorfstraße entlang. Er mußte unwillkürlich an die Warnung denken, welche ihm heute nachmittag Baron Hambach gesagt hatte, und er mußte dem Baron recht geben.
Wie hatte er sich mir soweit vergessen können, in dieser Gesellschaft seine Zerstreuung zu suchen? Wenn das Erika erfuhr, hatte sie da nicht recht, wenn sie Ihn verachtete?
Bel dem Gedanken an Ertta seufzte er tiss auf. Er liebte sie aus tiefftem Herzen — das wußte et jetzt —, aber war da8 die rechte Liebe gewesen, bie er bei Kartenspiel unb Wein zu vergessen suchte? Hätte er diese Liebe, auch wenn fie noch so hoffnungslos war, nicht wie ein Heiligtum hochhalten sollen, das feinem ganzen Leben eine weihevolle Würde verleihen mußte?
Wie konnte er in halbtrunkener Gesellschaft sitzen und an Erika denken?
Das war eine Versündigung, eine Entweihung seines Heiligtums!
Nienuüs sollte es wieder geschehen! Wenn er auch nie daran denken konnte, daß seine Siebe Gewährung fände, so wollte er sie doch still in seinem Herzen tragen und durch fein Leden beweisen, daß er dieser Liebe würdig war . . .
MU diesen Gedanken schritt er langsam di« von dem vollen Mondschein erleuchtete Sttaße entlang, als ihm plötzlich zwei bunfie Gestalten auffielen, die in einiger Entfernung vor ihm gingen.
An dem langschößlgen Rock und den im Nacken sitzenden Zylinderhut erkannte er Herrn Sommer. Wer aber mochte ber anbere fein, bet in einen langen Mantel gehüllt, nicht zu erlernten war. Doch die lange, fchmalschulttlge Gestalt, ber schlenkernde Gang unb die Bewegung der Arme — das kam ihm so betannt vor. Und mit einem Male kam ihm ber Gedanke, daß bet Begleiter Sommers wohl Stanislaus Pro- kowsky sein könnte.
Der Fremde hatte mit Ihm ja ein Geschäft vor. Aber weshalb kam dann Stanislaus mitten in der Nacht und wartete nicht bis zum anderen Tage?
Sollte das Geschäft etwa geheim bleiben? Hatte es das Licht des Tages zu scherten?
Fritz dachte daran, daß der Fremde den jungen Landwirten Geld gegen Wechsel geborgt, sollte Pro- kowsky ein ähnliches Geschäft mit ihm abzumachen haben?
Aber da wüte doch das Gasthaus zum „Weißen Roß" ein viel passenderer Platz gewesen als die Landstraße?
Doch was ging es schließlich Fritz art, welche Geschäfte Stanislaus mit diesem Herrn sommer abzumachen hatte. Et wollte nicht neugierig scheinen unb verlangsamte seine Schritte. Dennoch mußten die beiben seine Schritte schon gehört haben, sie tvanbten sich um und Fritz erfannte jetzt deutlich Stanislaus Prokowsky, der sich hafttg wieder abkehrte und den Fremden am Arm ergriff, um Ihn in einen durch Hecken unb Obstbäume beschatteten Weg zu ziehen.
Fritz bekümmette sich nicht weitet um die beiden und schritt rasch bem Hofe zu.
VIII.
Es war eine herrliche Sommernacht und Fritz schlug ben Weg über bie Wiesen ein, welche an den Schloßpack stießen, um bann durch diesen am Schlosse vorüber nach dem Hof zu gelangen. Er brauchte ja nicht zu fürchten, daß er noch jemanden von ber Familie des Barons in dem Park treffen würde, mat ö doch fast Mitternacht. .
tFortsetzung fol-1'