Erscheint tögllch m« Ausnahme der Sonn« «nd§esrrtage. viertel, flhrlicher vezugrpreir ohne vringerlohn und Lcstellgelü InZutda so- wie auswärts 1.50 Ml.
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für die Anzeigen: J. Uarzeller in Fulda.
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Sotationrdrnckund Verlag der Fuldaer At- Sendruckerei in Fulda Femsprecher Nr. 9.
j* 2 4. Erstes Blatt.
Fulda, Mittwoch den 7, September 1910.
37. Jahrqanfl.
Tas Echo der Rede des Prinzen Ludwig.
«u der Rede des Prinzen Ludwig von Bayern dimmt die Ireuzztg.', das Hauptorgan der protestantischen Konservativen, in sehr vernünftiger Weise Stellung. Das Blatt weist zunächst darauf ,m, daß die Rede bei einer besonderen katholisch» kirchlichen VeranstaUung gehalten worden ist, und daß Prinz Ludwig nicht die apodiktische Wen» düng gebraucht habe, welche die liberale Preffe ihm in den Mund legte, sondern vielmehr es als seine Ueberzeugung erklärt habe, daß die katholische Religion die einzig wahre und echte Religion sei. Dann sagt die,Kreuzztg." zu dem Kernpunkt der Frage:
„Die evangelische Ueberzeugung ist ebenso bestimmt die entgeaengesctztr. Aber wie wir Evangelischen die volle Wahrheit für unsere Lehre m Anspruch nehmen und nichts davon abhandeln lassen, ebensowenig können wir es einem überzeugten Katholiken verargen, wenn er der Lehre seiner Kirche gemäß jür sie die Unfehlbarkeit in Anspruch nimmt.“
Der letzte Hinweis auf das Unfehlbarkeitsdogma lst hier nicht ganz am Platze. Es handelt sich im vorliegenden Falle um die Ueberzeugung, daß die katholische Kirche die eine, heilige, allgemeine Kirche ist, die Christus gestiftet und durch seine Apostel für alle Welt und für alle Zeiten hat begründen lassen. In der Sache selbst trifft die „Kreuzztg.“ den Nagel auf den Kopf: Jeder ehrliche Christ hat die Ueder» zeugung, daß er sich in der Lehre und der HeilS- erdnung befinde, die der Erlöser der Welt gebracht i at, und es steht ihm frei, diese Ueberzeugung zu be- stunen. Wie die Katholiken es dem Kaiser nicht o-cargen, wenn er z. B. bei einer Wittenberger Feier seinekonfesstonelleUeberzeugung alsEvangelischer bekundet, so können folgerichtig denkende und gerecht urteilende Protestanten einem katholischen Prinzen nicht übel nehmen, wenn er bei einer Kirchenfeier in einem altberühmten Wallfahrtsorte sein Glaubensbekenntnis ablegt.
Mit Recht sagt die „Kreuzztg." weiter, daß die fragliche Aeußerung nur Anstoß erregen könne bei jenen Skeptikern und Indifferenten, die mtt Pilatus fragen: Was ist Wahrheit? und denen deshalb jede laute Bekundung einer religiösen Ueberzeugung ein Greuel ist. Allerdings; darum wird der heftigste Widerspruch gegen die Prinzenrede gerade dort laut, wo auch der christlich-religiöse Grundzug der jüngsten Kaiserreden so unliebsam empfunden wurde.
Wir müsfett aber die Bemerkung deS konservativen Blattes noch dahin ergänzen, daß zu den Skeptikern und Indifferenten sich auch noch gewisse Elemente gesellen, die unablässig und also auch bei dieser Gelegenheit die Hetzerei gegen den Katholizismus tetreiben. Die .Deutsch-Evangelische Korrespondenz“ und die Tagespreffe, die im Geiste des Evangel. Bundes arbeitet, wollen durchaus die protestantische Empfindlichkeit gegen den Prinzen Ludwig aufreizen und dem nicht» katholischen Bevölkerungsteil ein „überaus bitteres Gefühl' suggerieren. Auch der .Reichsbote' steckt so tief in der Abneigung gegen alles Katholische, daß er sich nicht zu der Stellung der .Kreuz» zeitung“ anfzuschwingen vermag, sondern das Gerede der ihm sonst so verhaßten liberalen Preffe wiederholt.
Die .Münchener Zeitung', die nichts weniger tls katholikensreundlich ist, stellt fest, daß Prinz Ludwig aus dem Stegreif für die Rede des Bürgermeisters dankte und daß keinerlei schriftliche Aufzeichnungen über die Worte des Prinzen vorliegen. Man kann und muß, so meint das Blatt, annehmen, daß der Prinz seiner innersten religiösen Ueberzeugung in der vom »Münchener Tageblatt' wiedergegebenen Weise Ausdruck gegeben hat, ohne daß dabei auch nur irgendwelche Worte gefallen ! sind, die nach irgendeiner Seite verletzend wirken
konnten. Das hält aber die liberale Hetzpreffe Münchens nicht ab, kräftig zu Hetzen. Sie betont, wie tief verletzend die überhebende Lobpreisung des Katholizismus als der allein wahren und echten Religion in der protestantischen Bevölkerung wirken müsse, die ein starkes Drittel der Staatsbürger u«i> nicht der schlechtesten Anhänger des Hauses Wittelsbach ausmache. Besonders fällt es atif, wie der Prinz die protestantische Vergangenheit des Hauses Wittelsbach ebenso ignorieren konnte, wie die Tatsache, daß alle bayerischen Königinnen protestantisch waren, wenn er erklärte: .Ich danke Gott, daß ich von katholischen Eltern abstamme und in der katholischen Religion erzogen worden bin.“
Wir sehen also auch hier wieder, wie schwer «s den Protestanten wird, den Katholiken die volle Gleichberechtigung im öffentlichen Leben zuzustehen und überall der einfachen Parole zu folgen: Was uns recht ist, das soll euch billig sein. Der Evangelische Bund hat durch seine raffinierte Agitation bis weit in die konservativen Kreise hinein die Gemüter verwirrt. Um so schätzbarer ist freilich daS entschloffene Zeugnis der ,Kreuzztg/, und im allgemeinen bleibt ja die Regel bestehen, daß wir Katholiken mit den positiven, gläubigen Evangelischen eher zur Verständigung und zu einem friedlichen Verhältnis gelangen können, als mit bett .Aufgeklärten“, denen der Glaube an die Offenbarung und die Erlösung halb oder ganz fehlt.
Deutscher Reich.
*♦ Berlin, 6. Sept. 1910. Der Kaiser ist von Stolp zur Jagd nach Pröckelwitz in Ostpreußen gefahren, wo er als Gast des Grafen Dohna weilt.
△ Sin Oberpräsident über die Zeitungsredakteme. Bei dem Festmahl anläßlich der Anwesenheit Kaiser Wilhelms in Stolp fühlte sich der Oberpräsident der Provinz Pommern, Frhr. v. Maltzahn in einem Trinkspruch auf das Kaiserpaar berufen, der Preffe einen Hieb zu versehen. Nachdem der Oberpräsident des herzlichen Empfangs, der dem Kaiser bereitet wurde, gedacht hatte, fuhr er, wie die -Ostsee-Ztg/ meldet fort:
„Wenn mm in den letzten Tagen das Gros unserer deutsch en Zeitungen, die gerade jetzt während der Ferien in der Mehrzahl von jungen Leuten redigiert werden, die noch nicht einmal hinter den Ohren trocken sind, sich herausnimmt, unserem Herrn den Mund zu »erbieten, so weiß ich, daß in diesem Kreise derartige Worte keinen Widerhall finden. Wir wolle» uns freuen, daß unser Allerhöchster Herr nicht nur Schematismus im lonstitutionellen Königtum ist, sondern eine Persönlichkeit, die nirgends zurückhält, sondern in ihrer Art hervor tritt und sie wie ein Mann vertritt.“
Aehnliche Worte von „den jungen Leuten rc.“ sind ja auch schon an anderer Stelle gefallen. Alan braucht sie nicht tragisch zu nehmen. Es ist ja bekannt, daß man sich gelegentlich in Preußen- Deutschland die Uuterstützung der Preffe recht wohl gefallen läßt. Selbst der höfisch-offiziöse .Berliner Lokal-Anzeiger' kann nicht umhin, zu bemerken, diese Rede hab« einen „argen Mißton" in die Festesstimmung gebracht.
4- Der Zmtrumsabg. von Strombett feiert an diesem MUtwoch seinen 80. Geburtstag in voller Rüstigkeit und geistiger Frische. Geheimer Justtz- rat von Strombeck gehört dem Abgeordnetenhause fett 28 Jahren, dem Reichstage seit 26 Jahren an, und zwar als Vertreter des überwiegend katholischen Eichsseldes (Kreise Heiligenstadt und Worbis). Das besotrdere Arbeitsgebiet des verdienten Abgeordneten waren juristische uird budgetrechtliche Fragen. Um seinen Heimatwohlkreis hat er sich große Verdienst« erworben. Bei seinen Fraktionsgenoffen erfreut sich der Jubilar großer Beliebtheit, wovon im vergangenen Jahre die Feier seiner 25jährigen Zugehöiigkeit zur Reichstagssrattion beredte Kunde gab. Möge er
noch viele Jahre die Früchte seines arbeitsreichen Lebens genießen können!
Q Reichstagsabgeordneter Glowahki vom Zentrum, der den Wahlkreis Groß - Strehlitz vertritt, wird nicht wieder kandidieren. Das Wahlkreiskomitee hat für ihn den Pfarrer Ganczarski aus Groß- Strehlitz in Aussicht genommen, der bei den Polen in dem Rufe eines „schneidigen Deutschen“ steht.
a. Eisenbahnminister Breitenbach soll .amtsmüde“ sein. In der Preffe wird an die Tatsache, daß der Minister am Sonntag mit dem Oberpräsidenten von Schlesien von Günther zum Gast des Kaisers bei der Frühstückstafel gewesen ist, allerlei geheimnisvolles Getuschel geknüpft. In einer Zeit, wo alle Welt noch voll ist von Erregung über die Plötzlichkeit der letzten Ministerstürze, kann man an einer solchen Meldung nicht achtlos vorübergehen.
[] Winke zur Sparsamkeit gibt Freiherr von Zedlitz, der freikonservative Führer, der seine Sommerferien anscheinend beendet hat, dem neuen preußischen Finanzminister in der .Post'. Was er da sagt, ist geeignet, eine lebhafte Diskussion Hervorzurusen:
„Vornehmlich, wenn auch keineswegs allein, ist die laxere Beurteilung der Bedürsnisfrage in Bezug auf Dienstgebäud e und in Bezug auf die Zahl der Beamten hervorgetreten. Man iit in den letzten Jahren viel leichter und häufiger zu Neubauten geschritten und hat diese öfter viel luxuriöser ausgeführt, als dies früher zu geschehen pflegte. Dies gilt namentlich von den Dienstwohnungen für höhere Beamte. Dienstwohnungen sind mehrfach über das dienstliche Bedürfnis hinaus lediglich aus Repräsentationsrücksichten eingerichtet und zuweilen so geräumig Her- gestellt worden, daß sie für den Wohnungsinhaber zur Last werden. Das Heer der Beamten wächst von Jahr zu Jahr in der bedenklichsten Weise, vor allem im Bureaudienst . . . Das starke Anschwellen des Beamten- herres ist aber nicht nur staats- und volkswirtschaftlich vom Nebel, sondern die stete Befriedigung btf bezüglichen Forderungen bildet auch das schwerste Hindernis für die zeitgemäße Reform des Staatsdienstbetriebes.“
Im wesentlichen sagt Frhr. v. Zedlitz hiermit nur, was von anderer Seite wiederholt deutlicher gesagt worden ist. Es wird sich nur fragen, was die einzelnen Verwaltungsressorts dazu sagen werden. Helfen wird es wohl iticht viel; denn letzten Endes haben alle Refforts ja die Heeres- und Marine- Verwaltung vor sich; muß es nicht für einen Verwalter eines Kulturressorts direkt peinlich se'n, mit geringem Beamtenapparat hohe Aufgaben zu er» lütten, während für Heer und Marine das Geld direkt ungezählt für Zwecke ausgegeben wird, die man nicht als Kulturzwecke ansehen kann?
* Handwerker- und Neichsversicherungs- ordnung. Bei der in Darmstadt abgehaltenen Vorstandssihung des Verbandes Deutscher Gewerbevereine und Handwerkervereinigungen wurde einstimmig folgende Resolution gefaßt:
Die Hauptversammlung des Verbandes Deutscher Gewerbevereine und Haiidwerksvereinigungen ersucht die Vorstandschaft, sofort an geeigneter Stelle dahin zu wirken, daß in der Reichsversicherungsordnung die Kranken- und Jnvalidenverstcherungs- pflicht der selbständigen Gewerbetreibenden mit einem Jahreseinkommen dis zu 3000 Mark gesetzlich ausgesprochen wird. Für den Fall, daß der Anschluß der selbständigen Geiverbetreibenden an die Reichsver- flcherungsordmmg nicht ermöglicht werden sollte, find gleichzeitig Schritte zu tun, um ihre zwangsweise Einbeziehung in die in Aussicht stehende Pensiousversiche- rung der Priorlbeamten zu erreichen.
4- Zur Fleischteueruug. Der Hausabund ver- ansiattete am Montag, wie die „Deutsche Fteischer- zeitung" meldet, eine informatorische Konferenz über die Ursachen der Fleischteuerung, zu der die Obermeister der Fleischerinnuugen Groß-Berlins eingeladen waren. Man war, wie berichtet wird, im allgemeinen der Ansicht, daß nur eine Oesfnung öer Grenzen und Herabsetzung der Zölle steltge, mäßige Preise gewährleiste. Zu der gleichen Zeit haben in Hamburg achtzehn sozialdemokratische Ver
sammlungen sich mit der Fleischteuerung befaßt und gegen die Zollpolitik der Regierung Stellung genommen. — Wenn die Herrschaften doch nur sich überlegen wollten, ob ihre Ratschläge überhaupt einen günstigen Erfolg haben können. Bis jetzt ist nur das Gegenteil nachgewiesen. Die Feststellung des freisinnigen Abg. Dr. Nau man n in der „Hilfe", daß die Fleschnot mit unseren „Agrariern“ gar nichts zu tun hat, daß überhaupt die erlaubte Ein» suhr längst nicht die obere Grenze erreicht hat, wird von der liberalen und sozialdemokratischen Presst seltsamerweise völlig ignoriert.
— Der pluiokratijchr Charakter des Dreiklaffenwahlrechts erscheint nicht nur in Esten, sondern auch tn Berlin in grellster Beleuchtung. In Schmargendorf bei Berlin „wählen“ in der 1. Wähler klaffe nur das dort gelegene Berliner städtische Gaswerk sowie eine Grund stücksspekulationsgesellschafk. Die beiden haben einen Kaufmann Sally Fischer „gewählt“.
O Der liberale Bauernbund auf dem „Siegeszuge". Am Sonntag fand in Kulmsee eine Versammlung des Bauernbundes statt, zu der etwa 30 Kulmseer Bürger und rund 20 Landwirte erschienen waren. Heber die Versammlung veröffentlicht die in Thorn erscheinende „Presse“ einen Bericht, aus dem hervorgeht, daß der Verlaus jämmerlich gewesen sei. Das genannte Blatt faßt den Eindruck der Versammlung dahin zusammen: „Verhüte der Himmel, daß die Führung der Landwirte jemals solchen Leuten anvertraut werde, wie den Rednern in Kulmsee! Das Ende wäre der Sumpf der Aera Caprivi.“
# Karlsruhe, 6. Sept. 1910. In einer sehr zahlreich besuchten Versammlung der Vertrauensleute und Mitglieder der k o n s e r v a t i v e n P a r t e i des Be- zickes Karlsruhe, welche vergangenen Sonntag in Linkenheim statffand, wurde nach einem Vortrage des konservativen Gmeralsekretärs Schmidt-Heidelberg nachfolgende Entschließung einstimmig angenommen: „Wir Vertrauensmänner und Mitglieder der konservativen Partei des Bezirkes Karlsruhe sprechen unser aus der Tiefe des Herzens kommendes Bedauern dar» über aus, daß der Großh. Minister des Innern Herr Frhr. v. B o d m a n n in der Sitzung der Ersten Kant- mer der badischen Landstände vom 13. Juli die bekannte Aeußerung von der Sozialdemokratie als einet „großartigen Arbeiterbewegung zur Befreiung des vierten Standes“ und von dem nötigen „Entgegenkommen“ getan und daß diese bis zur heutigen Stunde noch keinerlei Einschränkung von Regierungsseite erfahren hat. Durch diese Aeußerung wird tatsächlich unser Volk in weiten Kreisen über den ivahren Charakter der Sozialdemokratie, insbesondere über ihre Eigenschaft als einer durchaus demokratisch-revolutionären Partei getäuscht und so den Zusammenschluß aller Ordnungsparteien zum Kampfe gegen die Ilmsturzbestrebungen der Sozialdemokratie, zu welchem unser in Gott ruhender Gcoßherzog so oft und so bringend aufgefordert hat, verhindert. Es ist eine verhängnisvolle Verkennung der Bestrebungen und Ziele der Sozialdemokratie, wenn die Regierung mit der Möglichkeit einer Versöhnung dieser staatsumwalzenden Partei mit der Monarchie rechnet. Weiter ist es unbegreiflich, wie ein Minister von einer nötigen „Befreiung" des Arbeiterstandes durch die Sozialdemokratie reden kann, liegen doch umgekehrt die Verhältnisse so, daß große Kreise der Arbeitgeber, der mittleren und kleinen Gewerbetreibenden, des Klein- kaufmannsstandes und der nicht sozialdemokratisch gerichteten Arbeiterschaft (christlich-nationale Arbeiterbewegung) unter den Bedrückungen und dem oft brutalen gewalttätigen Terrorismus der Sozialdemokrat!« zu leiden haben. Richt versöhnender Ausgleich, sondern rücksichtslos« Diktatur des Proletariats im Wirtschafts- und Staatsleben stehl auf der Fahne der Sozialdemokratie. Alles, was auf dem Wege sozialer Gesetzgebung, wie sie erstmals durch die soziale Botschaft Kaiser Wilhelms I. ein geleitet, er-
Um Ehre und Recht.
12] Roman von O. Elster.
Durch den Einttitt der neuen Gäste loutbe diese Beschäftigung unterbrochen. Wietholz bestellte den Champagner, ein kaltes Abendessen wurde auch aufge- tragen — der Fremde wollte sich entfernen.
„Bleiben Sie nur, sagte der gemütliche Wietholz. „Ich möchte Ihre Kartenkunststücke auch gerne sehen.“ Ter Fremde dankte für die Einladung und setzte sich wieder; der Zufall fügte es, daß et neben Fritz Platz fand.
~ „Wir kennen uns ja schon,“ sagte er lächelnd.
Wir haben uns wenigstens schon gesehen,“ entgegnete Fritz ein wenig kühl. „Herrn von Prokowsky scheinen Sie ja näber zu kennen.“
Der Fremde lächelte.
r „O nein," sagte er. „Ich kenne den Herrn nut flüchtig.“
„Haben Sie ihn schon gesehen?“
„Ja “
„Und das Geschäft gemacht?“
,, „Ich hoffe es“, entgeanete der Fremde, und ein grinsendes Lächeln verzerrte sein Raubvogckgesicht.
VII.
(Das „Weiße Roß“ war ein großes ländliches ^Wirtshaus, in dem die meisten größeren Vergnügungen Richt nur des Dorfes, in dessen Mitte es lag, abgehal- sten wurden, sondern auch der näheren und weiteren i^egend. Selbst die erfte Gesellschaft der Ritterguts- ;W+er' Domänenpächter und was sich sonst noch dazu ö.' x ^hrte in dem großen, guterhaltenm Gast- öe'. °as einen schattigen Garten für den Sommer geräumigen Saal für Tanzvergnügungen im bff-ß. Im Sommer mürben Picknicks, im ^stol^^Ecnpartien nach hem „Weißen Roß“ vcr- in ber Mitte bcs großen Dorfes am rw-i-r Straßen gelegen, so recht den fist die Umgegend bildete.
feafhnW >'" „Weißen Roß" bei dem behäbigen jwastw Martin und seiner fleißigen, eine vorzügliche
Küche führenden Frau sehr gut aufgehoben. Sein Bier war stets frisch, seine Weine vorzüglich, er führte sogar mehrere Marken Champagner, und seine Küche war weit und breit berühmt. Man logierte sehr be- haglich in den altmodisch, ausgestattrten Zimmern, die reinlicher waren, als die Zimmer in manchen städtischen Hotcks; und so übernachteten auch sehr oft die Reisenden dort, welche aus irgendeinem geschäftlichen Grunde sich in der Umgegend aufhalten mußten.
So konnte cs auch nicht auffallen, daß der ftemde Herr, der so prächtige Kartenkunststücke machen konnte, im „Weißen Roß" logierte; er stellte sich als Kaufmann Sommer aus Berlin vor, der geschäftlich in Hambach und Umgegend zu tun hatte. Im Laufe des Abends bot er den jungen Herren auch einige Pretiosen — Ringe und Uhtkettcn — an und üerlaufte auch ö" ungewöhnlich billigen Preisen, wie et jelbft behauptete, da er diese Pretiosen selbst billig m einer Auktion erstanden hatte.
—.i; war das Wesen des Mannes unange
nehm, er hielt sich von ihm fern, aber die anderen jungen Leute waten nicht so flrupulös, sie fanden Herrn sommer mit fernen Kartenkunststücken und billigen Pretiosen sehr amüsant, zumal er auch die herrlichsten, nicht nnmer ganz auftandigen Witze und Anekdoten erzählen konnte.
Als dann der Champagner mehr und mehr seine Wirkung tat, rückte man näher zusammen und die Satten wurden hervorgeholt, und bald war ein kleines niedliches Jeu im Gange, an dem sich auch Herr Sommer in vorsichtiger Weise beteiligte.
Bald nahm jedoch das Spiel einen größeren Umfang an; namentlich seit der Förster Rother gekommen war und fich an dem Spiel beteiligte.
Rother gehörte eigentlich nicht in die Gesellschaft der reichen Gutsbesitzer- und Pächtersöhne hinein. Er war in niederer Stellung bei seiner Etzellenz dem Grafen von Hennersdorf, aber er war über seinen Stand gebildet, da er das Gymnasium und die Forst- akademie besucht hatte. Das Examen zum höheren Forstdienst hatte er nicht bestanden, mar eine Zeit lang recht verbummelt, bis er dann bk Stelle des Försters bei dem Grasen Hennersdorf erhielt. Ec war jetzt
ein Mann von etwa 40 Jahren mit einem schlauen Fuchsgestcht, aus dem die große Nase in bläulich-roter Färbung hervorragte. Er erfreute sich keines guten Rufes, er war ein Trinker und Spieler, aber er verstand es, Ordnung in seinem Revier zu halten, das, hoch im Gebirge liegend, früher der Schauplatz zahlreiche! Wilbdieberejen und Holzdiebstähle gewesen war. Mit schonungsloser Härte ging er. gegen die letzteren vor, und seit er zwei Wilddiebe, die er aus frischet Tat ertappte, über den Haufen geschossen und mehrere andere in das Gefängnis gebracht hatte, hör- ten diese Unregelmäßigkeiten in seinem Revier auf, weshalb Graf Hennersdorf über die schlechten Eigenschaften seines Forsters hinwegsah.
Rother schic« von vornherein großes Gefallen an Herrn Sommer zu finden. Er ließ sich mit ihm in ein längeres Gespräch ein, dann spielten sie zusammen Karten und Rother ermunterte und reizte Herrn Sommer zu immer größeren Sätzen.
Schließlich hatte Herr Sommer gegen Rother, der die Bank hielt, eine ziemlich bedeutende Summer verlöten. Rother legte dir Karten weg.
„Wer hält jetzt die Bank, nieine Herren?“ fragte er. 'Ich gebe sie gern ab. . /
Es war Fritz, ber sich an dem Spiel nicht beteiligt hatte, als wenn de: Förster mit Herrn Sommer einen raschen Blick eines geheimen Einverständnisses tauschte.
„Wenn es den Herren recht ist, werde ich die Bank nehmen,“ sagte Sommer. „Ich habe gegen Herrn Röchet eine große Summe verloren nnd möchte mich etwas rangieren.“
„Ja, nehmen Sie nur die Bank,“ hieß es ovn allen Seiten, da man dem fremden Herrn, der mit solch leichtem Ausland eine bedeutende Summe "oerlocen hatte, entgegcnkommen wollte.
„Ich danke Ihnen,“ entgegnete dieser. „Aber wir müssen ein neues Spiel Karten haben, so erforbert es die Spielregel. Herr Rother, würden Sie die Gute habe», ein neues Spiel von dem Wirte zu holen?“
JSetn“, sagte dieser und erhob fich, wobei er und der Fremde wieder einen raschen Blick wechselten.
Nach kurzer Zeit erschien der Förster wieder und warf ein neues Spiel Karten auf den Tisch.
TaS Spiel begann von neuem. Zuerst mit wech- scnldem Glück; bald gewann der Banchalter, bald die Spieler Da machte der Bankhalter plötzlich einige große Schläge, welche der Forstet verlor.
„Donnerwetter!“ rief dieser. „Da wollen wir doch einmal sehen, ab wir die Bank nicht sprengen können I“
Er setzte hoch und gewann und gewann wieder und wieder. Nun gerieten auch die anderen in Eifer. Die zehn von Wietholz verlorenen Flaschen Champagner waren längst ausgetrunken, Herr Sommer hatte neue bestellt und der Wein hatte die Kopse der jungen Leute erhitzt. Immer höher wurde baS Spiel, nicht mehr mit Talern würbe gesetzt, fonbem mit Goldstücken unb Zwanzigmarkscheinen. Ja, dieser und jener setzte schon mit Hundertmarkscheinen.
Aber hatte der Bankhalter früher verloren, so schien sich das Glück jetzt gewendet zu haben. Er gewann Schlag auf Schlag, ber Förster hatte seinen früheren Gewinn bereits roieber verloren, er trank und fluchte, spielte aber nicht mehr mit, sondern animierte nur die andern und wußte schließlich diese in einen Taumel der Leidenschaft hineinzusehen, daß sie jede Selbstbeherrschung unb Berechnung verloren.
Langner unb Wietholz hatten bereits alles bar» Gelb verloren, sie ersuchten Herrn Sommer um ein Darlehen.
„Ich würbe es gern tun, meine Herren,“ sagte dieser mit fteunblichem Lächeln, „aber wir kennen uns ja gar nicht. Wenn Sie mir Ihre Unterschrift unter einen Wechsel geben wollten, dann steht Ihnen so viel zur Verfügung, wie Ihnen beliebt.“
Die leichtsinnigen jungen Leute erklärten sich dazu bereit. Sommer holte iuS feinet Brieftasche einige Wechselformulare hewor.
„Wenn Sie nur unterschreiben wollen,“ sagte er mit liebenswürdiger Miene. „Die Summe können wir ja vorläufig offen lassen — man weiß nicht, wie das Spiel endet, entweder gewinnen Sie das Geld zurück, bann zerreißen wir bte Formulare, ober — Sie gebrauchen noch mehr Geld. wie eben jetzt.“ i'F. f)