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M 201.

Samstag den 5. September <9(0.

57. Jahrgang.

* fuldaer W Zeitung *

2. Blatt.

Druck und Verlag der znldaer Scttendrnckere) in Znlda.

wochen-Run-schau.

[:] Fulda, 2. September 1910.

Di- innere Politik ist nunmehr endgültig aus der hochsommerlichen Ruhe hinaus geschleudert worden. Der Kaiser hat bei seiner Reise in den Nordosten Preußens mehrere Reden gehalten, unter denen die an den Adel der Provinz Ostpreußen allgemeines Aufsehen erregt hat durch die schache Betonung des Gottesgnadentums der preußischen Monarchie und der entschlossenen Hervorhebung des kaiserlichen Willens, sich bei seinem Tun und Lasten nicht von Tagesmei­nungen beeinflussen zu lasten. Trotz des lauten Widerspruchs, mit dem die sozialdemokratische und liberale Presse gegen diese Auslastung des Kaisers angeht, steht es fest, daß der Kaiser damit nur sem Recht betont hat. Der Reichskanzler hat in einer Auslassung der .Nordd. Allg. Zig." die Auffassung abgewehrt, als handele es sich bei dieser Kundgebung des Kaisers um einen Negierungsakt; es sei ein »rein persönliches Bekenntnis des Kaisers". Damit be­kundet der Kanzler, daß er selbst Bedenken über diese Rede hegt. Tatsächlich sind denn auch vor der Presse, die dem kaiserlichen Gedanken nicht ablehnend gegen-- übersteht, ernste Bedenken darüber geäußert worden, ob eine solche Auslassung des Kaisers gerade in den gegenwärtigen erregten Zeiten wünschenswert wäre. Die Sozialdemokratie ist jedenfalls schon jetzt überaus eifrig bei der Arbeit, diese Kaiserrede gegen die Mo­narchie überhaupt auszuschlachten.

Jn Däiiemark kam in die seit Jahren nur noch durch Skandale und sozialistische Errungenschaften hervorgetreteiie Politik in dieser Woche reges Leben. Die „Rote Internationale" beehrt „das nordische Pa­ris" mit ihrem Besuche. Die Verhandlungen „dieses Weltparlaments der Arbeit" vor drei Jahren in Stutt­gart waren interessant; damals galt es den Austrag überragender Gegensätze. Diesesmal aber verläuft alles in seichtesten Aussprachen und Tiraden. Es fehlt eben eine große überragende Sache, die die Ge­müter erregen könnte. Es war eben wieder einmal der Termin eines solchen Kongresses herangenaht, und da mußte man eben eine Tagesordnung zusammen- , suchen, so wie sie sich bot. Sozialpolitik interessiert da nicht weiter; die Genossen haben ja doch für das, was in ihrer Heimat auf diesem Gebiete geleistet wor­den ist, nur Spott und Hohn. Die Deutschen hielten es ja nach einer Ankündigung des „Vorwärts" für ihre Aufgabe, dec Welt zu zeigen, daß die beutsche Sozialpolitik nicht den Ruf verdiene, den sie im Aus­lande genießt. Die großen Geister der Partei fehlten in Kopenhagen. Bebel und Singer waren krank. So konnte Herr van der Velde, der Brüsseler Millionär und Rechtsanwalt, dort als Führer mit einer amüsaic- ien vielbelachten Nachahmung des Bebelschen Auftre­tens — viel Heiterkeit erwecken.

Das Zarenpaar von R u ß l a n d hat sein Land ver­lassen und ist nach Deutschland, nach Friedberg in Hessen, übgereift, wo es am Dienstag abend eingetrof- :en ist. Die Sicherheitsvorkehrungen dort sind so um- assend und streng, daß man dort im ftiedlichen Hef­en, wo der „rote Großherzog" herrscht, einen sehr gründlichen Begriff von dem Kulturunterschied zwi­schen Deutschland und Rußland bekommen hat.

In Portugal haben die Neuwahlen für das Parlament stattgefunden. Das neue Ministerium hat den Mut gehabt, von jeder Wahlbeeinflussung, wie sie sich in Portugal seit Menschengedenken üblich macht, Abstand zu nehmen. Die Folge war sehr betrüblich. Die Regierung hat zwar eine absolute Majorität, aber die republikanischen und oppositionellen Parteien sind so stark angewachsen, daß man lebhafteste Befürchtungen für die Weiterentwicklung der verworrenen Zustände Portugals hegt. Die Regierung weiß sich anscheinend nicht bester gegenüber den inneren Schwierigkeiten zu helfen, als durch die Anzettelung eines Kulturkam­pfes nach spanischem Muster. So verkündet die deutsche liberale Presse, die bekanntlich in kulturkämpferischer Gewiffenlostgkeit die Presse aller Länder, auch der romanischen, weit hinter sich läßt, es sei zwischen der Regienlng und den vorandringenden Republikanern ein Abkommen getroffen worden, wonach „ausländische Orden", — gemeint sind natürlich solche, deren Be­gründung in anderen Ländern erfolgt ist, auch wenn

chre Angehörigen durchweg portugiesischer Abstam- nmng sind — aus Portugal ausgewiesen werden sol- len. Das kann ja nett werden. Es bedeutet ja doch nichts anderes als eine Verbeugung der Regierung vor dem schmutzigsten Mob.

Belgiens Hauptstadt Brüffel sieht augenblick. lich die „interparlamentarische Friedenskonferenz" in seinen Mauern. Diese Veranstaltung, die bereits älte- ren Datums ist, hat bisher keinerlei irgendwie beach­tenswerten Einfluß auf den Gang der öffentlichen Dinge auszuüben vermocht. Sie wird das auch die­sesmal nicht tun.

In der Haupfftadt von A rg e n t i n i e n, Buenos Aires, hat in den letzten Wochen der „panamerikanische Kongreß" stattgefunden. Dieser Kongreß hat die Auf­gabe, den Vereinigten Staaten die Möglichkeit zu ge­ben, ihr beherrschendes Uebergewicht auf dein ameri­kanischen Kontinente den kleinen und machtlosen Staa­ten klar zu machen. Roch während des Kongresses ha­ben die Vereinigten Staaten ja gezeigt, daß sie zwar gern mit den anderen „Mächten" verhandeln, aber un­ter allen Umständen ihren Willen durchsetzen. Sie ha­ben soeben den Führer der Revolutton in Nicaragua, Asttada, als Präsidenten in die Haupfftadt Managua einziehen lassen, während Dr. Madriz, der feit einiger Zeit sich ehrlich Mühe um die Beruhigung des Landes gab, vertrieben wurde. Das alles geschieht lediglich, weil der Estrada einer Hand voll amerikanischer Groß- kapitalisten bei der Ausbeutung des Landes mehr freie Hand geben will, als Madriz es mit seiner Auffassung von dem Wohl des Landes vereinbaren konnte. Die Vereinigten Staaten steckten sich in dem Kampf hin­ter den Estrada, untefftützten diesen alten, gewinnsüch­tigen Haudegen mit großem Kapital und ihrem ge­samten Einflüsse und fiihrten ihn zum Siege nattirlich nicht zur Bemhigung und noch weniger zum Segen des Landes.

P e r s i e n hat die Ruhe noch immer nicht wieder­kehren sehen. Durch die Ueberlassung eines größeren Einflusses an die wilden Bachtiarm, die durch ihr Vordringen seinerzeit der Regiemng erst die Nieder­werfung des reaktionären Regiments des Zaren er­möglichten, hat man ein gefährliches, weil absolut ur­teilsloses Element in die Verwaltung Hineingenom- men, das dem Kem der Regierung, der sich in seiner bisherigen Arbeit als durchaus besonnen und arbeits­fähig erwiesen hat, viel Schwierigkeiten macht. Jetzt hat der Führer der Bachtiaren sein Amt als Höchst- konnnandierender dieser unruhigen Scharm niederge­legt, weil die Soldangebote der Regierung seinen Sol­daten nicht genügte. Anscheinend präsentieren diese wilden Söldnerscharm der Regiemng jetzt die Rech­nung für ihre Mithilfe. Sie Baben ja die Macht in Händen.

* Die Ursache» der wachsenden Unfattasien in der Landwirtschaft.

Die foriwahrmde Steigerung der Beiträge zu den Nnfallberufsgenossmschaften bildet feit langem bereits eine sündige Klage unserer Landwirte. Jüngst teilte noch ein Pächter in der „Zeitschrift der schlesischen Landtvirffchastskammer" mit, daß der Beitrag auf sei­ner Pachtung mit 6 Mk. begonnen habe, um bis zum Jahre 1909 allmählich auf 608 Mk. anzuwachsen. An­gesichts solcher drückenden Lasten mag es angezeigt sein, zunächst einmal den Ursachen dieser Beitragssteigemng nachzugehen.

In Betracht kommt in erster Linie die natürliche Steigerung, welche auf dem Umlageverfahren beruht. Bekanntlich wird bei den Berufsgenoffenschaften der jeweilige Ausgabebetrag des verflossmm Jahres auf die Genossenschaftsmitglieder umgelegt und erst am Schluffe des Rechnungsjahres eingezogen; eine Kapi­talisierung der laufenden Rentenverpflichtungen findet nicht statt. Die Zahlungsverpflichtungen sind fortlau­fende, sodaß durch biefeiben hauptsächlich die Zukunft bdaftet wird. Infolgedessen muß die Summe der Rentenzahlungen vonJahr zu Jahr fteigen, da in jedem Jahre neue Rentenempfänger zu den bisherigen hinzu­kommen. Diese Zunahme wird so lange dauern, bis der Zeitpuntt eintritt, in welchem der Zugang an neuen Renten (durch Tod ober Heilung) ausgewogen wird. Dmm erst wird der sogenannte Beharmngszustand er­

reicht sei«. — Ein weiterer Hauptgrund der wachsen­den Unsallastm liegt darin, daß das Unfallverstche- mngsgesetz in immer weiteren Steifen bekannt gewor­den^ ist Für dieses Bekanntwerden sorgt schon die u,nehmende Volksblldung und Aufklämng sowie das Beispiel der sichtlich wachsenden Zcchl der Rentenbe­zieher Infolgedessen werden immer mehr Unplle jeglicher Art zwecks Erreichung einer Entschädigung 2 Anzeige gebracht. — Auch die auf dem Lande herrschend/Arbeitsnot ist für das Steigen der Unfall­lasten mit verantwortlich zu machen. Denn einmal feblt es an der genügenden Zahl der zu den land­wirtschaftlichen Verrichtungen notwendigen Arbeiter, und dann läßt auch dir Qualität des Arbeltermate- rials heute viel zu wünschen übrig. Die alten erfahre­nen Landarbeiter vermindern sich von Jahr zu ^ahr; die iungem Kräfte, und zwar gerade die tüchtigsten, »erben vielfach von der Jndnsttie vorweggenommen. Auf bem Lande bleiben daher in vielen Fällen nur diejenigen zurück, die aus irgendeinem Mangel in der Jnbustrienicht so recht mit vorwärts kommen können. Anderseits wachsen indes die Anforderungen an die Arbeiter immer mehr mit der zunehmenden Zahl und der Kompliziertheit der landwirtschaftlichen Maschinen, die nur von fälligen Arbeitern ohne Gefahr bedient

werden können. ...

Eine fernere Ursache für die Steigerung der Un­fälle und damit auch der Beitrage zur Berussgenoffen- schast liegt in der durch verschiedene Gesetzesnovellen, insbesondere durch die Novelle von 1900, herbeige­führten Erweiterung der Versicherung und Erhöhung der Entschädigung. Von wesentlichem Einfluß hier­auf sind auch die von den Negierungspräsidenten festge­setzten durchschnittlichen Jahresbeiträge, die in Anbe- ttacht der Lohnsteigerungen wiederholt erhöht worden sind. Schließlich hat auch noch der Reichstag durch das Reichsgesetz vom 15. Juli 1909 betreffend die Aenderung im Finanzwesen den Berufsgenossenschaf- ten seit dem vorigen Jahr eine besondere Last aufge- bürdet. Vorher hatte nämlich die Reichspostverwaltung die seitens der Berufsgenoffenschaften zu zahlenben .Entschädigungen vorschußweise zu entrichten, und diese Genossenschaften brauchten diese Vorschüsse erst im fol­genden Jahre zu begleichen. Die Reichspost wird zwar mach wie vor die Entschädigungen auszahlen, die Be- rufsgenossenschaften müssen aber künftig die erforderli­chen Beträge der Post selbst vorschießen. Die Verufs- genossmschaften haben also jetzt im Voraus einen so­genannten Postbetriebsfonds zu zahlen, und da sie dies nur können, indem sic die Einnahme der letzten Um­lage dazu benutzten, hat das genannte Gesetz die Zah­lung der Entschädigungsbeiträge, welche die Post für sie Im Jahre 1909 verauslagt hatte, hinausgeschoben, jedoch mit der Verpflichtung zur Verzinsung und Amortisation. Diese Zinsen und Tilgungsarien wer­den die Berufsgenoffenschaften ebenfalls auf lange Jahre hinaus merklich belasten.

Nachdem wir so die verschiedenen Ursachen der wachsenden Beiträge zu den landwirtschaftlichen Un- fallberufsgenoffenfchasten; angesühtt haben, wird es Aufgabe eines fernem Artikels sein, auf Mittel und Wege zu sinnen, wie dem starken Steigen der Unfall­lasten einigermaßen Einhalt geboten werden kann.

Deutsches Keich.

* Der Kaiser gegen den Schacher mit aus­ländischen Orden. Die Erlaubnis zur Anlegung nichtpreußischer Orden muß bei jeder Verleihung bei dem König von Preußen nachgesucht werden. In den letzten Jahren sind nun auffallend viele Dekorationen an Personen verliehen worden, bei denen von irgendwelchen Verdiensten um den Staat, der die Auszeichnung verlieh, nicht die Rede sein konnte. Da'fernerhin festgestellt wurde, daß es namentlich in Berlin eine ganze Anzahl von Agenten gibt, welche die Verschaffung vor ausländischen Orden gegen Zahlung verhältnismäßig ganz geringer Summen gewerbs- mäßig betreiben, hat der Kaffer, wie der „Bert. Börsen-Courflr" meldet, angeordnet, daß, ab­gesehen von der Makellosigkeit des Nachsuchenden,

dieser eine Urkunde des Berliner Bevollmächtigten jenes Staats beizubringen hat, in welcher die besonderen Gründe angegeben sein müssen, welche für die Verleihung der Dekoration bestimmend waren. Von deren Nachprüfung erst wird dis Erlaubnis zur Anlegung abhängig gemacht.

(♦) Graf Hoenbroech als Landrat. Der frühere Jesuit Hoensbroech erzählt in bem 2. Band seines Werkes „14 I a h r e I e s u i t", baß er nach seinem Ausscheiben aus bem Jesuitenorben gehofft habe, im preußischen Staatsbienste Wieder Anstellung zu finden. Er war vor seinem Eintritt in den Orden königlich preußischer Referendar gewesen und glaubte nun An­spruch darauf zu haben, als Laudrat angestellt zu wer­den. Graf Finkenstein-Madlitz begab sich im Sommer 1894 zum Reichskanzler Grafen Caprivi, um die Wie­deranstellung womöglich zu erwirken. Caprivi Jcö aber dem Grafen geantwortet haben: „Was wurde der hl, Vater in Rom und das Zentrum sagen, wenn wir den Grafen Hoensbroech im Staatsdienste t-e» schäftigten?" Im Februar 1895 erhielt der Graf bann, wie er in ausführlicher Breite erzählt, eine Einladung zu einem kleinen Hofballe, Bei dieser Gelegenheit soll sich der Kaiser mit ihm längere Zeit unterhalten und ihn unter anderem gefragt haben, was er nun anzufangen gedenke. Daraus habe der Graf ihm die Aeußerung Caprivis mitgeteitt. Der Kaiser soll er­regt gesagt haben: „Was, das hat Caprivi Ihnen gesagt? Nun, mein lieber Graf, bann versichere ich Ihnen, baß ich von jetzt an Ihre Angelegenheit in meine Finger nehmen werbe." Graf Hoensbroech erhielt bann noch nach langen Mühen eine Privat­audienz, nach der Herr v. Lucanus ihm mitteilte, es sei unmöglich geworben, ihn irgenbtoie als Landrat anzustellen; es stehe aber nichts im Wege, daß er in Frankfurt a. O. als Referendar wieder in den Staats­dienst trete. Bald darauf hat, wie sich Hoensbroech ausdrückt, ein „Eingeweihter" ihm erzählt, bas Zen­trum habe bem Kriegsminister erklärt, falls er eine Staatsstellung erhalte, werbe es geschloffen gegen bie Marinevorlage stimmen. Als ber Minister das dem Kaiser berichtet habe, sei das Wort gefallen: „Wenn die Sache so steht, so lasse ich den Mann fallen." Mit Recht bemerkt hierzu die „Deutsche Tageszei­tung":

„Es widersteht uns eigentlich, diesen Klatsch — um etwas anderes handelt es sich in der Hauptsache nicht — wiederzugeben. Da man aber erwarten muß, daß er in der Presse breit erörtert werden wird, können wir nicht daran vorbeigehen. Was Gras Caprivi dem Grafen Finkenstein gesagt hat, wird sich jetzt kaum noch feststellen lasten. Ebensowenig wird erwiesen iverden können, ob die Aeußerung des „Eingeweihten" begründet ist. Die ganze Sache ist also überaus dunkel; es"lag nicht im Interesse des Grafen v. Hoensbroech, daß er sie wieder auswärmte. Uebrigens können wir nicht verhehlen, daß es ein ziemlich unverfrorenes Ver­langen des Herrn Grafen war, nach kurzer Referendar- zeit und nach 1t jähriger Zugehörigkeit zu einem reli­giösen Orden sofort als Laudrat angestellt zu werden. Wenn ihm anheimgestellt wurde, als Resendar wieder in den Staatsdienst zu treten, so war das lediglich korrekt"

* Grenzregulierung. In Berlin haben Verhand­lungen zwischen Belgien, Deutschland und England zur Regelung der Einzelheiten für bie neuen Grenzen Deutschlands, Belgiens und Englands in der Seengegend in Ostafrika ftattgefunben. Nach viertägiger Sitzung im Reichskolonialamte wurde — wie die „Köln. Ztg." zu melden Weiß — ein an allen Punkten befriedigendes Einvernehmen hergestellt.

— Antimilitärisches Treiben bei Sozialdemokratie. Dem Würzburger sozialbemokratischen Blatte unb bem Gewerkschaftsblatt „Der Tabakarbeiter" lag dieser Tage ein schamloses Flugblatt der sozialdemokrati­schen Jugendvereine bei; in diesem heißt es u. a.:

„Die Krönung der Klassenstaatserziehung aber bildet bekanntlich die Militärzeit. Hier wird dem jungen Arbeiter der Rest feiner Menschenwürde und jeglichen proletarischen Ehrgefühls ausgetrieben, und wenn er so weit ist, daß er auf Vater und Mutte« schießt, dann hat das System, das in der Volksschule begonnen wurde, triumphiert, die Kluft zwischen Ar­beitereltern und Arbeiterjugend ist unüberbrückbar ge­worden. Genossinnen und Genossen! Wollt ihr diesem Zerstörungswerk tatenlos zusehen? Könnt ihr es et« tragen, rote man Euren Kindern die Liebe zu Euch,

Unpolitische Zeitkäufe.

(N.) Berlin, 1. September 1910.

(Nachdruck verboten.)

Trink keinen Choleraschnaps, well er nichts nützt, nnb hab' keine Choleraangst, weil biefe Seuche gar nicht ba ist. Auch in Berlin nicht. Es soll ja in dem benachbarten Spandau ein Fall vorgekommen sein aber er hat keine Nachfolger gehabt. Das ist ein kla­rer Beweis dafür, daß bei uns der Krankheitskeim noch keinen Nährbodm gefunden hat. Es war offen­bar ein Cholerabazillus, den russische Auswanderer bei uns zurückgelassen hatten, zufällig in einen schwäch­lichen Unglücksmagen geraten. Zur weiteren Fort­pflanzung unb Ausbreitung hat diesem verlorenen Ba­zillus die Kraft gefehlt. Was die Gesundheitspolizei sonst noch an „verdächtigen" Erkrankten zusammenge­bracht hat, waren Leute mit einer ganz gewöhnlichen Magenverderbnis. In solchen Zeiten darf man sich ;einen kräftigen Brechdurchfall nicht gestatten, sonst wird iinan in bie Isolierbaracke geschleppt unb bie Ange­hörigen werben zu Hausarrest mit strenger polizeilicher ^Bewachung verurteilt, — was freilich nicht schlimm, ober boch lästig ist. Es ist aber gut, daß bie Behörde in jedem zweifelhaften Fall rasch unb fest eingreift. Denn auf biefe Weise wird durchschlagend sestgestellt, daß keine Cholera vorliegt. Wenn man ohne bakterio­logische Untersuchung die Leute in ihren Eingeweide- Krankheiten zu Hause daliegen oder gar sterben liefe, so Würbe sich bald das Gerücht auftun: In der unb ber Straße ist bie Cholera ausgebrochen. Unb bann könnte sich leicht wieberholen, was uns eine alte Fabel berichtet: Der Cholerateufel hatte bie Erlaubnis er­halten, unter ben Einwohnern eines Ortes taufenb Stück bahinzuraffen. Es starben nun aber in bem Orte drei Taufenb. Ms ber Cholerateufel zur Rechen­schaft gezogen würbe, sagte er: Ich habe Wittlich nur 1000 getötet, bie andern 2000 finb ans Angst vor bei Cholera gestorben.

Heutzutage hat für besonnene Leute bie Cholera keinen Schrecken mehr. Wer nicht ganz jung ist, er­innert sich noch ber Seuche in Hamburg im Jahre 1892. Die war sehr schlimm, weil Hamburg dazumal jeine ganz miserable Wasserleitung hatte. In bas Elb- lwaff« war Unrat von Kranken gekommen, unb biefe»

verfluchte Elbwaffer würbe ohne gehörige Reinigung in bie Häuser geführt. Wer bieses Wasser in unge­kochtem Zustande genoß, mußte natürlich krank werbm, wenn er nicht einen besonders kräftigen Magensaft und gesunde Eingeweide hatte. Die Seuche blieb ab« auf Hamburg beschränkt. Daraus ersah man, daß sie an bie schlechten Wasflrverhältnisse gebunden war. Run hat Hamburg inzwischen seine rückständige Was­serleitung tierbefifert. Auch in den anderen Städten bestehen jetzt so schlechte Einrichtungen nicht mehr. Berlin z. B., bas bamals auch noch sein Mass« aus den Spree- unb Havelflen schöpfte, ist inzwischen zum liSrunbroafi’er übergegangen, b. h. es pumpt sein Lei­tungswasser aus Tiefbrunnen, sobaß auch für ben Fall ein« Flußverfluchung bie Krankheitskeime nicht m bas Rohrnetz gelangen würben. Solange aber das Küchen-, Wasch- und Trinkwasser vom Cholerabazillus sreibleibt, gibt es keine Epidemie. Daher brauchen wir keine Choleraangst zu haben und brauchen auch keine vorbeugenden Heilmittel einzunehmen. Das ein­zige, was anzuraten wäre, ist eine solide, vernünftige Lebensweise. _ Man soll im Essen und Trinken vor- stchtlg und mäßig sein. Wer sich den Magen verdirbt, der kann auch ohne Cholerabazillus schw« krank wer- den und sogar dem Tode verfallen. Die Mabmmg zur Laubetteit und Mäßigkeit ist besonbers jetzt am Platze, m bet Jahreszeit des neuen Obstes unb ber nachsommettlchen Gährungswärme.

Das Choleragerebe braucht uns also die Sebcm- stimmung nicht zu trüben. Wer im Jahre 1870 ben Einbruck ber Siegesnachrichten von Sedan mitcrlebt hat, wirb jetzt nach Ablauf von »ier Jahrzehnten gern seine Erinnerungen auffrischen, unb bie jüngeren Jahrgänge werben aus ben Schilderungen ber Zeit­genossen genug gelernt haben, um zu begreifen unb mitzufühlen, wie damals aus ganz Teuffchlanb ein herzinniges Gott sei Dank zum Himmel stieg.

Der Gedenktag soll uns erfreuen unb erbauen, aber nicht in eine übermütige Hurrastimmung versetzen. Man muß auch bebenken, was hinterher noch ge­schehen ist.

Als wir 1870 erfuhren, daß ber Kaiser Napoleon unb seine ganze Armee bei Sedan gefangen worden seien, ba verbreitete sich überall die Ansicht: Jetzt ist bie Sache erledigt, bei Krieg ist zu Enbe unb unsere Solbatcn können halb heimkehren. Auch bei den

Truppen selbst herrschte diese Hoffnung. Was sollte i denn Frankreich nun auch noch machen, nachdem es j seinen Kaiser und die letzte große Feldarmee verloren hatte? (Die andere große Armee saß bekannflich in b« Mausefalle von Metz eingeschloffen.) Es kam aber anberS. In Frankreich tat sich Gambetta als „Regie­mng ber nationalen 'Berteibigung* auf unb wußte mit überraschenber Schnelligkeit neue Heere ins Felb zu stellen. Unsere Truppen hatten noch lange und schwere Kämpfe zu bestehen, bie viel Blut forberten. Dabei zog sich bie Belagerung von Paris bis in ben Januar des nächsten Jahres hin, weil biefer riesigen Hauptstadt mit ihrem Gürtel von statten Forts nur durch Aushungerung beizukommen war. Statt des erhofften Kriegsabschluffes gab es noch eine Fort­setzung des Ringens auf fünf Monate, so daß mft Sedan noch nicht einmal das erste Mertel des Krieges abgelaufen war. Die Moral davon ist: man soll einen errungenen Erfolg dankbar begrüßen, ab« nicht überschätzen. Man darf nicht zu flüh Hering rufen, wie ein Volksspruch von ber Wasserkante sagt. Unb sinb bie Lorbeeren noch so bicht unb glänzend, wer klug ist, legt sich nicht darauf zur Ruhe, sondern bleibt auf dem Posten gegen weitere Gefahren, bis das Un­ternehmen Wittlich voll unb ganz durchgefühit ist.

Die Enttäuschung wegen bet Dauer des Krieges hat uns nun weiter nicht geschadet. Die Soldaten so­wohl wie das Volk daheim fanben sich schnell mit der Notwendigkeit ab, ben Kampf gegen die neuorganijier- ten Feinbe weiterzufuhren. Ja, wir hatten allgemein bas Gefühl, es sei ganz gut, wenn nun mal der Ring- kampf ganz gründlich durchgefiihtt würde. Man ahnte schon, daß darin die beste Gewähr liege für ben an­bau emben Verzicht ber Franzosen auf weitere An­griffe. Unb diese Rechnung Hai sich ja auch als richtig erwiesen. Vierzig Jahre Frieden! Das ist eine ge­waltige Wohltat. Ich glaube nicht, daß 1870 jemand noch weitergehende Hoffnungen zu fassen wagte.

Aber eine sehr schlimme Enttäuschung stand uns wegen des inneren Friedens bevor. Als Napoflon und fein Heer gefangen waren, da betrachteten wir die Einigung Deutschlands als selbstverständlich. Und die Reichsbfldung erfolgte auch bald. Aber kaum war das neue Haus errichtet und eingeweiht, da brach ber traurigste Familienzwist aus bl der Form des Kulturkampfes. Wir wollen die eiten Bunden heute

i nicht aufteißen. Wir wollen auch nicht daran er« I innern, daß sogar die Sedanfeiern in den nachfolgen­den Jahren zu der bösartigsten Hetze mißbraucht wur­den, indem die Redner und die Zeitungen dem pro« testantischen Volke zuriefen: „Damals sind bie Fran­zosen geschlagen worben, jetzt müssen bie Ultramon­tan en geschlagen werben, bie noch schlimmere Feinde sind. Also ein Seban ben Schwarzen!" Unb so wei­ter in bem Stile, ben später ber Evangelische Bund weiter entwickelt Hai. In ben Sebanreben ist man jetzt meistens manierlicher; boch im stillen Wirkt ber Kulturkampfgeifi werter, unb wir müssen zur Vettel - bigung tmferer heiligsten Güter jetzt erst recht auf dem Posten sein. Dabei wollen wir uns die Freude an ben früheren Siegen unb ber gegenwärtigen Kraft des Vaterlandes freilich nicht trüben lassen. Einen Licht­blick eröffnen bie neuesten Kaiserreden, Welche die Sammlimg aller guten deutschen Volkskräfte auf christ­lichem Boden empfehlen.

.Immer unverzagt vorwärts streben — wenn auch der Vormarsch zum guten Ziele nur langsam unb mühselig, gleichsam nach Art der Echternacher Spring- prozeffion sich vollzicht. Wir haben in den vi«zig Jahren manche Erfolge errungen, aber hinter jedem Erfolge lauem neue Aufgaben, hinter jedem Siege bereiten sich neue Kämpfe vor. Der Tag von Sedan war ein ganz ungewöhnlich glänzender und allem An­schein nach durchschlagender Effolg. Die flanzösische Armes erlitt nicht bloß eine Niederlage, sondern sie wurde vollständig eingeschloffen, so daß sie weder rück- wättS noch vorwärts konnte unb an keiner Stelle einen Durchschlief fenb. Ein solches Kunstwett Moltke's ist feitbem nicht wieder nachgemacht worben; auch in bem jüngsten russisch-japanischen Kriege gelang so ein voller unb ganzer Triumph nicht. Wenn nun sogar ein derartiger beispielloser Sieg noch nicht genügt, um den Krieg zum Ende zu bringen, so darf man von den einzelnen politischen Erfolgen erst recht keine ab­schließenden SBunbetbinge erwarten. Das Ringen er­fordert immer neue Anstrengungen. Die zähe Aus­bau« gibt allein die Gewähr des Heiles. Die Er- innmtng an Sedan soll uns von der Notwendigkeit übciyugen, fort und fort wachsam und schlagfertig zu bleiben, und bie Erbauung von Augsburg soll uni ben Mut beleben, tm Kultuttampf auszuharren.